INSELhimmelblau

Stina Jensen

Sótano

Inhalt

Vorwort

Das Buch

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Nachwort

Leseprobe INSELrot | INSELfarbe 7

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Über die Autorin

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser!

Einige von Ihnen kennen die Protagonistin dieses Romans bereits aus »INSELblau«, dem 1. Band der INSELfarben-Reihe. Nun geht es weiter mit Sveas Geschichte.

Als Neueinsteiger benötigen Sie keinerlei Vorkenntnisse, dieser Roman ist in sich abgeschlossen.

Ich wünsche viel Freude mit Svea auf Langeoog!


Stina Jensen

Das Buch

Svea mag gar nicht mehr von ihrem Bett im Haus hinterm Deich aufstehen. Seitdem Jan ausgezogen ist, starrt sie nur noch durchs Dachfenster in den Langeooger Himmel. Und der ist grau und bedeckt.

Erst als der alleinerziehende Sebastian mit seinen Kindern auftaucht und Sveas Wohnung als Notunterkunft benötigt, muss sie sich aufraffen. Plötzlich kommt Schwung ins Haus, und es dauert nicht lange, bis sie neuen Lebensmut spürt. Auch der Himmel strahlt mit einem Mal hell und blau.

Endlich findet sie sogar die Kraft, die Hinterlassenschaften ihrer Großeltern durchzusehen. Als sie dabei einen rätselhaften Fund macht, erhält ihre Welt neue Risse – doch Sebastian sichert ihr seine liebevolle Unterstützung zu. 

Und auch Jan meldet sich aus der Funkstille zurück …

1

Prolog

Guten Morgen, meine Schöne.«

Ein Kuss landete in meinem Nacken. Jans Bart kitzelte auf meiner Haut.

»Dir auch guten Morgen«, murmelte ich verschlafen und öffnete blinzelnd die Augen. Die Sonne schien zum Fenster herein und malte ein Muster auf unsere Bettdecke.

Jans Finger fuhr meine Wirbelsäule entlang bis zur Taille. Mit sanftem Druck brachte er mich dazu, mich auf den Rücken zu drehen. Ich wusste schon, was er wollte und lächelte.

Seine Hand wanderte zu meinem Bauch. Noch war nichts zu spüren oder zu sehen, aber bestimmt bald.

»Huhu.« Jan trommelte sachte auf die Bauchdecke. »Ist jemand zu Hause?«

Glücklich legte ich meine Hand auf seine. Vor Freude wurde mein Hals eng. Das Leben war so schön.

Endlich wieder.

2

Geliebte Svea.

Es fällt mir nicht leicht, diese Zeilen zu schreiben, aber inzwischen bin ich an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiter weiß.

Ich weiß nicht, wie oft ich dir gesagt habe, dass ich dich liebe. Dass ich deine Familie bin. Dass wir beide eine Zukunft haben, die wir gestalten sollten, statt regungslos in der Vergangenheit festzuhängen. Das, was verloren ist, können wir nicht zurückholen. Deine Eltern nicht, auch nicht deine Großeltern. Und erst recht nicht unser Baby. Aber wir könnten es noch einmal versuchen. Nichts spräche gegen eine neue Schwangerschaft, außer deiner Angst.

Du meinst, dass alles, was dir lieb ist, dir eines Tages genommen wird. Das ist nicht so. Warum glaubst du mir das nur nicht?

Es war keine gute Idee, nach der Fehlgeburt wieder in das Haus deines Großvaters zu ziehen, wo dich doch alles nur an Verlust erinnert. Natürlich bin ich gerne mitgekommen, das war auch die Wahrheit. Aber ich kann mit diesem Stillstand auf Dauer nicht umgehen.

Ich dachte, es könnte nicht mehr schlimmer werden. Ich habe gehofft, dass du dich eines Tages mit meiner Hilfe von deinem Kummer erholst. Aber jetzt, wo du auch noch die Matratze in die Mansarde geräumt hast, um von dort aus in den Himmel zu starren, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Glaubst du wirklich, du könntest auf diese Weise allen näher sein, die du verloren hast? Was kommt als Nächstes? Ich mag gar nicht darüber nachdenken. Unzählige Male habe ich dich darum gebeten, zum Arzt zu gehen – doch du tust es nicht. Und jetzt kann ich nicht mehr. Nichts wünsche ich mir mehr, als mit dir zusammen zu sein – aber allmählich ziehst du mich mit dir in dieses Loch, in dem du feststeckst. Und das darf ich nicht zulassen. Ich ertrage dein Schweigen nicht mehr. Ich kann nicht bei einer Wattwanderung mit gutgelaunten Touristen nah daran sein, in Tränen auszubrechen, wenn jemand mich fragt, ob ich hier glücklich sei. Oder wenn mich in der Spelunke jemand fragt, wieso du nicht mehr kommst.

Ich war glücklich hier. Mit dir. Jetzt bin ich nur noch unglücklich.

Du weißt, wo du mich findest.

Ruf mich an, schreib mir. Gib mir ein Zeichen.

Und bitte, bitte versteh mich.


Dein Jan

3

Für Stunden war ich so in den Anblick des grauen Himmels über dem Dachfenster versunken, dass ich vergaß, welche Farbe die Bettdecke hatte, unter der ich lag. Erst als ich sie mir intensiv vorstellte, fiel es mir wieder ein: Sie war rosa mit gelben Tupfen. So fröhlich.

Auf meine Stimmung nahm das keinen Einfluss. Tag für Tag verharrte ich so auf der Matratze und blickte nach oben; als ob dieses Starren die Leere in mir füllen könnte. So reglos daliegend erinnerte ich mich an mein früheres Ich wie an eine Bekannte, die man aus den Augen verloren hat. Von der man nicht mal mehr weiß, welche Augenfarbe sie besaß. Ich wusste, dass es mal eine Svea gegeben hatte, die dem Hungergefühl in ihrem Magen nachgegeben hätte und aufgestanden wäre, um sich ein Brot zu schmieren. Oder um sich einen Schwung Müsli in eine Schale zu kippen und ein bisschen Obst hinein zu schnippeln. Doch selbst dazu fehlte mir die Kraft. Und das Müsli zog schon Fäden, der Joghurt im Kühlschrank war vermutlich längst mit einer Schicht Schimmel überzogen.

Wenn Frauke nicht gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich verhungert. Meine alte Nachbarin kam alle paar Tage zu mir herüber und stellte einen Topf mit Essen auf dem Küchentisch im Erdgeschoss ab. Nicht, weil sie mich damit versorgen wollte, sondern Opa Hannes, von dem sie immer wieder vergaß, dass es ihn schon lange nicht mehr gab. Sie wurde von Silvia betreut, einer Polin, die auch die Speisen zubereitete und der Meinung war, man sollte Frauke dieses Ritual nicht nehmen. Vermutlich ahnte sie, dass ich diese Mahlzeiten gut gebrauchen konnte. Sie war entsetzt gewesen, als Jan zurück in unsere gemeinsame Wohnung im Wiesenweg gezogen war und mich hier in Opas Haus hinterm Deich allein zurückließ. Aber was hätte er sonst tun sollen?

Dass ich als Grundschullehrerin beurlaubt war, weil mich die Fröhlichkeit der Kinder überforderte, hatte sicherlich zu seinem Entschluss beigetragen. Genauso wie die Tatsache, dass ich ihm die Spelunke – das Lokal, das ich vor einigen Jahren geerbt hatte – überschrieb, um diese Belastung loszuwerden. Zurzeit lebte ich von Erspartem.

In seinem Brief hatte Jan mich darum gebeten, seine Entscheidung zu verstehen. Und das tat ich. Wer nicht zu begreifen war, war ich.

Im Nachbarhaus stellte jemand das Radio an und holte mich damit ins Hier und Jetzt zurück. Frauke hörte gern die Schlagerparade, gerade lief »I beg your pardon. I never promised you a rosegarden. Along with the sunshine, there’s got to be a little rain sometimes.«

A little rain? Gegen den hätte ich nichts einzuwenden. Doch in meinem Leben regnete es meistens Sturzbäche. Zumindest den Rosengarten besaß ich – die Kletterrosen wucherten den Garten zu; sie rankten inzwischen sogar am Baumhaus entlang, das Opa Hannes mir gezimmert hatte, als ich noch ein Kind war und hier die Ferien verbrachte.

Vor dem Haus erklang Hufgetrappel und das Rumpeln einer Kutsche auf dem Straßenpflaster. Langeoog ist autofrei, die Pferdefuhrwerke sind ein beliebtes Transportmittel. Besonders in der Ferienzeit, so wie jetzt. Es war Juli und die Insel ausgebucht.

Das Gefährt kam mit einem lauten »Ho!« des Fahrers zum Stehen. Kurz darauf klappte am Nachbarhaus die Tür, die Musik verstummte. War das Frauke, die da rief? Jemand schloss ein Fenster.

Irgendwann später – ich war noch einmal weggenickt – klingelte es im Erdgeschoss. Ich lauschte. Bestimmt hatte sich jemand an der Tür geirrt. Ich erwartete keine Post, hatte nichts bestellt. Manchmal klingelte auch Jans Mutter Astrid, um nach mir zu sehen, doch ich wimmelte sie stets ab. So wie ich inzwischen ebenfalls zu Freunden den Kontakt abgebrochen hatte. Besorgte Mails, besonders von meiner besten Freundin Wiebke, die seit einigen Jahren auf Mallorca lebte, beantwortete ich nicht mehr.

Wieder ertönte der Gong.

Schwerfällig schälte ich mich aus dem Bett und gab acht, nicht in die herumliegenden Krümel und offenen Keksschachteln zu treten. Ich tapste die schmale Treppe hinunter, fuhr mir mit beiden Händen durchs wirre Haar und strich mein Shirt glatt.

»Hey.« Es war Sanne. Fraukes Enkelin, die nur wenig älter war als ich. Sie wohnte in Bremen und kam nicht sehr oft her. »Sorry, falls ich dich geweckt haben sollte. Ich wollte dir nur sagen, dass ich Oma abhole. Und außerdem habe ich noch eine Bitte.«

Vor dem Haus stand noch immer das Pferdefuhrwerk. Frauke saß darin und sah unglücklich zu mir herüber. Ihr Haar, das sie sonst zu einem Knoten im Nacken trug, war heute notdürftig zurückgekämmt. Silvia, ihre Betreuerin, saß neben ihr und tätschelte ihre Hand. Im Stauraum stapelten sich Koffer.

»Was ist denn mit ihr?«

»Du weißt doch, dass sie in letzter Zeit rapide abgebaut hat«, antwortete Sanne. »Silvia liegt mir schon eine ganze Weile in den Ohren, dass sie selbst dringend nach Polen muss, und jetzt wurde bei uns in Bremen endlich ein Platz für Oma in einem Pflegeheim frei.«

»Warum gebt ihr sie denn nicht hier in die Residenz?«, fragte ich. »Da würde sie wenigstens auf der Insel bleiben.« So einen alten Baum verpflanzte man doch nicht. Um das zu verhindern, war ich ja auch Opa hierher gefolgt.

»Aber sie hat hier doch niemanden mehr. In Bremen können wir sie viel öfter besuchen.«

Sie fischte einen Schlüsselanhänger aus ihrer Hosentasche. »Du weißt ja, dass wir die Dachwohnung noch immer ab und zu an Feriengäste vermieten, um Silvia zu finanzieren – sie hat sich ja auch immer um alles gekümmert. Ich hab versucht, das alles noch auf die Schnelle zu canceln, aber da ist noch eine einzige Familie, die morgen eintrifft. Ich hab es nicht übers Herz gebracht, denen so kurzfristig eine Absage zu erteilen.« Schon hielt sie mir den Schlüssel vor die Nase. »Wenn du ihnen einfach nur bei der Ankunft den hier übergeben könntest – das wäre super. Ich würde ihnen Bescheid sagen, dass sie bei dir klingeln sollen.«

Ich betrachtete den Anhänger. Eine Möwe. »Hättet ihr nicht noch diesen einen Tag mit all dem hier warten können? Ich bin nicht gerade –«

Sanne nickte nachdrücklich. »Weiß ich alles. Aber meine Praxis ist ausgebucht, ich konnte heute mit Müh und Not alles auf die Kollegen verteilen. Ich weiß, das geht jetzt Hopplahopp, aber es dreht sich ja bloß um den Schlüssel. Bei anderen Ferienwohnungen ist der Eigentümer bei Ankunft auch nicht unbedingt anwesend.« Sie drückte meinen Arm. »Bitte. Das ist doch schnell erledigt.«

Zögernd nahm ich das Bund mit dem Möwenanhänger entgegen. »Muss ich denen noch irgendwas erklären, oder –?«

»Ich mach das dann telefonisch, die sollen sich einfach bei mir melden.«

Wieder sah ich zu Frauke hinüber. Silvia hatte den Arm um sie gelegt. Meine alte Nachbarin wirkte in der Kutsche schmaler und zerbrechlicher als sonst. Vielleicht fragte sie sich, ob sie ihr Häuschen heute zum letzten Mal sah. Und ihre Rosen, die Silvia gehegt und gepflegt hatte und deren Blütentrauben an den roten Ziegelsteinen seitlich der blauen Eingangstür entlang rankten. Ein niedriger Holzzaun umrundete die Grundstücke; in den Beeten meiner Nachbarin blühten neben den Rosenstöcken auch andere Stauden, die dem stetigen, salzigen Wind strotzten. Früher sah es hier aus wie auf einer Postkarte, und bestimmt waren Opas und Fraukes Häuser in etlichen Fotoalben der Feriengäste zu finden. Inzwischen wirkte Opas Areal mehr wie ein Mahnmal dafür, was geschehen konnte, wenn man sich nicht um sein Hab und Gut kümmerte.

Ich winkte Frauke zu, doch sie schaute durch mich hindurch.

Sanne strich mir zum Abschied über den Arm, dann stieg sie zu ihrer Großmutter in die Kutsche. Silvia warf mir eine Kusshand zu. »Du musst genug essen, hörst du?«, rief sie.

Seufzend machte ich kehrt, platzierte den Schlüssel neben den Stapel ungeöffneter Post auf dem Flurschränkchen und holte aus dem Vorratsschrank die letzte Packung Kekse, die Silvia aus dem Dorflädchen für mich mitgebracht hatte. In Opas Küche nahm ich einen Schluck Wasser direkt aus dem Wasserhahn. Anschließend stieg ich die Treppe nach oben zur Mansarde, legte mich zurück auf die Matratze, starrte wieder in den grauen Himmel und dachte an Jan. Wie er alles versucht hatte, um mir zu helfen.

Ich griff zu meinem Handy und öffnete Netflix, suchte nach einer Doku über Tiere – das Einzige, was ich schauen konnte, ohne in Tränen auszubrechen – und öffnete die Kekspackung.

Jeder erholt sich von Trauer, so hieß es. Nur ich offenbar nicht.

4

Am nächsten Tag weckte mich die Stimme eines Kindes, die durch das offenstehende Dachfenster zu mir in die Mansarde drang. »Das da muss es sein!«

Ein Mädchen antwortete. »Es ist ja wohl hoffentlich das linke.«

»Das hoffe ich auch«, brummte ein Mann.

Ich hob den Kopf. Waren das schon die angekündigten Urlauber?

Ich spähte aufs Handydisplay. Es war schon elf. Ich war spät eingeschlafen, eine Doku über Finnwale hatte mich wachgehalten.

»Soll ich mal bei Schepker klingeln?« Noch eine neue Stimme. Sie klang nach einem Jungen im Stimmbruch.

Der Mann erwiderte etwas, im nächsten Augenblick hörte ich das Knarren des Hoftors.

Ich schob die Beine von der Matratze und setzte mich auf. Mein Blick glitt an meinem Schlafanzug entlang. Mist.

Als der Dreiklang der Klingel ertönte, stieg ich die Treppe hinab. Im Flur zog ich den Möwenanhänger vom Schränkchen und öffnete die Haustür einen Spalt, hielt den Arm hinaus und präsentierte den Schlüssel auf der flachen Hand. »Der mit der roten Einfassung ist für die Außentür, der andere für die Dachwohnung«, erklärte ich.

Der Mann fischte das Bund von meiner Hand. »Ähm. Okay. Danke sehr. Muss ich … gibt es irgendetwas zu beachten?«

»Nein. Einfach aufschließen.« Schon zog ich die Hand zurück und schloss die Tür.

»Alter!«, ertönte die Stimme des Jungen.

»Ruhe«, mahnte der Mann.

»Vielleicht haben wir die Frau aus der Dusche gescheucht«, mutmaßte das Mädchen, während sie sich entfernten.

Lauschend blieb ich stehen und hörte, wie nebenan die Rosen um Fraukes Eingangstür bewundert wurden. Schließlich klappte die Tür, und es kehrte Stille ein.

Im selben Moment läutete in Opas Wohnzimmer das Telefon. Überrascht wandte ich den Kopf. Dieser graue Apparat mit Wählscheibe hatte ewig nicht geklingelt. Bisher hatte ich versäumt, Opas Anschluss abzumelden. Zögernd ging ich in den abgedunkelten Raum und nahm ab. »Ja bitte?«

Am anderen Ende zog jemand erschrocken den Atem ein.

»Hallo, wer ist denn da?«

Ein Klicken unterbrach die Leitung.

Verwundert legte ich den Hörer zurück auf die Gabel und sank in Opas Sessel, atmete den Geruch des alten Möbelstücks in mich ein. Die Mischung aus Maggi und Rasierwasser hatte sich im Laufe der Jahrzehnte darin festgesetzt und hing auch im Rest der Wohnung, als sei Opa bloß für einen Moment fort und würde gleich wieder zurückkehren. Ich sah mich im Halbdunkel des Raumes um. Wie sehr alles in die Jahre gekommen war. Das Mobiliar stammte aus den Achtzigerjahren. Eine Schrankwand aus Eiche Furnier mit dazu passendem Fernsehschränkchen. Der Couchtisch war mit Kacheln belegt. Opas modernste Anschaffung und ganzer Stolz war ein Radiorekorder mit Aufnahmefunktion, der noch immer bestens funktionierte und in der Küche auf der Fensterbank stand. Die Tasten waren abgegriffen und verfleckt. Jan hätte sich nach Opas Tod vorstellen können, unsere Wohnung im Wiesenweg aufzugeben und hierher zu ziehen. Dazu hätte er gern einiges verändert und es für uns beide hübsch hergerichtet. Doch ich war noch nicht bereit gewesen, alles auf den Müll zu bringen und das, was ich an Erinnerungen hatte, endgültig zu begraben. Als ich dann schwanger geworden war, hatte ich mich zum ersten Mal auch gefühlt, als könnte ich die alten Zöpfe abschneiden.

Das schien eine Ewigkeit her zu sein.

Schon wieder ertönte der Dreiklang der Haustür.

Barfüßig tapste ich zurück, öffnete die Tür wieder nur einen Spalt.

Es war der Mann von eben. »Entschuldigen Sie vielmals die nochmalige Störung. Der Schlüssel zur Wohnung oben passt nicht.« Er klimperte mit dem Bund. »Wir sind bloß ins Haus gekommen, weiter geht es nicht.«

Ich starrte auf die gepflegten Finger. »Haben Sie eben bei mir angerufen?«

Ein kurzes Zögern. »Nein.«

Nun öffnete ich die Tür ein Stück mehr und lugte hinaus. Ein hellbraunes Augenpaar traf meines. Der Mann hatte graue Schläfen, ich schätzte ihn auf Mitte vierzig. Falls ihn mein Aufzug wunderte, so ließ er es sich nicht anmerken.

»Da kann ich Ihnen leider auch nicht weiterhelfen«, sagte ich bedauernd, »ich habe keinen anderen Schlüssel. Am besten, Sie rufen mal bei der Enkelin der Vermieterin an. Vielleicht hat sie eine Idee.« Womöglich war das am Telefon Sanne gewesen, der ihr Irrtum aufgefallen war. »Haben Sie die Nummer?«

Der Mann zog ein Handy aus der Hosentasche. »Klar.«

»Papa, was ist denn jetzt? Sitzen wir hier fest, oder was?«

Ich streckte den Kopf hinaus, erblickte vor Fraukes Haustür ein etwa siebzehnjähriges Mädchen. Das glatte Haar fiel ihr über die Schultern. Sie trug Hotpants und Sneakers. Auf der Stufe saßen zwei Jungs nebeneinander und starrten auf Handydisplays. Ich schätzte sie auf zehn und dreizehn.

Der Mann hielt das Handy ans Ohr und lauschte in die Leitung. Schon erläuterte er Sanne die Situation. »Beide Wohnungen – oben und unten – sind abgesperrt«, schloss er, »der Schlüssel passt bei keiner.«

Kurz darauf reichte er mir das Gerät. »Sie würde Sie gern sprechen.«

Ich nahm es entgegen. »Hi.«

Fraukes Enkelin kam sofort zur Sache. »Wahrscheinlich hat Oma in ihrem wirren Kopf irgendwann mal die Schlüssel neu geordnet«, sagte sie. »Ich hab das leider nicht kontrolliert. Aber Hannes hatte doch bestimmt auch einen für alle Fälle.«

»Ich wüsste nicht wo.«

»Könntest du mal schauen? Ich weiß mir gerade keinen anderen Rat; vorm Wochenende kann ich auf keinen Fall noch mal rüberkommen, ich hab die Praxis voll.«

»Okay, ich sehe nach, ob ich was finde.« Ich reichte dem Mann das Gerät und bat ihn mit einer Handbewegung, zu warten.

»Papa, ich hab Durst!«, rief einer der Jungs. »Wann können wir denn endlich rein?«

»Moment noch, die Frau schaut nach, ob sie uns helfen kann.«

Ich öffnete die oberste Schublade des Flurschränkchens. Darin lag ein Sammelsurium an Krimskrams, darunter verschiedenste Schlüssel. Kein einziger war beschriftet. Wahrscheinlich gab es zu den meisten kein passendes Schloss mehr.

»Könnten Sie mal mitschauen?«, rief ich in Richtung Tür.

Der Mann trat zögernd ein. Der Versuch, seine Neugierde zu verbergen, gelang ihm nicht. Es war ja nicht nur der Schlafanzug, der um diese Tageszeit deplatziert wirkte. An der Garderobe im Flur, der bloß durch eine schwache Glühbirne beleuchtet wurde, hing noch Opas Strickjacke; an einem Haken sein Sonntagshut. Gleich daneben eine Windjacke von mir, und an der Wand lehnte ein uraltes Surfbrett von Jan.

»Sie surfen?«, fragte der Mann.

»Nein.« Ich deutete auf die Schublade. »Hier sind alle möglichen Schlüssel.«

Mein Besucher trat näher und streckte die Hand aus. »Liebermann übrigens«, sagte er. »Wir kommen aus Wiesbaden.«

Ich legte meine Hand in seine. Es fühlte sich überraschend an. Seit Ewigkeiten hatte ich zu niemandem Körperkontakt gehabt. »Schepker«, erwiderte ich und entzog sie ihm wieder.

Der Mann lugte in die Schublade und verglich einzelne Schlüssel mit denen in seiner Hand. »Das sind aber eine Menge.«

»Keine Ahnung, wozu die gehören«, gab ich zu. »So viele Schlösser gibt es hier gar nicht.«

»Mit Schlüsseln ist es wie mit Socken, nur umgekehrt«, scherzte er. »Die einen verschwinden, die anderen tauchen plötzlich auf.« Um seine Augen bildeten sich Lachfältchen.

Ich lächelte zaghaft.

Unsere Suche hatte keinen Erfolg.

Sebastian Liebermann stellte sein Smartphone auf Lautsprecher und bot Sanne an, das Schloss im oberen Stockwerk vorsichtig aufzuhebeln – doch sie bat ihn, das nicht zu tun. Dabei würde ein zu großer Schaden entstehen. Inzwischen hatte sie ihrer Großmutter entlocken können, dass es noch einen Ersatzschlüssel in einem Küchenschrank gab – und zumindest zu diesen Räumen hatte Sanne ja mit ihrem eigenen Schlüssel Zugang. »Das müsste nur bis Samstag warten. Vorher schaffe ich es nicht, vorbeizukommen.«

»Und bis dahin?«, wollte der Feriengast wissen. »Heute ist Donnerstag.«

»Svea?« Sannes Stimme klang flehend.

»Ja?«

»Hör mal, ich weiß, es ist viel verlangt, aber könnten die Leute vielleicht für zwei Nächte bei dir unterkommen? Die Dachwohnung bei Opa Hannes steht doch leer, oder?«

Ich warf Herrn Liebermann einen unsicheren Blick zu. »Nicht direkt.«

»Wieso? Guck mal, die werden dich da unten gar nicht weiter stören. Es ist doch nur für zwei Nächte!«

Natürlich wusste sie nicht, dass ich oben schlief.

Sebastian Liebermann gab mir mit einem Wink zu verstehen, dass das alles nicht zu meinem Problem werden sollte und erklärte Sanne, dass er bis Samstag schon eine andere Lösung finden würde. Schließlich verabschiedeten sie sich.

»Papa!«, rief es von draußen. »Wann können wir denn endlich in unsere Ferienwohnung? Ich hab solchen Durst!«

»Ich auch!«, rief der Nächste.

Ich gab mir einen Ruck. »Kommt rein, ich gebe euch erst mal was zu trinken.« Es war das Mindeste, was ich tun konnte.

Im Hausflur stellte mir Herr Liebermann seine Kinder vor. Das Mädchen hieß Ella, die Jungs Anton und Emil.

»Sind Sie krank?«, fragte der Kleine. Er musterte mich unverhohlen.

»Nein. Nur spät aufgestanden.«

Ich führte die vier ins Wohnzimmer und bat sie, sich zu setzen. Dann zog ich die schweren Vorhänge zurück und öffnete die Terrassentür, um frische Luft hereinzulassen. Staubkörner tanzten über dem Couchtisch. Der Jüngste, Emil, wippte auf Opas Sofa auf und ab, der Mittlere sagte »Lass das«, und das Mädchen sah sich von ihrem Platz im Sessel interessiert um. Mit vor Überraschung aufgeblähten Wangen betrachtete sie das Telefon mit Wählscheibe. Dann fragte sie: »Wohnst du hier in dieser Wohnung?«

Ich schüttelte den Kopf. »Sie hat meinem Opa gehört. Ich bin meistens unterm Dach.«

Ella hob den Hörer des Telefons und lauschte dem monotonen Tuten.

Ihr Vater warf ihr einen warnenden Blick zu, und sie legte ihn wieder ab.

»Ich hab leider nur Wasser da«, sagte ich bedauernd und ging in die Küche, befüllte vier Gläser mit Leitungswasser und trug sie auf einem Tablett hinüber.

Die Familie nippte an den Gläsern, nur der Jüngste leerte seines in einem Zug. »Kann ich noch mehr?«

Ich nickte und ging mit dem Becher zurück in die Küche.

Das Mädchen tauchte im Türrahmen auf. »Wo ist denn das Klo?« Plötzlich weiteten sich ihre Augen. Sie zeigte auf Opas Radiorekorder. »Wow. Von wann ist der denn?« Sie sah sich im Raum um, in dem alles in Beige und Braun gehalten war. »Das ist hier ja voll Achtziger!«

»Ella, lass die Frau in Ruhe!«, rief ihr Vater. »Du wolltest nach der Toilette fragen. Und einfach so duzen macht man auch nicht!«

»Gleich links vorm Eingang.« Ich wies mit dem Daumen durch den Flur.

Ella trollte sich, und ich trug das befüllte Glas zurück zu Emil.

»Sobald meine Tochter fertig ist, sind Sie uns wieder los«, versprach der Mann erneut.

Merkte man mir so deutlich an, wie ich mich fühlte? Der Schlafanzug sprach wahrscheinlich für sich, und bestimmt roch ich auch nicht gut. Mein Blick ging zu den verschmierten Fensterscheiben und dem dahinterliegenden Garten. Die Natur hatte ihn sich zurückerobert. Es hätte verwunschen aussehen können, weil die Rosen blühten. Stattdessen wirkte er verwahrlost. Das Unkraut überwucherte die Stauden und konkurrierte um den Platz im Beet wie ein Trampel, der sich mit ausgestellten Ellbogen durch die Menge drängt.

Die Klospülung rauschte. In Opas Bad gab es noch ein Exemplar mit Schnur, an dem man ziehen musste. Kurz darauf erschien Ella. In ihren Händen trug sie eine Klopapierrolle, die in einer buntgemusterten Häkelhülle steckte. »Holy Shit.« Das Mädchen hielt Oma Inges Handarbeit in die Luft. »Die würd ich dir glatt abkaufen.«

Ich starrte sie an. »Die ist … unverkäuflich.«

Ella zog einen Flunsch. »Schade.«

Ihr Vater verdrehte die Augen. »Bringst du die bitte wieder zurück, ja? Wir gehen dann mal.« Er stand auf und klatschte in die Hände. »Hopphopp.«

»Endlich«, murmelte Anton. Die Jungs stellten ihre Gläser auf dem Couchtisch ab.

»Gehen wir jetzt vielleicht mal an den Strand?«, verlangte Emil. »Du hast uns versprochen, dass wir als Allererstes ans Meer gehen, Papa.«

Ohne Antwort scheuchte der Vater seine Kinder hinaus. Ella brachte mit Bedauern im Gesicht die Klorolle zurück – und endlich schloss ich die Tür hinter ihnen. Ich seufzte erleichtert. Dann öffnete ich die Tür zum Gästeklo und griff nach der umhäkelten Rolle, drehte sie zwischen den Fingern. Das Ding hatte Staub angesetzt. Überhaupt war Opas Wohnung das reinste Museum. Die Gegenstände – wie der Radiorekorder oder diese Toilettenpapierhülle hier – waren mir seit Jahren vertraut, ich hatte sie nur nicht mehr richtig wahrgenommen.

Ich trat in den Flur zurück und blieb unschlüssig stehen. Mein Blick glitt die schmale Treppe hinauf, die zur Dachwohnung führte. Die Matratze rief nach mir. Sie wollte, dass ich unter meine Decke kroch und in den Himmel starrte. Doch da regte sich auch etwas anderes in mir. Der Wunsch nach einer Dusche. Nach frischen Kleidern. Und danach, hier unten Licht in die Bude zu lassen, damit ich besser sehen konnte, was mir zumindest von Opa geblieben war.

5

Minutenlang spürte ich dem weichen Wasserstrom auf der Haut nach, ehe ich mich einseifte. Erst als auch die Haare eingeschäumt waren, fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, mir ein Handtuch bereitzulegen.

Tropfend tapste ich ins Schlafzimmer, das ich mir unterm Dach zuletzt mit Jan teilte, und zog das letzte Badetuch aus der Schublade, schlang es mir um die Schultern und öffnete den Kleiderschrank. Ich fand eine löchrige Leggings und ein ebenso altes T-Shirt, die längst in einen Kleidersack gehört hätten. Also entschied ich mich für den gestreiften Jersey-Rock, den meine Freundin Wiebke mir mal geschenkt hatte, und eine geblümte Bluse. Normalerweise trug ich Jeans mit einem einfachen Oberteil, doch die stapelten sich vor der Waschmaschine im Keller. In der Schublade entdeckte ich noch genau einen Slip und einen BH.

Im Bad musterte ich mein ungewohnt farbenfrohes Outfit und flocht mir zwei Zöpfe. Ich lächelte meinem Spiegelbild verunglückt zu und ließ kurz darauf den Schlafanzug die Treppe hinuntersegeln, um ihn später zur Schmutzwäsche zu geben.

Nachher, wiederholte ich in meinem Kopf. Nicht jetzt.

Der kurze Energieschub, der mich seit dem Auftauchen von Fraukes Gästen erfasst hatte, war vorbei. Das Mansardenzimmer in meinem Rücken lockte. Nur mal kurz hinlegen und in den Himmel schauen.

Schwindelnd hielt ich mich am Treppengeländer aufrecht. Innerlich schalt ich mich für meine Mimosenhaftigkeit. Wollte ich wirklich schon aufgeben? Ich hatte geduscht, das war doch spitze. Wie wäre es, wenn du dich unten auf der Terrasse in den Strandkorb setzen würdest?, sprach ich mir zu. Früher hatte Oma darin gestrickt, später Opa Zeitung gelesen.

Die Kammer hinter mir übte eine magnetische Anziehung auf mich aus. Klopfenden Herzens nahm ich die paar Schritte zur Tür und blieb davor stehen, legte die Hand auf die Klinke. Doch dann verriegelte ich mit einer raschen Bewegung das Zimmer und zog den Schlüssel ab. Als hätte ich ein gefährliches Monster eingesperrt. Lächelnd wog ich das Metall in der Hand und stieg mit wackligen Beinen die Treppe hinunter, öffnete das Schubfach des Flurschränkchens und platzierte den Schlüssel inmitten der anderen. Dann mischte ich alle mit beiden Händen durch und schloss die Lade.

Auf der Terrasse zog ich die Plastikhülle von Opas Strandkorb und nahm die Polster herunter, klopfte sie auf. Staub und Spinnweben rieselten zu Boden.

Ich wollte mich gerade darauf niederlassen, als mich das »Pling« eines Handys aufhorchen ließ. Meins war das nicht, denn das musste wohl noch oben neben der Matratze liegen.

Wieder ertönte das »Pling«. Es kam aus dem Wohnzimmer.

Ich fand das Handy im Sessel, in dem das Mädchen gesessen hatte.

Auf dem Display leuchtete eine Nachricht auf.

Seid ihr gut angekommen? Dein Vater meldet sich mal wieder nicht. Schreib bitte kurz, damit ich mir keine Sorgen mache.

Bestimmt die Mutter der Kinder. Vielleicht hatte sie keine Zeit für diesen Urlaub gehabt. Oder die Eltern waren getrennt.

Ich steckte das Gerät in die Rocktasche und ging in die Küche, hob den Deckel von Fraukes Topf, warf einen Blick hinein. Spinat mit Kartoffeln, obenauf ein Spiegelei. Alles angetrocknet. Kurzentschlossen kippte ich den Inhalt in den Mülleimer unter der Spüle, band die Träger zusammen und schlüpfte im Flur in Opas Hausschuhe.

An der Mülltonne sah ich die Straße hinunter in Richtung Dorfmitte. Zur Spelunke waren es sieben Minuten; zu meiner und Jans Wohnung im Wiesenweg zwei mehr. In letzter Zeit hatte ich die Strecke zum Dorflädchen gemieden, weil ich meinem Freund dort hätte begegnen können, so wie man einander auf unserer kleinen Insel ständig über den Weg lief. Ob er mir noch böse war? Vielleicht war das auch das falsche Wort. Er hatte seine Bemühungen, mich aufzumuntern, einstellen müssen, um nicht selbst schwermütig zu werden.