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Zoe Sugg

Solo für

Girl Online

Aus dem Englischen

von Henriette Zeltner

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1. Auflage 2016

© 2016 cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Text © Zoe Sugg 2016

Landkarte © mapsofjoy.com, 2016

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel

»Girl Online going solo« bei Penguin Books, London,

einem Teil der Penguin Random House Verlagsgruppe,

deren Adressen auf global.penguinrandomhouse.com

zu finden sind.

The moral right of Zoe Sugg has been asserted.

Aus dem Englischen von Henriette Zeltner

Lektorat: Antje Steinhäuser

Umschlaggestaltung: Kathrin Schüler, Berlin

Umschlagmotive: © Shutterstock (tomertu, Oleg_P.,

Miguel Alcala, Kitja Kitja, Fabio Pagani, Africa Studio)

kk · Herstellung: UK

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-20764-9
V003

www.cbj-jugendbuch.de

Du findest uns auch auf Instagram @hey_reader

Für meine wunderbaren Zuschauer, Leser und Fans. Ich danke euch allen für eure ausdauernde Unterstützung und dafür, dass euch Penny und ihre Geschichte genauso gefällt wie mir. Ich hoffe, auch ihr setzt alles daran, eure Träume zu verwirklichen.

Wenn ich das schaffe, schafft ihr es auch!

Girl online Lieblingsplätze in Brighton

Map illustration © mapsofjoy.com, 2016

15. September

Wo ist Noah Flynn?

Eine kleine Unterbrechung in meinem üblichen Blogging-Rhythmus!

Wenn ihr Girl Online regelmäßig lest, dann wisst ihr, dass ich eure Fragen liebend gern beantworte. Entweder über die Kommentarfunktion oder per E-Mail. Die meisten von euch sind ja supercool und fragen normale Sachen, etwa nach meinem neuen Schuljahr und wie ich mit den bevorstehenden Hausarbeiten für meine Kurse und Prüfungsterminen klarkomme … Mein Postfach quillt aber auch über mit Fragen nach Noah Flynn. Genauer gesagt: Wo ist er? Was treibt er? Warum hat er die Welttournee von The Sketch abgebrochen?

Und das passiert übrigens nicht nur hier in meinem Blog, sondern auf allen Social Media Accounts, die ich besitze. Sogar auch im richtigen Leben! Deshalb habe ich das Gefühl, es ist an der Zeit, klar zu sagen, was ich weiß.

Wenn ihr neu in meinem Blog seid, wisst ihr vielleicht nicht, dass Noah und ich mal zusammen waren (die Betonung liegt auf »waren«). Wer mir schon ganz lange folgt, erinnert sich an ihn vielleicht noch als »Brooklyn Boy«. Obwohl ich schon seit einer Weile nichts mehr über ihn oder besser gesagt über uns geschrieben habe, bewirkte die Auszeit, die er sich zuletzt genommen hat, dass eine Menge Leute sich fragen, wie es ihm geht.

Also, tief Luft geholt, hier kommt die Wahrheit: Ich weiß es auch nicht. Ich weiß genauso viel wie ihr und kann nur hoffen, dass es ihm gut geht und dass, was immer er tut, ihn glücklich macht. Sein Management hat folgendes Statement veröffentlicht:

»Aufgrund massiver Arbeitsbelastung und aus privaten Gründen hat Noah Flynn sich entschlossen, die Welttournee von The Sketch einen Monat früher als vorgesehen zu verlassen. Seine Fans bittet er, ihm diese Enttäuschung zu verzeihen, und dankt ihnen für ihre Treue.«

Das ist alles, was ich habe. Eine Freundin von Noah zu sein, bedeutet leider nicht automatisch, dass ich ihn über GPS aufspüren kann, indem ich mich auf irgendeine App auf meinem Handy einlogge und sofort sehen kann, wo er ist. (Bin mir ziemlich sicher, dass meine Mum das bei mir und meinem Bruder so macht.) Ich kann euch nur sagen, dass ich Noah kenne und er diese Entscheidung sicher nicht leichtfertig getroffen hat. Aber er ist auch ein tougher Bursche, und ich bin mir sicher, dass er, ehe wir uns versehen, wieder da sein wird.

Ich hoffe, das beantwortet eure Fragen, sodass wir jetzt zum normalen Alltag auf Girl Online zurückkehren können.

Und für diejenigen von euch, die keinen Schimmer haben, wovon ich da eigentlich gerade rede … sorry, ha ha! Und Noah, falls du das hier liest, schreib mir mal eine SMS, sonst muss ich vielleicht doch einen Privatdetektiv engagieren, der dich aufspürt.

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Kapitel 1

Kaum habe ich den Blogpost fertig geschrieben, schiebe ich Elliot meinen Laptop hin. »Denkst du, das reicht?«

Sein Blick wandert über das Display, und ich beschäftige mich inzwischen mit dem Nagel an meinem kleinen Finger.

»Ich finde, es sieht gut aus«, sagt er nach ein paar quälenden Sekunden.

Nachdem ich seine Bestätigung habe, schnappe ich mir meinen Laptop wieder und klicke auf Veröffentlichen, bevor ich es mir noch mal anders überlegen kann. Sofort habe ich das Gefühl, eine Last würde von meinen Schultern verschwinden. Jetzt ist es getan. Ich kann die Worte nicht zurücknehmen. Mein »Statement« ist offiziell da draußen, obwohl es eigentlich albern ist, dass ich überhaupt ein Statement abgeben muss. Meine Wangen werden heiß, als mir bewusst wird, wie wütend diese Situation mich macht …

Elliot hüstelt – ziemlich laut – und unterbricht damit meinen Gedankenfluss. Er hat seinen Mund seitlich verzogen. Bei diesem Anblick wird mir sofort mulmig, denn ich weiß, dass er sich über irgendetwas Sorgen macht. »Hast du wirklich seit Mitte August nichts mehr von Noah gehört?«

Ich zucke mit den Schultern. »Nö.«

»Das kann ich gar nicht glauben. Brooklyn Boy enttäuscht uns.«

Ich zucke noch mal mit den Schultern. Das ist so ungefähr die einzige Geste, zu der ich in der Lage bin. Wenn ich zu lange darüber nachdenke, kommen all die Gefühle wieder hoch. Und es hat mich genug Mühe gekostet, sie zu verbergen.

»Alles, was ich habe, ist diese eine SMS.« Ich hole mein Handy hervor und öffne die Nachricht. »Siehst du?«

Sorry, Penny. Es ist alles ein bisschen viel geworden. Ich steige aus der Tour aus und nehm mir eine Auszeit. Melde mich bald Nx

Ich weiß nicht, wie Noah »bald« definiert, aber das ist jetzt schon über einen Monat her, und ich habe keinen Mucks von ihm gehört. Dabei habe ich ihm mehrere SMS, Direct Messages über Twitter und E-Mails geschickt und nie eine Antwort bekommen. Weil ich nicht wie die verzweifelte Exfreundin wirken wollte, die ihm nachspioniert, habe ich vor Kurzem damit aufgehört. Aber es zieht sich immer noch alles in mir zusammen, wenn ich nur daran denke, dass er überhaupt nicht reagiert hat.

»Tja, du hast das Richtige getan, indem du deine Story veröffentlicht hast, damit die Leute dich endlich in Ruhe lassen. Wer braucht schon so ein Drama, was?«

»Genau.« Ich gehe ans Fußende meines Betts und schnappe mir die Haarbürste vom Schreibtisch. Mein Blick wandert über die Selfies am Spiegel, während ich meine von der Sommersonne ein bisschen aufgehellten rotblonden Haare bürste. Da gibt es Bilder von mir mit Leah Brown, mit Elliot und Alex, und sogar eins mit Megan. Die meisten sind jedoch halb verdeckt von Lieblingsfotos, die ich aus Zeitschriften ausgeschnitten habe – als Anregungen für meine eigene Mappe. Außerdem hängt da der Zeitplan für meine Abiturvorbereitung. Sorgsam habe ich darin Unterstreichungen vorgenommen und mit verschiedenen Farben markiert, um genau zu wissen, was ich tun muss. Mum hat schon gescherzt, dass ich mehr Zeit mit Farbstiften als mit Lernen verbringe, aber es hilft mir eben, weil es mir ein Gefühl von Kontrolle gibt. Auf alles andere in meinem Leben habe ich anscheinend sowieso keinen Einfluss – nicht auf Noah und auch nicht auf meine Karriere als Fotografin, nicht mal auf meine Freunde … Alle bereiten sich schon auf das Leben nach diesem Schuljahr vor. Obwohl ich mit meinem Praktikum bei François-Pierre Nouveau – einem der angesagtesten Fotografen weltweit – einen Riesenvorsprung habe, kommt es mir vor, als würde ich stillstehen, während alle um mich herum rennen. Wie soll ich danach weitermachen?

»Denkst du, er hat jemand anderen kennengelernt?« Elliot schaut mich über den Rand seiner Brille mit einem Ausdruck an, den ich nur zu gut kenne. Das wird Penny gar nicht gefallen, sagt dieser Ausdruck, mit dem er mich hin und wieder überrascht.

»Elliot!« Ich werfe die Bürste nach ihm, der er mühelos ausweicht. Sie knallt gegen die Wand und landet dann auf einem Haufen Wäsche.

»Was denn? Er ist Single, du bist Single. Es wird langsam Zeit, dass du mal wieder rausgehst, Pen. Im Leben gibt es noch mehr als nur Brooklyn.« Dann zwinkert er mir so übertrieben zu, wie es seine Art ist, und ich verdrehe die Augen.

Wenn es irgendetwas gibt, das mich noch mehr aufregt als Noahs Schweigen, dann ist es die Vorstellung, dass er jemand anderen hat.

Weil ich dringend das Thema wechseln muss, frage ich Elliot: »Wie geht es eigentlich Alex?«

Elliot hebt die Hände zur Decke. »Perfekt, wie immer.«

Ich grinse. »Ihr beiden seid einfach zu süß. Fast könnte einem davon schlecht werden.«

»Hab ich dir schon erzählt, dass er das mit dem Vintage-Shop nicht mehr macht? Er arbeitet jetzt in einem Restaurant.« Elliot strahlt vor Stolz. »Ich kann’s gar nicht erwarten, mit der Schule fertig zu sein, damit wir zusammenziehen können. Ich meine, ich verbringe ja sowieso den Großteil meines Lebens in seiner Wohnung. Wenn ich nicht gerade hier bin, versteht sich.«

Er lächelt, aber dieses Lächeln erreicht seine Augen nicht. Da beuge ich mich vor und ergreife seine Hand. »Deine Eltern werden sich schon damit abfinden …« Seit Wochen wird bei den Wentworths zu Hause ununterbrochen gestritten. Manchmal hören wir das Geschrei durch die dünne Wand meines Zimmers im Dachgeschoss. Solche Abende sind ein bisschen peinlich.

Jetzt ist er mit Schulterzucken dran. »Meiner Ansicht nach sollten sie sich endlich selbst aus ihrem Elend befreien. Wir wären alle besser dran, wenn sie sich einvernehmlich trennen würden.«

»Penny!«, höre ich meine Mum durchs Treppenhaus herauf rufen.

Ich schaue auf meinem Handy nach der Uhrzeit. »Oh, Mist! Los, Elliot – wir kommen zu spät! Ich kann doch meine erste Stunde nicht verpassen.« Also springe ich vom Bett auf und beginne, Bücher in meine Tasche zu werfen. Schnell kontrolliere ich noch mein Gesicht im Spiegel, und erst da fällt mir auf, dass ich nur die Hälfte meiner Haare gebürstet hatte, bevor ich die Bürste nach Elliot geworfen habe. Vom Tisch schnappe ich mir ein Haargummi und drehe die Haare – zerzaust oder nicht – zu einem hohen Knoten zusammen. Das muss reichen.

Elliots Fähigkeit, eine dunkle Wolke in einen Sonnenstrahl zu verwandeln, erstaunt mich schon immer. Auch als ich mich jetzt wieder zu ihm umdrehe, ist er munter und gesprächig. Grinsend hakt er sich bei mir unter. »Wettrennen um ein Schokocroissant?«

»Ich nehm’ dich beim Wort.«

Lachend nehmen wir immer zwei Stufen auf einmal und stoßen dabei mehrmals zusammen.

»Was habt ihr zwei Verrückten denn vor?«, spottet Mum, als wir die letzte Stufe runterspringen und uns jeder ein warmes Schokocroissant aus ihrer ausgestreckten Hand schnappen. »Vergiss nicht, heute Abend um sieben zu Hause zu sein. Wegen Toms Geburtstag.«

»Kein Problem!«, sage ich schon halb zur Tür hinaus und weiß, dass ich Schokolade an Stellen habe, wo sie an einer ordentlichen Sechzehnjährigen nicht sein sollte. Natürlich würde ich den Geburtstag meines großen Bruders nie vergessen, aber ich weiß, warum Mum mich daran erinnert. Ich habe mir nämlich angewöhnt, nach der Schule mit Elliot durch Brighton zu streifen und Fotos von ihm für meine Mappe zu machen. Er ist quasi das perfekte Model für mich: so superselbstbewusst, dass es ihm nie etwas ausmacht, mitten auf der Straße für mich zu posieren, selbst wenn Leute vorbeigehen. »Vielleicht sollte ich einen Blog starten«, meinte er irgendwann zu mir. »Dann könnte ich darin all diese Fotos präsentieren! Sogar die, die dir nicht gefallen, sind großartig.«

»Das solltest du«, hatte ich geantwortet. »Es wäre auch toll für deine Modeaktivitäten.«

»Ich denke mal drüber nach«, war seine Reaktion, aber er hat die Sache bis jetzt nicht angepackt. Deshalb vermute ich, dass Elliot die Idee, einen Blog zu haben, mehr anspricht als die Vorstellung von der ganzen damit verbundenen Arbeit. Immer verdreht er die Augen, wenn er mich schon wieder am Laptop sieht. Aber er weiß auch, dass genau das nötig ist, um einen Blog zu pflegen. Nach meiner langen Sendepause im letzten Jahr bin ich jetzt entschlossener denn je, einen Erfolg daraus zu machen.

Draußen bringt mir die kühle Luft in Erinnerung, dass es schon Herbst ist, auch wenn wir erst September haben. Diese Zeit des Jahres mag ich am allerliebsten: Das Laub der Bäume beginnt sich nach den Strapazen des Sommers zu verfärben und zu welken und die Sonne scheint ohne den Dunst der Sommerhitze klarer. Alles wirkt einfach eine Spur strahlender und frischer – ein sauberer Neuanfang fürs neue Schuljahr. Genau das brauche ich jetzt.

Ich schmiege mich enger an Elliot und hake mich bei ihm unter. »Unsere Foto-Session müssen wir heute Abend abkürzen«, sage ich. »Das einzig Bedauerliche daran, dass Alex im Secondhandladen aufhört, ist, dass wir dann keine witzigen Kostüme mehr ausleihen können!«

Ich erinnere mich an mein Lieblingsfoto von Elliot: Darauf trägt er seine normalen Klamotten (Skinny-Jeans, weinrotes T-Shirt und eine Strickjacke aus grober Wolle) und dazu einen Piratenhut mit riesiger Feder. Außerdem balanciert er mit einem Bein auf einem umgedrehten Eimer, den wir am Felsenstrand gefunden hatten. Er sieht darauf aus wie der Piratenkönig von Brighton. Allerdings ein Pirat mit echt gutem Modegeschmack.

»Dann müssen wir uns wohl wieder an den Fundus deiner Mutter halten«, sagt Elliot mit einem dramatischen Seufzer. Ich lache. Aber es stimmt. Mum besitzt aus ihrer Zeit am Theater noch eine Tonne seltsamer und wunderbarer Accessoires.

An der Bushaltestelle trennen wir uns. Und er verabschiedet mich mit zwei affektierten Küsschen auf die Wangen – das hat er sich in Paris abgeguckt und dann in seinem Praktikum bei der Zeitschrift CHIC vervollkommnet. »Bis später, Darling«, sagt er und senkt dann seine Stimme. »Ärger dich nicht zu sehr wegen Noah, versprochen?«

Ich merke, wie ich rot werde. »Versprochen.«

Von der Bushaltestelle aus habe ich nicht weit zu gehen, doch ich vermisse Elliots Gesellschaft sofort. Seine Abwesenheit schmerzt mich, als würde mir ein Arm oder ein Bein fehlen. Mir fehlt ein Elliot – und das tut weh. Ich weiß gar nicht, was ich tun werde, wenn er und Alex nächstes Jahr nach London ziehen. Allein der Gedanke daran bewirkt, dass das Schokocroissant wieder nach oben will, und ich schlucke heftig, damit es unten bleibt.

Da summt mein Handy, und sofort habe ich das Versprechen von vorhin vergessen und denke, das könnte Noah sein. Aber nein, es ist Kira. »Wo bist du?«, lautet ihre Nachricht. Ich schaue auf die Uhrzeit. Nur noch fünf Minuten bis zur ersten Stunde – dann soll ich mit Kira ein Geschichtsreferat halten. Oops.

Ich beschleunige mein Tempo, renne die Stufen hinauf und durch die Doppeltüren der Schule. Drinnen stoße ich auf zwei Siebtklässlerinnen, die sich über ihre Handys beugen und über irgendwas auf der Promiseite Celeb Watch kichern. Sofort merke ich, dass Verunsicherung sich wie eine Flutwelle in meinem Kopf aufbaut, weil sie vielleicht über mich lästern. Aber diesmal nicht. Anscheinend hat Hayden von The Sketch mit seiner Freundin Kendra Schluss gemacht, so viel schnappe ich auf. Als eines der Mädchen hochschaut und mich ansieht, runzelt sie die Stirn – aber in ihrem Blick ist keine Spur von Erkennen. Bestimmt liegt es nur daran, dass ich sie anstarre wie eine Spinnerin. Mit klopfendem Herzen renne ich weiter. Inzwischen dreht nicht mal mehr jemand den Kopf nach mir.

Erleichtert atme ich aus und merke, wie meine Nervosität nachlässt. Noah und ich sind anscheinend ganz offiziell Schnee von gestern. Ich bin nur ein normales Mädchen, das ein normales Leben lebt und eine normale Schule besucht. Genau das habe ich mir nach meinem Ausstieg aus der Tour ja auch gewünscht.

Oder etwa nicht?

»Penny! Du meine Güte, da bist du ja.« Kira läuft mir entgegen und reißt mich aus meinen Grübeleien. Sofort legt sie mit einem Schnelldurchlauf unseres Referats los. Und so lasse ich mich von ihr durch die Flure und zurück in die Normalität ziehen.

Kapitel 2

»Moment, bleib so, nur noch eins.«

»Penny, es ist fünf vor sieben …«

»Ich weiß, aber das Licht ist perfekt …« Dann mache ich ein letztes Bild von seiner Silhouette vor dem sich verdunkelnden Himmel. Diesmal sind wir nicht an den Strand gegangen, sondern in den Blakers Park, der vor unseren Häusern und neben einer Reihe pastellfarbener Häuser liegt. Dass wir oben auf dem Hügel wohnen, bedeutet, dass wir von unseren benachbarten Fenstern im Dachgeschoss eine tolle Aussicht auf den Park und das Meer haben. Im Park steht ein Uhrturm, unter dem Elliot und ich schon viele Abende lesend und fotografierend verbracht haben. Elliot nimmt übertriebene Posen ein: springt in die Höhe und macht eine Brücke. Ich liege im Gras und fotografiere von unten herauf. Wenn man nicht weiß, dass er das ist, erkennt man Elliot auf den Bildern nicht unbedingt. Es gelingt mir, den Sonnenuntergang mit seinem gewölbten Körper im Vordergrund zu fotografieren, sodass die Details im Sonnenlicht verschwimmen. Er selbst wirkt ätherisch, als strahle er von innen heraus.

»Okay, fertig«, sage ich und lege die Kamera ins Gras. Dann setze ich mich auf und kontrolliere mein Handy. Bis jetzt noch keine besorgten Nachrichten von Mum, also vermute ich, dass Tom sich wahrscheinlich verspätet.

»Lass mal sehen«, sagt Elliot, der sich aus der Brücke ins Gras fallen lässt. Ich beuge mich zu ihm. »Oh, Penny, die sind fantastisch. Deine besten bis jetzt. Die gehören ausgestellt.«

»Ja, das wird bestimmt das Herzstück! Ich werde es Elliot und die Sonnenscheinbrücke nennen.«

»Vielleicht solltest du an den Titeln noch ein bisschen feilen.«

»Einverstanden.«

Elliot malt sich für mich aus, dass ich eines Tages eine Riesenvernissage feiern werde – eine Einzelausstellung. Nicht so wie damals, als meine Bilder gemeinsam mit denen der anderen aus meinem Fotografiekurs an der Schule präsentiert wurden. Seine Vision von meiner Galerie ist mit einem großartigen Ort verknüpft – London oder New York oder sogar etwas so Entlegenes wie Shanghai oder Sydney. Solche hochfliegenden Träume bringen mich immer zum Schmunzeln, aber meine Nerven auch zum Flattern. Am Ende meines fantastischen Praktikums teilte mir François-Pierre Nouveau mit, dass ich vielleicht ein paar Bilder in seiner Galerie ausstellen dürfe – sofern sie jemals seinen hohen Ansprüchen genügen würden. Inzwischen habe ich schon ein paar der Fotos, die ich von Elliot gemacht habe, an Melissa geschickt. Sie leitet das Büro von F-P Nouveau, und wir hatten uns richtig gut verstanden. Sie erklärte mir, dass sie zwar gut wären, ihnen aber noch etwas fehlen würde. »Ich kann in diesen Bildern einfach nichts von dir entdecken«, meinte Melissa. »Du bist fast so weit. Arbeite daran, rauszufinden, was deine echte Leidenschaft ist, ein Thema, das du wirklich liebst, und dann wirst du es zu fassen kriegen. Deine Fotografien brauchen eine Stimme. Etwas, das … unverwechselbar Penny ist.«

Ich will sie nicht enttäuschen, deshalb heißt mein Ziel: üben, üben, üben, bis ich genau weiß, was »unverwechselbar Penny« ist. Denn meine Träume für mich sind genauso gigantisch wie Elliots. Ich will für den Rest meines Lebens fotografieren. Und noch nie war ich so entschlossen wie jetzt, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Da erregt etwas in meinem Augenwinkel meine Aufmerksamkeit, und ich schaue abrupt hoch. »Noah?«, flüstere ich, bevor ich es verhindern kann.

»Was? Wo?« Elliot folgt meinem Blick, aber da ist niemand. Wer auch immer eben noch dort war, muss inzwischen den Hügel hinunter verschwunden sein.

»Ich hätte schwören können …« Aber was habe ich gesehen? Eine tief über dunkle Haare gezogene Beanie. Einen vertrauten Gang. Das hätte jeder sein können. »Vergiss es«, sage ich rasch.

Elliot lässt sich nicht täuschen. »Ist schon gut, Penny. Ich wünschte auch, er wäre da. Aber es gibt jemand, der wirklich da ist, nämlich Tom. Also lass uns nach Hause gehen, ja?«

»Unbedingt.« Ich weiß, wie dumm das von mir war – Noah ist wahrscheinlich gerade in New York oder vielleicht LA, aber ganz bestimmt nicht in Brighton. Ich wünschte nur, ich wüsste irgendetwas über seinen Aufenthaltsort und darüber, was er gerade treibt. Dann könnte ich wenigstens aufhören, mich verrückt zu machen.

»Jetzt komm schon, du Schnecke!«, ruft Elliot, als ich auf dem Heimweg den Hügel hinauf ein Stück zurückfalle. Das ist das Problem hier in Brighton – es besteht fast nur aus Hügeln, und unsere Häuser stehen ungefähr auf der Hälfte von einem der höchsten.

»Ich habe gehört, dass Dad heute seine berühmte Lasagne macht!«, sage ich, nachdem ich Elliot eingeholt habe.

Er stöhnt. »O Gott, was wird er wohl diesmal reintun?«

»Ich habe keine Ahnung. Aber erinnerst du dich, wie er mal Ananas reingeschichtet hat, damit es hawaiianisch schmeckt?«

»Das hat mir sogar geschmeckt! Ich dachte eher an das eine Mal, als er gerade erfahren hatte, dass man in Mexiko Schokolade in die Soßen tut, und deshalb eine ganze Tafel Milchschokolade in die Bolognese getan hat!«

»Das war ziemlich eklig«, stimme ich ihm zu. »Vielleicht sollte ich ihm sagen, dass er sich am besten aufs Frühstückmachen beschränkt.«

»Nee, du weißt doch, wie gern dein Dad experimentiert, selbst wenn es nicht immer was wird. Ich meine, wer hätte denn gedacht, dass Chipsbrösel obendrauf gestreut eine Lasagne lecker und knusprig machen? Das Rezept sollte er sich patentieren lassen. Nimm dich in Acht, Jamie Oliver!«

Wie wir so übers Essen plaudern, vergeht die Zeit blitzschnell, und schon stehen wir vor unserem Haus. Elliot wirft nicht mal einen Blick auf die Haustür seiner Eltern nebenan, sondern folgt mir sofort zu uns hinein. Beim Eintreten empfängt uns sofort der kräftige Geruch von Kräutern und gebratenem Fleisch.

»Irgendwas duftet da köstlich!«, ruft Elliot hinter mir.

Dad erscheint mit einer Kochmütze im Flur, die schief auf seinem Kopf sitzt. »Heute Abend gibt es Lasagne auf griechische Art! Feta! Oregano! Lamm! Aubergine!«

»Also Moussaka?«

»O nein.« Dad wedelt mit einem Kochlöffel. »Es ist trotzdem noch Lasagne. Und wartet, bis ihr seht, was oben drauf ist …«

»Bitte, bitte, bitte keine Oliven!« Ich rümpfe die Nase.

»Nein, etwas noch Besseres: Anchovis!«

Elliot und ich stöhnen im Chor.

»Hello, happy People!«

»Tom!« Ich drehe mich um und quietsche vor Freude, als mein Bruder Tom durch die Tür kommt, gefolgt von seiner Langzeitfreundin Melanie. »Happy Birthday!«

»Danke, Pen-Pen!« Er umarmt mich schwungvoll und zerzaust mir die Haare.

»Hey! Lass das«, sage ich und schüttele ihn ab. Dann drücke ich Melanie fest. »Hey, Mel, wie geht’s?«

»Großartig, danke, Penny. Kann kaum erwarten, was euer Dad wieder gekocht hat.«

Ich muss lachen. »Bestimmt was Interessantes, wie immer!«

Die nächsten Stunden sind bestimmt von Essen und Gelächter und hüllen mich in eine warme Decke, die so tröstlich ist wie Mums alte wollene Strickjacke, die ich immer mitnehme, wenn ich in ein Flugzeug steige. Die griechische Lasagne war tatsächlich lecker (auch wenn ich erst all die ekligen kleinen Fischchen abgekratzt und an Tom weitergegeben habe). Jetzt sitzen alle entspannt um den Tisch: Mum erzählt Melanie von ihrer nächsten Hochzeit (das Motto lautet Cabaret und sie findet in Soho statt). Tom und Elliot lachen gerade über einen von Dads Scherzen.

Da kommt mir plötzlich eine Idee. Ich stehe auf und hole mir aus dem Flur meine Kamera, die ich neben den Rucksack gelegt hatte.

Wieder zurück richte ich das Objektiv auf meine Familie, um ihr Lächeln und Gelächter einzufangen. Das ist »unverwechselbar Penny«. Denn das sind alle, die ich lieb habe, zusammen in einem Raum.

Ich betrachte das Foto. Na ja … fast alle.

17. September

Gespenster sehen

Ich danke euch allen für die Unterstützung nach meinem letzten Blogpost. Leider musste ich die Kommentarfunktion irgendwann schließen es ist einfach ein bisschen ausgeufert. Aber vielleicht können wir das hier ja gemeinsam durchstehen, was meint ihr? Leute, ihr habt einfach immer die besten Ratschläge.

Im Moment sind die Gespenster das, was mir am meisten zu schaffen macht. Damit meine ich keine echten Gespenster (wenigstens hoffe ich das), sondern die Schatten die Spuren der vermissten Person, die noch überall in meinem Alltag zu finden sind, und diese Gespenster sind bereit, mich jeden Moment anzuspringen, sodass mir fast das Herz stehen bleibt.

Jedes Mal, wenn ich um eine Ecke biege, erinnert mich etwas anderes wieder an ihn. Obwohl ich mir sicher bin, dass er weit weg von hier ist, denke ich dauernd, ihn in einer Menschenmenge direkt vor mir zu sehen. Bei einer Gelegenheit habe ich sogar einen armen Kerl mal die Straße runter verfolgt, und als er sich dann umdrehte da war er es natürlich nicht. Es war nur ein Junge mit dunklem Haar.

Bin ich dabei, den Verstand zu verlieren? Kennt ihr dieses englische Sprichwort, dass ihr eine Gänsehaut kriegt, weil gerade jemand über euer Grab läuft? Genau so fühlt sich das an bibbernd, kalt, ein bisschen unheimlich , und ich komme mir dabei immer etwas erbärmlich vor. Was kann ich bloß machen, um die Gespenster zu verscheuchen und mich wieder normal zu fühlen?

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Kapitel 3

Nachdem ich den Blogpost vor zwei Tagen veröffentlicht habe, kann man die Ratschläge aus allen Kommentaren in drei Kategorien zusammenfassen:

1) Umgib dich mit Freunden und Familie – erledigt.

2) Lenk dich ab: Geh raus und mach mehr aufregende Dinge, bis die Erinnerungen an ihn anfangen zu verblassen – da könnte ich vielleicht noch mehr machen.

3) Such dir jemand Neuen – genau das ist auch Elliots wichtigster Rat. Trotzdem glaube ich irgendwie nicht, dass das passieren wird.

Ich habe mich also entschlossen, Methode Nummer 2 auszuprobieren. Und um mich abzulenken, nehme ich eine Einladung an, die ich schon vor ein paar Wochen per Nachricht erhalten habe. Megan hat mich darin aufgefordert, sie in London an der Madame Laplage School for the Arts zu besuchen – sie ist dort jetzt in der Abschlussklasse. Das ist eine wirklich angesehene Schule, und ich bin total stolz auf sie, weil sie es dorthin geschafft hat. Es war eine so große Sache, dass sogar die Lokalzeitung darüber berichtete, und zwar unter der Überschrift: SCHÜLERIN SICHERT SICH PLATZ AN DER AKADEMIE DER STARS. Ein Haufen berühmte Schauspielerinnen und Schauspieler haben dort ihre Ausbildung absolviert. (»Wie Megan nie zu erwähnen vergisst«, sagt Elliot.) Aber die Schule ist nicht nur für Schauspiel berühmt. Es gibt auch Musiker, Tänzer, Maler – wahrscheinlich sogar auch ein paar Fotografen. Megan muss auf dem Campus wohnen, was ein bisschen so ist, als ginge sie schon zur Uni. Trotz ihrer verrückten und manchmal arroganten Art vermisse ich sie tatsächlich.

»KOMM UND BESUCH MICH«, schrieb sie mir in Großbuchstaben in einer ihrer letzten Nachrichten. »Du wirst begeistert sein.«

Elliot hatte nur mit den Augen gerollt. »Wahrscheinlich braucht sie nur jemand, vor dem sie mit ihrer ›Hauptrolle‹ in Les Miserables oder was immer sie da machen, angeben kann.«

»West Side Story«, verbesserte ich ihn. Megan hatte am selben Tag auf Facebook gepostet, dass sie die Maria in der ersten großen Aufführung der Schule in diesem Jahr zu Halloween spielen würde.

»Die Proben sind anstrengend«, schrieb sie mir, »aber wenn du an einem Samstag nach elf kommst, dann chillen wir schon alle im Gemeinschaftsraum und ich kann dir jeden vorstellen.«

»Okay – ich komme«, schrieb ich zurück. Elliot war nicht begeistert, aber ich konnte ihm ansehen, dass sogar er froh war, dass ich mal rauskommen und etwas anderes außerhalb meiner vertrauten Umgebung machen würde.

»Juhu! Dann seh ich dich Samstag!«, lautete ihre Antwort.

Jetzt ist Samstag und einer dieser strahlenden herrlichen Septembertage, an denen London glitzert, als seien alle Gebäude frisch gewaschen. Als ich aus dem Zug steige, muss ich daran denken, wie weit ich in den letzten paar Monaten gekommen bin. Vor diesem Sommer wäre ich niemals allein mit dem Zug nach London gefahren und schon gar nicht dort mit der U-Bahn. Doch inzwischen habe ich diese kleinen Strategien im Hinterkopf, die mir helfen, meine Panik unter Kontrolle zu halten. Nicht ganz natürlich – ich weiß, dass das etwas ist, das mir auf die eine oder andere Weise für den Rest meines Lebens bleiben wird und das sein hässliches Haupt jederzeit heben kann. Doch solange ich meine Angstzustände beherrsche, aktiv angehe und akzeptiere, weiß ich, dass ich klarkomme.

Die Madame Laplage School liegt am Themse-Ufer. Megan wird mich an der U-Bahn-Haltestelle Embankment abholen und dann spazieren wir gemeinsam dorthin.

»Penny!« Mit einem Kaffee in der Hand winkt sie mir vor einer Starbucks-Filiale. Ich wusste gar nicht, dass sie etwas anderes als Milchshakes und Cola trinkt, aber das hier ist wohl die »erwachsene« Megan. »Ich hoffe, es macht dir nichts, dass ich mir schon mal was zu trinken besorgt habe«, sagt sie. »Du magst doch keinen Kaffee, oder?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein, ich brauche jetzt sowieso nichts.«

»Prima.« Sie hakt sich bei mir unter und führt mich über die Brücke bei der U-Bahn-Station. Da der Fluss einen Bogen beschreibt, kann ich St Paul’s Cathedral in der Ferne sehe. Ich bleibe stehen, um ein Foto zu machen. Megan schiebt sich sofort ins Bild und drapiert sich über dem Brückengeländer.

»Warte, mach auch ein Bild von mir vor dem National Theatre«, sagt sie und deutet auf den großen Betonbau nah bei ihrer Schule. »Vielleicht kannst du es eines Tages, wenn ich meine Hauptrolle in einem berühmten Stück am National spiele, für Millionen verkaufen.« Sie gackert auf eine Art und Weise, dass es mir schon peinlich ist und ich rasch das gewünschte Foto mache. »Darf ich’s sehen?«

Ich drehe die Kamera herum, um es ihr auf dem kleinen Display zu zeigen. Sie quietscht auf. »Oh mein Gott, Penny, das ist so großartig! Vielleicht solltest du auch meine Porträts machen.«

Ich lächle, während sie übers ganze Gesicht grinst, aber irgendwie fühlt es sich seltsam an. Selbst Megan ist normalerweise nicht so aufgekratzt und überdreht. Ich würde das gern auf zu viel Kaffee schieben, doch das allein kann es fast nicht sein.

»Wie läuft es denn so an der Schule?«, frage ich, nachdem wir die Brücke überquert haben.

»Ach, die Schule ist einfach fantastisch. Wusstest du, dass ein prominentes Paar aus Hollywood seine Kinder herschicken wird? Laut Celeb Watch ist das alles noch Pscht-Pscht, aber Madame Laplage ist der einzig wahre Ort für eine ordentliche Shakespeare-Schauspiel-Ausbildung. Und die Lehrer sind einfach unglaublich. Wusstest du, dass sie sogar einen Spezialisten für Monologe habe? Du solltest auch mal die Tänzer sehen … Ich habe noch nie so viele heiße Typen auf einem Haufen gesehen.« Sie zwinkert mir zu.

Während sie im Gehen weitererzählt, merke ich, dass sie meine Frage noch nicht beantwortet hat. Ich weiß bereits alles über ihre Schule, aber noch nicht, wie es ihr eigentlich dort geht.

Die Madame Laplage School befindet sich in einem riesigen alten Reihenhaus im Edwardianischen Stil. Früher waren das wahrscheinlich mehrere einzelne schmale, hohe Häuser, doch anscheinend hat man zahlreiche Wände herausgebrochen und die Fassade haben die Kunststudenten mit Wandgemälden in kräftig leuchtenden Farben bemalt. Durch die Glasscheibe einer der Türen kann ich einen Ballettsaal sehen.

Megan gibt immer noch etwa eine Million Worte pro Minute von sich, während wir durch ein Treppenhaus mehrere Etagen hinaufsteigen. Im zweiten Stock bleiben wir vor einer Tür mit der Aufschrift GEMEINSCHAFTSRAUM SCHAUSPIEL stehen.

»Also, jetzt flipp nicht aus, Penny, aber ein paar der Mädchen da drin wissen von dir und Noah und sind total neidisch, okay? Mach dir keine Sorgen, ich pass schon auf, dass sie cool bleiben, nur, veranstalte keinen unnötig großen Wirbel.«

»Äh … sicher nicht«, entgegne ich stirnrunzelnd. »Glaub mir, das Letzte, was ich möchte, ist, über Noah zu reden.«

»Gut. Alles klar …« Sie holt tief Luft, als müsse sie sich bereit machen. Dann öffnet sie die Tür.

Das Erste, woran dieser Gemeinschaftsraum mich erinnert, sind die Greenrooms, die ich backstage auf den Konzerten gesehen habe. Und definitiv ist hier mehr geboten als in dem Gemeinschaftsraum für die Zwölfte an unserer Schule. Die Chill-out-Atmosphäre ist jedoch die gleiche: Jungs, die auf durchgesessenen Sofas lungern, Mädchen, die die Beine über Stuhllehnen baumeln lassen. Einer der Jungs hat eine Gitarre, die er in einer Ecke gerade stimmt. Und alle sehen richtig gut aus. Ich frage mich fast, ob ich versehentlich in den Dreh der TV-Highschool-Serie Glee gestolpert bin.

Tatsächlich ist es fast genau so, wie Megan es geschildert hat – und ich werde nach Hause fahren und Elliot erzählen müssen, dass sie überhaupt nicht angegeben hat. Es ist nämlich wirklich so kreativ und verrückt und freigeistig, wie sie gesagt hat.

Megan wartet, bis ich mich umgesehen habe, dann greift sie nach meiner Hand. Wir gehen auf eine Gruppe von Mädchen zu, die an einem Tisch sitzen und sich gegenseitig Text aufsagen. Es dauert einen Moment, bis sie uns überhaupt bemerken. Ich sehe Megan fragend an und weiß nicht, warum sie gar nicht Hallo sagt, aber sie konzentriert sich ganz auf eines der Mädchen.

»Oh, hi, Megan«, sagt eine große Rothaarige mit hohem Pferdeschwanz. Sie hebt kaum den Blick in Megans Richtung und ihre Lippen bilden eine strenge Linie.

»Hey, Salena«, sagt Megan. Ihre Stimme ist derart hoch, dass sie schon fast piepst. So habe ich sie noch nie gehört. »Das ist die Freundin, von der ich dir erzählt habe. Du weißt schon … Penny Porter.«

Jetzt richtet Salena ihre Augen auf mich und lächelt. Das Lächeln verändert ihr Gesicht und lässt sie quirlig und warmherzig wirken. »Oh, hi, Penny«, sagt sie. Mit einer Hand greift sie hinter sich, packt einen Stuhl an der Lehne und stellt ihn schwungvoll neben sich. »Möchtest du dich setzen?«

»Äh, ach …« Ich sehe Megan an, die mich auch schon auf den Stuhl drückt. »Ich schätze, ja!«, sage ich und lache verlegen. Megan schießt inzwischen durch den Raum zu dem einzigen noch freien Stuhl und zerrt ihn ebenfalls an den Tisch.

Salena lässt mich nicht aus den Augen. »Das sind Lisa und Kayla. Sie sind im ersten Schauspieljahr, so wie ich.«

»Und wie Megan!«, sage ich fröhlich.

Sie nickt. »Also als Erstes muss ich dir sagen, dass ich deinen Blog echt liebe

Ich merke, wie ich rot und meine Wangen heiß werden. Denn ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass richtige Menschen meinen Blog lesen. Auch wenn die Zahlen meiner Seitenstatistik beweisen, dass es so sein muss. »Danke … ich betreibe ihn inzwischen schon eine Weile.«

»Ich weiß! Ich finde, du bist total authentisch.«

Neben mir nickt Megan begeistert zu allem, was Salena sagt.

»Und natürlich sind wir am Boden zerstört wegen … du weißt schon«, sagt Kayla von der anderen Seite des Tisches. Ihre Augen sind riesig und rund und ihre Haare raspelkurz.

»Danke«, antworte ich schon wieder und weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll. »Seid ihr alle schon aufgeregt wegen West Side Story?«, frage ich in der Hoffnung, das Thema wechseln zu können. »Megan ist ja so eine tolle Sängerin. Hat sie euch von der Aufführung von Romeo und Julia an unserer Schule erzählt?«

Salena macht den Mund auf, um zu antworten, aber in diesem Moment springt Megan auf. »Also, ich zeige Penny jetzt lieber der Rest des Hauses. Bis später, Mädels.«

Ich winke allen zaghaft zu. »War schön, euch kennenzulernen. Ciao.«

»War auch nett, dich kennenzulernen, Penny. Komm jederzeit wieder. Ich würde auch gern deine Meinung zu meinem Blog hören.«

»Na klar«, antworte ich. »Autsch.« Megan zerrt mich am Arm vom Stuhl, sodass ich mir das Knie am Tisch anstoße. Dann zieht sie mich in die Mitte des Raums. »Hey, was ist denn los?«, frage ich.

»Ich wollte mich nicht mehr mit diesen Mädchen unterhalten. Sie waren ein bisschen langweilig. Ich hatte dich ja gewarnt – nur über Noah jammern und über den Blog quatschen.«

»Sie waren doch gar nicht so schlimm …«

»Egal, jedenfalls gibt es noch Unmengen anderer Leute, die ich dir vorstellen will. Und ich will dir auch noch mehr von der Schule zeigen. Du musst unsere Hauptbühne sehen und die Garderoben und mein Zimmer.«

Wir wollen gerade gehen, als eine Hand auf meine Schulter tippt, sodass ich zusammenzucke. Ich drehe mich um und ein umwerfender Junge schaut mir in die Augen. Sofort denke ich, dass er bestimmt Megan gemeint hat, doch als ich einen Schritt beiseitemache, streckt er wieder die Hand aus und hält mich mit einer Berührung auf.

»Entschuldige, aber … bist du Penny Porter?«