Strittmatters berühmter Roman über die tragischen und komischen Konflikte eines Jungen in der Nachkriegszeit
Mit tiefem Mißtrauen beobachtet Tinko den fremden Mann, der eines Tages im Dorf auftaucht. Er ist ein »Heimkehrer«, einer, der gerade aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Tinko soll »Vater« zu ihm sagen, aber für ihn bleibt er der »Heimkehrer«. Und Tinkos böse Ahnungen bestätigen sich: Mit dem Heimkehrer kommt Unfriede und Streit. Er nennt Großvaters 50-Morgen-Hof eine Knochenmühle und will, daß Tinko in die Schule geht statt aufs Feld.
Tinko
Roman
Inhaltsübersicht
Informationen zum Buch
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Über Erwin Strittmatter
Impressum
Schon am Morgen ist es wie Frühling. Ich reiße das vortägige Blatt vom Kalenderblock. Eine fette schwarze Zehn wird sichtbar. Unter der Zehn steht »Oktober«. Schon den zweiten Tag bin ich nicht in der Schule. Die Kartoffeln und Großvater sind daran schuld.
Morgen werden sie in der Schule den Hausaufsatz abliefern: »Worüber ich glücklich wäre.« Von mir wird der Lehrer Kern keinen Hausaufsatz sehen. Ich wäre glücklich, wenn ich wieder in die Schule gehen könnte. Man braucht sich dort nicht zu bücken, bis der Rücken starr und steif wird.
Ich schlendere aufs Feld. Die Sonne wärmt. Die Luft ist lau. Am Feldrain hascht ein Wiesel nach einer Maus. »Du Räuber, laß die Maus leben!« Das Wiesel stutzt. Es starrt mich ein Weilchen mit seinen Punktaugen an und fährt dann in sein Loch. Die Maus ist gerettet. Ich trete das Wieselloch mit dem Holzpantoffel zu. »Wühl dich aus und arbeite, wenn du fressen willst.«
Großvater läßt Bläker, den Brandfuchs, am Rain verschnaufen und schaut mich verdrießlich an. Ich habe Arbeitszeit vertrödelt und muß den Großvater versöhnen.
»Ich möchte wetten, die Kalendermacher haben sich vertan, Großvater.« Großvater nickt nachdenklich und macht einen Knoten in seine Peitschenknalle. Bläker fühlt sich unbeobachtet. Er zockelt Schritt bei Schritt zum Rain. Den umgekippten Pflug zieht er hinter sich her. Am Rain rupft Bläker das taugraue Gras. Großvater wischt sich mit seinem roten Schnupftuch Tröpfchen aus dem Schnurrbart. Die Tröpfchen sind aus niedergegangenem Nebel. »Wie Frühjahr«, sagt er. »Wetten will ich nicht mit dir. Die Kalendermacher sitzen in ihren Stuben und schmurgeln dreihundertfünfundsechzig Tage herunter. Sie sollen für jeden einen Namen finden, um den Mond müssen sie sich kümmern, hinter jedem Sonntag müssen sie einzeichnen, wie voll oder wie neu der Mond ist. Mühsam, mühsam! Kann sein, ein Kalendermacher hat schlecht gefrühstückt. Er kommt an seine Werkbank und schreibt einfach: ›Trüb‹. Bums, haben wir einen grauen Tag mehr im Kalender. Summa summarum: Das schlechte Essen hat die Prophezeiung getrübt.«
Großvaters schwarze Kautabakzähne lugen am unteren Bartrand aus dem Mund. »Ja, jaaa!« Sein Blick fällt auf den malmenden Bläker. »So ein Freßwanst, so einer; das Moos würd er vom Dach fressen, wenn er’s packen könnte. Hü, hott jetzt!«
Wir lesen Kartoffeln. Der Pflug holt Kartoffelnester ans Licht. Die Kartoffeln duften. Die dunkle Erde duftet. Nicht alle Kartoffeln wollen in unsere Körbe. Sie verstecken sich hinter dem umgefallenen Kraut oder dem Erdwulst, den die Pflugschar aufwirft. Wir versuchen sie zu finden, Großmutter, Frau Clary und ich. Wenn wir nicht alle Kartoffeln aufstöbern, zeigt sie uns Großvater. Er knallt zornig mit der Peitsche und schreit: »Ihr lest hier Kartoffeln und keine Zeitung, ihr Verrecker, ihr! Nehmt, was euch die Erde gibt!«
Frau Clary zuckt zusammen und eilt wie eine Schlupfwespe hin und her. Die Großmutter ächzt. Mir tut der Rücken weh. In meinen Füßen stecken Distelstacheln. Ich habe keine Zeit, sie herauszuziehen.
Wir rackern und zerbücken uns. Hastig wie hungrige Vögel picken wir die runden Erdfrüchte ein. Hinter unseren schmerzenden Rücken zieht die Sonne ruhig ihre Bahn. Ein sanfter Mittagswind führt den Ruch von welkem Laub übers Feld.
Dem Himmel und seiner Sonne sei Dank, daß Bläker um Mittag sein Futter verlangt. Er bleibt stehen. Weder Fluch noch Peitschenschlag bringen ihn weiter. Der Futtersack muß heran. Großvater holt ihn vom Wagen. Auf diese Weise sorgt Bläker auch für unsere Mittagsrast. Wir würgen belegte Brote in uns hinein, schauen ängstlich nach Bläker und wünschen, daß er unsere Mittagszeit nicht durch sein hastiges Schlingen verkürzen möge. Die Erdkrusten an unseren Fingern werden trocken und brüchig. Brot und Erde vermischen sich in unseren Händen. Das Brot ist weich. Die Erde ist hart. Sie knirscht zwischen den Zähnen. Wir spülen sie mit kaltem Gerstenkaffee aus dem Mund.
Eine Bachstelze umhuscht uns. Der warme Tag hat ihren Mittagsfraß mit fetten Fliegen gesegnet. Auf den Feldern flammen Kartoffelfeuer auf. Ihr Qualm zieht halbhoch über die Felderweite und duftet herb.
Ich soll bei Kimpels leere Kartoffelsäcke ausborgen gehen. »Schon ausgemacht«, sagt der Großvater. Ich bin froh, daß ich mich recken und davongehen kann.
Lichter, weiter Nachmittag. Die Grillen raspeln wie irr mit den Hinterläufen an ihren Glitzerflügeln: Swierie, swierie, swierie! Die Hummeln sind noch einmal lebendig geworden. Sie hängen wie Bommeln aus schwarzem Samt an den späten Heidkrautblüten. Die Stare pfeifen und fauchen. Sie singen den Sommer nach Hause.
Bei Kimpels ist niemand daheim. Die Hunde liegen angekettet auf der Sonne und gnubbern ihr Fell nach Flöhen ab. Sie kennen mich, heben nur den Kopf und fächeln mit den halb kahlen Schwänzen über den Sand. Ich will über die Wiesen zurück, da steht das Ausgedingerhäuschen der Kimpelmummel. Die Kimpelmummel stößt ihr Fenster auf. »Was willst du, mein Herzengel?«
»Nichts«, sage ich. Die Kimpelmummel darf mir die Säcke nicht geben. Sie hat auf dem Hofe nichts mehr zu bestellen.
»Wenn du den Fritzel suchst, Schäfchen du, in den Sandlöchern ist er. Rumschreien tut er.«
Ich werde zum Fritz gehen.
»Ist aber heute schön draußen, ist’s nicht, Jungchen?«
»Es ist, Kimpelmummel. Die Bäume werden wieder blühn.«
Dicke Herbstfliegen kleben an der Hauswand. Sie strecken die hintersten Beine und fahren sich damit über die Flügel. Sicher gähnen sie vor Trägheit, aber ich habe keine Zeit, darauf zu achten.
»Kalendermann, Kalendermann,
schau dir doch den Kalender an:
Bist groß genuch, bist alt genuch,
machst Fehler ins Kalenderbuch …«,
singe ich. Ich gehe zu den Sandgruben hinauf.
»Ooorwauch«, macht es aus einem Strauch. Hinter den angeherbsteten Brombeerblättern leuchtet ein heller Haarschopf. Die hellen Zottelhaare gehören Theo Wunsch. Wir sagen Murmelauge zu Theo. Seine Augen sind blank und blau wie neue Murmeln.
»Bist erkannt, kannst dreist hervorkommen, Murmelauge!«
Murmelauge kriecht auf Händen und Füßen aus dem Birkenbusch. Er steckt die Zunge heraus, zieht die Nase kraus und schürzt die Oberlippe. Was hat er? Hat ihn eine Wespe gestochen? Murmelauge läßt seine Zähne sehen, knurrt und jachelt. So kommt er auf mich zugesprungen und will mich in die Wade beißen. Ich trete zur Seite. Er fährt mit dem offenen Mund ins stachlige Heidkraut.
»Ihr spielt wohl Hamsterbruder und Hund?« Ich zieh mir einen Distelstachel aus der Fußsohle. Theo richtet sich auf und knirscht mit den Zähnen. »Ich bin viel was Schlimmeres. Ich bin ein Wolf.«
»Ein Wolf hat keine Zahnlücke, du Krautscheuche, du!«
»Das Rotkäppchen werde ich noch leicht fressen.«
»Ich spiel nicht mehr mit«, ruft ein Mädchen aus dem Birkengehölz.
»Warum nicht, Stefanie?«
»Das will ein Wolf sein? Er schwatzt auf dem Wege mit den Leuten.«
Stefanie Clary kommt mit einem löcherigen Henkelkorb aus den Sträuchern. Im Korb liegt ein Strauß verblichener Grasnelken.
»Der Wolf frißt Kreide, und schwupp, kann er sprechen, so steht’s im Märchenbuch«, grunzt Murmelauge und zieht ein Stück Schulkreide aus der Hosentasche. Er weiß nicht, ob er noch Wolf oder wieder Mensch sein soll. »Und der Kimpel-Fritz ist ein Murkser, das sag ich.«
Kimpel-Fritz hat den Jäger spielen sollen. Er ging sich in den Kieslöchern ein Gewehr holen und kam nicht zurück.
Wir gehen ihn suchen.
»Er ist ein Spielverderber«, schimpft Murmelauge. »Ich krieg den Krampf in die Nase vom Knurren. Die Zunge wird mir steif beim Jappen. Er findet kein Gewehr, der Zumpel, der.«
Aus der ersten Sandgrube steigt uns Tschechensepp entgegen. Er streicht über seinen schwarzen Igelkopf. »Ich hab das Glück gefunden.«
»Das Glück?« Stefanie schüttelt sich. Ihre Zopfschaukel wippt auf dem Rücken. Tschechensepps Finger sind grün vom Grasrupfen. Er streckt uns eine Faust hin und öffnet sie langsam, fast feierlich. Ein sattgelber Feuerstein liegt in der grünen Höhlung seiner Handfläche. Der Stein ist glänzend und glatt. Die Erde hat ihn belutscht und dann ausgespuckt. »Ein Eistein. Er bringt Glück«, versichert Tschechensepp.
»Wirf ihn beim Bäcker ins Fenster, dann läuft dir das Glück mit einer Zaunlatte nach«, hänselt Murmelauge. Sepp lächelt versonnen. »Man muß ihn in die Weite werfen. Wo er niedergeht, findet man etwas.«
»Einen Hundehaufen wirst du finden, Sepp.«
Nach einer Weile rutschen wir alle in die Sandgrube. Wir suchen nach Glückssteinen. Ich vergesse, daß ich Kartoffelsäcke holen sollte. Auch ich finde einen schmutzigweißen Eistein. Mein Stein ist nicht groß. Er wird mir nur ein kleines Glück bringen. Murmelauge stochert nach Grillen. »Wenn ich Glück hab, fang ich eine. Werft ihr nur eure Eier in den Wind!«
Stefanie hat die Strümpfe ausgezogen und um den Hals geschlungen. Sie muß ihre Strümpfe selber stopfen. Tschechensepps Füße sind erdgrau. Am linken Fuß hat er eine breite Kratzwunde. Die Kratzwunde hat er mit Lehm verschmiert.
Jetzt hat jeder einen Glücksstein. Wir erklettern die Sandwand der Kieskuhle. Kleine Steine kullern scheppernd nach unten. Wir hören das Hammergeläut aus der Dorfschmiede. Hinter dem Dorf auf den Feldern schlägt jemand seine Holzpantoffel aneinander, damit die Erdklumpen abfallen. In der Seidenluft des Herbstnachmittags ist jedes grobe Geräusch wie ein Webfehler. Wir sind fiebrig nach unserem Glück. Stefanie schickt ihren Stein zuerst auf die Glücksuche. Sie wirft ihn mit steifer Hand.
»Ein richtiger Mädelsschmiß, drei Krötenhopser weit!« Murmelauge grapscht an einer Grille vorbei. Wir halten den Atem an. Stefanie läuft ihrem Stein nach. Sie bleibt stehen, wo wir ihn niederfallen sahen, beugt sich und beginnt zu suchen. Sie geht weiter, immer weiter.
»Ihr Stein hatte eine kleine Kante«, entschuldigt sich Tschechensepp.
Stefanie beginnt zu jubeln: »Da ist es, da ist es! Ich hab’s!« Wir rennen.
»Da!« Stefanie zeigt uns eine blasse Kuckuckslichtnelke. Der erste Frost hat sie nicht zerbeißen können. Eine Glücksblume. Stefanie wird sie ihrer Mutter mitnehmen.
»Nimm ihr lieber was zum Rückeneinschmieren mit. Sie hackt bei Kraskes Kartoffeln.« Murmelauge hat eine Grille gefangen. Stefanie schützt das blasse Blümchen mit einer Hand, als sei es eine Kerze, die verlöschen könnte.
Tschechensepp bereitet seinen Wurf umständlich vor. Er hat den rechten Eistein, den echten Glücksstein, und nimmt viele Schritte Anlauf. Seine Zunge erscheint zwischen den Lippen. Er wirft den Stein. Der Stein fliegt und blitzt in den Strahlen der tiefstehenden Sonne auf. Zwischen Birkenkuscheln und Graskaupen fällt er nieder.
»Habt ihr das Gefunkel gesehen?«
Tschechensepp rennt seinem Glück wie ein Jagdhund nach. Wir kauern uns ins Heidkraut und warten. Sein Glück muß jeder selber finden.
Tschechensepp sucht und sucht. Er schnüffelt fast und treibt noch weiter ab als Stefanie.
»Gleich wird er in Horndorf sein. Die Horndorfer Fliegenpuster werden ihn zausen. Dann hat er sein Glück«, spottet Murmelauge.
»Murmelauge, du vergällst uns jede Freude.«
»Ich? Hab ich euch nicht einen schönen Wolf gemacht?«
»Und wenn er sein Glück wirklich findet?«
»Dann gönn ich’s ihm und heiß von morgen an Kuhschwänzel.«
Tschechensepp beginnt zu jodeln. Er bückt sich, hebt etwas auf und stopft es in die Hosentasche. Er bückt sich wieder und stopft. Stefanie rennt, um an seinem Glück teilzuhaben. Wir stampfen hinterdrein.
Ein Gelege Fasaneneier, das ist das Glück von Tschechensepp. Murmelauge schüttelt ein Ei und hält es Tschechensepp ans Ohr.
»Da lausch, wie sie gluckern. Dein Glück wird stinken, wenn es zerbricht.«
Neun Fasaneneier. Tschechensepp steckt sie in die Hosentaschen zurück. Er setzt die Beine steif und vorsichtig, damit er sein Glück nicht zertut. Die Hände legt er schützend auf die pockigen Beulen seiner Hosentaschen.
Sirrr! Da fährt mein Stein unter dem blaßblauen Himmel dahin wie ein dicker Käfer, der zu seinem Fraßplatz eilt. Er nimmt unsere Blicke mit auf den kurzen Bogen seiner Luftreise und verschwindet in einer Kieskuhle. Wir hören ihn auf Blech schlagen. Oh! Mein Stein ist in die Kuhle gefallen, in die die Dorfleute ihren Haus- und Hofplunder schütten. Da liegen zerbeulte Stalleimer neben rostfleckigen Kaffeekannen, lecke Milchkübel bei zerrupften Drahtzäunen. Das rostige Gerümpel verrät etwas von den Händen, die mit ihm umgingen, von Küchen und Stuben, aus denen es kam. Auch den Kriegskehricht hat die Zeit in die Kieskuhle gespült: zerbrannte Autos, Kisten für Munition und die Stahlmäntel der Granaten. Einmal hat sich der Tod dort eingenistet und auf Jungenhände gelauert. Er zerrupfte die kleinen Neugierhände mit einem Feuerknall und spie sie gegen die Lehmwand. Ich geh zögernd auf dieses grausige Loch zu. Murmelauge versucht, mich zurückzuhalten. Auch Stefanie und Tschechensepp wollen mein Glück nicht teilen.
Am Rande der Grube erscheint ein verrosteter Stahlhelm. Der Stahlhelm wackelt. Unter dem Stahlhelm schimpft es. Wir erkennen die Stimme von Kimpel-Fritz. Verwünschungen prasseln. Ein schrumpeliger Feldstein fliegt auf uns zu. Der Stein geht hoppelnd vor Stefanie nieder.
»Euer Glück, daß ich den Helm aufhatte, sonst wär ich hingewesen. Ihr Schabenmelker, werft hier einen Jäger tot, wie?« radaut Kimpel-Fritz. Er schwingt das gekrümmte Rohr einer Eisenbettstelle. Das ist sein Gewehr, damit wollte er den Wolf erschießen. Der Kimpel stolpert über eine Rasenkaupe. Der Stahlhelm rutscht ihm aufs Kinn, und der Kimpeljäger schlägt hin. Der Stahlhelm poltert. Wir lachen, und Stefanie hüpft aufgeregt von einem Bein aufs andere.
»Nur wegen euch«, brüllt der Kimpel-Fritz und rappelt sich hoch. »Wo ist der Wolf? Ich werde ihn durchlöchern.«
Murmelauge strafft sich. »Was wär das für ein Wolf, der wartet, bis sich der Jäger seine Flinte sucht?«
»Wenn ich bestimme, daß du Wolf bist, dann bleibst du Wolf. Gleich wirst du spüren, ob ich eine Flinte habe oder nicht.«
Jetzt will der Kimpel-Fritz auf Murmelauge los, doch Tschechensepp schiebt sich dazwischen. Er streicht behutsam über seine Hosentaschen. »Ich hab Fasaneneier, Fritz.«
Fritz läßt das Bettrohr sinken. »Wieviel hast du?«
»Neun sind es, und mein Glücksstein hat sie mir gefunden.«
»Das Luder, das!«
»Wer?«
»Die Fasanenhenne. Den ganzen Sommer hab ich nach dem Nest gesucht. Sie hat mich hin und her genarrt. Hat sich vor meinen Füßen hergekullert. Bin ich ihr nach, purr, war sie weg. Die Eier hab ich nie gefunden. Neun Eier? Zeig sie! Oh, da spieln wir Eierschieber.«
Wir spielen Eierschieber. Fritz verteilt die Rollen.
»Der Schieber, der bin ich«, sagt er. Der Tschechensepp soll sein Schofför sein. Stefanie und ich solln die Bauern spielen. Nur ungern übergibt uns Tschechensepp die Eier.
»Ich bin die Polizei«, sagt Murmelauge. »O ja!«
»Du bist Schandarm, doch mach es nicht so saudumm wie als Wolf.«
»Schandarm, Schandarm – du redest wie ein Großvater. Ein Polizist, ein Volkspolizist bin ich.«
»Schandarm ist besser.« Kimpel-Fritz würgt sich sein Taschentuch um den Hals. Das soll der Stehkragen des Eierschiebers sein.
»Das weißt du gerade, ob Schandarm was Beßres ist.« Murmelauge schnürt sich ein Drahtseil um den Leib. Es ist das Koppel des Volkspolizisten.
»Ein Schandarm hat mit sich reden lassen, sagt unser Vater, aber ein Volkspolizist sieht von hinten besser aus als von vorn.«
»Ich laß nicht mit mir reden, wenn ich einen Schieber packe. Ich bin ein Volkspolizist.«
»Jaja! O ja!« Stefanie beginnt wieder zu hüpfen.
Murmelauge soll in einer Sandkuhle warten. Kimpel muß das Eierverschieben vorbereiten. »Wenn du lauschst, fliegt dir ein Steinhagel an die Nase.« Fritz ist unerbittlich.
Murmelauge rutscht, wie befohlen, in eine Kuhle. Sepp soll aufmerken, daß er den Eierhandel nicht belauscht. Der Kimpel holt seine Munitionskiste aus der Unratgrube. Das soll das Auto sein. Er bringt auch einen alten Benzinkanister. Im Kanister gluckert Regenwasser. Stefanie hat Steine zu einem Quadrat gelegt. Das ist unser Haus. Die Fasaneneier liegen auf gerupftem Gras in der Speisekammer unseres Hauses. Sepp und Fritz machen Mundradau. Sie knattern, töffen und tuten. Das Auto fährt vor unser Haus.
»Zuerst muß der Bauer rauskommen«, bestimmt Kimpel-Fritz. »Er muß nicht wissen, ob die Hühner schon legen.«
Ich bin der Bauer, also trete ich vors Haus. »Schönes Wetter heute«, sagt der Eierschieber.
»Ihr habt wohl kein Benzin mehr für eure Karrete?« frage ich. »Da kann ich nicht helfen. Ich weiß nicht, ob unsre Hühner schon legen.«
»Alles Quatsch!« Kimpel-Fritz macht eine ausstreichende Handbewegung. »Was soll das – Karrete? Es ist ein prima Wagen, und er heißt Merschedes. Und daß die Hühner nicht legen, hast du erst zu sagen, wenn ich dich danach frage, bitte sehr!«
Wir spielen von vorn. Kimpel-Fritz wälzt sich noch einmal ächzend aus dem Auto. Tschechensepp tut, als ob er die Tür beim Aussteigen hält.
Mit vorgestrecktem Bauch watschelt Kimpel-Fritz auf mich zu.
»Das ist ein herrlicher Merschedes«, sage ich. »Von den Hühnern will ich nicht reden, weil Sie mich noch nicht danach gefragt haben.«
Fritz schüttelt unwillig den Kopf. Gleichzeitig rafft er einen Stein von der Erde. Er wirft ihn zornig nach Murmelauge. »Das Luder lauscht.«
Murmelauges Kopf verschwindet wieder in der Kieskuhle. Fritz drückt den Bauch heraus. Er beginnt gespreizt und vornehm zu sprechen: »Aeh, bütte, uns üst leider das Wasser für den Kiehler etwas knapp gewochden. Könnten Sü uns verleicht mit einem Schluck aushölfen?«
Ich sage: »Da muß ich erst meine Alte fragen. Ich weiß nicht, ob die Pumpe schon Wasser gibt, bitte.«
Kimpel-Fritz runzelt die Stirn. Er scheint mit meiner Antwort noch nicht zufrieden zu sein. »Sü wörden doch etwas Wasser im Hause haben?«
»Ziehn Sie sich’s doch selber aus dem Brunnen«, zwitschert Stefanie, »Sie Dickbauch, Sie.«
»Söhr wohl, gnädiche Frau«, sagt der Eierschieber. Er winkt seinem Fahrer. »Wülhelm, bringen Sü bitte den Wasserkanister!«
Zwischendrein muß der Schieber wieder einen Stein nach Murmelauge werfen. Er nimmt ihn von den Steinen unserer Hauswand.
»Sie dürfen hier nicht unser Haus einreißen, Trampel, Sie.«
»Es sünd unreine Augen in der Nöhe«, plustert sich der Schieber. »Es würd aber gut gezahlt, sind Sie stille, Mann!«
Der Fahrer stellt den Kanister in der Stube ab. Stefanie spielt Frau. Sie flicht ihre Zöpfe.
»Mann, Sie haben ja noch eine Menge Wasser im Kanister, nehmen Sie doch das erst«, sage ich.
Kimpel wird wieder unwillig: »Du hast nur zu antworten, wenn ich frage.« Beim Tadeln fällt sein Bauch zusammen. Er zieht zwei Stöckchen aus der Tasche und bläst den Bauch wieder auf. Die Stöckchen sollen Zigarren sein. Ich muß auch eine rauchen.
»Verkaufen Sü vülleich Hühner, wo die Schale noch dran ist?« Der Schieber pustet den gedachten Zigarrenqualm mit offenem Munde aus.
»Ich weiß noch nicht, ob wir schon Hühner haben.«
Kimpels Bauch fällt mit einem Ruck zusammen. »Mensch, bist du dämlich. Jetzt habe ich doch nach Eiern gefragt.«
»So? – Da muß ich meine Frau fragen.«
»Bütte, wo ist sü?«
»Da sitzt sie doch! Sie sind auch ein Dämel.«
»Gnädiche Frau, ich verhandle am liebsten mit Ihnen. Mit Frauen läßt es sich besser umgöhen. Geben Sü Eier ab? Ich zahle hoche Preise, weil ich gute Verbindung hab bis nach Scheenebörg.«
Stefanie wirft ihre Zöpfe auf den Rücken. Sie hat sich aus einer Grasnelke einen Ring gemacht, der dürre Blütenkopf ist der Stein. Sie hält die Hand mit gespreizten Fingern auf der Brust. »Was denken Sie sich! Sind Sie nicht fett genug? Wir haben Umsiedler im Dorf. Die wollen auch mal ein Ei.«
Kimpel ist auch mit Stefanie nicht zufrieden. »Das kannst du ja sagen, aber zuletzt mußt du mir die Eier doch geben, sonst kann ich euch nicht vormachen, wo ich sie verstecke, damit sie kein Gendarm findet.«
Stefanie hat eine andere Meinung von diesem Spiel. »Für Geld arbeitet niemand bei uns auf dem Felde. Wenn ich den Umsiedlern Eier für die Kinder mitgebe, kommen sie gern.«
»Sü wörden doch die Eier nicht an solche Hergelaufenen wegschenken, wo ich Ihnen hoche Preise zahle.«
Murmelauge läßt sich auch durch Steinwürfe nicht mehr schrecken. Er kommt bis zu den Hüften aus seiner Grube und deutet auf einen Birkenstrauch. Hinter dem Birkenstrauch steht ein Mann. Der Mann verläßt sein Versteck und kommt mit langen Schritten auf uns zu. Er trägt einen Anzug aus Soldatentuch, aber um den Hals herum ist er feiner als ein Soldat. Sein graugrüner Hemdkragen ist mit einem schwarzen Schlips verziert. Der Mann ist angezogen, als wollt er sonntags in die Schenke gehen. Die Ränder seiner Hosenbeinlinge stecken in grauen Segeltuchgamaschen. Um die Augen herum lacht der Mann, aber sein Mund ist ernst. Wir sperren die Mäuler auf und drücken uns aneinander. Murmelauge kommt aus der Kieskuhle. Tschechensepp verläßt seine Autokiste.
»Verkehrt, alles verkehrt gespielt«, sagt der Mann behutsam.
Wir stoßen uns an und grinsen. Kimpel setzt sich auf den Benzinkanister. »Wieso spieln wir verkehrt?«
»Keine Eier für den Schieber, für die Umsiedler auch nicht. Alle Eier in die Sammelstelle, versteht ihr? Wie solln sonst die Leute in der Stadt an ihre Eier kommen?«
Kimpel-Fritz wird dreister: »Wir spielen richtige Bauern, nicht Zeitungsbauern.«
»Was sind das – Zeitungsbauern?« Der Fremde wird nachdenklich.
»Sie ziehen sich die Hosen mit Messer und Gabel an.«
»Wer sagt das?«
»Unser Alter.«
»Wie heißt du?«
»Kimpel-Fritz.«
»Und wie heißt der?«
»Der heißt Sepp Wurm, aber wir sagen Tschechensepp zu ihm. Sie essen sonntags Knödel und sind vor den Tschechen ausgerissen.«
»Und der? Wie heißt der?« Der Mann zeigt auf mich.
»Das ist Tinko. Martin Kraske heißt er. Er hat noch keinen Vater, bloß die Großeltern.«
Der Mann sieht mich an. Seine Augen schimmern wie grünes Flaschenglas. Er prüft mit starrem Blick meine Jacke, meine Holzpantoffeln ab. Ich suche den durchgewetzten Strumpf unter dem Pantoffelleder zu verstecken. Der Mann bläst seine eingefallenen Wangen auf und streckt mir die Hand hin.
»Tag, Tinko!«
Ich wisch meine Hand zuvor an den Hosen ab. Seine Hand ist hart wie ein Brett, aber warm. Der Mann gibt auch Stefanie, Murmelauge, Kimpel-Fritz und Tschechensepp die Hand.
»So spielt ihr nun, jaja. Ohne Sammelstelle, das geht nicht. Kann der Tinko mal mit zu den Großeltern gehen, oder wie ist’s?«
»Das kann er halten wie ein Dachdecker«, sagt Kimpel-Fritz.
Mir fällt ein, daß ich Kartoffelsäcke holen sollte. Wenn ich ohne Säcke nach Hause komme, wird der Großvater einen Krach mit mir machen. Er wird noch mehr krakeelen, wenn ich einen Hamsterer ins Haus bringe.
»Ich geh nicht mit«, sag ich zu dem Fremden. »Wir wolln erst fertigspielen.« Ich seh den Mann nicht an. Der Mann hebt die Hände, läßt sie gegen die Schenkel fallen, dreht sich um und geht davon.
Wir kauern uns hin und warten, bis er hinter den Bäumen verschwunden ist.
»Tinko, das war euer Heimkehrer«, sagt Stefanie.
»Was du redest, Stefanie.«
»Auf Ehre! Drei Eide, pui, pui, pui! Er kam vorhin an, als ich zu den Sandgruben ging.«
»Dann ist es Onkel Matthes«, sage ich. »Ich habe ein Bild von ihm gesehen, darauf hatte er keinen Schlips.«
»Und wenn … und wenn er dir was mitgebracht hat?«
»Geh mir los mit Heimkehrern!« Kimpel-Fritz klopft ein Fasanenei auf. »Pui, die stinken! – Sie haben selber nichts zu fressen.«
»Ganz wahr«, sage ich. Ich sage es, weil ich Großvaters Schelte fürchte. »Matschkes hatten einen Heimkehrer. Der hat wer weiß wieviel Zigaretten für den Großvater mitgebracht. Dann hat er sie selber gepafft.«
»Wie war’s bei Zechs?« eifert Kimpel-Fritz. »Erst hat der Willi nur von der Mutter Senge gekriegt. Dann kam der Heimkehrer, zu dem er hat Vater sagen müssen, und er hat auch von dem noch Pauke erwischt.«
»Uns kann kein Heimkehrer mehr kommen«, zwitschert Stefanie. »Mein Vater ist tot. Wir haben seine Brieftasche bekommen. Da war eine Locke von mir drin. In der Locke warn Läuse. Meine Mutter schlägt mich auch nicht.«
»Du bist ja weiß und heilig wie ein Engel«, höhnt Kimpel. »Wer kein Hemd anzieht, macht es nicht schmutzig.«
Stefanie denkt, das soll auf ihr Hemd gehen. Sie zieht eine Schnute. »Ich zieh nur im Sommer keins an. Weil ich nur noch die zwei kurzen habe. Die brauch ich im Winter.«
»Das wär mir eine Schweinerei! Ich zieh manchmal zwei Hemden an«, prahlt Kimpel. »Wenn eins verdreckt ist, ziehe ich das andere drüber.«
»Arme Leute müssen sparen«, sagt Murmelauge beiläufig und klopft mit einem Stein eine Drahtklammer am Pantoffelleder fest.
»Richtig wahr! Nicht eine Fensterscheibe darf Zechs Willi einwerfen. Er muß es ableiden«, sagt Kimpel. »Wir haben die Scheibe in der Schmiede eingedonnert. Sauber – auf zehn Meter mit einem kleinen Stein. Natürlich mußten wir bezahlen. Der Schmiedelehrling hatte es gesehen. Zechs haben ihren Anteil nicht zahlen können. Mein Vater hat meinen gezahlt, und gut war’s. Der Willi ist erst mit dem Stock behobelt worden, und dann hat er vierzehn Tage den Blasebalg beim Schmied ziehen müssen. Dem hätt ich was geblasen!«
»Na, wenn sie kein Geld haben, blöder Kimpel! Was soll er machen?« Murmelauge ist aufgesprungen.
»Jaja, so ist es«, kichert Kimpel, »wer kein Geld hat, muß zweimal bezahlen, mit dem Hintern und mit dem Blasebalg. Und wenn ein Heimkehrer da ist, muß man noch öfter bezahlen. Da haut mal der, mal der drauf. Ich würde aber ausfeuern.«
Murmelauge nimmt seinen Pantoffel in die Hand und droht: »Du brauchst dich gar nicht so großzutun, alter Kulak.«
»Was hat der gesagt, Kuhkack?«
»Ein Kulak bist du.«
»Wer sagt so was?«
»Ich habe es gehört.«
»Was ist denn das?«
»Es ist ganz was Schlimmes.«
»Schlimmer als eine Sau?«
»Es ist ein halber Affe. Nun weißt du es.«
»Jetzt werd ich dir gleich einen halben Affen …« Fritz sucht nach seinem Bettrohr.
»Denkst du, ich weiß nicht, wo du die Eier verstecken wolltest?« reizt ihn Murmelauge.
»Kannst du nicht wissen. Sag es. Wenn du es triffst, verkeil ich dich nicht.«
»Ich hab wohl Furcht vor deinem Pusterohr? In den Kanister wolltest du die Eier werfen. Stimmt’s, Stefanie? Ich hätt sie gefunden. Ins Kittchen hätt ich dich gesteckt.«
»Du hast gemogelt, deshalb weißt du es.«
»Hier«, sagt Murmelauge. Er bohrt seinen Zeigefinger gegen die Stirn. »Aus der Zeitung weiß ich es.«
Tschechensepp bekommt Sorge um seine Fasaneneier. Die Prügelei liegt in der Luft. Er stopft sie wieder in die Hosentaschen.
Stefanie schmollt: »Zank, Zank, immer Zank. Ich spiel nicht mehr mit.«
Sie steht auf und geht ins Dorf hinunter.
»Seht nur, wie stolz sie tut mit ihrem nackten Bauch. Stefanie Nacktbauch! Stefanie Nacktbauch!«
Stefanie dreht sich um. Sie steckt die Zunge heraus. »Kulak, Kulak, du halber Affe!«
Tschechensepp kreischt vor Vergnügen. Er folgt Stefanie und hält die Hände schützend auf die Hosentaschenschlitze.
Die Grillen tirilieren. Stieglitze hängen an Distelköpfen. Die Sonne rötet sich. Ein sanfter Wind geht durch die Birken. Leise lösen sich gelbe Blätter und treiben über die Heide. Harzduft strömt aus dem Wald.
»Jetzt geh ich Vogelnester suchen. Du kommst mit, Tinko«, sagt Kimpel nach einer Weile.
»Du wirst welche finden. Läßt dich ja von einer Fasanenhenne verdummen«, höhnt Murmelauge.
»Ich hab doch Augen und keine Murmeln im Kopf wie du.«
Ich zögere. Was soll ich im Wald? Es gibt keine Vogelgelege mehr.
»Los, komm, Tinko!«
»Ich will nicht.«
»Was, du willst nicht? Dann zahl deine Schulden. Sofort zahlst du sie!«
»Ich habe keinen Pfennig.«
»So, keinen Pfennig, aber die Schule hast du gestern und heute geschwänzt. Ich werd erzählen, daß du nicht krank bist.«
»Aber Kartoffeln mußte ich lesen.«
»In der Kieskuhle hast du Kartoffeln gelesen?«
»Na, dann … komm ich eben mit.«
Mir fällt ein, daß Großvater die Kartoffelsäcke noch nicht vergessen haben könnte. Murmelauge hat mich die ganze Zeit angestarrt. Er stülpt seine Holzpantoffeln im Sitzen über die Füße, steht auf, wirft den Kopf verächtlich in den Nacken und folgt Sepp und Stefanie.
Es dunkelt. Im Wald fanden wir nichts. Ich gehe heim. In der Küche steht Großmutter und macht mir Zeichen. Ich hör Tellergeklapper in der Stube. Die Kartoffelsäcke fallen mir ein.
»Ich war dort. Es war nur die Kimpelmummel daheim.«
»Pssst!« macht die Großmutter. Sie legt den zerschrundeten Zeigefinger quer über den Mund. »Erst mal säubern«, tuschelt sie. »Es ist jemand da.« Sie fährt mir hastig mit einem nassen Lappen ins Gesicht. Mit der freien Hand klopft das Weiblein an meiner Jacke herum. »Zieh die Strümpfe aus. Dir bläkt das nackte Fleisch aus den Pantoffeln!«
»Ist Onkel Matthes gekommen, Großmutter?«
»Ganz jemand anders. – Dein Vater ist gekommen.«
»Ach, das war der?«
Die Großmutter stemmt die Fäuste in die Hüften. Am Rand des Kopftuches quellen ihr rotblonde Löckchen in die Stirn. Sie kleben dort am Schweiß.
»Es ist ja wahr«, sagt die Großmutter, »du kannst ihn nicht kennen.«
»Ich kenn ihn, Großmutter. Er hat uns weisen wollen, wie man Eierschieber spielt. Er weiß nicht, wie man schieben muß.«
Großmutter schüttelt den Kopf. Sie rubbelt an meinen Händen und begreift nicht recht. »Ich werd euch – so vertrackte Sachen spielen!«
»Großmutter!«
»Was hast du?«
»Heimkehrer dreschen die Kinder. Zechs Willi mußte zweimal bezahlen. Mit dem Hintern und mit dem Blasebalg.«
Großmutter drückt mir den Lappen auf den Mund.
»Wer plappert da, ist es der Tinko?« Die Stimme des Großvaters knarrt aus der Stube. »Er soll sich sehen lassen. Hier ist jemand.«
»Machst einen Diener, wenn du dem Vater die Hand gibst.« Großmutter fährt mir noch schnell mit einem grobzinkigen Holzkamm durchs Haar.
»Ich sag nicht zweimal guten Tag zu einem, Großmutter.«
»Scher dich rein, du Klugmaul!«
Die Stube ist verqualmt. Aus dem Mund des Heimkehrers kommen Rauchfladen wie aus einer Esse. Auch der Großvater raucht eine Zigarette mit langem Pappmundstück. Das Mundstück ist schwarz von seinen Kautabaklippen.
»Wie sagst du denn?« Großvater nimmt mich beim Kragen und zieht mich an den Tisch.
»Laß ihn, Vater«, sagt der Mann. Dafür packt er mich und will mich an sich ziehen. Ich sträube mich. Die Linke des Mannes umschließt meinen Unterarm wie eine Fessel. Er legt mir den rechten Arm um die Schultern. Ich stemme die Hände gegen seine Brust. Der Mann duftet nach Stroh und Tabak. Er streicht mir über den Kopf. Ich sage: »Sie, Sie zerwirtschaften mir meinen Scheitel!«
»Potz, eitel ist er auch schon!« Der Mann läßt mich los. Die Großmutter steht in der Stubentür und wischt sich die Tränen. »Er muß sich erst gewöhnen, Ernst«, sagt sie.
»Dämm dein Wasser, alte Heultrine«, fährt sie der Großvater an.
Ich setze mich aufs Sofa und zeichne mit dem Finger die Muster im Plüsch nach. Auch so fühl ich, daß der Heimkehrer mich anschaut. Seine harten Finger streifen die Zigarettenasche am Tellerrand ab. Die Großmutter schiebt mir eine Schüssel Bratkartoffeln zu.
»Ich will keine Bratkartoffeln.«
»Willst du Milchsuppe, Tinko?«
»Ich will keine Milchsuppe.«
»Was willst du?«
»Ich will Eier.«
»Du sollst Eier haben.«
»Gib dem Jungen Eier«, bestimmt der Großvater. »Er scharwerkt wie ein Alter, muß er auch essen, was ihm schmeckt.«
Der Großvater denkt nicht mehr an die Säcke. Der Heimkehrer räuspert sich, schiebt sein spitzes Kinn vor und pfeift durch die Zähne. Das hört sich an wie Wind im Gras. Pfeif du man, denke ich. Ich schau dich doch nicht an. Morgen wirst du mich schon verprügeln. Ich höre die Großmutter Eier in die Pfanne schlagen. Der Hunger rollt in meinem Bauch. Ich könnte die Bratkartoffeln auf einen Sitz verschlingen. Ich werde sie nicht essen, solange mir dieser Mann dort zuschaut. Mag er hinausgehen, wenn er schon nach dem Essen ist.
Die Eier sind fertig. Der Duft zieht in die Stube. Großmutter bringt sie mir in der Pfanne. Der Mann macht sich nicht vom Tisch weg.
»Solche Eier wollte ich nicht.« Ich schiebe die Pfanne zur Seite.
»Was für Eier wolltest du, Tinko?«
»Andere.«
»Gekochte?«
»Ja, gekochte.«
Der Heimkehrer beginnt auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. Er trommelt mit den Fingern auf der Tischplatte. Das hört sich an wie Regen aus satten Tropfen. So einen Vater wollt ich auch nicht. Ich wollte einen mit rundem, freundlichem Gesicht. Auf Großmutters Kommode steht ein Bild von meinem Vater. Das ist mein Muster.
»Kannst du den Jungen nicht gleich fragen, welche Eier er will?« raunzt der Großvater.
»Ich dachte … weil er doch immer gebratene Eier …«
»Dachte, dachte …«, äfft der Großvater. »Der Appetit ist bei so einem Zirpser wie ein Ziegenbock; springt mal hier, mal da hin.«
Großmutter geht seufzend in die Küche und setzt Wasser auf.
Der Heimkehrer zündet sich eine neue Zigarette an.
»Du qualmst ganz schön.« Großvater starrt den Heimkehrer an. »Das läuft ins Geld.«
Der Mann macht eine abwinkende Handbewegung. Ich zupfe Fäden aus meiner Hose.
»Nicht wenig verwöhnt.« Der Heimkehrer weist mit der Schulter auf mich.
»Sieh dir seine Arme an!« Großvater packt mich. »Bei uns wird nicht geschmachtet.«
»Verwöhnt ist er, mein ich.«
»Ach was, verwöhnt! Soll er hungern bei fünfzig Morgen hinterm Pflug?«
»Hast kein dürres Heimchen vorfinden sollen«, mischt sich die Großmutter ein. Ihr Gesicht glüht. »Keine Mutter und hungern! Das wär eine Zucht!«
Großvater schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Er zwirbelt seinen Silberbart. »Ein vollwertiger Bauer und dem Jungen nichts gönnen, wie?« Großvater rückt sich stolz im Stuhl zurecht. Seine harten Grauaugen kreisen herausfordernd umher. Der fremde Mann pfeift wieder durch die Zähne. Auf welchem Baum ist Großvaters Stolz gewachsen? »Vollwertiger Bauer? Du bist schnell in die geschenkte Jacke hineingewachsen«, sagt der Heimkehrer scharf und kneift das linke Auge zu.
Großvater wird nachdenklich. Nein, er ist nicht immer Bauer gewesen. Sechs Schulhosen hatte er aufgetragen, da schickte ihn sein Vater Christian zu den Maurern. »Handwerk ist Handwerk, dann brauchst du später den gnädigen Buckowitzen die Hände nicht zu lecken!« sagte der Urgroßvater. Großvater ging auf den Bau, rührte Kalk ein, schleppte Steine, siebte Sand. Er verdiente sich einen Rucksack, eine Kelle und eine Wasserwaage. Nach drei Jahren kaufte er drei Liter Schnaps. Drei Meister soffen den Schnaps aus, und davon wurde Großvater Geselle.
Großvater ging mit den Maurern in die Stadt und baute Fabriken und Villen. Da wurde er rot.
»Großvater, wo warst du rot?«
»Das ist nicht zu sehen, du Neuhörnchen. Es ist mehr innerlich.«
Jeden Morgen trabte Großvater dreizehn Kilometer in die Stadt. Am Abend kroch er die dreizehn Kilometer zurück. »Ich wär lieber wie ein Hirsch nach Hause gerannt«, erzählt Großvater. »Denn ich mußte aufpassen, daß mir die anderen nicht an die Minna gingen.« Die Minna, das ist meine Großmutter. Sie stand mit der Urgroßmutter auf einem kleinen Feldstück, hackte die weißen Schlangenwurzeln der Quecken aus der Erde und sang vor sich hin:
»Hätt ich Tinte, hält ich Feder,
hätt ich Geld und Schreibpapier,
würd ich dir die Zeit aufschreiben,
die du hast verweilt bei mir …«
»Brumm nicht so albernes Zeug«, raunzte die Urgroßmutter. »Hack lieber sauber! Da hast du wieder so einen weißen Queckenwurm dringelassen. Er wird den Kartoffeln die Kraft wegfressen.« Großmutter sah schnell mal zur Chaussee. Kein August auf der Chaussee.
Später hat Großmutter Minna den Großvater August geheiratet, oder der Großvater August hat sie geheiratet. Darüber gab’s keine Einigkeit. Sie konnten sich noch jetzt darum streiten.
Die Urgroßeltern steckten der Großmutter zwei Morgen Land in die Brautlade. Acht Morgen besaßen die Urgroßeltern im ganzen. Großvater August schlug auf diesen zwei Morgen sofort Wurzeln. Er ging nicht mehr zum Mauern in die Stadt. Er suchte sich eine Arbeit als Hüttenmaurer in der Glashütte von Sandberge. Da hatte er am Morgen nur noch vier Kilometer zu traben. Er war früher daheim und konnte der Großmutter helfen. Die Steine für ein Häuschen karrten sich die Großeltern mit dem Ziehwagen von der Ziegelei. Dann kamen die Jungen angepurzelt. Zuerst der Ernst, das ist der Heimkehrer, der dort sitzt und dem Großvater bei seinen Prahlereien zuhört. Dann kam der Matthes. Ich kenne Onkel Matthes nur vom Bild her.
»Ich war immer noch ganz schön rot, und es konnten mich nur die im Dorfe leiden, die auch etwas rot waren, Potztürken!« erzählt Großvater. Großvater und die, die auch etwas rot waren, gründeten einen nicht ganz roten Verein. Es war ein Ortsverein. Großvater wurde Vorstand, weil er eine Weile Stadtluft gerochen hatte.
In der Schlafstube der Großeltern hängt eine Photographie. Darauf ist Großvater zu sehen, als er noch Vorstand im Ortsverein war. Er reitet auf einer Biertonne und schwenkt eine Fahne. Auf der Fahne steht zu lesen: »Zum ewigen Andenken an das 5 . Stiftungsfest des Ortsvereins Märzbach«. Die anderen Roten, die hinter Großvater stehen, knallen Bierseidel aneinander. Ein Roter liegt in einem Kinderwagen. Seine Beine baumeln über den Rand. Er reißt das Maul auf. Ein anderer gießt ihm Bier in den Schlund. Zwei andere Rote liegen rechts und links vom Bierfaß, auf dem Großvater reitet. Sie liegen auf der Erde und halten eine Schützenscheibe. »Schießen konnten wir im Ortsverein – die wahre Pracht! Die meisten von uns waren gediente Leute. Immer die ersten Preise beim Kriegervereinsschießen. – In der Nazizeit mußten wir das Bild verstecken«, erklärt Großvater. »Sie waren hinter solchen Sachen her.« – »Wer war hinter dir her?« fragt die Großmutter. »Du hast wohl nicht gesehen, wie der Pastor das Bild beschielt hat. Bei Matthes’ Konfirmation war es.« Die Großmutter kann sich nicht entsinnen. »Du bist zu wenig politisch«, sagt der Großvater.
Später kam Krach in den Ortsverein. Großvater blieb nicht Vorstand. Er wurde gewöhnliches Mitglied, sagt er. Großvater wollte frei werden. Das wollten die anderen im Ortsverein auch. Großvater machte es ihnen vor, aber sie waren zu ungeschickt, es nachzumachen.
Der Gutsmaurer des Herrn von Buckowitz hatte die Arbeit niedergelegt. Er wurde unter Tarif bezahlt. Großvater ging zum Herrn von Buckowitz und sagte: »Wenn Sie mir etwas Land verpachten, gnädiger Herr, mache ich Ihren Krempel nach Feierabend noch nebenbei mit.« Der Gutsherr war einverstanden. Er verpachtete vier Morgen tauben Heidboden an meinen Großvater. Großvater war auf dem besten Wege, ein freier Bauer zu werden. Er rannte nach Feierabend aufs Gut und mauerte dort, was zu mauern war. Jeder Streik in der Glasfabrik war ihm für seine Arbeit auf dem Gut willkommen. Auf diese Weise sparte er die Pacht für seine vier Morgen Sand. Im Mondschein krebste er auf seinen Feldern. »Man muß sich ranhalten, wenn man frei werden will«, sagte er. Die anderen im Ortsverein fragten Großvater: »Was bist du denn für einer, leckst den Freiherrn von Buckowitz am Achtersteven?« Großvater war aufgebracht, weil die anderen seine Linie nicht anerkennen wollten. »Wir pachten ihm nach und nach das ganze Land ab, dann soll er sehen, wo er bleibt. Man muß nur aufpassen, wenn er eine schwache Stunde hat und verpachten muß.« Die anderen lachten ihn aus. Der Krach kam. Großvater warf den Vorstandsposten hin. Man wählte Zwirbelschuster zum Vorsitzenden. Zwirbelschuster brauchte die Gelder für das Protokollpapier nicht aus der Vereinskasse zu bestreiten. Er war Gemeindekirchenrat. Auf diesem Posten fiel das Papier für den Ortsverein ab.
Großvater schuftete und scharwerkte. Jedesmal, wenn des Sonntags eine Ente in der Pfanne knisterte, sah er die Großmutter bedeutsam an und sagte: »Wie sie singt, wie sie singt! Da hast du den Vorgeschmack der Freiheit.« Großvater wurde wild, wenn Großmutter erklärte, sie habe die Ente schlachten müssen, weil die Kartoffeln gleich zu Ende seien.
Großvater karrte sich weiter ab und verbesserte den Mahlsand des Freiherrn von Buckowitz. Großmutter tropfte ihren Schweiß in die Fahren. Der Krieg kam. Was konnte der Freiherr von Buckowitz dafür? Er hatte ihn doch nicht bestellt. Einen vernünftigen Krieg kann nur ein Kaiser machen, nicht so ein österreichischer Schnürschuhgefreiter.
Großvater war nicht für den Krieg. Er hatte vor zwanzig Jahren als Landsturmmann den letzten Zipfel eines Krieges gesehen. Trotzdem sagte Großvater: »Wir sind die reinen Mordskerle!«, als im Radio geplärrt wurde, das Hitler-Heer habe das polnische Volk überrannt. Später sagte er sogar: »Der Deutsche ist eben ein mächtiger Mensch«, als auch Frankreich besetzt wurde. Zwei Jahre weiter aber sagte Großvater: »Ich denke, wir haben so viel Land erobert; da kann es doch auf die vier Morgen nicht ankommen.« Er sagte es zum Freiherrn von Buckowitz, der ihn zu sich befohlen hatte, um ihm zu eröffnen, daß er jetzt jedes Bröckelchen Land wieder selber brauche. Natürlich war dem Freiherrn nicht unbekannt geblieben, daß Großvater etwas aus seinen vier Morgen Sand gemacht hatte. Großvater hätte Sau und Seele an den Freiherrn verkauft, wenn der ihm das Land gelassen hätte. Der Freiherr blieb nobel und verbindlich. Das Land ließ er ihm nicht.
Großvater begann zu toben. Großmutter mußte es abhalten. Er wurde auch wieder roter. Er ging zum Beispiel auf den Boden und schaute sich heimlich ein gewisses Bild an. Es steckte dort, mit der verklebten Rückwand zu den Strohbunden hin, unter den Dachsparren. »Hätten sie es man damals so gemacht wie ich! Zusammen wären wir stärker gewesen. Keiner hätt ihm das Land zurückgegeben. Ausgelacht hätten wir ihn. Nein, die Hunde konnten sich auf meinen Vorschlag nicht einigen«, brummte Großvater.
Als die Resttruppen Hitlers mit der Front nach Berlin durch Märzbach rannten, wurde Großvater fast mutig. »In drei Tagen haben wir den Russen hier«, sagten die Dörfler. Sie packten ihre Habseligkeiten zusammen und gingen auf den Treck. Nur die Kimpelmummel, ein paar zahnlose Männer, einige Glasmacher und meine Großeltern blieben im Dorf. »Müßt mir einfallen! Wenn ich weggeh, schlachten die Strolche mir die Kuh«, sagte Großvater zur Großmutter. Er meinte die Hitlersoldaten, die die leeren Häuser nach Zivilsachen durchkramten. »Lieber geb ich die Kuh dem Russen. Was sein muß, muß sein. Den Hitler-Hornochsen, die den Krieg verspielt haben, gebe ich sie nicht.« Großmutter sagte nur jaja. Sie sagte ihr Leben lang jaja zu allem, was Großvater wollte und tat. Sie hatte ihre Gründe dafür.
Die Sowjetsoldaten zogen durch Märzbach. Großvater ging ihnen aus dem Wege, wo er konnte. Er fütterte seine Kuh. Großmutter kochte für die Soldaten. Futter für die Kuh war die Menge da. Großvater standen die Wiesen und Felder des Herrn von Buckowitz zur Verfügung. »Rache schmeckt wie Honig«, sagte er. Er suchte sich die besten Futterstellen für seine Kuh Motrine aus. Wenn er heimkam, kratzte er die Reste aus Großmutters Kochtöpfen und harrte der ungeschehenen Dinge. Sie geschahen. Großvater wurde zum Ortskommandanten gebracht. Der Kommandant ließ Großvater durch den Dolmetscher befragen. Als man wissen wollte, ob er Nazi gewesen sei, hob er abwehrend die Hände. Er schüttelte sich, als ob seine Jacke voll Läuse säße. Großvater sollte Bürgermeister sein. Weshalb nicht? Da hatte er wenigstens etwas vor, solange es keine richtige Arbeit für ihn gab. Er holte das alte Ortsvereinsbild vom Boden und hängte es wieder in die Schlafstube. Jetzt konnte jeder sehen, wie er schon immer für die Gerechtigkeit unter den Menschen gekämpft hatte.
Die Menschen kamen allmählich in das Dorf zurück. Der Kampf um die Gerechtigkeit konnte beginnen. Großvater hatte zu laufen, zu schnauzen, zu schreiben.
Als erster Heimkehrer kam Paule Wunsch aus sowjetischer Gefangenschaft. Großvater erzählte auch ihm von seinem Kampf für die Gerechtigkeit. Er hatte nur vergessen, daß Paule Wunsch als Jungkerl dem Ortsverein angehörte. Sie hatten Paule aber hinausgesetzt. Er war zu rot. Er war so rot, daß es schon fast kommunistisch war. Paule Wunsch zwinkerte mit dem linken Auge und sagte: »Ich weiß, ich weiß, du wolltest schon damals den Freiherrn so hintenrum enteignen.«
Großvater wußte nicht recht, was er von dieser Bestätigung halten sollte. Das alte Mißtrauen gegen Paule wuchs wieder in ihm an. Aber Paule, Großvater und andere Männer begannen jetzt, das Land des Freiherrn von Buckowitz wirklich aufzuteilen.
Aus solchem Holz also ist Großvaters Stolz. Jetzt ist er nicht mehr Bürgermeister. Das Pferd, das ihm der sowjetische Ortskommandant daließ, rennt noch munter; Großvater darf nur die Peitsche heben. Das Pferd ist ein Brandfuchs. Seine Zunge ist zu lang. Der Wallach kann sie nicht im Maule unterbringen. Er bläkt auf Gott und alle Welt. Das ganze Dorf sagt: »Es ist ein Bläker.«
»Ein Pferd ist auch da«, prahlt der Großvater.
Der Heimkehrer hört auf zu pfeifen. »Ein Pferd, soso! Gekauft?«
Großvater überhört die Frage. »So ein Fuder zieht er von dannen«, sagt er und macht eine Bewegung, als wollte er die ganze Stube umarmen. »Zwei andere Pferde hätten nicht die Hälfte geschafft. Mein Bläker sieht sich dabei nicht einmal um.«
Der Heimkehrer lächelt in sich hinein. Er brennt sich eine Zigarette an.
»Schon wieder eine? Du jagst ganze Häuser durch die Lunge«, tadelt der Großvater. Der Heimkehrer lächelt.
Die Großmutter bringt die gekochten Eier. Sie dampfen noch. »Ich esse überhaupt keine Eier mehr.«
»Warum nicht, Tinko?«
»Die Eier gehören in die Sammelstelle.« Ich bin neugierig, was der Heimkehrer dazu sagen wird. Er stutzt, wird blaß und läßt die Faust auf den Tisch sausen. »Oi, oi! so verzogen und verbogen!«
»Was spielst du dich auf«, herrscht ihn Großvater an. »Laß ihn, wenn er nicht mag! Er wird ein bißchen aufgeregt sein.«
Großmutter beginnt den Tisch abzuräumen. Sie ist besorgt um das leere Geschirr und gibt mir heimlich ein Zeichen. Ich schleich mich zu ihr in die Küche. Dort esse ich die Bratkartoffeln, die Eier, die ausgeschlagenen und die gekochten, hintereinander weg. Großmutter steht besorgt daneben. »Du wirst dir die Platze anessen!«