Buch
So langsam scheint Ruhe im Gutshaus eingekehrt zu sein. Franziska hat ihre alte Heimat wiedergefunden und in Walter ihre große Liebe. Ihre Enkelin Jenny tut alles, um sich mit dem alten Anwesen eine Zukunft aufzubauen, und ist glücklich mit Ulli, der neuen Schwung in seinen Bootsverleih gebracht hat. Aber so rosig ist leider nicht alles: Das neu eröffnete Restaurant läuft nicht richtig, und bei Bauarbeiten im Keller tritt ein Fund zutage, der längst Vergangenes wieder lebendig werden lässt. Franziska befürchtet, dass er etwas mit ihrer Schwester zu tun haben könnte. Und sie fragt sich: Wird ihre Vergangenheit sie niemals loslassen?
Autorin
Anne Jacobs begeisterte bereits mit ihrer Trilogie um Die Tuchvilla die Leser und stürmte die Bestsellerlisten. Mit Das Gutshaus knüpft sie an ihre Erfolgstrilogie an und erzählt von einem alten herrschaftlichen Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern und vom Schicksal seiner Bewohner in bewegten Zeiten.
Von Anne Jacobs bereits erschienen:
Die Tuchvilla-Saga:
Die Tuchvilla
Die Töchter der Tuchvilla
Das Erbe der Tuchvilla
Die Gutshaus-Saga:
Das Gutshaus. Glanzvolle Zeiten. Band 1
Das Gutshaus. Stürmische Zeiten. Band 2
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ANNE JACOBS
Das
GUTSHAUS
Zeit des Aufbruchs
Band 3
Roman
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden.
Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
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1. Auflage
Copyright © 2020 by Blanvalet
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Kristina Lake-Zapp
Umschlaggestaltung und -motiv: © Johannes Wiebel | punchdesign,
unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com
(Artiste2d3d; Fiona Ayerst; Flegere; Maxim Mitsun;
mistervlad; Nikos Keramidis) und Ildiko Neer/Arcangel
NG · Herstellung: sam
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN 978-3-641-20832-5
V002
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Kacpar
Frühjahr 1995
Da war er! Enno Budde. Pünktlich wie die Uhr – genau um halb elf. Parkte seinen silbernen Opel Corsa auf dem Gästeparkplatz gleich neben dem neu erbauten Inspektorenhaus, das Jenny boshaft »Simons Nostalgiehütte« nannte. Blieb noch ein Weilchen im Wagen sitzen, um die Papiere in seiner Aktentasche zu sortieren.
Kacpar stand von seinem Arbeitstisch auf und trat näher zum Fenster. Von seiner Zweizimmerwohnung im Dachgeschoss des Gutshauses hatte er einen ausgezeichneten Blick über das gesamte Anwesen – ein unerwarteter Bonus an dieser bescheidenen Bleibe. Grimmig stützte er beide Hände auf das Fensterbrett, das immer noch auf den zweiten Anstrich wartete, und sah zu, wie Enno Budde langsam ausstieg, die abgegriffene braune Aktentasche unter den linken Arm geklemmt. Lang und hager war der Gerichtsvollzieher aus Waren, ging vornübergebeugt, als müsse er gegen den Küstenwind ankämpfen, und wenn er mit den Leuten redete, hatte er immer ein bedauerndes Lächeln in den Mundwinkeln. Eine scheinbare Solidarität mit den armen Schweinen, die jetzt zahlen oder bluten mussten. Enno Budde hatte keine Probleme, seine Kundschaft bluten zu lassen.
Kacpar fluchte leise vor sich hin. Er war zur Tatenlosigkeit verdammt, sein wiederholtes Angebot, sich finanziell an dem Projekt »Gutshotel Dranitz« zu beteiligen, war abgelehnt worden, die Damen Franziska und Jenny wollten unter sich bleiben.
»Nee, Kacpar – kommt nicht in die Tüte«, hatte Jenny noch vorgestern lautstark getönt. »Da hätten wir ja auch Simon als Teilhaber aufnehmen können.«
Der Vergleich hatte ihn tief getroffen. Simon Strassner war ein Aasgeier, einer, der über Leichen ging, um Geld zu machen. Hätten sie Simon als Partner aufgenommen – keine drei Monate wären vergangen, und der Gutshof samt Park und See hätte ihm allein gehört. Er, Kacpar, war genau das Gegenteil. Ein nützlicher Idiot, der seit fast fünf Jahren die Planung und Bauleitung innehatte und dafür monatlich einen lächerlich kleinen Betrag erhielt. Er hatte sein Wissen und Können, seine Arbeitskraft und fünf Jahre seines Lebens in dieses Projekt investiert, und nun, da ihnen das Wasser bis zum Hals stand, wollte er nichts weiter, als ihnen mit seinen Ersparnissen unter die Arme zu greifen. Freilich mit einer Absicherung als Teilhaber, darauf glaubte er ein Recht zu haben. Aber nein – die Damen wollten es allein durchstehen. Stur waren sie, diese von Dranitz’schen Frauen, aber das hatte er ja schon immer gewusst.
Was hatten sie denn davon, wenn die Banken den Hahn zudrehten und der Gutshof unter den Hammer kam? Wer würde der Erste sein, der sich Dranitz unter den Nagel riss? Der Herr Architekt Strassner natürlich. Bei der Vorstellung, dass dieses traumhaft schöne Anwesen, das sich während der vergangenen Jahre unter seiner Bauleitung zu einer vielversprechenden Anlage gemausert hatte, schon in wenigen Monaten Simon Strassner gehören könnte, wurde Kacpar schwarz vor Augen. So weit durfte es nicht kommen. Schlimm genug, dass Simon ihnen diese kitschige Bilderbuchhütte von Inspektorenhaus vor die Nase gebaut hatte und in unregelmäßigen Abständen hier auftauchte, um mit seiner Tochter spazieren zu gehen und das arme Kind mit Süßigkeiten vollzustopfen.
Kacpar riss sich von seinen bedrückenden Gedanken los und reckte den Hals, um den Gerichtsvollzieher besser sehen zu können. Die vor zwei Jahren gepflanzte Platanenallee war noch ziemlich kahl, hoffentlich hatten alle Bäume den Winter überlebt. Enno Budde betrat den gepflasterten, von einer niedrigen Schmuckmauer eingefassten Hof und steuerte geradewegs auf das rechte Kavaliershäuschen zu, in das Franziska und Walter Iversen vor einem knappen Jahr eingezogen waren. Im linken Häuschen, das zum Park hin gelegen war, dort, wo Kacpar selbst so gern gewohnt hätte, lebte inzwischen Jenny mit ihrer kleinen Tochter. Die junge Mutter mit Kind hatte Vorrang, also war er zurückgetreten und hatte sich mit der halb fertigen Dachwohnung begnügt. Was Jenny als selbstverständlich hinnahm, sie hatte ihn nicht einmal gefragt.
Um diese Zeit war sie mit der Kleinen im Kindergarten, wo sie ihrer Freundin Mücke stundenweise unter die Arme griff und die kleinen Wildfänge bändigte. Das wusste Enno Budde – in einem kleinen Dorf wie Dranitz und den umliegenden Ortschaften wusste jeder alles –, deshalb klingelte er lieber gleich bei Franziska Iversen, denn dort hatte er die größeren Chancen, jemanden anzutreffen.
Kacpar hörte Falko, den Schäferhund, anschlagen – also hatte Franziska die Tür geöffnet und bat Budde vermutlich gerade ins Haus. Nun würde er ihr also die unbezahlten Rechnungen und die gerichtlich festgesetzten Zahlungsbedingungen präsentieren. Und natürlich würde sie später kein Sterbenswörtchen darüber verlauten lassen, was sie jetzt mit ihm aushandelte.
Resigniert schüttelte er den Kopf und stieß einen tiefen Seufzer aus. Es hielt ihn nicht mehr oben in der Wohnung, daher ließ er die Berechnungen, an denen er gearbeitet hatte, liegen und beschloss, einen Kontrollgang durch das fast fertige Restaurant zu machen. Am Karsamstag, der in diesem Jahr auf Mitte April fiel, sollte die Eröffnung gefeiert werden, der Hotelbetrieb sollte spätestens Anfang Juni, zu Pfingsten, nachziehen. Gestern hatten sie in der Küche die letzten Geräte angeschlossen, wobei es – wie üblich – zu Turbulenzen gekommen war, weil die drei großen Herde nicht auf volle Stärke gebracht werden konnten. Angeblich stimmte etwas mit dem Starkstrom nicht, für heute Nachmittag war der Elektriker bestellt. Ob der Mann kommen würde, stand in den Sternen, er war der dritte Elektriker, den sie beschäftigten, die anderen beiden hatten ihre Arbeit auf Gut Dranitz eingestellt. Wegen der ausgesprochen schwachen Zahlungsmoral der Auftraggeberin. Möglich, dass auch der dritte Elektriker, der aus Schwerin kam, inzwischen Wind davon bekommen hatte. In diesem Fall würde es mit der Eröffnung zum geplanten Termin schwierig werden, denn bis dahin blieb ihnen nicht mehr allzu viel Zeit.
Kacpar zog rasch eine Jacke über und stieg die Treppe hinunter. Hier im Dachgeschoss waren die Stufen noch im Urzustand, voller Farbreste, einige sogar durchgefault und brüchig, er musste aufpassen, wohin er die Füße setzte. Weiter unten war aus der verkommenen Stiege ein Schmuckstück geworden. Sie hatten das Holz abgeschliffen, Stücke eingesetzt, das geschnitzte Geländer restauriert und alles gründlich mit Wachs behandelt. Im ersten Obergeschoss, wo Franziska und Walter Iversen eine Weile gewohnt hatten, waren inzwischen acht geräumige Gästezimmer mit Nasszellen entstanden, dazu drei weitere, kleinere Zimmer, die als Wäschekammer, Geräteraum und Bibliothek genutzt werden sollten. Alle Räume waren bereits tapeziert, in einigen fehlten noch die Fußböden, auch die Bäder waren noch nicht fertig. Das Mobiliar würde »echt antik« sein, es gab ein Abkommen mit dem holländischen Antiquitätenhändler, der früher in den Räumen der ehemaligen LPG ein Lager gehabt hatte. Mittlerweile war er nach Neustrelitz gezogen, weil er mehr Platz benötigte. Dort standen all die schönen, alten Möbel, die er den ahnungslosen Ossis gleich nach der Wende billig abgeluchst hatte und die er aufarbeiten ließ, um sie für teures Geld in aller Herren Länder zu verscherbeln. Kacpar prüfte die Wasserhähne und Duschen in zweien der Bäder, sie funktionierten einwandfrei. Nur der Fliesenleger war seit zwei Wochen nicht mehr an der Arbeit. Kacpar vermutete stark, dass sich dessen unbezahlte Rechnung in Enno Buddes Unterlagen befand, die dieser Franziska Iversen wohl gerade unter die Nase hielt.
Ach, es war so ärgerlich, dass sie jetzt, kurz vor dem Ziel, solch einen Mist verzapften! Gewiss – das Restaurant würde vorerst nicht viel abwerfen, da mussten der Koch und die Küchenhilfe bezahlt werden, dazu zwei junge Frauen aus dem Dorf, die bedienten, aber die hatten sie vorerst nur als Aushilfen engagiert, damit sie Kosten sparten und flexibler waren. Elfie und Anke würden vorerst auf Abruf arbeiten. Was sich hoffentlich ändern würde, wenn sie ab Pfingsten die ersten Hotelgäste aufnehmen würden. Mit Vollpension. Alles war bereit. Vier Ruderboote und ein kleiner Badestrand am See. Dazu drei Reitpferde, die stellte Bernd Kuhlmann zur Verfügung, Jennys Vater, wie sich erst vor einiger Zeit herausgestellt hatte. Die perfekte Erholung für gestresste Städter. Auch für Familien. In Sonja Gebauers »Tiergarten Müritz« gab es inzwischen einen kleinen Streichelzoo und einen Rundweg durch das Gelände. Wo allerdings außer Wiesen und Bäumen nicht viel zu entdecken war. Das heimische Wild war scheu und versteckte sich vor den laut einhertrampelnden Besuchern.
Aber wie auch immer – die Talsohle war durchschritten. Die ersten Einnahmen konnten fließen. Es war zum Verrücktwerden. Da stand er mit seinem Bankkonto, das er durch kluge Aktiengeschäfte gefüllt hatte und das vorerst alle Geldsorgen von Gut Dranitz fernhalten konnte, und sie wollten es nicht. Lieber mit Volldampf in den Abgrund segeln, als Kacpar Woronski die Hand zu reichen. Es war deprimierend. Manchmal fragte er sich, warum er nicht seinen Koffer packte. Schließlich gab es hier in der Nähe genügend lohnende Objekte, die man günstig erwerben, sanieren und einem sinnvollen Zweck zuführen konnte. Aber er hing an Dranitz. Vielleicht, weil er schon so viel an Kraft und Begeisterung in das Projekt investiert hatte. Vielleicht auch aus anderen Gründen. Aus Gründen, über die er besser nicht nachgrübelte. Er hatte keine Chance. Jenny liebte ihren Ulli. Und zu allem Unglück war der ein netter Kerl.
Die Treppe hinunter ins Restaurant hatten sie mit dunkelgrünem Teppichboden ausgelegt. Hier im Erdgeschoss war so weit alles startbereit, der Gastraum mit den großzügigen Fenstern zum Park hin, der Tresen mit der Zapfanlage, die rustikalen Möbel, dazu passende dunkelgrüne Sitzkissen und Tischdecken aus grobem Leinen, ein schlankes Sideboard aus den Zwanzigerjahren und drei schöne alte Schränke aus Weichholz, in denen Geschirr, Gläser und Besteck aufbewahrt wurden. Für die Inneneinrichtung des Restaurants war Jenny zuständig gewesen, und er hatte ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Er hatte die Zeit genossen, als sie täglich miteinander Kataloge gewälzt und Preise verglichen hatten, dreimal waren sie gemeinsam losgefahren, um sich Tische und Stühle vor Ort anzuschauen, einmal hatten sie in Travemünde in einem Hotel übernachtet. In getrennten Zimmern natürlich, aber es war trotzdem schön gewesen, sie zwei Tage lang ganz allein für sich zu haben. Er wusste, dass sie ihn nicht liebte. Aber sie mochte ihn. Mehr sogar – sie hörte auf seinen Rat. Meistens. Er hatte noch nicht ganz verloren. Sie brauchte ihn, zählte auf ihn. Und er war für sie da. Das war etwas wert. Darauf konnte man bauen. Die Liebe konnte einen auch ganz plötzlich erwischen. So wie es Mücke bei ihrem Kalle passiert war. Die beiden kannten sich schon seit ihrer Sandkastenzeit. Bei Kalle hatte es gleich gefunkt, aber Mücke war erst sehr viel später von dem berühmten Blitz aus heiterem Himmel getroffen worden. Dann aber richtig. Die zwei waren inzwischen glücklich verheiratet und hatten Zwillinge. Zwei Mädels. Mandy und Milli hießen sie.
Nicht so viel grübeln, dachte er. Jetzt ist erst mal der Gutshof wichtig. Enno Budde mit seinen popeligen Rechnungen war das kleinere Problem, den konnte Franziska vielleicht noch beschwatzen, zumal sie früher seine Familie gekannt hatte. Seine Eltern oder Großeltern – so richtig einschätzen ließ sich Enno Buddes Alter nicht. Der hatte bestimmt schon als Kind grau ausgesehen. Richtig gefährlich waren die Banken, da ließ sich nichts drehen. Wenn er auf dieses Thema zu sprechen kam, schwiegen sich die beiden Damen aus, und würde er nicht zufällig eine zärtliche Beziehung zu einer Bankangestellten in Schwerin unterhalten, wüsste er so gut wie nichts. Was seine momentane Liebste ihm neulich unter dem Siegel der Verschwiegenheit eröffnet hatte, ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Wenn es stimmte, dann konnte ihnen der Gutshof von heute auf morgen weggenommen werden.
Er ging hinüber zu den Tischen, die bei den Fenstern zum Hof standen, tat, als müsse er die Stuhlkissen gerade rücken, und schaute hinaus. Von Enno Budde war noch nichts zu sehen. Vermutlich verhandelten sie im Kavaliershäuschen über eine Abschlagssumme, die die heute fällige Pfändung verhindern würde. Zu pfänden gab es hier im Restaurant leider eine ganze Menge, vom nagelneuen Mobiliar über die Zapfanlage, das neue Geschirr und die Bestecke bis hin zu den Hightechanlagen in der Küche. Möglicherweise hatte Enno es sogar auf die neu gerahmten Ahnengemälde abgesehen, die Franziska Iversen gemeinsam mit ihrem Mann im Eingangsbereich des Restaurants aufgehängt hatte. Sie waren seinerzeit bei Bauarbeiten auf dem Dachboden zum Vorschein gekommen und Franziskas ganzer Stolz.
Kacpar starrte hinüber zum Kavaliershäuschen. Wenn Franziska jetzt einen Teil der Rechnungen bezahlte, würde sie vermutlich die monatliche Rate ihres Bankkredits nicht bedienen können, was die schlechtere Variante war. Sollte Enno ruhig seinen Kuckuck aufkleben, es musste ja nicht gerade in der neuen Restaurantküche sein. Die Banken ließen nicht mit sich spaßen, die standen vermutlich schon in den Startlöchern, um sich ihr Geld zurückzuholen. Wenn er ihr das doch nur klarmachen könnte! Mit Jenny konnte er auch nicht darüber reden. Die war ja mitunter noch schlimmer als ihre Großmutter. Ja, sie hatte einen sicheren, um nicht zu sagen wunderbaren Geschmack, aber musste es eigentlich immer vom Teuersten sein? Er wusste, dass sie als Mitbesitzerin des Gutshauses einen Kredit aufgenommen hatte. Wie sie die Bank in Schwerin dazu gebracht hatte, ihr das Geld zu geben, war ihm schleierhaft – schließlich hatte sie keinerlei Sicherheiten, und verdienen tat sie auch nicht, aber offenbar glaubten die Bankleute fest an das Projekt und dass es in irgendeiner fernen Zukunft viel abwerfen würde. Nun, manchmal versetzte der Glaube eben Berge. Das Geld steckte in der Einrichtung des Gastraums und in der Küche des Restaurants. Wie Jenny die monatlichen Raten bezahlte, war ihm schleierhaft. Das einzige Einkommen, das sie bezog, war ein kleines Entgelt für ihre Arbeit in Mückes Kindergarten, wo sie nach Bedarf aushalf. Viel blieb davon sicher nicht übrig, weil sie ja Julchens Kindergartenplatz bezahlen musste. Die goldenen Zeiten der kostenfreien Kinderbetreuung waren hierzulande längst vorbei – Mückes Kindergarten war eine Privateinrichtung und kostete siebzig Mark im Monat pro Kind. Schlaues Mädel, die Mücke, und ausgesprochen geschäftstüchtig. Neben dem Kindergarten hatte sie einen kleinen Laden eröffnet – alles rund ums Kind, dazu ein paar preiswerte Klamotten und anderen Kram für die Mütter. Man konnte dort auch einen Kaffee trinken und Kuchen essen. Die geborene Unternehmerin – wer hätte ihr das zugetraut? Aber einer musste ja das Geld verdienen, und auf Kalle war in dieser Beziehung wenig Verlass.
Die Verhandlungen im Kavaliershäuschen schienen sich in die Länge zu ziehen, und Kacpar musste sich stark am Riemen reißen, um nicht hinüberzulaufen und Franziska Iversen zum wiederholten Mal seine Hilfe anzubieten. Gerade jetzt war ganz sicher der falscheste Zeitpunkt dafür, weil der Stolz der Frau Baronin tief verletzt war und ihre Ablehnung entsprechend heftig ausfallen würde. Er hatte bessere Aussichten, wenn er es später über Walter Iversen versuchte. Franziskas Ehemann war ein kluger, besonnener Mensch, und wenn Kacpar Glück hatte, hörte sie auf ihn. Mit Jenny zu reden war im Augenblick vollkommen sinnlos, sie war völlig mit den Nerven runter, weil nicht nur der Termin der Restauranteröffnung nahte, nein, bald musste sie die Probeklausuren von der Fernschule für die Abiturzulassung schreiben, wofür sie noch eine Menge zu lernen hatte.
Ein kleiner Lieferwagen, der durch die Platanenallee zum Gästeparkplatz fuhr, erlöste ihn aus dem quälenden Kreislauf seiner ungeklärten Probleme. Täuschte er sich, oder war das die Firma Bauer & Co, die im Keller die Grube für den Pool ausschachten sollte? Tatsächlich – jetzt hatte der Wagen das Ende der Allee erreicht und hielt auf dem Parkplatz. Drei kräftige Männer in Arbeitskleidung stiegen aus, schulterten Schaufeln und Hacken und eilten tatenfroh in Richtung Gutshaus.
Wunderbar, dachte Kacpar erfreut. Es geht voran im Keller – sobald der Pool fertig ist, haben wir das Wichtigste geschafft. Wenn jetzt bloß nicht Enno Budde mit seiner verflixten Aktentasche aus dem Kavaliershäuschen tritt, das würde alles vermasseln. Enno war in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund. Was vor allem an den gewitzten Versicherungsverkäufern und an den bunten Katalogen der großen Versandhäuser lag. Da hatte mancher im Konsumrausch bestellt und nicht ans Bezahlen gedacht. Vor allem wenn man den Job verloren hatte wie so viele in der Gegend, konnte man mit seinen unbezahlten Rechnungen schnell bei Enno Budde landen.
»Gerichtsvollzieher und Totengräber, das sind die einzig krisenfesten Jobs hierzulande«, hatte der Bürgermeister Paul Riep neulich in Heiko Mahnkes Kneipe gesagt. Galgenhumor.
Sie hatten ausnahmsweise einmal Glück. Das arbeitsfreudige Trio überquerte den Hof und betrat das Gutshaus, ohne auf den Gerichtsvollzieher zu treffen.
»Tag auch, Paul Bauer, wir haben telefoniert«, grüßte der kräftigste der drei Männer und schüttelte Kacpar die Hand. »Wir können heute anfangen, wenn es Ihnen passt.«
Bevor sie die Firma beauftragt hatten, hatte sich Kacpar informiert. Bauer & Co bestand erst seit einigen Monaten. Paul Bauer und seine beiden erwachsenen Söhne hatten verschiedene Baumaschinen aus einem DDR-Betrieb erworben, der geschlossen worden war. Sie übernahmen Erdarbeiten jeglicher Art, fällten auch Bäume oder rissen Altbauten ab. Zu ihrer eigenen Überraschung waren die Auftragsbücher voll; vor allem in den Städten, wo viel gebaut wurde, waren Männer wie Paul Bauer und seine Söhne heiß begehrt. Ein Wunder, dass sie für diesen vergleichbar kleinen Auftrag Zeit gefunden hatten.
»Schön, dass Sie gekommen sind.« Kacpar schüttelte Bauers Hand. »Gehen wir hinunter, ich habe die Stelle für die Ausschachtungsarbeiten mit Kreide auf den Boden gezeichnet.«
Einen Moment lang verspürte er ein schlechtes Gewissen. Es war keineswegs sicher, ob Franziska Iversen die Firma bezahlen konnte, vermutlich konnte sie es nicht. Dennoch war es ungemein verlockend, wieder ein Stück voranzukommen. Kacpar nahm sich vor, die Truppe notfalls einfach aus eigener Tasche zu entlohnen.
Die Kellertreppe war gemauert und schmal. Es handelte sich um die alte Dienstbotentreppe, die einst zur Gutsküche und zu den übrigen Wirtschaftsräumen geführt hatte. Hier unten war es dämmrig, da die Fenster nur zur Hälfte über das Hofpflaster hinausragten. Auf der linken Seite hatten sie die alte Raumaufteilung gelassen. Waschküche, Holz- und Kohlelager sowie der Weinkeller konnten ohne größeren Aufwand zu Massageräumen mit Badewannen umgestaltet werden. Auf der rechten Seite sah es anders aus, dort hatten sie die große Küche mit den beiden Vorratsräumen zusammengelegt, die Mauern abgetragen und mehrere Stützen eingebaut, die später zu fantasievoll gestalteten Säulen ummantelt werden sollten. In dem so gewonnenen großen Raum sollte der Pool entstehen, für den auch ein kleineres Außenbecken geplant war. Zum Schluss sollte rund um das Becken eine Terrasse mit großer Liegewiese und weiter zum See hin ein Kinderspielplatz entstehen. Das war freilich ferne Zukunftsmusik, in die sich hörbar die Rufe der Pleitegeier mischten, aber man durfte bei allen Sorgen und Problemen seine Visionen nicht aus den Augen verlieren. Wenn man das tat, konnte man gleich alles hinwerfen.
»Den Bagger kannste hier vergessen«, knurrte einer der beiden Söhne und hackte probeweise in den Zementboden. Ein paar Brösel lösten sich, Staub stieg auf.
»Hier geht nur Muskelschmalz«, belehrte Bauer seine Söhne. »Wenn wir erst durch die Zementdecke sind, wird es leichter. Viel Sand, vielleicht ein paar Steinbrocken. Kann auch sein, dass wir auf Grundwasser stoßen.«
Das Gutshaus befand sich zwar einige Meter über dem Niveau des Sees, aber trotzdem war es möglich, dass Bauer mit seiner Vermutung richtiglag. Wenn sie hier auf Grundwasser stießen, würde man eine Pumpe und viel Strom benötigen, was die weiteren Arbeiten extrem verteuerte. Deutlicher ausgedrückt: Es würde einen vorläufigen Baustopp bedeuten. Sie brauchten also viel Glück. Wobei es mit dem Glück so eine Sache war, denn das war während der ganzen Zeit hier nicht immer auf ihrer Seite gewesen.
Kacpar ging nicht weiter auf dieses Problem ein, stattdessen sah er wortlos zu, wie Vater Bauer schon mal die ersten Schläge mit der Hacke setzte, immer schön an der Kreidelinie entlang, dann wandte er sich zufrieden um und verließ die Unterwelt, um die Entwicklungen im Kavaliershäuschen nicht zu verpassen.
Dort hatte sich inzwischen einiges bewegt. Als Kacpar die Stufen zum Hof hinunterstieg, rannte Falko, der treue Schäferhund, an ihm vorbei, gefolgt von seinem heiß geliebten Quälgeist Julchen. Jennys Tochter Julia war im März vier geworden, ihr Körper hatte sich gestreckt, der Babyspeck war verschwunden, dafür hatten sich an Nase und Stirn eine Menge Sommersprossen angesiedelt. Genau wie Jenny war auch Julchen mit einer Flut krauser kupferroter Locken gesegnet, die ihr im Kindergarten den Spitznamen »Pumuckl« eingetragen hatten.
Wenn Julchen hier war, konnte auch Jenny nicht weit sein. Seine Vermutung erwies sich als richtig, Jenny stand an der Haustür des Kavaliershäuschens gleich neben ihrer Großmutter, ins Gespräch mit Enno Budde vertieft. Kacpar staunte. Wie es schien, war man sich einig geworden. Franziska Iversen lächelte auf Gutsherrinnenart, Jenny schwatzte laut daher und gestikulierte dabei mit den Händen, wie es typisch für sie war. Enno Budde grinste leutselig, reichte Franziska die Hand und schritt eilig in Richtung Parkplatz davon.
»Hi, Kacpar!«, rief Jenny, als sie ihn entdeckte. »Hast du Julchen gesehen?«
»Die ist mit Falko hinunter zum See!«
»Oh, Mist. Immer wenn sie gerade ihre guten Klamotten anhat!«, schimpfte Jenny.
»Lass sie nur«, mischte sich die Großmutter ein. »Ich stecke die Sachen in die Waschmaschine und fertig!«
Sie begann, die Vorzüge ihrer neuen Waschmaschine, die einen integrierten Trockner besaß, zu schildern, dann deutete sie auf den Wagen der Firma Bauer & Co und erkundigte sich, ob diese schon im Keller an der Arbeit war. Kein Wort zu Enno Budde. Ganz wie er es erwartet hatte.
»Was wollte denn …«, setzte Kacpar zu einer Frage an, doch Franziska fiel ihm ins Wort.
»Kommt doch alle herein, es ist noch Gulaschsuppe da, und Weißbrot kann ich auch aufschneiden. Für einen Mittagsimbiss reicht das allemal.«
Die Einladung war so herzlich ausgesprochen und ihr Lächeln so einnehmend, dass er nicht ablehnen konnte. Allerdings war sich Kacpar sicher, dass sie auch am Esstisch nicht gesprächiger sein würde. Besser, er versuchte es bei Jenny.
»Soll ich vielleicht mal nach Julchen sehen?«, schlug er vor und blieb stehen.
»Wenn du magst«, erwiderte Jenny schulterzuckend. »Ich denke aber, sie kommt gleich von selbst. Normalerweise hat sie um diese Zeit einen Bärenhunger.«
Da Franziska schon im Haus verschwunden war, packte Kacpar die Gelegenheit beim Schopf.
»Wie habt ihr beiden es geschafft, Enno Budde vom Pfänden abzuhalten?«
Jenny kicherte vergnügt und blinzelte ihn mit sieghaften blaugrauen Augen an.
»Ganz einfach – wir haben bezahlt.«
Er musste ein ausgesprochen dämliches Gesicht gemacht haben, denn sie lachte hell auf.
»Tja, Mr. Unke. War nix mit Pfändung und Haus unterm Hammer. Ulli hat mir Geld geliehen. Einfach so. Ohne gleich Teilhaber werden zu wollen.«
Damit drehte sie sich um und eilte ihrer Großmutter nach. Kacpar blieb verblüfft an der Haustür stehen und wusste nicht, ob er froh sein oder sich ärgern sollte. Schließlich entschied er sich für Letzteres. Ausgerechnet Ulli Schwadke! Klar, der hatte in seinen Bootsverleih kaum investieren müssen, weil der Max Krumme das Geld, das Ulli ihm für das Grundstück am Ufer der Müritz gegeben hatte, großzügig in die neuen Boote sowie in den Zeltplatz gleich am Wasser mitsamt Laden, Imbiss und Kiosk steckte. Während der vergangenen drei Jahre hatten die beiden gut verdient, einiges wieder investiert, aber ganz sicher auch ein dickes Polster zurückgelegt. Der Ulli konnte problemlos ein paar Tausender verleihen, und die beiden Damen nahmen das Geld auch noch an. Nur seine Hilfe schlugen sie aus. Verärgert stapfte Kacpar über die regennasse Wiese in Richtung See.
»… ohne gleich Teilhaber werden zu wollen …«, hatte Jenny gesagt. Was für ein gemeiner Seitenhieb. Der edle Ulli rückte die Kohle raus, ohne Forderungen zu stellen, während der böse Kacpar dafür einen Anteil am Gutshof haben wollte. Na und? Ulli konnte sich das leisten. Blieb doch eh in der Familie, wenn er die Jenny heiratete, und genau das würde er früher oder später tun.
Unten am See stand Julchen im matschgesprenkelten Anorak, die Schuhe von Wasser durchtränkt. Sie übte sich in ihrer neuen Kunst, dem Werfen flacher Steinchen, die auf der Wasseroberfläche hüpften, bevor sie untergingen.
»Eins … zwei … drei … vier!«, jubelte sie. »Kannste auch so viele Male, Kacpar?«
Sie war unfassbar lebendig, diese kleine Person. Wurde nicht müde, führte ständig etwas im Schilde. Gebündelte, sommersprossige Energie. Er bückte sich und suchte einen passenden Stein aus, warf und erzielte nur drei Hüpfer. Verflixt. Als Junge hatte er das besser gekonnt. Er versuchte es noch einmal, verbesserte sich um einen Hüpfer, aber jetzt hatte sie fünf und damit wieder die Nase vorn.
»Kommst du mit?«, beendete er den Wettstreit. »Es gibt Gulaschsuppe bei deiner Oma. Und trockene Socken hat sie bestimmt auch für dich.«
»Na gut …«
Sie rief Falko, der am Seeufer nach Enteneiern suchte. Als er nicht gleich kommen wollte, pfiff sie auf zwei Fingern nach ihm. Das hatte ihr ein Junge im Kindergarten beigebracht.
»Mädchen, die pfeifen, Hühnern, die krähen …«, begann Kacpar grinsend, ließ die zweite Zeile aber besser weg.
Zu dritt zockelten sie über die Wiese zurück zum Gutshaus, wobei Julchen pausenlos von ihren Kindergartenerlebnissen erzählte und Falko mehrfach das nasse Fell schüttelte. Kacpar fühlte sich in der Gesellschaft der beiden seltsam heiter und gelassen. Warum regte er sich unnötig auf? Die Zwangsversteigerung war vorerst abgewendet, er hatte sich umsonst die schlimmsten Sorgen gemacht. Zu Ostern würden sie das Restaurant eröffnen, und nicht lange danach konnten die ersten Hotelgäste kommen. Er lachte über Julchens falsche Töne, als sie ihm ein Kinderlied vorsang, und erklärte sich bereit, ihr zu zeigen, wie man Papierschiffchen faltete.
Als sie den gepflasterten Hof erreichten und das Kavaliershäuschen ansteuerten, hielt ihn ein lauter Ruf aus dem Gutshaus zurück. Oben an der Treppe stand Meister Bauer und winkte ihm aufgeregt.
Mist, dachte er. Kann man nicht wenigstens für ein paar Minuten glücklich sein?
»Geh schon mal zur Oma«, bat er Julchen. »Ich komme gleich nach.«
Grundwasser! Na klar. Warum sollte bei diesem Bau auch einmal etwas glattlaufen? Bauer sagte kein Wort, stattdessen gab er ihm ein Zeichen, ihm zu folgen. Ganz blass war der arme Kerl. Hastig stiegen sie die Kellertreppe hinunter, wandten sich nach rechts und blieben dann vor der Grube stehen. Sie hatten die eingezeichnete Fläche erst zur Hälfte aufgerissen und die Zementschicht abgetragen. Die Brocken lagen sorgfältig gestapelt zum Abtransport bereit vor einem der Fenster zum Hof.
»Da!«, sagte Bauer und deutete mit dem Finger auf das Loch im Boden, neben dem die beiden Söhne knieten und fasziniert hineinstarrten.
»Grundwasser?«, fragte Kacpar mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube.
»Nee«, gab Bauer zurück. »Ein Toter.«
»Was?«
Kacpar trat an den Rand der Grube und schaute ebenfalls hinein. Das grelle Licht einer Baulampe fiel auf einen menschlichen Schädelknochen. Gelblich, die weiten Augenhöhlen mit sandiger Erde gefüllt, die Zähne vollzählig, der Unterkiefer noch halb im Boden vergraben.
»Die Frau Baronin hatte offensichtlich eine Leiche im Keller!«, stellte einer der Söhne mit beklommener Stimme fest.