Marian Füssel
Wissen
Konzepte – Praktiken – Prozesse
Campus Verlag
Frankfurt/New York
Über das Buch
Wissen ist nicht nur eine umkämpfte Ressource unserer Gesellschaft, sondern mittlerweile auch ein zentraler Gegenstand der Geschichtswissenschaften. Seit den 1990er Jahren hat sich neben der Wissenschaftsgeschichte eine eigene Wissensgeschichte etabliert, deren Themen und Theorien weit über das wissenschaftliche Wissen hinausgehen. Gerade diese Dynamik der Ausweitung macht einen komprimierten Überblick erforderlich – Marian Füssel bietet ihn mit dieser prägnanten Einführung in ein wichtiges Thema der historischen Kulturwissenschaften. Thematische Schwerpunkte des Studienbuchs bilden Räume, Institutionen, Akteure, Praktiken, Medien, Prozesse und Narrative der Geschichte des Wissens, also Archive und Bibliotheken, Akademien und Universitäten, Wunderkammern und Museen oder die Gelehrtenkultur Europas seit dem Mittelalter. Außerdem diskutiert der Band auf dem aktuellen internationalen Forschungsstand unterschiedliche Wissensbegriffe, das Verhältnis von Wissensgeschichte und Wissenschaftsgeschichte, die Geschichte des Nicht-Wissens und die Historisierung der Wissensgesellschaft.
Vita
Marian Füssel ist Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Wissenschaftsgeschichte an der Universität Göttingen.
Einleitung: Was ist Wissen?
1. Was ist Wissensgeschichte?
1.1 Theorien und Ansätze
1.2 Die Praxis der Wissensgeschichten
2. Orte und Räume
2.1 Orte und Institutionen des Wissens
2.2 Orte der Macht: Vom Hof zum Staat
2.3 Kommunikationsräume
2.4 Orte des Sammelns
2.5 Orte der Erfahrung
2.6 Weltwissen: Global-, Kolonial- und Imperialgeschichten
3. Akteure
3.1 Das Geschlecht des Wissens
3.2 Institutionelle Akteure
3.3 Soziale Rollen
3.4 Prekäre Figuren
4. Praktiken
4.1 Sich die Welt erschließen
4.2 Lehren, Prüfen, Zertifizieren
4.3 Beobachten, Befragen, Messen, Experimentieren
4.5 Streiten, Kritisieren, Zitieren, Zensieren
4.6 Wissen verkaufen
5. Medien, Medialität und Objekte
5.1 Zwischen Schriftrolle und Buch
5.2 Bilder des Wissens
5.3 Dinge des Wissens
6. Strukturen und Prozesse in der Geschichte des Wissens
6.1 Jenseits der großen Erzählung? Narrative der Wissensgeschichte
6.2 Prozesse des Wissens
6.3 Die Historizität epistemischer Tugenden
6.4 Wissen an Grenzen
Ausblick
Sach- und Personenregister
Digitale Ressourcen zur Wissens- und Wissenschaftsgeschichte
Sammlungen und Bibliotheken
Digital Humanities-Projekte
Zeitschriften
Auswahlbibliographie
Quellen
Forschungsliteratur
Wer sich wissenschaftlich mit der Kategorie »Wissen« befasst, stößt schnell auf eine scheinbar paradoxe Situation. Wissen ist allgegenwärtig. Jeder Mensch verfügt über Wissen, allerdings in höchst ungleichem Maß. Sowohl in den Fragen, was wir wissen, als auch in jenen, wieviel wir wissen, unterscheiden wir uns erheblich voneinander. Auch leben wohl die meisten Menschen mit der Vorstellung, zumindest ein rudimentäres Verständnis davon zu besitzen, was Wissen ist bzw. dass es etwas gibt, was diesen Begriff verdient. Wissen ist menschlich konstruiert, aber deswegen noch keine reine Fiktion, obwohl es zweifellos wirkmächtige Wissensfiktionen gibt. Je mehr wir nun aber versuchen, den Begriff des Wissens definitorisch einzukreisen, desto mehr scheint er sich jeder Definition zu entziehen. Und hat man doch eine Definition gefunden, so wird es schwierig sein, darüber einen breiten Konsens zu erzielen. Denn je nach wissenschaftlicher Disziplin, Beruf oder kulturellem Hintergrund kann sich das, was als Wissen gelten kann, wieder massiv unterscheiden.
Angesichts solcher definitorischen Probleme mag es zunächst erstaunen, dass die Geschichte des Wissens ein seit einigen Jahrzehnten weltweit stark prosperierendes Forschungsfeld darstellt. Ihre offensichtliche Attraktivität bezieht die Wissensgeschichte jedoch nicht primär aus dieser fuzziness, obgleich diese zweifellos die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit erhöhen mag, sondern daraus, dass Wissen eine gesellschaftlich hoch relevante Ressource darstellt. Wissen ist ein einflussreicher ökonomischer Faktor, wissenschaftliche Expertise angesichts etwa einer Pandemie unverzichtbar für das Überleben. Wissenschaftliche Weltdeutungen sind zugleich fortwährenden Infragestellungen und Leugnungen ausgesetzt. All dies sind jedoch keine völlig neuen Phänomene, sondern sie haben selbst eine lange Geschichte. Die zentralen Fragen der Gegenwart steuern damit immer zugleich unsere Fragen an die Vergangenheit.
Die folgende Einführung in die Geschichte des Wissens widmet sich nicht den Inhalten des Wichtigste[n] Wissen[s] (Fischer 2020), sondern der Art und Weise seiner historischen Erforschung. So ist zwischen dem Wissen in der Geschichte als Gegenstand und den Ansätzen seiner Erforschung zu unterscheiden. Die Geschichte des Wissens kann sowohl aus der Perspektive der Wissenschaftsgeschichte als auch der einer Wissensgeschichte betrachtet werden. Ein Großteil der in dieser Einführung vorgestellten Forschungen lässt sich bereits rein formal zweifellos der Wissenschaftsgeschichte zuordnen; ein Auseinanderdividieren in wissens- und wissenschaftshistorische Studien wäre weder sinnvoll noch praktikabel. Wissenschaftsgeschichte und Wissensgeschichte können nebeneinander existieren und profitieren wahrscheinlich mehr von einem Austausch zwischen noch unterscheidbaren Partnern als von einer Nivellierung. »Verzahnung, nicht Verschmelzung« hat Hans-Jörg Rheinberger treffend zur Devise gemacht (Rheinberger 2003: 13).
Im Vergleich zur Wissenschaftsgeschichte ist die Wissensgeschichte trotz manch älterer Vorläufer ein vergleichsweise junger, aber von raschem Wachstum geprägter interdisziplinärer Forschungsansatz der historischen Kulturwissenschaften. Die vorliegende Darstellung versteht sich als problemorientierte Einführung in die Geschichte des Wissens, die kein enzyklopädisches Kompendium bieten kann und will, sondern einen Überblick über wesentliche Diskussionen und exemplarische Forschungen, die in den letzten fünfzig Jahren sowohl unter dem Begriff der Wissensgeschichte (histoire des savoirs, history of knowledge) als auch in der Wissenschaftsgeschichte verhandelt worden sind. Wenn die Forschungen der Wissensgeschichte eine gemeinsame Signatur aufweisen, dann ist es die einer zunehmenden Entgrenzung. Erweitert hat sich aus Perspektive der Wissenshistoriker:innen u. a. der Kreis der Akteure (nicht nur Gelehrte, sondern auch Praktiker), der Orte (nicht nur Universitäten, sondern auch Handwerksbetriebe), der geographischen Räume (nicht nur Europa, sondern globale Zirkulation), der Praktiken (nicht nur experimentieren, sondern auch sammeln) und der Objekte (nicht nur Texte, sondern auch Instrumente).
Eine Einführung in die Geschichte des Wissens sieht sich zunächst mit der Herausforderung einer Präzisierung ihrer Begrifflichkeiten konfrontiert: Was ist Wissen? So lautet die schwer zu beantwortende Ausgangsfrage, deren mögliche Antworten man sich aus der Philosophie und Soziologie holen kann. Ein philosophisches Verständnis von Wissen als »wahrer, gerechtfertigter Meinung« hat sich in der historischen Forschung allerdings kaum etabliert (Ernst 2002; Hardy 2004) und steht erkenntnistheoretisch seit langem in der Kritik (Gettier 1963 [2019]).
Edmund Gettier und die Frage »Ist gerechtfertigte, wahre Überzeugung Wissen?«
Die Definition von Wissen als »wahrer gerechtfertigter Meinung« hat Anfang der 1960er Jahre eine berühmte Widerlegung durch den amerikanischen Philosophen Edmund L. Gettier (1927–2021) erfahren. Gettier arbeitete zu dieser Zeit an der Wayne State University in Detroit, als die Frage seiner entfristeten Anstellung (tenure) virulent wurde. Ohne eine einzige vorweisbare Publikation schien diese fraglich, und seine Kollegen drängten ihn zu einer Veröffentlichung. 1963 publizierte Gettier daher in der Zeitschrift Analysis einen drei Seiten umfassenden Aufsatz zur Frage »Ist gerechtfertigte, wahre Meinung Wissen?« (Gettier 1963/2019). Hinzukommen sollten später nur noch eine Rezension und ein lediglich auf Spanisch publizierter Text. Der Aufsatz Gettiers wurde zu einem Klassiker der Erkenntnistheorie, und man sprach fortan wie selbstverständlich von Gettier-Fällen oder Gettier-Problemen. Ein Gettier-Fall tritt auf, wenn jemand eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung hat, aber kein Wissen. Die Argumentationslogik Gettiers konstruiert Fälle des Typs einer Beispielkette »S weiß, dass P«, wenn (i), (ii) und (iii) jeweils als wahr oder gerechtfertigt der Fall ist, bevor er sie dann einen nach dem anderen formal widerlegt.
Die Wissenssoziologie, die Wissen als »Handlungsvermögen« begreift, hat zwar einen wichtigen Einfluss auf die Wissensgeschichte, teilt aber nicht notwendig deren Drang zur Historisierung (Stehr/Adolf 2018). So kann Wissen etwa als »die Kapazität eines einzelnen Handelnden oder einer Gruppe« verstanden werden, »Probleme zu lösen und entsprechende Handlungen geistig vorwegzunehmen oder auszuführen« (Renn 2020: 426).
Die Frage der Wissensgeschichte lautet: Was war Wissen? Die Antwort ergibt sich dann aus den jeweiligen Quellen und dem Zeithorizont. Wissen war das, was die Zeitgenossen für Wissen hielten (Mulsow 2019). Ein Vorteil ist, dass wir diese Wissensbestimmungen in der historischen Rückschau als abgeschlossene, wenn auch weiter fortwirkende Prozesse in den Blick nehmen können, ohne einen Konsens mit den Zeitgenossen zu suchen. Das hat zur Konsequenz, dass, obgleich spätere Generationen Glaubens- und Wissenssysteme strikt zu trennen suchten (Sarasin 2011), wissenshistorisch auch »religiöses Wissen« rückblickend als Wissen erforscht werden kann (Pahl 2006; Holzem 2013; Dürr 2019). Diese Strategie stößt allerdings an ihre Grenzen, denn einerseits erfassen historische Begriffe nie alle Wissenspraktiken der Zeitgenossen, andererseits wird der interepochale Vergleich durch epochenspezifische Begriffe erschwert. Zudem kann es moralisch bedenklich werden, wenn jeder historische Anspruch auf Wissenschaftlichkeit fraglos hingenommen würde, wie etwa die Beschäftigung mit der Wissenschaft in totalitären Systemen zeigen wird. Historiker:innen können also weder eine »Reise« unternehmen, auf die man sich ohne »konzeptuelles Gepäck« der eigenen Gegenwart begibt, in der »Hoffnung aufzusammeln, was die historischen Akteure zurückgelassen haben, noch eine Reise mit einer ›one-size-fits-all‹ Takelage« (Renn 2020: 11). In der Vergangenheit war die Frage, was als Wissen gelten kann, nicht weniger umstritten als in der Gegenwart. So führte die Konkurrenz der Definitionen schon früh zu diversen terminologischen Differenzierungen von Wissensformen.
Wissensformen
Im antiken Griechenland unterschied man zwischen techne (dem erlernten Wissen etwa des Handwerks), episteme (das Wissen von etwas, aber auch (Er)-Kenntnis), gnosis als Erkenntnis, praxis (als mit seinem Zweck identisches Handeln) und phronesis (als eine Verständigkeit bzw. Gesinnung), sophia als Weisheit, während metis eine Form der Klugheit bezeichnete (Vernant 1973). Im Lateinischen wiederum wurde unterschieden zwischen ars (wissen wie; know how), scientia (wissen, dass) und sapientia (Weisheit) (Burke 2016: 8; Meißner 1999: 12–15; vgl. hierzu auch die Quelle 4 unter www.campus.de). Das Arabische kannte die episteme als ’ilm, gnosis als ma’rifah und sapientia als hikma, während die chinesische Kultur nicht nur zhīshí als allgemeines Wissen von shixue als Fertigkeit im Sinne von Knowhow unterscheidet, sondern u. a. chángshi als Art des common-sense, xuewen für Schrift bzw. lernen oder mijue als geheimes Knowhow. Im Deutschen steht Wissen in der begrifflichen Nachbarschaft zur davon unterschiedenen Erkenntnis, ähnlich wie sich im Französischen connaissance zu savoir und im Italienischen conoscenza zu sapere als Kenntnisse im Gegensatz zum Können verhalten, während das Englische beide Ebenen in knowledge vereint (Knoblauch 2010: 13).
Geltung
Erhebliche Dynamik für die konzeptionelle Problematisierung der Kategorie Wissen ging in der Mitte der 1960er Jahre von der Historischen Epistemologie und der Wissenssoziologie aus. So ist Michel Foucault mit Büchern wie der Archäologie des Wissens (1969) oder Der Wille zum Wissen (1976) zu einem der Gründerväter einer interdisziplinären Wissensgeschichte geworden. Foucaults Definition von Wissen als Gesamtheit der »Erkenntnisverfahren und -wirkungen […], die in einem bestimmten Moment und in einem bestimmten Gebiet akzeptabel sind« (Foucault 1992: 32), erweist sich jedoch als recht weit. Er situiert das Wissen in Raum und Zeit und verweist mit dem Wort »akzeptabel« auf die Frage der Geltung. Foucaults Verständnis von Wissen rückt die Geschichtlichkeit des Wissensbegriffs in den Mittelpunkt. Es stellt sich also die Aufgabe, in den historischen Antworten immer auch kontextualisierende Erklärungen zur Reichweite dessen zu liefern, was als Wissen galt.
Geltung kann als eine Art Schlüsselbegriff der gängigen Definitionsversuche von Wissen identifiziert werden (Kaiser u. a. 2020). Die Wissenssoziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann hinterfragten zur gleichen Zeit die »gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit« und definierten Wissen als »die Gewißheit, daß Phänomene wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben« (Berger/Luckmann 1969: 1). Zur Aufgabe der Wissenssoziologie wurde damit die Beschäftigung mit allem, »was in der Gesellschaft als ›Wissen‹ gilt«.
In jüngerer Zeit ist der Historiker Achim Landwehr Foucault und Berger-Luckmann gefolgt, wenn er Wissen definiert als »ein Ensemble von Ideen […], das Objekte mit bestimmten Eigenschaften versieht und von einer sozialen Gruppe als gültig und real anerkannt wird« (Landwehr 2002: 71). Eine ganz ähnliche Richtung schlug bereits Elizabeth Doyle McCarthy ein, die Wissen definiert als »any and every set of ideas and acts accepted by one or another social group or society of people – ideas and acts pertaining to what they accept as real for them and for others» (McCarthy 1996: 23).
Je nach Gruppe und Kontext kann das Wissen ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen. Peter Burke unterscheidet mit dem Soziologen Georges Gurvitch sieben Typen des Wissens: »perzeptives, soziales, alltägliches, technisches, politisches, wissenschaftliches und philosophisches Wissen« (Burke 2001: 23) – eine Typologie, die sich noch leicht erweitern ließe (Renn 2020: 430). Charakteristisch für die Wissensgeschichte ist gerade diese Pluralität der Wissensformen. Schon Foucault sprach von savoirs im Plural. Zu den unterschiedlichen Funktionen treten noch die verschiedenen Interessen am und Zugänge zum Wissen.
Zu einem Motor der Wissensgeschichte entwickelte sich die Idee der Wissensgesellschaft (Engelhardt/Kajetzke 2010). Sie geht auf den amerikanischen Soziologen Daniel Bell zurück, der 1973 die gesellschaftsanalytische Grundannahme formulierte, dass in der von ihm so genannten »postindustriellen Gesellschaft« Wissen zu der zentralen Grundlage sozialen Handelns geworden sei (Bell 1973 [1989]; vgl. hierzu Quelle 19 unter www.campus.de). Ausformuliert zu einem soziologischen Konzept wurde die Wissensgesellschaft von dem deutschen Soziologen Nico Stehr (Stehr 1994; 2004), radikalisiert zur Postkapitalistischen Gesellschaft indes von dem Management-Theoretiker Peter Drucker (Drucker 1993).
Wissensgesellschaft
Die Rede von der Wissensgesellschaft stützt sich auf zwei Beobachtungen: einer wachsenden ökonomischen Bedeutung wissenschaftlichen – und das heißt in der Regel natur-wissenschaftlichen – Wissens und der Umstellung bzw. vielmehr Ergänzung der die Gesellschaft dominierenden Ressourcen von Arbeit und Eigentum um die Dimension Wissen. Immer mehr Bereiche des Erwerbslebens werden durch Wissenstransfer und die Beschäftigung von Wissensakteuren geprägt. In der Soziologie ist das Konzept der Wissensgesellschaft mittlerweile jedoch kritisch reflektiert und seine ideologischen Implikationen herausgearbeitet worden (Bittlingmeyer 2005; Tänzler/Soeffner/Knoblauch 2006; Hirschi 2020: 28–30).
In der historischen Forschung vor allem des deutschsprachigen Raums wurde die Debatte um die Wissensgesellschaft erst in den 1990er Jahren aufgegriffen und damit zu einer Zeit, in der sich die Geschichtswissenschaften international vom Begriff der Gesellschaft ab- und dem Begriff der Kultur zuwandten (Daniel 1993). Für geraume Zeit diskutierten Historiker:innen über Alter und Genese der Wissensgesellschaft (Fried/Süßmann 2001). War sie eine Geburt des Mittelalters, der Frühen Neuzeit oder erst der heraufziehenden Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts? (Kintzinger 2003; van Dülmen/Rauschenbach 2004; Vogel 2004; Szöllösi-Janze 2004). Jede Epoche fand scheinbar ihre eigenen Antworten, negierte damit aber die zeitlich erst viel später ansetzende Chronologie der Soziologen. Der Begriff der Wissensgesellschaft erlaubte den Anschluss historischer an gegenwartsanalytische Debatten, erwies sich aber heuristisch als weitgehend unpraktikabel, zumal die diversen kulturhistorischen Wenden bereits in andere konzeptionelle Richtungen wiesen.
Wissenskulturen und kulturelles Wissen
Vielversprechender erwies sich der Begriff der Wissenskulturen (McCarthy 1996; Fried/Kailer 2003; Sandkühler 2014). Mit ihm traten Bedeutungsstrukturen und Historizität des Wissens in den Mittelpunkt des Interesses. Das Wettrennen der Epochenvertreter:innen um Modernität hob sich auf zugunsten von jeweils epochenspezifischen Wissenskulturen, im Zuge der postnationalen und postkolonialen Neuorientierung der Geschichtswissenschaften zudem von räumlich unterschiedenen Wissenskulturen.
Bereits vor dem Konzept der Wissenskulturen war in der Literarturtheorie die Kategorie des »kulturellen Wissens« entwickelt worden, mit der die »Gesamtmenge der Propositionen« bezeichnet wird, die die Mitglieder [einer] Kultur für wahr halten bzw. die eine hinreichende Anzahl von Texten der Kultur als wahr setzt; jede solche Proposition ist ein Wissenselement; die systematisch geordnete Menge der Wissenselemente ist das Wissenssystem. Zum Wissen gehören also auch kulturelle Annahmen, von denen wir zu wissen glauben, daß sie falsch sind« (Titzmann 1989: 48). Eine jüngere Definition spricht von der »Gesamtmenge der in einer Kultur zirkulierenden Kenntnisse, die durch Kommunikation und Erfahrung konstruiert, erworben und tradiert werden. Es stellt einen reproduzierbaren Bestand kulturell möglicher Denk-, Orientierungs- und Handlungsmuster bereit, die innerhalb der jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen als gesellschaftlich gültig und wertvoll gelten« (Neumann 2006: 43).
Angesichts seines inflationären Gebrauchs rief der Kulturbegriff in jüngster Zeit jedoch seinerseits ein gewisses Unbehagen hervor, so dass Rufe nach einer Geschichte jenseits des cultural turn laut wurden. Die Wissensgeschichte wird von manchen als Kandidat dafür gehandelt, die Sozial- bzw. Kulturgeschichte zu ersetzen (Sarasin 2011). Das wäre jedoch nicht nur eine Überforderung, sondern auch das sichere Ende eines noch halbwegs mit Kontur versehenen Forschungsansatzes. So wurde vorgeschlagen, von Wissenskulturen nur dann zu sprechen, wenn es gilt zu zeigen, »dass es nicht ausschließlich epistemische Verfahren sind, die zur Auszeichnung von Meinungen als Wissen führen, sondern auch Faktoren, die außerhalb oder unterhalb des Raumes des Gebens und Nehmens von Gründen wirken, als kulturelle Praktiken, die Meinungen oder Glaubenssätze oder Für-Wahr-Haltungen generieren, festzurren und tradieren« (Zittel 2014: 33).
Informationsgesellschaft
Als Gegenwartsdiagnose nah verwandt dem Begriff der Wissensgesellschaft ist der Begriff der Informationsgesellschaft bzw. des Informationszeitalters (Castells 2001–2003). Jürgen Mittelstraß versteht unter Informationsgesellschaft »eine Gesellschafts- und Wirtschaftsform, in der Erzeugung, Speicherung, Verarbeitung, Vermittlung, Verbreitung und Nutzung von Informationen und Wissen in Informationsform einschließlich immer größerer technischer Möglichkeiten der interaktiven Kommunikation eine zunehmend dominante Rolle spielen« (Mittelstraß 2001: 41 f.).
Im Gegensatz zur Wissensgesellschaft hat der Begriff der Informationsgesellschaft nicht in vergleichbarer Weise zu entsprechenden historischen Vorverlagerungen geführt (als Beispiel vgl. Darnton 2000), sondern produktiv als Kontrastbegriff zum Wissen gewirkt. So unterscheidet Peter Burke, in der Tradition des binären Figuren nachspürenden Strukturalismus von Claude Lévi-Strauss, etwa zwischen Information als dem ›Rohen‹ und Wissen als dem ›Gekochten‹. Information liefert Material, das erst in der Bearbeitung zu Wissen wird (Burke 2001: 20; kritisch dazu Behrisch 2008: 456). Besonders in der Erforschung der Frühen Neuzeit hat sich Information als fruchtbare heuristische Kategorie erwiesen (Brendecke/Friedrich/Friedrich 2008; Blair/Duguid/Goeing/Grafton 2021). Hier hat die moderne Google-Welt allerdings ihre genealogischen Spurensuchen initiiert, wenn etwa nach ›Suchmaschinen‹ für Information im analogen Zeitalter gefragt wird (Tantner/Hübel/Brandstetter 2012).
Anachronismus und Historisierung
Mit diesen, der soziologischen Gegenwartsanalyse entlehnten Konzepten ist der Umgang mit Anachronismen als ein grundlegendes Problem jedweder historischen Forschung angesprochen. Gerade die Wissensgeschichte ist davon in besonderer Weise betroffen, hat ihr die Wissenschaft doch das begriffliche Erbe des 19. Jahrhunderts hinterlassen. Zwar hat die Wissenschaftsgeschichte die Lektion längst gelernt, doch sind die Probleme im Forschungsalltag immer noch allgegenwärtig. Kann man vor 1800 von Wissenschaft sprechen, oder sollte man besser den Begriff Gelehrsamkeit verwenden? Die Sprache der Wissensgeschichte wimmelt von Anachronismen, wenn man für die Vormoderne von Experten und Intellektuellen oder von Akteursnetzwerken und Suchmaschinen spricht.
Appliziert man den Begriffsapparat des 19. Jahrhunderts auf Wissensformationen der europäischen Gesellschaft vor 1800, von außereuropäischen Gesellschaften ganz zu schweigen, ergeben sich zwangsläufig Probleme, da etwa die disziplinäre Ausdifferenzierung noch keine Biologie kannte und die Chemie sich erst langsam von der Alchemie trennte. In der Praxis begegnen wir der Anachronismus-Falle meist mit einem steten Wechsel zwischen den Begriffsebenen und dem expliziten Verweis auf »kontrollierte« bzw. produktive Anachronismen (Burke 2016: 112).
Nicht-Wissen
Eine neue Aktualität hat die Wissensgeschichte in den vergangenen zehn Jahren im Zuge von Diskussionen über Phänomene wie Antiakademismus, Fake Science, Verschwörungstheorien und eine allgemeine Wissenschaftsfeindlichkeit gewonnen (Felsch/Engelmaier 2017; Nichols 2017; Blamberger/Freimuth/Strohschneider 2018). Wissenschaftler:innen werden nicht nur von autokratischen Regierungen bedroht, wissenschaftliche Fakten werden in Frage gestellt und der öffentlich ausgetragene Kampf um Wahrheiten ist von zunehmender Aggressivität geprägt. In ihrer breit rezipierten Studie Merchants of Doubt haben Naomi Oreskes und Erik M. Conway u. a. am Beispiel von SDI (Strategic Defense Initiative), dem sauren Regen, dem Ozonloch, dem Passivrauchen und dem Klimawandel gezeigt, wie wissenschaftliche Erkenntnisse von Wirtschaft und Politik systematisch in Frage gestellt wurden (Conway/Oreskes 2014; zur Tabakindustrie vgl. Proctor 2011; Staley 2019). Eine historische Selbstvergewisserung der Normen, Institutionen und Praktiken des Wissens scheint dringend geboten. In diesen Problemhorizont fügen sich auch die Forschungen zum »Nicht-Wissen« ein, die einerseits Grenzziehungsarbeiten zwischen Wissen und Nicht-Wissen etwa im Bereich des wissenschaftlichen Wissens in den Blick nehmen (Gieryn 1983; Mulsow/Rexroth 2014), andererseits kognitive Phänomene des Unbekannten oder des bewusst Ausgeblendeten im Sinne einer Geschichte der Ignoranz problematisieren (Proctor/Schiebinger 2008; Proctor 2019; Zwierlein 2016: Dürr 2021).