Barbara Laban
Rebecca – Verflucht, ausgerechnet England!
O nein! Rebecca muss ganz allein nach England. Auf Sprachreise ins beschauliche kleine Küstenörtchen Seacliff. Und während alle anderen bei supernetten Gasteltern landen, kommt Rebecca zu der fiesen Mrs Lydia. Sie ist die Besitzerin von Blackhill Castle und das alte Schloss ist angeblich verflucht. Aber noch unheimlicher ist, dass Rebecca den Fluchopfern zum Verwechseln ähnlich sieht. Mit ihren neuen Freunden Carlo und Sander muss sie herausfinden, welche jahrhundertealten Geheimnisse diese Mauern verbergen.
Zum ersten Mal allein unterwegs: Eine aufregende Zeit, die man nie vergisst!
Buch lesen
Vita
Das könnte dir auch gefallen
Leseprobe
Für Dario und Daniele
Wenn ich aus dem Fenster schaue, sticht mir das Grün in die Augen. Hügel, Bäume und Felder haben fast die gleiche Farbe, nur der Himmel ist hellblau mit weißen Wolkenstreifen. Die Luft hier drin ist echt stickig, es riecht nach Essen und alten Sportsocken. Als ich am Flughafen eingestiegen bin, hat mir der Betreuer ein in Plastik verpacktes Sandwich in die Hand gedrückt. Ich halte es immer noch fest, obwohl wir schon über zwei Stunden unterwegs sind. Die Folie klebt an meinen Fingern und ich habe inzwischen Abdrücke in das Brot gepresst.
Ich lege das Sandwich auf den einzigen freien Platz im Bus, den direkt neben mir. So ist das nämlich, wenn man auf den letzten Drücker eine Sprachreise bucht. Meine Freundinnen hatten schon andere Sommerpläne, also konnte niemand mitkommen. Die meisten Anbieter waren ausgebucht, also mussten meine Eltern auf irgendeiner Seite im Internet den letzten freien Platz buchen.
Im Moment bereue ich gerade sehr, dass ich mein warmes oranges Sweatshirt nicht eingepackt habe, denn am Flughafen fand ich es total kalt. Und das bei Sonnenschein im Juli. Apropos Juli. Das war der Monat, den wir im letzten Jahr in Italien am Strand verbracht haben. Der Sand war so heiß, dass man nur mit Flipflops darüberlaufen konnte, und das Meer warm genug, um sich darin stundenlang Bälle zuzuwerfen, ohne auch nur eine Gänsehaut zu bekommen.
Für einen winzigen Augenblick wäre ich gerne das Kind mit den gebrochenen Knochen. Natürlich will ich nicht wirklich diejenige sein, die mit einem Roller in die Straße abbiegt, gerade wenn Frau Schröder von nebenan zum ersten Mal ihren neuen Jeep ausfährt.
Mein kleiner Bruder Ben hat genau das gemacht. Und jetzt liegt er im Krankenhaus. Er hat zwei Beine und einen Arm in Gips und um den Kopf einen Verband, aus dem oben seine blonden Haare wie Stroh herausschauen.
Aber hätte ich mir anstelle von Ben alle Knochen gebrochen, wäre ich jetzt nicht auf dieser Reise. Und Ben würde nicht nerven. Der säße nämlich stattdessen im Bus. Obwohl man natürlich Fünfjährige nicht alleine auf eine Sprachreise nach England schicken kann.
Doch selbst wenn ich den schlimmsten Unfall in unserer Familiengeschichte gehabt hätte, nach allem was vor den Ferien passiert ist, würden mich Mama und Papa wahrscheinlich einfach in mein Zimmer einquartieren mit jeder Menge Mathearbeitsblättern und ohne Handy, Computer oder Fernseher. Ab und zu würden sie mir Essen bringen und dabei nur müde den Kopf schütteln, um mir zu zeigen, wie enttäuscht sie von mir sind.
Ich konzentriere mich auf die Stimmen in der Reihe vor mir. Dort sitzen zwei Jungs, die auf jeden Fall schlechter englisch sprechen als ich. Sie reden über Fußball, die englische Liga.
»Aber er ist todsicher der Trainer von Arsenal«, sagt der eine.
»No«, sagt der andere und spricht das ›o‹ ganz kurz aus. »Den meine ich nicht. Der war nicht bei Arsenal.«
Sie zählen ein paar Namen auf, die alle zu anderen Klubs gehören.
Irgendwann traue ich mich einzugreifen, aber ich muss tief Luft holen, bevor ich mich umdrehe.
»Ihr meint Arsène Wenger. Der war ewig Trainer von Arsenal, aber er hat vor einiger Zeit aufgehört.«
Ich weiß so viel über Arsenal, weil meine beste Freundin Lyra aus Wales kommt, Fußballfan ist und dauernd über die englische Liga redet. Beim Gedanken an Lyra wird mir wieder ganz flau im Magen, aber ich versuche die Jungs anzulächeln.
Die beiden könnten nicht unterschiedlicher aussehen. Der eine ist blass und hat glatte braune Haare, die ein bisschen ins Gesicht und über seine grünen Augen fallen. Er sieht cool aus und vielleicht ein winziges bisschen arrogant. Der andere hat wilde schwarze Locken und erinnert mich an den Jungen auf den Zeichnungen in meinem Latein-Buch.
»Richtig«, sagt er mit rollendem R und fasst sich mit der Hand an den Kopf. »Jetzt erinnere ich mich.«
Er schiebt seine Hand durch den Spalt zwischen den Sitzen und streckt sie mir entgegen. »Ich bin Carlo und komme aus Rom.« Wusste ich es doch.
Ich nehme seine Hand und schüttele sie kurz. »Rebecca, aus Hamburg.«
»Sander. Ich komme aus Groningen in Holland«, sagt der andere auf Englisch, dreht sich zu mir um und kniet sich auf seinen Sitz. »Ich spreche auch Deutsch.«
»Genauso schlecht wie Englisch?«, frage ich. Die beiden lachen und ich freue mich darüber. Sander und Carlo sind anscheinend in Ordnung und ich bin wirklich froh, dass ich jemanden zum Reden habe. Sie waren beide noch nie in England. Sander sagt, ihm wird schlecht, wenn der Bus auf der falschen Straßenseite fährt, dabei ist die Straße, auf der wir fahren, so schmal, dass der Bus sie fast ganz ausfüllt. Keine Ahnung, was passiert, wenn uns ein Auto entgegenkommt.
»Gewöhnt man sich ziemlich schnell dran«, sage ich und erwähne lieber nicht, dass ich vor zwei Jahren mit Mama und Papa in London beim Straßeüberqueren fast in ein Auto gelaufen wäre, weil ich in die falsche Richtung geschaut habe.
»Seht mal«, ruft Carlo aufgeregt und ich drehe den Kopf zum Fenster. In der Ferne, hinter den Büschen und Bäumen wird der Himmel immer heller und darunter, grau-blau schimmernd, sieht man das Meer.
»Denkt ihr, man kann in Seacliff schwimmen?«, fragt Carlo.
»Ist sicher nicht so warm wie in Italien«, sage ich und muss an den Urlaub im letzten Jahr denken, in dem noch alles in Ordnung war.
»Es macht viel mehr Spaß, in kaltem Wasser zu baden«, sagt Sander.
»Und wenn nicht, gibt es bestimmt jede Menge anderer Sachen, die man am Strand machen kann«, sage ich und versuche fröhlicher zu klingen, als ich mich fühle. Vor zwei Jahren bei unserem London-Besuch waren wir für ein Wochenende in Brighton am Meer. Da gibt es einen Pier, der ins Wasser führt, mit Spiel-Arkaden. Überhaupt stelle ich mir Seacliff ein bisschen vor wie Brighton. Alte herrschaftliche Hotels mit hohen Fenstern, kleine Geschäfte, die Zuckerstangen und Fudge verkaufen. Weiße Kieselsteine, die man ins Wasser werfen kann, und einen Pier, auf dem man beim Spazierengehen aufs Meer schaut.
»Attraktionen am Meer stand auf dieser Website«, sagt Carlo. »Vielleicht gibt es eine Gokart-Bahn.«
»Und hoffentlich eine Trampolinhalle«, sagt Sander und streicht sich die Haare aus der Stirn, sodass ich eine kleine Narbe über seiner Augenbraue erkenne. »Mein Cousin wohnt in Manchester. Er sagt, in England gibt es überall welche.«
Wir unterhalten uns weiter über die Sachen, die wir gerne in Seacliff machen wollen, auch wenn uns ab und zu die Vokabeln fehlen. Manchmal sage ich dann etwas auf Deutsch und Sander kennt das englische Wort. Oder Carlo erklärt etwas mit Händen und Füßen und Sander und ich raten. Keine Ahnung, wie lange wir jetzt schon gefahren sind.
Inzwischen haben Carlo, Sander und ich alle Gummibärchen aufgegessen, die Oma mir vorletzte Woche mitgebracht hat. Sie hat nicht viel gesagt, aber seit die Sache mit mir und Lyra aufgeflogen ist und Mama und Papa so sauer sind, schenkt Oma mir jedes Mal Gummibärchen, wenn wir uns sehen. Diese Tüte ist extra groß, wahrscheinlich weil sie es auch doof findet, dass ich last minute alleine in den Sprachurlaub abgeschoben werde.
Gerade erklärt Carlo, was seine liebsten Süßigkeiten sind, als der Mann, der uns am Flughafen abgeholt hat, plötzlich neben mir steht.
Er ist nicht besonders groß, sehr dünn und hat einen enormen Schnurrbart unter der Nase mit zwei nach außen gerollten Enden. Vorgestellt hat er sich mit dem Namen Gary, glaube ich zumindest. Ich kann ihn wirklich kaum verstehen.
»In wa muten in scliff a«, sagt er und ich schaue zu Carlo, um zu sehen, ob er vielleicht etwas begreift. Carlo fährt sich ratlos mit der Hand durch die dunklen Locken.
Gary läuft weiter nach hinten und wiederholt seine Botschaft.
»Er meint, wir sind gleich da«, sagt Sander und lehnt sich lässig nach hinten.
»Woher weißt du das denn?«, frage ich. Im selben Moment sehe ich das große, halb verrostete Schild, an dem wir vorbeifahren. »Welcome to Seacliff – Home of the Black Raven.«
Die Straße wird immer enger, als wir in den Ort fahren. Inzwischen bin ich besorgt, dass der Bus gleich an einem der Häuser entlangschrammt, die eng aneinandergepresst den Weg säumen. Ich halte die Luft an.
Als das Schlimmste überstanden ist, wird es noch einmal knapp, denn der Bus muss um die Ecke biegen, auf die Straße, die am Meer entlang verläuft. Er schafft es gerade, ohne das letzte graue Eckhaus zu streifen, und ich atme erleichtert auf.
Rechts von uns blicken wir auf das schäumende Meer, links stehen vereinzelt kleine Häuser mit Geschäften darin, aber hier erinnert auch wirklich gar nichts an Brighton. Mama hatte vergessen zu erwähnen, dass Seacliff eher ein Dorf als eine Stadt ist. Und nach allem, was ich bisher erkennen kann, ein halb verlassenes Dorf mit jeder Menge Häusern, an denen die Fenster und Türen mit Brettern vernagelt sind. Oder wussten Mama und Papa Bescheid und sie haben mich absichtlich ans Ende der Welt geschickt? In ein einsames kleines Dorf, in dem ich garantiert nichts anstellen kann.
Ich sehe abwechselnd zu den Jungs, die gar nichts mehr sagen. Anscheinend ist ihnen auch aufgefallen, dass es hier ganz schön verlassen aussieht. Überhaupt ist es im Bus ziemlich still geworden.
Zehn Minuten später stehen wir im Nieselregen vor den Gepäckfächern, aus denen Gary unsere Koffer zieht. Mein Koffer ist peinlicherweise leicht zu erkennen mit den großen roten Punkten und dem halb abgerissenen Griff. Mama konnte so schnell nichts anderes finden; in Gedanken war sie bestimmt die ganze Zeit im Krankenhaus bei Ben.
Was werden wohl meine Gasteltern denken, wenn sie mein Gepäck sehen? Im Gegensatz zu mir hat Sander nur einen ziemlich kleinen Rucksack dabei, in den wahrscheinlich nicht einmal ein paar Ersatzschuhe passen. Ganz schön mutig für drei Wochen.
Insgesamt sind wir zu zwölft; drei von den Mädchen hängen die ganze Zeit zusammen, sie sprechen auch deutsch. Zwei Jungs sehen aus wie Brüder, der eine ist so jung, dass ich mich frage, ob er wirklich schon zehn ist. So alt muss man mindestens sein, wenn man hier mitfahren will. Ich bin zwölf, ein Jahr jünger als Carlo und Sander.
Gary hat eine Liste mit Namen dabei und zuerst wird ein Mädchen mit langen, blonden Haaren und Cowboystiefeln abgeholt, die Lisa heißt. Sie wirkt total cool, als würde sie das alles hier nicht interessieren. Ihre Gasteltern sehen sehr gemütlich aus und lächeln, als sie ihr den Koffer abnehmen.
Inzwischen ist es chaotisch geworden auf dem Parkplatz. Viele Gasteltern kommen gleichzeitig an und Gary hat Probleme, uns schnell zuzuteilen. Zumindest scheinen die Einheimischen sein Genuschel zu verstehen. Sander ist auf einmal verschwunden, was mich komischerweise nervös macht.
Mein Herz klopft schneller und mein Gesicht fängt an zu brennen. Ich will auf keinen Fall mit dem riesigen Mann mitgehen, der so streng aussieht wie mein Mathelehrer. Oder mit der Frau, die ein weinendes Baby im Tragegurt vor dem Bauch trägt und einen kleinen Jungen, der gerade mal laufen kann, an der Hand hinter sich herzieht. Nichts gegen Babys, aber ich bin froh, dass Ben endlich fünf ist, auch wenn er sich meistens wie ein Kleinkind benimmt.
Es trifft Carlo, und der sieht eigentlich ganz glücklich aus. Er winkt mir kurz zu und ruft: »Ciao, bis morgen.«
Der Seewind pfeift inzwischen so stark um meinen Kopf, als ob wir aus Versehen in Grönland gelandet wären. Ich hoffe, dass auch meine Wollmütze im Koffer gelandet ist. Wenn es hier immer so stürmt, werde ich sie auch anziehen. Juli hin oder her.
Ich reibe nervös meine Hände und will eigentlich nur noch abgeholt werden, nachdem fast alle anderen aus dem Bus mit ihren Gasteltern verschwunden sind, außer einem Jungen mit Nickelbrille, der tatsächlich Hosenträger anhat.
Gerade als ich mir überlege, besser mal bei Gary nachzufragen, kommt eine Frau im Trenchcoat auf uns zu. Ihre Haare schwingen in perfekten, blonden Locken um ihren Kopf und sie strahlt übers ganze Gesicht, so als würde sie sich riesig auf etwas freuen, und winkt Gary schon von Weitem zu.
Gary legt dem Hosenträgerjungen den Arm um die Schulter und sagt etwas, das so klingt wie lucky boy. Seine Gesichtsfarbe hat sich gerade von leichenblass zu tomatenrot verändert.
Ich bin total enttäuscht, als die Frau tatsächlich den Jungen und nicht mich abholt. Sie sieht genauso aus, wie ich mir meine Gastmutter vorgestellt habe.
Aber noch habe ich eine Chance auf die perfekte Gastfamilie – am liebsten ein sportliches Paar, das noch keine Kinder hat, total cool ist, wenn es um Bettgehzeiten geht, und am liebsten Pizza zum Abendbrot isst. Das mit dem Essen ist eigentlich egal. Hauptsache, sie sind lustig und verstehen Spaß.
Gary sieht immer noch der Frau im Trenchcoat hinterher, die jetzt in die enge Straße einbiegt, mit dem schwarzen Lederkoffer des Jungen in der Hand.
»Das war Lucy«, sagt er mehr zu sich selbst als zu mir und lächelt dabei verträumt.
Bis jetzt sind alle zu Fuß abgeholt worden, deswegen erschrecke ich, als auf einmal ein knatterndes Motorengeräusch ertönt. Kurz darauf werde ich fast von einem schwarzen Mini überfahren. Um genau zu sein, von einem schwarzen Mini Cabriolet. So eins hat auch Frau Schröder gefahren, bevor sie sich den Jeep angeschafft hat.
Zum Glück kann ich noch rechtzeitig zur Seite springen, bevor ich mich mit der Frage beschäftige, wer bei diesen Temperaturen wohl mit offenem Dach fährt.
Ich habe mich noch nicht richtig vom Schock erholt, als sich die Tür des Minis öffnet und eine kleine, grauhaarige Dame in schwarzem Kostüm und dickem rosa Wollschal mit einer erstaunlich tiefen Stimme aussteigt. Ihr Akzent gleicht dem von den Sprechern, die wir immer im Englischunterricht hören müssen – gestochen scharf.
Sie holt einen Gehstock aus dem Mini, mit dem sie auf mich zeigt. Dann sagt sie mit klirrender Stimme zu Gary: »Das ist ja wohl nicht dein Ernst. Ich hatte gesagt, ich will auf keinen Fall ein Mädchen, und ganz sicher nicht so ein dürres Geschöpf mit tellergroßen Augen, das aussieht, als könnte der kleinste Windhauch sie umwehen. Zu meiner Zeit hat man sich übrigens die Haare zusammengebunden, vor allem, wenn man so viele davon hat.«
Sie mustert mich streng und ich merke, wie meine Wangen knallrot werden. Ich bringe keinen Ton heraus, greife nach meinem Koffer und stolpere ein paar Schritte nach vorne.
Gary tritt verlegen von einem Fuß auf den anderen, dann spüre ich seine Hand auf meinem Rücken und höre, wie er leise »viel Glück« flüstert. Zumindest hört es sich so an.
Meine schlimmsten Befürchtungen werden wahr. Mama und Papa haben mich für drei Wochen abgeschoben. Vielleicht haben sie sogar ausdrücklich eine strenge Gastfamilie für mich vorgeschlagen.
Und deshalb bin ich bei einer gemeinen alten Frau gelandet, die mir zum Frühstück Blutwurst und zum Abendessen Kohlsuppe oder Schlimmeres serviert. Nur sieht es im Moment nicht mal so aus, als würde ich es überhaupt bis zum Abendessen schaffen.
Die Frau, deren Namen ich noch nicht einmal kenne, hat nämlich den Fahrstil eines Formel-1-Fahrers. Stimmt nicht, sie denkt, sie ist ein Formel-1-Fahrer. Ihr Fuß klebt quasi am Gaspedal fest. Sie hat inzwischen dreimal die Kante des Bürgersteigs gerammt und zweimal nur ganz knapp einen Frontalzusammenstoß mit Autos, die uns entgegenkommen, vermieden. Das Verrückte ist, dass diese Beinahe-Unfälle sie überhaupt nicht erschrecken. Stattdessen schimpft sie über die anderen Fahrer und ruft Worte, von denen ich weiß, dass wir sie sicher nicht im Englischunterricht gelernt haben.
Meine Zähne klappern, während der Fahrtwind mir brausend um den Kopf bläst. Ich kralle meine Finger in den Jackentaschen fest, aus purer Verzweiflung und vor Kälte, nicht weil es mir irgendetwas nützt.
Zu meinem Entsetzen haben wir jetzt auch noch den Ort verlassen und rasen weiter am Meer entlang, die Küstenstraße nach oben, die auf der linken Seite (da sitze ich) steil in Richtung Wasser abfällt. Meine Gastmutter scheint die Strecke im Schlaf zu kennen, denn sie hält das Lenkrad lässig mit nur einer Hand fest, an der ein dicker, lila Ring prangt.
In Seacliff zu wohnen habe ich mir schon schlimm genug vorgestellt, aber außerhalb von Seacliff zu leben, das muss die Hölle sein. Und wie soll ich jemals zurück ins Dorf kommen, zum Unterricht oder irgendwelchen anderen Aktivitäten?
Als hätte sie meine Gedanken erraten, ruft die Frau mir auf einmal etwas zu. »Es gibt einen Wanderweg zurück nach Seacliff. Wenn du gut zu Fuß bist, kannst du es in dreißig Minuten schaffen.«
Für eine Sekunde glaube ich, ich habe mich verhört. Ängstlich rufe ich zurück: »Thirteen minutes?«
Sie lacht auf. »Thirtyyyy!«
Als sie zur Seite sieht, kommt der Mini dem Abgrund so nahe, dass ich aufschreie, und sie hört wenigstens auf zu lachen. »Habe ich’s doch gewusst. Ich wollte einen Jungen. Einen, dem ein bisschen Spazierengehen nichts ausmacht und der nicht so ein Angsthase ist. Jungs werden wenigstens nicht hysterisch.«
Ich schnappe nach Luft, weil mir so viele Sachen einfallen, die ich gerne erwidern möchte. Zum Beispiel, dass ich locker stundenlang am Stück laufen kann, wie im letzten Bergurlaub, und dass ich die Einzige in der Familie bin, die keine Höhenangst hat, und die Einzige, die Spinnen mit der Hand anfassen kann. Aber dann denke ich an das Versprechen, dass ich Papa gegeben habe. Höflich zu sein, wie die Engländer. Pass dich an und denke nicht immer nur an dich selbst, hat er gesagt.
Dabei habe ich doch genau das gemacht. An Lyra gedacht und wie ich ihr helfen konnte. Wenn mir nur mal jemand richtig zuhören würde. Papas trauriger Gesichtsausdruck war einfach zu viel. Also habe ich nichts gesagt, sondern nur genickt und ihn kurz umarmt.
Auf einmal fällt mir ein, was in dem Brief über die Sprachreise stand. Wenn ich mit meiner Gastfamilie nicht zufrieden bin, kann ich einfach Bescheid sagen. Es ist jederzeit möglich, zu wechseln. Und genau das werde ich machen, sobald sich die erste Gelegenheit bietet. Das steht fest.
Aber dann fährt der Mini mit quietschenden Reifen um eine Haarnadelkurve und für ein paar Sekunden sind all meine düsteren Gedanken verschwunden und ich vergesse sogar, dass ich vor Kälte zittere. Selbst als das Auto mit einem gewaltigen Ruck anhält, der mich nach vorne schleudert und fest in den Gurt presst, kann ich meinen Blick nicht abwenden von dem, was vor uns liegt.
Ein riesiges altes Gebäude mit zwei Türmen und schmalen rechteckigen Fenstern. Ich muss mich ganz nach vorne beugen, um die Turmspitzen durch die Windschutzscheibe zu sehen. Moos und Regen haben die graubraunen Steine verfärbt und das runde Eingangstor sieht aus, als wäre daran einmal eine Zugbrücke befestigt gewesen.
»Willkommen auf Schloss Blackhill«, sagt die Frau, als sie mit einem Ruck meine Tür aufzieht. »Du musst mich nicht Lady Blackhill nennen, Mrs Lydia reicht vollkommen, aber jetzt solltest du wirklich aussteigen, es sei denn, du willst in Pumpkin übernachten.«
Ich muss ziemlich bescheuert aussehen, denn Mrs Lydia schaut mich jetzt fast mitleidig an, und ich schließe schnell meinen offen stehenden Mund.
»So nenne ich mein Auto«, erklärt sie. »Weißt du, was Pumpkin heißt? Die Kutsche, Cinderella und so.«
Natürlich kenne ich das Wort, aber im Moment bin ich einfach zu überrascht, um irgendwas zu sagen, also nicke ich einfach und folge ihr aus dem Auto. Der Koffer wiegt schwer in meiner Hand und meine Beine fühlen sich an wie Pudding nach der aufregenden Autofahrt. Ich folge einfach Mrs Lydia, die ein ganz schönes Tempo vorlegt über den Parkplatz mit den Kieselsteinen und durch ein schweres Holztor, das knirscht und quietscht, als sie es aufdrückt.
Kurz darauf stehe ich tatsächlich in der Eingangshalle von Schloss Blackhill und atme kühle, modrige Luft ein.
»Du schläfst im Turmzimmer«, verkündet Mrs Lydia, als sie ihre Handtasche auf einen abgewetzten grünen Ledersessel wirft, »da scheint am ehesten die Sonne rein und die Ratten meiden das helle Licht.«
Ist das vielleicht der berühmte englische Humor, von dem alle immer sprechen? Ich ziehe meine Mundwinkel nach oben, damit es so aussieht, als ob ich lächle, so stark, dass ich morgen wahrscheinlich Muskelkater im Kiefer haben werde, und auch Mrs Lydia lächelt gequält. »Es ist ja zum Glück Sommer, zumindest steht das so im Kalender. Also wirst du mir schon nicht erfrieren. Im Notfall gibt es ja auch noch die warme Dusche. Die ist allerdings unten im Keller, gleich neben der Küche. Und nur zwischen vier und sechs Uhr nachmittags bitte. Es wäre pure Verschwendung, das Wasser den ganzen Tag über zu heizen.« Sie sieht mir dabei zu, wie ich verzweifelt versuche meinen Kiefer zu entkrampfen. Dabei kräuselt sie spöttisch ihre rosa geschminkten Lippen.
»Wie wär’s, wenn du jetzt deine Sachen nach oben bringst? Immer der Wendeltreppe nach, bis ganz oben. Dein Abendessen kannst du auch gleich mitnehmen.« Sie streckt ihre Hand aus, in der sie eine grüne Plastiktüte hält. Als ich mir die Sache genauer ansehe, entdecke ich darin ein in Plastik gewickeltes Sandwich und einen Pappkarton mit Saft.
»Morgen Abend koche ich was«, sagt sie, »heute hatte ich einfach keine Zeit dafür.«
Ich ziehe meine Mundwinkel noch weiter nach oben, aber mein Lächeln sieht mit Sicherheit genauso unecht aus wie Mrs Lydias.
Morgen Abend, denke ich, kannst du kochen, was du willst. Denn dann bin ich bestimmt nicht mehr hier.
Zunächst ist von einer Wendeltreppe nichts zu sehen. Die Treppe, die nach oben führt, ist kerzengerade mit steinernen Stufen, die in der Mitte ganz glatt und abgewetzt sind. Es riecht nass und nach Mottenpulver, das aus den schweren, grünen Samtvorhängen ausdünstet, die vor den Fenstern hängen. Als ich mich damit abmühe, den schweren Koffer nach oben zu schleppen, stoße ich dagegen und eine Staubwolke rieselt auf mich herunter.
Im ersten Stock führen lange, holzgetäfelte Gänge nach links und rechts, aber ich entdecke sofort die Wendeltreppe gegenüber von den Steinstufen. Eigentlich würde ich gerne die Gänge erkunden. Vielleicht führen sie in prunkvolle Zimmer mit Wandteppichen und goldenen Verzierungen. Aber ich habe keine Lust, von Mrs Lydia beim Stöbern erwischt zu werden. Außerdem will ich auspacken und zu Hause anrufen. Meine Wangen brennen und auch ohne Spiegel weiß ich, dass sie knallrot sind. Eine leichte Hautirritation nennt das Doktor Hartmann und meinte, dass ich da schon wieder rauswachse. Vorsichtig in der Sonne sein und nicht zu viel Stress, war sein Ratschlag. An der Sonne kann es jedenfalls nicht liegen, dass ich das Gefühl habe, jemand fackelt kleine Lagerfeuer in meinem Gesicht ab.
Auf meinem Weg nach oben bekomme ich fast einen Drehwurm. Knarzend biegt sich das Holz unter meinen Füßen und ich frage mich, ob der Aufstieg jemals ein Ende hat. Zum Glück gibt es kleine rechteckige Fenster im Turm, durch die ich ab und zu einen Blick auf die umliegenden Hügel, das Meer und die Wolken, die der Wind vor sich hertreibt, erhaschen kann. Und dann endlich ist es geschafft.
Keuchend werfe ich meinen Rucksack auf den Boden und entdecke im Halbdunkel eine Tür direkt gegenüber der Treppe.
Mrs Lydia hatte recht. Die Sonne scheint gerade mit voller Wucht durch das einzige große Fenster in den Raum. Ein paar Sekunden später wird es wieder dunkel, als eine dicke Regenwolke sich vor die Sonne schiebt. Für einen Augenblick vergesse ich, dass ich nie hierherkommen wollte, und bestaune das tosende, graue Meer tief unter mir. Ich setze mich auf die breite Fensterbank und sehe in die Ferne. Nicht weit vom Fenster entfernt kreisen drei Raben krächzend am Himmel.
Das Zimmer wirkt wie aus einer anderen Zeit. Direkt neben dem Fenster steht ein riesiges Himmelbett, mit durchsichtigen, blauen Vorhängen. An seinem Fußende befindet sich ein Holzschrank, in dem man wahrscheinlich die Kleidung meiner ganzen Familie unterbringen könnte, so groß ist er. Der Schreibtisch und der Stuhl dagegen sehen super zerbrechlich und zart aus, mit gebogenen Stuhl- und Tischbeinen und schimmernden, hellen Mustern im braunen Holz.
Am beeindruckendsten aber sind die vielen Gemälde an den Wänden, darunter vier nebeneinanderhängende Porträts, auf denen Mädchen zu sehen sind.
Wenn ich im Geschichtsunterricht besser aufgepasst hätte, wüsste ich vielleicht, aus welcher Epoche die Bilder stammen und ob sie überhaupt alle aus derselben Zeit stammen. Wahrscheinlich nicht, denn auf den ersten beiden Gemälden sind altmodische Kopfbedeckungen zu sehen.
Am besten gefällt mir das Bild ganz links. Das Mädchen darauf hat pechschwarze Haare, von denen nur zwei Strähnen auf ihre Schultern fallen. Der Rest ist kunstvoll auf ihren Kopf frisiert. Ihre Augen sind tiefschwarz und geheimnisvoll, aber trotzdem wirkt sie fröhlich und voller Leben. Unten auf dem Bild stehen drei Buchstaben. HSB.
Ich weiß nicht, wie lange ich vor dem Bild stehe, als mich das Klingeln meines Handys aus meinen Gedanken reißt. Mist, ich hätte schon längst zu Hause anrufen müssen.
»Hallo?«
»Rebecca«, sagt Mama leise und ich fühle einen Stich im Magen, weil ich ganz cool klingen will, aber sie gleichzeitig so sehr vermisse.
»Ich bin angekommen.« Ich überlege, was ich noch alles erzählen könnte. Dass ich zwei ganz nette Jungs im Bus kennengelernt habe, dass Seacliff ein ziemlich hässlicher kleiner Ort ist und dass ich im Moment bei Mrs Lydia auf Schloss Blackhill bin. Und von der furchterregenden Autofahrt. Du redest wie ein Wasserfall, hat Mama früher immer gesagt. Aber das war vor der Sache mit Lyra. Zum Glück fängt Mama an zu sprechen.
»Wie ist denn das Essen?«, fragt sie.
Ich sehe auf die grüne Plastiktüte auf meinem Bett.
»Ich hab noch nichts probiert«, sage ich wahrheitsgemäß, »sieht alles irgendwie komisch aus …«
»Rebecca,« ruft Mama, »du musst was Vernünftiges essen.«
Ich höre Papa im Hintergrund und merke, dass Mama mit ihm diskutiert. Dann kommt er selber ans Telefon.
»Na«, sagt er, »ich hoffe, dein Abenteuer hat gut begonnen. Hör mal, wir müssen dir was erzählen. Es gibt da ein Problem mit Bens Bein. Leider war es doch kein einfacher Bruch und die Ärzte müssen ihn operieren. Wir hoffen natürlich, dass alles gut läuft …«
Ich kann Papa nicht genau verstehen, denn alles, was ich höre, ist Mamas leises Weinen im Hintergrund und dass Papas Stimme heiser und belegt ist.
»… und deswegen sind wir jetzt erst mal eine Weile im Krankenhaus. Aber du kannst uns jederzeit anrufen«, sagt Papa.
»Kann ich mit Ben reden?«, frage ich.
»Im Moment nicht, Rebecca. Er schläft gerade und nach der Operation braucht er sicher Zeit, sich zu erholen. Aber sobald es geht, sagen wir natürlich Bescheid. Er vermisst dich schon ganz doll.« Papas Stimme klingt gepresst, als würde es ihn anstrengen, mit mir zu sprechen, und dann fängt auch noch die Leitung an zu knattern.
Und ihr?, will ich fragen. Vermisst ihr mich auch?
»Aber sag schnell, wie es dir geht. Hast du eine nette Gastfamilie? Und wie sind die anderen Kinder so?« Ich kann Papa kaum noch verstehen.
»Alles super«, lüge ich. »Der Ort ist klein, aber ganz gemütlich und meine Gastmutter ist freundlich und ziemlich verrückt. Ich wohne auf einem Schloss … Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen.«
»Verstehe.« Jetzt klingt es, als würde Papa von einer Raumstation aus anrufen. »Aber ich kann dich kaum noch hören«, sagt er. »Schick einfach eine Nachricht, wenn irgendetwas ist. Und Rebecca – Mama und ich verlassen uns auf dich.«
Als er auflegt, schwirrt mir der Kopf. Was ist nur los mit Ben? Mama und Papa klangen wirklich besorgt. Und Papa ist selber Arzt, also muss es schon wirklich schlimm sein, wenn er so bedrückt ist. Aber natürlich konnte er sich den letzten Spruch nicht verkneifen. Wir verlassen uns auf dich. Na toll!
Ich sitze auf dem Bett und sehe in das Gesicht des schwarzhaarigen Mädchens auf dem Porträt gegenüber. Mir kommt es fast vor, als würde sie mir zuzwinkern. Alles halb so schlimm. Du machst das schon.
Was anderes bleibt mir wohl nicht übrig. Von meinen Eltern kann ich jedenfalls keine Hilfe erwarten. Also muss ich das selber regeln. Und das Erste, worum ich mich morgen früh kümmern werde, ist eine neue Gastfamilie.