Buch
ist das Aufklärungsbuch für alle, die ihren Körper und ihre Sinnlichkeit unbefangen entdecken, verstehen und genießen wollen. Was prägt unsere sexuelle Orientierung? Wie überwinden wir kulturelle Normierungen? Wie finden wir überhaupt heraus, was zu uns passt? Mal einen Sex-Fetisch ausprobieren? Wie fühlt sich Sex zu dritt an? Persönliche Erfahrungen, Reportagen und anschaulich vermitteltes Körperwissen vereinen sich in diesem Buch zu einem schillernd bunten Mosaik der menschlichen Sexualität in ihrer göttlichen Vielfalt. Von der selbstbewussten Muslima bis hin zum Kamasutra-Meister teilen Menschen ihre intimsten Gedanken: der Kitzel des ersten Mals, das Geheimnis der offenen Beziehung, die ungewollte Schwangerschaft, der Reiz von stimulierendem Sexspielzeug. Es geht um grenzenlose Lust, und auch um Ängste und Traumata bis hin zum Umgang mit sexualisierter Gewalt. Ein entwaffnend ehrliches Panorama sinnlicher Erfahrung, eingerahmt von kunstvollen Illustrationen.
lässt niemanden unberührt.
Informationen zu Julia Rothman und Shaina Feinberg finden Sie am Ende des Buches.
Julia Rothman & Shaina Feinberg
Eine faszinierende Reise durch unsere Welt der sexuellen Lust und Identität
Aus dem amerikanischen Englisch
von Andrea Brandl und Bettina Spangler
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »EVERY BODY: An Honest And Open Look At Sex from Every Angle« bei Voracious, einem Imprint von Little, Brown and Company in der Hachette Book Group, Inc., New York, USA.
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Deutsche Erstausgabe Juli 2021
Copyright © 2021 der Originalausgabe: Julia Rothman und Shaina Feinberg
Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe: Mosaik Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Illustrationen im Innenteil, sofern nicht anders gekennzeichnet: Julia Rothman
Umschlag: Sabine Kwauka, in Anlehnung an das Originalcover
(Gestaltung Jenny Volvoski © 2021 Hachette Book Group, Inc.)
Umschlagabbildungen: Julia Rothman
Redaktion: Antje Steinhäuser
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
KF ∙ IH
ISBN 978-3-641-28080-2
V001
www.mosaik-verlag.de
Für Mom:
Danke, dass ich dir all die Fragen stellen durfte, zu allem Möglichen.
Julia
Für Chris:
Danke, dass du meine großen jüdischen Möpse so sehr magst.
Shaina
EINFÜHRUNG
Wie alles kam Julia Rothman
STATISTIKEN
STORYS
So erfuhr ich, dass es Sex überhaupt gibt
ESSAY
Die schmutzige Erde Jesu Elna Baker
STORYS
Masturbation
INTERVIEW: MEINE STORY
Masturbation als Profession Betty Dodson
STORYS
Liebe deinen Körper
ESSAY
Dick J. Colin Huerter
STORYS
Das erste Mal
ESSAY
Neben dem Spazierweg – eine Erinnerung Fariha Róisín
STORYS
Religion
ESSAY
Dating als Moslem Bilar Zafar
STORYS
Ethnische Herkunft & Zugehörigkeit
ESSAY
Lust und Liebe in der Stadt der Träume Myles E. Johnson
STORYS
Die Psyche und ihr Zustand
COMIC
10 Dinge, die du tust, wenn du geil und einsam bist Fareeha Khan
INTERVIEW: MEINE STORY
Intersexualität River Gallo
STORYS
Sexuelle Identität, Orientierung und Erkundung
COMIC
Nur ich und mein Arschloch David Heatley
INTERVIEW: MEINE STORY
Ein Leben mit HIV Anonym
STORYS
STIs – Sexuell übertragbare Krankheiten
ESSAY
Was hat Jessica Rabbit, was ich nicht habe? Rebekah Taussig
STORYS
Problem? Gelöst!
INTERVIEW: MEINE STORY
Sexualkompetenz Erica Chidi Cohen
STORYS
Ups! Waaas???
STORYS
Dates & flotte Nummern
ESSAY
Freier Wäschefall Piera Gelardi
STORYS
Das mag ich
ESSAY
Sexabenteuer im Park Ren Khodzhayev
STORYS
Der Ort des Geschehens
STORYS
Untreue
INTERVIEW: MEINE STORY
Was dich in einem Sexclub erwartet Anonym
STORYS
Nicht-Monogamie/Polygamie
STORYS
Gruppensex & Sexpartys
COMIC
Spritztour zum Fleischmarkt! Turdluv
ESSAY
Daddys Erwachen Jude Dry
STORYS
Fetisch
INTERVIEW: MEINE STORY
Werdegang einer Domina Mistress Velvet
STORYS
Sexarbeit
INTERVIEW: MEINE STORY
Sex vor der Webcam Lauren Duck
STORYS
Sextoys
ESSAY
Die Antwort auf die Frage Jiz Lee
STORYS
Pornografie
ESSAY
Meines Leibes Frucht Rachel Evans
STORYS
Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Fehlgeburt
COMIC
Dinge, die man vielleicht nicht über Fehlgeburten wissen will Julia Wertz
INTERVIEW: MEINE STORY
Teenagerschwangerschaft Anonym
STORYS
Abtreibungen
ESSAY
Wegbegleiterinnen der Geächteten Bianca I. Laureano, MA, CSES
INTERVIEW: MEINE STORY
Mein Leben nach sexuellem Missbrauch Karen Kornegay
STORYS
Einvernehmlicher Sex & Übergriffe
INTERVIEW: MEINE STORY
Kriminaltechnischer Sexualkundler Eric Garrison
ESSAY
Kein Verfallsdatum Gretta Keene, LCSW, CST
STORYS
Altern
STORYS
Covid-19
COMIC
Sexy Romane Emma Straub
SCHLUSSWORT
Eicheln Shaina Feinberg
KÜNSTLERVERZEICHNIS
DANK
Einführung
Während der Entstehung dieses Buches habe ich sehr viele Geschichten über Sex gehört und gelesen, was logischerweise auch Erinnerungen an meine eigenen Erfahrungen heraufbeschworen hat. Ich begann also irgendwann, meine eigene sexuelle Vergangenheit und mein bisheriges Liebesleben zu beleuchten, und stellte mir plötzlich jede Menge Fragen: Wieso will ich immer die, die nicht zur Verfügung stehen? Wieso brauche ich im Bett Anerkennung, um mit mir selbst zufrieden zu sein? Müsste ich experimentierfreudiger sein? Stimmt etwas mit mir nicht, weil ich auf dieses oder jenes stehe? War dieses eine Mal tatsächlich einvernehmlich? Was will ich wirklich? Wieso bin ich Single?
Den Vertrag für dieses Buch hatte ich unmittelbar nach einer Trennung unterschrieben. Ich war wieder allein, vermisste meinen Ex und stürzte mich kopfüber ins Leben – mit Unterstützung diverser Dating-Apps. Bei jedem ersten Date ließ ich einfließen, dass ich Sex-Storys sammle, die später anonym in einem Buch veröffentlicht werden sollten, woraufhin mir viele gleich ihre Geschichte erzählen wollten. Einer berichtete von seinem deformierten Penis, ein anderer gestand, er füge einer Frau gern vor dem Sex Schnittwunden am Bein zu, um ihr Blut zu trinken. Ich zog also mein Handy heraus und zeichnete die Storys auf, danach verabschiedete ich mich, fuhr nach Hause und brachte alles zu Papier.
Einen Teil der Geschichten für dieses Buch bekam ich über eine eigens gestaltete Webseite mit einem Dropdown-Menü mit Themen zur Auswahl, die ich über die sozialen Medien publik machte. Innerhalb kürzester Zeit flatterten mir Hunderte Geschichten ins Haus. Um eine möglichst breite Vielfalt zu gewährleisten, sollten die Verfasser ihre persönlichen Daten hinterlegen. Die Beiträge kamen aus allen Ecken des Landes, aber auch aus Mexiko, England, Australien und sogar aus Kasachstan.
Ich geriet schnell an meine Grenzen und beschloss, meine alte Freundin Shaina ins Boot zu holen. Sie ist Filmemacherin und hat Erfahrung damit, komplexe Projekte klar zu strukturieren. Ihre Idee war es auch, den direkten Kontakt mit den Menschen zu suchen, um noch vielfältigere Geschichten zu erfahren. Leute unmittelbar auf der Straße anzusprechen eröffne uns Möglichkeiten, die weit über unsere Netzwerke hinausgehen, meinte sie. Also pinselten wir ein Schild BITTE ERZÄHLT UNS EURE ANONYMEN SEX-STORYS!, ich druckte Einverständniserklärungen aus, und Shaina steuerte eine Flasche Handdesinfektionsmittel bei.
Als ersten Standort wählten wir den Union Square, ein Drehkreuz im Herzen Manhattans, das tagtäglich von Millionen von Menschen frequentiert wird. Also setzten wir uns mit unserem Schild auf eine Bank. »Hätten Sie Lust, über Sex zu reden?«, rief Shaina den Leuten in ihrer gewohnten Unerschrockenheit zu, während ich eisern schwieg. Ein Mann mittleren Alters mit einem Fedora-Hut setzte sich zwischen uns und vertraute uns an, dass er eine Affäre hatte. Er sei schon viele Jahre verheiratet, aber erst seit diese Frau in sein Leben getreten sei, verstehe er den Sinn von Liebesliedern. Eine Frau – die sich als französische Touristin entpuppte – kam sofort angelaufen, als sie unser Schild sah. Mit zitternden Händen erzählte sie uns, dass sie wegen anhaltender Scheidenkrämpfe nicht mit ihrem frisch angetrauten Ehemann schlafen könne und sich Hilfe von einem Hypnotiseur erhoffe. Zwei Frauen, die sich in einer Resozialisierungseinrichtung kennengelernt hatten, erzählten uns von ihrer Tätigkeit als Sexarbeiterinnen. Shaina und ich einigten uns darauf, uns Tagesziele zu setzen: Nach zwanzig Gesprächen packten wir zusammen und gingen nach Hause.
So sammelten wir Geschichten in ganz New York – in der Fulton Mall, auf Coney Island, im Washington Square Park. Wir flogen nach New Orleans und setzten uns ins belebte French Quarter. Die Leute sahen unser Schild und kamen beherzt auf uns zu, um uns ihre Geschichte zu erzählen. Einmal bildete sich sogar eine regelrechte Traube um uns. Ein Mann meinte, Viagra in der Tasche zu haben gebe ihm dasselbe Gefühl, wie eine geladene Waffe bei sich zu tragen. Eine Frau schilderte, wie sie ihre Jungfräulichkeit auf der Toilette einer Baptistenkirche verloren hatte. Eine andere erzählte, wie sie ihre Tochter (und deren sämtliche Freundinnen) bis ins letzte Detail aufklärte, weil ihre eigene Mutter das Thema Sex in der Erziehung eisern totgeschwiegen hatte.
Ich hatte das große Glück, eine Mutter zu haben, die mit mir offen über Sex sprach. Als ich elf war, erklärte meine Mutter mir, ich könne sie alles über Sex fragen, was ich wissen wollte – absolut alles. Für diese Offenheit bin ich ihr heute noch dankbar. Außerdem hat sie mir Unser Körper, unser Leben – Ein Handbuch von Frauen für Frauen in die Hand gedrückt, in dem ich wahre Geschichten und Informationen zugleich fand. Ich habe diese Geschichten verschlungen – die Geheimnisse der Leute, ihre verborgensten Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte. Davon wollte ich mehr lesen. Ich stellte mir ein Buch vor, das ausschließlich aus solchen Geschichten bestand. Einige, die wir zu hören bekamen, waren traurig oder sogar so bedrückend, dass wir explizit um »etwas Positives« bitten mussten, weil die Schilderungen von Missbrauch, Einsamkeit, Liebeskummer und Ängsten sich häuften. Es war schwer, die Leute nicht einfach in den Arm zu nehmen und zu trösten, wenn sie in Tränen ausbrachen. Einige meinten, sie hätten noch nie jemandem erzählt, was sie uns gerade anvertraut hatten. Und dass es sich gut anfühle, es sich von der Seele zu reden. Einige wirkten enttäuscht, wenn wir uns einfach verabschiedeten, nachdem sie zu Ende erzählt hatten.
Manche Geschichten ließen mich danach nicht mehr los. Ich las sie wieder und wieder, malte mir aus, wie die Betroffenen sich fühlen mussten und wie es mir in ihrer Situation gehen würde. Ich sprach über das Projekt mit meiner Therapeutin und auch mit meiner Mutter. Wieso war ich so versessen darauf, intimste Geheimnisse anderer Leute zu erfahren? Wieso stellte ich eine derart enge Verbindung zu diesen Menschen her?
Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich wollte dieses Buch unbedingt machen, weil es etwas in dieser Art bisher nicht gab. Weil nicht jeder eine Mutter hat wie meine, die sich mit mir hinsetzte und locker über Sex sprach. Und weil ich diesen Menschen zeigen wollte, dass sie nicht allein sind.
Der wahre Grund könnte allerdings weitaus egoistischer sein: Letzten Endes habe ich dieses Buch gemacht, damit ich selbst mich nicht so allein fühle. Es hat funktioniert. Ich bin jedem, der mir, uns und euch allen seine Geschichte anvertraut hat, auf ewig dankbar. Danke.
Alle in diesem Buch verarbeiteten anonymen Geschichten wurden uns entweder persönlich erzählt oder gingen uns über unsere Webseite zu, wo die Leute ein Formular ausfüllen sollten. Um euch einen Überblick über die demografische Aufteilung aller Beteiligten zu bieten, haben wir die unterschiedlichen Faktoren in einem Diagramm verarbeitet.
Unser Ziel ist es, in diesem Buch einen möglichst breiten und diversen Querschnitt derer abzubilden, die mit uns gesprochen haben. Wir bemühen uns, den Aspekt der Diversität besonders zu berücksichtigen.
Natürlich können wir die Authentizität des Erzählten ebenso wenig überprüfen wie die demografischen Angaben, allerdings vertrauen wir darauf, dass die Menschen, die mit uns gesprochen haben, aufrichtig waren. (Mit Ausnahme der explizit namentlich genannten Autoren wurden sämtliche Namen im Text geändert.)
BEHINDERUNG
Unser Fragebogen beinhaltete auch die Frage »Leidest du/Leiden Sie unter einer Behinderung?«
0,5% all jener, die uns anonym ihre Geschichten erzählten, gaben an, unter einer Behinderung zu leiden.
Folgende Einschränkungen wurden genannt: Diabetes, Fibromyalgie, Lupus, HIV+, Ileostomie, chronisches Erschöpfungssyndrom, Parkinson, Herzerkrankung, Bipolare Störung, PTBS.
Storys
SHAINA Ich habe zum ersten Mal in dem Buch Wo kommen die kleinen Kinder her? über Sex gelesen. Die Illustrationen der zwei molligen Menschen, die Liebe machen, fand ich großartig.
JULIA Ich hatte dieses Buch auch! Die Menschen darin waren so süß! Erinnerst du dich an die Zeichnung, wie sie zusammen in der Badewanne sitzen?
SHAINA Ja!
JULIA »Wie wurdest du aufgeklärt?« war immer die beste Eingangsfrage bei unseren Unterhaltungen mit den Leuten auf der Straße.
SHAINA Absolut! Das brachte das Gespräch in Gang!
JULIA Ich hatte jedes Mal den Eindruck, als würden sie sich in der Zeit zurückversetzt fühlen. Die meisten mussten eine ganze Weile nachdenken.
Ich glaube, ich war acht Jahre alt und in der Grundschule, als wir das Thema Organismen behandelt haben. Eines Tages saß ich mit meinem Vater im Auto. Wir waren in die Garage gefahren, und ich glaube, ich habe ihn versehentlich »Was sind Orgasmen?« gefragt. Er: »Also, mein Junge, pass mal auf …« Bestimmt eine halbe Stunde saßen wir im Wagen in der Garage, und er redete über Sex. Mein Dad war Arzt und hat mir alles ganz wissenschaftlich und auf den Punkt erklärt. Und ich dachte … äh, eigentlich wollte ich das alles gar nicht hören, sondern dachte, wir reden über Organismen!
Wir hatten Sexualkundeunterricht auf der Highschool. Aber eigentlich war es viel zu spät, weil wir es uns längst gegenseitig mit der Hand machten. Ich weiß noch, wie ich in der sechsten Klasse von einem Jungen gehört habe, der einem Mädchen die Hand ins Höschen gesteckt hat.
Ich wurde in der Siebten von Goth Girl mit den Riesentitten aufgeklärt. Sie hat mir alles erklärt, was ich wissen muss, und auch gleich in die Tat umgesetzt. Wir haben es im Park getan. Damals wohnte ich in einem Vorort, und meine Eltern redeten nie mit mir über Sex. Sie denken bis heute, dass ich noch nie Sex hatte – und ich bin achtundzwanzig.
Sophie Page
Meine Eltern waren sexuell sehr aktiv, und mein Vater hat keine Gelegenheit ausgelassen, es auch zu zeigen. Tatsache ist, dass er mir mit seinem Verhalten und seinen Angewohnheiten die Augen geöffnet hat. Wir waren eine Arbeiterfamilie, untere Mittelschicht mit einem kleinen Haus. Die Zimmer lagen direkt nebeneinander, und meine Eltern hatten keinen Platz, um sich zurückzuziehen. Mein Vater hatte auch eine Pornosammlung auf VHS. Mit zwölf oder dreizehn packte mich die Neugier, und ich schnüffelte in ihrem Schlafzimmer herum. Eigentlich war mir von Anfang an klar, dass ich irgendetwas finden würde. Ich erinnere mich noch genau an einen Abend, als die ganze Familie, meine Eltern, meine Schwester und ich, auf ihrem Wasserbett herumgammelten und wir uns einen Film ansahen, ganz zwanglos, als mein Vater fragte: »Hast du eigentlich schon Sex?« Ich habe gelogen.
In Japan gibt es so etwas wie Aufklärung nicht. Eltern würden niemals mit ihren Kindern über Sex sprechen. Unter keinen Umständen. So etwas wird mit keiner Silbe erwähnt. Alles ist ein großes Geheimnis. Gleichzeitig sind Pornos allgegenwärtig, und in jedem Supermarkt an der Ecke kann man Sex-Cartoon-Hefte kaufen. Als ich fünfzehn war, fingen meine Freunde und ich an, Pornos zu gucken. In vielen japanischen Pornos kommen Oktopusse vor, deren Tentakeln sich die Frauen in die Vagina schieben. Er wird abgekocht und dadurch fest. Solche Dinge habe ich mir als Jugendlicher angesehen.
Ich habe mein Wissen über Sex aus Pornos zusammengetragen – traditionellen Pornos aus den Siebzigern und Achtzigern. Damals hatten die alle noch jede Menge Körperbehaarung. Auf VHS.
Meine Eltern waren in puncto Sex sehr zugeknöpft. Gesprächsthema war das nie bei uns. Als ich vierzehn war, meinte mein Dad, ein Orgasmus sei so, als müsste man dringend aufs Klo und dürfte sich dann endlich so richtig leerscheißen. Und ich so … ah, okay …? Anfangs war ich beim Sex komplett verklemmt, habe aber an mir gearbeitet und versucht, lockerer zu werden.
Mit elf bekam ich meine erste Periode, habe aber niemandem davon erzählt. Meine Mom fragte mich danach, als sie beim Waschen den Blutfleck in meiner Unterhose entdeckte. Jahrelang war mir meine Periode superpeinlich. Als meine Mom und meine Schwester »mit mir darüber reden« wollten, tat ich aus Verlegenheit die ganze Zeit so, als müsste ich husten.
Heute habe ich kein Problem mehr mit Blut und Tampons, viel peinlicher ist mir allerdings, dass ich keine Ahnung habe, wie mein natürlicher Zyklus funktioniert, weil ich schon mein halbes Leben lang die Pille nehme.
»Komm, wir vergleichen mal unseren Körper mit anderen!«
Luke Kruger-Howard
Ich habe etwas über Sex gelernt, indem ich ihn hatte. Es fühlte sich gut an, also habe ich mit Männern geschlafen. Ich bin keine junge Frau mehr, und früher wurde man nicht explizit aufgeklärt. Es gehörte einfach dazu, deshalb hat es jeder getan. Es waren die Siebziger, ich ging auf die Highschool, und alle hatten Sex. Ich auch. Und dann wurde ich schwanger. Das war 1979. Ich brachte das Baby zur Welt, heute ist meine Tochter längst erwachsen.
Ich habe mich bemüht, bei dem Thema offener mit ihr umzugehen, als es bei mir der Fall war, deshalb habe ich ihr alles über den Körper erklärt, welches Teil welche Funktion hat und was sich gut anfühlt. Ihr und ihren Freundinnen. Wie eine persönliche Dr. Ruth. Meine Tochter stöhnte immer: »Ma, wieso tust du das?«, aber ihre Freundinnen waren begeistert und meinten: »Deine Mom ist super, sie redet Klartext.« Auch das Thema Masturbation habe ich zur Sprache gebracht. Anfangs waren sie völlig von den Socken und wollten wissen, was das denn so sei. Aber dann sind sie aufgetaut. Es war schön. Wir haben Blockbuster-Videoabende veranstaltet. So lange ist das schon her. Ich habe mit ihnen über Masturbation gesprochen, weil man als Frau lernen sollte, sich selbst zu befriedigen. Wie soll man sonst seinem Partner sagen, was er tun soll? Nur so kann man ihm doch zeigen, was man mag.
Zu meiner Zeit wurde über Sex nicht gesprochen. Also hat mir meine Freundin Ava alles erzählt, was man wissen muss – es war nur leider völliger Quatsch. Sie meinte, wenn ein Junge einen am Arsch anfasst, wird man schwanger. Wir waren in der Grundschule und dachten, Ava hätte den vollen Durchblick. Einmal hat mein Klassenkamerad Dudley mich am Hintern berührt, und ich dachte prompt, ich sei schwanger. Ich habe es meiner Schwester erzählt – ich hatte allen Ernstes Schiss, ich bekäme ein Baby! Meine Schwester hat mich dann aufgeklärt.
Rachelle Baker
Damals, vor Urzeiten (in den Sechzigern) bestand die Aufklärung an unserer katholischen Schule darin, dass man eine Stunde lang mit dem Pfarrer alles besprach. Das war ein Riesenereignis für uns Fünftklässler! All die Geheimnisse und Gerüchte über die unvorstellbaren und schauderhaften Dinge, die meine Eltern heimlich taten, würden jetzt endlich gelüftet werden. Jeden Tag wurde ein Kind aus dem Unterricht geholt, das wenig später still und leicht verlegen zurückkehrte. Ich dachte immer, sie müssten doch anders aussehen als vorher – älter und klüger vielleicht?
Dann war ich endlich an der Reihe. Ich ging also ins Pfarrhaus gegenüber von unserer Schule, wo mich ein sichtlich nervöser und verlegener Father Schmidt bereits erwartete. Was genau er mir erklärt hat, weiß ich nicht. Im Grunde waren es die rein biologischen Fakten, aber ich habe nichts davon kapiert. Lediglich an die Ejakulation erinnere ich mich noch, weil ich die Vorstellung, dass außer Urin noch etwas anderes aus dem Penis kommt, so erschreckend fand. Das hat mich nicht mehr losgelassen, obwohl er längst zum nächsten Thema wechseln wollte, und er wurde allmählich sauer, aber ich habe immer weitergebohrt. »Und was ist das, dieses Sperma? Tut das weh? Wie sieht es aus? Kann man auch damit aufhören, wenn man will? Wie viel kommt da heraus?« Die letzte Frage habe ich ihm bestimmt dreimal nacheinander gestellt. Am Ende sagte Father Schmidt: »Es ist weiß und etwa ein Teelöffel voll.« Daraufhin zuckte ich bloß entsetzt zusammen. Zehn Minuten später kehrte ich in den Unterricht zurück. Das war’s dann mit meiner Aufklärung, und ich hatte mehr Fragen als je zuvor.
Manjit Thapp
Den besten Ratschlag zum Thema Sex bekam ich von meinen Eltern. Sie sagten, es gäbe nur eines, was ich wissen müsste – das Allerwichtigste sei, dass der Partner glücklich sei. Das war noch ganz am Anfang, noch vor dem Part mit den Bienen und den Blumen. Sie brachten mir bei, dass Sex etwas höchst Intimes zwischen zwei Menschen ist. Und dass beide Partner es genießen und dabei auf ihre Kosten kommen sollen. Ich glaube, deshalb bin ich bei der Auswahl meiner Partner heute so wählerisch. Eine x-beliebige Frau kommt für mich nicht infrage, stattdessen muss sie ein toller Mensch und mein perfektes Gegenstück sein. Und sie muss wissen, wer sie ist. Der Sex, wie man ihn im Fernsehen sieht, ist doch oft völlig bedeutungslos, und die Menschen kennen sich praktisch gar nicht.
Ich war auf einer internationalen Privatschule in Äthiopien. In der fünften Klasse standen statt des regulären Unterrichts eine Woche lang Sex, Pubertät und unsere Körper auf dem Lehrplan. Dabei ging es nicht etwa um Lust oder Masturbation, sondern um die rein körperlichen Aspekte, beispielsweise welche Arten von Sex es gibt oder wie der Körper reagiert. Mir hat es geholfen, es mit dem zu vergleichen, was mir Leute über den Sexualkundeunterricht an amerikanischen Schulen erzählen. Stigmata oder Schamgefühl kenne ich nicht, sondern ich kann ganz offen über Sex reden.
Mit sechzehn habe ich meiner Mutter gesagt, ich sei jetzt bereit für die Verhütung und damit auch für Sex. Woraufhin sie zwar gelassen blieb, das Thema aber flott und bestimmt verwarf. Egal wie sehr ich ihr damit in den Ohren lag, weigerte sie sich, mit mir zum Gynäkologen zu gehen. Mit zwanzig wurde ich schwanger, und so sehr ich meinen mittlerweile vierjährigen Sohn liebe, bedauere ich, dass meine Mutter mir trotz meiner eindringlichen Bitten damals ihre Hilfe verweigert hat. Ich fände es gut, wenn Eltern endlich aufhören würden, ihre Töchter »vor dem Sex bewahren« zu wollen (O-Ton meine Mutter). Sex ist etwas Natürliches, muss nicht in einer Schwangerschaft enden und ist ein Teil unseres Lebens.
Essay
Meine Initialzündung war die Dokumentation The Devil’s Playground über Amish-Jugendliche, die mit sechzehn in eine Phase ihres Lebens eintreten, die sie Rumspringa nennen. Dabei stürzen sie sich kopfüber ins Leben und tun, was ihnen in den Sinn kommt, ohne dass das im Hinblick auf ihre Religion irgendwelche Konsequenzen hätte. Spontan beschloss ich, mir eine einjährige Auszeit von meinem Leben als Mormonin zu nehmen (bei denen das im Gegensatz zu den Amish definitiv nicht vorgesehen oder gar erlaubt ist). Trotzdem sah ich es als einzige Möglichkeit herauszufinden, was so etwas mit einem macht – indem ich meiner Religion für eine Weile den Rücken kehrte und danach wieder Teil davon wurde.
Mein Plan war, es so richtig krachen zu lassen; ich hatte sogar eine Liste von Männern, mit denen ich unbedingt schlafen wollte. Doch sobald ich die Freiheit vor der Nase hatte, konnte ich mich nicht überwinden, sie mir auch zu nehmen. Es war, als sei ich von einem unsichtbaren elektrischen Zaun umgeben: Je näher ich kam, umso schlimmer war die Lähmung. Vor allem im Hinblick auf Sex.
Im mormonischen Glauben gilt Sex vor der Ehe als die zweitschlimmste Sünde nach Mord – mit der Androhung, dass man im Jenseits nicht mit der Familie vereint sein wird, wenn man sich dazu hinreißen lässt. Ich hatte zwar schon erste sexuelle Erfahrungen gesammelt, die allerdings nie über harmloses Fummeln hinausgegangen waren – und dieses eine Mal, als der Nachbarsjunge meinen Schritt durch den Stoff meiner Schlafanzughose geküsst und ich einen Orgasmus bekommen hatte.
In den ersten Monaten meiner Auszeit wurde ich Stammgast in einer kleinen Bar namens Beatrice. Alle paar Tage war ich dort, gabelte einen Typen auf und ging mit zu ihm nach Hause, um ein bisschen rumzumachen. Ich wollte mehr. Die Typen auch. Ich saß da, starrte auf die Beule in ihrer Hose und überlegte, ob ich sie anfassen sollte. Aber es erschien mir so primitiv. Unangemessen. Also tat ich gar nichts. Es war so eine Mischung aus religiösem Ballast – was ich hier tue, ist so schlimm wie Mord, ich werde meine Familie für immer verlieren – und gewöhnlicher Unsicherheit. Ich hatte Angst, dass ich es nicht hinkriege. Damals war ich siebenundzwanzig, ein Alter, in dem alle von einem erwarten, dass man sexuell erfahren ist. Die Typen konnten ja nicht wissen, dass ich das alles zum ersten Mal tat. Ob Sex, einen blasen oder einen runterholen, die Typen würden automatisch denken, ich hätte es schlicht nicht drauf. Die Krux war, dass mich genau diese Angst vor meiner eigenen Unerfahrenheit daran hinderte, Erfahrungen zu sammeln. Zwar rückte ich näher und näher an Typ und an Schwanz heran, nur um am Ende zu kneifen und einen Abgang zu machen.
Monatelang ging das so, bis ich mich meiner Freundin Andy anvertraute.
»Ich habe einen guten Freund, der bis Mitte zwanzig orthodoxer Jude war, dann aber ausgestiegen ist«, meinte sie. »Ihm erging es ähnlich wie dir. Ich stelle euch einander vor, dann könnt ihr in Ruhe über alles reden. Bestimmt kann er dir weiterhelfen.«
Ich traf mich mit David in einem kleinen italienischen Kellerrestaurant im West Village. Auf den Tischen brannten Kerzen, und es herrschte eine intime, beinahe erotische Atmosphäre. Außerdem war David echt süß. Schon im Vorfeld hatte ich ihn gegoogelt, allerdings war er im wahren Leben noch attraktiver und strahlte eine tolle Energie aus – souverän und voller Selbstsicherheit. Ich hatte im Internet einige Artikel von ihm gelesen und gesehen, dass er ein talentierter Autor war, was ihn älter und cooler wirken ließ. Trotzdem fühlte ich mich in seiner Gegenwart auf Anhieb wohl. In den folgenden zwei Stunden erzählte er mir von seinem Entschluss, seiner Religion den Rücken zu kehren, und fragte mich, wie es mir so gehe.
Ich erzählte ihm von meiner Befürchtung, meine Familie könnte es herausfinden und es würde ihnen das Herz brechen, und auch von meiner Angst, eine Entscheidung zu treffen, die ich nicht rückgängig machen konnte, was mich zu diesem Zeitpunkt am meisten lähmte.
»Mir ging es nach meinem Ausstieg ganz genauso«, meinte er. »Wie lange bist du schon raus?«
»Seit etwa fünf Monaten«, antwortete ich, wobei ich unterschlug, dass ich in Wahrheit keineswegs »raus« war.
»Dann bist du genau an dem Punkt, an dem du sein solltest. Es dauert eben länger als gedacht, um dich an die Veränderung zu gewöhnen. Aber hab Geduld mit dir, es besteht keinerlei Grund, dich unter Druck zu setzen.«
»Mag sein, aber ich habe ja bloß ein Jahr Zeit.«
»Wie meinst du das?«
Also beugte ich mich vor, sah in seine braunen Augen, in denen sich der Kerzenschein spiegelte, und schilderte ihm meinen Plan vom Rumspringa und der Rückkehr in die mormonische Gemeinschaft am Ende des Jahres. Er fand das amüsant.
»Du nimmst dir also eine religiöse Auszeit.«
»Genau.«
»Und was hast du bisher so getan?«
»Was meinst du?«
»Hast du Alkohol getrunken?«
»Nein.«
»Was ist mit Drogen? Hast du Drogen ausprobiert?«
»Nein.«
»Und Sex? Hattest du Sex?«
Ich sah ihm zögernd in die Augen. »Ehrliche Antwort? Ich habe keine Ahnung, was ich mit einem Penis anfangen soll.«
Er zuckte mit keiner Wimper. Und dann sah er mir tief in die Augen und sagte: »Soll ich es dir zeigen?« Aus seinem Mund klang es wie eine Art Dienst an der Gemeinschaft, den alle ehemals religiösen Menschen leisten müssen.
Ich biss mir auf die Lippe. Ich glaube, das war das Erotischste, was mir je im Leben passiert war.
»Ja.«
Zehn Minuten später standen wir auf der Straße, er winkte ein Taxi heran, mit dem wir zu mir nach Hause fuhren. Nervös saßen wir nebeneinander auf dem Sofa, bei voller Beleuchtung, die Augen auf die Wand vor uns geheftet.
»Aber du hast schon mal einen Penis gesehen, oder?«, fragte er.
»Ja«, antwortete ich mit einer Spur zu viel Entschiedenheit, um wirklich glaubhaft zu wirken. Dabei stimmt es. Na ja, mehr oder weniger. Ich hatte schon mal Babys die Windeln gewechselt. Also … Säuglingspenisse. Ich hatte die Penisse kleiner Jungs gesehen.
Und jetzt war der große Moment gekommen – gleich sollte ich einen richtigen Männerpenis zu sehen kriegen. Ich versuchte, mich innerlich darauf einzustellen, um das richtige Gesicht zu machen … dabei hatte ich keine Ahnung, was das richtige Gesicht überhaupt war. David wandte sich mir zu und warf mir einen Blick à la »Bist du bereit?« zu, worauf ich nickte. Er zog den Reißverschluss seiner Hose herunter, griff in seine Unterhose und holte seinen Schwanz heraus. Ich betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen.
»Der ist ja so groß«, platzte ich heraus. (Was auch stimmte. Im Vergleich zu … einem Säuglingspenis.)
»Wow. Du machst das echt gut«, meinte er.
Es folgte eine Mischung aus erotischer Begegnung und nüchterner Lehrstunde, in der David mir seinen Penis näherbrachte. »Der Teil hier ist die Eichel, das ist der Schaft, und das sind die Hoden«, meinte er und deutete dabei auf den jeweiligen Teil seiner Anatomie.
»Die darf man nicht anfassen«, sagte ich. Die Erkenntnis hatte ich bei Die witzigsten Homevideos gewonnen: Trat man einen Mann zwischen die Beine, stöhnte er und krümmte sich vor Schmerz. Daher schienen die Hoden tabu zu sein.
»Nein, man kann sie durchaus berühren.« Er nahm meine Hand und legte sie darauf.
»Die sind ja ganz weich«, sagte ich. »Wie ein Vogelküken.«
Wir zuckten beide zurück.
Ich hob die Hand, ließ sie einen Moment lang direkt über seinem Schwanz schweben. Eigentlich wollte ich ihn gern anfassen, hatte aber Angst.
»Es ist okay«, sagte er. »Du kannst ihn ruhig berühren.«
Behutsam stupste ich ihn mit dem Finger an, so wie man jemandem einen Klecks Ketschup abwischt, den man nicht gut kennt: freundlich, aber mit Vorsicht.
»Komm.« Er nahm meine Hand und legte sie um das Schaftende. »Du kannst ruhig kräftiger zudrücken.« Er legte seine Hand um die meine, um mir den richtigen Druck zu zeigen, dann löste er sie, und ich schloss die Finger fester darum.
»Nicht ganz so fest«, meinte er. Am liebsten wäre ich vor Scham im Erdboden versunken.
»Es fühlt sich sehr schön an, wenn du die Hand auf und ab bewegst, aber er muss feucht sein.«
David spuckte auf seine Hand … jede Menge Speichel, den er auf seinem Penis verteilte. Ich hatte Mühe, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Wie bitte? Du spuckst auf deinen Penis?
Wieder nahm er meine Hand in seine und zeigte mir, mit welcher Geschwindigkeit und welchem Druck ich seinen Schwanz streicheln konnte. Nach etwa einer Minute nahm er die Hand erneut weg und ließ mich allein weitermachen, wobei er immer wieder eingriff, damit ich den Rhythmus beibehielt. Es war ein bisschen so, als würde man fliegen lernen und das erste Mal selbst den Steuerknüppel bewegen.
»Ja, genau so ist es gut«, ermutigte er mich. »Und jetzt ein bisschen schneller.« Meine Hand glitt auf und ab, während ich daran dachte, was für eine seltsame Situation das hier war. Wir hatten uns noch nicht einmal geküsst. Ich beugte mich vor, und wir küssten uns. Unsere Zungen bewegten sich im Rhythmus der Bewegungen meiner Hand. Schließlich löste ich mich und sah in seine großen braunen Augen.
»Gehen die Schuldgefühle jemals weg?«, fragte ich. Sowie die Worte über meine Lippen kamen, wusste ich, dass es das Falsche gewesen war. Er sah aus, als hätte ihm jemand einen Kübel eiskaltes Wasser ins Gesicht geschüttet, und sein Schwanz, gerade noch hart und fest in meiner Hand, schrumpelte zu einer schlaffen Nudel zusammen. Ich versuchte, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Heute weiß ich natürlich, was passiert war. Damals hatte ich nicht die leiseste Ahnung.
»Was ist denn?«, fragte ich panisch. »Habe ich dir wehgetan? Ist alles in Ordnung?«
»Nein, nein, es liegt nicht an dir«, versuchte er mich zu beruhigen, während wir verlegen auseinanderrutschten. Er nahm meine Hand von seinem Penis und legte sie mit einem leichten Tätscheln in meinen Schoß, als wollte er sagen: »Schön da liegen lassen.«
Dann verstaute er seinen Penis in seiner Unterhose. »Ich denke, wir … sollten das lieber nicht tun.«
»Nein!«, widersprach ich. »Es ist alles bestens. Ich möchte es wirklich gern. Tut mir leid, ich hätte das nicht sagen dürfen.« Ich wollte ihn an mich ziehen, aber er blockte meine Versuche ab.
»Du kannst nichts dafür. Ich dachte bloß, du wärst schon etwas weiter auf deinem Weg. Es tut mir leid. Es war ein sehr schöner Abend, und ich will nicht, dass dir irgendwas peinlich ist.« Er bemühte sich, nett zu sein, doch die Art, wie er seine Sachen zusammenpackte und zur Tür stürzte, als stünde das Haus in Flammen, sprach Bände. Er gab mir einen Kuss zum Abschied, wenn auch einen von der höflichen Sorte, wie man es bei einer Tante tut. Kein Gib mir doch deine Nummer oder Hey, ich würde dich gern wiedersehen.
Sobald David weg war, spürte ich die mormonischen Schuldgefühle wie eine superfiese Migräne in meinem Hinterkopf aufsteigen. Nein! Ich kämpfte dagegen an. Nein! Einfach nicht nachdenken. Nicht denken.
Ich rannte ins Bad, schluckte zwei Schlaftabletten und ging zu Bett. Das Ganze fühlte sich wie ein Traum an. Und zwar kein schöner. Was stimmt bloß nicht mit mir?
Am nächsten Morgen war ich wie gelähmt vor Angst. Das war der Moment, als die Gehirnwäsche in all ihren vielfältigen Dimensionen zum Vorschein kam. Ich hatte gegen die oberste Regel unserer Religion verstoßen und eine Todsünde begangen. Was ich getan hatte, ging weit über ein kleines Vergehen hinaus, wie einem Jungen zu erlauben, dass er einem die Brüste durch den BH streichelt. Ich hatte den Penis eines Mannes berührt und damit meine Seele besudelt, weshalb ich nie wieder derselbe Mensch sein konnte. Fast zwei Jahrzehnte lang war ich darauf konditioniert worden, vorehelichen Sex mit Mord auf eine Stufe zu stellen, und diese Überzeugung war bis in die Tiefen meines Unterbewusstseins verwurzelt.
Ich kämpfte gegen die Gedanken an, versuchte, mir selbst Mut zuzusprechen. Es ist okay … du bist okay … alles wird wieder gut. Du hast einen Penis angefasst. Na und? Deswegen geht die Welt doch nicht unter. Niemand ist gestorben. Ist doch keine Riesensache.
Es half. Ein bisschen zumindest. Doch mit jeder Sprosse, die ich aus meinem Hochbett herunterstieg, drohte mich die Realität dessen einzuholen, was ich getan hatte. Der Abend war real, ich konnte ihn nicht ungeschehen machen. Niemals. Sobald meine nackten Füße den Boden berührten, schlug die Flut meiner religiösen Schuldgefühle über mir zusammen und riss mich mit sich. Tränenüberströmt brach ich zusammen, überwältigt von einem Schmerz, wie jemand ihn sonst nur nach dem Verlust eines geliebten Menschen verspürt. Was habe ich getan?
Es ist schwer, meine Gefühle Menschen zu erklären, die nicht mit denselben Glaubensdogmen großgeworden sind. Ihnen mag es albern vorkommen. Ich meine, was hatte ich schon getan? Ich hatte einen Penis angefasst. Kein Riesendrama, oder? Für mich dagegen war es etwas unbeschreiblich Schlimmes. Es war, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Ich war ein schlechter Mensch, ein Ungeheuer, eine schlechte, unreine Frau. Und Gott war zutiefst enttäuscht von mir. Natürlich hatte ich all das schon vorher gewusst, und doch war ich Satan und den Versuchungen des Fleisches verfallen, hatte dabei den Körper eines anderen Menschen unsittlich berührt – etwas, das mir für immer anhaften würde.
Aber es waren nicht nur Schuldgefühle und Reue, die mich im Würgegriff hielten – sondern auch blanke Angst. Ich konnte kaum noch atmen, die Tränen schnürten mir förmlich die Luft ab; als würde ich ganz allein mitten in der Nacht durch den Wald laufen, verfolgt von einem schrecklichen Ungeheuer. War die Begegnung mit David der Beginn eines Lebens in Schande und Lasterhaftigkeit? Denn genau so erging es doch den Mädchen ohne Anstand und Moral, nicht wahr? Mit diesen Bildern werden wir erzogen, wir sehen sie vor uns, wenn wir das Fundament unserer Überzeugungen legen. Und das ist nicht nur im Mormonentum so. In der Welt insgesamt ist weibliche Sexualität sehr eng mit Gewalt verknüpft. Oft werden Frauen Opfer dieser Gewalt, indem sie bloß abends alleine nach Hause gehen. Dabei resultiert diese Gewalt weniger aus der Tatsache, dass die Frauen ihre Sexualität ausleben, als vielmehr durch ihre pure Existenz. Trotzdem ist die Botschaft, die uns als Mädchen vermittelt wird, eindeutig: Diese Frauen haben ihr Schicksal herausgefordert. Mir wurde eingetrichtert, dass Gott über mich wacht, solange ich nur rein und keusch bleibe – dadurch bliebe ich von dieser Art der Gewalt stets verschont. Was natürlich absolut illusorisch ist, trotzdem war sie ein fester Bestandteil meiner Erziehung. Und nun war dieser Schleier des Beschütztseins fort, und alles konnte passieren.
Als ich als schluchzendes Bündel der Verzweiflung am Boden lag, hatte ich eine Idee – eigentlich war es bloß ein verrückter Gedanke, der mir durch den Kopf schoss und gar nichts mit meiner mormonischen Religion zu tun hatte. Als ich siebzehn war, hatten meine Familie und ich eine Reise nach Jerusalem unternommen und dort die Pilgerstätte Getsemani besucht – jenen Ort, an dem Jesus Christus Buße tat und sein Blut für die Sünden der Menschheit vergoss – ein liebevoller Akt der Selbstaufopferung, durch den uns unsere Sünden vergeben werden, solange wir sie nur bereuen. Bei diesem Ausflug hatte ich Erde aus dem Garten in eine verschließbare Plastiktüte gefüllt, die ich zu Hause in eine hellgrüne Vase gab und in meiner Wohnzimmervitrine aufbewahrte, als Erinnerung an die Opfer, die Jesus Christus für mich gebracht hatte.
Ich ging also, als wäre es das Normalste auf der Welt (als hätte der Arzt es mir als Heilmittel verschrieben), zum Schrank, schüttete etwas von der Erde aus der Vase in meine Hand, mit der ich den Penis berührt hatte, und sprach ein Gebet: Vater im Himmel, vergib mir durch das Blut Christi in dieser Erde, dass ich Davids Penis berührt habe. Ich bereue meine Sünde und gelobe, es nie wieder zu tun. Ich spreche diese Worte im Namen von Jesus Christus. Amen.
Dann streckte ich die Hände aus und rieb sie aneinander, als würde ich sie mit dem Schmutz waschen. Anschließend ging ich zum Mülleimer und ließ in einem symbolischen Akt die Erde hineinfallen. Das war mein Opfer. Denn da ich etwas so Grauenvolles getan hatte, musste ich mich von meinem Schmutz befreien, damit mir vergeben werden konnte. Und das Verrückteste dabei war – es funktionierte. Dieses spontane Ritual schenkte mir zumindest einen Funken Erleichterung. Ich konnte wieder atmen, schöpfte neue Hoffnung. Sünden wie meine konnten also doch verziehen werden.
Allerdings hat die Sache mit der sexuellen Neugier einen Haken: Sie ist wie ein Trommelschlag, der sich immer weiter aufbaut und schneller und schneller wird. Und sie treibt uns weiter, immer noch ein kleines Stück, ganz egal wie weit wir beim letzten Mal gegangen sind. Gerade noch Jesu Christi Erde an den Händen schlossen sie sich zwei Wochen später um einen anderen Schwanz.
Storys
JULIA Wenn man die Storys so liest – echt verblüffend, wie erfinderisch die Leute sind. Und wie oft Haarbürsten zum Einsatz kommen!
SHAINA Aber hallo! Und Zahnbürsten. Plüschtiere. Und Bettpfosten!
October Joe
Das Wichsen habe ich im Camp gelernt. Ich hab mir den nächstbesten geschnappt und gefragt: »Spuckt man einfach in die Hand und legt los?« Das hat’s nicht gebracht. Das Einzige, was ich sonst noch griffbereit hatte, war Zahncreme. Mit meinen zwölf Jahren hatte ich doch keine Ahnung. Ich schmiere also meinen Schniedel mit Zahncreme ein und fange zu reiben an. Hat sich verdammt gut angefühlt. Und dann ich auf einmal so: »Scheiße, das brennt – es brennt wie Hölle!« War mir eine Lehre!
Samstags war ich früher immer auf dem Fort-Greene-Wochenmarkt in Brooklyn. Da hat mich einmal ein Kerl angequatscht. Er war Bauer und hatte einen eigenen Stand dort. Wir unterhielten uns geschlagene zwei Stunden. Über Gott und die Welt. Ich fand ihn total sexy. Er musste sich zwar zwischendurch um seine Kunden kümmern, hatte aber nur Augen für mich. Ich habe mich selten auf Anhieb so gut mit jemandem verstanden. Am liebsten hätte ich ihn vom Fleck weg geheiratet.
Kurz bevor wir uns verabschiedeten, habe ich noch Gemüse bei ihm gekauft. Er wollte mir alles schenken, aber ich bestand darauf zu bezahlen. Als ich nach Hause kam, noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen, fiel mein Blick auf diese Gurke. Er hatte sie mit seinen eigenen Händen angebaut. Ich griff danach – sie lag gut in der Hand. Und dann hatte ich Sex mit dieser Gurke. Es war drei Uhr Nachmittag, und die Sonne schien auf das Bett, auf dem ich lag.
Alvin Armstrong