Herstellung und Verlag
BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN
9783743160576
© 2017 Michael Weischede
Das Werk einschließlich aller seiner Teile
ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte bleiben vorbehalten.
Bibliografische Information der Deutschen
Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
www.dnb.de abrufbar.
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die gekürzte und überarbeitete Fassung meiner Magisterarbeit „Sombart und North – Methodenfragen der Wirtschaftsgeschichtsschreibung zwischen neuer und alter Wirtschaftsgeschichte“. Ihre Entstehung liegt nun fast zwanzig Jahre zurück und seitdem fristet sie ihr trauriges Dasein in der Schublade. Auch wenn es sich nur um eine Prüfungsarbeit handelt, empfinde ich das als einigermaßen bedauerlich, da mich ihre Fertigstellung viel Zeit und Mühe gekostet hat.
Darüber hinaus kann ich mir gut vorstellen, dass sich gerade heute, in wirtschaftlich turbulenten Zeiten, der eine oder andere wieder für dieses Thema interessiert. Ich denke dabei sowohl an (wirtschafts-)historisch affine Leser, die sich einen schnellen Überblick über die Theorien von Sombart und North verschaffen wollen, als auch an Studenten oder Doktoranden, die sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigen. Letztere beachten bitte, dass Prüfungsarbeiten nicht grundsätzlich als zitierfähig gelten. Bitte also in erster Linie das Literaturverzeichnis und die Literaturhinweise in den Fußnoten als Grundlage für die eigenen Arbeiten verwenden.
Inwieweit die Theorien von Sombart und North aktuell noch einen Beitrag zu den Methodenfragen der Wirtschaftsgeschichtsschreibung leisten können, mag ich nicht zu beurteilen, da ich die Diskussionen hierzu in den letzten 20 Jahren nicht weiter verfolgt habe – unsere Wege hatten sich damals unwiderruflich getrennt.
Wie bei theoretischen und methodischen Arbeiten zu erwarten, kommen ihre Werke an manchen Stellen zumal etwas „sperrig“ einher. Ich meine aber, dass Sombart und North etliche anregende Gedanken formuliert haben, die eine Auseinandersetzung mit ihren Texten in jedem Fall lohnend machen.
Dortmund im März 2017
Kurz vor der Jahrtausendwende haben die Herausgeber der Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eine umfassende Diskussion zum wissenschaftlichen Standort des Fachs Wirtschafts- und Sozialgeschichte angeregt. Fachvertreter der wirtschaftshistorischen Zunft äußerten hierbei ihre Befürchtungen, ob die Wirtschaftsgeschichte als institutionell verankertes Hochschulfach weiterhin Bestand haben wird. Zum einen sei es bedroht durch seine Entbehrlichkeit in den Augen der Ökonomen, zum anderen durch die Begehrlichkeit der Historiker nach knappen Stellen. Diese Bedrohung sei nicht durch die aktuelle Hochschulpolitik entstanden, sondern habe mit dem wissenschaftlichen Status des Faches zu tun – mit dem Nachweis einer eigenen Methode, welche unabhängig von den Nachbarwissenschaften eine eigene Definition ermögliche. Toni Pierenkemper kommt beispielsweise zu dem Schluss:
„Wer Wirtschafts- und Sozialgeschichte als bloße Geschichtswissenschaft oder historische Volkswirtschaftslehre betreiben will, macht das Fach überflüssig.“1
Diese Diskussion über Theorie und Empirie in der Wirtschaftsgeschichtsschreibung ist nicht neu. Auch die Deutsche Schule der Nationalökonomie beschäftigte sich bereits seit Mitte des letzten Jahrhunderts mit diesen Problemen. Der Beitrag von Werner Sombart hierzu, er gehörte zu den späteren Vertretern dieser Schule, wird in dieser Arbeit dargelegt. Der andere hier vorgestellte Vertreter des Faches ist Douglass C. North, der 1993 mit dem Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde. North gilt als Gründer der „New Economic History“, deren Einfluss in den 90ziger-Jahren in der angelsächsischen Fachwelt beherrschend war.2 Die vorliegende Arbeit will die Theorien dieser beiden Autoren im Hinblick auf die oben angesprochenen Probleme in den Methodenfragen der Wirtschaftsgeschichtswissenschaft untersuchen und vergleichen.
Nach einem kurzen Überblick über die institutionellen Ansätze in der Wirtschaftsgeschichte fasst diese Arbeit die wesentlichen Gesichtspunkte ihrer Werke, ihre Positionen zu bestimmten Problembereichen und die Kritiken ihrer Fachkollegen zusammen. Nach kurzen Zwischenergebnissen folgt ein Vergleich der beiden Arbeiten unter theoretischen Gesichtspunkten. In der Schlussbemerkung wird noch einmal ausführlicher auf die Probleme der Theoriebildung in der Wirtschaftsgeschichtswissenschaft eingegangen.
1Pierenkemper 1995b, S. 399.
2Buchheim 1995, S. 390-391.
Der amerikanische Institutionalismus wurde von der Jüngeren Deutschen Historischen Schule der Nationalökonomie beeinflusst und steht mit ihr in einem engen Zusammenhang.3 In beiden Theorien bilden die Entstehung und der Wandel von Institutionen den Mittelpunkt der Analyse.4 North und andere Vertreter der Neuen Institutionen Ökonomie greifen in ihren Theorien den Institutionalismus auf 5und versuchen zudem, die institutionellen Sets einer Gesellschaft unter Einbeziehung der durch sie verursachten Zahlungsströme und den damit verbundenen Handlungsimpulsen bedingt rational handelnder Menschen zu analysieren. Die institutionelle Struktur mit den niedrigsten (Transaktions-)Kosten ist aus ihrer Sicht wirtschaftlich am effektivsten.6
Allerdings bleibt die Neue Institutionen Ökonomie auch weiterhin auf der axiomatischen Linie der neo-klassischen Theorie, das heißt, sie will insbesondere nicht auf die ihr innewohnenden rationalen Verhaltensannahmen verzichten.7 Es geht ihr vielmehr um eine Erweiterung der neoklassischen Theorie,8 um so die Institutionen einer Gesellschaft und deren Anteil an der gesamten Wirtschaft erklären zu können.9
Die Beibehaltung der rationalen Handlungsmotivation der Individuen führte dazu, dass sich einige Vertreter des „alten“ Institutionalismus durch die Vereinnahmung durch die Neue Institutionen Ökonomie missverstanden fühlten, da die Kritik an der grundlegenden Prämisse der Neoklassik für den Institutionalismus ja gerade konstitutiv gewesen ist.10
William. M. Dugger hat deshalb sechs Aussagen aufgestellt, welche seines Erachtens allen Spielarten des Institutionalismus gemeinsam sind:
Es sei aber erwiesen, dass die Neue Institutionen Ökonomie, zum Beispiel in der von Williamson vertretenen Richtung, in keinem dieser Punkte mit der Theorie des Institutionalismus übereinstimmt.11
Trotz des für beide Theorien entscheidenden institutionellen Ansatzes, muss deshalb meiner Ansicht nach genau zwischen den Theorien unterschieden werden. Zumal Norbert Reuter12 zeigt, dass auch der „alte“ Institutionalismus durchaus noch aktuell ist.
Bei dem Vergleich der Theorien von Sombart13 und North sollte man also beachten, dass sich in dieser Einfachheit keine erkenntnistheoretische Entwicklungslinie von der Historischen Schule über den „alten“ amerikanischen Institutionalismus zur Neuen Institutionen Ökonomie ziehen lässt. Daran ändern auch die Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Hervorhebung der Bedeutung der Institutionen einer Gesellschaft nichts.14
3Taubner 1948, S. 125; Feldmann 1995, S. 27; Meiners/Nardinelli 1988, S. 545; Coase 1984, S. 229-231; Veblen, der bekannteste Vertreter des amerikanischen Institutionalismus, hat zum Beispiel auch Sombart rezensiert. Veblen 1902/03, S. 300-305; dagegen: Reuter 1996, S. 67-68. Er begründet das mit den unterschiedlichen ethischen Ansprüchen der Theorien und bezieht sich dabei im Hinblick auf die Deutsche Schule der Nationalökonomie auf die Arbeiten von W. Roscher.
4Der größte Unterschied zwischen den Institutionalisten und Sombart besteht nach Michael Appel darin, dass Sombart die verstehende Methode, die Institutionalisten die naturwissenschaftliche Methode anwenden. Appel 1992, S. 194.
5Ohne dabei aber explizit auf die Deutsche Historische Schule Bezug zu nehmen. Plumpe 1997, S. 6.
6Plumpe 1997, S. 5.
7Williamson 1990, S. 324.
8Terberger 1994, S. 235-244.
9Coase 1984, S. 229-231.
10Reuter 1996, S. 32-33; Schmoller und Sombart lehnten die neo-klassischen Axiome ebenfalls ab. Betz 1993, S. 224.
11Dugger 1990, S. 424-428.
12Reuter 1996.
13Sombart wird in der Literatur zum Teil ebenfalls als Institutionalist bezeichnet. Priddat 1996, S. 293.
14Trotzdem sei es aber sinnvoll, die umfangreichen Ergebnisse der Sombartschen Untersuchungen, gerade auch im Hinblick auf die Neue Institutionen Ökonomie auszuwerten. Seine Ergebnisse könnten dann mit den Ergebnissen der Neuen Institutionen Ökonomie kontrolliert werden. Backhaus 1989b, S. 611.
Im Oktober 1993 verlieh die königlich schwedische Akademie der Wissenschaften den Wirtschaftsnobelpreis an die beiden amerikanischen Wirtschaftshistoriker Robert William Fogel und Douglass Cecil North15 für ihre Arbeiten in dem Bereich der Neuen Institutionen Ökonomie. Sie traten damit die Nachfolge einer Reihe anderer bekannter Wirtschaftsnobelpreisträger an. Zu nennen wären hier Milton Friedman, John Hicks, W. A. Lewis oder Theodore Schultz, welche sich nicht nur mit der Wirtschaftswissenschaft, sondern auch mit der Geschichte auseinandergesetzt haben.16
Robert W. Fogel gehört seit den sechziger Jahren zu den Vorreitern einer ökonometrischen Konzeption der Wirtschaftsgeschichte. Er möchte auf diese Weise die amerikanische Wirtschaftsgeschichte auf einer gefestigten quantitativen Basis rekonstruieren und zudem eine Wiedervereinigung von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte in die Wege leiten. Seit den siebziger Jahren bemühte er sich dann zunehmend, auch die institutionellen Determinanten der Interaktion wirtschaftlicher, politischer und sozialer Faktoren zu erforschen. Letztlich ging es Fogel darum, auf der Basis wissenschaftlicher Methoden eine eigene Wirtschaftsgeschichte zu konstruieren.17
Douglass C. North ist der Hauptvertreter der sogenannten „New Economic History“18 und ein Repräsentant der Neuen Institutionen Ökonomie,19 deren analytische Stärke gerade durch ihn bewiesen werde.20 Die Verleihung des Nobelpreises an North,21 darauf sei schon an dieser Stelle hingewiesen, bedeutet deshalb nicht eine Aufwertung des Faches Wirtschaftsgeschichte, sondern eben nur die Aufwertung der „New Economic History“, welche im Zusammenhang mit der neo-klassischen ökonomischen Theorie steht und sich in der angelsächsischen Welt als herrschendes Paradigma weitgehend durchgesetzt hat.22
Als Plattform der Ideen der „New Economic History“ dienen seit den sechziger Jahren das Journal of Economic History und die Exploration in Economic History; in den achtziger Jahren kam das Journal of Institutional and Theoretical Economics (vormals Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft) hinzu. Außerdem entstand mit dem Cliometric Meeting eine regelmäßige jährliche Veranstaltung, die den Vertretern ihres Faches die Möglichkeit des Austausches bietet.23
Am Anfang seiner wissenschaftlichen Arbeit befasste sich North zunächst mit konkreten historischen Ereignissen, wie das zum Beispiel in seinen Arbeiten über Growth and Welfare in the American Past,24 The Growth of the American Economy to 186025 oder Sources of Productivity Change in Ocean Shipping 1600-180026 deutlich wird.
Mit Institutional Change and American Economic Growth (zusammen mit L. E. Davis),27 The Rise of the Western World. A New Economic History (zusammen mit R. P. Thomas),28 besonders aber mit dem 1988 (zuerst englisch 1981) erschienenen Buch Theorie des institutionellen Wandels29 versuchte North dann, eine allgemeine Wirtschaftsgeschichtstheorie aufzustellen.30 Seit dieser Zeit betreibt North „auch weiterhin wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen, jedoch auf der Grundlage einer ökonomischen Theorie der Geschichte, die in seinem Verständnis nur als eine Theorie des beobachtbaren institutionellen Wandels konzipiert werden könne.“ Wirtschaftsgeschichte wird dabei zum Teil nur noch illustrativ verwendet.31
„Vom Standpunkt des Wirtschaftshistorikers scheint [die] neoklassische Formulierung allen interessanten Fragen auszuweichen. Sie hat es mit einer reibungslosen Welt zu tun, in der es keine Institutionen gibt und in der jede Veränderung auf einem vollkommen funktionierenden Markt vor sich geht. Kurz gesagt, es gibt keine Informationskosten, keine Unsicherheit und keine Transaktionskosten. Gerade durch diese Einschränkungen aber deckt das neoklassische Modell die zugrundeliegenden Annahmen auf, die wir untersuchen müssen, wenn wir eine brauchbare Theorie von Struktur und Wandel aufstellen wollen.“ 32
Im Zuge der Neuen Institutionen Ökonomie versucht North die neoklassische Theorie zu erweitern. Dabei stehen für ihn insbesondere die folgenden fünf Punkte in der Kritik:
Diese Annahmen sind seiner Meinung nach nicht zutreffend. Wolle man die neo-klassische Theorie nicht völlig verwerfen, müsse eine Theorie der Institutionen deshalb zusätzlich eine Theorie der Eigentumsrechte, eine Theorie des Staates und eine Theorie der Ideologie umfassen.33
Wie bereits in einem vorherigen Kapitel angesprochen, richtet North seine Kritik unter anderem auf das neo-klassische Modell der rationalen Wahlhandlung. In der neo-klassischen Theorie sind alle relevanten Informationen für jeden wirtschaftlich handelnden Akteur jederzeit erreichbar. Das bildet die Basis für effizientes34 Handeln. Anfänglich fehlerhaftes, also nicht-effizientes Verhalten werde durch Informationsrückkopplung korrigiert und fortdauerndes fehlerhaftes Verhalten bestraft. Die übrigbleibenden Akteure, alle mit den notwendigen kognitiven Fähigkeiten ausgestattet, würden zu den richtigen Modellen geleitet.
North ist dagegen der Meinung, dass die Informationsdichte, welche allen Akteuren als Ausgangsbasis zur Verfügung steht, jeweils unterschiedlich ist. Die Informationsrückkopplung genüge nicht, um dieses Ungleichgewicht aufzuheben.35 Entgegen der neo-klassischen Modellannahmen hätten Menschen individuelle Modelle der Wirklichkeit und unterschiedliche rechnerische Fähigkeiten, um die erlangten Informationen zu verarbeiten. In bestimmten Situationen könne ein wirtschaftlich handelnder Akteur deshalb selbst dann nicht effizient handeln, wenn er es wollte.36 Zudem bemängelt North, dass die von der neo-klassischen Theorie verwendete Annahme der stabilen menschlichen Präferenzen empirisch nicht nachweisbar ist.37
Trotzdem möchte North das neo-klassische Modell nicht komplett verwerfen. In spezifischen Situationen, wo die oben angesprochenen Bedingungen im hohen Maße erfüllt sind, ließe sich die Theorie der rationalen Wahlhandlung sehr wohl erfolgreich anwenden.38 Zudem vertritt North die Ansicht, dass Individuen ihren Nutzen grundsätzlich maximieren wollen, wenn sie nicht durch externe Beschränkungen daran gehindert werden.39 Der wahlhandlungstheoretische Ansatz der neo-klassischen Theorie sei zu seinem Ansatz also komplementär.40 Es müsse nur zusätzlich eine Theorie der Institutionen verfolgt werden, da der institutionelle Rahmen einer Gesellschaft die individuellen Wahlmöglichkeiten des Einzelnen beschränke.41
Indem er die möglichen menschlichen Verhaltensweisen auf eine „anthropologische Konstante“ des beschränkt nutzenmaximierenden Individuums einengt, nimmt sich North einen Teil seiner erkenntnistheoretischen Möglichkeiten und muss sich folgerichtig derselben Kritik aussetzen wie bereits zuvor die Vertreter der neo-klassischen Theorie.42
Für North bilden Institutionen die Spielregeln einer Gesellschaft, welche Anreize zum politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Wandel schaffen. Der Wahlbereich des Einzelnen sei durch sie definiert und legitimiert. Ihr Hauptzweck bestehe darin, „durch die Schaffung einer stabilen Ordnung die Unsicherheit menschlicher Interaktion zu vermindern“.43
North versteht Institutionen im weitesten Sinne und unterscheidet sie in formlose und formgebundene institutionelle Beschränkungen44. Formlose Beschränkungen wie Verhaltenskodizes, Sitten, Gebräuche und Konventionen seien neben den formgebundenen Regeln für unser Verhalten bestimmend. Trotz gleicher formgebundener Regeln könne man sehr oft unterschiedliches Verhalten beobachten, und auch nach starken Veränderungen der formgebundenen Regeln wie zum Beispiel einer Revolution würden viele Teilerscheinungen einer Gesellschaft unverändert bleiben. Der Informationsfilter Kultur sorge dabei für die Überführung der ungebundenen Regeln von der Vergangenheit in die Gegenwart.45 Eingerichtet, um menschliche Interaktionen miteinander zu koordinieren, handele es sich bei formlosen Beschränkungen um:
4748