Väter in der Bibel
20 Porträts für unsere Zeit
Impressum
Titel der Originalausgabe: Väter in der Bibel
20 Porträts für unsere Zeit
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Bibelzitate und Schreibweisen biblischer Eigennamen folgen der Lutherbibel, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung
© 1999 Deutsche Bibelanstalt Stuttgart
Redaktionelle Mitarbeit: Sonja Poppe
Umschlaggestaltung: Verlag Herder
Umschlagmotiv: © Viktor Kuryan – Fotolia
E-Book-Konvertierung: Integra Software Services Pvt. Ltd, Indien
ISBN (E-Book): 978-3-451-34599-9
ISBN (Buch): 978-3-451-30657-0
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Adam
Vaterschaft jenseits von Eden
Noah
Der Retter erliegt dem Alkohol
Abraham
Ein Patriarch übt Patchwork
Isaak
Der Segen des Vaters
Jakob
Geschwisterneid und Vaterliebe
Josef, Sohn des Jakob
Väter und Großväter
Juda und Lot
Familiäre Gewalt
Jeftah
Ist Glaube mehr wert als das Leben?
Saul
Mittel gegen Depressionen
David
Ein Held beweint den toten Sohn
Salomo
Väterliche Weisheit
Tobias
Lieben heißt Loslassen
Hiob
Der leidende Vater
Hosea
Kinder als Zeichen
Zacharias
Die Wonnen später Vaterschaft
Josef aus Nazareth
Ungewisse Vaterschaft
Zebedäus
Wenn die Kinder gläubig werden
Jairus
Hoffnung für die Tochter
Herodes
Ein Stiefvater unter Druck
Vater des verlorenen Sohnes
Sehnsucht nach offenen Armen
Lese-Tipps
Bibelstellenverzeichnis
Personenverzeichnis
Zum Autor
Meinem Vater
Ist die Bibel ein guter Ratgeber für Väter?
Eigentlich nicht. Als Erziehungsmittel empfiehlt die Bibel Schläge. Und die meisten biblischen Väter lebten in Beziehungen, die wir heute als moralisch verwerflich betrachten würden, hatten mehrere Frauen und dachten weder an Treue noch an Ehe. Nein, zum Vorbild taugen nur wenige der biblischen Väter.
Warum also sollte ein Buch über die Väter in der Bibel lesenswert, ja sogar wichtig für heutige Väter sein? Einen äußeren Grund gibt es: Das Buch Margot Käßmanns über die „Mütter der Bibel“ verlangte nach einem männlichen Pendant. Viele Frauen wie Männer fragten die Autorin, ob sie nicht auch ein Buch über die Väter der Bibel schreiben wolle. Sie lehnte ab mit einem konsequenten Argument: Das könne nur ein Mann schreiben. Gerne will ich diese Herausforderung annehmen
Der andere Grund: Über mehrere tausend Jahre Abstand hinweg und trotz der völlig anderen Lebensumstände zur damaligen Zeit spiegeln die Gestalten der Bibel zeitlose Befindlichkeiten. Viele der Ängste und Nöte, Sehnsüchte und Träume, die die Väter der Bibel hatten, teilen sie mit den Vätern von heute. Auch die biblischen Väter fragten sich: „Wie kann ich in meiner Vaterrolle Gottes Ansprüchen genügen?“ Wer nicht in religiöser Tradition aufgewachsen ist, wird diese Frage heute vielleicht anders formulieren, weniger spirituell, aber nicht minder tiefsinnig: „Wie kann ich ein erfülltes Vater-Leben führen? Wie werde ich meinen eigenen Ansprüchen und den Erwartungen meiner Kinder gerecht? Wo finde ich inmitten einer oft bedrohlichen Umwelt Seelenfrieden?“
Geht man dieser Frage nach, findet man in den Lebensgeschichten der biblischen Väter verblüffend lebensnahe Schilderungen von allem, was das Vatersein auch heute noch ausmacht. Da geht es um den Umgang mit Macht und Schuld, Gewalt und Gefühl. Um die Erfahrung gelingenden Lebens und des Scheiterns. Da geht es um Kinder, die die Abwesenheit ihrer Väter ertragen müssen, und um Väter, die das Erwachsenwerden ihrer Söhne und Töchter nicht wahrhaben wollen. Das Maß körperlicher Züchtigung in der Erziehung ist ein Thema, ebenso Inzest. Da gibt es tragische Niederlagen sich selbst überfordernder Väter, und da gibt es Väter, deren Weisheit so groß und zeitlos scheint, dass der „garstige Graben“ zwischen damals und heute wie zugeschüttet wirkt. Die biblischen Väter wollten beschützen und trösten, stark und fromm, gute Liebhaber und wilde Helden sein. Manche reiten wie Lonely Cowboys durch den Wüstensand, andere hocken depressiv und voll nagender Selbstzweifel in ihrem Zelt oder Palast.
Die wirklich Heldenhaften unter ihnen können sich auch ihre eigene Schwachheit eingestehen und zum „Vater im Himmel“ beten. „Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist“, sagte Jesus (Matthäus 23,9). Ein seltsamer Satz, der die irdische Vaterschaft quasi außer Kraft setzt und das Thema Glauben in den Mittelpunkt rückt.
In dem Ausspruch Jesu spiegelt sich aber auch das patriarchale Gottesbild der biblischen Zeit: „Vater“ ist nur eine Bezeichnung für Gott. Viel ist darüber diskutiert worden, ob sie die stärkste ist und wie die mütterlichen Eigenschaften Gottes in Glauben, Gebet und Gottesdienst mehr zur Geltung kommen können. Mit diesen sinnvollen Anfragen im Hinterkopf lohnt es umso mehr, die väterlichen Eigenschaften Gottes zu betrachten.
„Nicht du liest die Bibel, sondern die Bibel liest dich!“ Diese Erfahrung der Theologin Dorothee Sölle teile ich. Wer sich – als Vater oder Kind – in die Bibel vertieft, der wird nicht nur mit den Geschichten anderer Menschen konfrontiert, sondern vor allem mit der eigenen.
Vaterfreuden und Kindergeschrei im Paradies? Irgendwie passt das nicht zusammen. Die Stille des Gartens Eden wurde höchstens durch die Stimmen der Tiere durchbrochen: ein Klangteppich aus Grillengezirpe, hier und da Schlangenzischeln und Löwengähnen. Aber kein Kind. Nirgends. Denn Adam und Eva waren kinderlos. Geschaffen zwar „als Mann und Frau“. Aber dem Auftrag, der mit ihrer Erschaffung verbunden war – „seid fruchtbar und mehret euch!“ –, dem kamen sie nicht nach. Obwohl Gott genau das im Sinn hatte: Wie die Tiere sollten auch die Menschen sich vermehren. Gott dachte nicht zeitlos, sondern in Generationen. Die Weitergabe des Lebens werde quasi automatisch geschehen, kündigte Gott an: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch“ (1. Mose 2,24).
Adam und Eva allerdings haben sich genau damit viel Zeit gelassen. Nackt lebten sie im Garten Eden „und schämten sich nicht“. Doch reizten die beiden zunächst eher die von Gott verbotenen Früchte als das andere Geschlecht. Weder Zeugung noch Geburt geschahen im Garten Eden.
Der Fortgang der Geschichte ist allseits bekannt und hat sich in das Weltkulturgedächtnis eingeprägt (1. Mose 3). Von der Schlange in Versuchung geführt, kostete Eva eine verbotene Frucht und reichte sie Adam. Auch er griff zu und probierte. Sofort wurden die beiden „gewahr, dass sie nackt waren“, und sie „flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze“. Gottes Strafe folgte auf den Fuß: Um weiteres eigenmächtiges Handeln der beiden zu verhindern, warf er sie aus dem Garten Eden hinaus. Rückkehr ausgeschlossen. Streng bewachen Engel das Tor.
Die Strafe für den sogenannten „Sündenfall“ ist ein Leben jenseits des Paradieses. Es eröffnet neue und für Adam wie Eva ungeahnte Perspektiven, Chancen und Erfahrungen. Eltern zu sein war bis dahin nur eine theoretische Möglichkeit. Nun wird sie Realität. Das Verlangen der Frau nach dem Mann werde wachsen, hatte Gott angekündigt. Das ist schwerlich anders zu interpretieren denn als deutliche Aufforderung, nun doch endlich mal den Fruchtbarkeitsauftrag ernst zu nehmen. Und für Adam war es ein Hinweis darauf, dass er demnächst Vater wird. Was mag er gedacht haben angesichts der mühevollen Geburt, die Gott Eva angekündigt hatte? Konnte er sich überhaupt vorstellen, was diese neue Lebensrolle für ihn bedeuten wird: Kindern ein Vater zu sein und „mit Mühsal“ arbeiten zu müssen, um die Familie zu ernähren?
Es kommt, wie Gott es vorhergesagt hat. Kaum ist das Paar aus dem Paradies vertrieben, kaum haben die beiden die erste Erfahrung der Scham gemacht – da erwacht die Lust. „Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger“ (1. Mose 4,1). Adam wird Vater. Kain („Schmied“) ist der erstgeborene Mensch der Welt, gleichzeitig der erste Sohn. Das schamvolle junge Elternpaar „erkennt“ sich abermals, Adam wird zum zweiten Mal Vater. Wieder ein Sohn, Abel („Hauch“) ist sein Name.
„Vater werden ist nicht schwer – Vater sein dagegen sehr.“ Der Volksmund ist hier lebensklüger als die erste Vatergeschichte der Bibel. Nichts berichtet die biblische Urgeschichte darüber, wie Adam seine Vaterschaft wahrnahm. Als erstem Vater der Welt fehlte ihm jedes Vorbild. Was aber macht ein Vater mit seiner gebärenden Frau und dem Neugeborenen in Zeiten ohne Hebammen und Geburtsvorbereitungskurse? Wie geht er später mit dem Kind um? Wie verhielt sich Adam gegenüber Eva, der Mutter, seiner Frau? Wie gewichtete er seine Arbeit auf dem Acker und seine Berufung als Vater?
Stopp. Die Paradiesgeschichte sei doch keine historische Erzählung, sagen viele. Die Geschichte der Entstehung der Welt und der Erschaffung der Menschen sei doch nicht mehr – und nicht weniger! – als ein Versuch, das Leben zu erklären. Die Menschen in frühen Zeiten haben das Leben als mühsam empfunden. Sie mussten sich mit Ungerechtigkeit und Gewalt, mit Neid und Mord, mit Leben und Tod, Gut und Böse auseinandersetzen. Fragen tauchten auf: Wie ist alles entstanden, wer hat es erschaffen? Weshalb ist da diese Spannung zwischen Männern und Frauen? Warum tun sich Menschen, sogar Geschwister, Gewalt an? Und wenn Gott es gut meinte mit den Menschen – wieso verhalten sie sich dann manchmal so unvernünftig, warum verstoßen sie gegen die Gebote Gottes, ihres Schöpfers?
Bibelforscher sind zu dem Schluss gekommen: Die Schöpfungsgeschichte ist ein nachträglicher Versuch, diese Lebenswirklichkeit zu erklären, ihr ein unhinterfragbares religiöses Fundament zu geben. Wer sie genau liest, erkennt sogar zwei unterschiedliche Weltentstehungsvarianten. Sie geben zwei Erklärungen, warum Mann und Frau, und damit auch Mutter und Vater, aufeinander bezogen sind.
Der älteren Erzählung zufolge (1. Mose 2,4b–25) erschuf Gott zunächst Adam, den Mann. Nach einiger Zeit sagte Gott sich: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei“ (1. Mose 2,18). In nächtlicher Kreativität formte Gott aus einer Rippe Adams Eva, sein Weib. „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“, freute sich Adam, nachdem er aus dem Schlaf erwacht war. Dieser Schöpfungsgeschichte zufolge ist der Mann der Ersterschaffene, die Frau die Zweite. Eine Reihenfolge mit verheerender Wirkungsgeschichte. Auf sie berufen sich bis heute all jene Patriarchen, die die Männer als Krone der Schöpfung und als Herr über die Frau betracht(et)en. Diejenigen, die eine Begründung dafür suchen, dass sich die Frau dem Mann unterzuordnen habe: als Gehilfin, als Gespielin, als Magd. Ein gleichberechtigtes Miteinander von Mann und Frau ist so nicht möglich. Im Namen des unverheirateten und kinderlosen Apostels Paulus wurde diesem Konstrukt gar theologische Würde verliehen (1. Timotheus 2,11-15): „Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre … sondern sie sei still.“ Die Begründung: „Denn Adam wurde zuerst gemacht, dann Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen.“ Deshalb sei die Frau hauptsächlich für eines geschaffen: „Sie wird aber selig werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt.“
Männer, die sich und ihre Beziehung zur Frau so verstehen, übertragen dies oft auch auf ihr Vatersein. Sie fühlen sich dann als Familienoberhaupt, das die letzte Entscheidungsmacht für sich beansprucht. Frauen sind für sie Gehilfinnen, um den Vermehrungsauftrag erfüllen zu können. Die Frau soll sich um „die Brut“ kümmern, wie manche Männer despektierlich ihre Kinder nennen. Dieser Rollenverteilung nach sind Frauen für „Kinder, Küche, Kirche“ zuständig. Drei Begriffe, die in dieser Macho-Terminologie einen minderwertigen Beigeschmack bekommen. Ein ganzer Kosmos männlicher Selbstherrlichkeit spiegelt sich darin. Als ob Kindererziehung nur eine Pflegetätigkeit wäre. Als ob das Kochen und Versorgen lediglich eine hauswirtschaftliche Arbeit wäre. Gerade im letzten der drei „K“s zeigt sich die unselige Selbstüberheblichkeit patriarchalen Denkens: Als ob der Glaube, als ob Spiritualität nur Sache von Frauen wäre! In Deutschland haben sich Väter mit solchen Ansichten lange selbst ins Abseits gekickt und sich wesentlicher Lebenserfahrungen beraubt. Sie haben ihre Kinder nicht gewickelt und getröstet; sie haben sie nicht gefüttert und versorgt; sie haben sich nicht mit ihnen gemeinsam der Frage nach Gott ausgesetzt, haben weder Glaube noch Zweifel geteilt. Vaterschaft bedeutete für sie Abstand und Autorität. Unzählige Kinder leiden unter der Sprachlosigkeit, die diese Art von Vaterschaft mit sich bringt. Aber nicht nur die Kinder: Auch die Väter selbst leiden unter ihrer eigenen Härte. Denn sie verhindert ein beidseitiges Kennenlernen. Und sie macht Seelennähe unmöglich.
Ganz andere Perspektiven ergeben sich aus der anderen biblischen Erzählung von der Erschaffung der Menschen (1. Mose 1,1 – 2,4a). Ihr zufolge schuf Gott „den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). Mann und Frau zusammen – und nur zusammen! – sind ein Abbild Gottes. Hier ist nichts von Vor- und Unterordnung zu spüren, auch nichts von „Macher“ und „Gehilfin“. Ebenso fehlt die menschelnde Vorstellung, Gott habe quasi aus Langeweile Menschen geformt. Diese Schöpfungsgeschichte erlaubt andere und fantasievollere Deutungen. Vielleicht wollte Gott sich selbst in die Schöpfung begeben, von der er sah, „dass sie gut war“? Vielleicht hat er deshalb ein Abbild seiner selbst erschaffen? Und womöglich ist es ein Akt großer Weisheit, dass er sich in zwei unterschiedlichen Geschlechtern verkörpert, als Mann und als Frau? Die Gottesbilder der Bibel tragen beides in sich: Mal wird Gott als „Vater“ bezeichnet; mal tröstet er wie eine Mutter. Ein Gottesbild, das Gott nur als alten Mann mit weißem Bart darstellt, ist demnach viel zu einseitig und biblisch nicht herzuleiten. Gott ist nicht „der“ und nicht „die“ – sondern nur beides zusammen. Oder, anders und vielleicht der menschlichen Vorstellung angemessener: Gott ist mal Mann, mal Frau, hat mal männliche, mal weibliche Eigenschaften, ist Kämpfer und Trösterin, Trutz und Schutz, bietet die starke Schulter und den warmen Schoß. Gott ist Beziehungsgeschehen, Gott ist in Bewegung.
Männer, die ihren Glauben an dieser Schöpfungsgeschichte orientieren, sind vor Überheblichkeit Frauen gegenüber womöglich gefeit. Wenn sie Väter sind, bemühen sie sich darum, die Elternschaft gemeinsam und gleichberechtigt mit der Mutter auszuüben. Denn sie wissen: Gottes Ansinnen ist es, dass Mutter und Vater gemeinsam ihre Kinder großziehen und prägen, je nach den eigenen Fähigkeiten und Eigenheiten. Die Polarität zwischen ihren Eltern tut Kindern gut, denn sie nimmt sie hinein in ein schöpferisches Beziehungsgeschehen. Ja, es gibt Rituale und Formen – aber keine starren Konventionen und Festlegungen. Kommunikation ersetzt Anweisungen. Familien, die sich an diesem Modell ausrichten, versuchen, respektvoll miteinander umzugehen. Gelingt es, dann ehren die Kinder ihre Eltern nicht, weil es in den Zehn Geboten so gefordert wird, sondern weil es ihnen ein natürliches Bedürfnis ist. Dann betrachten Eltern ihre Kinder nicht als Wesen, die Zucht und Ordnung zu lernen haben, sondern als eigenständige Menschen mit eigenen Talenten und Bedürfnissen.
Welchem Modell Adam während seiner Vaterzeit anhing, lässt die biblische Urgeschichte im Dunkeln. Ebenso bleibt es im Bereich der Spekulation, wie Adam sich seinen Söhnen gegenüber verhalten hat. In jedem Fall hatte er einiges zu ertragen. Zu Beginn der ersten Familiengeschichte der Menschheit wird Adam zum Erzeuger degradiert. Er zeugt zwei Kinder, die Eva gebiert. Kein Wort darüber, wie Adam seinen Kindern begegnet. Keine Silbe darüber, wie er mit dem Mord Kains an Abel umgeht. Gefühle bleiben außen vor: Hat er Kain gehasst für die Tat? Wie hat er um Abel getrauert? Haben sich Adam und Eva gegenseitig getröstet? Wie?
Der biblische Bericht überlässt die Erziehungsaufgabe an Kain seinem Schöpfer. Gott redet Kain ins Gewissen, Gott verhängt eine Strafe und macht dem Brudermörder die Konsequenzen seines Tuns bewusst. Eine besteht darin, dass Kain ins Land Nod zieht, also Vater und Mutter verlässt.
Adam und Eva sind wieder kinderlos. Einen Sohn mussten sie zu Grabe tragen, den anderen hat es in die Ferne verschlagen. Was sie tun, wirkt fast wie eine verzweifelte Suche nach Ersatz: Wieder „erkennt“ Adam „seine Frau“, der dritte Sohn wird geboren. Eva – nicht Adam! – bestimmt seinen Namen: Set.
Außer Zeugung nichts gewesen mit Vater Adam? Fest steht: Die Geschichte vom Paradies und vom Sündenfall wurde nicht überliefert, um etwas von Adams Vaterschaft zu erzählen. Ihr geht es um das grundlegende Verhältnis von Mann und Frau und um die Erfahrung, dass Kinder ihre Eltern verlassen. Werden Frauen in der Neuzeit hin und wieder als „Gebärmaschinen“ bezeichnet, so entsteht am Beginn der Bibel vom Mann der Eindruck, er sei eine reine Zeugungsmaschine gewesen, der ansonsten im Schweiße seines Angesichts dem Ackerboden Nahrung abgerungen hat und über seine Frau „herrschte“.
Dennoch sind die ersten Kapitel der Bibel auch für das Verständnis von Vaterschaft ergiebig, und zwar in zweierlei Hinsicht.
Zum einen: Gott erteilte Adam eine Lektion in Sachen männliches Selbstbewusstsein. „Wo bist du?“, rief Gott durch den Garten Eden, nachdem Adam von der verbotenen Frucht gegessen hatte. „Ich bin nackt, darum verstecke ich mich“, antwortete der Ertappte. Die Schuld schiebt Adam auf Eva – und letztlich auf Gott: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“ Adam weist jede Verantwortung von sich. Das ist der Beginn eines Schuldverschiebe-Rituals, das bis heute besonders unter Männern greift (1. Mose 3,8-13) Doch die Bibel führt mit dieser Geschichte nicht nur Adam vor. Sachlich beschreibt sie, wie Männer sich ihrer eigenen Wahrheit verweigern. Die bildliche Vorstellung ist fast erbärmlich und wurde von vielen Malern auf Leinwand gebannt: Der äußerlich kerlige Adam macht die Memme. Er steht nicht zu dem, was er getan hat. Er verfällt der Versuchung, jemand anderen verantwortlich für das eigene Fehlverhalten zu machen. Er macht die Frau zum Sündenbock für die eigene Fehlbarkeit. Vielleicht enthält diese Geschichte keine Anklage, sondern eine Botschaft für die Männer und damit auch Väter der Welt: „Es nützt nichts, wenn ihr euch versteckt. Es bringt nichts, wenn ihr Verantwortung von euch wegschiebt. Ihr seid stark erschaffen – also benehmt euch nicht wie Kinder, sondern steht zu eurem Versagen wie zu eurem Gelingen!“
Die zweite Botschaft der Geschichte lautet: Es gibt kein Zurück. Die Paradiestore bleiben für immer verschlossen. Vaterschaft gibt es nur außerhalb des Paradieses. Dessen Tore sind schwer bewacht von „Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert“ (1. Mose 3,24). Vatersein ist kein paradiesischer Zustand – so sehr dies immer wieder behauptet wird. In manchen Elternzeitschriften etwa und in Büchern. Da sind lieb lächelnde, dabei sehr männlich aussehende Väter zu sehen, die völlig losgelöst von ihren Alltagssorgen oder ihrem Beruf mit den Kindern raufen, kuscheln oder frühstücken. Energiegeladene Mittdreißiger mit prächtigem Teint und gut gekleidet, gekämmt und rasiert. Attraktive Männer mit Babys auf dem Arm, die scheinbar nie das berüchtigte und fleckenbringende Bäuerchen machen, sondern ihre Väter versonnen anhimmeln. Ach, wär’ es doch so, wünscht sich mancher Vater in der realen Welt. Ach, gäbe es doch so ein Vaterparadies: Wo Kinder nicht quengeln und zahnen, außerdem durchschlafen und nie krank werden. Wo es im Beruf dermaßen relaxed zugeht, dass zum Feierabend noch alle Energie für die Kinder übrig ist. Wo Kinder weder Trotzphasen noch Pubertätskrisen durchleben, sondern stets mit bester Laune und großer Offenheit ihren Vätern begegnen. Das gesamte Genre der Elternratgeber und Väterbücher lebt von der Sehnsucht nach dem Vaterparadies – und suggeriert, den Weg dorthin zu kennen. Da werden Superväter vorgestellt, die sich nicht nur um ihre Kinder, sondern auch noch um ihre Frauen reizend, aber mit dem nötigen maskulinen Touch kümmern. Männer ohne Ringe unter den Augen oder um die Hüfte, versteht sich. Auf manchem Foto wirkt es gar, als würden sie ihre Nachkommen lässig als Stemmgewichte nutzen. Das Kinderzimmer als Fitness-Raum, prächtig praktisch. Werbung für Margarine, Kaffee und Versicherungen karikiert dieses irdische Väterparadies vollends. So, dass es zu schön scheint, um wahr zu sein, und sich auch die romantischsten Zuschauer bange eingestehen: So viel Harmonie tut weh.
Und plötzlich erhält die biblische Urgeschichte einen ganz lebenspraktischen Sinn: Es gibt kein solches Zurück ins Paradies. Das Tor steht nicht offen, sondern ist geschlossen, für alle Zeit. Väter können nur in der Wirklichkeit ihren Mann stehen. Dazu gehören Glücksgefühle und Mühsal, erfüllte Tage und durchwachte Nächte, Lebenskraft und Erschöpfung, Lust und Genervtsein, Streit und Versöhnung. Die ganze Gefühlspalette eben, die das Leben lebenswert macht. Wer dieses unberechenbare Auf und Ab von leichten und schweren Zeiten zu schätzen lernt, lernt auch die Wirklichkeit zu schätzen. Für ihn verliert das Paradies an Reiz. Der Garten Eden wird zum Ort ewiger Langeweile. Ein Blick in die Kulturgeschichte des Paradieses illustriert das: Mittelalterliche Theologen errechneten für den Garten Eden eine stets gleichbleibende angenehme Temperatur von 22,7 Grad. Kein Schwitzen und keine Gänsehaut, kein Aufwärmen und kein Abkühlen, kein heiß und kalt. Nur lau.
Vielleicht verbindet dies den Traum von einem Väterparadies mit anderen Sehnsuchtsorten: Sollte man sie tatsächlich erreichen, will man sofort wieder weg, zurück in die Wirklichkeit. In der lässt es sich nicht ewig, aber ganz schön lange leben: Adam brachte es auf 930 Jahre. Und bekam mit seiner Frau Eva noch viele weitere Söhne und Töchter, wie der biblische Stammbaum berichtet. Ein Zeichen dafür, dass er mit seiner Rolle als Vater ganz zufrieden war?
Noah? Klar, da geht’s um die Arche und um die Sintflut. Um einen zornigen Gott und um die wenigen Lebewesen, die überleben dürfen. Die gesamte Menschheit stammt demnach von Noah ab. Er ist der eigentliche Stammvater der Menschheit (1. Mose 7,1 – 9,28).
Die Geschichte von Noah lässt sich aber auch ganz anders lesen: als nahezu archetypische Schilderung eines einsamen Mannes. Noah und das Schweigen der Männer könnte sie überschrieben sein. Was er wann und was er nicht sagt, wird in der Betrachtung seiner Geschichte meist nicht berücksichtigt.
Als frommen, untadeligen Mann stellt die Bibel ihn vor: „Er wandelte mit Gott.“ Sein Vater Lamech sprach bei der Geburt Noahs: „Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf dem Acker, den der Herr verflucht hat.“ Im stolzen Alter von 500 Jahren zeugte Noah drei Söhne: Sem, Ham und Jafet. Der Name seiner Frau wird nicht erwähnt – gibt es einen deutlicheren Hinweis darauf, dass die Bibel in einer patriarchalen Gesellschaft verfasst wurde?
Die eigentliche Geschichte Noahs beginnt mit einer Einsicht Gottes: „Die Erde war verderbt und voller Frevel“, erkannte er und fasste einen schweren Entschluss: Alles Leben wollte er vernichten. Nein, nicht ganz: Jede Tierart sollte paarweise überleben, ebenso die Menschen in Gestalt der Familie Noahs. Der wird aufgefordert, ein Schiff – die Arche – zu bauen. Auf ihm sollen die Lebewesen die bevorstehende vernichtende Sintflut überstehen.
Noahs erstes Schweigen: Gott hatte Noah offensichtlich zu seinem engsten Vertrauten unter den Menschen erkoren. Nur ihm hatte er seinen weitreichenden Vernichtungsplan offenbart (1. Mose 7,9–22).
Doch auffallend ist: Noah zeigt nicht die geringste Regung. Er versucht nicht, Gott davon zu überzeugen, dass die Menschheit vielleicht doch nicht ganz so schlecht sein könnte. Oder davon, dass es auch andere, nicht ganz so weitreichende Maßnahmen geben könnte. Bedeutet Frommsein etwa, keinen Einspruch zu erheben und mit Gott nicht zu hadern und zu rechten? Ist Noah so gefühllos, dass ihm der Tod der Menschheit egal ist? Oder ist er ein ganz und gar eigennütziger Vater, der sich nur freut, dass seine Söhne und seine Frau gerettet werden?