Über dieses Buch

Cover

Travis Hugh Culley ist pleite, sein Theaterprojekt war ein Flop, da stößt er auf eine Anzeige: »Fahrradkurier gesucht«. Es sollte der Beginn eines neuen Lebens werden. In seinem so authentischen wie rauschhaften Bericht lernt Culley, die Stadt neu zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken.

Travis Hugh Culley

Travis Hugh Culley wuchs in Miami auf. Nach Misserfolgen mit seinem eigenen Theater begann er Ende der Neunzigerjahre als Fahrradkurier in Chicago und in Philadelphia zu arbeiten. Die Erfahrungen, die er dabei sammelte, bildeten die Grundlage für sein erstes Buch Der Fahrradkurier.

Jürgen Bürger (*1954) studierte Volkswissenschaft, Politikwissenschaft und Geschichte. Er ist als literarischer Übersetzer u. a. von Larry Beinhart, Thomas Adcock, Jerry Oster und Jerome Charyn tätig.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Travis Hugh Culley

Der Fahrradkurier

Roman

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel The Immortal Class. Bike Messengers and the Cult of Human Power bei Villard Books, New York.

Originaltitel: The Immortal Class. Bike Messengers and the Cult of Human Power (2001)

© by Travis Hugh Culley 2001

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung:

ISBN 978-3-293-30742-1

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Version vom 03.08.2020, 00:27h

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Für meinen Großvater Bernard Fox, Gründer des Fox Firestone Bike Shop, New Smyrna Beach, Florida, 1956.

Halte dein Werkzeug stets griffbereit.

Einleitung

Um 5 Uhr 22 nachmittags sind meine Lider schwer wie Kanaldeckel. An der Ecke Washington und Clark lehne ich mich gegen einen Verkaufsautomaten von USA Today und denke: Was bildest du dir eigentlich ein, so anmaßend zu sein?

Ich stehe im Zentrum des sich stoßweise bewegenden Stroms selbstzerstörerischer Massen inmitten eines Strudels stürmischer technologischer und ökonomischer Entwicklungen. Man nennt diese Zeit Rushhour, und ich schlürfe Flüssiges aus einem Styroporbecher. Das Wasser gabs gratis, der Becher jedoch kostete fünfundzwanzig Cent.

Ein alter Mann ohne Beine, ein Veteran zahlreicher Kriege, sitzt in seinem Rollstuhl an einer Straßenecke in der Nähe. Er ist umgeben von selbst gemachten Schildern, die seinen Fall darstellen, während er den Kopf gesenkt hat und schläft. Liebend gern wäre ich in seinem Körper. Liebend gern würde ich die Gegenwart der tausenden vorbeigehenden Menschen spüren, die gelegentlich ein paar Centstücke in seine kleine Schachtel werfen. Liebend gern würde ich eine grenzenlose Brüderschaft wie diese in der traumgleichen Landschaft seines ruhigen Atems spüren. Auf eine bedrückende Art muss es aufregend sein, dermaßen der Welt ausgeliefert zu sein, denke ich, während die Münzen auf seinem Schoß leise klimpern.

Der Becher steht auf dem Metallkasten neben mir. Er ist immer noch zur Hälfte gefüllt mit dem dicken Wasser, aus dem mein Körper die Feuchtigkeit herausfiltern muss. Das Wasser im Becher vibriert leicht. Ich sehe das Kräuseln auf seiner metallisch schimmernden Oberfläche, kann die Vibration selbst aber nicht spüren. Vielleicht verursachen die Züge dieses Beben. Oder die startenden Flugzeuge vom O’Hare. Es könnte auch der Leder-Express sein, diese marschierende Kolonne von Halbschuhen und hohen Absätzen, die um mich herum auf den Bürgersteig eindreschen. Es könnten die siebzehn Millionen Autos sein, die jedes Jahr in diesem Land hergestellt werden, oder auch die Summe der Aufschlagswucht, wenn sie auf unseren Straßen zusammenprallen. Jedenfalls stört irgendetwas, das ich nicht sehen kann, dieses Stillleben und nimmt unbemerkt Einfluss. Die Menschen trappeln weiter im Rhythmus der Vibration wie magnetische Hockeyspieler auf einem Spielfeld aus Blech. Sie wackeln leicht auf der Stelle und kreisen am Spielfeldrand. Auch sie gehorchen einem verborgenen Mechanismus, den ich von der Oberfläche aus nicht erkennen kann.

Wie bei dem Wasser im Becher kann ich zwar die Bewegung erkennen, aber ich kann die Vektoren nicht definieren, die diese Fußgängerwellen beeinflussen, die über die Kreuzung Washington Street und Clark rollen und etwas weiter weg über die LaSalle, Wells, Franklin und Wacker. Ich bin zu nah dran, unter der Last der Skyline nicht einmal in der Lage, mir eine Welt vorzustellen, die ohne die unbeholfenen Werke des Menschen auskommt. Ich hänge hier fest, bin erstaunt und fasziniert, liebe und hasse diese Stadt, liebe und hasse die Menschheit und meine ungeheure Winzigkeit darin. Und doch kann ich nicht Abstand halten. Nein, ich bin viel zu nah dran. Manchmal bin ich nur einen Hauch davon entfernt, mich ganz in ihr zu verlieren, aufgesogen zu werden.

Und wer bin ich? Ich bin ein Fahrradkurier: ein Lakai, ein Tagelöhner, eine Rotznase, für die dieser Ort hier ihr Zuhause ist. Ich bin Teil dieser Maschine, und gleichzeitig bin ich ihr Beobachter. Meistens stecke ich mittendrin, bin kaum ein eigenständiges Ich, aber dann habe ich diese Geistesblitze und sehe Bilder, die sich zu einem größeren Ganzen zusammenfügen, bei dem es nicht um mich, sondern um die Stadt geht. Auch sie ist befangen, stellt die gleiche Frage. Ich höre ihre Unsicherheit in meinem Herzen aufsteigen, sodass die Nerven in meinen Händen zittern und das Wasser sich scheinbar grundlos kräuselt. Diese Frage nimmt von mir Besitz, überwältigt mich. Was ist dieses Wirbeln um mich herum, das mich wie Radiowellen durchdringt, das unter mir als U-Bahnen vorbeizieht, das sich in Fahrstühlen an mich heranschleicht und über meinem Kopf fliegt? Das Gesamtbild zu erfassen erscheint unmöglich. Die Klippen, die um mich herum aufragen, sind so hoch, dass mir schwindlig wird, wenn ich nur an sie denke. Und doch glaubt jemand, irgendwo, er oder sie könne für »USA today«, das heutige Amerika, sprechen. Was wissen die denn? Wie können die behaupten, dies alles zu verstehen, wenn nicht einmal ich es kann, hier, im Herzen von Amerika?

Wer bin ich? Die Frage ist schwierig, denn ich bin mit einem Virus infiziert. Ich bin unendlich in Pixel aufgerastert, in eine Sequenz von Postleitzahlen und Etagennummern, Lieferterminen und Straßennamen. Wer ich bin, ist eine zweigleisige Geschichte, eine Stadt und ein Mann.

Ich heiße Travis. Ich bin jetzt fünfundzwanzig und bestimmt nicht in der Lage zu verallgemeinern. Ich kann nur hoffen, dass mein Standpunkt vielleicht nützlich ist, indem ich hier einfach stehe, ein Drifter, ein Träumer, ein Kurier sowohl außerhalb wie innerhalb dieses Gipfels des Fortschritts. Mir fehlen die akademischen Titel altehrwürdiger Universitäten, um mich eine Autorität auf dem Gebiet der Stadtentwicklung nennen zu dürfen, aber ich habe so viel: Ich habe eine Frage, und ich habe die Stadt, der ich sie stellen kann, ich habe den Abdruck, den diese Arbeit in die Schwärze hinter meinen Augen geprägt und mir wie ein Brandmal in die Haut gebrannt hat. Wenn schon nichts anderes, so habe ich zumindest einen der besten Plätze des Hauses für das Schauspiel und das Unrecht, das diesen Ort so aufregend macht.

In meiner Kuriertasche befinden sich vier in ein Seitenfach geknüllte Dollarscheine, eine Fahrradpumpe, ein Ersatzschlauch und ein Taschentuch mit Paisleymuster. In der Hand halte ich einen billigen Kugelschreiber mit dem Werbeaufdruck einer Marketingfirma, deren Dienste ich nie in Anspruch nehmen werde. Mein rechtes Schienbein juckt wegen der Socke, die ich über eine Schnittwunde hochgezogen habe. Meine Zehen sind immer noch glitschig von dem Blut, das mir in den Schuh gelaufen ist. Eine solche Wunde wird erst nach Monaten richtig verheilt sein. In einer Welt wie dieser wird alles infiziert.

Manchmal frage ich mich, ob meine Sichtweise der Dinge berechtigt ist, andererseits aber, wer tut das nicht? So viele von uns verbringen ihre Tage damit, auf Bildschirme und Börsenticker zu starren. Wir genießen es zuzusehen, wie die kleinen Lichter im Fahrstuhl vom Keller bis zur 83. Etage wandern. Die computergenerierten Zukünfte der Meteorologen und der Morgenzeitungen machen uns Sorgen, und gleichzeitig fragen wir uns, was eigentlich aus der Wirklichkeit geworden ist. Wir fragen uns, ob nicht vielleicht die Öffentlichkeit nur ein Team von Auswechselspielern ist, die hinter den Kommentatoren stehen wie bei Baseballspielen. Wir fragen uns, ob wir auch eine eigene Stimme haben oder ob wir Meinungsumfragen brauchen, die für uns sprechen. Es ist ein wichtiges Thema – der Wert des menschlichen Blickwinkels –, stößt es doch auf so viele bizarre Illusionen.

An diesem Punkt komme ich ins Spiel, dort, wo die täglichen Nachrichten auf taube Ohren treffen. Ich kann Ihnen nicht die täglichen Schlagzeilen bieten, die Berichte über Verbrechen und die Einzelheiten darüber, wer genau auf der Harrison Street erschossen wurde. Ich weiß weder, wo die Kugel eingedrungen ist, noch kenne ich das Motiv. Aber ich kann Ihnen etwas darüber erzählen, wie es ist, hier zu stehen und auf den Herzschlag der Welt zu lauschen, hier, wo ich vertraut bin mit den Schattenseiten der Gesellschaft und den höchsten Gipfeln des Kapitalismus. Genau um dieses Innenleben der Menschheit, betrachtet aus dem Herzen des Markts, geht es hier – eine Parallele: Menschenleben und Stadtleben in Nahaufnahme.

Außerhalb der anerkannten Blickwinkel von Sozialwissenschaftlern und weit entfernt von den Politikern mit ihren halblegalen Spendengeldern kann ich frei denken. Ich bin weder an vorgefertigtes Abstimmungsverhalten gebunden, noch habe ich Respekt vor der »Stimme der Autorität«. Ich stehe nicht im Dienst der Wissenschaft und werde auch nicht von ihr bezahlt. Hier stehe ich, kreise, radle durch die urbane Welt mit Lichtgeschwindigkeit oder manchmal auch nur mit der Geschwindigkeit der Erde, die sich unter mir dreht.

Sie sagen vielleicht, mein Blickwinkel sei nicht anerkannt, aber angesichts von Wolken, die sich in einem Meer stählerner Oberflächen spiegeln, hinsichtlich der Bedeutung von Verkehrszeichen und der Art und Weise, wie einem das Herz in die Hose rutscht beim Anblick einer anschwellenden Flut Abgase produzierender Lastwagen, wer will da schon behaupten, er sei etwas anderes als ein Amateur? Kann wirklich jemand autorisiert sein, das alles erfassen zu wollen? Ich denke nicht.

Ich kann nur hier stehen und meinen Gedanken freien Lauf lassen, darauf vertrauend, dass meine Worte widerspiegeln, was ich sehe. Mehr kann ich mir nicht erhoffen. Während ich um Respekt kämpfe, dem Geld nachjage, das ich nach Hause bringe, zwischen den Gelenken der Stadt arbeite – ein Stammesangehöriger, ein Eingeborener und doch zugleich ihr Kritiker –, bin ich, geübt im ordinären wie im erhabenen Wort, vielleicht in der Lage, das Bild der urbanen Welt, des Hier und Jetzt des Stadtlebens zu zeigen.

Durch einen stetigen, sieben Kopf starken Strom von Raubtieren kann ich mein Spiegelbild in einem Fenster sehen. Eine Andeutung meines roten Hemdes blitzt zurück durch das im Schatten liegende Glas. Die Straßen bewegen sich wie Stromschnellen, schäumen auf über lärmenden Kreuzungen.

Mein Becher Wasser hinterlässt in meinem Mund den Geschmack nach alter Rohrleitung. Schwarzer Dunst vorbeifahrender Lastwagen wirbelt im Kielwasser von Passanten auf. Mein Fahrrad lehnt an dem Zeitungsautomaten. Hier, auf der Straße, unter den Kurieren, ist es eine hervorragende und angesehene Maschine. Für den Rest der Welt, für die Massen, die mit mir durch diese Gräben trotten, scheint es ein Spielzeug zu sein, ein schlechter Ersatz für einen Ford Expedition oder einen Camry, diese großen und kleinen Panzer des Interstate Highway System – des größten staatlichen Bauvorhabens, das die Welt je gesehen hat.

Was diese Menschen nicht wissen, ist, dass das Fahrrad mehr ist als nur ein Sport und mehr als nur ein Job. Das Fahrrad ist eine Revolution, ein Angriff auf ziviles Gebiet, fest entschlossen, von Grund auf Verantwortung zu übernehmen für die Gestalt unserer Städte. Es ist eine Meuterei, die ewige Einbahnstraße herauszufordern. Das Fahrrad ist eine Philosophie, eine Lebensart, und ich benutze es wie einen Hammer, um die Welt zu verändern und unsere vom Krieg zerrissenen Städte zu erlösen.

Mit dieser einfachen Geschichte aus dem Blickwinkel der Menschen, die in ihr vorkommen, fordere ich Sie auf, zu bedenken, dass wir vor dem Hintergrund der Überproduktion an Massenmedien vielleicht ein paar Aspekte dieses »USA today«, dieses heutigen Amerikas, vergessen haben könnten. Vielleicht haben wir die Kultur der Muskelkraft übersehen, die öffentliche Räume zurückverlangt und sie den Durchschnittsmenschen zurückgibt.

Wo bin ich? Ich stehe an der Ecke Washington und Clark, direkt vor Chicagos Daley Plaza, und ich bin nicht allein.