Kehrtwende

Schon lange machte ich mir Sorgen um Kathrin. Meine langjährige allerbeste Freundin aus Kindheitstagen hatte sich stark verändert, seit sie mit Johannes von M. verheiratet war. Der Geschäftsmann hatte anscheinend einen so großen Einfluss auf Kathrin, dass sie sich immer mehr ihrer Familie und mir entzog.


»Ich habe keine Zeit, wir müssen auf eine Party«, hörte ich mir oft an, wenn ich sie zu mir einlud. Irgendwann hörte ich auf zu fragen.


Eines Tages erhielt ich mitten in der Nacht einen Anruf. Es war Kathrin: »Hilf mir! Ich habe Angst«, schrie sie gehetzt ins Handy.


»Kathrin, bist du´s?«, antwortete ich ungläubig und noch verschlafen.


»Ines! Ich brauche dich! Schnell!«


Noch immer war ich zu müde, um wirklich zu erfassen, was mir meine Freundin erzählte. Deshalb fragte ich sie nach dem Grund.


Abrupt beendete sie das Gespräch. Erst jetzt erkannte ich, dass es ein Hilferuf gewesen sein musste.


Ich überlegte. Hatte ich noch ihre Telefonnummer? Wo wohnte sie überhaupt? Noch in der schicken Villengegend am Stadtrand? Ich hatte keine Ahnung.


Also versuchte ich im Internet mehr über sie zu erfahren.


Es gab nichts. Gar nichts. Nur über ihren Mann, Johannes von M. Der war in allen möglichen Firmen und Vereinen aktiv. Die Bilder zeigten ihn mal im Anzug in einem Büro, mal im Freizeitlook auf dem Golfplatz, als Mitglied des örtlichen Fußballvereins und als Mitglied eines Kirchenchors.


Mir ließ das Gespräch keine Ruhe. Ich hatte das Gefühl, dass mich Kathrin wirklich brauchte. Vielleicht, weil sie sonst niemanden mehr auf der Welt hatte?