In Paris treffen sich fünf Experten, um eines der größten Rätsel der Kunstgeschichte zu lösen: Der Verbleib von Vincent van Goghs Porträt des Doktor Gachet, das 1990 für eine märchenhafte Summe versteigert und seither nie wieder gesichtet wurde. In einer abenteuerlichen Schnitzeljagd, die in den Katakomben von Paris beginnt und bis ins entfernte Japan führt, müssen die fünf mysteriöse Aufgaben lösen – und sich Widersachern entgegenstellen, die auch vor Mord nicht zurückschrecken …
Matilde Asensi, 1962 in Alicante geboren, arbeitete nach dem Journalismusstudium für Rundfunk und Printmedien. Ihr Roman Wächter des Kreuzes aus dem Jahr 2001 entwickelte sich zu einem internationalen Bestseller, der von Kritikern hochgelobt wurde. Inzwischen ist ihre Leserschaft auf mehr als 20 Millionen Menschen weltweit angewachsen. Für ihre literarische Arbeit wurde Matilde Asensi mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 2015 erschien mit Die Jesus-Verschwörung die lang ersehnte Fortsetzung ihres Erfolgsromans Wächter des Kreuzes.
DAS LETZTE
MYSTERIUM
THRILLER
Übersetzung aus dem Spanischen
von Sybille Martin
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Titel der spanischen Originalausgabe:
»Sakura«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2019 by Matilde Asensi/La esfera de los libros, S.L
This agreement c/o Schwermann Literary Agency, Essen.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Ann-Catherine Geuder, Lübeck
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Einband-/Umschlagmotiv: © www.buersosued.de
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7325-9462-7
www.luebbe.de
www.lesejury.de
There’s nothing more dangerous than someone
who wants to make the world a better place.
Banksy
Als ich in der Rue Clauzel Nummer 14 ankam, hatte ich so ein mulmiges, unsicheres Gefühl, und am liebsten hätte ich mich sofort wieder umgedreht und Reißaus genommen. Die ganze Geschichte erschien mir reichlich merkwürdig. Als ich erkannte, dass das Treffen in einer Kunstgalerie stattfinden sollte, auf deren Schaufenster in gelben Lettern PÈRE TANGUY stand, fühlte ich mich gleich wieder etwas besser. Die Fassade war in einem matten Irisch-Grün gestrichen, das im strahlenden Sonnenlicht dieses warmen Augustmorgens bläulich schimmerte. An den Wänden der Galerie hingen überall Bilder, doch es war keine Menschenseele zu sehen. Ich trat ein und entdeckte ein Schild mit einem Pfeil, der nach hinten wies. Jetzt machte ich mir doch wieder Sorgen und hatte umso mehr das Bedürfnis, schnell wieder zu verschwinden. Doch ich ging weiter und las auf einem Zettel an der Tür, dass das Treffen, zu dem ich eingeladen war, tatsächlich an diesem Tag und um diese Uhrzeit stattfinden sollte. Mit gespielter Entschlossenheit trat ich ein.
Es handelte sich um einen mittelgroßen Raum mit ein paar Klappstühlen, die im Kreis aufgestellt waren. Er wirkte wie ein Lager, das man für ein Sektentreffen umfunktioniert hatte. Ein paar Leute sahen mich neugierig an. Ich grüßte mit einem Kopfnicken und setzte mich mit einigem Abstand zu den Anwesenden. Eine Frau telefonierte leise mit der Hand vor dem Mund, damit wir sie nicht verstanden. Mein Gefühl der Unsicherheit verstärkte sich. Das Ganze wirkte ausgesprochen unheimlich.
Die Tür ging auf, und zu meiner Überraschung traten zwei lächelnde Japaner ein. Einer von ihnen war ziemlich groß, von der Statur eines Sumo-Ringers, und trug ein silbernes Schild am Hemd. Als er an mir vorbeiging, konnte ich lesen, dass er der Geschäftsführer dieser Galerie war. Der andere Japaner, klein, dünn und mittleren Alters, stellte sich vor den großen Monitor an der Wand und begrüßte die Anwesenden mit einer tiefen Verbeugung. Der riesige Geschäftsführer verkündete uns mit starkem Akzent auf Französisch:
»Darf ich vorstellen: Ihr Gastgeber und Förderer Monsieur Ichiro Koga.«
Noch war mir nicht ganz klar, was Monsieur Koga genau förderte, aber wenn dieser Mann mit dem kurzen, glatten Haar mir die vertraglich zugesicherte Geldsumme zahlen würde, könnte er mich auch bitten, mit verbundenen Augen von einer Klippe ins Meer zu springen. Für den üppigen Vorschuss, den er bereits auf mein Konto überwiesen hatte, sowie für die vereinbarte Gesamtsumme war ich mehr als bereit, ihm zuzuhören. Die anderen waren gewiss aus demselben Grund gekommen. Es handelte sich um zwei Männer und eine Frau. Der eine Mann war rothaarig und kräftig, Anfang zwanzig, der andere etwas älter, ein Mulatte mit glänzenden blauen Augen. Die Frau, die an die dreißig sein durfte, hatte Mandelaugen, braunes Haar und war nicht sehr groß. Alle drei wirkten ebenso verunsichert wie ich.
»Ohayō gozaimasu«, begrüßte uns Monsieur Koga und neigte den Kopf. »Danke, dass ihr zu unserem Treffen in der Galerie Boutique du Père Tanguy nach Paris gekommen seid.«
Und das im August, wo selbst am frühen Morgen schon eine mörderische Hitze herrschte. Aber dafür waren sämtliche Kosten übernommen worden … Wie sollte ich da nicht nach Paris kommen? Wo sonst konnte man seinen Jahresurlaub besser genießen?
»Es fehlt noch jemand«, erklärte Koga, der sich ganz zwanglos gab. Er schien daran gewöhnt zu sein, vor Publikum zu reden, und wirkte trotz seiner zarten Statur voller Energie. »Leider können wir nicht länger warten. Doch erlaubt mir vorab, euch einander vorzustellen, denn ihr kennt euch ja noch nicht.«
Der fensterlose Lagerraum mit seiner kalten Neonröhre war ziemlich klein, weshalb wir auf unseren Klappstühlen dicht beieinandersaßen. Monsieur Koga zeigte auf die einzige Frau, die kleine Dunkelhaarige, die sich noch kleiner machte und schüchtern lächelte.
»Odette Blondeau aus Marseille. Danke, dass du gekommen bist, Odette.«
Neuerliches Verbeugen, diesmal nur vor der armen Odette, die rot angelaufen war und uns entgeistert anstarrte. Koga wandte sich kaum wahrnehmbar dem kräftigen, rothaarigen Mann neben ihr zu, der sich so ruckartig aufsetzte, dass der Stuhl unter seinem beträchtlichen Gewicht knarrte. Er trug Vollbart und machte einen jämmerlichen Eindruck mit seinem alten Sweatshirt, den fleckigen Jeans und dem zerschlissenen Baseball-Cap.
»John Morris aus Warren, Michigan, USA. Danke, dass du die weite Reise gemacht hast, John.«
Der Amerikaner winkte gleichgültig ab. Nach der obligatorischen Verbeugung war ich an der Reihe. Alle starrten mich an. Ich schob meine Brille so brüsk nach oben, dass ich mir den Bügel fast in die Nasenwurzel rammte. Das hier schien das Treffen einer Sekte zu sein, und ich wollte weg.
»Hubert Kools aus Amsterdam, Niederlande. Danke, dass du gekommen bist, Hubert. Deine Erfahrung wird uns eine große Hilfe sein.«
Meine Erfahrung?, fragte ich mich überrascht. Ich war lediglich der Besitzer einer ganz ähnlichen Kunstgalerie wie diese hier. Welche Erfahrung meinte Koga? Na gut, solange die vereinbarte Summe bezahlt wurde, sollte das kein Problem sein. Meine Galerie, Kools Kunstgalerie, stand kurz vor der Pleite, die Schulden erdrückten mich, und womöglich würde ich auch meine Wohnung verlieren, weshalb Ichiro Kogas Angebot – vermittelt durch Kamidana, ein Geschäft für Künstlerbedarf, bei dem ich seit einiger Zeit Kunde war – mir die einmalige Chance bot, wieder auf die Beine zu kommen und mein Leben einigermaßen anständig weiterzuführen.
»Oliver Roos aus Liverpool, England. Danke für dein Kommen, Oliver.«
Besagter Oliver hatte etwas Außergewöhnliches an sich. Trotz eines schwarzen Vaters oder einer schwarzen Mutter hatte er die blauesten Augen, die ich je gesehen habe. Er trug eine Glatze und war schön wie ein Männermodel. Dieser fast zwei Meter große Engländer konnte kaum älter als fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig sein, und obwohl seine Kleidung nicht sonderlich teuer wirkte, verstand er sie zu tragen. Ich war ebenfalls groß und noch immer athletisch, aber schon dreiunddreißig, und ich hatte bereits das eine oder andere graue Haar, nicht nur auf dem Kopf, sondern auch in meinem Schnurr- und Kinnbart. Jedoch fiel das bei meiner hellbraunen Haarfarbe kaum auf.
Plötzlich ging die Tür auf, und ein sehr blonder Kopf schaute sich um.
»Na endlich!«, rief Koga lächelnd. »Konnichiwa, Gabriella. Komm rein. Das ist Gabriella Amato aus Mailand. Jetzt sind wir vollzählig. Danke, dass du gekommen bist, Gabriella.«
Noch bevor mir Zeit blieb, darüber nachzudenken, wie komisch es war, dass wir alle aus unterschiedlichen Ländern stammten, verschlug mir besagte Gabriella, die sich betont kühl neben Oliver setzte, buchstäblich den Atem. Sie war eine beeindruckende Frau: groß, schlank, sehr blond, fast goldblond, mit wunderschön gebräunter Haut. Dazu grüne Augen und ein geradezu perfektes ovales Gesicht. Vermutlich so um die dreißig, sagte ich mir. Ich hätte gern Papier und Stift zur Hand gehabt und sie gezeichnet, obwohl das Zeichnen nicht gerade meine Stärke ist. Sie trug eine ärmellose Bluse in der Farbe ihrer Augen, eine helle, eng anliegende Hose und Sandaletten mit Absatz. Dazu lange, filigrane Ohrringe, die fast die Schultern streiften. Obwohl sie das blonde Haar zurückgebunden hatte, bewirkte das Neonlicht, dass die feinen Härchen, die sich aus der schicken Frisur gelöst hatten, eine Art Heiligenschein um ihren Kopf bildeten. Ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden, und ich glaube, den anderen ging es genauso.
»Stellt eure Handys bitte stumm oder schaltet sie aus, was euch lieber ist«, sagte Koga und ergriff die Fernbedienung, die der Geschäftsführer der Galerie ihm hinhielt. »Ich muss euch leider daran erinnern, dass ihr für die Zeit dieses Auftrags eine Verschwiegenheitsklausel sowie die eingeschränkte Nutzung eurer Handys unterschrieben habt. Ihr dürft weder fotografieren noch Bilder oder Informationen ins Internet stellen über das, was wir tun werden, einverstanden? Gut, da wir jetzt vollzählig sind, können wir anfangen.«
Das Neonlicht erlosch, nur die im Boden angebrachten Strahler blieben an, und auf dem Monitor an der Wand erschien eines der letzten Gemälde van Goghs vor seinem Tod, das berühmte Bildnis des Dr. Gachet. Der Arzt hatte auf Empfehlung von Camille Pissarro Vincents Melancholie behandelt, und zwar in Auvers-sur-Oise, einem kleinen Dorf nördlich von Paris, zu jener Zeit knapp eine Stunde Zugfahrt entfernt. Als Vincent Doktor Gachet kennenlernte, schrieb er seinem Bruder in einem Brief, dass der Doktor ein ernstes Nervenproblem hätte und mindestens genauso krank sei wie er.
»Kennt ihr das Bild?«, fragte uns Koga.
»Nein«, platzte der Amerikaner Morris heraus. Wir anderen nickten stumm.
»Keine Sorge, John«, erwiderte Koga freundlich. »Es gehört nicht zu den bekanntesten Werken van Goghs. Alle Welt kennt die Sonnenblumen oder die berühmten Sternennächte, aber nur wenige wissen von diesem Bild, was vor allem dem Umstand geschuldet ist, dass es 1996 geheimnisvollerweise verschwand und man seither nichts mehr davon gehört hat. Und als wäre das nicht genug, waren die Umstände seines Verschwindens für viele Leute derart unangenehm, dass sowohl in der Kunstwelt als auch in der Politik bis heute eine Art Pakt des Schweigens darüber herrscht.«
Damit hatte er mich ertappt. Ich hatte keine Ahnung, dass das Bild verschwunden war, sondern war davon überzeugt gewesen, dass es hier in Paris im Musée d’Orsay hängt. Van Gogh ist natürlich einer meiner Lieblingsmaler, nicht nur, weil er mein Landsmann war, das auch, aber vor allem, weil er wirklich ein großer Künstler war. Zudem einer der wenigen weltberühmten Künstler mit einem eigenen Museum, und das befindet sich in Amsterdam. Van Gogh ist unbestritten der Stolz der Niederlande, und durch mein Kunststudium kannte ich ihn mittlerweile besser als meine eigene Familie. Hinzu kommt, dass Vincents Vater, Theodorus van Gogh, zum Ende des 19. Jahrhunderts viele Jahre als Pastor in der kleinen Kapelle des Dorfes Nuenen gearbeitet hat, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. All das führte zu meiner großen Leidenschaft für Vincent van Gogh.
»Wenn du das Bild bei Wikipedia eingibst«, fuhr Koga mit seinen Erklärungen für John fort, »wirst du entdecken, dass das Bildnis des Dr. Gachet nicht 1996 verschwunden ist, wie ich eben sagte, sondern um 1997 herum von einem Sammler gekauft wurde – ob australischer oder österreichischer Herkunft ist umstritten –, der es Jahre später wegen finanzieller Nöte an einen Unbekannten weiterverkaufte. Das ist natürlich alles falsch. Das Bild wurde nicht mehr gesehen, seit es 1990 bei einer Versteigerung von Christie’s New York von dem japanischen Multimillionär und Papierfabrikanten Ryoei Saito für die bis dahin höchste Summe für ein Gemälde ersteigert wurde: 82,5 Millionen Dollar. Es blieb bis zu seinem Tod 1996 in Saitos Besitz. Danach verschwand es.«
Die Geschichte, die Ichiro Koga über das Bildnis des Dr. Gachet erzählte, musste wichtig sein und war offensichtlich auch der Grund, warum wir alle in diesem Raum saßen. Auf dem Monitor hatte Dr. Gachet sein tieftrauriges und leuchtend orangefarbenes Gesicht auf die rechte Faust gestützt und blickte uns gleichgültig und zutiefst melancholisch an. Sein Haar war ebenfalls orangefarben, und die schwarz eingefasste, kobaltblaue Jacke wies Schattierungen und drei limettengrüne Knöpfe auf. Auch der Himmel über seinem Kopf schimmerte in limettengrünen Tönen, und auf dem Tisch mit der knallroten Decke, auf den er sich stützte, befanden sich zwei gelbe Bücher und ein Glas mit einem Zweig mit großen grünen Blättern. Mit diesen leuchtenden Farben eindeutig ein echter Vincent van Gogh. Er war zweifelsohne der beste Kolorist aller Zeiten.
John Morris rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Dem Armen mangelte es eindeutig an der nötigen Bildung, um schätzen zu können, was er gerade sah und hörte. Monsieur Koga schien das zu wissen und erklärte es ihm geduldig, als rede er mit einem Kind. Doch dann sah Koga auf und ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern.
»Wir befassen uns jetzt mit der Rache eines toten Mannes«, fuhr er fort. »Deshalb habe ich euch alle eingeladen. Jeder von euch verfügt über eine besondere Fähigkeit, die ihn unentbehrlich macht. Keiner ist zu viel oder überflüssig. Früher oder später werden eure Kenntnisse, Fertigkeiten oder Erfahrungen sehr nützlich sein. Herr Ryoei Saito war nicht irgendwer. Er hatte in Japan große Macht erlangt, blieb dabei aber immer der raubeinige und impulsive Geschäftsmann aus der Provinz, ein extravaganter und unabhängiger Mensch. Heutzutage steht sein Name beispielhaft für die Wirtschaftskorruption, unter der Japan in den Achtziger- und Neunzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts litt, und dennoch lässt sich nicht leugnen, dass Saito auch ein großer Kunstliebhaber und Nonkonformist war – originell, exzentrisch und zu allem Überfluss rachsüchtig. Extrem rachsüchtig. Und mit diesem Ryoei Saito werden wir uns befassen.«
»Aber, Monsieur Koga …«, stammelte die kleine Odette Blondeau schüchtern und ohne zu wissen, wie sie unseren Gastgeber ansprechen sollte. »Hatten Sie vorhin nicht gesagt, er sei 1996 gestorben?«
Das Bildnis des Dr. Gachet verschwand, und wir erblickten das Foto eines lächelnden, kräftigen Japaners im fortgeschrittenen Alter, der einen Dreiteiler trug und sein graues Haar auf dem quadratischen Schädel nach hinten gekämmt hatte.
»Ja, genau, er starb 1996«, bestätigte Koga. »Aber nennt mich doch bitte Ichiro. Ich gehöre auch zum Team.«
Er holte tief Luft und wandte sich dann wieder dem Foto des stolz und zufrieden dreinblickenden Ryoei Saito zu.
»Nachdem Saito 1990 das Bild von van Gogh bei Christie’s New York ersteigert hatte, brachte er es nach Japan. Der Weltpresse teilte er mit, das Gemälde ein paar Jahre lang behalten zu wollen, laut eigener Aussage aus reiner Liebe zur Kunst, und es später einem japanischen Museum zu schenken, damit alle Welt in seinen Genuss käme.«
Ichiro lächelte breit und sah uns mit blitzenden Augen an.
»Falls ihr es nicht wissen solltet: Japan liebt die Impressionisten und besonders Vincent van Gogh. Der Impressionismus ist stark beeinflusst von der japanischen Farbholzschnittkunst, dem ukiyō-e, was wörtlich übersetzt ›Bilder der fließenden Welt‹ heißt und das Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit unzähligen billigen Drucken und Holzschnitten in Europa Furore machte. Vincent van Gogh war der Künstler, der die meisten japanischen Motive kopierte, was so weit ging, dass alle seine Bilder aus seiner Pariser Zeit vollständig oder zumindest teilweise japanische Motive reproduzieren. Deshalb lieben wir Japaner van Gogh. Ryoei Saito war da keine Ausnahme, und als er das Bildnis des Dr. Gachet erstehen konnte, zögerte er keinen Moment. Er wollte, dass das Bild in einem japanischen Museum zu sehen ist, als Beispiel für Nationalstolz und Macht.«
Das Gesicht unseres Gastgebers wurde unvermittelt wieder ernst.
»Doch der Staat wollte nach Erwerb des Gemäldes, obschon er sich durchaus dankbar für diese Geste gezeigt hatte, 24 Millionen Dollar Steuern von ihm. Saito hatte jede Menge Immobilien verkauft und sich hoch verschuldet, um den van Gogh zu erwerben, weshalb der japanische Fiskus das viele Geld als Gewinn veranschlagte, obwohl Saito das Bild später dem Staat schenken wollte. Und das nahm Saito ganz schlecht auf«, unterstrich er.
Auf Ichiros Hemd bildeten sich langsam große Schweißflecken. Ich wusste nicht, ob es an der Hitze dieser ersten Augustwoche lag (obwohl der Raum klimatisiert war) oder an der Bedeutung, die die Geschichte für ihn hatte. Vermutlich eher Letzteres, denn er wirkte sichtlich betroffen.
»Am 13. Mai 1991«, fuhr Ichiro fort, »kurz nach der Zahlung dieser Steuerlast von 24 Millionen Dollar, schlug in der Weltpresse eine Bombe ein: Saito hatte eine internationale Pressekonferenz einberufen und verkündet, dass er das Bildnis des Dr. Gachet mit ins Grab nehmen würde.«
Auf dem Monitor war jetzt das Titelbild des Londoner Daily Telegraph zu sehen, auf dem in großen Lettern Ryoei Saitos Erklärung gedruckt war.
»Nach dem Ritual des japanischen Shintoismus werden nicht nur die Särge mit dem Körper des Verstorbenen verbrannt, sondern mit ihnen auch eine Vielzahl an Gegenständen, wertvolle Luxusgüter eingeschlossen, die die Familie zum Zeichen ihres Respekts in den Sarg legt. Saito verkündete, dass der van Gogh mit ihm eingeäschert würde, um seine Söhne davor zu bewahren, nach seinem Tod noch einmal ein Vermögen an Erbschaftssteuern an den japanischen Fiskus zahlen zu müssen. Natürlich hatte er – selbst wenn er das Bild letztendlich doch nicht verbrennen wollte – von der Idee, es einem öffentlichen Museum zu schenken, längst Abstand genommen. So erbost war er.«
Ichiro, der jetzt ordentlich schwitzte, drehte sich wieder um.
»Wie ihr dem Titel des Daily Telegraph entnehmen könnt, war die Weltöffentlichkeit, die im Jahr 1990 die Ersteigerung des Gemäldes verfolgt hatte, erschüttert über Ryoei Saitos Erklärung, aber nicht annähernd so erschüttert wie wir Japaner. Wisst ihr, warum? Weil alle Welt glaubte, das sei nur Wichtigtuerei und das Geschwätz eines erbosten Multimillionärs, aber wir Japaner wussten, dass Saitos Worte nichts mit Wichtigtuerei zu tun hatten. In Japan nahm man seine Erklärung für bare Münze, denn selbst noch in den modernen Neunzigerjahren ließen sich viele Wohlhabende mit ihren wertvollsten Kunstgegenständen verbrennen: Kaligrafien, Schmuck, Bilder der ukiyō-e-Künstler, Keramik … Wir Japaner wussten, dass seine Erklärung absolut ernst gemeint war und dass jemand wie Saito seine Meinung nicht ändern würde, da konnte er angesichts der empörten Reaktion des Okzidents noch so lautstark behaupten, dass er den Beamten der Obersten Finanzbehörde Japans nur einen Streich hatte spielen wollen. Der Rest der Welt atmete erleichtert auf und vergaß die Angelegenheit schnell wieder, während wir in Japan den Atem anhielten vor lauter Scham darüber, dass ein Landsmann ein großartiges Gemälde von van Gogh zerstören wollte.«
Ich war wie versteinert und wusste nicht, wie ich auf Ichiro Kogas Geschichte reagieren sollte. Auch die anderen nicht. Wie konnte jemand ein Kunstwerk zerstören, als wäre es Firlefanz oder unbedeutender Plunder? Nun ja, 2001 hatten die Taliban die wunderschönen Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan gesprengt, Statuen aus dem 5. Jahrhundert, die an der Seidenstraße standen. Aber das waren Fanatiker, die geistig im Mittelalter stecken geblieben waren. Von einem reichen Papierfabrikanten des 20. Jahrhunderts ist das nur schwer zu glauben, selbst bei einem Japaner. Oder genauer gesagt, gerade weil er Japaner ist, denn bei den Japanern denken wir immer an ihre schöne Tee-Zeremonie, die Kunst des Blumensteckens, die Kirschblüte im Frühling … oder an Sushi.
»Mein Vater Kentaro Koga«, erzählte Ichiro weiter, »war 1991 der Besitzer des größten Bestattungsunternehmens in der Präfektur Shizuoka, aus der neben der Familie Saito auch wir Kogas stammen. Tatsächlich kannten sich mein Vater und Herr Saito seit ihrer Kindheit. Sie waren zwar nicht befreundet, aber als der Skandal aufkam, sagte mein Vater, wie ich mich erinnere: ›Ryoei wird sich mit dem van Gogh verbrennen lassen.‹ Ich war damals siebzehn, hatte gerade das Abitur gemacht und schämte mich wie alle in Shizuoka und ganz Japan. Mein Vater wollte, dass ich auf die Universität gehe und Jura studiere, aber darauf hatte ich keine Lust, also begann ich im familiären Bestattungsunternehmen zu arbeiten.« Ichiro lächelte amüsiert. »Das ist ein gutes Geschäft, auch wenn es euch schwerfallen mag, das zu glauben. Weil in Japan das Sterben sehr teuer ist, extrem teuer, müssen sich enge Familienmitglieder, Freunde und geladene Gäste an den Beerdigungskosten beteiligen. Und deshalb ist ein Bestattungsunternehmen ein gutes Geschäft.«
Der japanische Geschäftsführer der Galerie Boutique du Père Tanguy hatte leise den Raum verlassen und kehrte jetzt mit einer kleinen Wasserflasche zurück, die er Ichiro mit einer Verbeugung überreichte. Der dankte ihm mit einer ebensolchen für seine Aufmerksamkeit, trank einen großen Schluck und stellte die Flasche auf einen freien Stuhl, bevor er weitererzählte.
»1990, im Jahr der Versteigerung, hatte Herr Saito, der schnell viel Geld für das Bildnis des Dr. Gachet brauchte, den Gouverneur der Provinz Miyagi bestochen, damit er einige der Wälder, deren Baumbestand er für die Papierproduktion seiner Firma Daishowa nutzte, zur Bebauung umwidmete. Anschließend verkaufte Saito fast den ganzen Baugrund, der jetzt wesentlich mehr wert war, investierte das Geld in den Kauf des Bildes und ließ auf der kleinen, übrig gebliebenen Parzelle einen Golfplatz errichten, den er Vincent nannte.«
Er lächelte ironisch und griff wieder zur Wasserflasche. Diesmal behielt er sie in der Hand.
»Im November 1993 wurde Saito mit siebenundsiebzig Jahren in seinem Haus in Tokio wegen der Bestechung des Gouverneurs von Miyagi festgenommen und ins Gefängnis gesteckt, woraufhin er seinen Posten als Direktor von Daishowa verlor. Die Fotos von seiner Verhaftung durch die Steuerfahndung des Distrikts Tokio gingen um die Welt.«
Auf dem Monitor war jetzt derselbe Mann fortgeschrittenen Alters zu sehen, der vorher so stolz gelächelt hatte, wie er von besagten Tokioter Steuerfahndern abgeführt wird, und auf dem nächsten Foto sitzt er mit eingezogenem Kopf im Fond eines Polizeiwagens, als wolle er sich verstecken.
»Einen Monat später, im Dezember, war er so krank, dass er aus dem Gefängnis entlassen werden musste und in ein Krankenhaus überstellt wurde. Er hat sich nie wieder erholt. Seine Firma Daishowa stürzte an der Börse ab und stand kurz vor der Pleite. Der Fall des mächtigen Ryoei Saito hat ganz Japan erschüttert. Der eiligst neu ernannte Direktor von Daishowa, Shogo Nakano, versuchte die Firma zu retten, aber es gestaltete sich schwierig, Saitos Besitz und Finanzen von denen des Unternehmens zu trennen. Es ist ihm in der Tat nicht gelungen. Alles in allem verebbte der Skandal rasch wieder, vor allem aus Respekt vor Ryoei Saito, der schon sehr alt und krank war, und weil alle Welt wusste, dass er nicht mehr lange leben würde.«
Bei Ichiros Geschichte fiel mir besonders die ständige Erwähnung von Respekt, Dankbarkeit, Höflichkeitsformeln, Ehre und Ehrverlust sowie Scham auf, all diese uns fremden orientalischen Traditionen gepaart mit westlicher Industrialisierung und Moderne. Denn die Welt, auch wenn heutzutage globale Wirkmechanismen am Werk sind und sie von Mal zu Mal kleiner wirkt, weist dennoch so große kulturelle Unterschiede auf, dass man die Länder ebenso gut für unterschiedliche Planeten halten könnte, die Millionen Lichtjahre voneinander entfernt sind.
Ichiro, der schon ein ganzes Weilchen redete, streckte den Arm aus und zeigte uns ein weiteres Bild. Ein langer Trauerzug mit geschmückten Wagen auf einer trostlosen Landstraße. Auch dabei handelte es sich um ein Schwarz-Weiß-Foto aus einer alten Tageszeitung.
»Ryoei Saito erlag am 30. März 1996 fast achtzigjährig einem schweren Herzinfarkt.« Er zeigte auf den ersten Wagen des Zuges. »Saitos Sarg befand sich in diesem großen Wagen mit den Trauerwimpeln zu beiden Seiten, den übrigens ich gefahren habe.«
Odette Blondeau schrie leise auf.
»Das Bestattungsunternehmen deines Vaters hat die Beisetzung ausgeführt …«, murmelte Gabriella nachdenklich, überschlug die Beine und stützte einen Arm so anmutig auf das Knie, dass mir ganz anders wurde. Wie es schien, hatte sie bereits ihre Schlüsse gezogen und war schon etwas weiter in der Geschichte.
»Genau«, bestätigte er. »Mein Vater kümmerte sich persönlich um die Bestattungszeremonie, die in Japan viel komplexer ist als im Westen, und ich fungierte als sein Assistent. Unsere Angestellten begleiteten uns oder standen vor Saitos Haus in Shizuoka an den Ausläufern des Bergs Fuji. An jenem Tag hatte mein Vater uns alle eingesetzt. Unter seiner Leitung übernahmen wir beide das rituelle Waschen des Körpers, das Ankleiden, Schminken und Parfümieren und legten ihn dann in den Sarg, der traditionell offen bleiben muss. Erst dann ließen wir die Familie ein. Wir befanden uns in einem sehr großen Saal, in den viele tatamis – Reisstrohmatten – passten und den wir als reianshitsu nutzen, soll heißen …« Ichiro suchte nach dem richtigen Wort auf Englisch. »Das ist eine Art Aufbahrungsraum für den Verstorbenen, und es kamen viele Angehörige und Freunde, die unsere Arbeit still betrachteten. Für die Zeremonie hatten wir den Altar mit Blumen und Weihrauch geschmückt und zu den Geschenken der Familie ein großes Foto von Ryoei Saito gestellt. Als wir der Familie sagten, dass sie jetzt Abschied nehmen könnte, trat als Erster sein ältester Sohn Kiminori, den ich aus dem Fernsehen kannte, an den Sarg. Er hielt eine Papprolle in den Händen und legte sie behutsam neben den Körper seines Vaters in den Sarg.«
»Das Bild von van Gogh …?«, entfuhr es dem neugierigen Oliver Roos. Dieser Typ, mit seinen blauen Augen, hatte etwas Argloses und Gutmütiges an sich. Er schien ein guter Mensch zu sein.
Ichiro lächelte ihn breit an.
»Ja, klar!«, rief er und lachte auf. »Die Papprolle mit dem Bild von van Gogh lag im Sarg. Aber lasst mich die Geschichte zu Ende erzählen. Es fehlt nicht mehr viel.« Er ging zögerlich vor dem Monitor auf und ab, als wüsste er nicht genau, wie er fortfahren sollte. »Ich springe jetzt weiter zu dem Zeitpunkt, als der Trauerzug auf dem Weg zum Krematorium von Shizuoka ist, wie ihr auf diesem Foto sehen könnt.« Er zeigte auf die Schwarz-Weiß-Aufnahme. »Ich fuhr den Leichenwagen, und mein Vater saß neben mir. Hinter uns der geschlossene Sarg voller Geschenke und wertvoller Gegenstände, die die Familie ihm zum Abschied mitgegeben hatte. Plötzlich drehte sich mein Vater, der damals siebenundvierzig war, nur wenige Jahre älter als ich heute, auf dem Sitz um und kletterte über die Rücklehne nach hinten in den Leichenwagen, der zum Glück schwarz getönte Scheiben hatte, wie ihr unschwer erkennen könnt.«
Ichiro atmete langsam aus und sah zu Boden.
»Ich war entsetzt und schrie ihn an, was er da mache. Aber er hieß mich schweigen. Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie er den Sarg von Ryoei Saito öffnete, die Papprolle herausnahm und unter einer Arbeitsdecke versteckte und anschließend den Sarg wieder schloss. Ich habe mich wahnsinnig geschämt und wäre in dem Moment am liebsten gestorben. Als mein Vater wieder neben mir saß, konnte ich ihm nicht in die Augen schauen. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass mein Vater imstande wäre, solcherart unsere Familienehre zu beschmutzen. Vor lauter Angst zitterte ich am ganzen Körper, aber mein Vater sah es nicht einmal. Er sagt nur: ›Ich musste den van Gogh retten.‹ Dann schwieg er, mehrere Tage lang. Vor Scham wurde er depressiv. Er wagte nicht einmal, meine Mutter anzusehen, die uns beide mit zunehmender Sorge beobachtete. Die Papprolle lag verschlossen im Schrank seines Arbeitszimmers. Ryoei Saito wurde eingeäschert, aber sein van Gogh lag in unserem Haus, und ich hatte keine Ahnung, was mein Vater mit ihm vorhatte.«
Er verstummte einen Moment und fuhr dann fort:
»Es waren schwierige Tage. Ich glaube, ich habe unseren Familientempel nicht einmal zum Schlafen verlassen. In meiner Verzweiflung wollte ich nur, dass Saitos kami – sein Geist – meinem Vater verzieh. Aber mein Vater erlosch jeden Tag ein wenig mehr angesichts der einschüchternden Blicke seiner Frau und seines Sohnes. Seine Schuld würde ewig währen und seine Scham ebenfalls, das wusste er. Er hatte Saitos Geist und Familie beleidigt und sowohl deren Ehre als auch die unserer Familie beschmutzt.«
»Warum habt ihr das Bild nicht anonym den Behörden ausgehändigt?«, wollte Oliver wissen. Der Amerikaner Morris schnaubte daraufhin verächtlich, als wolle er damit sagen, dass er das Bild bestimmt nicht den Behörden gegeben hätte.
»Weil wir es nicht konnten«, erwiderte Ichiro. »Mein Vater erklärte mir an dem Tag, als wir endlich über die Sache sprachen, dass Saitos Familie selbst bei anonymer Herausgabe verpflichtet gewesen wäre, es als Opfergabe für den Toten zu verbrennen, um der Rache der Geister zu entgehen, und außerdem hätten sie sofort gewusst, wie das Bild aus dem Sarg verschwunden war. Wir konnten es den japanischen Behörden nicht geben, weil sie für Saitos unglückliches Ende verantwortlich und natürlich auch nicht die legitimen Besitzer waren. Mein Vater hatte große Angst vor der Rache von Ryoeis Geist!«
Wie kompliziert doch die Japaner sind, dachte ich. Die Welt der Geister, die Rache der Toten aus dem Jenseits … Wie schon gesagt, Planeten, die Millionen von Lichtjahren voneinander entfernt sind.
Da lachte Ichiro wieder auf und sah uns an.
»Ich weiß, für euch aus dem Abendland klingt das alles höchst seltsam, aber bitte versucht, es zu verstehen, und wenn ihr das nicht könnt, es wenigstens zu akzeptieren. Wie dem auch sei, unsere moralischen und geistigen Sorgen hielten nicht lange vor.«
Dem Bild mit dem Trauerzug folgte eines von der Leinwand, auf die van Gogh das Bildnis des Dr. Gachet gemalt hatte. Sie lag ausgerollt auf einem Holzboden, daneben ein Blatt Papier mit japanischen Schriftzeichen sowie ein kleiner Druck in derselben Größe, auf dem nur vage ein weiteres Van-Gogh-Bild zu erkennen war, ebenfalls ein sitzender Mann mit Hut und Gehrock, als würde er für ein Foto posieren.
»Das haben wir gefunden, als wir die Papprolle öffneten.«
Im Raum herrschte verblüfftes Schweigen. Ich betrachtete das Bild aufmerksam, weil mich etwas stutzig gemacht hatte, obwohl ich es nicht gleich benennen konnte. Erst nach längerem Hinsehen fiel bei mir der Groschen: Die Knöpfe des Gehrocks von Doktor Gachet waren nicht limettengrün, sondern gelb, und das Zinnoberrot der Tischdecke war einem Safrangelb gewichen, das der Haarfarbe des Doktors ähnelte.
»Es war eine Fälschung!«, entfuhr es mir.
Ichiro nickte zufrieden.
»Genau, Hubert. Er handelte sich um eine Fälschung. Aber das Wichtigste war der beiliegende Brief. Da ihr kein Japanisch könnt, habe ich ihn für euch übersetzt.«
Ehrfürchtig zog er ein Papier aus seiner Hosentasche und faltete es mit asiatischer Behutsamkeit auf. Nach einem Schluck Wasser begann er vorzulesen:
»Verehrte Richter von Tokio und verehrte Finanzbehörde, wenn Sie diesen Brief lesen, dann ist es Ihnen mit Gewalt gelungen, zu verhindern, dass das Bildnis des Dr. Gachet zusammen mit meinen sterblichen Überresten verbrannt wird, wie es mein Wunsch war. Wie groß muss Ihre Enttäuschung gewesen sein, als Sie entdeckten, dass es nicht der echte van Gogh ist. Ich verspotte Sie selbst noch aus dem Grab heraus. Sie haben mein Leben zerstört, mich erst in die Krankheit und dann in den Tod getrieben und glaubten gar, meinen letzten Willen verhindern zu können. Ich hatte nie die Absicht, das Bild zu verbrennen, ich wollte Sie nur dazu bringen, meinen Brief zu lesen, was ich hiermit erreicht habe. Ich habe geschworen, meinen Kindern Ihre schändlichen Erbschaftssteuern zu ersparen, und glauben Sie mir, auch das wird mir gelingen. Mit anderen Worten: Ich habe gewonnen. Sie wollen das Bild? Wenn Sie es finden, gehört es Ihnen. In der kurzen Zeit meines restlichen Lebens habe ich ein Spiel für Sie entwickelt, bei dem Sie sich auf der Suche nach meinem van Gogh amüsieren können. Schauen Sie sich den kleinen Druck vom Porträt des Père Tanguy, das Vincent 1887 in Paris malte, genau an. Sollten Sie es eingehender studieren wollen, das Original hängt im Musée Rodin. Fahren Sie nach Paris. Dort beginnt das Spiel. Viel Glück. Ihr Feind aus der Welt der Geister, Ryoei Saito.«
Ich kannte das Porträt des Père Tanguy, ich hatte oft in dem weißen Raum im ersten Stock des Musée Rodin gestanden und es betrachtet, wo es zwischen zwei Türen hing und von einem unvorteilhaften grünen Licht angestrahlt wurde. Für mich war es immer das fantastische Porträt eines Unbekannten gewesen. Das hatte sich gerade geändert. Denn jetzt saßen diese fremden Menschen und ich in einer Kunstgalerie mit dem Namen Boutique du Père Tanguy. Die Bilder begannen Gestalt anzunehmen und das Spiel schien hier zu beginnen.