Günter Krieger
Die gefangenen Seelen
Historischer Roman
Impressum
DER WEG DES SCHWERTES
Enbook der ersten Auflage Oktober 2012
© Ammianus GbR Aachen
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Coverabbildungen Schönburg Altarausschnitt aus dem Marthaaltar der Liebfrauenkirche Oberwesel sowie Epitaph in der Liebfrauenkirche Oberwesel mit freundlicher Genehmigung des Stadtmuseums Oberwesel.
Umschlaggestaltung & Satz: Thomas Kuhn
Lektorat: Wolfhard Berthel
Ebook-Gestaltung: Michael Mingers
ISBN-Print: 978-3-9812285-9-5
ISBN-Ebook: 9783945025383
www.ammianus.eu
www.facebook.com/AmmianusVerlag
DER AUTOR
Günter Krieger, Jahrgang 1965, schreibt seit Jahren erfolgreich historische Romane mit regionalem Flair, inzwischen sind es sechzehn. Die meisten seiner Werke spielen im Raum Aachen-Köln und in der Eifel. Allein seine Merode-Trilogie, durch die er erstmals bekannt wurde, erlebte seit 1999 zahlreiche Auflagen und Neuausgaben.
Krieger ist Mitglied der Autorenvereinigung Historischer Roman »Quo vadis«.
Ab Frühjahr 2013 erscheint im Ammianus Verlag seine neue historische Romantrilogie um die sagenhafte Königin Richarda von Gression.
weitere Informationen unter: www.guenter-krieger.de
DRAMATIS PERSONAE
Historisch verbürgte Personen sind gekennzeichnet (*)
Die Hauptpersonen:
Eva Bauerntochter mit spiritueller Neugier
Kasimir polnischer Recke mit tragischer Vergangenheit Magda Evas intrigante Kusine
Falk Bauernsohn und Intrigenopfer
Lothar Magdas und Falks Sohn, heilerisch begabt
Der Winandshof in Merode:
Nikolaus Evas Vater Agnes Evas Mutter Winand d.J.Evas Vetter
Winand d.Ä. Magdas Vater, Evas Onkel Isolde Magdas Mutter
Martin Evas Bruder Hunold Evas Bruder
Bliza Magd auf dem Winandshof Hiltrud Magd auf dem Winandshof
Ort und Herrschaft Merode:
Pater Raphael Burgkaplan
Sibylle Hebamme und Kräuterweib Maria Evas Tante
Heilwig Marias Tochter, Evas Nichte Thietmar Stallmeister, Marias Mann Cäcilia Magdas und Falks Tochter Baldur Wirt des »Carolus Magnus«
Cordula Magdas Freundin und Schwägerin Bodo Köhler, Sibylles Bruder
Harro Falks Vater
Die Schönburg und Wesel:
Robert von Schönburg Ritter Merbodo(*) Roberts jüngerer Bruder Elisabeth Roberts und Merbodos Mutter Jan Merbodos Knappe
Veronika Merbodos Frau
Berta Roberts Tochter aus erster Ehe Mechthild Bertas Amme
Daniel Koch auf der Schönburg Hanna Magd auf der Schönburg Bardolf Hannas Sohn
Goswin Stallbursche
Robert d. J. Goswins und Bertas Sohn
Dietmar von Lahnstein Ritter, Zechkumpan Merbodos Wirich spendabler Zimmermann
Rom, Straßburg, Paris, Avignon und Köln:
Waldo Kasimirs Kamerad aus den Tagen der Romfahrt Pierre junger Büttel in Paris
Madame Henriette eine alte Witwe, Näherin Johannes ein alter Priester in Straßburg Alfons sein Nachfolger
Auguste Kammerdiener des Papstes Tryngen Hirtz, Tuchmacherin
Meister Eckhart und sein Umfeld:
Eckhart von Hochheim* Dominikaner, Gelehrter, Mystiker Michel Meister Eckharts Leibwächter
Thomas Ordensbruder der Dominikaner Konrad Ordensbruder der Dominikaner
Johannes Tauler* Ordensbruder der Dominikaner Johanna Bruder Konrads Nichte, Evas gute Freundin
Adel und Klerus:
Ludwig der Bayer* deutscher König
Friedrich der Schöne* deutscher (Gegen-)König Friedrich von Nürnberg* Burggraf
Balduin von Luxemburg* Erzbischof von Trier Johannes XXII.* Papst in Avignon
Johann* Herr von Merode
Sonstige:
Jagoda Kasimirs Schwester Clara »Clärchen«, das Findelkind Moritz Grobe »Mo«, ein Chirurg Sara Lothars jüdische Gefährtin
Prolog
An einem wolkenverhangenen Spätsommertag des Jahres 1302 kam die fünfjährige Bauerntochter Eva durch die unheilvolle Neugier anderer Kinder fast ums Leben.
Grund dafür war das große Muttermal an Evas Hals, das ihr immer wieder Spott eintrug. Auch die Zwillinge Magda und Winand beteiligten sich beflissen an den Spötteleien, obwohl Eva gerade von ihnen anderes erwartet hätte, war sie doch deren Kusine. Doch die beiden bildeten eine verschworene Gemeinschaft und ließen nicht zu, dass Eva daran teilhatte.
Die Kinder, ein knappes Dutzend an der Zahl, spielten an jenem Tag auf den Wiesen vor Merode und trieben eine gefüllte Schweinsblase vor sich her, wobei die Jüngeren naturgemäß das Nachsehen hatten. So versuchte die übereifrige Eva, sich der Blase regelwidrig mittels ihrer Hände zu bemächtigen. Verärgert nannten einige Mitstreiter sie eine Hexe, und obwohl Eva solche Schmähungen gewohnt war, widersprach sie heftig: Hexen waren boshafte Wesen, wie konnte man nur so gemein sein, sie so zu nennen? Dem Sohn des Hufschmieds, dem Größten und Kräftigsten in der Kinderschar, kam die Idee, Eva einer Hexenprobe zu unterziehen. Alle stimmten zu, am lautesten Magda und Winand, obwohl keines der Kinder die leiseste Ahnung hatte, was eine Hexenprobe war. Sie erfuhren es, als der Sohn des Hufschmieds Eva grob am Kleidchen packte und sie mit sich fortzerrte. Die Kinder folgten ihnen bis zum nahen Weiher. Dort verkündete der Bursche feierlich, dass eine Hexe nicht im Wasser versinken könne.
Allmählich dämmerte es Magda und Winand, dass er sie in den Weiher werfen wollte, und jetzt wurde ihnen doch unbehaglich zumute. Was, wenn die Kusine ertrank? Nicht auszudenken, was für ein Donnerwetter daheim über sie hereinbrechen würde. Flugs rannten die beiden ins Dorf zum Hof der Eltern, wo sie aber nur ihre Tanten vorfanden, Agnes, die schwanger ging zu jener Zeit, und Maria. Ihnen erklärte Winand, was am Weiher vor sich ging. Evas Mutter Agnes und ihre Schwägerin Maria verstanden nur wenig von seinem aufgeregten Gestammel, begriffen aber, dass Eva offenbar in höchster Gefahr schwebte.
Wie von Furien gehetzt, liefen sie zum Weiher und vernahmen schon von weitem Evas verzweifelte Hilfeschreie. Am Ufer standen die Kinder versammelt, die Blicke auf das um sein Leben kämpfende Mädchen gerichtet.
Vor Entsetzen versagten Agnes fast die Beine. Maria aber, die eine gute Schwimmerin war, behielt einen kühlen Kopf und stieg ins Wasser. Drei, vier kräftige Züge, und sie hatte die Zappelnde erreicht, packte sie, brachte sie zurück ans Ufer. Eva hustete, keuchte und spuckte, aber sie war gerettet. Mutter und Tante brachten Eva nach Hause. Unterwegs begegnete ihnen Falk, der siebenjährige Sohn des Bauern Harro aus dem Oberdorf. Falk gehörte zu den wenigen Kindern, die sich niemals über Eva lustig machten. Bei Evas Anblick sie war triefnass, ihre Augen rot verheult öffnete sein Mund sich wie zu einer Frage, doch offenbar traute er sich nicht, jemanden anzusprechen. Später erfuhr Eva, dass Falk sich mit dem Sohn des Hufschmieds angelegt hatte. Dieser mochte zwar älter und kräftiger sein, doch Falk war es gelungen, dem Gefürchteten ein prächtiges Veilchen zu schlagen.
Am Abend nach der verhinderten Tragödie saß Agnes noch lange an der Schlafstätte ihrer Tochter, um sie zu trösten. Agnes kannte viele Lieder, denn vor Evas Geburt war sie als Mitglied einer Gauklertruppe viel in der Welt herumgekommen. Meist ging es recht lustig zu in diesen Liedern, doch noch lieber mochte Eva seltsam genug für ein Kind ihres Alters besinnliche und versonnene Texte. Deshalb sang Agnes an jenem Abend, während sie Eva zärtlich durchs kastanienbrauene Haar strich, das Lied einer berühmten Ordensfrau, die vor langer Zeit gelebt hatte:
Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht, Und wie ein Tau, der auf die Gräser träufelt,
Und wie die Regenluft, die wachsen macht. Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus Auf alle, die da Sehnsucht tragen.
Ein Wind sei er, der den Elenden hilft, Ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet,
Und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet Und sie mit der Liebe erfüllt wie Hungernde: Indem er ihnen seine Seele gibt.
Die Fünfjährige begriff längst nicht alles von diesen geheimnisvollen Versen, doch sie liebte es, darüber nachzusinnen. Vergessen waren mit einem Mal die Schrecken des Tages, das furchtbare Wasser, das ihr die Luft zum Atmen genommen hatte, vergessen die Todesangst.
Die Seele ist wie ein Wind, der über die Kräuter weht!
Wunderschöne Worte. Was sie wohl bedeuteten?
In dieser Nacht schlief Eva tief und fest. Und träumte von einem duftenden Kräuterbeet, über das ein lauer Sommerwind strich.
***
Wenige Wochen zuvor, ein Gehöft in Schlesien
Die beiden bewaffneten Reiter verharrten auf der Anhöhe und blickten hinab in das Tal, wo sich ihr Ziel, ein einsames Gehöft, im roten Licht der Abendsonne abzeichnete. Hinter den Stallgebäuden weideten Schafe auf einer Weide, irgendwo kläffte ein Hund, Hühner suchten gemächlich ihren Verschlag auf. Abseits des Wohngebäudes, bei den Gemüsebeeten, waren ein Mann und eine Frau zu erkennen, die mit Harken den Boden bearbeiteten.
Die beiden Reiter sahen sich an. »Das sind sie«, erklärte der Ältere. »Müssen wir näher heran, oder kannst du es von hier erledigen?« Statt einer Antwort verzog der Jüngere nur spöttisch den Mund und griff nach seiner Armbrust.
Aus den Augenwinkeln sah der Mann, wie seine Frau zu Boden stürzte. Vorangegangen war ein dumpfes, furchtbares Geräusch, das in dem Mann Erinnerungen ans Schlachten weckte, an ein Beil, das wuchtig Knochen spaltet. Dann hörte er seine Frau röcheln. Rücklings lag sie im Dreck, aus ihrer Brust ragte der Schaft eines Bolzens, weit blickten ihre Augen in den Himmel. Der Schreck drohte den Mann zu lähmen, und noch bevor er zu seiner Frau hinübereilen konnte, schwirrte ein zweiter Bolzen heran und bohrte sich ihm in den Rücken. Während er fiel, wurde ihm bewusst, dass er hier und heute sterben würde, an der Seite seiner Justyna.
Noch einmal konnten sie, im Sterben vereint, einander in die Augen sehen. Justynas Blick war nichts als Sorge, und er begriff: Kazimierz und Jagoda! Auch die Kinder würden sie umbringen! Es gab nur eine Möglichkeit, sie zu retten: Bogna, die Magd, musste die beiden rasch in Sicherheit bringen.
Mit letzter Kraft rief er ihren Namen.
»Wer ist das?«, fragte der jüngere Reiter und deutete auf die junge Frau, die aus dem Stall trat. Ein aufgeregter, schwarzer Hund folgte ihr.
»Muss die Magd sein«, erwiderte der andere.
»Soll ich sie auch erledigen?«
»Was glaubst du, wofür man uns bezahlt?« Der Schütze legte an.
»Warte!«, sagte der andere plötzlich.
»Was ist?«
»Niemand hat uns verboten, ein wenig Spaß zu haben, während wir unsere Arbeit tun.«
Mit diesen Worten trieb er seinen Hengst an.
Bogna, die Magd, versuchte zu verstehen, was der sterbende Bauer ihr zuraunte. Seine Finger krallten sich flehend in ihren Oberarm. Endlich ging ihr auf, was er ihr mit seinen letzten Atemzügen mitzuteilen gedachte: die Kinder!
Sie sah den Reiter, der sich im gestreckten Galopp näherte. Angst schnürte ihr die Kehle zu. Der schwarze Hund begann zu bellen. Fatalerweise rannte Bogna in ihrer Panik Richtung Haus. Der Reiter hatte sein Schwert gezogen. Noch bevor Bogna die Tür des Gebäudes erreichte, hatte er sie eingeholt, schlug ihr die flache Klinge seiner Waffe in den Rücken. Bogna stürzte.
Der Reiter zügelte sein Pferd, stieg aus dem Sattel. Stöhnend kam Bogna wieder auf die Füße, doch schon war der Mann bei ihr, packte sie am Handgelenk. Der schwarze Hund war Bogna gefolgt und machte Anstalten, dem Fremden in die Waden zu beißen. Das Tier heulte auf, als ein Armbrustbolzen seine Flanke traf.
»Idiot! Hättest mich treffen können!«, rief der Mann seinem jüngeren Kumpanen zu, der sich grinsend dem Haus näherte. Bogna zitterte am ganzen Leib, stieß ein paar heisere Schreie aus. »Und jetzt zu dir, Herzliebste!«, sagte ihr Peiniger.
Kazimierz, ein achtjähriger Junge mit roten Wangen und struppigen, flachsfarbenen Haaren, wunderte sich über das Geschrei. Was ging da draußen vor sich? Männerstimmen, die laut in einer fremden Sprache redeten. Deutsche? Schnaubende Pferde. Und war das nicht Bogna, die da ständig schrie, als litt sie heftigste Schmerzen?
Er nahm den Korb mit den eingesammelten Eiern, ging zur Tür des kleinen Hühnerstalls, spähte nach draußen. Das Geschrei schien vom Haus her zu kommen. Ein mulmiges Gefühl überkam ihn, aber die Neugier trieb ihn an. Er passierte die Scheune und erstarrte vor Entsetzen, als er um die Ecke bog. Vor dem Haus lag Bogna, halbnackt, das Kleid zerrissen. Über ihr ein Mann mit heruntergelassener Hose. Ein weiterer, jüngerer Mann stand daneben und schaute zu.
Der Mann auf Bogna stieß keuchende Laute aus, die zuletzt in ein langgezogenes Stöhnen übergingen; dann erhob er sich grinsend. Der Jüngere entledigte sich gleichfalls seiner Hosen und nahm die Stelle des anderen ein, während Bogna noch einmal verzweifelte Anstalten machte, sich zu wehren. Brutale Faustschläge in ihr Gesicht ließen sie verstummen. Abermals wurde sie geschändet.
Kazimierz stand wie angewurzelt. Angst würgte ihn. Sein Blick fand die leblosen Gestalten seiner Eltern, dort drüben bei den Gemüsebeeten, er sah die Bolzen, die aus ihren Leibern ragten. Der Korb mit den Eiern fiel ihm aus den Händen. Er rannte los.
Der ältere der Männer bemerkte den laufenden Jungen. »He, du! Bleib stehen! Verdammt, von einem Kind wusste ich nichts.«
Da der Junge seinen Befehl ignorierte, folgte er ihm fluchend, holte ihn ein. Hart packte er ihn am Kittel und zerrte ihn mit sich.
»Wer zum Teufel ist das?«, fragte der Jüngere, während er wieder in seine Hosen stieg.
»Keine Ahnung. Von einem Kind war nicht die Rede.«
»Müssen wir ihn umbringen?«
»Der Hof soll frei von Menschen sein, so lautet unser Auftrag. Was sollten wir also sonst mit ihm tun? Aber zuerst das Mädchen. Los, mach schon.« Mit dem Kinn deutete er auf Bogna, die zusammengekauert vor ihnen lag. Ihre Augen waren fest verschlossen, aber ihre zitternden, blutverschmierten Lippen bewegten sich wie zu einem stummen Gebet. Der Jüngere nahm ein Messer von seinem Gürtel, trat von hinten an sie heran und schnitt ihr die Kehle durch.
»Den Knaben darfst du dir ausnahmsweise mal selbst vornehmen«, sagte er zu seinem Kumpan.
Nachdenklich betrachtete dieser den schreckensbleichen Kazimierz, der aussah, als müsste er sich jeden Moment übergeben. »Ich kenne einen Händler«, meinte er nach einer Weile. »Der würde mir den Knaben sicher abkaufen. Warum sollten wir uns dieses Geschäft entgehen lassen?«
Wenig später fand Kazimierz sich gefesselt an Händen und Füßen auf dem Rücken eines Pferdes wieder, bäuchlings hing er vor dem Sattel des Reiters. Dieser raunte ihm in seiner unverständlichen Sprache harsche Worte zu, die ihm wohl bedeuten sollten, sich still zu verhalten.
Als sie den Hof verließen, gelang es Kazimierz aus tränenbenetzten Augen einen letzten Blick auf die Stätte seiner Kindheit zu werfen. Ein Instinkt befahl ihm, sich diesen Anblick auf ewig einzuprägen: das lehmverputz te Wohnhaus mit dem strohgedeckten windschiefen Dach, den hölzernen Schuppen, die Ställe vor allem aber die Leichen der drei Menschen, die vor kurzem noch sein Leben gewesen waren.
Von seiner Schwester Jagoda war nichts zu sehen.
Erster Teil
1312 1313
1.
Eva liebte die Zeit der Heuernte. Wenn der Duft des abgeernteten Grases die Luft erfüllte, während ringsumher die Vögel sangen und die Sonne mild am Himmel stand. Es war die Zeit, in der Eva am liebsten ihren Gedanken nachhing. Und obwohl sie auf den Feldern nicht alleine war, sprach niemand sie an, denn zu versunken, zu gedankenfern wirkte sie, obgleich ihre Arbeit nicht darunter litt. Viele fragten sich, was wohl durch ihren hübschen Kopf ging, und manche munkelten, es sei bestimmt nichts Gutes, nichts Christliches. Zwar machte Eva stets einen frommen Eindruck
sonntags, während des Gottesdienstes, war sie in inbrünstige Gebete versunken, und auch Bruder Raphael schien einen Narren an ihr gefressen zu haben -, doch genau das sahen die Zweifler mit Argwohn: wahrscheinlich hatte sie etwas zu verbergen.
Das handtellergroße Muttermal an ihrem Hals war seit jeher Gegenstand des Dorfklatsches. Womöglich hätte man über diesen Makel hinweggesehen, wäre Eva einfältig und hässlich gewesen. Doch sie war weder das eine noch das andere. Etwas konnte nicht stimmen mit ihr.
Eva wusste genau, dass man so über sie dachte. Seit ihrer Kindheit hatten die meisten Dörfler sie gemieden. Aber was konnte sie tun? Das Muttermal war ihr angeboren. Manchmal versuchte sie, sich an den Gesprächen der Dorffrauen zu beteiligen, aber niemand fragte sie nach ihrer Meinung. Gewiss, manches, was sie tat, nährte die Skepsis der Leute. Beispielswei-
se hatte sie vor zwei Jahren ein flügellahmes Rabenjunges aufgezogen. Seither war der zahme Vogel ihr häufiger Begleiter, hockte auf ihrer Schulter oder hielt sich in ihrer Nähe auf. Manchmal verschwand er auch für einige Tage im Wald, kehrte aber immer wieder zu seiner Ziehmutter zurück. Bekanntlich hielten Hexen sich schwarze Vögel war es also ein Wunder, dass die Leute sich die Mäuler zerrissen? Doch hätte Eva das Tier etwa verhungern lassen sollen?
Die Frühlingssonne war so herrlich mild. Während sie mit den anderen Frauen das Heu wendete und die Männer weiter vorn mit ihren Sensen zugange waren, kam ihr der Sonnengesang des Heiligen Franziskus in den Sinn.
Gelobt seist Du, mein Herr, hieß es darin, Mit all Deinen Geschöpfen,
Schwester Sonne besonders, Die uns den Tag macht
Durch die Du uns erleuchtest. Und weiter: Schön ist sie
Und strahlend mit großem Glanz, Ein Bild von Dir ...
Auch Falk mochte dieses Gedicht, es waren seine Lieblingsverse. Wenngleich er Evas Leidenschaft für religiöse Poeme nicht immer teilen konnte. Die meisten Texte waren ihm zu schwerlastig, viele gar unverständlich. Dennoch mochte er es, wenn Eva ihm etwas vortrug. Es war nicht nötig, dass er ihren Hang zur Mystik teilte. Er liebte sie trotzdem, das versicherte er ihr, sooft sie sich sahen.
Der Gedanke an Falk ließ Eva lächeln. Manchmal sah sie verstohlen von ihrer Arbeit auf. Falk arbeitete auf den Feldern der anderen Seite des Dorfes, doch er hatte versprochen, kurz vorbeizuschauen und einen Treffpunkt mit ihr abzusprechen, damit sie später ungestört zusammenkommen konnten. Dabei war es doch immer derselbe Platz, wo sie sich trafen. Doch das Ritual dieser verzichtbaren Absprache wollte gepflegt sein, zumal es ihnen ermöglichte, sich ein weiteres Mal zu sehen.
Falk ließ auf sich warten. Sicher war er im Augenblick nicht zu entbehren. Doch er würde Wort halten und kommen, und wenn es nur für die Dauer einiger Herzschläge wäre.
Immer wieder ließ Magda ihren Blick zur Kusine hinüberschweifen. Dies blieb Cordula, einer von Magdas Kameradinnen, nicht verborgen. »Weshalb glotzt du sie immer wieder an, Magda?«, wollte sie wissen.
»Sie hält wieder Ausschau.«
»Nach Falk?«
»Nach wem sonst? Oder kennst du noch einen anderen, der Interesse an ihr zeigt?«
Cordula stützte sich auf ihre Heugabel. »Gib’s ruhig zu, du bist eifersüchtig.«
Magda stritt das keineswegs ab. »Was er bloß an dieser Hexe findet.«
»He, sie ist deine Kusine.«
»Wohl wahr. Eine Hexe ist sie dennoch.«
Als Eva zu ihnen herübersah, arbeiteten sie weiter.
»Hast du sie denn schon einmal hexen sehen?«, fragte Cordula flüsternd. Magda musste passen. Weder hatte sie Eva bei rituellen Tänzen noch bei Treffen mit teuflischen Gestalten beobachtet. »Reicht es nicht, dass sie diesen dämlichen Raben überall mitnimmt?«, murmelte sie. »Außerdem höre
ich sie manchmal singen. Neulich hat sie etwas auf Lateinisch gesungen.«
»Vielleicht sind das Beschwörungsformeln«, mutmaßte Cordula. »Sieh mal, da kommt er!«
Falk war groß gewachsen, hatte kräftige Arme und ein sanftmütiges, ebenmäßiges Gesicht, braun von der Sonne. Die Bauernkappe, die er trug, verbarg sein blondes Haar nur unvollständig. Er sah sehr männlich aus, und nicht nur Magda schwärmte für ihn. Zur Begrüßung gab er Eva einen verstohlenen Kuss auf die Wange. »Du platzt ja fast vor Neid«, sagte Cordula zu Magda, die auf ihrer Unterlippe kaute. »Glaubst du, dass die beiden es schon miteinander getrieben haben?«
»Wann hörst du endlich auf mit deiner dummen Fragerei?«, raunzte Magda sie missmutig an.
Beleidigt hob Cordula die Schultern und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Magda beobachtete ihre Kusine und deren Geliebten noch eine Zeitlang aus den Augenwinkeln. Bald machte Falk sich wieder auf den Weg. Kein Zweifel, am Abend würden sie sich treffen wollen. Magda wusste inzwischen genau, wo diese Stelldicheins stattfanden, denn mehrmals schon hatte sie ihnen hinterherspioniert.
Sie beschloss, das Liebespaar auch heute zu beschatten.
Eva war sehr aufgeregt, als sie abends am Horizont versank soeben die rote Sonnenscheibe zum vereinbarten Treffpunkt ging. Mit einem vielsagenden Lächeln hatte Falk angedeutet, dass er ihr etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Sie ahnte, was Falk durch den Kopf ging, und vor Aufregung klopfte das Herz. Zeit ihres Lebens würden sie sich an den Abend erinnern. Der Weg zum Wald führte hügelan. Balthasar, der Rabe, hockte geduldig auf Evas Schulter. Als sie die alte Eiche erreichte, war Falk schon dort. Flatternd verschwand Balthasar im Geäst der Eiche, längst wusste der Vogel, dass seine Anwesenheit in der nächsten Stunde nicht gewünscht war. Falk hielt eine Margerite, die er an Evas Haarband steckte, bevor sie sich küssten. Eva strahlte; dann sah sie den Verband, der um seine Handfläche gewickelt war. »Nichts Ernstes«, kam er ihrer Frage zuvor. »Hab mich beim Schärfen der Sense geschnitten. Kein Wunder, ich muss ständig an dich den-
ken.«
Eng umschlungen lehnten sich gegen den mächtigen Stamm des Eichbaums, dessen ausladende Äste sich wie ein schützendes Dach über sie spannten. Ein leiser Wind ließ die Blätter in der Baumkrone rascheln. Versonnen blickten sie hinab ins Dorf, dessen Konturen mit zunehmender Dunkelheit schwächer wurden. In einem der Burgtürme wurde Licht entzündet.
»Ich werde ihn fragen!«, verkündete Falk nach einer Weile feierlich. Eva wusste genau, was er meinte. Dennoch, um ihr Glück auszukosten,
fragte sie: »Wen wirst du etwas fragen, Liebster?«
»Ich werde endlich zu deinem Vater gehen und um deine Hand anhalten! Lange genug hab ich nun damit gewartet.«
Zur Antwort stieß sie ein leises Seufzen der Glückseligkeit aus, schloss ihre Augen und stellte sich einmal mehr vor, wie ihre gemeinsame Zukunft aussehen würde. Sie kannten sich von Kindheit an, hatten schon damals Sympathien füreinander gehegt. Seit etwa einem Jahr aber bestand mehr zwischen ihnen als bloße Zuneigung. Auf dem Erntefest hatten sie unter mancherlei verwunderten Blicken miteinander getanzt. Beide spürten bald, dass aus ihrer Kinderfreundschaft mehr wurde. Wie sonst war es zu erklären, dass sie fortan unablässig aneinander denken mussten?
Falk hatte den ersten Schritt getan. Am Backhaus sprach er sie an und fragte sie, ob sie sich mit ihm treffen wollte. Sofort willigte Eva ein. Die alte Eiche am Waldrand erkoren sie zu ihrem Treffpunkt. Bei ihrem dritten Treffen machte Falk Anstalten, sie zu küssen. Eva ließ es zu. Es war ein wunderschönes Gefühl, seine Lippen zu spüren. Ansonsten aber blieb Falk, was intime Liebkosungen anbelangte, zurückhaltend. Eva wusste, dass dies eine Respektbezeugung für sie war, doch manchmal wünschte sie sich im Stillen selbst wenn dies für eine Jungfer ungebührlich sein mochte -, die Zärtlichkeiten würden über Küsse hinausgehen. Andererseits blieb ihnen dafür noch alle Zeit der Welt.
»Wird dein Vater einverstanden sein?«, fragte er bang.
Eva lächelte. »Er wird!« Ihre Eltern waren herzensgute Menschen, die sie und ihre jüngeren Brüder, Martin und Hunold, über alles liebten. Wirkliche Strenge hatte sie nur selten von ihnen erfahren.
»Bist du sicher?«
»Mein Vater wird froh sein, dass endlich jemand um meine Hand anhält. Meine Mutter befürchtet, ich könnte als alte Jungfer enden. Wer will schon eine Hexe zur Frau?«
»Was redest du da?«
»Du weißt, wie die Leute über mich sprechen.«
»Ihr Geschwätz ist mir einerlei. Du bist das hübscheste Mädchen, das mir jemals begegnet ist. Da brauchst du nicht gleich wieder rot zu werden.«
»Ach, Falk! Dich hat mir der liebe Gott geschickt.«
»Als Mutter für meine Kinder kann ich mir keine andere vorstellen.
Und als erstes wünsche mir eine Tochter, die so ist wie du.«
»Hoffentlich erbt sie nicht mein Hexenmal.«
»Und wenn schon. Was meinst du, wie sollen wir sie nennen, unsere Tochter?«
Eva dachte nach. »Weiß nicht. Vielleicht Clara?«
»Clara!« Falk gefiel der Name. »Abgemacht.« Er neigte sich zu ihr und küsste ihre Schläfe. »Verrate mir, wie du an diesen Namen gekommen bist. Soweit ich weiß, trägt niemand aus deiner Familie diesen Namen.«
»Auf dem Weg hierhin musste ich an die Heilige Clara von Assisi denken.«
»Clara von Assisi? Wer ist das?«
»Die treue Begleiterin des Heiligen Franziskus.«
»Ach die.«
»Heuchler! Hast nie von ihr gehört.«
»Du tust mir Unrecht, ich kann mich schwach erinnern, dass Bruder Raphael einmal von ihr gesprochen hat. Hattest du einen besonderen Grund, an sie zu denken?«
»Ich sah die letzten Sonnenstrahlen und dachte an Clara, was ‚die Strahlende’ bedeutet. Durch ihr aufopferungsvolles Leben wollte sie die Menschen erhellen.«
»Gütiger Himmel, hat dir das alles dein Mentor beigebracht? Wüsste ich nicht, dass Bruder Raphael ein tugendhafter Mann Gottes ist, wäre ich eifersüchtig auf ihn.«
Balthasar, der immer noch geduldig auf einem Ast hochte, begann mit einem Mal laut zu krächzen. Eva und Falk horchten auf. »Was hat er denn?«, fragte Falk.
»Offenbar hat er etwas gehört. Da hinten im Gebüsch was ist das?« Sie presste sich an ihn.
Lachend legte Falk einen Arm um sie. »Nur wilde Tiere. Die tun uns nichts.« Er vergrub seine Nase in ihrem Haar. »Ah, wie ich dich liebe. Dich und den Duft deiner Haare. So müssen Engel riechen.«
»Es ist doch nur der Duft von Narzissenblüten!«
Magdas Hals war wie zugeschnürt. Sie hatte genug gehört. Was fand Falk nur an Eva, wieso war er ausgerechnet ihr verfallen? Wenn Evas Frömmigkeit wirklich echt war, dann sollte sie doch, verdammt nochmal, in ein Nonnenkloster gehen und Falk ihr überlassen. So hübsch war sie nun auch wieder nicht mit ihrem garstigen Hexenmal.
Sie schlich davon, doch als sie auf einen Zweig trat, begann der verflixte Rabe wie verrückt zu krächzen. Eine Weile verharrte sie reglos. Zum Glück kam Falk nicht auf die Idee, den Urheber des Geräusches zu suchen.
Magda hatte einen Plan geschmiedet, sie war entschlossen, unverzüglich zu handeln. Ihr Weg führte sie nicht zurück nach Merode, sondern ein Stück durch den Wald, bis sie bald darauf vor der Köhlerhütte stand. Der Köhler Bodo lebte hier mit seiner Schwester Sibylle, die sich als Hebamme verdingte und darüber hinaus umfangreiche Kenntnisse über Kräuter und Arzneien besaß. In Sibylle setzte Magda ihre Hoffnungen.
Bodo, der auf ihr Klopfen hin öffnete, war kaum überrascht über die späte Besucherin. Es geschah nicht selten, dass Frauen zur vorgerückten Stunde vorbeischauten, vor allem, wenn ihre Männer nichts davon erfahren sollten. »Du willst zu meiner Schwester!«, stellte er deshalb richtigerweise fest.
Magda nickte entschlossen.
»Komm!«
Er führte sie durch die dunkle Kate.
»Es hat mich niemand geschwängert, hörst du?«, glaubte Magda ihm erklären zu müssen. Sie wollte nicht, dass irgendwelche haarsträubenden Gerüchte aufkamen.
»Natürlich nicht«, brummte Bodo gleichgültig. Schon bereute Magda ihre vorschnelle Rechtfertigung. Bodo galt als eigenbrötlerischer Junggeselle, was gingen ihn ihre Herzensangelegenheiten an?
Er führte sie bis vor eine Türöffnung, die durch einen fransigen Vorhang verdeckt war. »Besuch für dich, Schwester!« Nachdem Magda eingetreten war, zog er sich zurück.
Sibylle hatte die vierzig schon überschritten. Früher, so sagte man, sei sie sogar einmal hübsch gewesen. Magda fand, dass sie auch jetzt noch frauliche Reize besaß, wenngleich ein dichtes Netz von Fältchen ihre Augen umspannte. Das dunkle, von weißen Strähnen durchzogene Haar trug sie nach hinten zu seinem Zopf gebunden. Sie saß an einem aus groben Brettern gezimmerten Tisch, getrocknete Kräuterbündel lagen darauf verteilt. In einem Mörser zerstieß sie einen Pilz zu Pulver.Der Blick, mit dem sie Magda ansah, war fest und durchdringend.
»Du bist Magda, Winands älteste Tochter«, stellte sie fest. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte sie beinahe jedem Meroder Kind auf die Welt geholfen. »Setz dich dort auf den Hocker, mein Kind.«
Magda mochte es nicht, wenn man sie Kind nannte, aber Hebammen hatten wohl ein Recht darauf, ihre einstigen Schützlinge so anzusprechen.
»Deine Großmutter Eva war eine gute Freundin von mir«, erklärte Sibylle.
»Ja, das weiß ich«, erwiderte Magda höflich, obwohl allein die Erwähnung dieses Namens ihr Bauchschmerzen bereitete.
»Bis heute vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke«, fuhr Sibylle fort. »Sie war ein wunderbarer Mensch. Viel zu früh musste sie von uns gehen.« Sie schien in Erinnerungen zu versinken, denn plötzlich wurde sie schweigsam, starrte reglos auf die Tischplatte. Nach einer Weile widme te sie sich wieder dem zerstoßenen Pilz, füllte das Pulver in einen kleinen Beutel aus blaugefärbtem Leder, den sie sorgfältig zuschnürte. »Eine ganz besondere Arznei«, erklärte sie Magda, die ihr Tun mit unverhohlener Neugier beobachtete. »Nur ein Quentchen davon und der Geist steigt in himmlische Sphären empor, trunken vor Freude und Überschwänglichkeit.«
»Hört sich gut an«, sagte Magda.
»Von wegen. Die Arznei entführt den Kranken in eine glückselige Welt, die in Wahrheit nicht existiert. Nur dem darf sie verabreicht werden, dessen Leid durch andere Mittel nicht zu lindern sind.«
Also ist es Teufelswerk, ging es Magda durch den Kopf.
»Was kann ich für dich tun, mein Kind?«, fragte Sibylle nun unvermittelt, während sie prüfend einen Kräuterstrauß an ihre Nase hielt.
Längst hatte Magda sich eine Geschichte zurecht gesponnen. Eine Geschichte, bei der sie nicht einmal sonderlich übertreiben musste. »Es gibt da einen Jungen im Dorf «, begann sie mit gespielter Verlegenheit. »Ich mag ihn wirklich sehr, aber ... na ja, er beachtet mich nicht.«
»Das ist tragisch«, sagte Sibylle, ohne eine Miene zu verziehen.
»Ich glaube, er traut sich einfach nicht, mich anzusprechen.«
»Sprich du ihn an«, schlug Sibylle vor.
»Dafür wiederum bin ich zu schüchtern. Außerdem finde ich, dass es Sache der Männer ist, Liebesbande zu knüpfen.« Sie bemühte sich, scheu und zugleich untröstlich zu erscheinen, und starrte auf ihre zusammengefalteten Hände. »Ich hoffte, du könntest mir einen Liebstrank brauen. Den könnte ich ihm zu trinken geben, damit auch er mich mag. Es ist doch nichts Arges an solchen Tränken. Ich meine, sie schaden doch keinem.« Sie ließ ihre Worte eine Weile im Raum stehen, aber die Hebamme schwieg sich aus. Magda glaubte, den Grund dafür zu kennen, holte ein Geldstück aus ihrem Kleid hervor und warf es auf den Tisch. »Selbstverständlich will ich dich für deine Dienste bezahlen«, verkündete sie feierlich.
Sibylle würdigte die Münze keines Blickes. »Wie heißt der Junge?«, forschte sie.
Mit solcher Neugier hatte Magda nicht gerechnet. »Wie er heißt? Nun ja, es ist der Sohn des Bauern Arnold.«
»Du meinst Bruno, Arnolds Jüngsten?«
»Eben den«, stimmte Magda rasch zu. Zu rasch, wie sie sich hinterher eingestehen musste.
Sibylle verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Ihr Blick hatte nun etwas Unerbittliches. »Du lügst!«, sagte sie kalt.
»Ich -«
»Schweig! Du lügst, ich weiß es genau. In Wahrheit willst du den Falk für dich gewinnen. Aber Falk liebt Eva, und Eva liebt Falk. Tu nicht so, als ob das neu für dich wäre.«
Magda schluckte, brachte keinen Ton mehr hervor. Woher wusste diese verdammte Kräuterhexe das? War sie eine Prophetin? Oder konnte sie einfach nur in die Seelen der Menschen schauen? Magda erinnerte sich, solche Geschichten über sie vernommen zu haben.
»Schäm dich, Magda. Eva ist deine Kusine. Sie hat es schwer genug, weil viele Leute sie aus purem Aberglauben meiden. Du solltest für sie einstehen, anstatt ihr den Geliebten zu rauben.« Sie griff nach dem Klöpfel und widmete sich wieder dem Mörser. »Geh jetzt nach Hause!«, befahl sie streng.
»Und vergiss die Münze nicht.«
Magda erhob sich von ihrem Hocker. Sie kochte vor Wut, wagte aber keinen Widerspruch. Draußen inzwischen war es Nacht geworden holte sie tief Luft und verschluckte einen Wutschrei. Wie hatte sie nur glauben können, dass eine verschrobene Jungfer ihr helfen würde? Was wusste Sibylle denn schon über Männer und die Liebe? War es denn ein Wunder, dass die eine Hexe zu der anderen hielt?
Als Magda im spärlichen Licht eines halben Mondes den Weg zurück ins Dorf stapfte, reifte bereits ein neuer Plan in ihrem Kopf.
Der Winandshof hatte sich in den vergangenen Jahren durch verschiedene Anbauten erheblich vergrößert. Die Halbbrüder Winand und Nikolaus führten den Hof gemeinsam, jeder bewohnte mit seiner Familie einen eigenen Gebäudetrakt. Teilweise waren die Behausungen sogar aus Steinen gemauert. Weil aber Winand und Niko im Dorf keineswegs als überheblich galten sie halfen immer, wenn andere Bauern unversehens in Not gerieten
-, gönnte man ihnen den bescheidenen Wohlstand. Im Hungerwinter 1307 hatten sie sich durch selbstlose Hilfsbereitschaft die Achtung aller Dorfbewohner erworben; niemand hielt seitdem mehr Spottreden über Nikolaus und Agnes und deren merkwürdige Vergangenheit als verfemte Gaukler. Ausgenommen von diesem Wohlwollen blieb die junge Eva, von der man weiterhin annahm, etwas stimme mit ihr nicht. Vielleicht hatte das ja auch Bruder Raphael, der Burgkaplan, erkannt. Jedenfalls wurde gemunkelt, dass er viel Zeit mit der Bauerntochter verbrachte.
Magdas Eltern saßen in der Stube, als die Tochter heimkehrte. Winand hielt einen tönernen Bierkrug, während Isolde mit einer Näharbeit beschäftigt war.
»Wurde auch Zeit«, brummte der Vater. »Wo hast du dich bloß rumgetrieben?«
Magda rollte mit den Augen. »Ich war nur ... nur -«
»Bestimmt hat sie einen Schatz«, mutmaßte die Mutter, die, wenn sie erst einmal zu reden begann, nur schwer zu halten war. Deshalb brachte sie ihr Gatte, der allein dazu fähig war, mit einer barschen Geste zum Schweigen.
»Sie hat selbst einen Mund. Nun, Magda?«
»Ich habe frische Luft geschnappt. Am Waldrand, an der alten Eiche hab ich gesessen. Bin dabei eingeschlummert. Soll nicht wieder vorkommen.« Sie seufzte schuldbewusst.
Winand blinzelte skeptisch. Offenbar glaubte er ihr kein Wort. Womöglich hatte Isolde ja Recht mit ihrer Vermutung vom Geliebten, und Magda wollte einfach nicht darüber sprechen. Denn eigentlich war es ja ihm, Winand, vorbehalten, einen angemessenen Gatten für seine Tochter zu finden. Er machte sich klar, dass Magda schon vierzehn Jahre alt war. Tatsächlich war es an der Zeit, sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen.
»Heute bist du zum letzten Mal im Dunkeln nach Hause gekommen!
Verstanden?«
»Ja, Vater.«
»Geh jetzt ins Bett!«
Sie kletterte die knirschenden Holzstiegen zum Obergeschoss empor. Allerdings hatte sie noch etwas zu erledigen, bevor sie sich endgültig der Nachtruhe hingab. Also schlich sie zum Lager ihres schlafenden Zwillingsbruders und rüttelte ihn. »Wach auf!«, flüsterte sie eindringlich. Der jüngere Winand brummte schlaftrunken. Erst als die Schwester ihm eine Ohrfeige versetzte, schlug er die Augen auf. »Bist du verrückt geworden?«, maulte er und rieb sich die Wange.
»Psst, leise.«
»Was willst du von mir?«
»Deine Hilfe.«
»Mitten in der Nacht?«
»Hör mir gut zu, Winand.« Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und sah wie im Triumph auf ihn herab. »Morgen, in aller Herrgottsfrühe, wirst du doch nach Düren gehen, nicht wahr? Vater hat dich beauftragt, eine neue Pflugschar zu kaufen.«
»Das weiß ich selbst. Kein Grund mich aus dem Schlaf zu reißen.«
»Ich weiß genau, dass du dann zu dieser Hure gehst.«
Selbst in der Dunkelheit sah Magda, dass sein Gesicht puterrot wurde.
»Keine Ahnung, wovon du sprichst.«
»Mach mir nichts vor. Hab dich oft genug zum Hurenhaus schleichen sehen, wenn wir in der Stadt waren.«
Winand seufzte resigniert. Leugnen war offenbar zwecklos. Er ärgerte sich, es nie geschickter angestellt zu haben, wusste er doch um die ver dammte Neugier seiner Schwester. »Sie heißt Lora«, murmelte er und kratzte sich verlegen den Kopf. »Naja, ich mag sie sehr, und Lora mag mich auch. Wirklich.«
»Red keinen Unsinn. Sie ist eine Hure.«
»Sag endlich, was du von mir willst.«
»Du wirst deine Hure morgen mit nach Merode bringen!«
»Bist du verrückt?« Fassungslos tippte er sich an die Stirn.
»Tu, was ich dir sage, Bruder. Oder soll Vater erfahren, wie du dein Geld verplemperst?«
»Was soll das, du blöde Ziege? Willst du mir drohen?«
»Ich brauche kurz deine Hilfe. Du wirst deine Schwester doch nicht im Stich lassen? Wenn du mir hilfst, werden Vater und Mutter werden nichts von deinem kleinen Geheimnis erfahren. Außerdem wirst du kein Opfer bringen müssen, im Gegenteil. Du wirst voll und ganz auf deine Kosten kommen.«
Winand setzte sich auf und sah ihr erwartungsvoll ins Gesicht. »Da bin ich aber gespannt.«
»Gut, hör mir zu!«