Particia Schröder

Zwieback und die
verzwickte Zoorettung

Mit Illustrationen von Edda Skibbe

Impressum

© KERLE in der Verlag Herder GmbH,

Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.kerle.de

Umschlagillustration: Edda Skibbe

Lektorat: Maren Jessen

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80548-6

ISBN (Buch) 978-3-451-71256-2

Inhalt

!!! Stopp !!!

Das erste Kapitel in dem Tilla sich Sorgen um Zwieback macht und zweimal an einem unbekannten Ort aufwacht

Das zweite Kapitel in dem von einem Rick-Fanklub die Rede ist und Jannes einen Seelöwen tröstet

Das dritte Kapitel in dem Tilla nähere Bekanntschaft mit dem Nashorn-Mann macht und eine Eisenbahnwaggon-Entführung droht

Das vierte Kapitel in dem Jannes die bittere Wahrheit erfährt und Tilla im Affentempo ins Ungewisse rast

Das fünfte Kapitel in dem Jannes eine Entscheidung trifft und ein Eisenbahnwaggon verschwindet

Das sechste Kapitel in dem der Eisenbahnwaggon in Sicherheit gebracht wird und es zu einer überraschenden Begegnung kommt

Das siebte Kapitel in dem unfassliche Dinge geschehen und eine Idee mehr und mehr Gestalt annimmt

Das achte Kapitel in dem Jannes einen Drachen reitet und ein neuer Platz für den Eisenbahnwaggon gefunden wird

Das neunte Kapitel in dem das meiste im Verborgenen geschieht und eine Menge Unsinn geredet wird

Das zehnte Kapitel in dem Tilla einen vertrackten Brief an ihre Eltern schreibt und sich an „Alice im Wunderland“ erinnert

Das elfte Kapitel in dem Jannes ein monstermäßiges Licht aufgeht und Anton Puppilla endlich etwas Sinnvolles erfindet

Das zwölfte Kapitel in dem haufenweise Tiere verschwinden und es am helllichten Tag zu einer Geisterstunde kommt

Das dreizehnte Kapitel in dem jemand Bekanntschaft mit der Wallapampa macht und sich anschließend alles zum Guten wendet

!!! Stopp !!!

Bist du sicher, dass du das hier wirklich lesen willst?

Du weißt doch bestimmt, dass ich eine Schriftstellerin bin und dass die es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt. Oder?

Moment mal, habe ich das richtig verstanden? Du sagst, das würde dir nichts ausmachen und du würdest selber manchmal schwindeln? Also, dann muss ich dir jetzt aber gehörig ins Gewissen reden: Tilla würde niemals schwindeln. Es sei denn, sie steckt bis über beide Ohren im Schlamassel. Oder sie hat aus Versehen einen ihrer Lügendrops verschluckt und könnte gar nicht anders.

Und jetzt hör bitte mal genau zu. Denn es funktioniert auch andersherum.

Wie? Du verstehst nicht, was ich damit meine? Na, dann werde ich es dir jetzt mal erklären.

Also: Stell dir vor, du hättest die vordere Ecke des Lehrertisches vor Unterrichtsbeginn mit unsichtbarem Superkleber eingeschmiert. Ja, ich meine genau die Ecke, auf die dein Klassenlehrer sich immer mit Dreiviertel seines Hinterns setzt, lässig mit dem Bein baumelt und dir und deinen Klassenkameraden weiszumachen versucht, dass Mathematik wichtig fürs Leben sei.

Ist das nicht lustig? Ein bisschen unsichtbarer Superkleber genügt, um deinen Klassenlehrer vom Gegenteil zu überzeugen.

Mathematik nützt ihm in diesem Fall nämlich überhaupt nichts. Er könnte rechnen, bis ihm das Gehirn qualmt, so würde er den Tisch unter seinem Hintern garantiert nicht loswerden. Nee, nee, er müsste sich schon die Hose ausziehen – was übrigens gar nicht so einfach ist, wenn die am Tisch festklebt und man selbst noch drinsteckt. Sport wäre hier jedenfalls hilfreicher als Mathematik. Danach wäre die Hose dann aber vermutlich hinüber – und dein Klassenlehrer höchstwahrscheinlich ziemlich sauer.

Natürlich würde er wissen wollen, wer ihm DAS angetan hat, und auch hier wäre ihm die Mathematik wenig nützlich. Er könnte euch zählen … oder die Jungs von den Mädchen subtrahieren … meinetwegen auch alle miteinander multiplizieren, doch mit keiner dieser Rechenarten käme er dahinter, dass du der Übeltäter wärst.

Aber jetzt stell dir einmal vor, er hätte eine Tüte Drops dabei und würde jedem von euch eines davon anbieten. Ihr würdet genüsslich darauf herumlutschen und euch noch immer diebisch darüber freuen, dass ihr euch in dieser Stunde nicht mit Mathematik herumschlagen müsst … und plötzlich fragt er euch: „Ach übrigens … Wer hat eigentlich diesen Kleber auf meinen Tisch geschmiert?“

Und was passiert?

Dein Finger schnellt in die Höhe und du rufst laut und deutlich: „ICH!“

Keine Sorge, du machst das nicht, weil dir klammheimlich jemand ins Gehirn gepupst hat und du plötzlich unbändige Lust auf eine fette, fiese Zusatzarbeit hast. NEIN! Du tust es, weil dein Lehrer verstanden hat, dass Mathematik zwar eine hübsche Zahlenakrobatik ist, jedoch nichts mit dem echten Leben zu tun hat … und er dir und deinen Klassenkameraden daher kurzerhand einen Wahrheitsdrops angedreht hat. Tja, in dem Fall hätte zwar nicht die Mathematik gewonnen, aber dein Lehrer. Und deshalb ist es vielleicht doch besser, wenn du keinen Superkleber auf seinen Tisch schmierst.

Bisher kenne ich zwar keinen einzigen Lehrer, der Wahrheitsdrops besitzt, allerdings kann man nie wissen 

Aber keine Angst: Tilla wird sehr gut auf ihre Drops aufpassen … ebenso wie auf ihren Tarnhut, ihre Überraschungstees, den Wachstumsumwandler … und all die anderen magischen Dinge, die sie besitzt.

Nun ja, das hoffe ich zumindest 

Das erste Kapitel

in dem Tilla sich Sorgen um Zwieback macht und zweimal an einem unbekannten Ort aufwacht

Die Geschichte, die ich dir heute von Tilla erzählen möchte, beginnt an einem herrlich lauen Abend mitten im allerschönsten Frühsommer. Die Sonne stand wie eine leuchtende Scheibe über dem Horizont und tauchte den Himmel in ein herzerwärmendes goldorangerosafarbenes Licht.

Tilla saß an ihrem Lieblingsplatz im Einzelabteil ihres knallroten, altmodischen Eisenbahnwaggons. Sie hielt den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft gerichtet und dachte an ihre Eltern.

Edda und Anton Puppilla lebten in einem Haus, das zu einem stillgelegten Bahnhofsgelände gehörte, und sie waren die zauberhaftesten Eltern, die Tilla sich vorstellen konnte. – Wenn sie nur nicht ständig so furchtbar wegen der Erfindungen ihres Vaters miteinander streiten würden!

Nun ja, wer mochte schon Toaster, die Brote verbrannten, oder Betten-lüften-und-neubeziehen-Maschinen, die Kissen und Decken einfach zum Fenster hinauswarfen? Edda Puppilla jedenfalls nicht und Tilla konnte ihre Mutter wirklich gut verstehen. – Einerseits.

Andererseits war ihr Vater mit Leidenschaft Erfinder. Er liebte seinen Beruf über alles. Und mal ganz ehrlich: Dass Anton Puppilla Briefe ausfuhr, Herrenanzüge verkaufte oder in irgendeinem Büro herumsaß und auf den Monitor eines Computers starrte, konnte Tilla sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Die Sache war also ausweglos.

Und so hatte Tilla sich eines Tages keinen anderen Rat mehr gewusst, als zusammen mit ihrer Riesenfledermaus Zwieback und ihrem Eisenbahnwaggon auf die Reise zu gehen und sich zumindest für eine Weile ein etwas friedlicheres Heim zu suchen.

Ihr erstes Abenteuer hatte sie bereits bestanden und in Felix, Merle und dem dicken schwarzen Kater Maunz drei fabelhafte neue Freunde gefunden.

Mittlerweile nagte jedoch die Sehnsucht nach ihren Eltern an ihrem Herzen, und somit war es höchste Zeit, dass Tilla im alten Bahnhofshaus mal wieder nach dem Rechten sah.

„Bestimmt wirst du dich in deiner neuen Heimat sehr wohlfühlen“, sagte Tilla leise und strich Kater Maunz, der neben ihr auf dem Sitz schlummerte, zärtlich über den Kopf. „Mama wird sich wunderbar um dich kümmern.“

Und darüber hinaus hoffentlich auch noch das ein oder andere Sinnvolle tun, fügte Tilla im Stillen hinzu.

Inzwischen war sie zu der Überzeugung gelangt, dass die Streitereien zwischen ihren Eltern ganz von allein nachlassen würden, wenn Edda Puppilla ebenfalls eine richtige Aufgabe hätte. Und genau die galt es als Nächstes zu finden.

Im Augenblick hatte Tilla jedoch andere Sorgen. Ihr bester Freund von allen, die mannsgroße Fledermaus Zwieback, war nämlich verschwunden!

„Ach, Maunzibaunzi“, seufzte Tilla. „Was meinst du? Ob er uns wohl einfach nur noch nicht gefunden hat?“

Sie rückte dicht an das Waggonfenster heran und blickte wehmütig in den Abendhimmel hinauf. Mittlerweile war auch der letzte kleine orangefarbene Sonnenscheibenzipfel hinter dem Horizont abgetaucht und die ersten winzigen Sternenfünkchen leuchteten zu ihnen herab. Doch so sehr Tilla sich auch den Hals verrenkte, Zwieback konnte sie nirgendwo entdecken.

„Brrrraunz“, schnarrte Maunz.

Behäbig rappelte er sich auf, machte einen Buckel und gähnte. Dann krabbelte er auf Tillas Schoß, wo er sich sogleich wieder zusammenringelte und weiterschlief.

Tilla lächelte. Kater Maunz war ein fauler Pennsack, aber seine samtweiche Katzenwärme tröstete sie ein wenig.

Seit ihrem Abschied von Felix und Merle war nämlich so einiges schiefgelaufen. Zwar hatte Tilla am Hauptbahnhof sofort einen passenden ICE gefunden, an den sie ihren Eisenbahnwaggon hängen konnte. Und dieser ICE war sogar auf die Minute pünktlich losgefahren. Doch dann war er ohne ersichtlichen Grund mitten in der Nacht auf halber Strecke im allerschönsten Nichts stehen geblieben.

Tilla hatte gewartet … und gewartet … und gewartet, aber es war einfach nicht weitergegangen. Erst als sie eine geschlagene Stunde später die Waggontür öffnete und beinahe ausgestiegen wäre, um nachzusehen, was der Grund für die Verzögerung war, hatte sich der ICE plötzlich wieder in Bewegung gesetzt.

Tilla war einigermaßen beruhigt ins Bett gegangen und das gleichmäßige Rattern des Zuges hatte sie sehr schnell ins Schlafland hinübergetragen. Dafür war am nächsten Morgen der Schreck dann aber umso größer gewesen, als Tilla erkannte, dass der Zug unterdessen eine völlig andere Richtung eingeschlagen hatte und anstatt bei ihr zu Hause weit entfernt im Bahnhof von Bamberg gelandet war.

Tilla hatte mächtig geflucht, weil sie nun einen ganzen halben Tag Verspätung hatte und nicht rechtzeitig daheim war, um Zwieback in seinen Stall zu lassen. – Mannomann, würde der sauer auf sie sein!

Damit sie nicht noch mehr Zeit verlor, hatte Tilla flugs ein Stück Spezialkeks gegessen und war in den Wachstumsumwandler gesprungen, um neue Bärenkräfte zu erlangen. (Wie das genau funktioniert, hast du entweder bereits in Tillas erstem Abenteuer erfahren, oder du wirst dich ein wenig gedulden müssen, bis sich in einem späteren Kapitel die Gelegenheit ergibt, es dir noch einmal zu erläutern.) Und danach hatte sie ihren Eisenbahnwaggon dann kurzerhand an einen anderen ICE gekoppelt.

Und hier saß sie nun mit einem äußerst blöden Gefühl im Bauch und brauste mit zweihundertunddreiundachtzig Stundenkilometern (und zwölf Stunden Verspätung) ihrer Heimatstadt entgegen.

„Verflixt noch mal, Zwieback“, brummte Tilla. „Du musst doch gemerkt haben, dass ich nicht nach Hause gekommen bin. Wo hast du überhaupt geschlafen? Und wieso bist du bei Einbruch der Abenddämmerung nicht sofort wieder losgeflogen, um mich zu suchen?“

Tilla überlegte: Vielleicht war er das ja sogar und hatte ihren roten Eisenbahnwaggon bloß noch nicht ausfindig gemacht.

Dieser Gedanke machte Tilla etwas Mut, das blöde Gefühl im Bauch vertrieb er allerdings nicht.

„Tut mir leid, Maunz, aber du wirst mir langsam zu schwer“, murmelte sie. „Außerdem muss ich jetzt ganz dringend einen Brief an Mama und Papa schreiben.“

Sie hob den Kater auf ihren Arm und trug ihn zu ihrem Bett hinüber, das an vier Stricken unter der Waggondecke aufgehängt war. Tilla legte ihn aufs Kopfkissen, drückte ihm einen Kuss ins schwarze Fell und ging wieder ins Einzelabteil zurück.

Dort zog sie das Fenster weit auf, streckte ihren Kopf in die kühle Abendluft hinaus und suchte den Himmel noch einmal Stück für Stück nach ihrer Riesenfledermaus ab.

Doch von Zwieback fehlte jede Spur.

„Verflixt, verflixt, verflixt!“, fluchte Tilla abermals.

Fluchen war nämlich das einzige Mittel, das zumindest ein bisschen gegen das blöde Gefühl im Bauch half.

Tilla schloss die Augen und schickte einen luftballongroßen Sehnsuchtsruf in die Nacht hinaus. Einen Moment lang glaubte sie sogar, Zwiebacks leise – klägliche? – Antwort zu hören, aber mit dem nächsten Atemzug war es schon wieder ganz still in ihrem Herzen. Anscheinend hatte sie es sich wohl doch nur eingebildet.

Hastig schob Tilla das Fenster wieder zu und holte einen Schreibblock und einen hübschen grünen Glitzerstift aus der sechstobersten Schublade ihrer Krimskramskommode. Sie setzte sich an den Esstisch und zog die Kappe des Gelstifts mit den Zähnen ab.

Liebe Mama und lieber Papa,

begann sie,

dies ist ein Brief, den ich euch eigentlich gar nicht schreiben will, aber leider muss, weil ihr euch sonst vielleicht Sorgen macht.

Ich wollte nämlich schon heute Morgen bei euch auf dem Bahnhofsgelände sein, doch dummerweise habe ich nicht gleich den richtigen Zug erwischt – und dann auch noch Zwieback aus den Augen verloren. Vielleicht ist er ja bereits bei euch und ihr habt ihn im Keller an der Teppichstange übertagnachten lassen. Weil ich das allerdings nicht genau weiß, schicke ich diesen Brief möglicher- und ausnahmsweise morgen Vormittag mit der Post. Also bekommt bloß keinen Schreck!!!

Ich VERSPRECHE euch, wir werden uns ganz bald wiedersehen, und ich wünsche mir so sehr, dass ihr mit dem Streiten aufgehört habt. Deswegen möchte ich euch sowieso noch einen Vorschlag machen. Aber darüber reden wir lieber in Ruhe, wenn ich wieder zu Hause bin.

Ich hab euch ganz furchtbar lieb und freue mich sehr doll auf euch!

Eure Tilla

Tilla las den Brief noch einmal durch und nickte, obwohl er todsicher nicht zu den besten Briefen gehörte, die sie bisher an ihre Eltern geschrieben hatte. Sie steckte ihn in einen hellgrünen Umschlag, adressierte ihn mit Namen und Anschrift und durchsuchte ihre Krimskramskommode nach einer Briefmarke.

In der zwölften Schublade von oben fand sie eine, auf der eine Schneekugel abgebildet war. Eine mit Maiglöckchen oder Pfingstrosen wäre Tilla zwar lieber gewesen, die hätte nämlich auch ihrer Mutter gefallen. Aber egal, Hauptsache, der Brief kam rechtzeitig zu Hause an. Und so pappte sie die Marke rechts neben die Anschrift, klebte den Umschlag zu und drückte einen innigen Kuss darauf.

„Ich verspreche es (mit Großbuchstaben und dick unterstrichen)“, flüsterte Tilla. „Hoch und heilig.“

Und damit sie sowohl ihr Versprechen als auch ihre Eltern möglichst nah bei sich hatte, schob sie den Brief unter ihr Kopfkissen und kuschelte sich neben Maunz unter die Bettdecke.

Der Kater schnurrte leise und Tilla konnte seinen Atem an ihrer Nase spüren.

„Gute Nacht, kleiner Maunz“, sagte sie zärtlich. „Heute brauchst du deine Zähne nicht zu putzen. Aber morgen läuft alles wieder nach Plan. Hast du mich verstanden?“

Kater Maunz schnurrte noch ein wenig lauter.

„Gut“, erwiderte Tilla. „Wenn Zwieback schon verschwunden ist, muss ich mich wenigstens auf dich verlassen können.“

Sie vergrub ihre Hand in Maunz weichem Fell und schloss die Augen.

Der Eisenbahnwaggon tanzte auf den Schienen und schaukelte das Hängebett sanft hin und her.

Morgen Vormittag um 11 Uhr 16 würde Tilla in der großen Stadt ankommen und von dort aus war es nicht mehr weit bis zu Anton und Edda Puppillas stillgelegtem Bahnhof. Vorausgesetzt, der ICE war pünktlich. Ach, das war er bestimmt, dachte Tilla, bevor sie einschlief … Ein solches Pech wie heute würde sie bestimmt nicht noch mal haben … Außerdem musste sie an irgendeinem Unterwegs-Bahnhof noch den Brief einwerfen.

(Also, wenn du jetzt noch lauter protestierst, muss ich mir die Ohren zuhalten. Natürlich wissen wir beide, du und ich, dass dieser Brief Edda und Anton Puppilla erst erreichen wird, wenn Tilla längst zu Hause angekommen ist. Zumindest unter normalen Umständen. Aber erstens hat Tilla bisher noch nie etwas mit der Post verschickt und denkt daher einfach nicht darüber nach, wie lange ein solcher Brief unterwegs ist – und zweitens wird es ohnehin keine normalen Umstände geben.)

*

Als Tilla die Augen aufschlug, stand Maunz auf ihrer Brust und sah sie vorwurfsvoll an.

„Du lieber Himmel!“, rief sie. „Wie spät ist es?“

„Brrraunz!“, erwiderte Maunz empört.

Er blinzelte gegen das Sonnenlicht und seine Pupillen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen.

(Wenn du dich ein bisschen mit Katzen auskennst, dann weißt du natürlich, dass sie sich nicht so sehr für die Uhrzeit, sondern viel mehr für eine gute Mahlzeit interessieren.)

„Erst mal musst du von mir runtersteigen“, brummte Tilla. „Sonst kannst du nämlich warten, bis dir die Knochen unterm Fell klappern.“

Sie schob den Kater sanft zur Seite, streckte die Arme lang über ihren Kopf aus und gähnte herzhaft.

Komisch, dass das Bett gar nicht schaukelt, durchzuckte es Tilla.

Und Schienengeräusche waren auch nicht zu hören. – Oje! Hatte der ICE etwa schon im Bahnhof gehalten? In dem Fall würde sie sich jetzt aber ganz schön beeilen müssen!

Mit einem Satz sprang Tilla vom Bett herunter und stürzte ans Fenster. Ein kurzer Blick durch den Gardinenspalt genügte und sie wusste, dass schon wieder etwas schiefgegangen war. Von Bahnsteigen, Wartehäuschen und Anschlagtafeln war nämlich weit und breit nichts zu sehen. Der Eisenbahnwaggon befand sich genauso wie gestern inmitten einer Landschaft aus Wiesen, Feldern und Weiden.

Nur wenn Tilla die Augen ein wenig zusammenkniff, konnte sie ganz in der Ferne ein Wäldchen und eine kleine Ortschaft ausmachen.

„Ich glaub, ich spinne“, brummte sie.

Oder der Lokführer tat es. Womöglich war es sogar derselbe wie gestern, nämlich irgend so ein verrückter Kerl, der sich weder an Vorschriften noch an Fahrpläne hielt und frei nach Lust und Laune mitten auf der Strecke eine Pause einlegte.

Na, warte! Dem würde sie was erzählen!

Tilla war so aufgebracht, dass sie nicht über Sinn und Zweck ihres Handelns nachdachte. Sie flitzte zur Waggontür und wollte gerade den Griff umlegen, als hinter ihr eine tiefe Stimme ertönte.

„Guten Morgen, junge Dame.“

Tilla wirbelte herum – und stieß einen unterdrückten Schrei aus.

Auf ihrem lila Plüschsofa saß ein Mann, den sie noch nie gesehen hatte. Er war groß und breit, hatte ein kantiges Gesicht und trug einen feinen hellgrauen Anzug, darüber einen Sommermantel sowie eine schwarze Melone. (Das ist ein ziemlich steifer abgerundeter Hut, der von seinem Aussehen her ein wenig an eine Wassermelone erinnert.)

„W-wer s-sind Sie?“, stammelte Tilla. „W-wie kommen Sie hier herein? U-und was wollen S-Sie von mir?“

Der Mann deutete auf das Einzelabteil und verzog seinen Mund zu einem Lächeln, das eigentlich gar keines war, sondern wohl nur so aussehen sollte.

„Das, junge Dame, würde ich jetzt gern in Ruhe mit dir besprechen.“

Das zweite Kapitel

in dem von einem Rick-Fanklub die Rede ist und Jannes einen Seelöwen tröstet

Montags war in der 3b bereits nach der dritten Stunde Unterrichtsschluss, und wie immer hatte Jannes es sehr eilig, nach Hause zu kommen.

Er warf sich den Rucksack über die Schulter und stürmte aus dem Klassenraum. Klapp! Klapp! Klapp! ging es in den etwas zu großen Sandalen die Treppe hinunter.

„Tschüss, Herr Fröhlich!“, rief er dem Hausmeister zu, der neben der Tür auf einer Trittleiter stand und die Scharniere ölte, und dann war er auch schon draußen.

„Buh!“, brüllte ihn jemand von der Seite an.

Jannes zuckte zusammen. Er geriet aus dem Gleichgewicht, rutschte mit der Ferse über die Kante der Eingangsstufe und verlor eine Sandale.

„Hahaha!“, feixte Rick. „Wieso trägst du auch die Galoschen von deinem Vater?“

„Und wieso erschrickst du mich dauernd?“, erwiderte Jannes, angelte hastig nach seiner Sandale und zog sie sich über den Fuß.

Rick holte einen Bonbon aus seiner Hosentasche hervor, warf ihn in die Luft und fing ihn lässig mit der Zunge auf.

„Wahrscheinlich, weil es mir Spaß macht“, meinte er grinsend.

Auf der anderen Seite der Tür drückten sich Clara, Zoe und Jenny herum und kicherten.

Die drei Mädchen gingen in Jannes’ Parallelklasse und hatten vor ein paar Wochen einen Rick-Fanklub gegründet – von dem eigentlich niemand jemals etwas hätte erfahren sollen, allen voran Rick nicht. Dummerweise hatte Zoe aber die Gründungsunterlagen in der Ablage unter ihrem Tisch liegen gelassen und am nächsten Tag hatte dann die ganze Schule Bescheid gewusst. Und seitdem machten Clara, Zoe und Jenny auch kein Geheimnis mehr daraus, sondern schwirrten Rick in jeder Pause auf Schritt und Tritt hinterher. Nur aufs Klo gehen konnte er noch alleine.

„Ich werde übrigens in ein paar Tagen auf einem Monster reiten!“, tönte Rick jetzt und sah Beifall heischend zwischen Jannes und den drei Mädchen hin und her. „Und ich darf sogar noch jemanden mitnehmen. Na …?“, fragte er und ruckte mit dem Kinn. „Wer traut sich?“

Rick musterte Jannes hochnäsig. Der Bonbon wanderte von einer Backe in die andere. „Du doch ganz bestimmt nicht, Feigling, oder?“, höhnte er.

Jenny, Clara und Zoe kicherten noch lauter.

Jannes beachtete die Mädchen nicht. Er warf Rick einen finsteren Blick zu und lief dann einfach weiter.

„Sei bloß vorsichtig!“, brüllte Rick. „In der Hecke an der Bushaltestelle gibt es Skorpione. Die beißen sich besonders gern in nackten Knöcheln fest.“

„Du hast ja überhaupt keine Ahnung“, murmelte Jannes.