Thomas Baumann, geboren im Heinrich-Lanz-Krankenhaus, studierte Slawistik und Politologie in Mannheim, Bonn und Köln, wo er heute wohnt. Nach Jahren des Rockjournalismus für »Visions«, »Soundcheck« und »Kerrang!«, nach Telefonsex-Texten und Jobs in der Margarine-Fabrik schreibt er für zahlreiche Comedysendungen, u. a. »Switch«, »Mensch Markus« und »Die dreisten Drei«. Er hat am gleichen Tag wie Loriot und Neil Young Geburtstag.
Dieses Buch versteht sich als Satire im Sinne des Gesetzgebers.
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© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag
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Umschlaggestaltung: Weusthoff Noël, www.wnkd.de
Erstausgabe 2005
eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN 978-3-86358-555-6
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Für Papa
Einleitung
Dieses Buch erhebt Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe mit jedem einzelnen Mannheimer persönlich gesprochen, kenne jeden Hundehaufen in Käfertal mit Vornamen (meistens: Karl) und kann nur schlussfolgern und den zuständigen Behörden empfehlen, dass Mannheim dringend Sitz des Europarats, der Vereinten Nationen und der NATO werden muss. Über die Finanzierung wird zu einem späteren Zeitpunkt entschieden.
Der mit Abstand häufigste Kommentar der Einheimischen zu meinem Vorhaben, die Wahrheit über Mannheim herauszufinden, war: »Ja, und wer soll das lesen?« Neben: »Ja, was soll denn da drinstehen?« Wenn ein Mensch die Kurpfalz im August mit Hundeschlitten abfährt, leuchtet dies den meisten eher ein, als wenn er ein Buch darüber schreibt.
Als meine Lektorin mich fragte, ob die Mannheimer Humor hätten, zögerte ich lange, jedoch ist die Frage nicht klar mit Nein zu beantworten. Hier wird viel gelacht, nur fehlt es Auswärtigen an den technischen Voraussetzungen bzw. mentalen Deformationen, dies nachvollziehen zu können.
Die Mannheimer Seele und Denkweise in einem Satz zu beschreiben, ist erheblich einfacher als befürchtet. Ich fragte Werner Walter, den Zuständigen der Mannheimer Ufo-Meldestelle, was er für den unwahrscheinlichen, aber allzeit möglichen Fall gedenke, einen vor seinen Füßen in Mannheim-Vogelstang landenden Außerirdischen nach den üblichen Begrüßungsformalitäten als Erstes zu fragen, und Werner Walter sagte ohne Nachdenken: »Ja, dringge Sie aa Weezebier?«
In einem Internetforum schleuderte ein gewisser »Ignaz Wrobel« aus Berlin, ohne es zu ahnen, gleich mehrfache Kern-Erkenntnisse über Mannheim unters Volk: »Die Mannheimer sind ja eh die sympathischsten Proletarier Deutschlands, oder die proletarischsten Badener, kommt vielleicht aufs selbe raus. Oder sind das Kurpfälzer? Wieso sind eigentlich keine Mannemer in diesem Forum?«
Ad eins: Mit »sympathisch« muss der kluge Ignaz Wrobel (ein Tucholsky-Pseudonym) die Eigenheit meinen, sich direkt zu verhalten und auszudrücken. Wenn die Urmutter Joy Fleming über die Stadtväter poltert: »Mannheim schätzt mich erst, wenn ich keinen Arsch mehr hab«, will sie damit zum Ausdruck bringen, dass Mannheim sie erst schätzt, wenn sie keinen Arsch mehr hat. Sie meint nicht etwa popolos, enthinternt oder – Gott behüte! – gesäßamputiert, sondern »keinen Arsch«. Eins zu eins.
Ad zwei: »Proletarier« trifft uneingeschränkt zu, da sich das Gefühl, geradezu genetisch von Geburt an Arbeiter zu sein, niederschlägt im ewigen Unterdrücktfühlen: »Hajo, mit uns kenne se’s jo mache«, »Imma uff die Glääne.« Der dauergekränkte Tonfall tut ein Übriges. Immer ein wenig beleidigt, benachteiligt, ungerecht behandelt: »’tschuldischung, dass isch gebore bin«, lautet das ultimative eingeschnappte Totschlagargument.
Ad drei: Badener oder Kurpfälzer? Ethnisch ist der Mannheimer ein Mix aus Hugenotte, Pfälzer, Franke und allerlei streunenden Straßenziegen. Aber was will dieser Mannheimer sagen, wenn er ein lautstarkes HEEAAH! über die Straßenkreuzung bellt? Nun, mit Ausstoßen des Lauts HEEAAH! signalisiert er entweder: 1) Er trifft zufällig einen alten Freund wieder, oder: 2) Er fordert einen Autofahrer auf, ihm nicht den Parkplatz wegzuschnappen, der dem Mannheimer seit achtzehn Jahren GEHÖRT, oder aber: 3) Er hat gerade geheiratet und freut sich. In jedem Fall heißt es laut und deutlich HEEAAH! Wir gratulieren vorsichtshalber.
Man kann sich in dieser Stadt wohl fühlen, muss sich allerdings mit manchen Eigentümlichkeiten arrangieren. Erwarten Sie zum Beispiel nicht, dass sich der Mannheimer auf Ihre mitgebrachten Gepflogenheiten einstellt oder fremde Gerichte essen will, noch nicht mal beim Rezept hört er Ihnen richtig zu. Schlimmstenfalls wird er sich Ihrethalben bemühen, Hochdeutsch zu reden! Machen Sie sich in diesem Fall gefasst auf eine unheimliche Nachtwanderung in eine finstere philologische Zwischenwelt, die noch kein menschliches Ohr unversehrt wieder verlassen hat. Beispiel: »Die Sonne hat gescheunt und die Glocken haben gelitten.«
Und ad vier: Zweifellos wurden alle Mannheimer aus dem Forum verbannt wegen notorischer Rechthaberei. Wo die Forschungsgruppe Wahlen sich von Amts wegen um die präzisesten Wahlprognosen bemüht, trägt der Duden das Banner »In Zweifelsfällen sind die im Duden gebrauchten Regeln verbindlich« vor sich her, und der glääne Monn ist just dann am rechthaberischsten, wenn ihm die Sachargumente ausgehen, zu erkennen entweder an der trotzigen Parole »Du hosch Reschd und isch mei Ruh!« oder daran, dass er Ihnen das Nasenbein bricht.
Sind die Mannheimer stur? Das lässt sich nicht so einfach beantworten, aber die Antwort lautet in jedem Fall Ja. Egal, was Sie jetzt sagen, es ist so, wie es ist, glauben Sie’s mir doch, wie oft soll ich’s denn noch sagen, Herrgottsakrament nochemo, jetz is awwer Ruh im Kadong! (Beachten Sie bitte, dass »Ka-dong« auf der ersten Silbe betont wird, ebenso »Bal-gong«.)
Berliner gelten als patzig, Hamburger als kühl, Kölner als fröhlich, Münchner als irgendwie krachledern. Über solche Klischees zu debattieren lohnt nur bei reichlich Alkoholzufuhr und Muße. Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, dass besonders das offizielle Mannheim allen Ernstes meint, in dieser Aufzählung zu fehlen. Ein Fernsehturm und ein C&A sind da etwas dünne, denken Sie zu Recht, aber führen Sie diese Debatte bloß nicht mit Einheimischen. Die Mannheimer werden Argumente (er)finden, die Sie vom Stuhl hauen: »Bei uns gibt’s e Planetarium, gell!«
Als typische Mittelklassestadt, mit gut dreihunderttausend Einwohnern auf Platz 20 der deutschen Städte, rangiert Mannheim nach Wuppertal, Bielefeld und Bonn und vor Karlsruhe, Gelsenkirchen und Wiesbaden, eingebettet in Durchschnitt, auffällig wie die Gurkenscheibe im Hamburger. Googelt man nach diesen Städtenamen ohne jeglichen Zusatz, so rangiert Mannheim hinter Bonn und Karlsruhe, womöglich weil Letztere als Heimstatt bedeutsamer Institutionen der Bundesrepublik dienen. Anders sieht es aus im Spiegel-Online-Archiv von 2000 – 2005. Dort taucht Mannheim seltener auf als alle Tabellennachbarn der Einwohnerstatistik, nur Wuppertal ist noch unscheinbarer. Mannheim strebt nach oben, nicht totzukriegen ist der Slogan »Monnem vorne!«, der, jahrzehntelang den Mannheimern eingeprügelt, Wirkung zeigt, nur nicht jenseits der Stadtgrenze.
Ob man die Literatur über Mannheim betrachtet, eine Stadtrundfahrt macht, durch »die Zeitung« blättert oder mit offiziellen Vertretern der Stadt spricht: Permanent wird auf vergangene Großtaten hingewiesen, aufgrund derer man glaubt, den Status einer Metropole innezuhaben. Es gibt ja auch eine (in Zahlen: 1) U-Bahn-Station! Die Fußballvereine krebsen in der 4. Liga herum und sind dabei noch gut bedient, denn laut der vergleichenden Studie »Les villes européennes« der Universität Montpellier befindet sich Mannheim europaweit in der 7. Liga. Innerhalb derer immerhin in der Spitzengruppe – zusammen mit solch glanzvollen Ansiedlungen wie Toulon und Tampere, Tours und Turku. Na ja, wenigstens Bielefeld lässt Mannheim weit hinter sich (außer im Fußball). Wird Mannheim der Aufstieg in die 6. Liga gelingen? Dort warten Giganten wie Padua, Palermo und Pamplona. Immer nach dem Motto »Warum immer bloß die annere? Mir sin aa noch do.« Wir drücken die Daumen!
Thomas Baumann, im September 2005
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spricht man Stadt Mannheim2 falsch aus. Quatsch hoch zwei ist freilich auch LeihamtMannheim2, AltenpflegeMannheim2 und FriedhofsamtMannheim2, weil man weder quadratpleite noch quadratalt oder gar quadrattot sein kann im »Konzern Mannheim«, wie sich die Stadt ja ebenfalls zu nennen meinen müssen glaubt. Widdersprüchlich scheint der OB-Kommentar: »Die Potenzierung drückt nicht nur eines der Wesensmerkmale Mannheims aus. Sie steht auch für das Potenzial, das in unserer Stadt steckt.« Mensch, Gerry, alter Fuchs, warum dann nicht gleich Mannheim3 oder Mannheim4 oder Mannheimn? Nur weil’s nicht auf der Tastatur ist? Alldieweil die Behörden noch die alten Briefbögen aufbrauchen, sollte man überlegen, das Potenzial zu potenzieren. Putzig übrigens, dass kurz vor Bestellung des neuen Logos gerade der Hafen Geld für ein neues Erscheinungsbild ausgegeben hat. Man hätte sich theoretisch verständigen können, aber es ist halt doch ein verflixt weiter Weg vom Hafen bis C5. Ach ja, den wunderbar patinabehafteten Waschmittelslogan »Mannem vorne« gibt’s gottlob ebenso weiterhin wie den gänzlich unverjagbaren Schmuddel, der im Stadtbild an alten Mülleimern das weit und breit Schmuddeligste ist, das das Auge erblickt. Der Schmuddel muss bleiben, und wehe, da malt einer 2 dran!
Quadrate1
I. Schäfermatt
Vor vierhundert Jahren war es gerade hip, Städte geometrisch anzulegen, wie man auch in Karlsruhe oder Schwetzingen sieht. Und darunter leiden Menschen heute noch. So sind die Quadrate in Mannheim angeordnet wie auf einem Schachbrett. Im Prinzip zumindest. Offiziell haben die freien Räume zwischen den Quadraten – so genannte »Straßen« – keine Namen, die Straßennamen hingegen sind zu Blocknamen mutiert. Eine »Straße« verläuft also nicht zwischen den Häusern entlang, sondern um einen Häuserblock herum. Seltsam? Doch so steht es geschrieben.
Also warum nicht als Neuling in der Stadt die Quadrate kennen lernen, indem man sie wie im Schachspiel abläuft, nach dem Muster des Schäfermatts? Eine Idee, so blödsinnig wie der Schäferzug an sich, schreit nach Verwirklichung.
Der erste Zug führt nach E4, wo gleich vor der Musikschule ein Graffito grüßt: »Söhne sucks!« Was haben wir gelernt? Es gibt in Mannheim eine Musikschule, es gibt gewisse Söhne, und die mag wohl nicht jeder. Im selben Block logiert eine »Produktenbörse«. Hat nichts mit Patentamt zu tun, sondern ist eine Börse, an der Getreide gehandelt wird, man nehme etwa die Braugerste fürs Eichbaum. Und nach Berlin ist die Mannheimer Produktenbörse – einer gewissen Tradition folgend – die zweitgrößte im Land. Weiter geht’s. In E5 steht das Rathaus, welches aber nicht das Rathaus ist, denn ein Rathaus steht ebenso in F1 und K7. Sie dürfen sich immer eins aussuchen, sind dann aber unter Umständen falsch. Am Reiss-Engelhorn-Museum vorbei traben wir nach C4 zum Curt-Engelhorn-Zentrum und der Heimat des Kurpfälzischen Kammerorchesters. Hier steht nicht »Söhne sucks«. Am Zeughaus vorbei, das bis 2007 restauriert sein soll, stehen wir in C6 vor einem mächtigen Imperialbau mit Reiterstandbild als Fassadenrelief und der Inschrift »Kurfürst-Friedrich-Schule«, heute benannt nach Friedrich List, dem Mann, der im 19. Jahrhundert die Idee hatte, in Deutschland ein Eisenbahnnetz zu bauen: eine Wirtschafts- und Handelsschule – da wirft bereits die BWL-lastige Uni ihre Schatten herüber. Beachten Sie nicht den Audi, an dem die Aufkleber »Audi Scene Mannheim« und »Herr der Ringe OOOO« kleben, denn er steht nicht immer hier. Wir streifen den Schillerplatz, wo früher das Nationaltheater stand. Ein paar Hausnummern weiter bewundern wir eine praktische Einrichtung: Der »Stadt Mannheim2 Fachbereich Wohnen und Stadterneuerung« kann seine Mitarbeiter ein Stockwerk tiefer schicken zum »Zentrum Nervenheilkunde Stadtmitte«. Aber einfach Stadtmitte, nicht Stadtmitte2. Neugierig stecken wir die Nase in den Laden namens »Polnische Spezialitäten« und zögern, welchen Wodka wir unseren Lieben als Andenken mitbringen: »Absolwent«, »Kapitanska« oder gleich »Lider«.
Ein absolutes Muss ist der Deutsch-Französische Freundschaftsverein. Im Schaufenster ein Foto, auf dem sich Adenauer und de Gaulle die Hand reichen, darunter ein verschwurbeltes Zitat vom Alten über verblühende Mädchen und Rosen und überdauernde Damen von 1963, was exakt dem letzten Jahr der Renovierung des Interieurs entspricht. Auch die anwesenden Kaffee-/Rotweintrinker sitzen seither unverändert in der kneipenartigen Küche im Hinterzimmer. Nichtmitgliedern wird das Getränk leider verwehrt. Aber Reinhard Mey (Wahlfranzose) singt aus dem Tonbandgerät »Über den Wolken«. Culture à la Mann’eim. In F3 lesen wir an der Synagoge – man beherrscht natürlich fließend hebräisch: »Und sie sollen mir machen ein Heiligtum, dass ich wohne in ihrer Mitte.« War mit F3 nur knapp daneben. Und wir begegnen bestürzt dem ersten Straßennamen, derer es angeblich keine gibt und die doch massenweise vorhanden sind: Rabbiner-Grünewald-Platz.
Wir schenken uns D6, denn in der Ecke waren wir schon. Also auf Richtung Mattzug, und spontan wird’s ärmer, grauer, ausländischer. Die Trinitatiskirche hat zahllose international besetzte Hässlichkeitskonkurrenzen dominiert, glänzt jedoch an der Außenseite des Kirchturms mit dem kürzesten Geländer der Kurpfalz: 26,5 cm, gemessen mit π*Daumen-Technik. Eine Doppelattraktion, oft zu Unrecht übersehen, ziert die andere Straßenseite, die Guinness-Buch-würdige Pizzeria Salerno mit einer Auswahl von sage und schreibe 114 verschiedenen Pizzen! Hervorgehoben seien nur die Varianten »Pizza Bauer (Zwiebel, Paprika)«, »Pizza Alles«, »Pizza FCK«, die Pizzen Mustafa, Queen, Super Mario, Fritz Walter, Betze und schließlich Pizza Nummer 110: »Pizza mit Pfälzer Herz (Saumagen)«. Eine Pfälzer Pizzeria! Mitten in Mannheim!!
Der Streifzug lenkt das Auge auf einen glückselig mit ausgebreiteten Armen schwebenden Engel vor dem »Katholischen Bürgerhospital«, wo verschnupfte Protestanten ungern gesehen sind. Beliebt bei den weniger begüterten Mietern nebenan: Kleinstbalkönchen mit Applikationen aus Geranien und SAT-Schüssel. Ecke Kaiserring bietet sich uns der namenlose Brückendschungel mit eingebetteter, wie lebendig begrabener Straßenbahnhaltestelle. Ein Verkehrsmoloch von Weltstadtniveau, wenn man an Pariser Banlieus denkt.
Passend hierzu der Verein für binationale Partnerschaften, um die Ecke arbeitstherapeutische Werkstätten. Ein Anwohner in Adiletten trägt höchst malerisch die Plastiktüten des Jahres spazieren: »Lidl (ist billig)« und »Müller (macht glücklich)«. Achtung: Dieses Motiv ist nicht als Postkarte erhältlich! Moment … Seit Beginn der Partie stehen wir erstmalig vor einem neuen Gebäude! Auch wenn es nur das Routinehotel der Mercure-Kette ist, sind wir überwältigt. Mit letzter Kraft registrieren wir, dass F6/F7 keine Einbahnstraße ist. Dafür hat die Stadt die Durchfahrt G6/G7 gleich gegenüber in beide Richtungen gesperrt. Kuriosa über Kuriosa. Zum Grande Finale geht’s nebenan ins Plaza Café, Weizen bestellen. Dame schlägt Bauer F7 – Matt!
PS: Der eigenwillige Hamburger Musiker Knarf Rellöm (bitte rückwärts lesen, er nennt sich aber wirklich so) hat angeregt, in den Quadraten echtes Schach zu spielen, in jedes Quadrat als Springer, Türme usw. verkleidete Menschen zu stellen. Was für eine gewaltige PR wäre das! Knarf weiß nicht, dass die Verantwortlichen der Stadt Mannheim2 1) auf solche Ideen2 nicht kommen, 2) prinzipiell Angst2 haben, dass etwas Geld2 kosten könnte, 3a) aktiv werden und 3b) sich einigen müssten. Gleichwohl schlage ich vor, Knarf Rellöm zum Ehren-Quadratschädel zu ernennen.
Jetzt emo was ganz anneres …
Fünfzehn Minuten Ruhm
(1. Teil)
ADC
Der Art Director’s Club verleiht seine Preise im jährlichen Wechsel in München, Frankfurt, München, Berlin, München, Hamburg etc. Die Mannheimer Werber stellten nun die Forderung auf, in diesen edlen Kreis aufgenommen zu werden, und zwar für das Jahr 2008, anstelle von München. Man hat ihnen dezent, aber gleichwohl deutlich signalisiert, dass daraus in den nächsten Jahren nichts werden wird. Noch vor der offiziellen Bewerbung.
AFN
Seit 2004 sendet die Europazentrale des Radiosenders der US-Streitkräfte, des American Forces Networks (AFN), ihr Programm von Mannheim-Sandhofen aus. Wieso? Nun, durch die Autobahnauffahrt und den amerikanischen Militärflughafen kommt man immerhin schnell weg.
Akte, Mannheimer
Regelt den internationalen Verkehr auf dem Rhein. Unklar ist, was dies für den Normalbürger bedeutet, da aber in diesem Vertrag das Wort »Mannheim« drinsteht, wird er in jedem Jubelbuch breit getrampelt, so auch in diesem Jubelbuch.
Autobahnnetz
Wikipedia beschreibt das dichteste deutsche Autobahngewurstel auf so kleinem Raum nahezu poetisch: »Durch das Stadtgebiet führt die Bundesautobahn A6 Saarbrücken – Nürnberg. Ferner beginnt hier die A67 in Richtung Darmstadt, die A656 nach Heidelberg und die A659 nach Weinheim. Östlich der Stadt führt auch die A5 Heidelberg – Darmstadt – Frankfurt a. M. vorbei. Die Agglomeration Mannheim/Ludwigshafen ist von insgesamt sieben Autobahnkreuzen umgeben. Folgende Bundesstraßen führen durch das Stadtgebiet: in Richtung Süden …« und so weiter und so fort (A650, A61, A659, A65). Wie bei AFN gilt auch hier: Wegkommen ist eine Kleinigkeit.
Bahnhof
Der Mannheimer Hauptbahnhof ist der zweitgrößte ICE-Knoten Deutschlands. Der Mannheimer Rangierbahnhof ist der zweitgrößte Deutschlands. Aber aufgepasst:
Der Mannheimer Hauptbahnhof ist der größte Eisenbahnknoten in Süddeutschland! Und er ist der einzige, der vom Vorplatz aus von zwei grauen Kotzkästen verstellt wird.
Banker, berühmte
Wie es bei erfolgreichen Mannheimern Sitte ist, verließ Otto Hermann Kahn (geb. 1867) die Stadt in jungen Jahren. Der Wahl-Londoner und spätere New Yorker häufte Abermillionen an, unterstützte als Mäzen Künstler wie Hart Crane, George Gershwin oder Arturo Toscanini. Kahn kaufte in Long Island ein Grundstück, dessen Fläche mit 1,8 km2 die Mannheimer Quadrate übertrifft, und ließ eine Villa mit stolzen 126 Räumen erbauen, die damit – ganz der Sitte seiner Heimatstadt folgend – in der Rangfolge der amerikanischen Privatwohnungen die zweitgrößte war.
BASF
Jene Firma, die ihre Geschäftspartner zum Essen nach Mannheim führt, weil Ludwigshafen vorwiegend Bratwurstbuden offeriert.
Baukonzerne
Bilfinger & Berger. Zweitgrößter deutscher Baukonzern.
Berühmte Mannheimer, die keine Mannheimer sind
– Karl Mannheim, Soziologe, und Lucie Mannheim, Schauspielerin, flohen beide 1934 vor den Nazis nach London und haben mit Mannheim nichts zu tun.
– Freiherr von Drais ist gebürtiger Karlsruher, wird aber gerne von den Mannheimern beansprucht. Seine primitive Draisine (die nichts mit dem Schienengefährt zu tun hat) konnte er ein Dutzend Mal an die englische Post verkaufen, der Nachfolgeauftrag blieb jedoch aus, da sich die Briefträger auf seinem Klappergefährt die Stiefelspitzen zu stark abwetzten.
– Werner von Siemens war Hannoveraner, aber kein Mannheimer und schon gar kein Pferd. Eine seiner vielen Erfindungen stellte er aber 1880 in Mannheim vor, den ersten elektrischen Fahrstuhl.
– Birgit Fischer trainiert zwar in Sandhofen, ist aber gebürtige Brandenburgerin.
Binnenhafen
Zweitgrößter Binnenhafen Deutschlands, bisweilen auch Europas, vermutlich nur, wenn man Ludwigshafen dazurechnet, also nicht so gern.
Bloomaulorden
heißt eine Auszeichnung für Leute, »die Mannheim auf typische Art und Weise vertreten«, und wird mehrheitlich von Verstorbenen getragen wie Anneliese Rothenberger, Professor Heinz Haber, Sepp Herberger, Carl Raddatz, OB Hans Reschke. Ordensträger Franz Schmitt äußerte den denkwürdigen Satz: »Es gibt nur ein Deutschland – un des is Mannem!« Das Verb blooen heißt übrigens angeben, aufschneiden.
»Carmens Karre«
hieß ein etwas zu originelles Gewinnspiel eines Radiosenders. Zahlreiche brave Bürger meldeten der Polizei, dass sich an verschiedenen Orten der Stadt Unbekannte an geparkten Autos zu schaffen machten. Die Radiomacher hatten in einem Kofferraum 1.000 Euro versteckt, die es zu finden galt. Die Polizei wurde vorab nicht informiert und kann bis heute nicht über die Aktion lachen.
Filmfestival
Inzwischen das »Mannheim-Heidelberger Filmfest«. Richtet mittlerweile zusätzlich das von der BASF gesponserte »Festival des deutschen Films« in Ludwigshafen aus. Das »eigentliche«, das Mannheimer aber, ist nach der Berlinale das zweitälteste Filmfestival in Deutschland.
Führerschein
Wenn Ihnen mal so richtig, aber so richtig langweilig ist und in der Glotze die Wiederholung eines Biathlon-Rennens von 1963 läuft, fahren Sie doch nach Sandhofen und bewundern Sie den ersten Führerschein der Welt.
Fusion
Villingen-Schwenningen, Budapest und Wuppertal haben es geschafft, aber in MA/LU hat man es nicht mal ernsthaft versucht. Die Ursachenforschung führt unweigerlich zur Antipathieabstufung bei den Mannheimern. Den nahen Bruder LU mag man grundsätzlich nicht, den entfernten Vetter Heidelberg nimmt man immerhin halb ernst, die ferne, aber bedeutsame Verwandtschaft Frankfurt ignoriert man vollends. Auf allen, wirklich allen Ebenen hätte eine Städtefusion ausschließlich Vorteile, zu ihrer Verwirklichung müsste man sich jedoch einigen.
Fuzzis, Schlager-
Nina, die Hälfte von Nina & Mike, ist tot, Bernd Clüver hat’s nach Mallorca gezogen, nur Joana ist noch da.
(Fortsetzung folgt)
Adler2
WARNHINWEIS: Das nun folgende Kapitel enthält unfeine Ausdrücke, Unflat und Unrat aller Art. Zarten Gemütern (Heidelbergern, Schwetzingern und dergleichen) sei anempfohlen, sich in ihrer schmucken Pantryküche eine Tasse Rooibos-Vanille-Tee zuzubereiten und erst zum nächsten Kapitel den Raum wieder zu betreten. Denn jetzt wird’s … LAAAUT!!!
Die Sportart Nummer 1 in Mannheim ist Eishockey, jene roh behauene Melange aus Kufenstahl, Schlägerholz, Stehplatzbeton und Bier. Was früher einmal pragmatisch »Mannheimer Eis- und Rollsportclub (MERC) e. V.« hieß, wurde bei Einführung der professionellen, nach amerikanischem Vorbild strukturierten, sprich, profitabwerfenden DEL, der Deutschen Eishockey-Liga, umgetauft in die Mannheimer Adler. Dass man bei der Namensgebung nicht zum englischen Eagle gegriffen hat, muss ein Lapsus des Vorstands gewesen sein.
Das Eichbaum-Eisstadion am Friedrichspark zwischen dem uringeschwängerten Gebüsch neben der Universität und der brummenden Auffahrt zur Konrad-Adenauer-Brücke quetscht sich als Stahl & Steinbauwerk ins Erdreich, garniert von den Fahnen eines Baumarkts, dösigen Vertretern der Polizei und Mülleimern, voll wie mein Begleiter, den ich vor dem Eingang treffen soll.
Wir verabreden uns »vor der Lampe«. Warum nicht neben dem Rasen, auf dem Gehweg oder einfach unter dem Himmel? An dem einzigen Eingang angekommen verstehe ich, dass man sich hier nicht verfehlen kann. Fast zwei Stunden vor Spielbeginn lümmeln vor dem Stadion zwei Dutzend Gestalten herum – wo sind die Heerscharen von Adler-Fans, von denen die Stadt und die Region angeblich so dicht bevölkert sind? Das Einzige, was aus dem Stadion zu hören ist, ist die Stadionbeschallung, Lautstärke achtzig Dezibel (entspricht in der Wirkungstabelle »Haarfön, nervig«). Leider düdelt gerade mein Handy, kurz bevor wir die Eingangskontrolle inklusive Abtasten über uns ergehen lassen. Meine Bemerkung gegenüber meinem Telefon-Gesprächspartner, »Moment, jetzt kommt Kurz-Erotik«, quittiert der auffällig gut aussehende, aber auch auffällig kräftige junge Türke, der meine Taschen abklopft, mit einer massiv angehobenen Augenbraue, aber verzichtet großzügig darauf, meinem Nasenbein einen Bodycheck zu versetzen. Ich ahne, dass Scherze sich hier entweder auf Alkohol oder auf den Gegner beziehen müssen.
Das Stadion ist konstruiert wie eine Tupperdose, deren Deckel jemand leicht angehoben und Zahnstocher dazwischengesteckt hat, und sobald man die kleine Anhöhe hochgestiegen ist, erklärt sich die Ruhe draußen. Denn der Sturm ist hier drin! Zwei Stunden vor Anpfiff sind die Stehplätze VOLL! Markiert wird das private Terrain mit zusammengeklebten Styroporplatten, die später als Aussichtsplattform unter die Füße gelegt werden, verteidigt wird es mit trainierten Ellbogen. Zum Glück ist mein Begleiter robust gebaut, zudem in der Fankurve bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund (warum, sollte ich später noch schmerzhaft erfahren). So wuchten wir uns zwischen Leute, die mir vorgestellt werden als Jürgen, Rolf, Herbert, und ein Ali ist auch dabei, der aber keineswegs orientalische Gesichtszüge auf dunkler Haut spazieren trägt, sondern ein Pfälzer Malochergesicht, von der Sonnenbank verwöhnt. Außer einer Hand voll GIs sind kaum Ausländer unter den achttausend Zuschauern auszumachen.
Die Stadionlautsprecher bewummern uns mit Hardrock aus grauer Vorzeit: Bryan Adams, Iron Maiden, Guns N’ Roses; auch die unvermeidlichen AC/DC grüßen aus fernen Äonen.
In Fankreisen bevorzugt der Herr diese Saison eine beliebige Form von Bartwuchs sowie knielange, apart die Figur kaschierende Sackhemden in Vereinscouleur, mit Applikationen von internationalen Werbepartnern. Die Dame dasselbe, außer dem Bart, von Einzelfällen abgesehen. Ein achtjähriger Knirps trägt stolz sein T-Shirt spazieren mit dem Aufdruck »1938 – 2005 – Danke für wunderbare Jahre«. Bevor jemand etwas Falsches denkt: Es geht nur um den Abschied vom Stadion am Friedrichspark (das in Wahrheit 1939 eröffnet wurde, aber vielleicht fand man die Jahreszahl historisch zu bedeutungsschwanger. Jedoch 1938 … nein, dieses Rätsel bleibt ungelöst), das durch die SAP-Arena abgelöst wird. Das Softwareunternehmen ist der Hauptsponsor, und so prangt SAP in dicken Lettern auf den Fantrikots. Mir kreist im Kopf, dass die deutsch-kanadischen Spieler sowie die anwesenden GIs das englische Wort sap auch in der Bedeutung als Trottel oder Einfaltspinsel kennen, teile dies jedoch vorsorglich weder Jürgen noch Herbert oder Ali mit. Aber die Dummen sind nie die anderen, könnte Peter Ustinov gesagt haben, und Recht hätte er. Denn wie aus dem Nichts halte ich, der Tourist, ein Stoffknäuel in der Hand, das sich als Adler-T-Shirt entpuppt, und das auf der Rückseite für die Mannheimer S-Bahn wirbt. Mit überdimensionierten Steinschleudern katapultiert eine Hand voll Schüler einige Dutzend der begehrten Kleidungsstücke ins Publikum. Die unterhalb Stehenden wenden sich um und geifern mich mit blutunterlaufenen Augen an. Man fordert mich auf, das T-Shirt sofort anzuziehen, und um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, leiste ich brav Folge. Hurra – ich gehöre dazu!
Nachdem die ersten Weinschorle geleert sind, also Weißwein wahlweise mit Mineralwasser oder Cola, startet das vierte Play-off-Match um den Finaleinzug. Unbekannte Täter haben in großer Zahl dildoförmige Luftballons in den Vereinsfarben verteilt, die nun eifrig geschwenkt werden. Das sieht gut aus und gaukelt dem Gegner vor, er habe es nur mit einem Kindergarten zu tun. Der Gegner, das sind die Frankfurt Lions, und deren Anhängerschaft wiederum tarnt sich mit Fan-Shirts mit dem Aufdruck eines Schokoriegels – Eishockeyfans sind ein durchtriebenes Völkchen.
Das notorische Auspfeifen der Gäste stellt meine Ohren auf eine erste Probe für den Ernstfall: Momentan sind wir noch bei 110 dB (»Rockkonzert, Motorsäge«). Meine Angst ist groß, und sie ist berechtigt.
Im ersten Drittel fällt kein Tor, das Spiel ist schlecht und besteht vorrangig aus Kampf, Körperattacken, aber auch leichten Schlägereien. Auf dem Eis, wohlgemerkt.
Ich nutze das zweite Drittel, um mit Inspektorenmiene das Ambiente zu begutachten. Für die Toiletten etwa würde sich im Frankfurter Bahnhofsviertel jede 20 Euro-Prostituierte schämen. Wen wundert’s da, dass die betont gelassenen Polizisten aufreizend langsam an den Gebüschpinklern – innerhalb des Stadiongeländes! – vorbeischlendern?
Ein Highlight ist die so genannte Feuerwurst, angepriesen als »heiß und fetzig« (sic!), eine Art gekochte Salami in Bratwurstform, die an zwei Partybrötchen kredenzt wird, was den Essvorgang auf einer Papierserviette unweigerlich zu einer barbarischen Handlung werden lässt. Heiße Maroni gibt es um die Jahreszeit zwar nicht, aber wenn Winter ist, dann in den Preiskategorien € 2,–, 3,–, 4,–, 5,–, 6,–, 7,–, 8,–, 9,–, 10,–. Na, da ist doch für jeden Geldbeutel was dabei.
Der Presseclub logiert außer Sichtweite der Eisfläche in einer Baracke aus Nut und Federbrettern, an deren Außenwand im Veranstaltungskasten hingewiesen wird auf die Events »Deutsche Fußballmeisterschaft des Eishockey Fanclubs Erding e. V.« und »Die Blau-Weiß-Roten säubern den Wald am 28. 04. 2001«. Prima! Endlich macht das jemand mal, denn … Moment. Da hat jemand vor vier Jahren vorgehabt, den Wald zu säubern??? Na, da muss aber besonders gründlich was dazwischen gekommen sein. Ein Betreuer des Vereins klärt mich auf, dass die »Blau-Weiß-Roten« zu allen Auswärtsspielen fahren und ansonsten »Schnarchnasen« seien. Na und? Solange der Wald irgendwann sauber ist …
Das dritte Drittel verbringe ich wieder im Kreise meiner Lieben. Ali ist schon heiser, Herbert ist sauer, Jürgens Gesicht glüht. Im Fanblock wird aus einem heimlich hereingeschmuggelten 20-Liter-Thermosbehälter mit verschwörerischen Gesten ein ominöses Getränk in Plastikbechern herumgereicht, und auf meine Frage nach der chemischen Zusammensetzung versichert man mir, es sei »Cola mit Schweiß«. Ich verzichte spontan.
Mein hinter mir stehender brummiger Begleiter führt mit meinem Trommelfell einen Langzeitbelastungstest durch: »DUUU WICHSEEER!«, brüllt er dem Schiedsrichter zu, der Heimmannschaft empfiehlt er: »Schulterblätter müssen fliegen!!!« (Erst später unterrichtet man mich, dass es richtig heißt: »Schulterblätter müssen krachen!«), und der gesamten Fankurve röhrt er vor: »HEEE-AAA HEEE-AAA«, und die Antwort donnert »MERC!!!«. Die Aussprache lautet in etwa Emma Zeh. Was juckt’s Jürgen und Ali, dass der Verein seit elf Jahren Adler Mannheim heißt? Und was juckt es sie, dass in diesem Moment meine Ohren endgültig zu Krümel verfallen? 140 dB (»Sirene, startender Düsenjet«). In Mannheim sagt man: »Juckt’s dich? … Dann kratz dich!«
Den Block der Gästefans trennt nicht etwa ein Wall aus Stacheldraht mit Selbstschussanlagen und texanischen Bluthunden, sondern ein rot-weißes Plastikbändchen. Bedächtig spaziere ich hinter den Frankfurt-Fans entlang, um die Äppelwoi-Fraktion näher in Augenschein zu nehmen. Da regen sich zwei gelb bejackte Ordner und sagen freundlich, aber bestimmt: »Verlassen Sie bitte den Gästeblock!« Auf meine Frage nach dem Grund erklärt mir der Dienstranghöhere (mit Knopf im Ohr): »Weil Sie Mannheimer sind.« Ich wundere mich über sein seherisches Talent, er jedoch deutet nur stumm auf mein T-Shirt. Richtig! Ich hab ja ein Adler-T-Shirt an! Der Ordner ist überrascht, wie überrascht ich bin, und sortiert mich gedanklich zu den vollsten Idioten seines Lebens ein.
Zurück in meinem Block lerne ich ein neues, an die Heimmannschaft gerichtetes Motivationsmantra: »Kommt, beißt sie, das sind Bluter!« Doch es hilft nichts. Die Adler kassieren das 0 : 1. Schlagartig werden die Mannheimer Fans kleinlaut: »Jetzt ist alles aus« oder »Jetzt fallen sie auseinander« und »Jetzt geht nichts mehr«, ist man sich einig. Um einige Minuten darauf nach dem Ausgleich den Pessimismus von eben zu vergessen wie eine alte Feuerwurst. Tausende Kehlen grölen wie ein Mann: »Auf geht’s, Mannheim – kämpfen und siegen!« Verstehen muss man das nicht, aber in diesen Momenten ist der Mannheimer ein wunderbares Wesen, das überströmt vor ehrlichem Herzblut.
Aber heute reicht das trotz alledem nicht. In der Verlängerung kassieren die Adler per »Sudden Death« das 1 : 2, und die achttausend Zuschauer stehen wie vom Donner gerührt. Stille. Eine auf den ersten Blick recht kultiviert wirkende Blondine schräg hinter mir findet als Erste ihre Fassung wieder und schreit: »Das nächste Mal seid ihr tot – aber ALLE!«
Ganz anders reagiert Jürgen (oder war’s Ali?), der mir verspricht, dass er für das fünfte und entscheidende Spiel ein indianisches Mandala aus äußerst schwer zu bekommendem Hirschleder knüpft, welches sicherlich den Sieg einbringen wird. Die Welt ist bunt …
Am Ausgang wünscht eine Werbetafel der Eichbaum-Brauerei »Auf Wiedersehen & Gute Fahrt«. Ersteres lasse ich mir noch durch den Kopf gehen, Letzteres ist, hicks, Glückssache.
PS: Das war eines der letzten Spiele im Friedrichspark. Friede seinen Aschenbergen.
Jetzt emo was ganz anneres …
RPR2 ist eingestellt: Bis heute weiß kein Sterblicher zu sagen, worin sich die beiden Sender unterschieden haben. Vorsichtshalber hat RPR1 die »1« im Namen behalten.
Dann wäre da noch ein gewisser Elmar Hörig, ein selbstbewitzelter »Elmi«, zu nennen. Paradeberufsjugendlicher, unlustige altbackene Knallcharge, die zuerst lange, lange Jahre bei SWF3 (heute SWR3) moderierte, dann die unbeschreibliche Fernsehshow »Bube Dame Hörig« (sic!), der auf skurrilen Wegen Barbara Schöneberger entsprungen ist; dann wurde Hörig gegangen, ist noch bei Radio Regenbogen, wird gerüchtehalber aber gerade wieder gegangen und wechselt zu Rockland. In Mannheim können Sie diesem akustischen Furunkel nicht entkommen.
Jetzt emo was ganz anneres …
Joy Fleming2
Der Unterschied zu großen Stars in großen Städten zeigt sich am Beispiel Joy Fleming. Ihr Name steht völlig unverschlüsselt im Telefonbuch. Ihr Kommentar am Telefon vorab: »Warum net? Wenn ääner fresch werd, schlach isch ihm uff de Hals.« Worum es denn geht, will die Joy wissen. »Was, noch e Buch? Ach Gott, isch hab noch e Anfrag wege me annere Buch. Ja, um was geht’s do?« Es geht um Mannheim, und ohne Joy Fleming wäre dieses Buch wie ein Köln-Buch ohne Dom, ein München-Buch ohne Oktoberfest. Joy Fleming ist der Mannheimer Dom und sein ganzjähriges Oktoberfest in einem.
»Dann misse Sie awwer schun zu mir kumme!«, lautet die klare Anweisung.
Man verlässt Mannheim südwärts durch den Immerstau bei Walldorf/Wiesloch, eine der sorgsam gepflegten Traditionen der Region, merkt, dass man sich verfahren hat, wechselt die Autobahn, um sich in den nächsten Immerstau zu stellen. Bei Sinsheim raus, an der Tankstelle vorbei, durchs Dorf, dann rechts, an der Ampel wieder rechts, dann weiter, den Berg hoch, an der Burg vorbei, den Berg runter und plopp!, stehen wir vor ihrem Haus. Einem alten Bauernhaus mitten im Dörfchen. Ruhig ist es hier, außergewöhnlich ruhig. Nur die sauberen reglosen Gardinen hinter den Fenstern lassen ahnen, dass die Häuser bewohnt sind.
Nicht mit einem coolen Decknamen kaschiert, steht auf dem großen goldfarbenen Schild einfach »Joy Fleming« und darunter »Fleming Studio«. Die Haushälterin weist den Weg das Hoftor hinein, ein Holztreppchen hinauf, durch einen Miniflur, steile Treppe hoch durch eine Puppenküche mit angrenzender »Kuhstalltür« hinein ins Wohnzimmer, eingerichtet in funky Gelsenkirchener Barock mit viel Bunt im Kurpfalz-Lady-Style. Ganz wie die dynamische Besitzerin.
Der Privatzoo freut sich über Besuch: zweimal Hund (Helga und Hilda), zwei Papageien, viele Fische, circa eine Katze (Kater Tom, wie ich bald erfahre). Die Tierchen waren auch der Grund für den Wegzug aus Mannheim 1977. Hilda setzt sich aufs Sofa und bellt und jault. Und Joy setzt sich auch aufs Sofa und redet. Manchmal bellt und jault sie auch.
»Ich bin die Botschafterin von Mannheim, schon lange. Ich bin die Dialektmutter schlechthin. Ich hab den Neckarbrückenblues in die ganze Welt getragen.«
Auch wenn ihn keiner versteht außerhalb von –
»Wieso keiner versteht? Ich war in Afrika damit, ich war überall, es ist ja der Blues, der da vermittelt wird, nicht der Text. Wie’s gesungen war. Kann man jetzt halten wie seller vum Dach, der Mannemer Neckarbrückenblues ist und bleibt meine Entdeckung, mein Ding.«
Zum Verständnis: seller ist das Relikt von französisch celle oder celui (jene/r), in Mannheim selli und seller. Wenn also jemand auf dem Dach steht, ein Dachdecker etwa, ist es gleich, welche Seite er wählt, um sich zu Tode zu stürzen. Konkrete Poesie à la mannemerisch.
»Ich bin auch die Urmutter des Dialektes. Alle, die nach mir gesungen haben, haben es mir nachgemacht, egal ob Bläck Fööss oder wie sie alle heißen. Ausnahme die Österreicherin Marianne Mendt mit ›Wia a Glock’n‹. Und danach habe ich gedacht, Mensch, so was könnte man auch auf Mannemerisch machen. Aber der Neckarbrückenblues ist kein Arrangement, sondern eine reine Improvisation, aus de Ribbe raus.«
Die in Rockenhausen (!) in der Pfalz geborene Erna Strube steht seit fünfundvierzig Jahren auf der Bühne, hat beim Grand Prix d’Eurovision nach einem schlimmen 17. Platz mit »Ein Lied kann eine Brücke sein« im Jahre 1975 bei der deutschen Vorausscheidung 2001 und 2002 jeweils den zweiten Rang belegt. Da sie sehr ungeniert Dialekt redet, hat sie zwangsweise eine Botschafterfunktion für die Stadt. Und natürlich findet Joy, dass Mannemerisch ein schöner Dialekt ist.
»Ja, klar! Erst mal darf man stolz sein, dass man Mannheimer ist, denn Mannheim ist eine wunderschöne, swingende Stadt. Ich liebe Mannheim, das ist meine Heimat. Und ich werde auch immer hinter Mannheim stehen … und vor Mannheim. Ich werde Mannheim immer verteidigen in jeder Art und Weise, denn Mannheim ist die Musikstadt schlechthin. Der Xavier Naidoo ist ja auch in Mannheim aufgewachsen und hat sich auch inspirieren lassen. Oder in der Klassik, Anneliese Rothenberger, oder Carl Raddatz, Schauspieler. Mannheim hat etwas Künstlerisches, es ist etwas in der Luft, das nicht viele Städte haben, dieses, wie soll ich denn sagen … die Offenheit, das Swingen, das durch Mannheim geht. Man fühlt in Mannheim, da ist immer etwas Kribbelndes, das ist einfach eine Ausnahmestadt für mich.«
Der waschechte Mannheimer denkt: Die babbelt wie e Buch. Und wenn dieses Buch hier ein Hörbuch, nein, ein Sprechbuch wäre, würden Sie ahnen, wieso es außerdem heißt: Wonn die mol stirbt, muss man die Gosch extra totschlage. Ein Schelm, der Derbes dabei denkt.
»Das Derbe ist der Umgang, wie die Mannheimer mit sich umgehen, durch unseren Dialekt, der auch manchmal derb klingen kann. Wenn mir zum Beispiel einer e bleedi Gosch anhängt, und ich schieß zurück, dann ist das sehr derb, dann kracht’s, aber zu Recht! Mir muss keiner schief kommen, dann gibt’s gleich was Ordentliches über die Fratz. Damit muss man rechnen, wenn man einen Mannheimer beleidigt, wir sind halt nicht so hinterfotzige Menschen. Wir sagen es gleich richtig, damit es jeder versteht. Und wenn’s heißt, ihr mit eurem Mannheimer Dialekt, muss man sich nicht entschuldigen, wir reden halt Dialekt, warum müssen wir uns entschuldigen, für was?«
Sie werden früher oder später Joy Fleming bei irgendeinem Stadtfest erleben. Und selbst falls Sie Jazzhasser sind, kommen Sie an ihrer urwüchsigen Energie nicht vorbei. Sie produziert ihre Songs im Kellerstudio selbst, hat eine gestandene Band im Gepäck, und sie singt wie mit zwanzig, die Mama Joy.