Buchinfo

Als Owen erfährt, dass seine Mitschülerin Bethany in die Welten von Büchern springen kann, ist er total begeistert und überzeugt sie, ihn in sein Lieblingsbuch zu begleiten. Denn wie großartig wäre es, seinen Helden in Action zu erleben?!

Kaum zwischen den Seiten angekommen, tut Owen jedoch genau das, was er auf keinen Fall machen sollte: Er greift in die Geschichte ein und schlägt den vermeintlichen Bösewicht k. o.

Nun gerät alles aus den Fugen: Plötzlich findet Owen sich selbst in der Rolle des Helden wieder – und das auch noch im Finale der Geschichte und mit einem neuen fiesen Hauptgegner, den er bisher gar nicht auf dem Plan hatte!

Ein packendes Abenteuer beginnt. Mit einem Mal stehen die Welten Kopf – und Owen und Bethany vor einem unglaublichen Abenteuer, denn jedes Kapitel birgt neue Gefahren …

Autorenvita

© Maarten de Boer

James Riley, geboren in Connecticut, lebt heute in der Gegend um Washington. Sein Erstlingswerk, die »The Half Upon a Time«-Trilogie, wurde in den USA zum Bestseller und wäre wohl kaum entstanden, hätte Riley nicht in einem alten Schulheft eine ermutigende Bemerkung seines damaligen Klassenlehrers entdeckt. So nahm er sich dessen Worte zu Herzen, mehr zu schreiben, und arbeitet bereits fleißig an seiner nächsten Romanreihe für Kinder und Jugendliche, die »Weltenspringer«. Seine grenzenlose Fantasie beschränkt sich aber nicht nur auf seine Bücher: Als größte Angst nennt er augenzwinkernd den Fall, aus 500 Metern Höhe in einen Swimmingpool voller Spinnen zu fallen, die auf Schlangen reiten.

Der Weltenspringer

Den Figuren aus meiner Geschichte gewidmet:

ES TUT MIR ALLES FURCHTBAR LEID.

KAPITEL 1

Owen hätte am liebsten einfach nur laut geschrien. Aber es kam kein Ton heraus. Stattdessen ging der Albtraum immer nur weiter und zwang Owen, sich im tiefsten Herzen eine Frage zu stellen:

»Kann mir irgendwer sagen, wie viel drei Viertel mal zwei Drittel sind?« Mr Barberry, Owens Klassenlehrer, stand vor der Tafel, er hatte die Arme verschränkt und wartete darauf, dass sich eine Hand hob.

Nein, nicht diese Frage. Die eigentliche Frage war: Konnte auf dieser Welt irgendetwas noch langweiliger sein als Bruchrechnung? Owen runzelte die Stirn, als Mr Barberry die Suche nach Freiwilligen aufgab und sich einfach ein Opfer suchte. »Mari? Drei Viertel mal zwei Drittel?«

In einen Raum ohne Fenster und Türen eingesperrt zu sein, ohne etwas zu tun, während man mit verbundenen Augen eine Baumsorte nach der anderen aufzählen muss? Das wäre ganz schön langweilig, aber nicht annähernd so langweilig wie Bruchrechnung.

»Ein halb«, antwortete Mari, woraufhin Mr Barberry zustimmend nickte.

Vielleicht wenn man von irgendwem genug Limo bekäme, um stundenlang wach zu bleiben, und wenn dieser Jemand einem dann Anleitungen zum Montieren von Möbelstücken vorläse? In einer anderen Sprache?

Aber was, wenn man diese andere Sprache, ohne es zu merken, aus Versehen lernte? Manche Leute würden die Langeweile dafür wohl in Kauf nehmen. Das kam also nicht infrage.

»Owen?«, fragte Mr Barberry. »Was ist mit dir? Ein Drittel mal zwei Drittel?«

»Zwei Neuntel«, sagte Owen mit gespielter Begeisterung.

»Richtig«, sagte Mr Barberry und drehte sich zur Tafel um, während Owen seinen Gedanken wieder freien Lauf ließ.

Vielleicht zu Hause festzusitzen, krank und mit so hohem Fieber, dass man weder nachdenken noch irgendwas anderes tun konnte, außer vor der Glotze zu hocken? Und der einzige funktionierende Sender war ein Shoppingkanal, der nur Werbung für andere Shoppingkanäle brachte? Das wäre ganz schön langweilig.

»Ein Drittel mal ein Drittel?«, fragte Mr Barberry. »Gabriel?«

»Ein Neuntel?«, fragte Gabriel mit trübem Blick.

Nein, nichts da, Bruchrechnung stand eindeutig ganz oben auf dem Siegertreppchen. Und zwar mit Abstand.

Könnte nicht irgendein verirrter elektrischer Impuls schon vorzeitig zum Ende der Stunde läuten? Das war zwar noch nie passiert, aber Optimismus gehörte definitiv zu Owens Stärken. Und darauf war er ganz schön stolz, denn es war nicht leicht, angesichts dieser vielen Matheprobleme optimistisch zu sein.

»Wie sieht es aus mit vier Fünftel mal ein Achtel?«, fragte Mr Barberry. »Bethany, möchtest du das übernehmen?«

Es kam keine Antwort, deshalb drehte sich Mr Barberry um. »Bethany?«

Owen warf einen Blick nach hinten und entdeckte, dass Bethany sich hinter ihrem Mathebuch versteckte, nicht einmal ihr Kopf war zu sehen. War sie etwa eingeschlafen? Das wäre mutig. Blöd, aber mutig.

Immerhin passierte etwas, so wurde die Stunde wenigstens um einen Bruchteil weniger langweilig. Owen grinste hinter vorgehaltener Hand. Ha!

»Bethany!«, brüllte Mr Barberry.

Bethany fuhr auf ihrem Stuhl zurück, wobei ihr Mathebuch nach vorne kippte und ein weiteres Buch freilegte: Charlie und die Schokoladenfabrik.

Oha.

Mr Barberry starrte Bethany eine Sekunde lang wütend an, während sie sich mit verwirrter und zugleich ängstlicher Miene umschaute. Owen zog den Kopf ein und wartete darauf, dass Mr Barberry lostobte, aber zum Glück läutete in diesem Moment die Schulglocke zur Mittagspause.

»Na, dann geht«, sagte Mr Barberry. »Alle, außer dir, Bethany.«

Bethany nickte, ihre langen bronzefarbenen Haare fielen ihr ins Gesicht. Owen warf ihr im Gehen einen mitfühlenden Blick zu, dann bemerkte er etwas Seltsames.

War das Schokolade an ihrem Kinn?

In dem Moment versperrten ihm die anderen aus der Klasse den Blick, und er zuckte mit den Schultern. Auf gar keinen Fall wollte er riskieren, ebenfalls angebrüllt zu werden. Außerdem bedeutete die Mittagspause mindestens eine halbe Stunde ohne Bruchrechnung.

Nachdem er in einer schier endlosen Schlange an der Essensausgabe gewartet hatte, die er unbedingt seiner Liste der langweiligsten Dinge aller Zeiten hinzufügen musste, hielt Owen mit Pizza und Milch auf seinem Tablett nach einem freien Platz in der Mensa Ausschau. Er steuerte einen Tisch mit drei Jungs aus seiner Klasse an, die ihn vollkommen ignorierten, als er auf sie zukam, deshalb ging er weiter und tat so, als ob er sowieso allein sitzen wollte.

Genau aus diesem Grund hatte er immer ein Buch bei sich. Allein zu sitzen war nicht gerade neu.

Owen hatte Kiel Gnomenfuß und das Ende von allem bereits zweimal gelesen, aber in der nächsten Woche würde das siebte Buch der Serie erscheinen, und da konnte es nicht schaden, sein Wissen noch einmal aufzufrischen. Es war ohnehin schwer genug gewesen, ein Exemplar auszuleihen, obwohl seine Mutter in der Bücherei arbeitete. Der Band, den er dabeihatte, endete damit, dass Dr. Verity den Magister, Kiels Lehrer, am Ende doch noch überraschend angriff. Owen kannte mindestens fünf Leute, die bei der Vorstellung, der Magister könnte sterben, zu Heulen angefangen hatten. Und zehn, die behaupteten, die Serie sei von Harry Potter abgekupfert, was ja auch irgendwie stimmte, aber trotzdem waren alle davon begeistert.

Als Owen mit dem letzten Kapitel anfing, in dem Dr. Verity in den auf dem Kopf stehenden Turm des Magisters einbrach, sah er aus dem Augenwinkel, wie Bethany mit wütenden Schritten die Mensa betrat. Sie ließ sich an einem Tisch auf der anderen Seite des Raumes auf einen Stuhl fallen, zog ihr Buch hervor und schaute sich misstrauisch um. Dann senkte sie den Kopf, aß offenbar etwas, richtete sich wieder gerade auf und schaute sich abermals um.

Was machte sie da eigentlich? Aß sie hinter ihrem Buch? Hatte sie denn überhaupt etwas zu essen? Versuchte sie …

Mist. Was sie jetzt tat, war, ihn anzustarren.

Sofort blickte Owen in sämtliche andere Richtungen, nur nicht zu Bethany hinüber, aber es war zu spät. Sie knallte ihr Buch zu, schaute Owen wütend an und stürmte dann mit verärgertem Schnauben aus der Mensa.

Owen seufzte und ließ sein eigenes Buch auf den Tisch sinken. Bethany war es sicher schon peinlich genug, dass sie angebrüllt worden war, dass sie jetzt auch noch angestarrt wurde, machte alles bestimmt noch schlimmer. Gratuliere, Owen.

Sein schlechtes Gewissen schubste Owen vom Stuhl und schickte ihn hinter Bethany her, um sich zu entschuldigen oder wenigstens einen Witz zu reißen. Doch als er den Flur erreichte, war da keine Bethany. Der ganze Flur war leer, bis auf das Exemplar von Charlie und die Schokoladenfabrik, das Bethany eben noch gelesen hatte und das jetzt unter einem Schließfach auf dem Boden lag.

Moment mal … Sie hatte nicht nur ihr Buch auf dem Boden liegen lassen, sondern – schlimmer noch – Owen konnte schon aus der Ferne sehen, dass es aus der Bücherei seiner Mutter stammte. Das Buch gehörte Bethany nicht einmal!

Und waren das da Schokoladenflecken?

Das war nicht lustig. Was dachte Bethany sich bloß dabei? Wer lieh sich ein Buch aus und verschmierte es mit Schokolade, auch wenn es, ihr wisst schon, zur Geschichte passte? Andere Leute wollten diese Bücher schließlich auch lesen, und sie wollten auf ihrem Exemplar keine Essensflecken haben.

Owen schüttelte den Kopf, schnappte sich das Buch und ließ es in seine Schultasche fallen, dann ging er zurück in die Mensa, um sich den wirklich wichtigen Angelegenheiten zu widmen, zum Beispiel Dr. Veritys Überfall auf den Magister. Leider beschloss die Glocke, gerade jetzt zu läuten – gemein, aber nicht unerwartet. Owen brachte seinen Abfall weg und schlurfte widerwillig zu weiteren Stunden voller geisttötender Halbbildung.

Endlich, gnädigerweise, nahm dieser Tag ein Ende, und Owen schoss wie eine Kanonenkugel durch die Tür. Draußen zu sein war so ein gutes Gefühl, dass er viel schneller als sonst zu der Bücherei lief, in der seine Mutter fast jeden Nachmittag arbeitete. Wie meistens würde Owen sich dort nützlich machen, einerseits, weil seine Mutter das wollte, dann aber auch, weil es Spaß machte, so viele Bücher um sich herum zu haben.

Er begrüßte seine Mom, die geschäftig herumwuselte, danach setzte er sich an seinen üblichen Platz am Tresen, wo er einige Stunden lang Bücher ausgab. Diese Arbeit konnte interessant sein (denn er sah, was die Leute lasen), peinlich (denn er sah, was die Leute lasen) oder langweilig (denn er sah, was die Leute lasen). Meistens trafen zwei der drei Möglichkeiten alle paar Minuten zu, und an diesem Abend war es nicht anders.

Als es endlich ruhiger wurde, holte Owen seufzend seine Hausaufgaben hervor. Denn egal wie beschäftigt seine Mutter auch sein mochte, sobald er nichts mehr zu tun hatte, drückte sie ihm umgehend eine neue Aufgabe aufs Auge. Gerade als er sein Mathebuch hervorziehen wollte, entdeckte er Bethanys Exemplar von Charlie und die Schokoladenfabrik.

Hm. Das hatte er irgendwie vergessen. Eigentlich wollte er es Bethany zurückgeben und sie wegen der Schokoflecken vorwurfsvoll anstarren. Aber jetzt, wo er darüber nachdachte, wusste er nicht einmal mehr, ob Bethany nach der Mittagspause zur Naturkundestunde erschienen war. Genau genommen konnte er sich nicht daran erinnern, sie dort oder überhaupt am Nachmittag in irgendeiner anderen Stunde gesehen zu haben. Vielleicht war sie nach Hause gegangen, weil ihr schlecht war, nachdem sie zu viel Schokolade gegessen und ein Buch als Serviette benutzt hatte?

Owen zuckte mit den Schultern und registrierte das Buch als zurückgegeben. Bethany würde es schon finden, wenn sie weiterlesen wollte.

Seine Mutter sah ihn an, als er das Buch auf einen Stapel von Büchern legte, die in die Regale zurückgestellt werden sollten. Er seufzte und stand auf, denn er wusste, was jetzt kommen würde. »Die gehören alle in die Kinderabteilung«, sagte seine Mutter. »Ich schließe jetzt, danach muss ich noch etwas im Büro erledigen. Mach bitte deine Hausaufgaben fertig, wenn du die Bücher zurückgestellt hast.«

Uääh. Natürlich. Owen hob einen Bücherstapel auf, der ihm bis zum Bauchnabel reichte, dann ging er damit langsam zur Kinderabteilung.

Wie immer herrschte dort das pure Chaos, als ob ein Hurrikan mitten zwischen die Bücher von Rick Riordan eine Atombombe geschleudert hätte. Genervt machte sich Owen ans Werk, dabei legte er einige Bücher beiseite, die er interessant fand – das war das einzig Gute am Aufräumen.

Zehn Minuten später war die Kinderabteilung immerhin ordentlicher, obwohl sich nun auf den ohnehin überfüllten Regalen Bücherstapel türmten. Owen sah sich traurig den Stapel an, den er in die Kinderabteilung geschleppt hatte, weil er diese Bücher ja auch noch zurückstellen musste. Stöhnend griff er nach Charlie und die Schokoladenfabrik, ihm war jetzt schon klar, dass dafür sowieso kein Platz sein würde.

Als er den Buchstaben D für Roald Dahl gefunden hatte, passierte etwas Seltsames. Seine Hand … zuckte.

Er sah seine Hand und das Buch darin an, wahrscheinlich hatte er sich den Stromstoß nur eingebildet.

Doch dann zuckte das Buch erneut.

»Au!«, sagte er und ließ das Buch fallen. Es knallte auf den Boden und blieb für einen Moment dort liegen.

Kurz darauf zuckte es zum dritten Mal.

Was war hier los? Owen wich zurück, als sich der Einband und einige Seiten ganz von selbst öffneten. Spukte es in der Bücherei? Oder war das Buch verhext? Und war es normal, irgendwie fasziniert davon zu sein, auch wenn man Angst hatte?

Und dann passierte etwas, mit dem Owen nie im Leben gerechnet hätte.

Fünf von Schokolade verschmierte Finger schoben sich aus der Mitte des Buches, packten den Rand und hievten sich heraus.

KAPITEL 2

Als Bethany sich langsam an ihren mit Schokolade verschmierten Händen aus Charlie und die Schokoladenfabrik hievte, seufzte sie. Warum war sie so lange dort geblieben? Jetzt war sie später als spät dran. Es war einfach so unvorstellbar entspannend gewesen, hinter dem Schokoladenfluss zu sitzen, den Umpa-Lumpas bei der Arbeit zuzusehen und nicht von Mr Barberry oder ihrer Mom angeschrien zu werden.

Als ihr Kopf aus dem Buch auftauchte, machte sie sich plötzlich allerdings sehr viel weniger Sorgen, weil sie zu spät war, und sehr viel mehr, weil Owen, ein braunhaariger, ganz normal aussehender Junge aus ihrer Klasse, sie anglotzte, als ob seine Augen gleich herausfallen würden.

»Bethany?«, krächzte Owen. Seine Stimme war fast zu leise, um gehört zu werden.

»Owen!«, sagte sie, zog den Kopf ein, kletterte vollständig aus dem Buch und schloss es mit einem Tritt.

»Du … warst in dem Buch?«, fragte er und schaute zwischen ihr und dem noch immer schokoladigen Buch, das auf dem Boden lag, hin und her.

»Red keinen Blödsinn«, sagte sie zu ihm und rang sich ein falsches Lachen ab. »Du hast mich nur nicht gesehen. Ich hab die ganze Zeit hier gesessen und gelesen.«

Owen schüttelte den Kopf. »Ich hatte es in der Hand«, sagte er und zeigte darauf. »Dann ist es herumgehüpft, und du bist einfach herausgekrochen. Das hab ich gesehen!«

»Das ist doch verrückt«, erwiderte Bethany, während sie das Buch aufhob und ihm unter die Nase hielt. »Wie hätte ich denn in einem Buch sein können? Das ist aus Papier!« Sie ließ es wieder sinken und schnaubte. »Du hast einfach zu viele Bücher gelesen.«

Owen wollte gerade etwas erwidern, aber als sein Blick auf das Buch fiel, fing er an, seltsame Quietschgeräusche auszustoßen. Bethany folgte seinem Blick und stöhnte, weil ihre Daumen in die Buchseiten eingetaucht waren.

Na gut, das machte ihre Behauptung nun wirklich nicht überzeugender. Uäh.

Owens Quietschgeräusche wurden schlagartig lauter, und er wich eilig von Bethany zurück.

Bethany zuckte zusammen und fing an, »pssst« zu sagen, in dem Augenblick fiel ihr etwas ein. Owen hatte sie in der Mensa beobachtet, als sie Schokolade aus dem Buch gezogen hatte – manche Tage waren so schrecklich, dass sie nur noch Süßes wollte. Owen war der Junge, der sie in Panik versetzt hatte.

Nachdem ihre Mutter am Morgen wütend gewesen war, nach dem langen schrecklichen Tag, an dem Mr Barberry sich endlos über Brüche ausgelassen und sie dann angeschrien hatte, nachdem sie in der Klasse hatte sitzen müssen, während sie doch in Prydain oder in Oz oder im Wunderland hätte sein können, war die Tatsache, dass Owen sie in der Mittagspause fast erwischt hätte, der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Genau das war es: Sie hatte die Schule satt, ihre Lehrer, ihre Mutter, alles.

Sie hatte die Mensa verlassen, fest entschlossen, den Rest des Tages in der Welt der Fantasie zu verbringen. Dabei hatte sie es nicht einmal abwarten können, einen sicheren Ort aufzusuchen, ehe sie ins Buch gesprungen war. Sie hatte Nachsitzen riskiert, na gut, aber das wäre nicht das erste Mal, und ihre Mutter hatte es bisher nie erfahren, da sie immer spät von der Arbeit nach Hause kam. Solange Bethany vor ihrer Mom dort war, konnte ihr nichts passieren.

Aber sie war nun einmal nicht zu Hause, und jetzt hatte Owen gesehen, wie sie aus einem Buch gesprungen war. So weit hätte es nicht kommen dürfen.

»Owen«, sagte Bethany, packte ihn am Shirt und zog ihn zurück in die Kinderabteilung. »Du wirst mir jetzt ganz still zuhören, sonst schmeiße ich dich in die Schokoladenfabrik. Hast du das verstanden?«

Owen nickte rasch, und sie ließ ihn los. Sofort machte er einen Sprung in Richtung Ausgang.

Bethany knirschte mit den Zähnen. Ohne zu zögern griff sie nach seiner Hand und zog ihn in die Seiten eines Buches aus einem Stapel auf dem Boden, ohne auch nur einen Blick auf den Titel zu werfen. Bethany und Owen glitten so schnell in die Seiten, dass er vermutlich nicht einmal kapierte, was vor sich ging.

Kurz darauf fanden sie sich mitten in einem brennenden London wieder, während riesige grüne Strahlen die Gebäude um sie herum explodieren ließen.

»AHH!«, schrie Owen, hielt aber ganz schnell die Klappe, als ein Todesstrahl über seinem Kopf durch die Luft zischte.

Bethany schob ihn in ein ausgebranntes Gebäude. »Das sind Marsianer«, brüllte sie durch das Tosen der Invasion und zeigte auf die riesigen runden Raumschiffe, die auf robothaften Tentakelbeinen durch die Stadt wanderten und alles und jeden mit grünen Strahlen beschossen. »Wir sind in Krieg der Welten. Also beruhig dich und sei still, sonst pumpen sie dich mit marsianischem Laser voll.« Etwas ging vor dem Haus in die Luft, und Owen fuhr zusammen, aber Bethany packte ihn abermals an seinem Shirt. »Wenn du dich ruhig verhältst und unentdeckt bleibst, kann uns nichts passieren. Sie werden alle krank und sterben an ’ner Erkältung oder Bakterien oder so ähnlich.«

»Marsianer?«, fragte Owen, so leise, dass man ihn durch den Wahnsinn auf den Straßen kaum verstand. Er schaute hinaus, sprang aber sofort wieder zurück, als ein weiterer Strahl ein Auto hochgehen ließ. »In echt? Marsianer?«

Bethany zögerte, sie wusste nicht genau, was sie darauf antworten sollte. »Hier im Buch schon. In der echten Welt haben die Marsianer London natürlich nicht wirklich zerstört. Das wäre doch wahrscheinlich in den Nachrichten gekommen.«

Owen sah sie verwirrt an, dann steckte er den Kopf wieder aus dem Gebäude. »Aber … wo ist die Armee? Wer kämpft gegen sie?«

Bethany rümpfte die Nase. »Ich hab das Buch schon eine ganze Weile nicht mehr gelesen, aber ich glaube, die Armee steckt ganz schön Prügel ein. Mit Schusswaffen können sie den Marsianern ja nichts anhaben. Deshalb sind wir aber nicht hier.« Sie zog Owen wieder ins Haus und starrte ihm in die Augen. »Du kannst niemandem hiervon erzählen, Owen. Du kannst nicht einmal mir davon erzählen, weil wir nie wieder darüber reden werden. Und du wirst das hier ganz wunderbar für dich behalten. Hast du mich verstanden?«

Er blickte sie für eine Sekunde an, schüttelte den Kopf und stieß sie weg. »Müssen wir denen nicht helfen?«, schrie er und zeigte hinaus. »Wir können ihnen erzählen, dass die Marsianer krank werden, und dann können sie die Aliens anniesen oder so.«

Er kapierte es einfach nicht. »Nein!«, sagte sie eindringlich. »Das Buch ist schon geschrieben. Wir können es nicht ändern. Du begreifst offenbar nicht, was hier abläuft.«

»Aber wie kann es geschrieben sein, wenn es gerade jetzt passiert?«, brüllte Owen. »Sieh es dir doch an!«

Stöhnend packte sie seine Hand und sprang mit ihm aus dem Buch. Bethany gab sich keine Mühe, einen langsamen Abgang hinzulegen. Um vorsichtig zu sein, hatte sie keine Zeit. Mit einem Affenzahn schossen sie aus Krieg der Welten und knallten etwas härter, als Bethany es vorgehabt hatte, gegen das nächste Bücherregal. Ehe Owen auch nur ein Wort sagen konnte, riss Bethany ihn zwischen die Seiten eines anderen Buchs. Er schrie auf, verstummte aber sogleich, als sie auf einem Feld mit Schachbrettmuster landeten. Er blickte sich um und brachte wohl vor lauter Überraschung keinen Ton mehr heraus.

»Siehst du?«, sagte sie. »Wir sind in den Büchern. Das hier ist die Welt der Fantasie, Owen. Du kannst hier nichts ändern, weil alles schon geschrieben ist. Wenn wir auf die letzte Seite von Krieg der Welten gesprungen wären, hätten die Menschen die Marsianer bereits besiegt. Ich habe einfach vor dem Sprung nicht darauf geachtet, wo wir landen.« Was zugegebenermaßen dumm war und etwas, das sie niemals, niemals tat. Aber das hier waren besondere Umstände.

Owen schien sie nicht gehört zu haben. Er streckte eine Hand aus und ließ ein kleines geflügeltes Schaukelpferd auf seinem Finger landen.

»Wo sind wir jetzt?«, flüsterte er, und das Pferd wieherte ihn an.

»Wunderland«, sagte sie. »Oder genauer gesagt Hinter den Spiegeln. Ich glaube, das ist noch immer Wunderland, aber ich habe nie so richtig begriffen, wie das funktioniert.«

»Wunderland? Wie bei Alice?«, fragte Owen, als eine Brot-und-Butter-Fliege in seinen Haaren landete.

»An dieser Stelle im Buch ist sie wahrscheinlich unterwegs zum namenlosen Wald«, antwortete Bethany. »Ich gehe den Hauptfiguren immer aus dem Weg. So vermeidet man am leichtesten, dass man die Geschichte durcheinanderbringt. Und ich muss mich nicht um die Handlung kümmern, sondern kann mich einfach nur amüsieren.«

Owen drehte sich zu ihr um, während allerlei märchenhafte Insekten um ihn herumschwirrten. »Bitte, sag mir, dass das hier kein Traum ist. Ich weiß, es muss einer sein, sicher bin ich an der Bücherausgabe eingeschlafen, aber bitte, mach, dass es kein Traum ist …«

Sie streckte die Hand aus und zwickte ihn, so fest sie konnte. Das war eine gute Gelegenheit, einem Teil ihres Ärgers freien Lauf zu lassen.

Owen keuchte auf und riss seinen Arm zurück, dann sah er sie wütend an. »Du hättest einfach ›Nein, es ist kein Traum‹ sagen können.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Also, weißt du noch, worüber wir gesprochen haben? Dass wir nie wieder darüber reden werden?«

»Wie machst du das?«, fragte er sie. »Wie … wie kannst du in Bücher springen? Die sind doch bloß Wörter auf Papier.«

Sie seufzte. »Schon, im Moment gilt das auch für dich. Wenn du den Mund halten kannst, zeige ich dir, wie ich es mache. Aber diesmal wird nicht gebrüllt oder sonst was, okay?«

Er nickte. Daraufhin packte sie seinen Arm und sprang abermals mit ihm aus dem Buch in die Bücherei, nun ein kleines bisschen sanfter. Bethany ließ Owen los und hielt ihm das Buch vor die Augen. Dann schob sie ihre Hand langsam in Alice hinter den Spiegeln.

Als ihre Finger die Seite berührten, schmolzen sie und nahmen eine neue Gestalt an. Sie wurden zu allerlei Wörtern wie »Fingerknöchel« und »Nagel« und »Daumen«, alle beschrieben, welcher Körperteil sie gewesen waren. Die Wörter verbreiteten sich auf der Seite wie Rührteig und wurden vom Buch aufgesogen. Am Ende schob Bethany ihren Arm bis zur Schulter hinein.

»Ich fuchtle im Wunderland jetzt vor deinen Augen mit den Fingern herum«, sagte sie zu ihm.

Owen lachte verlegen, dann verzog er das Gesicht und kippte bewusstlos rückwärts auf den Boden.

Bethany schüttelte den Kopf. »Invasionen aus dem All und Schaukelpferdfliegen sind kein Problem, aber hierbei fällst du in Ohnmacht?«

KAPITEL 3

Owen wurde davon geweckt, dass seine Mutter ihn rief. Sofort stützte er sich auf die Ellbogen und hielt eilig Ausschau nach Strahlenkanonen oder weißen Kaninchen oder etwas in der Art.

Leider sah er nichts anderes als eine aufgeräumte Kinderbuchabteilung.

Nein. Nein, nein, nein! Hatte er das alles geträumt? Bedeutete das, dass er wieder im wirklichen Leben feststeckte? ARGH!

»Owen«, rief seine Mutter noch einmal. »Wieso brauchst du so lange?«

»Tut mir leid, war noch am Lesen«, rief er zurück, dann schnappte er sich sein Kiel-Gnomenfuß-Buch und lief zum Eingang der Bücherei, bei jedem Schritt wurde er allerdings niedergeschlagener. Nein! Es musste einfach wirklich sein! Wenn es wirklich war, bedeutete das, dass es im Leben mehr gab als langweilige Unterrichtsstunden und langweilige Arbeiten nach der Schule und anderen langweiligen Kram. Dass Bethany in Bücher sprang, war das Gegenteil von langweilig, und deshalb musste es wirklich sein, wenn es im Leben überhaupt irgendeine Gerechtigkeit gab!

Owen starrte die ganze Nacht die Decke an, wartete auf den Schlaf und war kein bisschen müde. Würde Bethany morgen in die Schule kommen? Würde sie alles abstreiten? Hatte er sich alles nur eingebildet? Wenn nicht, wie machte sie das? Und was machte sie in den Büchern … ging sie nur auf Entdeckungsreise oder wollte sie vor allem erfundene Süßigkeiten essen? Wem war sie begegnet? Hatte sie sich Autogramme geben lassen?

Irgendwann war er wohl doch eingeschlafen, denn der Wecker riss ihn aus seinen Träumen, in denen ihm Bethany Aslan vorstellte, während die Bevölkerung von Narnia jubelte. Owen brachte den Wecker mit einem Schlag zum Schweigen und sprang aus dem Bett. Obwohl er fast nicht geschlafen hatte, fühlte er sich hellwach.

Seine Mutter fragte ihn, ob alles in Ordnung sei, als er an seinem Frühstück fast erstickte, dann rannte er aus der Tür, mindestens zwanzig Minuten zu früh für den Bus. Als der endlich kam, saß Owen allein in der allerersten Reihe. Seine Beine zitterten während der ganzen Fahrt vor Nervosität und Aufregung.

An der Schule angekommen, drängte er sich, so schnell er konnte, aus dem Bus und marschierte im Eilschritt zum Klassenzimmer. Am liebsten wäre er gerannt, aber er wollte keinen Ärger kriegen. Als er dort angekommen war, setzte er sich und wartete, er war an diesem Morgen der Erste.

Nach und nach betraten Owens Mitschüler das Klassenzimmer, und niemand sah sonderlich glücklich darüber aus, nun in der Schule zu sein. Nicht wenige schauten ihn seltsam an, während er vor Erwartung grinsend an seinem Tisch saß. Er konnte aber nicht anders. Bald würde Bethany kommen, und dann würde er Antworten erhalten. Es musste einfach wirklich sein. Es ergab einfach so viel mehr Sinn als Mathe und der restliche Schulkram!

Mr Barberry betrat den Raum, und eine Sekunde später ertönte die Schulglocke, aber von Bethany fehlte jede Spur. Vor Frust hätte Owen fast auf seinen Tisch gehauen. Wo steckte sie nur?

In dem Moment schlüpfte Bethany zur Tür herein, gleich hinter Mr Barberry. Sie lief an der Wand entlang und setzte sich ganz schnell hin, gerade als Mr Barberry sich umdrehte, um mit dem Unterricht zu beginnen. Er merkte gar nicht, dass sie zu spät gekommen war.

Owen schaute sich so vorsichtig zu ihr um, wie er nur konnte, aber Bethany starrte nach vorne, wo Mr Barberry jetzt über Geografie redete.

Owen stöhnte. Was denn, musste er etwa bis zur Mittagspause warten, bis er mit ihr sprechen konnte? Das Leben war nicht nur langweilig, sondern auch sehr, sehr grausam!

Es folgten die längsten drei Stunden, die Owen jemals erlebt hatte, wie Heiligabend, der Abend vor Ferienbeginn, und das Warten auf das Erscheinen des neuen Kiel-Gnomenfuß-Buches auf einmal. Eine Minute nach der anderen schleppte sich vorüber, und Owen war so frustriert, dass er sich nicht einmal zum Tagträumen aufraffen konnte. Stattdessen schaute er immer wieder zu Bethany, die Mr Barberry größere Aufmerksamkeit widmete als jemals irgendwer zuvor seit Anbeginn der Welt.

Endlich läutete es zur Mittagspause. Owen musste sich gewaltig zusammenreißen, um die restliche Klasse zuerst hinausgehen zu lassen. Bethany schien ebenfalls zu warten, aber als sie sah, dass er sich nicht bewegte, sprang sie auf und lief hinaus. Sie reagierte auch nicht, als er ihren Namen rief.

Owen wartete einen Moment und richtete sich noch einmal auf, bevor er ihr aus der Klasse in Richtung Mensa folgte. Bethany setzte sich mit ihrer Lunchbox allein an einen Tisch, und er setzte sich ihr gegenüber, total proviantlos.

»Hallo«, sagte er mit breitem Grinsen.

Sie seufzte so laut, dass er es auch ganz bestimmt hörte, und sah ihn wütend an. »Was?«

»Was liest du da?«, fragte er und zeigte auf das Buch neben ihrem Tablett.

Owen hatte seine Frage noch gar nicht beendet, da hatte sie das Buch bereits umgedreht. »Geht dich nichts an.«

»Taugt es denn was?«

Sie knurrte genervt. »Owen. Sag einfach, was du willst.« Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Willst du mich erpressen oder so was? Mich der Büchereipolizei ausliefern? Falls ich nicht mit dir in ein Buch springe und dir eine Zeitmaschine stehle?«

Das haute ihn um. »Erpressen? Eine Zeitmaschine? Wo würdest du die denn hernehmen?«

»Aus Die Zeitmaschine. Wie der Titel des Buches so halbwegs verrät«, sagte sie wütend.

»Ach, richtig!«, sagte er. »Eigentlich bin ich aber hier, weil ich dachte, ich hätte mir alles vielleicht nur eingebildet. Aber wenn du sagst, dass es passiert ist, geht’s mir gleich viel besser.« Er grinste wieder.

Sie starrte ihn mit offenem Mund an, dann verdrehte sie die Augen. »Das hab ich nun davon, überhaupt mit dir zu reden.«

»Wie funktioniert das also?«, flüsterte Owen. Mit einem Blick über die Schulter überzeugte er sich, dass niemand sie beobachtete oder zuhörte.

»Wie funktioniert was?«, fragte Bethany, die offenbar keine Lust auf dieses ganze Gespräch hatte.

»Dass du … was immer du da machst. Wenn du im Wunderland mit den Fingern herumfuchtelst? Und uns in Krieg der Welten bringst?«

Sie schaute sich um. »Könnten wir bitte nicht darüber reden, hier mitten in der Mensa? Alle glotzen uns an.«

Owen sah in die Richtung, in die sie genickt hatte, konnte aber keine Zuschauer entdecken. Er drehte sich zu ihr um und begriff, dass sie sich aus dem Staub machen wollte. »Netter Versuch!«, sagte er und stand ebenfalls auf. »Wir können woanders hingehen, aber du rennst jetzt nicht in ein Buch oder so. Nicht ohne mich!«

»Ist das eine Drohung?«, fragte sie verächtlich und mit kaltem Blick.

»Nein?«, fragte er verunsichert, woraufhin sein Lächeln verblasste. »Ich wollte nur … Du hast doch keine Ahnung, wie großartig das ist. Ich habe gewusst, dass es da draußen noch mehr gibt. Das Leben kann schließlich nicht nur aus Zahnseide und Gemüse und Textaufgaben bestehen. Das kann nicht alles sein. Tief in uns drin wissen wir doch alle, dass es mehr geben muss. Und dass Bücher wirklich sind? Zu wissen, dass meine Lieblingshelden tatsächlich existieren? So macht alles viel mehr Sinn!«

Bethany sah ihn einen Moment fassungslos an, danach schüttelte sie den Kopf. »Ich bin echt bescheuert, dass ich überhaupt mit dir rede. Aber wenn ich dir davon erzähle, versprichst du mir dann, es keiner Menschenseele zu verraten?«

Owen zeichnete sich in Herzhöhe ein Kreuz auf seine Brust, woraufhin Bethany erneut mit den Augen rollte. »Nicht gut genug?«, fragte er. »Wie wäre es mit: ›Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut … ‹«

»Komm mir ja nicht mit der Karte des Rumtreibers«, sagte sie. »Wir reden heute Abend in der Bücherei. Bis dahin, sprich mich nicht an, sieh mich nicht an, hab einfach keine Ahnung von meiner Existenz. Und jetzt lass mich in Ruhe.«

Owen strahlte und stand auf, um sich etwas zu essen zu holen. Eigentlich hatte er vor lauter Aufregung gar keinen Hunger, aber wer wusste schon, für was er seine Kraft noch brauchen würde.

Es musste Drachen geben, egal in welche Geschichte sie an diesem Abend eintauchten. Und Magie. Und Raumschiffe sowie Aliens, die nicht gegen menschlichen Schnupfen allergisch waren, und fliegende Eichhörnchen und Vulkane und vermutlich Superspione, und so viel mehr, das er sich im Moment gar nicht vorstellen konnte.

Die ganze Zeit über hatten seine Lieblingsbücher nicht gelogen. Man musste nur lange genug warten, genug langweilige Stunden mit Bruchrechnung überstehen, genug Hausaufgaben und böse Stiefmütter überleben, und am Ende würde man etwas finden … etwas Besseres. Eine gute Fee, einen sterbenden Außerirdischen mit einem machtvollen Ring oder eine Tür in eine magische Welt.

Und Owens Tür war ein Mädchen namens Bethany.

Der restliche Tag verschwamm vor Owens Augen, vor allem weil er gar nicht erst versuchte, sich zu konzentrieren. Stattdessen ging er in Gedanken seine Lieblingsbücher durch und überlegte, welches sie zuerst betreten sollten.

Natürlich stand Harry Potter ganz oben auf der Liste. Es musste ja nicht gleich Hogwarts sein, vielleicht aber ganz kurz zu Ollivanders, um einen Zauberstab zu kaufen. Das wäre genial. Danach Diebe im Olymp. Und Das Graveyard Buch und einen Abstecher in Fabelheim und …

Und dann blieb Owen stehen, mitten auf dem Bürgersteig, als er von der Bushaltestelle nach Hause ging. Was dachte er sich eigentlich? Worüber redete die ganze Schule? Den siebten Kiel-Gnomenfuß-Band, der in der nächsten Woche erscheinen würde. Und warum? Weil alle wissen wollten, ob der Magister noch lebte, und wenn nicht, wie Kiel sich an Dr. Verity rächte.

Aber was, wenn … wenn irgendjemand den Magister vor Dr. Verity rettete? Was, wenn Bethany Owen an der Stelle ins Buch brachte, wo Dr. Verity angriff, und wenn Owen ihn aufhielt?

Er würde ein Held sein. Ein Held in einem Buch. Ein Held in einem Buch, das alle lasen!

Owens Kinn klappte herunter, und in seiner Brust explodierte ein Ball aus purer Freude. Das wäre total abgefahren. Besser als Dumbledore zu retten, da Dumbledore ja als Geist oder so zurückkam. Der Magister war nach Kiel so ungefähr die Lieblingsfigur von jedem. Das könnte sogar das Ende der Reihe ändern.

Das war es. Keine touristische Autogrammkiste. Owen war ganz bestimmt genau zu diesem Zweck aus seiner langweiligen Welt herausgerissen worden. Es sollte einfach sein. Schicksal oder so. Er war auserwählt worden, und es war an der Zeit, den größten Zauberer aller Zeiten zu retten, den Magister.

Und dazu brauchte Owen nur Bethany zu überreden, ihn dorthin zu bringen.

KAPITEL 4

Bethany stand vor den Schiebetüren zur Bibliothek und beobachtete Owen, der an der Bücherausgabe saß. Er tat eigentlich nichts, er starrte nur vor sich hin, wie immer in der Schule. Tagträumer!

Wann hatte sie zuletzt einen Tagtraum gehabt? Bethany wusste es schon gar nicht mehr. Warum sich im Kopf eine Welt vorstellen, wenn man einfach in einem Buch eine andere besuchen konnte?

Natürlich musste sie dazu das Buch erst einmal ins Haus schmuggeln, um sicherzugehen, dass sie nicht von ihrer Mutter erwischt wurde, die ihr streng verboten hatte, je wieder in ein Buch zu springen. Und sie musste das Buch die ganze Zeit vor ihrer Mutter verstecken und mit dem Hineinspringen warten, bis absolut keine Gefahr bestand, dass ihre Mutter etwas merkte.

Bethany seufzte und presste ihr Gesicht gegen das Fenster der Bücherei. Vielleicht war Tagträumen ja doch besser?

Es würde schlimm werden, mit Owen über … alles zu reden. Über das Wie, und schlimmer noch, über das Warum. Aber sie konnte ihm auch nicht aus dem Weg gehen, da er doch in der Bücherei arbeitete. Weil sie kein Geld hatte, blieb ihr nur die Bücherei, um an weitere Bücher zu kommen. Und ohne neue Bücher würde sie niemals finden, wonach sie suchte.

Wieder seufzte sie. Entweder hörte sie auf, heimlich Bücher mitzunehmen, und gab ihre Suche auf, oder sie missachtete weiterhin das Verbot ihrer Mutter und hatte ein wahnsinnig schlechtes Gewissen. Das wahnsinnig schlechte Gewissen würde sich wenigstens irgendwann legen.

Das musste es doch, oder?

Die ganze Sache war blöd. Sie würde Owen einfach so viel erzählen, bis seine Neugier befriedigt war, dann würde sie ihn bestechen, damit er sie in Ruhe ließ. Sie schob die Hand in die Tasche, um sich davon zu überzeugen, dass der Immerwährende Dauerlutscher, den sie aus Willy Wonkas Fabrik mitgenommen hatte, noch dort lag. Süßigkeiten, die niemals ihren Geschmack verloren oder kleiner wurden, egal wie lange man an ihnen herumlutschte? Das musste doch eine gute Methode sein, um jemanden zu überreden, den Mund zu halten.

Einen Moment lang sah sie zu, wie Owen Leute anlächelte, die sich Bücher ausliehen, und ihr wurde ein bisschen schlecht. Nicht viele Leute hatten bisher Schlange gestanden, um mit ihr befreundet zu sein, nicht seit ihrem Geburtstagsfest vor vielen Jahren. Nach der Feier hatte ihre Mutter sie nicht mehr aus dem Haus gelassen, ohne sie genau im Auge zu behalten. Sie hatte Bethany sogar für die nächsten Jahre aus der Schule genommen. Und nun war hier Owen, jemand, mit dem man Spaß haben könnte, der vielleicht sogar mit ihr kommen würde, wenn sie Bücher durchsuchte. Doch stattdessen wollte sie ihn bestechen, damit er wegblieb. Spitze.

Uäh. Warum konnte sie nicht einfach jetzt in einem Buch sein und sich das alles hier ersparen?

Bethany holte tief Luft und ging durch die Schiebetüren, dabei sah sie Owen an und nickte in Richtung der computerlosen Tische ganz hinten in der Bücherei, an denen nie jemand saß. Er grinste ihr zu und zwinkerte dann viel zu offensichtlich. Fast hätte sie kehrtgemacht, egal wie viel er wusste. Sie ging aber dennoch weiter auf die Tische zu, ließ ihre Tasche auf einen Stuhl fallen und setzte sich hin, um auf ihn zu warten.

Weniger als eine Minute später glitt Owen auf den Stuhl ihr gegenüber. »Meine Mom kümmert sich um die Bücherausgabe. Ich habe ihr gesagt, wir machen zusammen Hausaufgaben.« Er grinste. »Einen Aufsatz über Bücher. Du weißt schon, weil …«

»Schon verstanden«, sagte Bethany. »Du belügst deine Mutter also einfach? Alles kein Problem?« Ihr eigenes schlechtes Gewissen bereitete Bethany Magenschmerzen, trotzdem fand sie, Owen hätte mehr Grund für Schuldgefühle.

Owen ließ sich auf seinem Stuhl zurücksinken, und sein Gesicht wurde rot. »Na ja, eigentlich tu ich das nicht, aber ich habe doch versprochen, niemandem etwas zu sagen, und da musste ich mir eine Ausrede ausdenken …«

»Ja, von mir aus«, sagte Bethany abweisend, während sie versuchte, nicht daran zu denken, dass er es ihretwegen getan hatte, weshalb auch sie ein wenig schuld an dieser Lüge war. »Hör zu. Ich hab dir was mitgebracht.« Sie griff in die Tasche und zog den Lutscher heraus.

Owen machte große Augen und nahm die Köstlichkeit fast ehrfürchtig in die Hände. »Ist das … ist das ein echter Wonka?«, flüsterte er. »Wow.«

»Genau. Und er gehört dir. Du musst nur versprechen, mich in Ruhe zu lassen und niemandem je zu erzählen, was du gestern Abend gesehen hast.«

Er machte noch größere Augen und hob den Lutscher hoch, um ihn sich genauer anzusehen. Dann gab er ihn ihr zurück. »Behalte du ihn«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Es gibt zu viele Bücher, die ich lieber besuchen würde.«

Bethany kniff die Augen zusammen und schob ihm den Lutscher wieder zu. »Du hast keine Wahl. Entweder nimmst du den Lutscher und lässt mich in Ruhe, oder du nimmst den Lutscher nicht und lässt mich in Ruhe.«

Er nahm den Lutscher wieder, legte ihn aber auf die Seite. »Wir können gleich darüber reden. Ich will erst wissen, wie du das alles machst.«

Bethany schaute sich um, um sich davon zu überzeugen, dass ihnen niemand zuhörte. »Mein … mein Vater. Der ist, äh, aus einem Buch. Du weißt schon, eine Figur aus einem Buch.« Sie schluckte hart, weil sie wusste, was jetzt kommen würde.

Owen sah sie verwirrt an. »Entschuldige, er ist … was?«

»Mein Vater ist eine Fantasiegestalt!«, sagte sie und wurde immer wütender, obwohl das eigentlich nicht fair war. Sie hatte Owen gegenüber ja nicht behauptet, ihr Vater sei aus Schweden oder so. Das hier war nichts, womit die meisten Menschen in ihrem Alltag zu tun hatten, deshalb musste sie ihm vielleicht ein paar Zugeständnisse machen.

Aber warum sollte sie Owen gegenüber fair sein? Wieso ging ihn das überhaupt etwas an?

»Was?«, fragte Owen noch einmal, weiterhin verwirrt.

»Meine Mutter hat Bücher über meinen Vater gelesen, und auf irgendeine Weise hat mein Vater einen Weg aus diesen Büchern gefunden, und sie haben sich verliebt.« Bethany fauchte, ihre Wut wuchs mit jedem Wort, das Owen sagte. »Verstehst du, ich rede überhaupt nicht gern darüber …«

»Wie kann eine Fantasiegestalt einfach … herauskommen?«, fragte Owen.

»Das weiß ich nicht!«, sagte Bethany. Inzwischen war sie wütend auf sich selbst, weil sie sich von Owen derart nerven ließ. »Vielleicht könnte ich ihn fragen, wenn er in der Nähe wäre. Aber das ist er nicht, klar? Sind wir jetzt fertig?«

»Wo ist er denn hin? Zurück in sein Buch?«

»Wo er hin ist?«, wiederholte Bethany, und ihre Stimme wurde lauter. »Zum Fest an meinem vierten Geburtstag hat meine Mom allen gesagt, sie dürften mir kein Buch schenken. Die Eltern meiner Freunde fanden das seltsam, aber sie haben sich daran gehalten. Mit einer Ausnahme. Als meine Mom im Nebenzimmer war, packte ich ein Geschenk aus, und darin waren Grimms Märchen. Ich wusste nicht, was ich tat, und ich zog mich, alle anderen Kinder und meinen Vater in das Buch.« Sie verstummte für einen Moment und schluckte. »Auf irgendeine Weise konnte ich mich und die anderen Kinder wieder rausholen«, sagte sie und wurde leiser. »Sie hielten das alle für einen witzigen magischen Partytrick. Aber mein Dad … Ich weiß nicht, was passiert ist, er blieb zurück. Nur ist er nicht in dem Buch, nicht mehr. Und ich habe einfach keine Ahnung, wo er sein kann.«

»Könnte er das Buch nicht einfach verlassen?«, fragte Owen. »So wie beim ersten Mal?«

Warum erzählte sie Owen das alles? »Vielleicht. Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er es versucht und das Buch auf der Suche nach einem anderen Ausweg verlassen. Vielleicht … vielleicht konnte er es nicht verlassen, weil irgendetwas in der Geschichte ihn verletzt hatte. Oder vielleicht hat er einfach gedacht, warum soll ich in die wirkliche Welt zurückkehren, wo die Welt der Fantasie doch so viel besser ist?« Sie wandte sich ab und fuhr sich mit den Handrücken über die Augen. »Ich suche ihn überall«, sagte sie und starrte den Tisch an. »Seit mein Dad verschwunden ist, will meine Mom mich nicht mehr in Bücher springen lassen, ohne Ausnahme. Viele Jahre lang wollte sie mich nicht einmal ganz normal ein Buch lesen lassen, ohne mir dabei zuzusehen, auch kein Schulbuch. Und was soll ich wohl damit machen, in eine Textaufgabe tauchen? Sobald sie mir wieder vertraute, ging ich in die Bücherei und hab zuerst dieses Märchenbuch untersucht. Ich habe es zerfetzt, durch und durch, aber er war nicht dort. War einfach nicht drinnen! Ich versuche es noch immer, bringe jeden Abend neue Bücher mit nach Hause, verstecke sie vor meiner Mom, aber es gibt so viele Bücher auf der Welt. Wie soll man die denn alle durchsehen?«

Owen hob die Hände, und ihr ging auf, dass er sie zu beruhigen versuchte. Sie schaute über seine Schulter, wo sich mehrere Bibliotheksbesucher versammelt hatten, um herauszufinden, weshalb die kleine Verrückte in der Ecke so herumschrie. Sie machte große Augen und knirschte in dem Versuch, nicht auf irgendetwas einzuschlagen, mit den Zähnen. »Ich weiß überhaupt nicht, warum ich dir das erzähle«, fauchte sie. »Du bist doch bloß eine Nervensäge, die mich nicht in Ruhe lässt. Willst du den Lutscher jetzt oder nicht?«

Er starrte den Lutscher noch einmal an, als sei der aus Gold. Dann schob er ihn zu Bethany zurück. »Nein. Aber wenn du wirklich nie wieder von mir hören willst, mache ich dir einen anderen Vorschlag.«

Darum ging es also. Sie hätte es wissen müssen. »Du willst also wirklich eine Zeitmaschine?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich will nichts aus einem Buch. Ich will nur, dass du mich in eins reinbringst. Fünf Minuten, rein und raus, mehr verlange ich gar nicht.«

Bethany ächzte. Natürlich wollte er das. Er wollte Percy Jackson treffen oder Ron Weasly oder diesen Harry-Potter-Abklatsch Kiel Riesenzeh. Und wenn sie nicht tat, was er verlangte, würde er es ihrer Mutter sagen, und damit wäre sie geliefert. Wirklich toll, sich mit jemandem anzufreunden. »Und welches Buch ist das?«

Er zog ein Buch aus seinem Rucksack. »Kiel Gnomenfuß und das Ende von allem.« Klar, Kiel Riesenzeh.

»Und wieso, willst du ein Autogramm?«, fragte sie und gab sich alle Mühe, ruhig zu sprechen. »Willst du ihn anhimmeln wie einen Promi? Das wäre doch einfach perfekt, Owen. Er hat ja keine Ahnung, dass irgendwer auch nur weiß, wer er ist, aber klar, sicher, erzähl ihm ruhig, wie sehr du seine Gnomenfüße liebst, oder was auch immer, und dass Das Ende von allem der tollste Titel ist, den du je gehört hast. Weißt du, wie blöd diese Idee ist? Du würdest die ganze Geschichte ändern. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was dann passieren würde?«

Owens Augen leuchteten auf wie Weihnachtskerzen. »Nein?«, fragte er.

»Ich auch nicht«, flüsterte sie. »Vielleicht geht es gar nicht. Ich weiß es eben nicht, ich bin schließlich zu klug, um so was zu probieren. Das Letzte, was ich brauche, ist, dass mein Name in einem Buch auftaucht, als ob ich eine Figur daraus wäre, und wo die ganze Welt das sehen kann. Meinst du, niemand würde es bemerken, wenn plötzlich in Frankenstein eine Bethany Sanderson auftauchte? Und was, wenn ich die Geschichte in einem Buch ändere, und dann noch in einem so beliebten wie Kiel-Nichtsda-Finger? So was fällt doch in Sekundenschnelle auf! Ich kriege Albträume, allein wenn ich daran denke, was passieren könnte.«

Owen wollte etwas sagen, überlegte sich die Sache aber anders und schlug das Buch auf. »Ich will Kiel nicht treffen«, sagte er endlich. »Er kommt in diesem Kapitel nicht mal vor. Ich wollte nur … sein Lehrer, der Magister, hat so ein Zauberbuch, und …«

»Magie?«, brüllte Bethany fast, daraufhin wurde sie ganz schnell wieder leise, als alle herumfuhren und sie anblickten. »Das soll ja wohl ein Witz sein! Du willst Magie lernen? Hast du gehört, was ich eben über Albträume gesagt habe? Das wäre so ungefähr zehnmal schlimmer.«

»Es gibt einen Zauberspruch«, sagte Owen darauf. »Kiel hat ihn schon mal benutzt. Er hilft, Sachen zu finden.« Er unterbrach sich und schien nachzudenken. »Ich wusste das mit deinem Vater doch nicht. Aber jetzt, wo ich es weiß … da gibt es in dem Buch einen Zauberspruch, der ihn für dich finden könnte. Du lernst den Spruch und wendest ihn hier an, oder wie immer das funktioniert. Und der Zauberspruch macht ihn ausfindig.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich dachte bloß, das könnte dir helfen. Und wenn du danach immer noch willst, dass ich alles vergesse und dass ich dich nie kennengelernt habe, dann ist das deine Entscheidung.«

Bethany starrte ihn mit offenem Mund an. Er wollte ihr helfen? »Nein. Nein! Das wäre viel zu gefährlich. Es tut mir leid, das ist wirklich … nett von dir. Aber nein.« Sie stand auf und drehte sich zum Gehen um, dann hielt sie inne und schob ihm den Lutscher zu, ehe sie die Bücherei verließ.