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Das Buch

Mark Novak ist ein erfolgreicher Ermittler für Innocence Incorporated, eine Organisation, die unschuldig zum Tode Verurteilte vertritt und deren Fälle neu aufrollt. Doch seit seine Frau vor zwei Jahren von Unbekannten erschossen wurde, ist Mark nicht mehr derselbe. Als er nach einer unüberlegten Aktion in die Schusslinie des Vorstands gerät, empfiehlt ihm sein ältester Freund und Kollege, der Anwalt Jeff London, für ein paar Tage nach Garrison, Indiana, zu gehen. Dort ist vor zehn Jahren die 17-jährige Sarah Martin in der weit verzweigten Höhle Trapdoor Caverns verschwunden. Erst nach Tagen wurde sie von dem eigenbrötlerischen Höhlenforscher Ridley Barnes tot zurückgebracht. Ridley verstrickte sich in Widersprüche, und obwohl es keine Beweise gab, hielten ihn daraufhin alle für Sarahs Mörder. Ridley hat seit zehn Jahren keine Aussage mehr zu den damaligen Ereignissen gemacht. Doch er ist bereit, mit Mark zu sprechen …

Der Autor

Michael Koryta begann bereits in jungen Jahren seine ungewöhnliche Karriere. Schon auf der Highschool arbeitete er nebenher für eine Privatermittler-Agentur. Später verdingte er sich als Reporter und unterrichtete an der Indiana University. Wenn er nicht gerade schreibt, begibt sich der Abenteurer und Outdoor-Fan Koryta bevorzugt in die Beartooth Mountains. Er gilt in den USA derzeit als einer der aufregendsten Thriller-Autoren.

Lieferbare Titel

Die mir den Tod wünschen

MICHAEL KORYTA

DIE GEWALT
DER DUNKELHEIT

THRILLER

AUS DEM AMERIKANISCHEN VON STEFAN LUX

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Die Originalausgabe Last Words erschien 2016 bei Little, Brown and Company, New York.

Vollständige deutsche Erstausgabe 06/2017
Copyright © 2016 by Michael Koryta
Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Marcus Jensen
Umschlaggestaltung: punchdesign | Johannes Wiebel, München
Umschlagabbildung: © Johannes Wiebel unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com
Satz: Fotosatz Amann, Memmingen
ISBN: 978-3-641-19563-2
V001
www.heyne.de

Für Jayd Grossman – herzlichen Dank einem großartigen Freund. Schwer zu sagen, welche Gespräche mir bei welchen Seiten geholfen haben. Aber dass sie geholfen haben, weiß ich ganz sicher.

Die Geschichte hat viele raffinierte Passagen, ausgeklügelte Korridore.

T.S. ELIOT

St. Petersburg, Florida
13. September 2012

Die letzten Worte, die er zu ihr sagte: »Blamier mich nicht mit diesem Scheiß.«

Später wird er jedem, der fragt, und manchen, die nicht fragen, erzählen, dass seine letzten Worte ihr gegenüber »Ich liebe dich« waren. Manchmal, in schlaflosen Nächten, kann er sich beinahe selbst einreden, es sei so gewesen.

Doch als sie an jenem Septembernachmittag ihr Haus verließen und in die grelle Sonne Floridas hinaustraten, schaute Mark Novak seiner Frau nicht einmal in die Augen. Sie gingen schnell, obwohl keiner von ihnen es eilig hatte. Sie gingen wie Menschen, die es kaum erwarten konnten, den anderen loszuwerden.

»Irgendwo ist ein internes Foto durchgesickert«, sagte er, als sie den Bürgersteig erreichten. »Sie weiß zwei Dinge, und beide könnte sie auf einem durchgesickerten Foto gesehen haben.«

»Vielleicht. Und wäre es dann nicht gut zu wissen, wie sie an die Aufnahme rangekommen ist?«

»Das wird sie niemals zugeben. Sie wird alles mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten erklären.«

»Du solltest nicht so voreingenommen sein«, sagte Lauren. »Vielleicht musst du lernen zu akzeptieren, dass wir in einer komplexen Welt leben.«

»Und du musst fähig sein, so viel gesunden Menschenverstand aufzubringen, dass du eine Schwindlerin erkennst, wenn du sie vor dir hast.«

»Vielleicht ist sie eine. Das weiß ich erst, wenn ich mir die Sache näher angesehen habe.«

»Niemand hält dich davon ab, deine Zeit zu vergeuden.«

Sie blickte zu ihm auf, das letzte Mal, dass sie einander anschauten, aber ihre Sonnenbrille machte einen echten Augenkontakt unmöglich.

»Mark«, seufzte sie, immer noch geduldig. »Deine persönlichen Ansichten über die Welt sind nicht die einzig richtigen.« Ihre letzten an ihn gerichteten Worte. Sie war stehen geblieben, weil sie Laurens Auto erreicht hatten, ein Infiniti-Coupé, das einen Straßenblock näher am Haus geparkt war als sein Jeep. Hier bot sich die Gelegenheit für den üblichen Abschiedskuss oder wenigstens eine Berührung ihrer Schulter, eine schnelle Umarmung, einen Blick. Hier war die Gelegenheit zu sagen: Ich liebe dich.

»Blamier mich nicht mit diesem Scheiß«, sagte Mark. Er hatte eine Hand gehoben und rieb sich damit übers Gesicht. Seine Stimme klang müde und resigniert, und er sprach leise. Und obwohl er sich inzwischen nach einigen Gläsern Bier gern einredet, sie habe ihn gar nicht gehört, weiß er doch, dass er sich etwas vormacht.

Als er am Steuer seines Jeeps saß, wartete sie bereits am Ende der Straße, um nach links auf die Fifth Avenue zu biegen, die sie direkt zur Interstate bringen würde. Die Lücke im Verkehr war groß genug, dass er direkt hinter ihr einschwenken konnte. Zwei Blocks fuhren sie hintereinander her, dann fädelten sie sich auf die I-275 ein. Die Höhe des Jeeps erlaubte es ihm, in ihren kleineren Wagen hineinzuschauen und einen kurzen Blick auf die gebräunte Haut und das blonde Haar zu werfen. Sie sah aus wie jemand, der an den Strand gehörte. Was auch passte, denn sie war dort aufgewachsen. Ihre Augen waren hinter der Sonnenbrille verborgen, sodass er nicht wusste, ob sie seine Blicke im Rückspiegel erwiderte. Er möchte glauben, dass sie es tat. Und dass sein Gesichtsausdruck in diesem Moment freundlich war.

Er hielt sich noch einige hundert Meter unmittelbar hinter ihr, bis die Interstate sich teilte. Eine Fahrbahn schwenkte in einer Rechtskurve nach Norden Richtung Tampa, die andere links nach Sarasota im Süden. Der Infiniti fuhr nordwärts. Mark bog nach Süden ab.

Er war nicht wütend. Er war genervt. Als sie sich dafür entschieden hatten, zusammenzuarbeiten, war ihnen klar gewesen, dass es zu Konflikten kommen würde, doch bisher waren diese unbedeutend gewesen. Beide hatten sich gefreut, zum Dreamteam zu gehören – Innocence Incorporated bot die beste kostenlose Rechtsvertretung im ganzen Land. Sie stellten Todesurteile infrage und sorgten für die Freilassung unschuldig Verurteilter. Siebzehn erfolgreiche Entlastungen in drei Jahren. Mark und Lauren wussten, dass sie ihre Lebensaufgabe gefunden hatten. Lauren würde dabei auf einem etwas höheren Level spielen – sie würde die eigentliche Arbeit im Gerichtssaal übernehmen –, während Mark Teil des Ermittlerteams war. Doch dies hatte bisher nie zu Streitigkeiten zwischen ihnen geführt. Womöglich würde sie ihm mit der Befragung, zu der sie nun unterwegs war, ein wenig in die Quere kommen, denn diese Arbeit lag eigentlich unter ihrem Niveau. Das würde Jeff London, ihren gemeinsamen Chef, in Rage bringen. Lauren fuhr nach Cassadaga, um mit einer selbsternannten Hellseherin zu sprechen. Die Frau hatte eine Vision gehabt und behauptet, diese sei entscheidend für die Verteidigung eines Todeskandidaten. Dabei hatte sie über zwei Details berichtet, die sie nicht aus den Medien erfahren haben konnte: die Farbe der Socken, die die ermordete Frau in der Nacht des Verbrechens getragen hatte, und den Umstand, dass sie sich seit mehreren Tagen nicht die Beine rasiert hatte.

Mark hatte Lauren von der Reise abgeraten, und vielleicht war die Formulierung seiner Abschiedsworte – Blamier mich nicht mit diesem Scheiß – egoistisch gewesen. Das galt aber nicht für sein eigentliches Argument. Jeff London, der den Laden schmiss, hatte keinerlei Verständnis für irgendwelchen Schwachsinn. Und auf der Schwachsinnsskala der meisten Menschen rangierten Hellseher ziemlich weit oben. Für Jeff, so Marks Schlussfolgerung, lagen sie garantiert jenseits von Gut und Böse.

Doch konnte er da wirklich sicher sein? Für ihn selbst waren Hellseher ein Witz, aber vielleicht nicht für Jeff. Und hier bekam seine Argumentation etwas Unaufrichtiges, wenn nicht sogar Unehrliches. Hätte er die Diskussion auf der persönlichen Ebene geführt, so wäre seine eigene Position deutlich angreifbarer gewesen. Schließlich hatte er reichlich schlechte Erfahrungen gesammelt mit Schwindlern und Betrügern, die Menschen an ihrem wehrlosesten Punkt ausnutzten – ihrer Trauer. Lauren hätte diese Voreingenommenheit sicher ins Feld geführt, also hatte er lieber London vorgeschoben.

Er fuhr südlich über die Sunshine Skyway Bridge, die ihrem Namen heute alle Ehre machte. Die Sonne fiel seitlich durch die Windschutzscheibe und reflektierte grell auf dem Wasser des Golfs von Mexiko. Er tastete nach seiner Sonnenbrille, konnte sie nicht finden und kam beinahe von der Spur ab. Als eine Hupe ertönte, brachte er den Wagen schnell wieder auf Kurs. Er machte dem anderen Fahrer wegen des ausgestreckten Mittelfingers keinen Vorwurf, denn schließlich hatte er den Unfall erst im letzten Moment vermeiden können. Und es wäre seine Schuld gewesen. Um ein Haar hätte er den romantischen Abend, den er geplant hatte, verdorben.

An der Mautstelle hatte er endlich Gelegenheit, seine Sonnenbrille aufzusetzen. Außerdem steckte er sein Handy ins Ladegerät und dachte kurz daran, Lauren anzurufen. Sie noch ein letztes Mal zu beschwören: Lass uns einfach das Wochenende genießen. Dann kannst du noch mal darüber nachdenken. Und wenn du dann immer noch hinfahren willst, fährst du eben am Montag.

Er rief nicht an. Sie würden es später besprechen. Sie hatten das ganze Wochenende vor sich und ein Strandhaus auf Siesta Key gemietet. Den Luxus dieser kleinen Flucht aus dem Alltag gönnten sie sich, obwohl sie ihn sich eigentlich nicht leisten konnten. Sie hatten einen Tauchausflug geplant, genau das, was sie damals überhaupt erst zusammengebracht hatte. Das erste Mal, dass er seine zukünftige Frau gesehen hatte, war tatsächlich unter Wasser gewesen.

»Scheiß drauf!«, sagte Mark und beschleunigte. Sollte sie doch zu diesem sinnlosen Treffen fahren; er musste lernen, seinen Mund zu halten. Mit dem eigenen Ehepartner zu arbeiten war nicht leicht. Immerhin war es ein Vorteil, dass sie die Leidenschaft für diese Arbeit teilten. Die guten Tage waren viel häufiger als die schlechten. Und meistens konnten sie ohnehin nach Feierabend die Arbeit hinter sich lassen. Er würde dafür sorgen, dass sie es auch an diesem Wochenende schafften.

Bis zum Nachmittag hatte er das Strandhaus für sie vorbereitet. Es war ein sagenhaftes Grundstück mit einer von mächtigen Palmen gesäumten Auffahrt. Von der hinteren Veranda schaute man über weißen Sand und das glitzernde Wasser des Golfs. Derart abgeschieden waren nur wenige Flecken an der Küste Floridas. Er betrachtete die Chaiselongue auf der Veranda und malte sich aus, wie sie dort Sex unter dem Sternenhimmel haben würden. Auf der Veranda würde es gegen Abend abkühlen, vor allem durch die vom Meer herüberwehende Brise. Die Palmen würden für die nötige Privatsphäre sorgen und das Geräusch der Wellen dazu den perfekten Soundtrack abgeben.

Ich hätte es nicht sagen sollen, dachte er in diesem Moment. Ich hätte nicht riskieren sollen, einen schönen Abend durch so eine idiotische Bemerkung zu ruinieren.

Er würde es wieder in Ordnung bringen. Er würde den Mund halten, wenn sie ihm von der Verrückten in Cassadaga erzählte, und er würde sich für seine Abschiedsbemerkung entschuldigen. An einem Ort wie diesem konnte man nicht lange ärgerlich sein, und das war ohnehin nicht Laurens Art.

Er las eine Weile auf der Veranda, schlief ein und erwachte um fünf, als ihm die Sonne geradewegs in die Augen schien. Zeit, das Abendessen vorzubereiten. Er hatte in Sarasota gehalten, um Essen und ein paar Flaschen Wein zu kaufen. Lauren hatte versprochen, spätestens um sechs hier zu sein. Er machte Caprese – Laurens Lieblingssalat, der sicher dazu beitragen würde, die Spannung zu lösen – und entkorkte den Wein. Um zehn vor sechs heizte er den Grill an. Er brachte sogar ein Päckchen ihrer Zigaretten und einen Aschenbecher hinaus auf die Veranda, ein klares Signal der Versöhnung, da er sie sonst regelmäßig damit nervte, ihr Laster aufzugeben. Daneben legte er einen kleinen Plastikchip – ihre Tauchmarke von der ersten gemeinsamen Reise, einem Ausflug zum Saba National Marine Park in der Karibik, wo sie ihm seine ersten Tauchstunden erteilt hatte. Sie hatte ihren Vater überredet, ihn mitzunehmen, und darauf bestanden, dass Mark selbst eines Tages ein großartiger Lehrer werden könnte. An diesem Wochenende hatten sie sich zum ersten Mal geküsst, und am Ende der Reise hatte er den Chip aus ihrer Tasche genommen und ihn seitdem aufbewahrt. Übertriebene Sentimentalität? Sicher. Aber diesen Zug hatte sie in ihm zum Leben erweckt, nachdem er sich bereits damit abgefunden hatte, derartige Gefühle niemals zu erleben. Er trug keine Erinnerungsstücke aus der Zeit im Westen bei sich, obwohl er die längste Zeit seines Lebens dort verbracht hatte.

Neben dem alten Chip lagen – zum Schutz vor dem Wind unter den Aschenbecher geklemmt – zwei Tickets für eine Erinnerungsreise nach Saba. Mit dieser Aktion hatte er seine AmEx-Karte fast bis ans Limit ausgereizt, aber schließlich legte man das Jura-Examen (idealerweise) nur einmal ab, und Mark, der in einer Familie aufgewachsen war, in der sechs Monate geregelte Arbeit schon als Ausnahmefall betrachtet wurden, wollte Laurens Leistung unbedingt angemessen würdigen. Trotzdem war er sicher, dass die alte Tauchmarke ihr mehr bedeuten würde als die Reise. Er hatte den Chip damals mitgenommen, weil er nicht glaubte, dass er sie lange würde halten können – mit so viel Glück rechnete er einfach nicht. Er hatte sich etwas gegriffen, das ihn daran erinnerte, dass es wenigstens für dieses eine Wochenende Wirklichkeit geworden war.

Das lag jetzt fünf Jahre zurück.

Um sechs Uhr war sie noch nicht eingetroffen. Er wollte die Steaks noch nicht auf den Grill legen, für den Fall, dass sie unterwegs aufgehalten worden war. Also rief er an. Er wurde sofort zur Mailbox durchgestellt und hinterließ eine Nachricht: Der Platz hier ist wunderschön, und du auch. Wann kommst du?

Um halb sieben rief er ein zweites Mal an, dann wieder um sieben. Mailbox, Mailbox. Bei der dritten Nachricht konnte er seinen Ärger nicht mehr unterdrücken.

Um Viertel vor acht legte er ein Steak auf den Grill und aß es allein auf der Veranda. Vor lauter Frust schmeckte er nichts. Es war eine Sache, seinen Rat zu übergehen, aber eine ganz andere, deswegen einen Abend zu ruinieren, der ein ganz besonderer hätte werden sollen.

Gegen halb neun, als die Sonne langsam ins Wasser eintauchte, verwandelte sein Ärger sich in Sorge. Lauren neigte nicht zu langem Schmollen. Sie wollte Gefühle immer aussprechen, eine Angewohnheit, die Marks üblichem Verhalten dermaßen entgegengesetzt war, dass er manchmal glaubte, sie in einer fremden Sprache reden zu hören. Selbst wenn die Verrückte in Cassadaga sie aufgehalten hatte, müsste sie längst angerufen haben, um sich zu entschuldigen und Mark zu sagen, wann sie am Strand ankommen würde.

Irgendetwas stimmte nicht.

In diesem Moment dachte er an seinen Beinahe-Unfall auf der Sunshine Skyway Bridge, als er bei der Suche nach seiner Sonnenbrille um ein Haar die Kontrolle über den Wagen verloren hatte. Zum ersten Mal verspürte er echte Angst.

Bis zehn Uhr rief er alle fünf Minuten an. Mailbox, Mailbox, Mailbox. Manchmal sprach er eine Nachricht auf, manchmal nicht. Die Anrufliste würde später dazu dienen, ihn als Verdächtigen für das Schreckliche auszuschließen, das sich in Volusia County bereits abgespielt hatte, aber das wusste er in diesem Moment noch nicht. Alles, was er wusste, war, dass seine Gefühlslage sich von ärgerlich über besorgt zu panisch gewandelt hatte.

Er fand den Namen der Hellseherin in Cassadaga, doch sie hatte kein Telefon. Solange er also nicht selbst hinfuhr, würde ihr Name ihm nichts nützen. Er schickte Jeff London eine SMS und bemühte sich, nicht allzu aufgeregt zu klingen: Hey Jeff, hat sich Lauren zufällig heute Abend bei dir gemeldet?

Jeff antwortete sofort: Nein. Dachte, ihr beiden plant ein romantisches Wochenende. Hat ihr jemand ein besseres Angebot gemacht?

Könnte sein. Davor habe ich ständig Angst.

Das solltest du auch, Markus, antwortete Jeff.

Mark setzte sich auf die Chaiselongue, die er eigentlich mit Lauren hatte teilen wollen. Alles entsprach seinen Vorstellungen: Die Sterne leuchteten, der Wind war frisch und warm, die Palmwedel raschelten, und die Wellen glitten sanft über den Sand. Alles war da, nur seine Frau fehlte.

»Ruf bitte an«, flüsterte er in einem Tonfall, der fast wie ein Gebet klang. Langsam neigte sich die Batterie seines Handys dem Ende zu, weil er immer wieder aufs Display schaute, als könne es wundersamerweise doch noch einen entgangenen Anruf anzeigen. »Bitte, Lauren.«

Sie rief nicht an. Stattdessen versuchte er es ein weiteres Mal. »Ich liebe dich«, sagte er zu ihrer Mailbox, und so viel ist wahr, wenn es um seine letzten Worte geht: Er sprach sie aus. Ihm war nur nicht klar, dass er mit einem Handy sprach, das in einem wassergefüllten Graben lag, und dass die erste Kugel schon über drei Stunden zuvor ins Gehirn seiner Frau eingedrungen war.

Sein Mund war trocken, und als er aufstand, um hinunter zum Strand zu gehen, fühlten seine Beine sich unsicher an. Er atmete in tiefen Zügen, roch die salzige Brise und sagte sich, dass alles gut werden würde. Es musste eine Erklärung geben – ein platter Reifen in einer verlassenen Gegend, etwas in der Art –, und alles würde in Ordnung kommen. Sie waren jung und gesund, und natürlich würde alles gut werden, denn das war ihre Bestimmung, oder? Sie hatten noch Zeit. Sie hatten noch viele gemeinsame Tage vor sich.

Ein Lichtstrahl fiel über den dunklen Sand, und auf den Muscheln der Auffahrt knirschten Reifen. Er war so erleichtert, dass er auf die Knie hätte sinken können. Danke, danke, danke.

Schnell hastete er die Treppe zur Veranda hoch und dachte, dass weder der Streit noch das verpasste Essen oder sonst etwas wichtig war. Wichtig war nur, sie in seine Arme zu schließen. Dann öffnete er die Tür und sah, dass das Auto, das dort stand, nicht seiner Frau gehörte.

Es war der Wagen des Sheriffs von Sarasota County.

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GARRISON

1

24. Januar 2014

In Indiana schneite es.

Mark hatte das Flugzeug bei Sonnenschein und 21 Grad Lufttemperatur bestiegen. Zwei Stunden später landete die Maschine in wirbelnden Böen, die eisige Flocken über die Landebahn fegten. Der Schnee begann gerade liegen zu bleiben und überzog die umliegenden Felder mit einer Puderschicht. Das Bodenpersonal trug Gesichtsmasken und Handschuhe. Andere Passagiere griffen nach den dicken Jacken in den Gepäckfächern über ihren Sitzen. Als die Stewardess Mark seine dünne Kaschmir-Jacke reichte, wurde ihm bewusst, dass es klug gewesen wäre, einen Blick auf die Wettervorhersage zu werfen. Tatsächlich aber besaß er kein einziges Kleidungsstück in der Art, wie seine Mitreisenden sie jetzt anzogen. Er hatte sich während der letzten fünf Jahre nie weiter nördlich als Atlanta aufgehalten und es eigentlich auch für die Zukunft nicht vorgehabt. In seiner Jugend hatte er reichlich Schneestürme erlebt. Mit siebzehn Jahren war er aus Montana geflüchtet und hatte sich gewünscht, nie wieder Schnee sehen zu müssen. Und das galt auch für eine Menge anderer Dinge.

Das Auto, das ihn erwartete, war ein Ford Escape, und glücklicherweise hatte es einen Allradantrieb.

»Wie schlimm soll es denn werden?«, fragte er den Mitarbeiter der Autovermietung, als er an der Ausfahrt seinen Führerschein vorzeigte. Auch der Angestellte trug Wollmaske und Handschuhe. Hier waren alle gekleidet, als wären sie auf dem Weg zu einem Banküberfall.

»Das hier? Bloß ein kleines Schneegestöber. Nicht weiter schlimm. Machen Sie sich keine Sorgen.«

»Na gut.« Mark schloss das Fenster schnell, denn der Schnee landete auf seinem Schoß, und er begann bereits zu frieren. Erinnerungen tauchten auf: ein Schneesturm im April, der von den Bergen herab über die Ebenen heulte; Mark, der seine Mutter im Schnee so lange suchte, bis er sie irgendwann entdeckte – halb erfroren und komplett betrunken. Drei Wochen danach hatte er sie verlassen, mit nichts als einem Rucksack und einem kleinen Geldbündel mit einem Gummiband darum.

Er ließ den Flugplatz hinter sich und fuhr auf den Highway Richtung Garrison, Indiana. Eine völlig sinnlose Reise, während daheim in Florida der Vorstand von Innocence Incorporated zusammentrat, um zu entscheiden, ob man ihn entlassen sollte oder ob eine Beurlaubung samt Gehaltskürzung als Strafe ausreichte.

»Peil die Lage, und bekomm ein Gespür für die beteiligten Personen«, hatte London ihn angewiesen und ihm eine dünne Akte über den Schreibtisch geschoben. »Aber geh mir vor allem aus den Augen. Ich melde mich, wenn der Vorstand getagt hat.«

Der eigentliche Plan dahinter war, dass sein Chef auf keinen Fall das Risiko eingehen wollte, Mark persönlich in der Vorstandssitzung sprechen zu lassen. Die Fragen, die dort gestellt würden – Wie können Sie Ihr Handeln mit den Zielen dieser Organisation in Einklang bringen? –, waren keine Fragen, deren Beantwortung London ihm überlassen durfte.

Also Indiana. Denn wer befand sich schon gern mit einer entsicherten Granate im selben Raum, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ?

Er musste die Interstate schon bald wieder verlassen. Danach führte der Weg über State Highways Richtung Südosten; zunächst durch flaches Farmland, dann durch intakte, uralte Wälder. Es verblüffte ihn, wie bewaldet und hügelig das südliche Indiana war. Die flachen Felder rings um Indianapolis hatten seinen Vorstellungen von diesem Staat entsprochen, nicht aber diese baumbestandenen Hügel. Nach zwei Stunden Fahrt erreichte er Garrison und rollte langsam auf den Platz mitten im Zentrum, der dem Hollywood-Ideal einer Kleinstadt im Herzen Amerikas entsprach: Ladenfronten, die alle zum zentralen Gerichtsgebäude hin ausgerichtet werden. Auftritt John Mellencamp. Allerdings gab es nur an drei Seiten des Platzes Gebäude. An der vierten erstreckte sich eine offene Fläche, die das Gefühl eines Stadtkerns irgendwie unvollendet ließ, so als hätten die Leute, die sich hier angesiedelt hatten, irgendwann geglaubt, einen Fehler gemacht zu haben. Hinweisschilder verrieten ihm, dass das Büro des Sheriffs sich nur einen Häuserblock entfernt vom Gericht befand. Schritt eins. Der Fall begann immer dort, wo die Akte aufhörte.

Der Kurzdarstellung des Falles in den Unterlagen von Innocence Incorporated hatte er Folgendes entnommen: Im September 2004 hatte die siebzehnjährige Sarah Martin gemeinsam mit ihrem Freund eine kurz zuvor als Touristenattraktion zugänglich gemachte Höhle namens Trapdoor Caverns betreten. Die Teenager hatten sich den Ort für ein Rendezvous ausgesucht. Von unheimlichen Geräuschen dort erschreckt, zog der Junge los, um nach dem Rechten zu sehen, während das Mädchen sich versteckte. Nur versteckte sie sich zu gut. Bei seiner Rückkehr konnte er sie nicht mehr finden. Er rannte nach draußen und meldete sie als vermisst. Überwachungskameras bestätigten seine Darstellung und den zeitlichen Ablauf, den er geschildert hatte. Zuerst gab es keine Anzeichen für ein Verbrechen. Die Suche nach dem Mädchen blieb erfolglos, bis sich ein Mann namens Ridley Barnes vom Suchtrupp absonderte. In der Gemeinde hielt man Barnes für einen exzellenten Höhlenforscher; seine geistigen Fähigkeiten hingegen wurden eher misstrauisch beäugt. Über mehrere Tage hinweg galt Barnes nun ebenso als verschollen wie Sarah. Dann tauchte er wieder auf, unterkühlt und delirierend. Er trug das Mädchen auf seinen Armen. Sie war tot. Man hatte ihr Handschellen angelegt und sie offensichtlich geschlagen. Barnes behauptete zunächst, mit ihr gesprochen zu haben, doch als die gerichtsmedizinische Schätzung des Todeszeitpunkts seine Angaben in Zweifel zog, schwenkte er um und sagte, er hätte sich wahrscheinlich geirrt. Als man ihn aufforderte, die Polizei zu dem Ort zu führen, wo er sie gefunden hatte, erklärte er, er könne sich nicht mehr an die Stelle oder auch nur das ungefähre Areal in der Höhle erinnern. Danach beschloss er, überhaupt nicht mehr mit der Polizei zu sprechen. In den vergangenen zehn Jahren hatte Ridley Barnes zu den Vorfällen hartnäckig geschwiegen.

So weit die Geschichte, wie Mark sie der Akte entnommen hatte. Und sein Interesse an diesem Fall war gleich null. Es gab auch keinen Grund, sich hier gefühlsmäßig zu engagieren, denn in wenigen Tagen würde man ihn ohnehin abberufen. Er wusste es, und Jeff London wusste es. Trotzdem musste er alles routinemäßig erledigen.

Auf dem Weg zum Büro des Sheriffs zog er die Jacke dicht um seinen Oberkörper und blies sich in die Hände. Das Sheriffbüro befand sich unmittelbar neben dem Gefängnis von Garrison County, dem größten Gebäude der Stadt. Das ließ die Gemeinde in einem zwiespältigen Licht erscheinen.

Drinnen standen drei leere Stühle neben einem Getränkeautomaten und einem schwarzen Brett mit Fahndungsplakaten. Sämtliche Gesichter waren weiß. Die andere Seite des Raums wurde von einer getönten kugelsicheren Scheibe eingenommen, hinter der eine Frau in Uniform stand.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Ich würde gern mit demjenigen sprechen, der sich bei Ihnen um die Mordfälle kümmert.«

»Wollen Sie einen Mord melden?«

»Nein. Ich ermittle in einem.«

»In welchem?«

»Sarah Jean Martin. Aus dem Jahr 2004.«

Ihr Gesicht wurde reglos. Nur mühsam schien sie sich aufzuraffen, weiter mit ihm zu sprechen. »Geht es um Nachforschungen für die Medien?«

»Nein.« Mark nahm seine Brieftasche heraus, fand eine Visitenkarte und schob sie zusammen mit seinem Führerschein – der noch gültig war, obwohl ihm der Entzug mehrfach gedroht hatte – durch einen Schlitz im Glas. Sie musterte beides gründlich und sagte: »Florida, hm?«

»Genau.«

»Das erklärt die Jacke«, stellte sie fest. Dann drückte sie einen Knopf, und die Tür öffnete sich mit einem Summen. Mark griff nach dem Türknopf und trat ein. »Folgen Sie mir. Sie können mit dem Sheriff sprechen.«

»Wie heißt er?«

»Dan Blankenship. Sie haben keine Vorstellung, auf was Sie sich hier einlassen, oder?«

Angesichts ihres Alters und ihres Desinteresses bei seiner Ankunft hatte er gedacht, dass sie hier bloß ihre Zeit bis zur Pensionierung absaß. Doch der Name Sarah Martin schien einen Funken in ihr entzündet zu haben.

»Ich bin hier, um es herauszufinden«, sagte Mark. Als sie das Zimmer des Sheriffs erreichten, stand die Tür offen, und sie trat, ohne anzuklopfen, ein, wie man es nur tat, wenn man lange Zeit mit jemandem zusammengearbeitet hatte.

»Dan? Dieser Gentleman möchte mit Ihnen sprechen. Markus Novak. Er kommt aus Florida.«

»Was meine Jacke erklärt«, ergänzte Mark, um ihr die Mühe zu ersparen.

Der Sheriff war ungefähr sechzig und hochgewachsen und sah aus, als könne er Werbung für Pick-up-Trucks machen. Bei der Begrüßung verschwand Marks Hand komplett in seiner. Sobald sie allein waren, nahm der Sheriff Platz und lehnte sich zurück. Hinter ihm wurden Eispartikel gegen die Scheibe geweht, ein Geräusch, als wollten winzige Klauen sich ihren Weg durchs Fenster bahnen.

»Florida. Sicher hätten Sie lieber einen anderen Tag für Ihren Besuch gewählt, hm? Oder gleich einen anderen Monat.«

»Ein bisschen frisch ist es draußen schon.«

Der Sheriff lächelte. Allerdings nur unterhalb der Augen. Mark schätzte ihn als jemanden ein, der die politischen Aspekte des Jobs beherrschte, aber auch ein guter Polizist war. Er warf einen Blick auf Marks Visitenkarte und sagte: »Die Todeszellen-Truppe. Ich habe schon von Ihnen gehört. Während der letzten dreißig Jahre hatten wir nur einen einzigen Fall, der jemanden in den Todestrakt gebracht hat, und da wurde die Hinrichtung längst vollstreckt. Ich fürchte, Sie kommen ein wenig zu spät.«

»In unserem Fall ist tatsächlich noch niemand verurteilt worden. Oder auch nur angeklagt. Das Opfer hieß Sarah Jean Martin.«

Ohne sich im Geringsten zu bewegen, schien der Sheriff zu schrumpfen. Als hätte sich in seinem Inneren ein Loch aufgetan, das nun seine äußere Kraft einsaugte, um die Leere zu füllen.

»Sarah«, wiederholte er.

»Ja. Sie wurde vor zehn Jahren in einer Höhle vermisst, bis ein gewisser Ridley Barnes sie mit Handschellen gefesselt wieder nach oben trug, soweit ich es verstanden habe.«

Blankenship blinzelte, als müsse er seinen Blick erst scharfstellen. Er wirkte wie jemand, der Anteilnahme an einem Partygespräch heuchelte, während er in Wahrheit eine Unterhaltung belauschte, die irgendwo hinter ihm stattfand.

»Soweit Sie es verstanden haben«, erwiderte er schließlich.

»Ist es nicht korrekt?«

»Wer hat Sie in diese Sache reingezogen?«

»Ridley Barnes hat einen entsprechenden Antrag gestellt. Ich versuche nur, mir einen Überblick zu verschaffen.«

Blankenships professionelles Auftreten verschwand von einem Moment auf den anderen. Hatten seine Augen zuvor nicht gelächelt, so musterten sie ihn jetzt mit unverhohlener Unfreundlichkeit.

»Ridley selbst.« Seine Stimme klang angespannt. »Das passt. Ist ihm wohl zu lange her, dass die Menschen wegen Sarah gelitten haben und er sich daran aufgeilen konnte.«

»Sie glauben, dass er sie getötet hat.«

»Er hat sie getötet, ja.«

Mark zog den Originalbrief aus seinem Ordner und reichte ihn dem Sheriff. »Verraten Sie mir, was Sie davon halten.«

»Hab ich gerade getan.« Blankenship machte keine Anstalten, den Brief zu lesen.

»Lesen Sie«, beharrte Mark. »Bitte.«

Zunächst einmal schreibe ich Ihnen, um zu sagen, wie sehr ich die Ziele Ihrer Organisation schätze. Ich denke, sie füllt eine Lücke, weil es, wie Sie auch sagen, in ländlichen Gebieten nicht genug Geld und Personal gibt, um bei Verbrechen gründlich nachzuforschen. Hier in der Stadt behaupten viele, ich hätte genau von dieser Situation profitiert. Ich glaube aber nicht, dass diese Leute recht haben. Wir sitzen alle im gleichen Boot in dieser Stadt, wenn es darauf ankommt. Ich und die Leute, die mich hassen, und die anderen, denen es einfach nur um das Mädchen geht und die wissen wollen, was mit ihr passiert ist. Wir sitzen alle im gleichen Boot, weil wir alle mit dem Nichtwissen leben.

Der Sheriff blickte auf. »Na, ist das nicht rührend? Ridley fühlt unser aller Schmerzen mit. Scheinbar trägt er sie sogar auf seinen schmalen Schultern. Stammt diese Geschichte tatsächlich von ihm, oder kommt sie direkt aus dem Evangelium?«

Als Mark nicht antwortete, räusperte sich der Sheriff theatralisch und las weiter.

Wir leben damit jeden Tag und denken jeden Tag daran oder wenigstens manche von uns. Und während einige glauben, dass alles klar wäre, wenn ich ins Gefängnis komme oder vielleicht auf den elektrischen Stuhl, möchte ich einfach gern wissen, was passiert ist, genau wie sie. Mehr will ich nicht wissen. Meine Frage ist dieselbe wie ihre: Habe ich es getan?

Ich rechne damit, dass Sie die Meinung der meisten Leute teilen, die über diesen Fall lesen, nämlich dass ich ein Lügner oder verrückt bin. Weil ich sonst wüsste, ob ich es war. Ich hatte es schon aufgegeben, das zu erklären, bis ich in einem Buch etwas entdeckt habe. Und ich dachte, vielleicht erklärt das meine Situation besser, als meine eigenen Worte es könnten. Also hoffe ich, dass Sie es lesen und für möglich halten und dann vielleicht mit mir sprechen. Hier kommt das, was in dem Buch steht. Es heißt Blind Descent, von einem gewissen James Tabor.

Superhöhlen bringen auch eigene Gefahren mit sich. Sie gefährden den Verstand durch Klaustrophobie, Beklemmungen, Schlaflosigkeit, Halluzinationen, Persönlichkeitsstörungen. Außerdem kann es zu einem besonders heimtückischen Wahrnehmungsproblem kommen, das nur in Höhlen auftaucht und als Entrückung bekannt ist und sich wie eine Panikattacke auf Meth anfühlt. Es kann überall und jederzeit in einer Höhle auftreten, überfällt aber bevorzugt Kletterer tief unter der Erdoberfläche.

Und natürlich besteht eine grundsätzliche Gefahr, die – wie auch das Verirren – gern übersehen wird, weil sie so offensichtlich ist: die absolute, ewige Dunkelheit. Eine derart umfassende Dunkelheit, ohne das kleinste Lichtteilchen, dass sie als optische Entsprechung zum absoluten Nullpunkt gelten kann.

Ich kann Ihnen nicht besser von meinen Erfahrungen berichten, als diese Worte es tun. Dieser Teil über die Entrückung. Man würde zwölf Geschworene brauchen, die es am eigenen Leib erfahren haben, damit sie mir glauben. Aber vielleicht gibt es nicht mal zwölf Menschen auf der ganzen Welt, die so etwas erlebt haben wie ich dort unten. Aber es ist so: Die Sache wird niemals vor ein Geschworenengericht kommen, solange wir nicht wissen, was passiert ist. Und egal ob es mir hilft oder schadet, ich kann es nicht mehr aushalten. Das Nichtwissen. Ich ertrage es nicht und würde lieber ins Gefängnis gehen und wissen, dass ich zu Recht dort sitze, als auch nur einen einzigen weiteren Tag in meiner Haut zu stecken und mich fragen zu müssen, was überhaupt geschehen ist. Das ist also meine Bitte. Ich habe kein Geld. Sie schreiben, Sie brauchen auch kein Geld. Sie brauchen nur Fälle, die Aufmerksamkeit verdienen. Das war bei diesem hier immer schon so.

Ich hoffe, Sie können mir sagen, ob ich es getan habe.

Mit freundlichen Grüßen

Ridley Barnes

Der Sheriff sprach den Namen affektiert widerwillig aus und schleuderte den Brief mit einer abfälligen Geste auf den Tisch, wie man eine fettige Fast-Food-Verpackung in den Mülleimer wirft.

»Ihr Typen müsst mehr Geld als Verstand haben, wenn so ein Brief dieses Spinners Sie hergelockt hat.«

Mark konnte ihm schlecht verraten, dass wohl niemand auf die Idee gekommen wäre, ihn herzuschicken, wenn Jeff London ihn nicht aus der Schusslinie hätte schaffen wollen. Stattdessen fragte er: »Warum sind Sie so sicher, dass er der Täter ist?«

Blankenship setzte an, die einzelnen Argumente an seinen Fingern abzuzählen, kam aber, sobald er sich in Rage geredet hatte, nicht über den ersten Finger hinaus. »Weil er der Einzige ist, der die Höhle so genau kennt, dass er das Mädchen dort verstecken konnte. Und nach der Tat entschloss er sich, die Leiche zurückzubringen, um damit seinen Arsch zu retten. Wir hatten außer ihm noch andere Experten, die bei der Suche halfen, und sie arbeiteten im Team. Ridley Barnes entschied sich, auf eigene Faust loszuziehen, und verschwand in der Höhle. Mehrere Tage lang haben wir ihn genau wie Sarah als vermisst betrachtet. Und dann …«, Blankenships Kiefer spannte sich an. »Dann tauchte er wieder auf. Mit ihrer Leiche. Sie trug Handschellen, und das offenbar schon seit einer ganzen Weile.«

»Todesursache?«

»Unterkühlung. Es wurde als Mordfall behandelt, da Sarah im Anschluss an eine Entführung starb. Sie erfror nicht, weil sie sich verlaufen hatte. Sondern weil jemand nachhalf.«

»Gab es einen sexuellen Übergriff?«

Blankenship schluckte und wandte den Blick ab. Mark ging durch den Kopf, dass es für einen Mann, der sein ganzes Leben mit Polizeiarbeit zugebracht hatte, ungewöhnlich war, sein Unbehagen derart offen zu zeigen.

»Noch nicht.«

»Noch nicht?«

»Ich sehe es so: Jemand hat sie eine Zeitlang am Leben gelassen. Vielleicht wollte er sie eigentlich noch länger am Leben lassen. Sie haben von solchen Sachen gehört, dieser Typ in Cleveland zum Beispiel, der die Mädchen … wie lange … zehn Jahre in seinem Keller eingesperrt hielt? Verdammt, vielleicht hat Ridley keinen hochgekriegt und seine Wut an ihr ausgelassen. So was kommt vor. Diese Typen geben ihren eigenen Opfern die Schuld.«

»Warum hätte er die Leiche herausbringen sollen, wo es ihm doch gelungen war, sie so gut zu verstecken?«

Blankenship schaute hinunter auf seine rechte Hand, die sich zur Faust ballte. Er ließ locker, wie in einer bewussten Entspannungsübung, die ihm ermöglichte, nach außen hin professionell zu wirken und seine Wut zu verbergen.

»Weil Ridley Spaß daran hat, Spielchen zu treiben. Weil er ein kranker Hurensohn ist, dem die Vorstellung einen Kick verschafft, dass jeder Ankläger ein Problem mit den gesicherten Spuren bekommt, solange er sich als Retter seines eigenen Opfers darstellt. Und genau aus diesem Grund ist er nicht verurteilt worden. Kam nicht mal vor Gericht. Die DNA-Tests, ihr Blut an seiner Kleidung, das alles? Nun, er hatte ihre Leiche schließlich durch die Höhle getragen, oder? Begründeter Zweifel.«

»Er ist tatsächlich begründet«, erklärte Mark. »Aber Sie glauben ihm nicht.«

»Nein, ganz sicher nicht.«

»Warum?

»Weil er behauptete, sich nicht erinnern zu können, wo und wie er sie gefunden hatte. Weil er sich später weigerte, mit uns zu sprechen. Und weil er, unmittelbar nachdem er aus der Höhle gestiegen war, behauptete, ihre Stimme gehört zu haben und dieser Stimme gefolgt zu sein.«

»Das klingt doch plausibel.«

»Jedenfalls bis zu dem Augenblick, als der Gerichtsmediziner uns einen Todeszeitpunkt nannte, der Ridleys Geschichte komplett widersprach. Sie war tot, bevor er sie gefunden haben wollte. Und trotzdem hatte er angeblich ihre letzten Worte gehört?«

Blamier mich nicht mit diesem Scheiß, dachte Mark. Er sagte: »Was genau soll sie gesagt haben? Was hat er gehört?«

»›Halt, bitte.‹«

Mark war verwirrt. »Sind das die Worte des Opfers, die Barnes gehört hat? Oder meinten Sie jetzt mich?«

»Beides«, erwiderte Blankenship trocken.

»Gibt es irgendein Motiv?«

»Er ist ein zutiefst gestörter Mann. Er hatte schon vorher mit anderen Leuten in dem Sommer über die Höhle gesprochen. Ich nenne Ihnen nur die Highlights: Die Höhle hätte eine Seele. Sie möge keine Eindringlinge. Sie verlange von jedem Besucher Respekt. Mit unwillkommenen Eindringlingen würde streng verfahren, behauptete er. Und noch ein Schmankerl: Wenn man genug Zeit in der Höhle verbrächte und genau genug zuhörte, würde man begreifen, was sie von einem fordert. Und wenn man sich dann danach richtete, würden einem Kräfte verliehen, mit denen man zurück an die Oberfläche käme. Ist die Art, wie sein Hirn tickt, nach Ihrem Geschmack?«

»Nicht unbedingt. Aber mit einem Motiv meine ich eine direkte Verbindung zum Opfer.«

»Ich weiß, was man unter einem Motiv versteht, Mr. Novak. Ridley hatte keine direkte Verbindung zu Sarah Martin außer dem Umstand, dass sie den ganzen Sommer lang als Touristenführerin in der Höhle arbeitete, während er neue Tunnel und Höhlen und Gruben erforschte. Sie war ein schönes junges Mädchen und er ein gestörter und einsamer Mann.«

»Also kein Motiv.«

Blankenship warf Mark einen Blick zu, als überlegte er, ob eine Verhaftung wegen besonders hartnäckiger Belästigung zu rechtfertigen wäre.

»Ich sage Ihnen mal, was Sie tun sollten, Mr. Novak.« Der Sheriff erhob sich zu seiner vollen, beeindruckenden Größe. Mark war eins achtzig, doch Blankenship überragte ihn deutlich. »Verplempern Sie meine Zeit nicht mit Fragen nach einem Motiv, ehe Sie den Mann getroffen haben. Besuchen Sie Ridley Barnes. Sprechen Sie mit dem zu Unrecht beschuldigten alten Knaben persönlich. Und dann rufen Sie mich an. Sagen Sie mir, ob Sie dann wirklich noch glauben, dass dieser Fall Ihre Zeit und Ihr Geld wert ist. Und sagen Sie mir, was Sie zum Thema Motiv denken.«

»In Ordnung«, sagte Mark. Jeff London würde wütend auf ihn sein, wenn er wüsste, dass er sich gegen diesen abrupten Gesprächsabbruch nicht gewehrt hatte. Doch es machte ihm nichts aus. Jeff war eh nicht an dem Fall interessiert. Wie der Sheriff treffend bemerkt hatte, erfüllten die äußeren Umstände nicht annähernd die Kriterien für ein Engagement von Innocence Incorporated. Jeff hatte Mark hierher ins Exil geschickt, und Mark musste nichts weiter tun, als die üblichen Routineschritte abzuhaken und darauf zu warten, dass man ihn nach Hause rief.

»Ich bringe Sie raus«, erklärte der Sheriff. Sie verließen sein Büro und gingen zusammen bis zum Haupteingang.

»Wo übernachten Sie?«, fragte der Sheriff.

»Das habe ich noch nicht entschieden.«

»Tatsächlich? Sie kommen den ganzen Weg von Florida herauf ohne Reservierung?«

»Mir war nicht klar, dass in Garrison gerade Hauptsaison herrscht.«

Mit einem matten Lächeln öffnete der Sheriff die Tür. »Ich schätze mal, dass Sie noch ein freies Zimmer finden. Und lassen Sie mich wissen, was Sie von Ridley halten. Ich bin mächtig neugierig, wie er auf Ihre Tränendrüsen drückt.«

»Ich gebe Ihnen Bescheid. Sagen Sie, was ist eigentlich aus dem jungen Mann geworden, der sie in die Höhle begleitet hatte? Der Freund. Lebt er noch hier?«

Die Frage rief ein nachdenkliches Nicken hervor. »Evan Borders. Ein echter Schatz. Eine Menge Polizisten waren damals ganz scharf auf ihn, ehe Barnes ins Spiel kam. Nicht wegen irgendwelcher Beweise. Mehr wegen … wie soll ich es sagen … seines Charakters.«

»Er ist ein Unruhestifter?«

»Sein Daddy war ein Unruhestifter. Und Evan und die Leonards, seine Vettern, haben das Erbe angetreten. Die drei laufen hier herum wie ein Rudel verwilderter Hunde auf der Suche nach einem Grund zum Zubeißen. Aber verglichen mit Ridley sind sie zahm. Er könnte ein echter Soziopath sein.«

»Okay.«

Blankenship musterte Mark eindringlich. »Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

»Sicher.«

»Sie übernehmen Fälle ohne Bezahlung, das stimmt doch?«

»Ja.«

»Ich dachte immer, dass Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, sich durch besondere Anteilnahme auszeichnen. Nichts für ungut, Mr. Novak, aber Sie vermitteln nicht den Eindruck, dass der Fall Sie auch nur einen Scheißdreck interessiert.«

»Solange ich nicht weiß, ob wir einen Fall übernehmen, bemühe ich mich um emotionalen Abstand«, erklärte Mark. »Es ist schwierig, wenn man sich zu stark hineinbegibt und dann plötzlich abberufen wird. Klingt das einigermaßen nachvollziehbar?«

»Wahrscheinlich«, sagte der Sheriff, ohne wirklich zufrieden zu wirken. »Eine Sache sollten Sie bedenken, egal ob Sie Ihren, ähm, emotionalen Abstand einhalten oder nicht: Sarah bedeutet den Menschen hier etwas. Die Leute, mit denen Sie reden werden, haben keine solche Distanz, mein Junge.«

»Das werde ich berücksichtigen, wenn ich mit ihnen spreche«, versprach Mark.

»Passen Sie gut auf, an welche Türen Sie klopfen, Novak.«

»Ist das eine Drohung?«

»Überhaupt nicht. Sie sind nur … noch nicht mit dem Ort vertraut.«

»Das klingt nicht so, als hätten Sie besonders warme Gefühle für Ihre Heimatstadt, Sheriff.«

Blankenship schaute hinauf zum dunkler werdenden Himmel über dem alten Gerichtsgebäude aus Kalkstein.

»Der richtige Sturm kommt morgen, wissen Sie. Wenn ich vorhätte, in den Sonnenschein zurückzukehren, dann würde ich gleich heute Abend fliegen.«

»So schlimm soll es werden?«

»Ich persönlich gebe nicht viel auf die Vorhersagen. Die einen rechnen mit fünfundzwanzig Zentimetern Schnee, andere glauben, dass es warm bleibt und das meiste als Regen runterkommt. Wie gesagt, ich habe gelernt, nicht darauf zu vertrauen. Sondern auf alles gefasst zu sein. Wahrscheinlich ist es in Florida ganz ähnlich, mit den Hurrikans und ich weiß nicht was. Oder können Sie sich dort unten auf die Vorhersagen verlassen?«

»Reden wir immer noch übers Wetter?«

Der Sheriff lächelte humorlos. »Sie sind ein Mann fürs Sinnbildliche, was?«

»Eigentlich nicht.«

»Gut, ich bevorzuge nämlich Klartext. Und den haben Sie bekommen. Das Wetter ist das Wetter. Die Warnungen sind die Warnungen. Wenn ich Sie wäre, würde ich auf beides achten.«