Marias Herz gehört Angelo, dem jungen Jockey aus dem Nachbarviertel ihrer Heimatstadt Siena. Doch der Palio, eins der ältesten und härtesten Pferderennen der Welt, schlägt keine Brücken – er macht sogar aus Liebenden erbitterte Gegner.
Vor vielen Jahren hat sich schon einmal eine junge Frau vergeblich dagegen gewehrt. Und jetzt stellen die Schatten der Vergangenheit auch Marias und Angelos Liebe auf eine harte Probe ...
© Axel Schulten
Astrid Frank, 1966 in Düsseldorf geboren, studierte Biologie, Germanistik und Pädagogik. Bereits während ihres Studiums arbeitete sie als Rezensentin und als Lektorin für mehrere deutsche Verlage und machte außerdem eine Ausbildung zur »Zoobegleiterin des Kölner Zoos«. Nach dem Studium arbeitete sie ein halbes Jahr in einer Buchhandlung und als freie Lektorin und Übersetzerin. Seit 1998 schreibt sie Romane für Kinder und Jugendliche. Astrid Frank lebt mit ihrer Familie in Köln.
www.astridfrank.de
Die Seele kann nicht leben ohne Liebe,
sie muss etwas lieben,
sie ist aus Liebe geschaffen.
Hl. Katharina von Siena
1347–1380
Kommt, liebe Kinder, und lauft diesen Palio.
Und lauft ihn so, dass nur einer ihn besitzen kann.
Hl. Katharina von Siena
1347–1380
Prolog
Samstag, 14. Juli, einen Monat und zwei Tage vor dem Palio
Angelo blieb unerwartet stehen, griff nach Marias Hand und zog sie an sich. »Manchmal kann ich mein Glück immer noch nicht fassen«, sagte er leise, fast ein wenig ehrfurchtsvoll.
Ob die Ehrfurcht mit seinem unfassbaren Glücksgefühl zusammenhing oder mit der Umgebung, konnte Maria nicht erkennen. Sie entschied sich aber für das Glück. Denn so war es ihr bedeutend lieber. Obwohl die Umgebung – das Haus ihrer Familie –, wie sie wusste, durchaus einen ähnlichen Effekt haben konnte.
Ehrfurcht war wohl das, was die meisten Menschen angesichts des Palazzo Morelli empfanden. Das prunkvolle Gebäude aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert hinterließ mit seinen zahlreichen Zimmern und den langen, dunklen Fluren bei jedem den Eindruck jahrhundertealter Macht und Reichtum.
»Ich bin der glücklichste Mann der Welt, seit ich mit dir zusammen bin«, fuhr Angelo mit seiner Schwärmerei fort.
Maria lächelte und schmiegte sich zärtlich an ihn. Für andere Frauen wäre der Jockey mit seiner Körpergröße von knapp einem Meter siebzig und einem Gewicht von nur zweiundfünfzig Kilo vermutlich nicht gerade der Inbegriff eines stattlichen Mannes gewesen, der Sicherheit und Geborgenheit vermitteln konnte. Doch die zierliche Maria fühlte sich durchaus wohl und beschützt, als Angelo sie jetzt umarmte und innig küsste. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und erwiderte seinen Kuss voller Hingabe. Ihr war, als würde sich ihr ganzer Körper wie von selbst Angelo entgegenstrecken und sie konnte das Blut in ihren Adern pulsieren hören.
Als sie sich nach endlosen Minuten voneinander lösten, lachte Angelo laut auf. »Dass ausgerechnet ein Adler mir so den Kopf verdrehen muss. Und dann auch noch die Tochter des capitano* …«
(* Die kursiv gesetzten Begriffe werden im Glossar erklärt.)
»Dass ausgerechnet ein Drache mir so den Kopf verdrehen muss. Und dann auch noch ein Jockey«, konterte Maria.
Und damit war wohl genau das auf den Punkt gebracht, was das einzige Handicap ihrer ansonsten so wunderbaren Beziehung darstellte: Maria Morelli gehörte zur contrada dell’ aquila, zum Stadtviertel des Adlers, und Angelo Barucci war in der contrada del drago, dem Stadtviertel des Drachen, geboren. Damit war eine Heirat von vornherein ausgeschlossen. Eigentlich. Doch zum Glück lebten sie ja nicht mehr im 19. Jahrhundert. Und deswegen stand der Termin für ihre Hochzeit in neun Monaten auch schon fest.
»Okay, unentschieden«, sagte Angelo grinsend und zog Maria mit sich fort, ohne ihre Hand loszulassen.
Der Tag neigte sich bereits seinem Ende zu und durch die kleinen Fenster fiel nur noch wenig Sonnenlicht. Die dunkle Holzvertäfelung an den Wänden des langen Flurs, der zu Marias Zimmer im ersten Stock des Palazzo führte, verschluckte den letzten Rest Tageslicht und sorgte für eine diffuse Stimmung, der die etwa dreißig großformatigen Ölgemälde in schweren goldenen Rahmen auch nichts entgegensetzen konnten.
Es war nun wahrlich nicht das erste Mal, dass sie Hand in Hand hier entlanggingen, aber zum ersten Mal fiel Angelo eins der Porträts in Marias Ahnengalerie besonders auf. Es war das Bildnis einer wunderschönen jungen Frau. Der intensive, leicht melancholische Blick aus den gemalten braunen Augen zog ihn plötzlich in seinen Bann. Vielleicht lag es an dem warmen Licht, das genau in diesem Moment von dem gegenüberliegenden Fenster auf das Porträt fiel und ihm eine gewisse Lebendigkeit verlieh. Vielleicht auch an etwas ganz anderem. Auf jeden Fall blieb Angelo stehen und betrachtete das Antlitz der jungen Frau, das ihm auf merkwürdige Weise vertraut schien.
»Sonderbar«, sagte er leise.
»Was ist denn sonderbar?«, wollte Maria wissen.
»Hängt dieses Bild schon immer hier?«
Maria lachte leise. »Ja, seit …« Sie beugte sich vor und kniff ein wenig die Augen zusammen, um trotz der Dunkelheit die kleine Inschrift auf der glänzenden Messingtafel lesen zu können, die unter dem Porträt angebracht war. »… seit ungefähr hundertdreißig Jahren. Hier steht es, siehst du?« Sie deutete auf das Schild.
Eva Maria Morelli, 1879.
»Wer ist das?«, fragte Angelo, während er sich nun ebenfalls mit zusammengekniffenen Augen vorbeugte, um die Schrift zu entziffern.
»Wieso? Gefällt sie dir?«, fragte Maria kokett.
»Sie sieht dir ähnlich.«
»Und nicht nur das«, sagte Maria. »Sie trug außerdem den gleichen Namen wie ich.«
Angelo richtete sich wieder auf. Er konnte in diesem diffusen Licht ohnehin nicht erkennen, was auf der kleinen Tafel stand. Also ließ er es sich wohl besser von seiner Verlobten erklären. »Sie hieß Maria?«
»Nun, genau genommen hieß sie Eva Maria Morelli. Sie wurde 1858 als einzige Tochter meines Urururundsoweitergroßvaters geboren. Außerdem hatte er noch zwei Söhne.« Maria betrachtete nun selbst das Bild ihrer Vorfahrin. »Das Porträt stammt von 1879. Es muss also kurz vor ihrem Tod gemalt worden sein. Sie wurde nämlich nur zweiundzwanzig Jahre alt.«
»Warum? War sie krank?«
Maria schüttelte den Kopf. »Nein«, antwortete sie, »sie erhängte sich an einem Baum im Garten. Und zwar an dem Tag, der eigentlich ihr schönster werden sollte.«
Angelo runzelte die Stirn. »Das ist aber eine gruselige Geschichte«, meinte er. »Wieso hat sie das getan?«
»Sie liebte einen jungen Mann, sein Name fällt mir gerade nicht ein, aber ihr Vater war gegen die Verbindung, obwohl er ihr, aus welchen Gründen auch immer, zugestimmt hatte. Jedenfalls war der Verlobte Eva Marias auch Jockey. So wie du. Er stammte aus der contrada della pantera und …«
Angelo unterbrach sie: »Ein Panther! Ausgerechnet der Erzfeind des Adlers!«
Maria schüttelte den Kopf. »Nein, damals waren der Panther und der Adler noch Verbündete. Sie wurden erst durch diese Geschichte zu Feinden.«
Angelo nickte verstehend. Er wusste, wie es lief: Manchmal waren es uralte Fehden, an die sich kaum noch jemand erinnerte, die für Feindschaft zwischen den einzelnen Stadtvierteln sorgten.
Maria fuhr fort: »Auf jeden Fall war Eva Marias Vater der capitano des Adlers. Und ihr Verlobter sollte für den Panther den Palio gewinnen.«
»Das ist ja verrückt«, sagte Angelo grinsend. »Das ist ja genau wie bei uns!«
Maria lächelte versonnen. »Ja, du hast recht! Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.« Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie es nicht recht glauben. »Auf jeden Fall hat meiner Familie das natürlich nicht gepasst. Es heißt, mein Urururundsoweitergroßvater habe seinen Schwiegersohn in spe mit unlauteren Methoden um den Sieg gebracht. Das wiederum hat den jungen Mann – und mit ihm natürlich die gesamte contrada della pantera – derart erzürnt, dass er die Verlobung aufkündigte und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Stadt verließ. Eva Maria hat ihn nie wiedergesehen …«
»… und hängte sich aus Trauer auf«, beendete Angelo die Geschichte an Marias Stelle.
Maria nickte. »Ja, am 28. August 1880. Zwölf Tage nach dem Palio. Dem Tag, an dem eigentlich die Hochzeit stattfinden sollte.«
»Verrückt«, sagte Angelo nachdenklich. Dann kam ihm ein weiterer Gedanke. »Wo hängte sie sich denn auf?«, fragte er und war sich gleichzeitig nicht sicher, ob er die Antwort überhaupt hören wollte. »Doch nicht etwa hier in diesem Garten?«
Marias Nicken bestätigte seine Befürchtungen. »Doch, genau hier.« Mit einer Kopfbewegung wies sie auf das kleine Fenster, hinter dem im Dämmerlicht die Wipfel der uralten Bäume im Garten der Familie Morelli vom Wind sanft hin und her bewegt wurden. »Angeblich hat der Baum danach an jedem 28. August eines Jahres all seine Blätter auf einmal verloren.«
»Das hört sich wirklich schauerlich an!«
»Und es wird noch schauerlicher«, sagte Maria mit unheilvoller Stimme. »Denn es heißt, Eva Marias Geist habe fast vierzig Jahre lang, und zwar genau bis zum Todestag ihres Vaters, in diesen Mauern gespukt. Erst danach fand ihre geschundene Seele Ruhe.«
»Uaaaa«, machte Angelo, hob die Hände und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
In diesem Augenblick schwang hinter ihnen das Fenster auf und die leichte weiße Gardine davor wehte im Abendwind wie der Rock einer Tänzerin, die sich in den Armen ihres Liebsten dreht.
Maria und Angelo zuckten zusammen und wandten sich erschreckt um, als erwarteten sie, jeden Moment Eva Marias Geist im weißen Gewand durch das offene Fenster hereinschweben zu sehen. Dann lachten sie, ein wenig verunsichert, und Maria schloss das Fenster wieder.
Vom Adler Schnabel, Kralle und Flügel.
Motto des Adlers (aquila)
1
Sonntag, 15. Juli, einen Monat und einen Tag vor dem Palio
Am nächsten Morgen stand Maria in dem kleinen Badezimmer, das unmittelbar an ihr Schlafzimmer angrenzte, und kämmte sich die Haare.
»Hundert Bürstenstriche am Tag lassen dein Haar glänzen.« Das hatte ihre nonna Giuletta immer zu ihr gesagt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Und wer wollte das nicht? Glänzendes Haar … Ob es nun an den hundert Bürstenstrichen pro Tag lag oder an etwas anderem, Marias schwarzes langes Haar glänzte jedenfalls wie frisch poliertes Ebenholz. Sie hielt ihr Gesicht nah an den Spiegel und betrachtete es eingehend. Eigentlich war sie mit dem, was sie sah, ganz zufrieden. Sie hatte eine reine Haut, große, braune, mandelförmige Augen mit langen, schwarzen Wimpern, einen vollen Mund mit schön geschwungenen roten Lippen und ausgeprägte Wangenknochen. Alles so, wie es sein sollte – wenn da nicht diese Nase gewesen wäre! Sie war nicht wirklich groß (gut, klein war sie auch nicht gerade), aber sie setzte zu weit oben an und war viel zu markant für ihr Gesicht. Maria fand, sie wirke dadurch streng und unweiblich. Natürlich wollte sie auch keine Stupsnase, die in den Himmel aufragte, aber ein kleines bisschen zierlicher hätte ihre Nase schon sein dürfen. Irgendwie passte sie nicht zum Rest. Doch Angelo sagte immer, er liebe ihre Nase, sie stünde ihr ganz hervorragend, denn sie wirke damit so »aristokratisch«.
Angelo sagte oft witzige Dinge. Zumindest fand Maria sie witzig. Auf jeden Fall brachte er sie mit seinen Bemerkungen häufig zum Lachen. Auch jetzt musste sie bei dem Gedanken an den gestrigen Abend unwillkürlich lächeln.
Angelo war so anders, als sie zuerst gedacht hatte. Wenn man ihn nicht kannte, wirkte er cool, unnahbar, fast schon ein wenig arrogant. Obwohl er jedem mit Freundlichkeit begegnete. Aber es war manchmal eine herablassende Freundlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass der »fliegende Engel« (Maria fand diesen Spitznamen ziemlich affig, doch Angelo gefiel er) unantastbar war. Manche nannten ihn auch »den unbestechlichen Drachen«, weil er – entgegen der Mehrzahl seiner Jockey-Kollegen – den Ruf hatte, dass man sich auf sein Wort verlassen konnte. Und dabei war er so sanft, zärtlich, warmherzig und in seiner Sehnsucht nach tiefer, aufrichtiger Liebe wirkte er fast schon ein wenig unsicher.
Maria dachte an den Tag zurück, als sie Angelo zum ersten Mal begegnet war. Ihr Vater hatte sie miteinander bekannt gemacht, während Angelo in der Eingangshalle des Palazzo Morelli wartete, um seine damalige Freundin Antonia von ihrer Arbeitsstelle abzuholen. Bei dem Gedanken daran, dass Angelo vor ihr mit der Haushälterin zusammen gewesen war, durchfuhr Maria immer noch ein kalter Schauer. Andererseits war das jetzt schon so lange her, dass es wohl kaum noch eine Rolle spielte. Immerhin waren Angelo und sie schon seit fast anderthalb Jahren ein Paar und seit drei Monaten sogar verlobt! Und Antonia hatte sich längst mit einem anderen Mann getröstet.
Am Anfang hatte Maria befürchtet, Antonia würde kündigen. Das hätte ihr Vater sicher nicht gutgeheißen, der der neuen Liebesbeziehung seiner Tochter ohnehin mit gemischten Gefühlen gegenüberstand. Aber Antonia hatte nicht gekündigt. Sie war jeden Tag pünktlich zur Arbeit erschienen und hatte sich, falls sie gekränkt gewesen war, zumindest nichts anmerken lassen.
Signore Morelli war hoch erstaunt gewesen, als er dem bekannten Jockey so unerwartet in seinem eigenen Haus begegnete. Angelo war in seiner Heimatstadt Siena eine kleine Berühmtheit, nicht zuletzt deswegen, weil er im letzten Jahr den Palio gewonnen hatte. Und als capitano, der für sein Stadtviertel, den Adler, alle Fäden der Organisation des weltberühmten Pferderennens in den Händen hielt – angefangen von der Geldbeschaffung bis hin zur Auswahl des Jockeys –, kannte Signore Morelli natürlich auch fast jeden Berufsreiter. Er stellte Maria und Angelo einander vor, die sich bis dahin nie persönlich begegnet waren. Doch das sollte sich kurz darauf ändern. Denn nicht nur Marias Herz hatte schneller geschlagen, als sie Angelo die Hand reichte, auch das Herz des jungen Mannes war bei dieser ersten zaghaften Berührung ordentlich aus dem Takt geraten.
Maria hatte sich einige Zeit von Angelo umwerben lassen. Sie kannte den Ruf des »fliegenden Engels«, der nicht nur auf dem Rücken eines Pferdes über die Erde dahinschwebte, sondern dem man auch nachsagte, dass er von einem Frauenherz zum nächsten flog.
Aber schließlich hatte sie seinem Werben nachgegeben und sich mit ihm verabredet. Und danach war alles ganz selbstverständlich geworden und Angelo hatte mit seiner aufrichtigen Art ihr Herz im Sturm erobert. »›Die oder keine‹, habe ich gedacht, als ich dich sah«, verriet er ihr an ihrem ersten gemeinsamen Abend. Sein Verhältnis mit Antonia hatte er zu diesem Zeitpunkt längst beendet.
Maria hatte schnell gespürt, dass er meinte, was er sagte. Angelo sehnte sich ebenso nach wahrer Liebe wie sie. Vielleicht war er deswegen früher so unstet gewesen, weil er der richtigen Frau noch nicht begegnet war. In Maria hatte er sie endlich gefunden, und Maria hatte nie einen Grund gehabt, daran zu zweifeln, dass seine Liebe zu ihr aufrichtig und tief war.
Jetzt erinnerte sie sich daran, wie Angelo und sie sich am gestrigen Abend erschreckt hatten, als plötzlich das Fenster hinter ihnen aufschwang, während sie ihm die traurige Geschichte ihrer Vorfahrin Eva Maria Morelli erzählte. Jemand musste das alte Fenster nachlässig geschlossen haben, sodass ein leichter Windstoß reichte, um es aufzustoßen. Und sie erinnerte sich daran, dass Angelo gesagt hatte, ihre beiden Geschichten würden sich ähneln. Wie recht er doch hatte. Das war ihr bis jetzt gar nicht aufgefallen!
»Aber das Ende wird bei unserer Geschichte ein anderes sein«, sagte sie lächelnd zu ihrem Spiegelbild und legte die Bürste auf die Ablage. Immerhin waren seit damals weit mehr als hundert Jahre vergangen und vieles, wenn auch nicht alles, hatte sich geändert.
Maria wollte gerade nach ihrem Push-up-BH greifen, der über dem Handtuchhalter bereitlag, als die Tür mit Schwung aufgestoßen wurde. Erschrocken wirbelte sie herum – und blickte in Antonias Gesicht, die einen Putzlappen in der Hand hielt und nicht weniger erschrocken aussah als Maria.
»Oh … mi scusi … Signorina Morelli«, stotterte Antonia, sichtlich verlegen. Dabei flackerte ihr Blick unstet zwischen Marias Gesicht und ihren nackten Brüsten hin und her.
Maria versuchte, Haltung zu bewahren und ihre Blöße mit den Armen zu verstecken, während ihr gleichzeitig peinlich bewusst wurde, dass Antonia Angelos Ex-Freundin war und vielleicht ein besonderes Interesse daran hatte, ihre Figur zu begutachten. Gleich fühlte sie sich noch unwohler, zumal sie nur davon träumen konnte (was sie auch oft genug tat), so wundervoll geformte Brüste wie Antonia zu besitzen, die sich unter ihrer eng sitzenden Bluse deutlich abzeichneten.
Um so lieber hätte sie das Hausmädchen jetzt gern so richtig angefahren, was ihr einfiele, an einem Sonntagmorgen einfach so in ihr Badezimmer zu platzen. Sonntags bestand ihre Aufgabe ausschließlich darin, das Mittagessen für Signore Morelli zuzubereiten. Hier oben hatte sie also nichts zu suchen!
Doch dann wurde Maria bewusst, dass sie die Badezimmertür auch einfach hätte abschließen können. Außerdem fiel es ihr nach wie vor schwer, Antonia für irgendetwas zur Rechenschaft zu ziehen, seit sie ihr den Freund ausgespannt hatte.
Früher hatte sie sich oft mit Antonia angelegt, die die Unart besaß, sämtliche Unterlagen auf ihrem Schreibtisch durcheinanderzubringen, indem sie sie zu völlig unübersichtlichen Stapeln »ordnete«. Da lagen dann plötzlich persönliche Briefe zwischen Schulunterlagen und Quittungen zwischen alten Zeitschriftenseiten. Einmal hatte Maria deswegen sogar eine Schularbeit abgegeben, in der ein sehr persönlicher Brief von ihrer Freundin Claudia an sie gesteckt hatte, und ihr Lehrer hatte ihr den Brief mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen zurückgegeben. Manchmal hatte Maria sogar das Gefühl, Antonia wolle sie damit absichtlich ärgern. Oder sie schnüffele heimlich in ihren Papieren. Jedenfalls hatte sie Antonia noch nie besonders gut leiden können und ihrer Ehrlichkeit immer misstraut. Auch wenn sie dafür keinerlei Beweise hatte.
Mittlerweile hatte sie es sich jedoch vollkommen abgewöhnt, etwas zu sagen. Zu dankbar war sie dafür, dass Antonia nicht gekündigt hatte und ihr und Angelo augenscheinlich nichts nachtrug. Wäre es anders gewesen, hätte sie ihrem Vater gegenüber Rechenschaft ablegen müssen, der nicht wusste, dass Angelo vorher mit Antonia zusammen gewesen war.
»Es tut mir wirklich leid, Signorina«, entschuldigte sich Antonia jetzt ein zweites Mal. »Ich habe es am Freitag nicht mehr geschafft, Ihr Bad zu putzen, da dachte ich …«
Maria zwang sich zu einem Lächeln. »Schon gut, Antonia, ich bin gleich fertig. Wenn Sie mir bitte noch zehn Minuten Zeit geben?«
»Selbstverständlich!« Antonia machte Anstalten, die Tür wieder zu schließen, und Maria ließ bereits die Arme vor ihrer Brust sinken, als sie die Haushälterin sagen hörte: »Ach, übrigens ist Ihr Cousin bereits eingetroffen. Er leistet Ihrem Vater in der Küche beim Frühstück Gesellschaft.«
»Alessandro ist schon da?«, fragte Maria erstaunt und vergaß vor Überraschung ganz, ihre Blöße wieder zu bedecken.
Antonia grinste als Antwort, so als verstünde sie Marias Überraschung, und schloss endlich die Tür von außen.
Maria wunderte sich. Ihr Cousin Alessandro war ihr bislang nicht gerade als Frühaufsteher bekannt. Und jetzt war es gerade einmal neun Uhr morgens. Vermutlich hatte er die Nacht mit seinen Kumpels durchgemacht und war direkt im Anschluss hierhergekommen, um sich ein bisschen mit seinem Onkel zu zanken.
Maria mochte Alessandro eigentlich sehr gern, obwohl er in ihren Augen ein ziemlicher Chaot war, der sein Leben nicht auf die Reihe bekam. Aber sie beide verbanden eine ganze Menge Kindheitserinnerungen – auch an Marias Mutter, Alessandros Tante, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, als Maria gerade acht Jahre alt gewesen war.
Die auf dieses Unglück folgende Zeit hatte Maria nicht gerade in guter Erinnerung: Marias Vater versank nach dem Tod seiner über alles geliebten Frau monatelang in Schweigen und überließ seine kleine Tochter meistens sich selbst. Doch natürlich war auch für Maria die Mutter der Mittelpunkt ihrer Welt gewesen und ihr Verlust warf sie vollkommen aus der Bahn. Erst als die Lehrerin Signore Morelli mehrmals darauf aufmerksam machte, dass Maria – wenn überhaupt – zu spät in die Schule kam, nur schweigend im Klassenzimmer saß, mit ungekämmten Haaren, schmutzigen Kleidern und Tränen in den Augen, erwachte ihr Vater wie aus einem bösen Traum. Er engagierte Giuletta, die sich Maria mit all ihrer Liebe annahm und sich außerdem darum kümmerte, dass das Mädchen endlich wieder etwas Anständiges zu essen bekam und frisch gewaschen und vor allem regelmäßig zum Unterricht erschien. Das mit den Tränen erledigte sich dann – wenn auch erst nach einigen weiteren Monaten – von selbst.
Noch heute hing Maria mit kindlicher Liebe an Giuletta wie an einer leiblichen Großmutter, auch wenn die Haushälterin mittlerweile ihren wohlverdienten Ruhestand genoss, seit Antonia sie vor zwei Jahren abgelöst hatte.
Jetzt band Maria ihr widerspenstiges Haar mit einem Gummi zu einem lockeren Knoten zusammen und verließ anschließend eilig das Badezimmer. Die Tür ließ sie offen stehen, damit Antonia wusste, dass sie fertig war.
Als Maria die geräumige Küche betrat, saß ihr Vater an dem alten Holztisch, der in der Mitte des Raumes stand, und hatte einen Teller vor sich, während Alessandro mit einem doppelten Espresso in der Hand lässig an der Arbeitstheke lehnte.
Sie spürte sofort die gereizte Stimmung. Offensichtlich hatten die zwei Männer wie üblich ohne Verzögerung ein Thema gefunden, über das sie sich streiten konnten.
»Ciao, Cousinchen«, sagte Alessandro, als Maria ihn zur Begrüßung dreimal auf die Wangen küsste. Erst links, dann rechts, dann wieder links. Er war unrasiert und roch ein wenig nach Alkohol und Zigaretten. Also hatte sie recht mit ihrer Vermutung, dass ihr Cousin den Samstagabend mit seinen Freunden verbracht und sich nach einer durchzechten Nacht direkt auf den Weg zu seinem Onkel gemacht hatte.
»Du siehst wie immer bezaubernd aus«, stellte Alessandro fest, während Maria sich beeilte, auch ihrem Vater einen Guten-Morgen-Kuss zu geben.
»Und du siehst aus, als hättest du seit mindestens vierundzwanzig Stunden kein Bett mehr gesehen«, antwortete Maria.
»Das könnte ungefähr hinkommen«, bestätigte Alessandro und gähnte ausgiebig.
Signore Morelli grunzte missbilligend.
»Und was treibt dich so früh zu uns?«
»Wir bereiten eine geile Aktion gegen den Palio vor«, erklärte Alessandro und war sich der provozierenden Wirkung seiner Worte im Haus des capitano durchaus bewusst.
Offiziell war er als Student der Naturwissenschaften in Siena immatrikuliert und das schon seit vier Jahren. Allerdings glaubte Maria, dass ihr Cousin in dieser Zeit noch nicht eine einzige Prüfung abgelegt hatte. Vermutlich wusste er nicht einmal, wie das Universitätsgebäude von innen aussah. Dafür kannte er sich bestens in Sienas Nachtleben aus und war außerdem eifrig damit beschäftigt, Hühner aus Legebatterien zu befreien, gegen die Jagd und den Verzehr von Singvögeln zu demonstrieren und sich für den Kampf gegen die sogenannten Hundeheime einzusetzen, in denen es den Tieren oft schlechter ging, als wenn man sie auf der Straße gelassen hätte, und die nur der Profitgier der Betreiber nutzten.
Einerseits bewunderte Maria Alessandro, weil er sich so für den Tierschutz engagierte. Andererseits hatte sie manchmal das Gefühl, dass es ihm neben seiner Tierliebe vor allem um die Action ging, die sein Protest mit sich brachte. Und außerdem fand sie, dass er manchmal etwas übertrieb. Zum Beispiel, was den Palio anging. Sie konnte beim besten Willen nicht verstehen, was an diesem Rennen so schlimm sein sollte. Misstrauisch fragte sie deshalb, während sie sich ebenfalls aus der silbernen Kanne auf dem Herd Espresso in eine Tasse füllte und diese mit viel Milch auffüllte: »Was denn für eine Aktion?«
»Das hast du doch gehört«, brummte ihr Vater. »Eine Aktion gegen den Palio! Was spielt es da noch für eine Rolle, wie diese Aktion aussehen soll?«
Maria und Alessandro sahen sich hinter Signore Morellis Rücken schweigend an. Sie zog die Augenbrauen hoch und er verzog die Lippen zu einem Grinsen.
Erst im letzten Jahr, so erinnerte sich Maria, hatte Alessandro mit seiner Tierschutzorganisation eine Demonstration gegen den Palio auf die Beine gestellt. Und dafür handfeste Prügel von den Palio-Befürwortern kassiert.
»Der Palio ist nichts weiter als ein überaltertes Relikt, das endlich abgeschafft gehört«, behauptete Alessandro jetzt. Das Grinsen auf seinen Lippen war verschwunden.
Signore Morelli verschluckte sich fast an seinem Kaffee. »Der Palio ist Tradition!«, widersprach er. »Und ein waschechter Sienese wie du sollte das begreifen!«
»Eine Tradition, bei der seit 1970 fast fünfzig Pferde ums Leben gekommen sind!«, ereiferte sich Alessandro.
»Seitdem hat sich vieles getan«, behauptete Signore Morelli. »Die Schutzvorkehrungen während des Rennens werden laufend erhöht und verbessert. Und wenn sich tatsächlich mal ein Pferd verletzt, dann kommt es anschließend auf den Gnadenhof und darf dort ein gutes Leben führen.«
»›Wenn sich mal ein Pferd verletzt‹?« Alessandro schnaubte. »Es verletzen sich andauernd Pferde! Und ja, es hat sich viel getan, weil Leute wie ich dafür sorgen, dass sich etwas tut.« Seine Stimme wurde jetzt schneidend. »Aber es hat sich noch nicht genug getan, solange auch nur ein einziges Pferd bei diesem völlig schwachsinnigen Rennen gefährdet ist!«
Signore Morelli machte eine wegwerfende Handbewegung und fluchte leise vor sich hin. »… stronzo … faccia di culo«, konnte Maria aus dem wütenden Genuschel ihres Vaters heraushören. Scheißkerl. Arschgesicht.
»Für die Jockeys ist es doch genauso gefährlich wie für die Pferde … warum regst du dich darüber denn nicht auf?«, wollte Maria wissen und dachte dabei an Angelo.
»Weil die Jockeys ihre eigene Entscheidung treffen. Ihnen winken Geld und Ruhm, also nehmen sie das Risiko bewusst in Kauf. Aber was winkt den Pferden?« Alessandro machte eine kunstvolle Pause, bevor er seine Frage selbst beantwortete: »Nichts. Sie werden nicht gefragt, ob sie den Palio laufen wollen oder nicht. Sie müssen.«
Maria schwieg. Sie war sich nicht sicher, ob Alessandro recht hatte. Zwar musste sie zugeben, dass auch ihr die Pferde leidtaten, die sich verletzten, was tatsächlich relativ häufig vorkam. Dennoch liebte sie den Palio, das Rennen, die Aufregung, die Vorbereitungen in der contrada, wenn alle zusammenarbeiteten und jeder sein Bestes gab. Nicht zuletzt ihr Vater, der capitano. Und schließlich fand dieses Rennen seit bald tausend Jahren statt! Es war eine fest mit Siena verbundene Tradition, nirgendwo in Italien gab es etwas auch nur annähernd Vergleichbares. Touristen aus aller Welt kamen nach Siena, um an diesem einzigartigen kulturellen Ereignis teilzuhaben. Auch wenn man vielleicht noch ein bisschen mehr zum Schutz der Pferde tun konnte. Was das anging, musste sie Alessandro zustimmen. Trotzdem konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, ganz und gar auf dieses Fest zu verzichten.
Maria war immer noch in Gedanken versunken, als ihr Vater abrupt aufstand.
»Ich muss los«, sagte er. »Ich habe noch einiges zu erledigen.«
»Für den Palio?«, wollte Alessandro wissen und um seinen Mund spielte ein spöttisches Lächeln.
»Sicher für den Palio. Ich bin der capitano. Hast du das vergessen? Morgen findet die Auslosung der letzten drei teilnehmenden contradas statt, und davor gibt es noch etliches zu tun.«
»Du meinst, Bestechungsgelder zahlen?«
Signore Morelli hob drohend den Arm. »Pass auf, was du sagst«, ermahnte er seinen Neffen.
Mein Name klingt nach Revolution.
Motto der Raupe (bruco)
2
Montag, 16. Juli, einen Monat vor dem Palio
Eine dieser Maßnahmen zum Schutz der Pferde und der teilnehmenden Jockeys, über die Signore Morelli am Tag zuvor mit seinem Neffen Alessandro gestritten hatte, bestand darin, dass nicht alle Stadtviertel Sienas an dem Rennen teilnehmen durften. Und genau darüber dachte Filipo Morelli jetzt nach, während er sich auf den Weg zum Palazzo Pubblico an der Piazza del Campo machte, wo die Auslosung der letzten drei in diesem Jahr teilnehmenden Contraden stattfinden würde. Wie in jedem Jahr genau einen Monat vor der Austragung des Palio am 16. August.
Insgesamt verfügte Siena über siebzehn Stadtviertel, contradas genannt. Früher waren es einmal weitaus mehr Stadtviertel gewesen, aber einige waren verschwunden oder in anderen Contraden aufgegangen. Da die für den Palio zur Verfügung stehende Rennstrecke auf der Piazza del Campo, dem historischen Marktplatz Sienas, für siebzehn Pferde und Reiter zu eng war, hatte man sich ein ausgeklügeltes System überlegt, um die Teilnehmerzahl auf zehn zu beschränken: Teilnehmen durften immer die sieben Contraden, die vom letzten Palio ausgeschlossen gewesen waren, sowie drei weitere, die in einer festgelegten Zeremonie genau einen Monat vor dem Rennen unter Aufsicht des Bürgermeisters und der siebzehn capitani gelost wurden. Und zu genau dieser Auslosung war Signore Morelli jetzt unterwegs.
Der mehr als hundert Meter hohe Torre del Mangia, der Turm auf dem Rathausgebäude, überragte Siena auf majestätische Art und Weise und war nicht nur so etwas wie das Wahrzeichen der Stadt, sondern er war auch von fast jeder Stelle in Siena aus sichtbar. Auch Signore Morelli hätte sich auf seinem Weg zum Zentrum der Stadt daran orientieren können, wenn er den Weg zur Piazza del Campo nicht ohnehin mit geschlossenen Augen gefunden hätte.
Im capitano brodelte eine gewisse Anspannung. In diesem Jahr war die Auslosung für seine contrada, den Adler, von besonderer Bedeutung. Der Turm, der Adler, die Welle, das Stachelschwein, der Wald, das Einhorn und die Wölfin standen als Teilnehmer bereits fest, denn sie hatten beim letzten Palio aussetzen müssen. Nun konnte Marias Vater nur beten, dass der Panther, der Erzfeind seiner contrada, nicht ausgelost werden würde. Denn natürlich würde der Panther alles daransetzen, einen Sieg des Adlers zu vereiteln.
Zwei Dinge waren beim Palio fast gleich wichtig: der eigene Sieg und die Niederlage des Erzfeindes. Auf beide Ziele wurde viel Aufwand und Mühe verwandt. Es würde für den Jockey des Adlers sehr viel leichter sein zu gewinnen, wenn er während des Rennens nicht vom Jockey des Panthers mit dem Ochsenziemer attackiert wurde.
Zugleich wünschte sich Signore Morelli, dass der Drache und die Eule – oder zumindest einer der beiden – gezogen werden würden, denn diese galten als Verbündete. Sie würden dem Jockey des Adlers eher zum Sieg verhelfen, als ihn zu behindern. Zumindest hatte er bei diesen beiden die größten Aussichten, mit Bestechungsgeldern etwas zu erreichen.
Signore Morelli erinnerte sich an Alessandros Bemerkung über das Zahlen von Bestechungsgeldern, die ihn gestern so aufgebracht hatte. Selbstverständlich wurden Bestechungsgelder gezahlt. Vor allem an die Jockeys der anderen Stadtviertel. Die Bestechlichkeit der fantini hatte sogar Eingang in die Sprache der Sienesen gefunden. Wenn man über jemanden sagte, »er ist wie ein fantino«, dann bedeutete das, diesem Menschen war nicht zu trauen. Aber darüber redete man doch bitte schön nicht! Etwas mehr Diskretion in diesen Dingen konnte man vom eigenen Neffen ja wohl erwarten! Auch wenn jeder wusste, dass die Jockeys untereinander geheime Absprachen trafen, manche sogar hinter dem Rücken ihres capitano.
Bei diesem Gedanken brach Signore Morelli kalter Schweiß aus, der sich auch beim Anblick der anderen capitani, die sich bereits vor dem Palazzo Pubblico versammelt hatten, nicht verflüchtigte. Doch er riss sich zusammen, schüttelte hier Hände, klopfte dort wohlwollend auf Schultern oder nickte kaum merklich mit dem Kopf – je nachdem in welchem Verhältnis der Adler zu jener Contrade stand, deren capitano er gerade begrüßte.
Aus den Fenstern des Palazzo Pubblico, des Rathauses, hingen bereits die Fahnen der Stadtviertel, deren Teilnahme am diesjährigen Palio schon feststand, und auf dem Campo hatten sich etliche Schaulustige versammelt, um als Erste zu erfahren, welche Fahnen neben die sieben anderen gehängt werden würden. Es waren natürlich in erster Linie Mitglieder der Contraden, die darauf hofften, gelost zu werden: Raupe, Drache, Gans, Widder, Muschel, Panther, Schnecke, Schildkröte, Giraffe und Eule. Aber Signore Morelli entdeckte auch eine kleine Gruppe von etwa einem Dutzend mutiger Männer, die schweigend Plakate hochhielten, auf denen zu lesen war, dass der Palio Tierquälerei sei und abgeschafft gehöre.
Schnell wandte er den Blick ab, da er fürchtete, Alessandro unter den Demonstranten zu entdecken. Und das hätte seinen Blutdruck enorm in die Höhe getrieben.
In einem feierlichen Zug verschwanden die siebzehn capitani im Rathaus, um dort gemeinsam mit dem Bürgermeister die Auslosung nach einem festen Ritual vorzunehmen: Zuerst würde der Bürgermeister aus einer ersten Urne, in der die Namen aller siebzehn Contraden enthalten waren, drei ziehen. Die capitani dieser drei waren danach berechtigt, aus einer zweiten Urne, die nur die Namen der sieben Contraden enthielt, die noch nicht am Palio teilnahmen, wiederum drei zu ziehen. Und genau diese drei durften dann am Palio teilnehmen.
Jubelschreie hallten über die Piazza del Campo, als ein Bediensteter des Rathauses zunächst die in Grüntönen gestaltete Flagge der Gans aus dem Fenster hängte, dann die in Rot und Violett gehaltene Fahne des Panthers und zum Schluss die farbenfrohe des Drachen.
Von Jubelschreien war Signore Morelli dagegen weit entfernt. Die Ziehung der Gans konnte er ja noch mit einem wohlwollenden Nicken quittieren. Anders als der capitano della torre, der im Augenblick der Nennung seines größten Feindes in wüste Beschimpfungen ausbrach und behauptete, die Ziehung ginge nicht mit rechten Dingen zu, und überhaupt müssten Linksradikale ohne Sinn für Recht und Ordnung und die wahren Werte Italiens vom Palio ausgeschlossen werden. Dass es sich bei dem capitano del’oca um einen Linksradikalen handeln sollte, war Signore Morelli neu. Allerdings wusste er durchaus, dass der capitano della torre in der Tat ein treuer Anhänger der konservativen Partei war. Aber lange hatte er auch keine Zeit, sich über diese Frage Gedanken zu machen, denn schon stand er inmitten eines wüsten Handgemenges, nachdem der capitano della torre auch noch behauptet hatte, sein Kollege von der Gans sei ihm soeben mit voller Absicht auf den Fuß getreten.
Die Ziehung musste für einen Augenblick unterbrochen werden, bis die beiden Streithähne, die mittlerweile mit Fäusten aufeinander losgingen, getrennt werden konnten. Und während sich die Herrschaften noch die Kragen gerade rückten und die Rockschöße glattstrichen, musste nun Signore Morelli an sich halten, als er hörte, dass der Panther ebenfalls mit von der Partie sein sollte. Allerdings begnügte er sich damit, seinem Feind einen finsteren Blick zuzuwerfen und ihn ansonsten zu ignorieren, sodass ohne weitere Verzögerung das dritte Stadtviertel gezogen werden konnte: der Drache.
Filipo Morelli war beinahe ebenso enttäuscht wie die capitani der Raupe, des Widders, der Muschel, der Schnecke, der Schildkröte, der Giraffe und der Eule, die am diesjährigen Palio nicht teilnehmen durften. Das Ergebnis der Auslosung war weit hinter seinen Hoffnungen zurückgeblieben, denn die Teilnahme des Panthers würde die Siegeschancen des Adlers deutlich verringern und das Rennen darüber hinaus für Reiter und Pferd noch gefährlicher machen. Sollte wie im letzten Jahr Danilo für den Panther antreten, dann würden die knapp hundert Sekunden auf der Piazza del Campo kein Zuckerschlecken für den Jockey des Adlers. Danilo galt als nicht gerade zimperlich beim Einsatz des Ochsenziemers, der als Reitgerte nicht nur benutzt wurde, um das eigene Pferd anzutreiben, sondern auch, um gezielte Schläge gegen die anderen fantini zu platzieren.