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Inhaltsverzeichnis

Buch
Widmung
PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
DANKSAGUNGEN
Copyright

DANKSAGUNGEN

Während der Arbeit an diesem Buch hatte ich viele Fragen zur Amnesie. Mein Dank gilt Liz Haigh-Reeve, Sallie Baxendale und besonders Trevor Powell für ihre Hilfe.

 

Ich bin froh und glücklich, ein so tolles Team von Verlags-Superhelden hinter mir zu wissen. Ein Riesendank an alle bei Transworld, besonders Linda Evans, Laura Sherlock und Stina Smemo.

 

Wie immer gilt mein ganz besonderer Dank meiner Agentin Araminta Whitley, Nicky Kennedy, Sam Edenborough, Valerie Hoskins, Rebecca Watson, Lucinda Bettridge und Lucy Cowie. Und allen, die mir helfen, am Boden zu bleiben: das Board und meine Familie, Henry, Freddy, Hugo und Oscar.

Die Romane mit Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood:
Die Schnäppchenjägerin (45286)
Fast geschenkt (45403)
Hochzeit zu verschenken (45507)
Vom Umtausch ausgeschlossen (45690)
Prada, Pumps und Babypuder (46449)

 

Außerdem lieferbar:
Sag’s nicht weiter, Liebling. Roman (45632)
Göttin in Gummistiefeln. Roman (46087)

EINUNDZWANZIG

Jetzt sind sie alle endgültig übergeschnappt. Das ist der Beweis.

Als ich bei Langridge’s reinspaziere und mich aus meinem rosa Schultertuch schäle, traue ich meinen Augen kaum. Wir haben erst den 16. Oktober, und schon jetzt hängt alles voll Lametta. Sie haben einen geschmückten Weihnachtsbaum, und auf dem Zwischengeschoss steht ein Chor und schmettert Hark the Herald.

Demnächst gehen die Vorbereitungen für Weihnachten schon am 1. Januar los. Oder sie führen ein zusätzliches »Mittsommer-Weihnachtsfest« ein. Oder es bleibt einfach durchgehend Weihnachten, auch über Ostern.

»Sonderangebot: festliches Calvin-Klein-Duftset?«, leiert ein gelangweilt wirkendes Mädchen in Weiß, und ich weiche ihr aus, bevor sie mich anspritzt. Bei näherer Überlegung fällt mir ein, dass Debs dieses Parfüm ganz gern mag. Vielleicht kaufe ich es ihr.

»Ja, gern«, sage ich, und das Mädchen kippt vor Überraschung fast hintenüber.

»Hübsch festlich eingepackt?« Sie trippelt hinter ihren Tresen, bevor ich es mir anders überlegen kann.

»Geschenkpapier, bitte«, sage ich. »Aber nicht weihnachtlich. «

Während sie das Päckchen einwickelt, betrachte ich mich im Spiegel hinter ihr. Meine Haare sind noch immer lang und schimmern, wenn auch nicht mehr ganz so leuchtend wie vorher. Ich trage Jeans und eine Strickjacke, und meine Füße stecken in bequemen Wildlederschuhen. Mein Gesicht ist ungeschminkt und meine linke Hand unberingt.

Mir gefällt, was ich sehe. Mir gefällt mein Leben.

Vielleicht führe ich kein Traumdasein mehr. Vielleicht bin ich keine Millionärin mehr, die in einem Penthouse mit Blick über London residiert.

Aber Balham ist ziemlich cool. Und was noch cooler ist: Mein Büro liegt direkt über meiner Wohnung, sodass ich den kürzesten Arbeitsweg der Welt habe. Was möglicherweise auch der Grund sein mag, wieso ich nicht mehr in meine allerschmalsten Jeans reinpasse. Das und die drei Scheiben Toast, die ich mir jeden Morgen zum Frühstück gönne.

In den letzten drei Monaten haben sich die Geschäfte so gut entwickelt, dass ich mich manchmal kneifen muss. Der Vertrag mit Porsche läuft und hat bereits einiges Interesse bei den Medien geweckt. Wir haben einen weiteren Deal gelandet über Teppiche für eine Restaurantkette, und gerade heute hat Fi mein liebstes Deller-Design – ein orangefarbenes Kreismuster – an ein trendiges Wellness-Center verkauft.

Deshalb bin ich hier beim Shoppen. Ich finde, alle im Team haben ein Geschenk verdient.

Ich bezahle das Parfüm, nehme meine Tüte und spaziere weiter durch den Laden. Als ich an einem Regal mit ultrahohen Pumps vorbeikomme, fällt mir Rosalie ein, und unwillkürlich muss ich grinsen. Sobald sie gehört hatte, dass Eric und ich uns trennen würden, verkündete Rosalie, sie wolle sich auf keinen Fall auf die Seite des einen oder anderen schlagen, ich sei ihre beste Freundin, und sie wolle mir ein Fels in der Brandung sein, absolut ein Fels.

Einmal hat sie mich besucht. Sie kam eine Stunde zu spät und behauptete, ihr Navigationsgerät funktioniere südlich der Themse nicht, und dann habe sie ein wahres Trauma erlitten, als sie Zeugin einer Straßenschlacht zwischen rivalisierenden Banden wurde. (Zwei kleine Jungs haben sich geprügelt. Sie waren acht.)

Aber sie ist immer noch besser als Mum, die es fertiggebracht hat, jeden geplanten Besuch bisher wegen des einen oder anderen Hundeleidens abzusagen. Wir haben seit damals immer noch nicht miteinander geredet, jedenfalls nicht richtig.

Aber Amy hat mich auf dem Laufenden gehalten. Offenbar hat Mum am Tag nach meinem Besuch, ohne jemandem etwas davon zu sagen, einen ganzen Schwung von ihren Rüschenklamotten eingesammelt und zur Kleiderspende gebracht. Dann ging sie zum Friseur. Anscheinend trägt sie jetzt einen Bob, der ihr wirklich gut steht, und sie hat sich ein paar moderne Hosen gekauft. Außerdem hat sie jemanden bestellt, der sich um den Schimmel kümmert – und hat ihm Geld gegeben, damit er Dads Gehwegplatten abholt.

Ich weiß, es hört sich nicht nach viel an. Aber für Mums Verhältnisse ist es ein Riesenfortschritt.

Absolut uneingeschränkt positiv und geradezu fantastisch ist, wie gut sich Amy in der Schule macht! Irgendwie hat sie sich in einen Wirtschaftskurs reingeschmuggelt, und ihr Lehrer ist ganz sprachlos, was für Fortschritte sie macht. In den Weihnachtsferien will sie bei uns ein Praktikum machen. Ich freu mich schon darauf.

Was Eric betrifft … ich seufze jedes Mal, wenn ich an ihn denke.

Er glaubt immer noch, dass wir nur vorübergehend getrennt sind, obwohl ich wegen der Scheidung bereits Kontakt mit seinem Anwalt aufgenommen habe. Ungefähr eine Woche, nachdem ich ausgezogen war, schickte er mir den Ausdruck eines Dokuments mit dem Titel Lexi und Eric: Trennungs-Handbuch. Er schlug vor, wir sollten uns einmal im Monat zu einem »Meilenstein-Meeting« treffen. Aber bisher habe ich es noch nie geschafft. Ich … ich kann Eric im Moment einfach nicht sehen.

Ebenso wenig kann ich mir sein Kapitel unter der Überschrift »Trennungssex: Untreue, Solo, Versöhnung, Andere« durchlesen.

Andere? Was um alles in der Welt …

Nein. Denk gar nicht darüber nach. Es hat keinen Sinn, sich mit der Vergangenheit aufzuhalten. Es hat keinen Sinn, vor sich hin zu brüten. Wie Fi schon sagte: Man muss nach vorn blicken. Das kann ich inzwischen ganz gut. Die meiste Zeit ist meine Vergangenheit eine verschlossene Schatulle, irgendwo ganz hinten in meinem Kopf, wasserdicht abgeklebt.

Ich mache in der Schnickschnack-Abteilung Halt und kaufe eine lila Lacktasche für Fi. Dann fahre ich nach oben und finde ein cooles 70s-T-Shirt für Carolyn.

»Einen Glühwein vielleicht?« Ein Typ mit Weihnachtsmannmütze hält ein ganzes Tablett mit kleinen Gläsern bereit, und ich nehme mir eins. Während ich so weitergehe, merke ich, dass ich mich verlaufen habe und in der Herrenabteilung gelandet bin. Aber das macht nichts. Ich habe keine Eile. Eine Weile irre ich umher, schlürfe meinen Glühwein, lausche den Weihnachtsliedern und sehe die bunten Lichter blinken …

Oh, mein Gott, sie haben mich am Haken. Langsam wird mir weihnachtlich ums Herz. Okay, das ist schlimm. Wir haben erst Oktober. Ich muss hier raus, bevor ich anfange, Weihnachtskekse und Bing-Crosby-CDs zu kaufen. Gerade sehe ich mich um, wo ich mein Glas abstellen könnte, als mich eine freundliche Stimme begrüßt.

»Da sind Sie ja wieder!«

Es kommt von einer Frau mit blondem Bob, die pastellfarbene Pullis in der Ralph-Lauren-Abteilung zusammenlegt.

»Äh … hallo«, sage ich unsicher. »Kennen wir uns?«

»Nein, nein.« Sie lächelt. »Ich erinnere mich nur an Sie, vom letzten Jahr.«

»Letztes Jahr?«

»Sie waren hier und haben ein Hemd gekauft, für Ihren … Liebsten.« Sie betrachtet meine Hand. »Für Weihnachten. Wir haben uns ziemlich lange unterhalten,während ich es eingepackt habe. Ich musste oft daran denken.«

Ich starre sie an, versuche, es mir vorzustellen. Ich, hier. Weihnachtseinkäufe. Die alte Lexi im beigefarbenen Kostüm, wahrscheinlich schrecklich in Eile, wahrscheinlich total im Stress.

»Tut mir leid«, sage ich nach einer Weile. »Ich habe ein schreckliches Gedächtnis. Was habe ich gesagt?«

»Keine Sorge!« Sie lacht fröhlich. »Warum sollten Sie sich daran erinnern? Ich weiß es nur noch, weil Sie so …« Sie stutzt, faltet einen Moment nicht weiter. »Wahrscheinlich kommt es Ihnen albern vor, aber Sie machten einen so verliebten Eindruck. «

»Ach, ja.« Ich nicke. »Ja.« Ich streiche eine Strähne zurück. Ich sollte lieber lächeln und gehen. Es ist nur ein unbedeutender Zufall, mehr nicht. Keine große Sache. Komm schon: Lächle und geh!

Doch während ich dort stehe und die bunten Lichter blinken und der Chor The First Nowell singt und mir eine fremde, blonde Frau erzählt, was ich letztes Weihnachten getrieben habe, kommen alle möglichen verschütteten Gefühle hoch und drängen wie Blasen an die Oberfläche. Das wasserdichte Klebeband pellt an einer Ecke ab. Ich kann die Vergangenheit nicht mehr verdrängen.

»Es mag sich jetzt vielleicht wie eine … komische Frage anhören. « Ich reibe über meine Oberlippe. »Ich habe nicht zufällig gesagt, wie er heißt, oder?«

»Nein.« Neugierig mustert mich die Frau. »Sie haben nur gesagt, dass er Sie zum Leben erweckt. Sie sprudelten geradezu über vor lauter Glück.« Sie lässt den Pulli sinken und mustert mich mit unverhohlener Neugier. »Sie können sich nicht erinnern

»Nein.«

Irgendwas schnürt mir die Kehle zu. Es war Jon.

Seit ich ausgezogen bin, habe ich jeden Tag mit aller Kraft versucht, nicht an ihn zu denken.

»Was habe ich ihm gekauft?«

»Soweit ich mich erinnere, war es das Hemd hier.« Sie reicht mir ein blassgrünes Oberhemd, dann wendet sie sich einem anderen Kunden zu. »Kann ich etwas für Sie tun?«

Ich stehe mit dem Hemd in der Hand da und versuche, mir Jon darin vorzustellen, und wie ich es für ihn ausgesucht habe. Versuche das Glücksgefühl noch einmal wachzurufen. Vielleicht liegt es am Glühwein. Vielleicht war es nur ein langer Tag. Aber es scheint, als könnte ich das Hemd nicht aus der Hand legen.

»Dürfte ich es bitte kaufen?«, sage ich, sobald die Frau wieder frei ist. »Sie müssen es mir nicht einpacken.«

 

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Als ich draußen auf der Straße ein Taxi heranwinke, halte ich das grüne Hemd noch immer in der Hand, drücke es mir wie eine Schmusedecke an die Wange. Es summt in meinem Kopf. Die Welt ist so weit weg, als hätte ich mir eine Grippe eingefangen.

Ein Taxi hält. Ich steige ein – wie ferngesteuert.

»Wohin?«, fragt der Fahrer, aber ich höre ihn kaum. Ich kann immer nur an Jon denken. Das Summen in meinem Kopf wird lauter. Ich kralle mich in das Hemd …

Ich summe.

Ich weiß nicht, was mein Kopf da tut. Ich summe ein Lied, das ich nicht kenne. Und ich weiß nur, dass es Jon ist.

Diese Melodie ist Jon. Sie bedeutet Jon. Ich kenne diese Melodie von ihm.

Verzweifelt schließe ich die Augen, jage ihr nach, versuche, sie zu fassen … und dann, wie ein greller Blitz, ist sie in meinem Kopf.

Sie ist eine Erinnerung.

Ich kann mich erinnern. An ihn. Mich. An uns zusammen. Der Geruch salziger Luft, sein kratziges Kinn, ein grauer Pulli … und diese Melodie. Nichts weiter. Ein flüchtiger Moment, mehr nicht.

Aber da ist doch was. Da ist was!

»Wohin, Fräulein?« Der Fahrer hat sich umgedreht und die Trennscheibe geöffnet.

Ich starre ihn an, als würde er eine fremde Sprache sprechen. Ich kann mich jetzt auf keinen anderen Gedanken einlassen. Ich muss diese Erinnerung festhalten …

»Was jetzt?« Er rollt mit den Augen. »Wo wollen Sie hin

Es gibt nur eine Möglichkeit. Ich muss einfach.

»Nach … nach Hammersmith.« Er wendet sich um, legt den ersten Gang ein, und wir sind unterwegs.

Während das Taxi durch London kurvt, sitze ich stocksteif da, total verspannt, klammere mich an den Gurt. Ich komme mir vor, als hätte ich eine kostbare Flüssigkeit in meiner Hirnschale, die ich bei einer falschen Bewegung verschütten könnte. Ich darf nicht daran denken, sonst verblasst sie mir. Ich darf nichts sagen, darf nicht aus dem Fenster sehen, darf nichts an mich heranlassen. Ich muss diese Erinnerung bewahren. Ich muss es ihm erzählen.

Als wir in Jons Straße einbiegen, werfe ich dem Fahrer etwas Geld zu, steige aus und denke auf einmal, ich hätte Jon lieber anrufen sollen. Ich zücke mein Handy und wähle seine Nummer. Sollte er nicht zu Hause sein, fahre ich eben dahin, wo er gerade ist.

»Lexi?«, sagt er.

»Ich bin hier«, keuche ich. »Ich kann mich erinnern.«

Keine Antwort. Die Leitung ist tot, und drinnen höre ich eilige Schritte. Im nächsten Moment fliegt die Haustür oben an der Treppe auf, und da steht er, in Jeans und Polohemd, mit alten Converse-Sneakern an den Füßen.

»Ich kann mich erinnern«, platze ich heraus, bevor er irgendetwas sagen kann. »Ich erinnere mich an eine Melodie. Ich kenne sie nicht, aber ich weiß, ich habe sie mit dir zusammen gehört, an einem Strand. Da müssen wir wohl irgendwann gewesen sein. Hör zu!« Ich fange an, die Melodie zu summen, brenne vor Hoffnung. »Weißt du noch?«

»Lexi …« Er fährt sich mit den Händen durch die Haare. »Wovon redest du? Wieso läufst du mit einem Hemd in der Hand durch die Gegend?« Er sieht es sich genauer an. »Ist das meins?«

»Wir haben den Song zusammen am Strand gehört! Da bin ich mir ganz sicher.« Ich weiß, dass ich zusammenhangsloses Zeug rede, aber ich kann nichts dagegen tun. »Ich erinnere mich an salzige Luft, und dein Kinn war kratzig, und es ging so …« Wieder fange ich an zu summen, aber ich merke, dass ich ungenauer werde und nach den richtigen Tönen suche. Jon verzieht das Gesicht, eher ratlos.

»Ich kann mich nicht erinnern«, sagt er.

»Du kannst dich nicht erinnern?« Ungläubig starre ich ihn an. »Du kannst dich nicht erinnern? Komm schon! Denk nach! Es war kalt, aber uns war irgendwie warm, und du hattest dich nicht rasiert … du hattest einen grauen Pulli an …«

Plötzlich ändert sich seine Miene. »Oh, Gott. Das Mal, als wir nach Whitstable gefahren sind. Daran erinnerst du dich?«

»Weiß nicht!«, sage ich hilflos. »Vielleicht.«

»Wir waren für einen Tag in Whitstable.« Er nickt. »Am Strand. Es war eisig kalt, und deshalb waren wir dick eingepackt, und wir hatten ein Radio dabei … summ die Melodie noch mal …«

Okay, vielleicht hätte ich den Song lieber nicht erwähnen sollen. Ich kann überhaupt nicht singen. Beschämt summe ich ihn noch einmal. Gott weiß, was ich jetzt summe …

»Warte. Ist das dieses Stück, das man ständig überall gehört hat? Bad Day?« Er fängt an, die Melodie zu summen, und es ist, als würde ein Traum zum Leben erweckt.

»Ja!«, sage ich eifrig. »Das ist es! Das ist das Lied!«

Jon wischt über sein Gesicht, sieht ratlos aus. »Das ist alles, woran du dich erinnern kannst? Ein Lied?«

Als er es so sagt, komme ich mir selten blöd vor, dass ich deshalb einmal quer durch London gefahren bin. Und ganz plötzlich bricht die kalte Realität in meine Seifenblase ein. Er hat gar kein Interesse mehr an mir. Wahrscheinlich hat er längst eine Neue.

»Ja.« Ich räuspere mich und versuche verzweifelt, lässig zu erscheinen. »Das war’s schon. Ich dachte nur, ich wollte dich wissen lassen, dass ich mich an was erinnere. Nur so aus Interesse. Also … mh … egal. War schön, dich zu sehen. Bye.«

Ungeschickt sammle ich meine Einkaufstüten zusammen. Meine Wangen sind heiß wie Feuer, als ich mich umdrehe und gehe. Das ist echt peinlich. Ich muss hier weg, so schnell ich kann. Ich weiß gar nicht, was ich mir dabei gedacht habe …

»Reicht das denn aus?«

Jons Stimme überrascht mich. Ich fahre herum und sehe, dass er mir die halbe Treppe hinterhergekommen ist, mit hoffnungsvollem Blick. Als ich ihn ansehe, kann ich nicht mehr anders. Alles fällt von mir ab. Die letzten drei Monate fallen von mir ab. Jetzt geht es nur noch um uns.

»Ich … ich weiß nicht«, presse ich endlich hervor. »Und was meinst du?«

»Die Entscheidung liegt bei dir. Du hast gesagt, du bräuchtest eine Erinnerung. Ein Band, das dich mit … uns verbindet.« Er kommt einen Schritt näher. »Jetzt hast du es.«

»Es ist das dünnste Band der Welt. Nur eine Melodie.« Ich gebe einen Laut von mir, der ein Lachen sein soll. »Wie Spinnweben. Hauchdünn.«

»Na, dann halt es gut fest.« Ohne seine dunklen Augen von mir abzuwenden, kommt er die Treppe herunter. »Halt es fest, Lexi. Damit es nicht zerreißt!« Er kommt zu mir und nimmt mich in seine Arme.

»Bestimmt«, flüstere ich und umschlinge ihn. Er soll immer bei mir bleiben. In meinen Armen. In meinem Herzen.

Als ich schließlich wieder zu mir komme, starren mich drei kleine Kinder von der Treppe des Nachbarhauses her an.

»Hihi«, ruft das eine. »Liebespaar, küsst euch mal!«

Da muss ich lachen, obwohl meine Augen ganz feucht vor Tränen sind.

»Ja«, sage ich und nicke Jon zu. »Liebespaar, küsst euch mal.«

»Liebespaar …« Er nickt, hält mich mit beiden Händen um die Taille. Seine Daumen streichen über meine Hüftknochen, als gehörten sie dorthin.

»Hey, Jon!« Ich halte mir den Mund zu, als wäre mir gerade was eingefallen. »Weißt du was? Auf einmal kann ich mich an noch was erinnern.«

»Was?« Seine Augen leuchten auf. »Woran kannst du dich erinnern?«

»Ich kann mich daran erinnern, dass wir zu dir in die Wohnung gegangen sind … alle Telefone abgestellt haben … und vierundzwanzig Stunden lang den besten Sex meines Lebens hatten«, sage ich ernst. »Ich kann mich sogar an das genaue Datum erinnern.«

»Wirklich?« Jon lächelt, wirkt aber eher ahnungslos. »Wann?«

»16. Oktober 2007. Um etwa …« Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. »16:57 Uhr.«

»Aaah.« Jon begreift. »Natürlich. Ja, daran kann ich mich auch erinnern. Das waren noch Zeiten, was?« Er streicht mit einem Finger an meinem Rücken herab, und mich durchfährt ein Schauder freudiger Erwartung. »Aber ich dachte, es waren achtundvierzig Stunden. Nicht vierundzwanzig.«

»Du hast recht.« Ich schnalze mit der Zunge, als wollte ich mich rügen. »Wie konnte ich das nur vergessen?«

»Komm!« Jon hält meine Hand ganz fest in seiner und führt mich – unter dem Jubel der Kinder – die Treppe hinauf.

»Übrigens«, sage ich, als er der Tür hinter uns einen Tritt gibt. »Ich hatte seit 2004 keinen guten Sex mehr. Nur damit du Bescheid weißt.«

Jon lacht. Kraftvoll zieht er sein Polohemd aus, und ich spüre, wie mich die Lust packt. Mein Körper erinnert sich daran, auch wenn ich davon nichts mehr weiß.

»Ich stelle mich der Herausforderung.« Er kommt zu mir, nimmt mein Gesicht in beide Hände und betrachtet mich eine Weile schweigend und entschlossen, bis ich innerlich vor Verlangen schmelze. »Aber, sag mal … wie ging es weiter, als die achtundvierzig Stunden vorbei waren?«

Ich kann nicht mehr an mich halten. Ich muss sein Gesicht zu mir herunterziehen, um ihn zu küssen. Und diesen Kuss werde ich nie vergessen. Den behalte ich für immer.

»Ich werde es dir sagen …«, flüstere ich mit dem Mund an Jons heißer, weicher Haut. »Ich sage es dir, sobald ich mich daran erinnern kann.«

EINS

Wie lange bin ich wach? Ist schon Morgen?

Ich fühl mich ganz schön angeschlagen. Was habe ich gestern Abend bloß getrieben? Meine Güte, hab ich einen Schädel. Okay, ich trink nichts mehr, nie wieder.

Mir ist so duselig, dass ich gar nicht richtig denken kann, und schon gar nicht …

 

Auuuuutsch. Wie lange bin ich schon wach?

Ich hab fürchterliche Kopfschmerzen und fühl mich total benebelt. Und mein Mund ist völlig ausgetrocknet. Das ist der schlimmste Kater meines Lebens. Ich trink nichts mehr, nie wieder .

Ist das eine Stimme?

Nein, ich muss schlafen …

 

Wie lange bin ich wach? Fünf Minuten? Eine halbe Stunde vielleicht? Ist irgendwie schwer zu sagen.

Welcher Tag ist heute eigentlich?

Ich liege einfach nur still da. In meinem Schädel pocht der Schmerz wie ein Presslufthammer. Mein Hals ist trocken, und mir tut alles weh. Meine Haut fühlt sich an wie Sandpapier.

Wo war ich gestern Abend? Was ist in meinem Kopf los? Als läge über allem dichter Nebel.

Okay. Ich trinke nie wieder. Wahrscheinlich habe ich eine Alkoholvergiftung. Ich gebe mir alle Mühe, mich an gestern Abend zu erinnern, aber mir fällt nur wirres Zeug ein. Alte Erinnerungen und Bilder von früher, die in wahlloser Folge aufblitzen, als hätte ich einen iPod-Shuffle im Kopf.

Sonnenblumen schwanken vor blauem Himmel …

Amy als neugeborenes Baby, das aussieht wie ein kleines rosa Würstchen im Schlafrock.

Ein Teller salzige Pommes frites auf einem Holztisch im Pub, warmer Sonnenschein in meinem Nacken, Dad sitzt mir mit seinem Panama-Hut gegenüber, bläst Zigarrenrauch aus und sagt: »Iss auf, mein Schatz!« …

Sackhüpfen in der Schule. Oh Gott, bitte nicht schon wieder diese Erinnerung. Ich will sie verdrängen, aber es ist zu spät, sie kommt einfach über mich: Ich bin sieben Jahre alt, auf dem Sportfest, und habe mindestens einen Kilometer Vorsprung, aber ich fühle mich nicht wohl, so weit voraus, also warte ich auf meine Freunde. Sie holen mich ein, und dann – im Durcheinander – stolpere ich und komme als Letzte ins Ziel. Klar und deutlich spüre ich die Erniedrigung, höre das Gelächter, fühle den Staub in meiner Kehle, hab den Geschmack von Bananen im Mund …

Bitte? Ich zwinge mein Gehirn, kurz innezuhalten.

Bananen.

Im Nebel schimmert eine andere Erinnerung. Verzweifelt versuche ich, sie wachzurufen, danach zu greifen …

Ja. Hab sie. Bananen-Cocktails.

Wir haben in irgendeinem Club Bananen-Cocktails getrunken. Daran kann ich mich noch erinnern. Beschissene Bananen-Cocktails. Was zum Teufel haben die da reingetan?

Ich krieg nicht mal die Augen auf. Sie fühlen sich schwer und zugekleistert an, wie damals, als ich falsche Wimpern getragen habe, mit so einem ominösen Kleber vom Flohmarkt. Am nächsten Morgen bin ich ins Badezimmer getaumelt und musste feststellen, dass ein Auge zugeklebt war und darauf etwas saß, das wie eine tote Spinne aussah. Sehr attraktiv, Lexi.

Vorsichtig lege ich eine Hand auf meine Brust. Die Bettwäsche raschelt – meine klingt aber anders. Und außerdem liegt so ein komisch zitroniger Geruch in der Luft, und ich trage ein weiches, leinenartiges T-Shirt, das ich nicht kenne. Wo bin ich? Was zum Teufel …

Hey, ich hab mir doch wohl niemanden angelacht, oder?

Oh, wow. Habe ich Loser Dave etwa betrogen? Trage ich womöglich das überdimensionale T-Shirt von irgendeinem heißen Typen, nachdem wir die ganze Nacht leidenschaftlichen Sex hatten, weshalb ich jetzt auch so wund und angeschlagen bin?

Nein, ich war in meinem ganzen Leben noch niemals untreu. Wahrscheinlich habe ich bei einem der Mädchen übernachtet. Vielleicht sollte ich aufstehen, kurz unter die Dusche springen …

Unter ungeheuren Anstrengungen öffne ich langsam die Augen und richte mich ein paar Zentimeter auf.

Scheiße. Was zum …

Ich liege in einem trübe beleuchteten Zimmer auf einem eisernen Bettgestell. Rechts von mir ist ein Pult mit Knöpfen. Auf dem Nachttisch erkenne ich ein paar Blumen. Ich atme tief ein und sehe einen Schlauch an meiner linken Hand, der an einem Beutel mit irgendeiner Flüssigkeit befestigt ist.

Das kann doch nicht sein. Ich bin in einem Krankenhaus …

Was ist hier los? Was ist passiert?

Ich durchforste mein Gehirn, aber es ist ein großer, leerer Luftballon. Ich brauche sofort einen starken Kaffee. Ich versuche, mich umzusehen, doch meine Augen spielen nicht mit. Sie wollen keine Informationen, sie wollen Augentropfen und drei Schmerztabletten. Kraftlos sinke ich aufs Kissen, schließe die Augen und hole tief Luft. Komm schon. Ich muss mich doch daran erinnern können, was passiert ist. So betrunken kann ich doch gar nicht gewesen sein … oder?

Ich klammere mich an meinen einzigen Erinnerungsfetzen wie an einen Strohhalm. Bananen-Cocktails … Bananen-Cocktails … denk nach … denk nach

Destiny’s Child. Ja! Langsam fallen mir ein paar Sachen wieder ein, bruchstückhaft. Nachos mit Käse. Diese kaputten Barhocker, aufgeplatztes Plastik.

Ich war mit den Mädels von der Arbeit unterwegs. In diesem schmuddeligen Club mit der pinken Neon-Decke in … irgendwo. Ich weiß noch, wie ich meinen Cocktail getrunken habe, kreuzunglücklich.

Warum war ich so niedergeschlagen? Was war passiert?

Prämien. Natürlich. Bittere Enttäuschung packt mich. Und Loser Dave ist auch nicht aufgetaucht. Große Klasse. Aber nichts davon erklärt, weshalb ich im Krankenhaus liege. Ich verziehe das Gesicht, konzentriere mich so gut wie möglich. Ich erinnere mich noch daran, dass ich wie verrückt zu Kylie getanzt habe und wir zu viert We Are Family in die Karaoke-Maschine gesungen haben, Arm in Arm. Vage erinnere ich mich daran, dass wir vor die Tür getorkelt sind, um uns ein Taxi zu suchen.

Aber danach … nichts. Alles leer.

Das ist seltsam. Ich sollte Fi ansimsen und sie fragen, was passiert ist. Ich greife zum Nachttisch und muss feststellen, dass da kein Handy liegt. Auch nicht auf dem Stuhl und nicht auf der Kommode.

Wo ist mein Handy? Wo sind meine ganzen Sachen?

Oh Gott. Bin ich etwa überfallen worden? Das muss es sein. Irgend so ein Teenie mit Kapuze hat mir eins über den Schädel gegeben, ich bin hingefallen, und dann haben sie einen Krankenwagen gerufen und …

Ein grauenvoller Gedanke packt mich. Wie sieht meine Unterwäsche aus?

Unwillkürlich stöhne ich auf. Das könnte ziemlich peinlich werden. Womöglich ist es der ausgeleierte Slip mit dem grauen BH, den ich nur anziehe, wenn der Wäschekorb voll ist. Oder der verwaschene String mit dem Bild von Snoopy drauf.

Es war bestimmt nichts Elegantes. Ich meine, so was würde ich für Loser Dave nicht anziehen. Das wäre reine Verschwendung. Unter Schmerzen bewege ich meinen Kopf hin und her, aber ich sehe keine Kleider oder irgendwas. Wahrscheinlich haben die Schwestern sie in einem Spezialofen für Sondermüll verbrannt.

Und ich habe immer noch keine Ahnung, was ich hier soll. Mein Hals fühlt sich unangenehm kratzig an, und für ein kühles Glas Orangensaft würde ich alles geben. Wenn ich so darüber nachdenke: Wo sind eigentlich die Ärzte und Schwestern? Was ist, wenn ich sterbe?

»Hallo?«, krächze ich. Meine Stimme klingt, als würde jemand eine Egge über einen Holzfußboden ziehen. Ich warte auf Antwort … aber alles bleibt still. Durch die dicke Tür kann mich sicher niemand hören.

Da fällt mir ein, dass ich vielleicht einen Knopf an dem kleinen Schaltpult drücken könnte. Ich nehme den, der wie ein kleiner Mensch aussieht – und kurz darauf geht die Tür auf. Es hat geklappt! Eine grauhaarige Krankenschwester in dunkelblauer Uniform tritt ein und lächelt mich an.

»Hallo, Lexi!«, sagt sie. »Alles in Ordnung?«

»Mh, okay, danke. Ich hab schrecklichen Durst. Und mein Kopf tut weh.«

»Ich gebe Ihnen was gegen die Schmerzen.« Sie bringt mir einen Plastikbecher mit Wasser und hilft mir auf. »Trinken Sie das.«

»Danke«, sage ich, nachdem ich einen Schluck Wasser genommen habe. »Also … entweder bin ich hier in einem Krankenhaus oder auf einer High-Tech-Schönheitsfarm …«

Die Schwester lächelt. »Leider in einem Krankenhaus. Wissen Sie noch, wie Sie hierhergekommen sind?«

»Nein.« Ich schüttle den Kopf. »Ehrlich gesagt, bin ich etwas benommen.«

»Das liegt daran, dass Sie einen kräftigen Schlag abbekommen haben. Direkt auf den Kopf. Können Sie sich an Ihren Unfall erinnern?«

Unfall? Unfall? Und plötzlich – in einem Schwall – ist alles wieder da. Natürlich. Meine Jagd nach dem Taxi, die Treppe nass vom Regen, und wie ich dann auf meinen blöden, billigen Stiefeln ausgerutscht bin …

Junge, Junge! Ich muss mir den Kopf aber ordentlich angeschlagen haben!

»Ja. Ich glaub schon.« Ich nicke. »Mehr oder weniger. Und … wie spät ist es jetzt?«

»Es ist acht Uhr abends.«

Acht Uhr abends? Wow. Ich war den ganzen Tag weg?

»Ich bin Maureen.« Sie nimmt mir den Becher ab. »Sie sind erst vor wenigen Stunden auf dieses Zimmer verlegt worden. Wir haben uns schon ein paarmal unterhalten.«

»Tatsächlich?«, sage ich überrascht. »Was habe ich denn so gesagt?«

»Sie waren kaum zu verstehen, aber Sie haben mich immer wieder gefragt, ob irgendetwas ›ausgereihert‹ ist.« Sie runzelt die Stirn, wirkt ratlos. »Oder ›ausgeleiert‹?«

Toll. Schlimm genug, dass ich überhaupt ausgeleierte Unterwäsche trage. Muss ich es dann auch noch wildfremden Leuten erzählen?

»Ausgeleiert?« Ich gebe mir alle Mühe, verdutzt zu wirken. »Keine Ahnung, was ich damit gemeint haben könnte.«

»Na, jetzt scheinen Sie ja wieder ganz klar zu sein.« Maureen schüttelt mein Kissen auf. »Kann ich noch etwas für Sie tun?«

»Ich hätte gern ein Glas Orangensaft, wenn Sie welchen haben. Und ich kann mein Handy nirgends finden, und meine Handtasche …«

»Ihre Wertsachen wurden sicher verwahrt. Da muss ich erst fragen.« Sie geht hinaus, und ich sehe mich im Krankenzimmer um, noch immer ganz umnebelt. Es kommt mir vor, als hätte ich erst eine winzig kleine Ecke des Puzzles zusammengesetzt. Ich weiß noch immer nicht, in welchem Krankenhaus ich liege. Wie ich hierhergekommen bin. Hat jemand meine Familie informiert? Und irgendwas zieht und zerrt an mir wie eine Unterströmung …

Ich wollte dringend nach Hause. Ja. Stimmt genau. Immer wieder habe ich gesagt, dass ich nach Hause wollte, weil ich am nächsten Tag früh hoch musste. Weil …

Oh, nein. Oh, Scheiße.

Dads Beerdigung. Um elf. Das bedeutet …

Habe ich sie verpasst? Instinktiv versuche ich, aus dem Bett zu steigen, aber schon vom Sitzen wird mir schwindlig. Schließlich gebe ich mich widerwillig geschlagen. Wenn ich sie verpasst habe, dann habe ich sie eben verpasst. Daran kann ich jetzt auch nichts mehr ändern.

Es ist ja nicht gerade so, als hätte ich meinen Dad gut gekannt. Er war nie sonderlich oft da und kam mir eher wie ein Onkel vor. So ein lustiger, spitzbübischer Onkel, der einem zu Weihnachten Süßigkeiten mitbringt und nach Schnaps und Zigaretten riecht.

Und es war auch kein allzu großer Schock, als er starb. Er hatte eine komplizierte Bypass-Operation, und alle wussten, dass die Chancen fifty-fifty standen. Aber trotzdem hätte ich heute dort sein sollen, zusammen mit Mum und Amy. Ich meine, Amy ist erst zwölf, und ängstlich ist sie außerdem. Plötzlich sehe ich sie vor mir, wie sie da neben Mum im Krematorium sitzt und ihren heißgeliebten blauen Löwen an sich drückt, todernst unter ihrem Pony. Sie ist noch zu klein und sollte nicht vor dem Sarg ihres Vaters stehen, ohne dass die große Schwester ihre Hand hält.

Während ich dort liege und mir vorstelle, wie sie versucht, tapfer und erwachsen auszusehen, kullert mir eine Träne über das Gesicht. Heute wurde mein Dad zu Grabe getragen, und ich liege im Krankenhaus, mit Kopfschmerzen und einem gebrochenen Bein oder irgendwas. Und wahrscheinlich hat der Räuber alle meine Kreditkarten geklaut und mein Telefon und meine neue Handtasche mit den Troddeln auch.

Außerdem hat mich mein Freund gestern Abend versetzt. Und plötzlich wird mir klar, dass mich gar keiner besucht. Wo sind meine besorgten Freunde und Verwandten, die um mein Bett herumsitzen und meine Hand halten sollten?

Na ja. Mum war vermutlich mit Amy bei der Beerdigung. Und Loser Dave kann mir sowieso gestohlen bleiben. Aber Fi und die anderen. Wo sind sie? Wenn ich daran denke, wie wir alle zusammen Debs besucht haben, als sie sich ihren eingewachsenen Fußnagel hat entfernen lassen. Wir haben praktisch auf dem Fußboden campiert und ihr Kaffee von Starbucks und Zeitschriften mitgebracht und ihr eine Pediküre spendiert, als alles abgeheilt war. Nur für einen Fußnagel.

Wohingegen ich bewusstlos war, mit Tropf und allem, was dazugehört. Aber das scheint wohl niemanden zu interessieren.

Na, toll. Find ich richtig … super.

Die nächste dicke Träne kullert über mein Gesicht, als die Tür aufgeht und Maureen wieder hereinkommt. Sie trägt ein Tablett und eine Tüte, auf der mit einem Filzer »Lexi Smart« geschrieben steht.

»Oje!«, sagt sie, als sie sieht, dass ich an meinen Augen herumwische. »Haben Sie Schmerzen?« Sie reicht mir das Tablett und einen kleinen Becher mit Wasser. »Das wird Ihnen helfen.«

»Vielen Dank.« Ich schlucke die Pille herunter. »Aber das ist es nicht. Es ist mein Leben.« Hoffnungslos spreize ich die Hände. »Es ist totaler Mist. Von vorne bis hinten.«

»Das ist es sicher nicht«, sagt Maureen beschwichtigend. »Es mag schwierig aussehen …«

»Glauben Sie mir. Es ist schlimm.«

»Bestimmt …«

»Meine sogenannte Karriere führt ins Nirwana, mein Freund hat mich gestern Abend versetzt, ich hab kein Geld mehr. Und aus meinem Waschbecken tropft braunes Rostwasser in die Wohnung unter mir«, füge ich hinzu. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, als es mir wieder einfällt. »Wahrscheinlich werden mich meine Nachbarn verklagen. Und mein Vater ist gerade gestorben.«

Maureen schweigt. Sie scheint aus dem Konzept gebracht.

»Nun, das klingt alles ziemlich … schwierig«, sagt sie schließlich. »Aber ich denke, es kommt bestimmt bald alles wieder in Ordnung.«

»Das hat meine Freundin Fi auch gesagt!« Plötzlich erinnere ich mich sehr genau an Fis leuchtende Augen im Regen. »Und sehen Sie mich an: Ich bin im Krankenhaus gelandet!« Verzweifelt deute ich auf mich selbst. »Inwiefern ist da alles besser geworden? «

»Ich … weiß nicht so genau.« Maureens Blicke zucken hilflos hin und her.

»Immer wenn ich denke, alles ist absolute Scheiße … wird es nur noch beschissener!« Ich putze mir die Nase und stoße einen schweren Seufzer aus. » Wäre es nicht schön, wenn sich ein Mal, nur ein einziges Mal, alles im Leben wie von Zauberhand selbst klären könnte?«

»Nun. Wir können alle nur hoffen, oder?« Maureen lächelt mich mitfühlend an und hält mir die Hand hin, um den Becher entgegenzunehmen.

Ich gebe ihn zurück, und dabei fallen mir plötzlich meine Fingernägel auf. Was ist das?

Meine Nägel waren immer abgekaute Stummel, die ich verstecken musste. Aber diese hier sehen fantastisch aus. Ganz sauber und in hellem Rosa lackiert … und lang. Staunend blinzle ich sie an und frage mich, wie das angehen kann. Waren wir gestern Abend noch bei einer Maniküre, und ich weiß nichts mehr davon? Habe ich mir welche aus Acryl besorgt? Die müssen irgendeine großartige, neue Klebetechnik haben, denn man sieht gar keinen Übergang und nichts.

»Ihre Handtasche ist übrigens hier drinnen«, fügt Maureen hinzu, als sie die Tüte auf mein Bett stellt. »Ich geh nur eben und hole Ihnen den Saft.«

»Danke«, sage ich und betrachte staunend die Plastiktüte. »Und danke für die Tasche. Ich dachte schon, man hätte sie mir geklaut.«

Na, wenigstens ist meine Handtasche wieder da. Mit etwas Glück ist mein Handy noch aufgeladen, und ich kann ein paar SMS verschicken … Als Maureen die Tür öffnet, um hinauszugehen, greife ich in die Tüte … und hole eine echte Louis Vuitton-Tasche mit kalbsledernen Griffen hervor, schick und teuer.

Na, super. Ich seufze enttäuscht. Das ist nicht meine Tasche. Man hat mich mit jemandem verwechselt. Als würde ich – Lexi Smart – eine Louis Vuitton-Tasche besitzen.

»Entschuldigen Sie, diese Tasche gehört mir nicht!«, rufe ich, doch die Tür ist schon zu.

Wehmütig betrachte ich das gute Stück eine Weile und überlege, wem sie wohl gehören könnte. Bestimmt irgendeinem reichen Mädchen hier auf dem Gang. Dann lasse ich sie auf den Boden fallen, sinke in mein Kissen und schließe die Augen.