Anton Tschechow

Die schönsten Erzählungen

Herausgegeben von Margit Bräuer

Mit einem Nachwort von Gabriele Wohmann

 

 

Impressum

Aus dem Russischen von Gerhard Dick, Wolf Düwel, Ada Knipper, Michael Pfeiffer und Hertha von Schulz

 

ISBN 978-3-8412-0170-6

 

Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2010
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2009

 

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Inhaltsübersicht

DER TOD DES BEAMTEN

DER ORDEN

BEI DER WITWE DES ADELSMARSCHALLS

LEBENDIGE CHRONOLOGIE

ALLGEMEINBILDUNG

GRAM

ANJUTA

IM SUMPF

I

II

WANKA

WEIBER

FLATTERGEIST

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

ROTHSCHILDS GEIGE

ANNA AM HALSE

I

II

DER MENSCH IM FUTTERAL

JONYTSCH

I

II

III

IV

V

HERZCHEN

DIE DAME MIT DEM HÜNDCHEN

I

II

III

IV

DIE BRAUT

I

II

III

IV

V

VI

ERZÄHLUNGEN WIE SAND AM MEER

Von Gabriele Wohmann

BIOGRAPHISCHE NOTIZ

ANMERKUNGEN

TEXTNACHWEIS

DER TOD DES BEAMTEN

An einem prächtigen Abend saß der nicht minder prächtige Gerichtsvollzieher Iwan Dmitritsch Tscherwjakow in der zweiten Sesselreihe und sah sich durchs Opernglas die »Glocken von Corneville« an. Er schaute und fühlte sich auf dem Gipfel der Glückseligkeit … Aber plötzlich … In den Erzählungen stößt man oft auf dieses »aber plötzlich«. Die Autoren haben recht: Das Leben ist voller Überraschungen. Aber plötzlich verzog er sein Gesicht, rollte die Augen, hielt den Atem an … er nahm das Opernglas von den Augen, bückte sich und … hatschi! Er nieste, wie Sie sehen. Das Niesen ist niemandem und nirgendwo verwehrt. Auch Bauern und Polizeimeister niesen, manchmal sogar Geheimräte. Alle niesen. Tscherwjakow wurde nicht im Geringsten verlegen; er trocknete sich mit einem Taschentuch ab, und als höflicher Mensch warf er einen Blick in die Runde, ob er mit seinem Niesen nicht jemanden belästigt habe. Aber da musste er doch verlegen werden. Er sah, wie der alte Herr, der vor ihm in der ersten Sesselreihe saß, mit einem Handschuh sorgfältig seine Glatze und seinen Hals abwischte und dabei etwas vor sich hin brummte. In dem alten Herrn erkannte Tscherwjakow den Zivilgeneral Brischalow aus dem Ministerium für Verkehrswesen.

Ich habe ihn bespritzt, dachte Tscherwjakow. Er ist nicht mein Vorgesetzter, sondern ein Fremder, aber peinlich ist es doch. Ich muss mich entschuldigen.

Tscherwjakow hustete, beugte sich vor und flüsterte dem General ins Ohr:

»Entschuldigen Sie, Euer -zellenz, ich habe Sie bespritzt … aus Versehen …«

»Macht nichts, macht nichts …«

»Um Gottes willen, entschuldigen Sie. Ich habe doch … ich habe das nicht gewollt.«

»Ach, bleiben Sie doch sitzen! Lassen Sie mich zuhören!«

Tscherwjakow wurde verlegen, lächelte dumm und schaute wieder auf die Bühne. Er schaute, aber er empfand keine Glückseligkeit mehr. Unruhe begann ihn zu quälen.

In der Pause trat er zu Brischalow, ging neben ihm her, und als er seine Schüchternheit überwunden hatte, murmelte er:

»Ich habe Sie bespritzt, Euer -zellenz … Entschuldigen Sie … Ich habe doch … Ich wollte nicht …«

»Ach, schon gut … Ich hatte es schon vergessen, und Sie fangen wieder davon an!«, sagte der General und bewegte ungeduldig die Unterlippe.

Er will es vergessen haben, dabei sitzt ihm die Bosheit in den Augen, dachte Tscherwjakow und sah den General misstrauisch an. Er will auch nicht darüber reden. Ich müsste ihm erklären, dass ich es gar nicht wollte …, dass es ein Naturgesetz ist, sonst wird er denken, ich wollte ihn anspucken. Wenn er das jetzt nicht denkt, so wird er es später denken!

Als Tscherwjakow nach Hause kam, erzählte er seiner Frau von der Unhöflichkeit. Seine Frau nahm den Vorfall, wie ihm schien, zu leicht; sie erschrak zwar, aber als sie erfuhr, dass Brischalow ein »Fremder« sei, beruhigte sie sich.

»Geh aber trotzdem hin und entschuldige dich«, meinte sie. »Er wird sonst denken, du verstehst nicht, dich unter Menschen zu benehmen.«

»Das ist es ja eben! Ich habe mich entschuldigt, aber er hat irgendwie sonderbar … Hat kein gescheites Wort gesagt. Es war auch keine Zeit, um ein Gespräch zu führen.«

Am nächsten Tag zog Tscherwjakow seine neue Extrauniform an, ließ sich die Haare schneiden und ging zu Brischalow, um die Sache aufzuklären … Als er das Empfangszimmer des Generals betrat, bemerkte er dort viele Bittsteller, und unter ihnen auch den General, der schon mit der Entgegennahme der Gesuche begonnen hatte. Nachdem er einige Bittsteller befragt hatte, richtete er seine Augen auch auf Tscherwjakow.

»Gestern, in der ›Arkadia‹, wenn Sie sich erinnern, Euer -zellenz«, begann der Gerichtsvollzieher seinen Bericht, »habe ich geniest und … Sie dabei … ungewollt … bespritzt … Entsch…«

»Was für Lappalien … Weiß Gott! Was wünschen Sie?«, wandte sich der General an den nächsten Bittsteller.

Er will nicht darüber sprechen, dachte Tscherwjakow und erblasste. Er ist also böse … Nein, so kann man das nicht lassen … Ich werde ihm erklären …

Als der General das Gespräch mit dem letzten Bittsteller beendet hatte und sich in die inneren Gemächer begeben wollte, ging Tscherwjakow hinter ihm her und murmelte:

»Euer -zellenz! Wenn ich es wage, Euer -zellenz zu stören, so aus dem Gefühl der Reue, kann ich wohl sagen …! Nicht mit Absicht, belieben es selbst zu wissen.«

Der General zog ein weinerliches Gesicht und winkte ab.

»Sie machen sich über mich lustig, mein Herr«, sagte er und verschwand hinter der Tür.

Wieso denn lustig? dachte Tscherwjakow … Daran ist überhaupt nichts Lustiges! Er ist General und kann es nicht begreifen! Wenn das so ist, werde ich mich nicht mehr bei diesem Angeber entschuldigen. Zum Teufel mit ihm! Ich werde ihm einen Brief schreiben, aber ich werde nicht mehr hingehen! Bei Gott, das werde ich nicht!

So dachte Tscherwjakow, als er nach Hause ging. Einen Brief an den General schrieb er nicht. Er überlegte und überlegte, aber es fiel ihm nichts Passendes für diesen Brief ein. So war er gezwungen, am nächsten Tag wieder hinzugehen und die Sache persönlich aufzuklären.

»Ich war gestern hier und belästigte Euer -zellenz«, murmelte er, als der General seine Augen fragend auf ihn richtete, »nicht, um mich lustig zu machen, wie Sie sich auszudrücken geruhten. Ich entschuldigte mich, weil ich Sie beim Niesen bespritzt habe … aber mich über Sie lustig zu machen, daran dachte ich nicht im Geringsten. Wie kann ich es denn wagen, mich über Sie lustig zu machen? Wenn wir uns lustig machen würden, so würde es keinerlei Achtung vor der Person … geben …«

»Scher dich fort!«, schrie plötzlich der General, der ganz blau angelaufen war und zitterte.

»Wie bitte?«, fragte Tscherwjakow leise und vor Entsetzen vergehend.

»Scher dich fort!«, wiederholte der General und stampfte mit den Füßen.

In Tscherwjakows Leib zerriss etwas. Er sah und hörte nichts mehr, wich zur Tür zurück, trat auf die Straße und schleppte sich davon … Ganz mechanisch kehrte er nach Hause zurück, legte sich, ohne die Uniform auszuziehen, auf das Sofa und … starb.

DER ORDEN

Der Lehrer des Militärprogymnasiums, Kollegienregistrator Lew Pustjakow, wohnte neben seinem Freund, dem Leutnant Ledenzow. Zu diesem lenkte er am Neujahrsmorgen seine Schritte.

»Siehst du, Grischa, es handelt sich um Folgendes«, sagte er nach der üblichen Neujahrsgratulation zu dem Leutnant. »Ich würde dich nicht belästigen, wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Leih mir, mein Lieber, für heute deinen Stanislausorden. Ich esse nämlich heute bei dem Kaufmann Spitschkin zu Mittag. Und du kennst doch diesen Schuft, diesen Spitschkin: Er liebt Orden über alles und hält diejenigen, bei denen nichts am Halse oder am Knopfloch baumelt, beinahe für Halunken. Und dazu hat er noch zwei Töchter … Nastja, weißt du, und Sina … Ich sage dir das, weil du mein Freund bist. Du verstehst mich, mein Lieber. Gib ihn mir, sei so gut!«

Das alles sprach Pustjakow stockend, errötend und mit scheuen Blicken nach der Tür schauend. Der Leutnant schimpfte, aber er willigte ein.

Um zwei Uhr mittags fuhr Pustjakow mit einer Droschke zu Spitschkin. Er hatte den Pelz ein wenig zurückgeschlagen und schaute auf seine Brust. Auf der Brust glänzte das Gold und schillerte die Emaille des fremden Ordens.

Man hat irgendwie vor sich selbst mehr Achtung! dachte der Lehrer und räusperte sich. Ein kleines Ding, kostet nicht mehr als fünf Rubel, aber was es für Furore macht!

Als er vor Spitschkins Haus angelangt war, schlug er den Pelz zurück und begann gemächlich den Droschkenkutscher zu entlohnen. Der Kutscher erstarrte, so schien es ihm, als er seine Achselstücke, Knöpfe und den Stanislausorden erblickte. Pustjakow hüstelte selbstzufrieden und betrat das Haus.

Während er im Vorzimmer den Pelz ablegte, warf er einen Blick in den Saal. Dort saßen an der langen Mittagstafel etwa fünfzehn Personen und speisten. Man hörte Gemurmel und Tellerklirren.

»Wer hat denn da geläutet?«, ertönte die Stimme des Hausherrn. »Ah, Lew Nikolajitsch! Seien Sie willkommen. Sie kommen etwas spät, aber das ist nicht so schlimm … Wir haben uns eben hingesetzt.«

Pustjakow streckte die Brust heraus, hob den Kopf und betrat, sich die Hände reibend, den Saal. Aber hier erblickte er etwas Schreckliches. Am Tisch saß neben Sina sein Kollege, der Französischlehrer Tremblant. Dem Franzosen den Orden zu zeigen – das hätte bedeutet, eine Menge unangenehmer Fragen hervorzurufen, sich auf ewig zu blamieren und in Verruf zu bringen … Pustjakows erster Gedanke war, den Orden herunterzureißen oder umzukehren; aber der Orden war fest angenäht, und ein Rückzug war schon unmöglich. Er bedeckte mit der rechten Hand schnell den Orden, verbeugte sich, grüßte ungeschickt nach allen Seiten und ließ sich, ohne jemandem die Hand zu reichen, schwer auf einen freien Stuhl nieder, gerade seinem Kollegen, dem Franzosen, gegenüber.

Wahrscheinlich betrunken! dachte Spitschkin, als er sein verlegenes Gesicht sah.

Man stellte vor Pustjakow einen Teller Suppe. Er ergriff den Löffel mit der linken Hand, aber da er sich besann, dass es in einer anständigen Gesellschaft unpassend war, mit der linken Hand zu essen, erklärte er, er habe schon zu Mittag gespeist und wolle daher nicht mehr essen.

»Ich habe schon gegessen … Merci …«, murmelte er. »Ich machte bei meinem Onkel, dem Oberpriester Jelejew, eine Visite, und er bewog mich … sozusagen … Mittag zu essen.«

Pustjakows Herz füllte sich mit beklemmender Schwermut und boshaftem Ärger: die Suppe duftete herrlich, und dem gedünsteten Stör entströmten ungewöhnlich appetitliche Gerüche. Der Lehrer versuchte die rechte Hand zu befreien und den Orden mit der linken zu bedecken, aber das ging erst recht nicht.

Sie werden es merken … denn die Hand wird über die ganze Brust ausgestreckt sein, als schickte ich mich an zu singen. Mein Gott, wäre doch das Mittagessen schon zu Ende! Ich werde in einem Wirtshaus essen!

Nach dem dritten Gang blickte er schüchtern, mit einem Äuglein, auf den Franzosen. Tremblant, der aus irgendeinem Grunde mächtig verwirrt war, schaute ihn ebenfalls an und aß auch nichts. Nachdem sie einander angeschaut hatten, wurden die beiden noch verlegener und richteten ihre Augen auf die leeren Teller.

Er hat was gemerkt, der Schuft, dachte Pustjakow. Ich sehe es an seiner Visage, dass er was gemerkt hat. Und der Schurke ist ein Denunziant. Schon morgen wird er es dem Direktor hinterbringen!

Die Gastgeber und die Gäste waren beim vierten Gang, und weil es das Schicksal so wollte, verspeisten sie auch noch einen fünften …

Darauf erhob sich ein hochgewachsener Herr mit breiten behaarten Nüstern, einer gebogenen Nase und von Natur zusammengekniffenen Augen. Er strich sich über den Kopf und rief:

»Äh-ä-äh … ich schlage vor … äh … auf das Wohl … äh … der hier anwesenden Damen zu trinken.«

Die Gäste erhoben sich geräuschvoll und nahmen die Gläser in die Hand. Durch alle Zimmer erscholl ein lautes »Hurra«. Die Damen lächelten und machten sich bereit anzustoßen. Pustjakow erhob sich und nahm sein Glas in die linke Hand.

»Lew Nikolajitsch, seien Sie so nett und geben Sie dieses Glas Nastassja Timofejewna«, bat ihn ein Herr und reichte ihm einen Pokal. »Veranlassen Sie, dass sie es austrinkt!«

Jetzt musste Pustjakow zu seinem großen Schrecken auch die rechte Hand in Aktion treten lassen. Der Stanislausorden mit dem zerknüllten roten Bändchen erblickte endlich die Welt und strahlte. Der Lehrer wurde blass, senkte den Kopf und schaute schüchtern zu dem Franzosen hin. Der sah ihn mit erstaunten, fragenden Augen an, und von seinem Gesicht verschwand langsam die Verlegenheit …

»Juli Awgustowitsch«, wandte sich der Hausherr an den Franzosen. »Reichen Sie das Fläschchen denen, die es noch möchten!«

Tremblant streckte unentschlossen die rechte Hand nach der Flasche aus und … o Glück! Pustjakow erblickte auf seiner Brust einen Orden. Und das war kein Stanislaus, sondern ein richtiger Annenorden! Also auch der Franzose hatte gemogelt! Pustjakow lachte vor Vergnügen, setzte sich auf den Stuhl und rekelte sich … Jetzt bestand keine Notwendigkeit mehr, den Stanislaus zu verstecken. Beide hatten dieselbe Sünde begangen, daher konnte keiner den anderen denunzieren und in Verruf bringen.

»A … a … hm!«, brummelte Spitschkin, als er auf der Brust des Lehrers den Orden erblickte.

»Jawohl!«, entgegnete Pustjakow. »Eine merkwürdige Sache, Juli Awgustowitsch. Nur wenige wurden vor den Feiertagen vorgeschlagen. Wie viel Leute gibt es bei uns, und nur wir beide wurden ausgezeichnet. Eine merkwürdige Sache!«

Tremblant nickte fröhlich und schob den linken Rockaufschlag vor, auf dem der Annenorden dritter Klasse prangte.

Nach dem Essen ging Pustjakow durch alle Zimmer und zeigte den jungen Damen den Orden. Ihm war leicht und frei zumute, obwohl ihn der Magen vor Hunger zwickte.

Hätte ich von diesem Streich gewusst, dachte er und schaute neidisch auf Tremblant, der sich mit Spitschkin über Orden unterhielt, dann hätte ich den Wladimirorden angelegt. Ach, ich habe es nicht geahnt!

Allein dieser Gedanke quälte ihn noch ein wenig. Im Übrigen aber war er vollkommen glücklich.

BEI DER WITWE DES ADELSMARSCHALLS

Am ersten Februar jeden Jahres, am Tag des heiligen Märtyrers Trifon, herrscht auf dem Gut der Witwe des ehemaligen Kreisadelsmarschalls Trifon Lwowitsch Sawsjatow ungewöhnlich lebhaftes Treiben. An diesem Tag, dem Namenstag des Verstorbenen, lässt Ljubow Petrowna, die Witwe des Adelsmarschalls, eine Seelenmesse für ihn lesen und nach der Messe ein Dankgebet. Der ganze Kreis kommt bei dieser Seelenmesse zusammen. Man trifft hier den jetzigen Adelsmarschall Chrumow, den Vorsitzenden des Semstwos Marfutkin, den ständigen Beisitzer Potraschkow, die beiden Bezirksfriedensrichter, den Polizeichef Krinolinow, die beiden Polizeihauptleute, den nach Jodoform riechenden Semstwo-Arzt Dwornjagin, alle großen und kleinen Gutsbesitzer und andere mehr. Im Ganzen sind an die fünfzig Menschen versammelt.

Pünktlich um zwölf Uhr mittags drängen sich die Gäste mit langen Gesichtern aus allen Zimmern in den Saal. Auf dem Fußboden liegen Teppiche, und die Schritte sind geräuschlos, aber die Feierlichkeit des Ereignisses veranlasst die Anwesenden instinktiv, auf Zehenspitzen zu gehen und dabei mit den Armen zu balancieren. Im Saal ist schon alles bereit. Vater Jewmeni, ein kleiner Greis mit einer hohen verblichenen Priesterkappe auf dem Kopf, legt die schwarzen Messgewänder an … Der Diakon Konkordijew, rot wie ein Krebs und bereits im Ornat, blättert geräuschlos im Gebetbuch und legt Papierstreifen hinein. An der Tür zum Vorzimmer bläst der Küster Luka mit aufgepusteten Wangen und aufgerissenen Augen das Weihrauchfass an. Allmählich füllt sich der Saal mit durchsichtigem bläulichem Rauch und Weihrauchduft. Der Volksschullehrer Helikonski, ein junger Mann in einem neuen, sackartigen Gehrock und mit großen Pickeln auf dem verängstigten Gesicht, reicht auf einem neusilbernen Tablett Wachskerzen herum. Die Hausfrau Ljubow Petrowna steht vorn neben dem Tischchen mit dem Totengericht und presst beizeiten ihr Taschentuch ans Gesicht. Ringsum herrscht Stille, die bisweilen von Seufzern unterbrochen wird. Alle haben gespannte, feierliche Gesichter …

Die Seelenmesse beginnt. Aus dem Weihrauchfass strömt blauer Rauch und spielt mit einem schräg einfallenden Sonnenstrahl; die angezündeten Kerzen knistern leise. Der Gesang, zuerst schrill und ohrenbetäubend, wird bald, nachdem sich die Chorsänger allmählich den akustischen Bedingungen der Räume angepasst haben, leise und harmonisch … Die Melodien sind alle traurig und schwermütig … Nach und nach werden auch die Gäste melancholisch gestimmt und versinken in Nachdenken. In ihre Köpfe dringen Gedanken über die Kürze des menschlichen Lebens, über die Vergänglichkeit und die Eitelkeit der Welt … Sie erinnern sich an den seligen Sawsjatow, diesen stämmigen, rotwangigen Mann, der eine Flasche Champagner in einem Zug leerte und mit der Stirn Spiegel zertrümmerte. Und als man »Ruhe bei den Heiligen« singt und das Schluchzen der Hausfrau zu hören ist, treten die Gäste beklommen von einem Fuß auf den anderen. Bei den Empfindlicheren beginnt es in der Kehle zu kratzen und an den Lidern zu jucken. Der Vorsitzende des Semstwos Marfutkin neigt sich, um ein unangenehmes Gefühl zu unterdrücken, zum Ohr des Polizeichefs und flüstert:

»Gestern war ich bei Iwan Fjodorytsch … Wir haben mit Pjotr Petrowitsch Groß Schlemm ohne Trümpfe gespielt … Bei Gott … Olga Andrejewna war dermaßen in Wut, dass ihr ein künstlicher Zahn aus dem Mund fiel.«

Aber da wird »Ewiges Gedenken« gesungen. Helikonski sammelt ehrerbietig die Kerzen ein, und die Seelenmesse ist beendet. Es folgt ein kurzes Hin und Her, das Wechseln der Messgewänder und das abschließende Dankgebet. Nach dem Dankgebet reiben sich die Gäste die Hände und husten, während Vater Jewmeni das Gewand ablegt und die Hausfrau von der Herzensgüte des seligen Trifon Lwowitsch erzählt.

»Bitte, meine Herren, zum Imbiss«, beendet sie seufzend ihre Erzählung.

Die Gäste eilen in das Speisezimmer, bemüht, nicht zu drängeln und einander nicht auf die Füße zu treten … Hier erwartet sie ein Frühstück. Dieses Frühstück ist so luxuriös, dass sich der Diakon Konkordijew jedes Jahr bei seinem Anblick für verpflichtet hält, die Arme auszubreiten, vor Staunen mit dem Kopf zu wackeln und zu sagen:

»Das ist unfassbar! Vater Jewmeni, das gleicht eher den Opfergaben, die man den Göttern darbringt, als Menschenspeise.«

Das Frühstück ist in der Tat außergewöhnlich. Auf dem Tisch gibt es alles, was Flora und Fauna nur bieten können, unfassbar ist daran vielleicht nur eines: Auf dem Tisch gibt es alles außer … alkoholischen Getränken. Ljubow Petrowna hat ein Gelübde abgelegt, weder Spielkarten noch alkoholische Getränke im Hause zu halten – die beiden Dinge, die ihren Mann zugrunde gerichtet haben. Und so stehen auf dem Tisch nur Flaschen mit Essig und Öl, wie zum Hohn und als Strafe für die Frühstückenden, die durchweg verwegene Zecher und Saufbrüder sind.

»Essen Sie, meine Herrschaften!«, fordert die Frau Adelsmarschall auf. »Nur, Sie müssen entschuldigen, Wodka gibt es bei mir keinen … davon halte ich nichts …«

Die Gäste nähern sich dem Tisch und machen sich zögernd an die Pastete. Aber das Essen will nicht recht in Gang kommen. Das Gabelstochern, das Schneiden, das Kauen ist irgendwie träge und apathisch … Offensichtlich fehlt etwas.

»Ich habe ein Gefühl, als ob ich etwas verloren hätte …«, flüstert der eine Friedensrichter dem anderen zu. »Das gleiche Gefühl hatte ich, als meine Frau mit dem Ingenieur durchbrannte … Ich kann nicht essen.«

Ehe Marfutkin mit dem Essen beginnt, kramt er lange in den Taschen herum und sucht sein Taschentuch.

»Aber das Taschentuch ist doch im Pelz! Und ich suche es hier …«, bemerkt er, sich erinnernd, mit lauter Stimme und geht in das Vorzimmer, wo die Pelze hängen.

Aus dem Vorzimmer kehrt er mit glänzenden Äuglein zurück und stürzt sich sofort mit großem Appetit auf die Pastete.

»Ist doch ekelhaft, so trocken zu essen, nicht wahr?«, flüstert er dem Vater Jewmeni zu. »Geh ins Vorzimmer, Väterchen, dort habe ich im Pelz eine Flasche … Nur: Sei vorsichtig, dass die Flasche nicht klirrt!«

Vater Jewmeni fällt ein, dass er Luka etwas befehlen muss, und trippelt ins Vorzimmer.

»Väterchen, auf ein Wort … im Vertrauen«, mit diesen Worten holt ihn Dwornjagin ein.

»Aber was für einen Pelz ich mir gekauft habe, Herrschaften, ein Gelegenheitskauf!«, prahlt Chrumow. »Er ist tausend wert, aber ich habe … Sie werden es nicht glauben … nur zweihundertfünfzig gegeben! Nicht mehr!«

Zu jeder anderen Zeit hätten die Gäste diese Nachricht gleichgültig aufgenommen, aber jetzt äußern sie ihr Erstaunen und wollen es nicht glauben. Zu guter Letzt strömen sie alle ins Vorzimmer, um den Pelz zu besichtigen, und sie betrachten ihn so lange, bis der Diener des Arztes aus dem Vorzimmer heimlich fünf leere Flaschen hinausträgt … Als man den gekochten Stör serviert, fällt Marfutkin ein, dass er sein Zigarettenetui im Schlitten vergessen hat, und er geht in den Pferdestall. Damit es ihm allein nicht zu langweilig wird, nimmt er den Diakon mit, der gerade nach seinem Pferd sehen muss …

Am Abend des gleichen Tages sitzt Ljubow Petrowna in ihrem Arbeitszimmer und schreibt an eine alte Petersburger Freundin.

»Heute fand nach dem Beispiel der vergangenen Jahre«, schreibt sie unter anderem, »bei mir eine Seelenmesse für den Verstorbenen statt. Alle meine Nachbarn waren zur Messe erschienen. Das Volk ist grob und einfach, aber was für Herzen! Ich habe sie ausgezeichnet bewirtet, aber natürlich gab es, wie immer in diesen Jahren, keinen Tropfen Alkohol. Seitdem er an Völlerei gestorben ist, habe ich mir geschworen, in unserem Kreise Enthaltsamkeit einzuführen und damit seine Sünden zu sühnen. Mit der Enthaltsamkeit habe ich im eigenen Hause begonnen. Vater Jewmeni ist von meiner Aufgabe begeistert und hilft mir mit Rat und Tat. Ach, ma chère, wenn Du wüsstest, wie mich meine Bären lieben! Der Vorsitzende des Semstwos Marfutkin beugte sich nach dem Frühstück über meine Hand und hielt sie lange an seine Lippen, wackelte komisch mit dem Kopf und fing an zu weinen: viel Gefühl, aber keine Worte! Vater Jewmeni, dieser wundervolle kleine Greis, setzte sich zu mir, schaute mich weinerlich an und lallte lange irgendetwas, wie ein Kind. Ich habe seine Worte nicht verstanden, aber für ein aufrichtiges Gefühl habe ich Verständnis. Der Polizeichef, jener schöne Mann, von dem ich Dir geschrieben habe, lag vor mir auf den Knien und wollte selbstgedichtete Verse vortragen (er ist unser Dichter), aber … seine Kräfte reichten nicht aus … er wankte und fiel um … Der Riese bekam einen hysterischen Anfall … Kannst Du Dir meine Begeisterung vorstellen? Es ging allerdings auch nicht ohne Unannehmlichkeiten ab. Der arme Vorsitzende des Friedensgerichts Alalykin, ein beleibter apoplektischer Mann, fühlte sich unwohl und lag zwei Stunden bewusstlos auf dem Sofa. Man musste ihn mit Wasser begießen … Dank schulde ich dem Doktor Dwornjagin; er holte aus seiner Apotheke eine Flasche Kognak und feuchtete ihm damit die Schläfen an; davon kam er zu sich und konnte weggebracht werden …«

LEBENDIGE CHRONOLOGIE

Der Salon des Staatsrates Scharamykin liegt in angenehmes Halbdunkel gehüllt. Eine große Bronzelampe mit grünem Schirm färbt Wände, Möbel und Gesichter grünlich à la »Ukrainische Nacht« … Von Zeit zu Zeit flammt im verlöschenden Kamin ein glimmendes Holzscheit auf und übergießt für einen Augenblick die Gesichter mit dem Widerschein des Feuers; aber das stört nicht die allgemeine Harmonie des Lichtes. Der Grundton ist, wie die Maler sagen, durchgehalten.

Im Sessel vor dem Kamin sitzt in der Pose eines Menschen, der soeben zu Mittag gespeist hat, Scharamykin selbst, ein älterer Herr mit dem grauen Backenbart des Beamten und sanften blauen Augen. Sein Gesicht ist zärtlich verklärt, die Lippen sind zu einem wehmütigen Lächeln verzogen. Zu seinen Füßen sitzt, die Beine zum Kamin hin ausgestreckt und sich faul rekelnd, auf einem Bänkchen der Vizegouverneur Lopnew, ein braver Mann von etwa vierzig Jahren. Neben dem Klavier balgen sich Scharamykins Kinder: Nina, Kolja, Nadja und Wanja. Durch die leicht geöffnete Tür, die in Frau Scharamykins Arbeitszimmer führt, schimmert schwaches Licht. Dort hinter der Tür sitzt an ihrem Schreibtisch Scharamykins Gattin Anna Pawlowna, die Vorsitzende des örtlichen Damenkomitees, ein lebhaftes pikantes Dämchen; sie ist etwas über dreißig Jahre alt. Ihre flinken schwarzen Äuglein hinter dem Kneifer eilen über die Seiten eines französischen Romans. Unter dem Roman liegt der zerrissene Komiteebericht vom vergangenen Jahr.

»Früher war unsere Stadt in dieser Hinsicht glücklicher dran«, sagt Scharamykin und blickt mit zusammengekniffenen Augen auf die glühenden Kohlen. »Kein Winter verging, ohne dass nicht irgendein Star zu uns kam. Da kamen berühmte Schauspieler und Sänger, aber jetzt … weiß der Teufel! Außer Gauklern und Drehorgelspielern kommt niemand mehr. Kein ästhetisches Vergnügen … Wir leben wie Hinterwäldler. Jawohl … Aber erinnern Sie sich, Exzellenz, noch an jenen italienischen Tragöden … wie hieß er doch gleich? So ein brünetter hochgewachsener Mann … Gott, mein Gedächtnis … Ach ja, Luigi Ernesto de Rugiero … Ein wunderbares Talent … Eine Kraft! Er brauchte nur ein Wort zu sagen, und das ganze Theater tobte. Meine Anjuta nahm großen Anteil an seinem Talent. Sie hat für ihn das Theater besorgt und sämtliche Karten für zehn Vorstellungen verkauft … Dafür hat er sie in Deklamation und Mimik unterrichtet. Eine Seele von Mensch! Er kam hierher … ich will nicht lügen, vor etwa zwölf Jahren … Nein, ich lüge … es sind weniger, vor etwa zehn Jahren … Anjutotschka, wie alt ist unsere Nina?«

»Sie wird zehn!«, ruft Anna Pawlowna aus ihrem Arbeitszimmer. »Weshalb?«

»Es ist nichts, Mamachen, nur so… Auch gute Sänger pflegten zu kommen … Erinnern Sie sich an den tenore di grazia Priliptschin? Was für eine Seele von Mensch! Was für eine Erscheinung! Ein Blondkopf … ein so ausdrucksvolles Gesicht und diese Pariser Manieren … Und was für eine Stimme, Exzellenz! Nur eins war schlimm: Er sang einige Noten mit dem Bauch, und das D sang er im Falsett, aber sonst war alles in Ordnung. Bei Tamberlik hat er gelernt, sagte er … Anjuta und ich haben ihm im Klub einen Saal verschafft, und aus Dankbarkeit hat er uns dafür ganze Tage und Nächte vorgesungen … Er lehrte Anjutotschka singen … Er kam angereist, ich erinnere mich noch wie heute, in der großen Fastenzeit … vor etwa … zwölf Jahren. Nein, mehr … Habe ich ein Gedächtnis, verzeih mir Gott! Anjutotschka, wie alt ist unsere Nadetschka?«

»Zwölf!«

»Zwölf … wenn man zehn Monate zurechnet … Nun, so sind es auch … dreizehn …! Früher war bei uns in der Stadt mehr Leben … Nehmen wir als Beispiel unsere wohltätigen Abende. Was für herrliche Abende haben wir früher veranstaltet. Wie reizend! Man sang, man spielte, man las … Nach dem Krieg, erinnere ich mich, als hier gefangene Türken lagen, hat Anjutotschka zugunsten der Verwundeten einen Abend organisiert. Man sammelte elfhundert Rubel … Die türkischen Offiziere, erinnere ich mich, waren wie verrückt nach Anjutotschkas Stimme, und alle küssten ihr die Hand. Hehe … Wenn sie auch Asiaten sind, so sind sie doch eine dankbare Nation. Der Abend war so gelungen, dass ich, glauben Sie mir, ihn in mein Tagebuch eingetragen habe. Das war, ich erinnere mich noch wie heute, im Jahre … sechsundsiebzig … Nein! Erlauben Sie, wann lagen bei uns die Türken? Anjutotschka, wie alt ist unser Koletschka?«

»Papa, ich bin sieben Jahre alt!«, ruft Kolja, ein Bub mit bräunlichem Gesicht und kohlrabenschwarzem Haar.

»Ja, alt sind wir geworden, und die Energie von früher fehlt uns!«, pflichtet Lopnew seufzend bei. »Hier liegt die Ursache … Das Alter, mein Lieber! Es gibt keine neuen Initiatoren, und die alten sind alt geworden … Man hat kein Feuer mehr. Als ich jünger war, konnte ich es nicht mit ansehen, wenn sich die Gesellschaft langweilte … Ich war der erste Helfer Ihrer Anna Pawlowna … Ob man einen Abend für wohltätige Zwecke organisierte, eine Lotterie oder eine hergereiste Berühmtheit unterstützen musste – ich ließ alles stehen und liegen und kümmerte mich um alles. Einen Winter, erinnere ich mich, habe ich mich so abgerackert und bin ich so viel herumgelaufen, dass ich erkrankte … Diesen Winter werde ich nie vergessen! Erinnern Sie sich, was für eine Aufführung wir und Ihre Anna Pawlowna zugunsten der Abgebrannten veranstaltet haben?«

»In welchem Jahr war denn das?«

»Noch nicht lange her … Neunundsiebzig … Nein, wie es scheint, war es achtzig! Gestatten Sie, wie alt ist Ihr Wanja?«

»Fünf!«, ruft Anna Pawlowna aus dem Arbeitszimmer.

»Nun, dann war das also vor sechs Jahren … Ja, mein Lieber, das waren Zeiten! Jetzt sieht es anders aus! Man hat nicht mehr das gleiche Feuer!«

Lopnew und Scharamykin sinnen vor sich hin. Das glimmende Holzscheit flammt zum letzten Mal auf und wird zu Asche.

ALLGEMEINBILDUNG

Die neuesten Ergebnisse der zahnärztlichen Wissenschaft

 

»Ich habe kein Glück, was die Zähne betrifft, Ossip Franzytsch!«, sagte seufzend ein hagerer kleiner Mann, der mit einem abgetragenen Mantel und geflickten Stiefeln bekleidet war und einen wie gerupft aussehenden grauen Schnurrbart hatte. Er sprach mit seinem Kollegen, einem wohlbeleibten Deutschen, der einen neuen, teuren Mantel trug und eine Havanna rauchte. »Überhaupt kein Glück! Weiß der Kuckuck, woher das kommt! Ob das daher kommt, dass es heutzutage mehr Zahnärzte als Zähne gibt … oder ob ich kein wirkliches Talent besitze, das wissen die Götter! Fortuna ist schwer zu verstehen. Nehmen wir mal zum Beispiel Sie. Wir haben zusammen in der Kreisschule den Lehrgang absolviert, wir haben zusammen bei dem Juden Berka Schwacher gearbeitet – und welcher Unterschied ist zwischen uns! Sie besitzen zwei Häuser und eine Sommervilla und fahren in einer Kutsche, aber ich bin, wie Sie sehen, ein armer Teufel. Woher kommt das wohl?«

Der Deutsche Ossip Franzytsch hatte den Lehrgang in der Kreisstadt absolviert und war dumm wie ein Auerhahn, aber Wohlgenährtheit, Beleibtheit und Hausbesitz gaben ihm ein übertriebenes Selbstbewusstsein. Würdevoll zu sprechen, zu philosophieren und Sentenzen von sich zu geben, hielt er für sein verbrieftes Recht.

»Alles Unglück liegt bei uns selbst«, antwortete er würdevoll seufzend auf die Klagen seines Kollegen. »Du bist selber schuld, Pjotr Iljitsch! Sei nicht böse, aber ich habe immer gesagt: Uns Spezialisten verdirbt der Mangel an Allgemeinbildung. Wir stecken bis über die Ohren in unserem Spezialgebiet, aber darüber hinaus interessiert uns nichts. Das ist nicht gut, mein Lieber! Ach, wie wenig gut ist das! Du denkst, weil du die Zähne ziehen gelernt hast, kannst du auch schon der Gesellschaft Nutzen bringen? Aber nein, mein Lieber, mit solch engen, einseitigen Ansichten wirst du nicht weit kommen … in gar keinem Fall, Allgemeinbildung muss man haben!«

»Und was ist Allgemeinbildung?«, fragte Pjotr Iljitsch schüchtern.

Der Deutsche blieb die Antwort schuldig und schwatzte dummes Zeug, aber als er den Wein ausgetrunken hatte, geriet er in Fahrt und erklärte seinem russischen Kollegen, was er unter »Allgemeinbildung« verstand. Er erläuterte es nicht unmittelbar, sondern indirekt, indem er von etwas anderem sprach.

»Die Hauptsache für unsereinen ist eine anständige Einrichtung«, erklärte er. »Das Publikum urteilt nur nach der Einrichtung. Wenn du eine schmutzige Treppe, enge Zimmer und erbärmliche Möbel hast, so bedeutet das, du bist arm, und wenn du arm bist, wird sich auch niemand von dir behandeln lassen. Ist es nicht so? Weshalb soll ich zu dir zur Behandlung kommen, wenn sich niemand bei dir behandeln lässt? Ich gehe lieber zu dem, der eine große Praxis hat! Schaff dir Plüschmöbel an und installiere überall elektrische Klingeln, so giltst du als erfahrener Mann und hast eine große Praxis. Sich eine elegante Wohnung und anständige Möbel zuzulegen, das ist eine Kleinigkeit. Die Möbeltischler müssen sich heutzutage nach der Decke strecken, treten nicht mehr so auf wie ehedem. Kredit bekommst du, so viel du willst, und seien es hunderttausend, besonders wenn du die Rechnungen mit ›Doktor Soundso‹ unterschreibst. Und anständig kleiden musst du dich auch. Das Publikum urteilt so: Wenn du abgerissen bist und im Schmutz lebst, dann genügt für dich auch ein Rubel, wenn du aber eine goldene Brille und eine dicke Uhrkette trägst und ringsum alles Plüsch ist, dann ist es schon peinlich, dir bloß einen Rubel zu geben, es müssen fünf oder zehn sein. Ist es nicht so?«

»Das ist wahr …«, pflichtete Pjotr Iljitsch bei. »Ich muss zugeben, dass ich mir anfangs auch eine Einrichtung zugelegt hatte. Ich besaß alles: Tischdecken aus Plüsch und Zeitschriften im Wartezimmer, neben dem Spiegel hing ein Bild von Beethoven, aber … weiß der Teufel! Geistesverwirrung kam über mich. Ich gehe in meiner luxuriösen Wohnung umher, und es ist mir aus irgendeinem Grunde peinlich! Als sei ich in eine fremde Wohnung geraten oder hätte das alles gestohlen … ich kann es nicht! Ich kann nicht in einem Plüschsessel sitzen, und damit basta! Und da ist auch noch meine Frau … ein einfaches Weib, sie versteht nicht, wie man die Wohnungseinrichtung zu behandeln hat. Da stinkt das ganze Haus nach Kohlsuppe oder Gänsebraten, da putzt sie die Kronleuchter mit Ziegelmehl, da wäscht sie in Gegenwart der Kranken den Fußboden im Wartezimmer auf … weiß der Teufel! Glauben Sie mir, als wir die ganze Einrichtung auf einer Auktion verkauft hatten, bin ich richtig aufgelebt.«

»Das bedeutet, du bist ein anständiges Leben nicht gewohnt … Was ist denn dabei? Man muss sich eben daran gewöhnen! Außer einer Einrichtung braucht man dann noch ein Aushängeschild! Je geringer der Mensch ist, ein umso größeres Schild muss er haben. Ist es nicht so? Das Schild muss so gewaltig sein, dass es noch außerhalb der Stadt zu sehen ist. Wenn du nach Petersburg oder Moskau kommst, dann fallen dir, ehe du die Kirchenglocken erblickst, die Schilder der Zahnärzte in die Augen. Darin, mein Lieber, sind die Ärzte uns beiden weit voraus. Auf dem Schild müssen goldene und silberne Kringel gemalt sein, damit die Leute denken, du besitzt Medaillen: Sie haben gleich mehr Achtung! Außerdem ist Reklame notwendig. Verkauf deine letzte Hose, aber lass eine Anzeige drucken. Setze sie jeden Tag in alle Zeitungen. Wenn du den Eindruck hast, dass einfachere Anzeigen nicht genügen, so komm mit allerlei Hokuspokus: Lass die Anzeige auf dem Kopf stehend drucken, bestelle ein Klischee ›mit Zähnen‹ und ›ohne Zähne‹, bitte die Leser, dich nicht mit anderen Dentisten zu verwechseln, gib bekannt, dass du aus dem Ausland zurückgekehrt bist, dass du Arme und Studierende umsonst behandelst … Du musst die Anzeigen überall aushängen – auf dem Bahnhof, in den Erfrischungsräumen … Es gibt viele Methoden!«

»Das ist wahr!« Pjotr Iljitsch seufzte.

»Viele sagen auch, es sei egal, wie man sich den Leuten gegenüber verhält … Nein, das ist nicht egal! Man muss verstehen, mit den Leuten umzugehen … Die Leute sind heutzutage wenn auch gebildet, so doch ungeschliffen und unvernünftig. Sie wissen selbst nicht, was sie wollen, und es ist recht schwer, sich ihnen anzupassen. Du kannst ein ganz berühmter Professor sein; wenn du es aber nicht verstehst, auf ihren Charakter einzugehen, laufen sie eher zu einem Quacksalber als zu dir … Nehmen wir mal an, da kommt eine gnädige Frau zu mir wegen ihrer Zähne. Kann man sie denn ohne Hokuspokus behandeln? Keineswegs! Ich mache zuerst ein finsteres Gesicht wie ein Gelehrter und weise schweigend auf den Stuhl: Gelehrte, heißt es, haben keine Zeit, mit den Leuten zu sprechen. Und auch an meinem Behandlungsstuhl ist allerhand Hokuspokus: er hat Schrauben! Wenn du an diesen Schrauben drehst, fährt die Gnädige rauf oder runter. Dann stocherst du in dem kranken Zahn herum. Mit dem Zahn ist nichts mehr los, man muss ihn ziehen und weiter nichts, aber du musst lange stochern, mit Unterbrechungen … du musst ihr an die zehnmal den Spiegel in den Mund stecken, denn die Damen haben es gern, wenn man sich lange mit ihren Krankheiten beschäftigt. Die Gnädige kreischt, und du sagst zu ihr: ›Gnädige Frau! Es ist meine Pflicht, Ihre schrecklichen Leiden zu lindern, deshalb bitte ich Sie, vertrauen Sie mir‹, und das, weißt du, erhaben, mit tragischer Geste … Auf dem Tisch vor der Dame liegen Kinnbacken, Schädel, allerlei Knochen, alle möglichen Instrumente, daneben stehen Gläser mit aufgeklebten Totenköpfen – alles ist furchterregend und geheimnisvoll. Ich selbst trage einen schwarzen Kittel wie ein Inquisitor. Gleich neben dem Behandlungsstuhl steht eine Lachgasmaschine. Diese Maschine benutze ich zwar niemals, aber trotzdem macht es einen schreckenerregenden Eindruck! Den Zahn ziehe ich mit einer gewaltig großen Zange. Überhaupt – je größer und schrecklicher die Instrumente, desto besser. Ziehen tue ich schnell, ohne Zaudern.«

»Auch ich ziehe nicht schlecht, Ossip Franzytsch, aber weiß der Teufel! Ich bin gerade dabei, eine Traktion zu machen, und will den Zahn ziehen, da kommt mir auf einmal der Gedanke: Was, wenn ich ihn nicht rauskriege oder wenn er abbricht? Bei diesem Gedanken zittert mir die Hand. Und das regelmäßig!«

»Der Zahn kann abbrechen, das ist nicht deine Schuld.«

»Das mag schon sein, aber trotzdem. Es ist schlecht, wenn man kein sicheres Auftreten hat. Nichts ist schlimmer, als wenn man nicht an sich glaubt oder wenn man Zweifel hat. Da war so ein Fall. Ich setze die Zange an, ziehe … ziehe und merke plötzlich, dass ich schon sehr lange ziehe. Ich war vor Schreck wie gelähmt! Ich hätte loslassen und noch einmal anfangen müssen, aber ich ziehe und ziehe … ich war verblüfft! Der Kranke sieht an meinem Gesicht, dass ich schwach werde und unsicher. Da springt er auf, und vor Schmerz und Bosheit versetzt er mir eins mit dem Hocker! Ein anderes Mal kam ich ebenfalls durcheinander und zog statt des kranken Zahnes einen gesunden.«

»Eine Lappalie, das passiert jedem. Zieh die gesunden Zähne, du wirst schon an den kranken kommen. Aber du hast recht, ohne sicheres Auftreten geht es nicht. Ein gebildeter Mensch muss sich auch gebildet benehmen. Die Leute begreifen doch nicht, dass wir beide nicht auf der Universität waren. Für sie sind alles Doktoren. Botkin ist Doktor, ich bin Doktor, und du bist Doktor. Deshalb musst du dich auch benehmen wie ein Doktor. Um gelehrt zu erscheinen und den anderen Sand in die Augen zu streuen, musst du eine Broschüre herausgeben: ›Wie erhalte ich mir meine Zähne.‹ Wenn du sie selbst nicht schreiben kannst, dann beauftrage einen Studenten damit. Er wird dir für zehn Rubel auch noch eine Einleitung zusammenschmieren und mit Zitaten französischer Autoren um sich werfen. Ich habe schon drei Broschüren herausgegeben. Was noch? Erfinde ein Zahnpulver. Bestelle dir Schachteln mit einem Stempel drauf, schütte hinein, was du willst, bringe eine Plombe an und schreib drauf: ›Preis zwei Rubel, vor Nachahmungen wird gewarnt!‹ Ersinne ein Elixier. Rühre etwas zusammen, das duftet und brennt, und fertig ist das Elixier. Setze keine runden Preise fest, sondern mach das so: Elixier Nummer eins kostet siebenundsiebzig Kopeken, Nummer zwei – zweiundachtzig Kopeken und so weiter. Das ist geheimnisvoller. Verkaufe Zahnbürsten mit deinem Stempel für einen Rubel das Stück. Hast du meine Zahnbürsten gesehen?«

Pjotr Iljitsch kratzte sich nervös den Nacken und ging aufgeregt auf den Deutschen zu …

»Sieh mal einer an!«, sagte er gestikulierend. »So ist das also! Aber ich verstehe das nicht, ich kann es nicht! Nicht, weil ich das für Kurpfuscherei und Gaunerei halte, aber ich kann es nicht, das steht nicht in meiner Macht! Ich habe es hundertmal probiert, aber es ist nichts dabei herausgekommen. Sie sind satt und gut gekleidet. Sie besitzen Häuser, aber ich bekomme eins mit dem Hocker! Ja, es ist tatsächlich schlecht, so ohne Allgemeinbildung! Da haben Sie recht, Ossip Franzytsch! Sehr schlecht ist das!«