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Titel

Impressum

VORWORT

UNBEKANNTE SEHNSUCHT

DER FLUG ÜBER DAS MEER

DIE INSEL DER DRACHEN

AUF DER SUCHE

MEIN MENSCHLICHER FREUND

JOSHUA

HEIMKEHR

TUKIMUK

NACHWORT

MEHR AUS DEM REICH DER

 

John Barns

 

Die große Reise

des Drachen Dragon

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DeBehr

 

Copyright by John Barns

Herausgeber: Verlag DeBehr, Radeberg

Erstauflage: 2016

ISBN: 9783957533197

Grafiken Copyright by Fotolia by © Catmando, © Algol, © vukkostic, © julien tromeur

 

VORWORT

 

Hallo liebe Kinder, hallo liebe Eltern,

da bin ich wieder, euer Drache Dragon. Wieder sitze ich hier bei meinem Freund John. In seinen letzten beiden Büchern habt ihr ja schon eine Menge über mein Leben erfahren.

 

 

In meinem heutigen Bericht geht es um jene große Reise, die jeder Drache einmal in seinem Leben antreten muss.

Ohne diese Reise ist ein Drachenleben nicht vorstellbar. Niemand konnte mir bis heute den Grund dafür erklären. Es mag in der Natur von uns Drachen liegen, dass wir sie einfach machen müssen.

Darum will ich mich auch nicht lange mit der Vorrede aufhalten und wünsche euch viel Freude mit den neuen Geschichten.

 

UNBEKANNTE SEHNSUCHT

Nachdem ich vom Rat der Drachen zu Drachenfels in die Gemeinschaft der erwachsenen Drachen aufgenommen worden war, wurde ich von allen geachtet und fühlte mich so richtig stolz. Wie alle erwachsenen Drachen tat ich alles, um dem Eid, den ich abgelegt hatte, gerecht zu werden. Und das hieß in erster Linie Gutes zu tun, denn nur so konnten wir Drachen unserem Ruf als Wohltäter für die Menschen gerecht werden. Oft flog ich daher hinunter ins Dorf, wo meine menschlichen Freude wohnten. Hier in dem kleinen Dorf unterhalb der Burg war ich ein gern gesehener Gast und fühlte mich wohl. Ich wusste, dass andere Drachen in anderen Dörfern und Städten rund um die Burg Drachenfels ebenfalls ihre Freunde hatten. Man sah uns gerne, wenn wir am Himmel erschienen, und winkte zu uns hinauf. Sofern ein Drache Zeit hatte, landete er, um sich nach dem Wohlergehen seiner Freunde zu erkundigen. Viele von uns wurden so zu Hütern des Friedens in den Dörfern und Städten. Ein Ort, der von einem Drachen beschützt wurde, war vor Kriegsherren und Soldaten sicher. Mit einem Drachen legte man sich besser nicht an, denn auch wenn wir unseren Feuerstrahl normalerweise nur zu friedlichen Zwecken einsetzten, so wussten jene, die Böses im Schilde führten, dass wir ihn auch zur Verteidigung der Orte einsetzen würden. Daher machte man einen großen Bogen um solche Städte und Dörfer.

An manchen Stadtmauern wiesen sogar große Schilder mit einem Drachen darauf hin, dass dieser Ort von uns beschützt wurde. Daher zogen immer mehr Menschen hierher, und so wurden aus kleinen Dörfern schnell große Städte. Wer nun glaubte, er könnte die Bauern draußen vor den Toren der Dörfer und Städte so einfach überfallen und ausplündern, der sollte sein heißes Wunder erleben, denn auch die einsamen Höfe standen unter dem Schutz von uns Drachen. So mancher, der es versuchte, machte eine böse Erfahrung. Sicher kennt ihr die Redensart, dass man sich nicht die Finger verbrennen soll. Der Ursprung dieser Weisheit liegt darin, dass wir jedem, der es wagte, die Bauern anzugreifen, die Finger oder den Hosenboden mit unserem Feuerstrahl verbrannten. Während ich mich so um mein Dorf und dessen Bewohner kümmerte, überfiel mich irgendwann in dieser Zeit ein völlig unbekanntes Gefühl, das ich nicht deuten konnte. Am Anfang beachtete ich es nicht groß, aber es wurde von Tag zu Tag stärker. Es fühlte sich an, als gäbe es da ein Geheimnis, das ich nicht ergründen konnte. Was aber konnte das sein? Bisher war ich der Ansicht gewesen, dass ich mit dem Erwachen des Feuers in mir ein erwachsener Drache geworden bin. Dieses neue Gefühl aber zeigte mir deutlich, dass es wohl nicht so war. Zum Glück gab es ja noch meine Eltern, die ich fragen konnte, und so begab ich mich zu ihnen. Kaum hatte ich angefangen, über dieses Gefühl zu sprechen, da erkannte meine Mutter, was mit mir los war. „Ich weiß, was dich bewegt, mein Sohn. Es ist diese unbekannte Sehnsucht, dieses Gefühl, das dich immer mehr in seinen Bann zieht und dir den Schlaf raubt.“

Verwundert sah ich sie an. Woher wusste sie, was mit mir los war? Tatsächlich schlief ich in der letzten Zeit sehr schlecht und wachte oft des Nachts auf.

„Was du fühlst, gehört zum Leben eines Drachen. Auch dein Vater und ich haben dieses Gefühl vor langer Zeit gehabt.“

Sie sah sehr liebevoll zu ihm hinüber, und auch wenn ich von der Liebe noch nichts wusste, so erkannte ich, dass es ein besonderer Blick war. So schauen sich erwachsene Drachen nur an, wenn sie sich sehr lieb haben. „Bald wirst du uns verlassen und auf deine große Reise gehen“, fuhr sie fort. „Wir werden dich gehen lassen, auch wenn wir wissen, dass es viele Jahre dauern wird, bevor du hierher nach Burg Drachenfels heimkehren wirst. Diese Reise muss jeder Drache in seinem Leben machen, denn sie gehört einfach dazu. Wenn du dann nach vielen Jahren heimkehrst, wirst du vieles gesehen und gelernt haben. Der Sinn dieser Reise liegt darin, dass du jemanden findest, der dir mehr bedeutet als jeder Drache. Du wirst einem Menschen begegnen, mit dem du dein Herz teilst, und du wirst sein ganzes Leben bei ihm bleiben. Wenn er stirbt, wird er dir den Teil deines Herzens zurückgeben, erst dann wirst du hierher auf die Burg Drachenfels heimkehren. Habe aber keine Angst vor dieser Reise, sondern freue dich darauf. Wir werden immer noch leben, da wir Drachen viel älter werden als die Menschen.“

 

 

Damit endete die Ansprache meiner Mutter und ich sah in ihren Augen, dass sie sich wohl an ihre eigene Reise erinnerte, die sie vor vielen Jahren gemacht hatte. Ich war jetzt sehr nachdenklich, denn ich konnte mir damals nicht vorstellen, meine Eltern jemals zu verlassen. Sie waren doch das Liebste, was ich kannte. Zu ihnen konnte ich mit allem kommen, was mich bedrückte. So wie jetzt. „Verzweifele nicht, Dragon“, beruhigte meine Mutter mich mit sanfter Stimme, so, als würde sie meine Gedanken kennen. „Ich habe versucht, dir zu erklären, dass du diesen Weg gehen musst, denn erst danach wirst du ein erwachsener Drache sein. So ist es schon immer gewesen, und so wird es immer bleiben.“ Ich ahnte nicht, wie recht sie behalten sollte.

 

DER FLUG ÜBER DAS MEER