Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© Dietmar Friedrich 2014
2. Auflage
„Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt“
ISBN 978-7386-6990-9
Erste Auflage 2004
Jesus sprach: Wer das All erkennt und sich selbst verfehlt,
verfehlt den ganzen Ort.
Aus dem apokryphen
Thomasevangelium; Spruch 67
Pamplona, den 8. April 2002
Am Abend, nach Anreise mit dem Flugzeug über Frankfurt und Madrid, Ankunft in Pamplona - die Stadt, die der Roman The Sun Also Rises von Ernest Hemingway weltberühmt gemacht hat. Doch nicht Hemingway noch Stierkampf locken mich hierher, vielmehr will ich mich von hier aus, zu Fuß, auf dem Weg nach Santiago de Compostela machen. Der Weg zum Grab des heiligen Jakobus zählt seit dem Mittelalter, neben Jerusalem und Rom, zu den drei wichtigsten Pilgerwegen der Christenheit. Seit mehr als tausend Jahren zogen auf diesem Weg unzählige Menschen nach Westen. Ich gedenke mich diesem Zug durch die Zeiten anzuschließen. Die Idee zu dieser Pilgerreise gründete zum Teil in einer meiner tiefsten Überzeugungen, dass sich nämlich alles in dieser Welt, in diesem speziellen Fall das christliche Mittelalter in Spanien, sowie die moderne Renaissance der Wallfahrt nach Santiago, nicht allein mittels Reflexion, sondern nur in Verbindung von Reflexion und Tat ergründen und begreifen lasse. Andererseits treiben mich aber auch private Gründe auf diese Fahrt. So etwa das schwierige Bemühen um das Gleichgewicht der Seele.
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Nach der Einquartierung in die Pilgerherberge zog es mich noch zu einem kurzen Spaziergang durch die Stadt. Die tief stehende Frühlingssonne umflorte golden das frische Grün der Blätter an den Bäumen auf den Plazas. Beim Aufbruch von zu Hause, am frühen Morgen, lief ich auf dem Weg zur Bushaltestelle, noch über eisbereifte, kälteknisternde Wiesen.
Überall herrschte lebhaftes Treiben in der Stadt. Um diese Zeit, so zwischen acht und neun Uhr Abends, trinken die Spanier einen Aperitif vor dem Essen, das man noch viel später zu sich nimmt. Das südländische Element, das ich in anderer Form schon von Italien her kannte, wirkte sogleich erheiternd auf mich. Es war als perlte mit einem Male eine halbe Flasche Champagner durch das Blut. Leider konnten wir uns dem Trubel nur für kurze Zeit anschließen. Die Zeit reichte gerade einmal für ein schnelles Abendessen, da die Pilgerherberge bereits um zehn Uhr schloss.
Puente la Reina, den 9. April 2002
Der erste Tag unterwegs. Nach stundenlanger Wanderung durch die hässlichen Industrievororte Pamplonas, ging es hinauf in die Sierra Perdón, deren Höhenrücken mit unzähligen Windrädern bestückt sind, die wohl Strom für Pamplona liefern. Enzian, wilde Rosen und Steineichen säumten den Weg. Die Ruhe und Weite der Landschaft wirkte sogleich beruhigend auf die Seele. In Puente la Reina, dem ersten Etappenziel, dann unverhofft schon einer der ersten Höhepunkte der Reise. Nahe der modernen Pilgerherberge, von dieser nur durch einen weiten Hof getrennt, steht die geheimnisvolle, wahrscheinlich von den Templern, erbaute Kirche Iglesia de Crucifijo, aus dem zwölften Jahrhundert, die ich gleich, nachdem ich mich in der Herberge ein wenig von den Strapazen der Wanderung erholt hatte, besuchte. Im vollkommen schmucklosen Inneren der Kirche, das gleichwohl in seinem gelungenen architektonischen Minimalismus von einer vollkommenen Formbeherrschung zeugte, stand ich mit einem Male einem Kruzifix gegenüber, das eine Ausdruckskraft und Lebendigkeit an sich hatte, die absolut außergewöhnlich war. Schon allein der Stamm des Kreuzes war in seiner Form seltsam und ungewöhnlich. Er hatte erstaunlicherweise die Form der germanischen Yr-Rune, die sowohl der Eibe, als auch dem höchsten Gott Odin zugeordnet war. Sollte hier auf eine unerklärliche Weise altes heidnisches Gedankengut in die christliche Kunst eingeflossen sein? Den Templern wird ja nachgesagt, dass sie ihr Wissen nicht nur christlichen Quellen entnahmen. Und Parallelen zwischen der christlichen und der heidnischen Überlieferung sind zweifelsohne vorhanden. Wie Jesus war auch Odin am Holze geopfert, er selber sich selbst zum Opfer hingegeben, wie es heißt. Neun Tage und Nächte lang hing er an einem Speer, der durch seine Brustmuskulatur gebohrt war. An der Weltesche Yggdrasil hing er so, auf der Suche nach Wissen und Weisheit.
Dann der Corpus selbst. Nähert man sich dem Kreuz bis auf etwa eineinhalb, zwei Meter, blickt der Gekreuzigte direkt auf dich herab. Ich muss gestehen, dass mir ein Schauder über den Rücken lief. Beinahe hatte man das Gefühl dieser Christus da am Kreuze lebe; das Gesicht, das einem hier vom Kreuzesstamm herab anblicke, sei nicht aus toter Materie, aus Holz geschnitzt, sondern atme, fühle. Ein lebendiges Gleichnis hatte dieser unbekannte Bildhauer da in das Gesicht des Jesus am Kreuz geschrieben. Von Leid gezeichnet ist dieses Gesicht. Doch spricht es auch davon, dass das Leid überwindbar ist. Überwindbar in der Nachfolge Jesu, wie es in der christlichen Tradition heißt, die sich dabei eben auf diesen Jesu am Kreuz bezieht.
Was ist nun mit diesem Ausdruck gemeint? „Das Leid überwinden in der Nachfolge Jesu.“ Wie so viele christliche Formeln erscheint auch diese heute oftmals abgedroschen und leer, so dass sie zur bloßen Phrase herabzusinken droht. Bei der Betrachtung dieses Kruzifix begriff ich zum ersten Mal, was es damit auf sich haben könnte. Es ist eine Art Mittelweg, der hier beschritten wird. Weder wird dem Leid im heroischen Kampf, in edler doch letztlich zum Scheitern verurteilten Gegenwehr, Widerstand geleistet, noch auch ist aus Furcht vor dem Leid eine kynische Selbstverleugnung gestattet, wie es etwa die Haltung des Diogenes und manch anderer Askesekünstler war. Leid scheint hier in stiller Duldung überwindbar, oder doch wenigstens sublimierbar zu sein. Demut, die etwas ganz anderes ist als Selbstverleugnung, erscheint als christlicher Schlüssel zur Überwindung des Leids.
Wie war der Umgang mit dem Leid, bevor das Christentum Einzug hielt? Wobei uns hier einmal nur das germanische Europa zu interessieren braucht. Ich muss noch einmal beide Gleichnisse gegenüberstellen, um die Unterschiede zweier Geisteshaltungen noch deutlicher herausarbeiten zu können, die sich doch rein äußerlich, eben in ihren Gleichnissen, wie wir gesehen haben, so sehr ähneln. - Jesus am Kreuz und Odin an der Weltesche Yggdrasil. - Das Leid zu leugnen, so verwegen war noch kein Philosoph, noch keine Religion. Im Christentum freilich wird es im Gegensatz zu den meisten anderen Religionen zu dem zentralen Problem des Denkens und Empfindens. Das Kreuz, das Instrument des Martyriums und des Leids, steht in den meisten christlichen Kirchen, schon rein optisch, im Zentrum der Anbetung. In Leid und Schmerz sind wir an die Welt gekettet. Jesus vermag das Leid, wie wir gesehen haben, in stiller Duldung, vielleicht auch im Vertrauen an einen gerechten und ausgleichenden Gott zu überwinden. Diesem Ideal, der stillen Erduldung des Leids, vermag ein jeder nachzueifern, wenn eine vollendete Haltung im Leid auch unendlich schwer sein mag.
Auch Odin ist ein leidender Gott. Freilich gleicht sein Leiden an der Weltesche Yggdrasil eher einem schamanischen Einweihungsritual. Nicht Erlösung von irgend etwas, von den Sünden, von der Last der Welt, war das Ziel Odins, sondern Zuwachs an Weisheit, an Zauberkraft und damit letztlich an Macht. Das ist der fundamentale Unterschied. Das Christentum ist eine Erlösungsreligion; Erlösung von den Sünden, vom Tod. In der nordischgermanischen Mythologie hingegen stand die Frage nach irgend einer Art von Erlösung nicht einmal ansatzweise und von Ferne zur Debatte. Man musste nicht erlöst werden. Die Welt war ein Ort, um seine Kräfte zu erproben. Sie war ein Platz zum Kämpfen, zum Rauben. Sie war wie geschaffen für Kriegervölker, wie es die germanischen Stämme seit jeher waren.
Bild 1: Puente la Reina mit seiner romanischen Brücke. Wahrscheinlich die schönste am ganzen Jakobsweg. Hier verbindet sich der navarrischeund der aragonische Weg zum Camino Francés.
Terra de Estella, den 10. April 2002
Wanderung durch hügeliges, meist mit niederem Gebüsch bewachsenem Land. Streckenweise verläuft der Jakobsweg auf alten Römerstraßen, die noch recht gut erhalten sind. Sogar zweitausend Jahre alte Brücken sind noch intakt. Es ist ein merkwürdiges Gefühl der vielen Menschen zu gedenken, die im Laufe der Jahrhunderte über die Pflastersteine dieser Straßen geschritten sind. Römische Legionäre, Westgoten, Vandalen und Sueben, die Mauren, Karl der Große mit seinem Heer, mittelalterliche Jakobspilger... Wie Staub vom Wind sind ihre Namen längst verweht, untergesunken im Meer der Zeit.
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Fünfzehn bis zwanzig Kilometer legte eine römische Marschkolonne auf diesen Straßen am Tag zurück. Das war in etwa die Entfernung, die auch ich heute zurücklegte. Zum ersten Mal machten mir meine Füße heute zu schaffen. Auf dem unebenen Pflaster bildeten sich innerhalb von wenigen Stunden dicke Blasen. Doch sind ja die Erfahrungen, die wir unter Mühen und Schmerzen gewinnen die wertvollsten. Vor Terra de Estella, dem heutigen Ziel, führte der Weg an großen, blaublühenden Lilien vorbei, die im feuchten Bachgrund wuchsen. Die Stadt selbst erreichten wir bei Regen. Vorbei an der Kirche, mit ihrem schönen gotischen Portal, und dem darüber thronenden Dominikanerkloster, kamen wir in die Altstadt, wo die Pilgerherberge liegt. Dort, am Empfang, bewunderten wir die Fotografie dreier Jakobspilger aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Mit ihren schweren Filzmänteln und ihren langen Bärten hatten sie wahrlich ein wildes Aussehen. H. , die mich ein Stück des Weges begleitet und einige Zeit in Indien verbracht hat, meinte die Gestalten auf dem Foto erinnere sie an die dortigen Sadhus.
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Auf dem Weg nach Santiago befinden sich auch zwei junge Spanier, die wir fast allabendlich in den Herbergen und öfters auch unterwegs auf der Strecke treffen, da sie in etwa die selben Tagesetappen laufen, wie wir. Sie sind trotz des Regens und relativ kühler Temperaturen nur mit kurzen Hosen bekleidet. Die Abende, bis zu der Stunde, wenn die Herbergen schließen, verbringen sie in den umliegenden Kneipen. Dann, in der Nacht, veranstalten sie ein Schnarchkonzert von außerordentlicher Lautstärke und einer ebensolchen Ausdauer. Letzte Nacht, in Puente la Reina, nahmen die Hälfte der Leute im Schlafraum, in dem die Spanier und auch ich übernachteten, ihre Matratzen unter dem Arm und zogen es vor, draußen auf dem Gang zu schlafen. Ich selbst bekam von dem nächtlichen Aufruhr allerdings gar nichts mit. Wenn ich einmal schlafe, schlafe ich tief und fest und bin so leicht nicht mehr zu erwecken. Ich war nur ziemlich erstaunt, als ich am nächsten Morgen erwachte und die Hälfte der Leute, samt Matratzen, fehlten.
Los Arcos, den 11. April 2002
Marsch durch weite Hügellandschaften. Kaltes, launisches Aprilwetter. Regen und Schnee wechselten einander ab. Weiß glänzten die Anhöhen ringsumher durch den dichten Nebel. Die Wege waren von dem ständigen Niederschlägen schlammig und aufgeweicht. Wie Bleigewichte, schwer und träge, hängte der Morast sich an den Schuhen fest. Nach einiger Zeit des Marschierens gerät man in einem seltsamen, traumartigen Zustand, gemischt aus Erschöpfung und einer meditationsähnlichen Leere. Dann tauchen die Gedanken in ungeahnte Tiefen hinab und kehren oft unvermittelt mit ungeahnten Schätzen an die Oberfläche des Bewusstseins zurück.
Viana, den 12. April 2002
Heute ist es bedeutend wärmer als gestern. Die Hügel werden allmählich sanfter. Die Landschaft wird lieblicher. Weingärten und Spargelfelder bestimmen das Bild. Außerdem wachsen hier schon Pfirsichbäume und sogar eine einzelne, doch abgestorbene Palme, neben einer verfallenen Finca, fügt sich in die südländische Vegetation ein. Wir nähern uns der Rioja. Während des gleichmäßigen Gehens dachte ich über das Archetypische, das überall und zu allen Zeiten Geltende, einer solchen Pilgerschaft nach. In allen großen Weltreligionen findet sich ja die Idee der religiösen Reinigung und Übung im Unterwegssein. Die Ziele sind gegenüber der Grundidee vielleicht sekundärer Natur. Mögen sie nun Mekka, Kailas, Fudschijama, oder eben Santiago de Compostela heißen. Ein gemeinsamer Nenner ist allen Religionen eigen. Im Weg, im fernen, verheißungsvollen Ziel, in der seelischen Reinigung durch körperliche Anstrengung, verkörpert sich überall die Idee religiöser Pilgerschaft. Und in diesem Sinne wird dann die Pilgerschaft Gleichnis für die Lebensreise an sich. Denn ist letztere für den geistig wachen Menschen nicht fortwährend das, was die Pilgerfahrt für den Pilger zeitlich begrenzt, für die Dauer seiner Reise, ist? Ein stetiges Bemühen auf ein fernes Ziel hin, Katharsis und Umbildung der Seele im Erleben und im Bewusstwerden. Und dann die Glücksstunde, in der das fortdauernde Bestreben im Ziel seine Erfüllung findet! Und das letzte unserer Ziele, das Ende all unserer Anstrengungen, wird einstmals die Todesstunde sein. Jene letzte Erfüllung. Und vielleicht dürfen wir auch dann das Glück des Ankommens, der Erfüllung all unserer Anstrengungen kosten.
Nájera, den 13. April 2002