Das Buch
München 1945. Auf dem Schwarzmarkt in der Möhlstraße treffen sich alle, die nach Glück und ein wenig Leben suchen. Nylons, Kaffee, Schokolade und Schmuck wechseln hier die Besitzer. Auch Toni, die ihr Zuhause verloren hat und nun bei ihrer Tante Vev wohnt, versucht, auf dem Schwarzmarkt das Nötigste für die Familie zu organisieren. Als sie die Holländerin Griet kennenlernt, spürt Toni zunächst eine tiefe Abneigung. Sie ahnt nicht, dass Griet eine schwere Zeit hinter sich hat, über die sie nie wieder sprechen möchte. Sie könnten einander helfen. Doch das geht nur, wenn sie ehrlich zueinander sind und ihre Vorurteile überwinden ...
Die Autorin
Teresa Simon ist das Pseudonym der promovierten Historikerin und Autorin Brigitte Riebe. Sie ist neugierig auf ungewöhnliche Schicksale und lässt sich immer wieder von historischen Ereignissen und stimmungsvollen Schauplätzen inspirieren. Die SPIEGEL-Bestsellerautorin ist bekannt für ihre intensiv recherchierten und spannenden Romane, die tiefe Emotionen wecken. Ihre Romane Die Frauen der Rosenvilla, Die Holunderschwestern und Die Oleanderfrauen wurden alle zu Bestsellern.
Lieferbare Titel:
Die Frauen der Rosenvilla
Die Holunderschwestern
Die Oleanderfrauen
Die Fliedertochter
Die Lilienbraut
ROMAN
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Für meinen Vater aus der Maxvorstadt
Wer wagt es,
sich den donnernden Zügen entgegenzustellen?
Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschienen.
Erich Kästner
Keine Namen, so lautet das ungeschriebene Gesetz.
Bloß nicht die echten Namen!
Deshalb muss sie die Frau, die ihr Unterschlupf bietet, auch mit Merel anreden, was Amsel bedeutet. Sie selbst heißt nun Bientje, das Bienchen, und viel mehr als ihr Alter hat sie bislang nicht preisgegeben. Nur, dass sie aus Amersfoort stammt, ihre Eltern kurz nacheinander gestorben sind und sie danach zu ihrer Großmutter geflohen ist, die man bereits abtransportiert hatte, als sie atemlos an deren Wohnung eintraf.
Sie selbst ist ebenfalls schon amtlich registriert; die deutschen Besatzer suchen nach ihr – und wird man sie aufspüren, ist ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert.
Merel ist ihre einzige Chance, die allerletzte.
Seit Tagen kauert Bientje nun schon in dieser kalten Dachschräge, in der sie nicht einmal richtig stehen kann, neben einem Wasservorrat, der unbarmherzig zu Ende geht, und inmitten von Krümeln des Schiffszwiebacks, den sie verschlungen hat, ohne auch nur ansatzweise satt zu werden.
Den Notdurfteimer in der Ecke kann sie kaum noch zum Pinkeln benutzen, so sehr ekelt sie sich davor. Allem anderen verweigert sich ihr Körper sowieso, und immer häufiger überfällt sie nun die Angst, sie könnte über kurz oder lang platzen, weil die Natur irgendwann doch ihr Recht verlangen wird.
Es ist so still, dass ihr der eigene Atem überlaut erscheint, und die Sehnsucht nach menschlichen Stimmen wird beinahe überwältigend. Singen möchte sie, zumindest summen, doch ihre Lippen bleiben fest verschlossen.
Wie allein sie sich fühlt!
Mittlerweile hat sie fast so etwas wie Freundschaft mit dem dreisten Holzwurm geschlossen, der sich schmatzend durch die alten Balken frisst, allein deswegen, weil er lebendig ist.
Ist es Tag oder doch schon wieder Nacht?
Die Armbanduhr an ihrem Handgelenk steht still, und Bientje hat jedes Zeitgefühl verloren. Reparieren kann die Uhr in Haarlem niemand mehr. Corrie ten Boom, die mutige Uhrmacherin, die viele Juden versteckt hat, sitzt schon seit Wochen im KZ.
Manchmal will Bientje losrennen und schreien, so laut sie kann, aber natürlich tut sie das nicht. Keinen einzigen Mucks, das hat Merel ihr eingeschärft.
Wenn sie dich finden, sind wir beide dran.
Eigentlich hätte Merel längst schon wieder bei ihr gewesen sein müssen, mit frischem Wasser, neuem Essen und vor allem einem sauberen Eimer, aber sie kommt nicht.
Sie kommt und kommt und kommt einfach nicht …
Vom Hocken tut Bientje alles weh, und still liegen kann sie auch nicht mehr. Ihre Beine fühlen sich taub an, im Hals kratzt es wie verrückt, und ihre Zunge scheint immer dicker zu werden.
Ob man an seiner eigenen Zunge ersticken kann?
Im Moment erscheint ihr alles möglich.
Das ist der Koller, vor dem man sie gewarnt hat, doch damals hat sie nur gelacht. Jetzt ist sie kurz davor, laut loszuheulen.
Nein, sie hält es einfach nicht mehr länger aus – sie muss hier raus!
Behutsam schiebt sie das Paneel zur Seite, das ihre suchenden Finger ertastet haben. Von außen ist nichts zu erkennen, sobald es geschlossen ist, das weiß sie.
»Die Gestapo könnte ein ganzes Jahr lang suchen«, hat Merel gesagt, als sie sie hergebracht hat, »und würde doch nichts finden – vorausgesetzt, du hältst dich an die Regeln.«
Das wird sie wieder, fest versprochen, ganz bald, doch jetzt muss sie diese Regeln leider brechen. Ihre Nasenlöcher weiten sich, während sie herauskriecht und zu schnuppern beginnt. Das alte Haus riecht anders als ihr muffiges Versteck, und sie atmet auf. Nur für ein paar wenige Minuten, wird sie Merel sagen. Nur sich nach allen Richtungen strecken, in Ruhe die Toilette benutzen, ein paar Worte wechseln, mehr will sie ja gar nicht.
Mit ihren dicken Socken macht sie auf der Treppe keinen Lärm. Im ersten Stock ist alles ruhig. Merel wird unten sein, in der Küche. Und so schleicht sie weiter abwärts.
Nach ein paar Stufen hält sie inne.
Etwas ist anders als in ihrer Erinnerung, aber sie weiß nicht, was es sein könnte. Sollte sie nicht vielleicht doch leise rufen?
Vielleicht erschreckt sie Merel ja sonst zu Tode.
Sie räuspert sich. Ihre Stimmbänder sind vom langen Schweigen richtig eingerostet.
»Ich bin’s, Bientje. Keine Angst, ich bin gleich wieder verschwunden.«
Wie heiser und dünn sich das anhört, richtig jämmerlich!
Keine Antwort.
Ist Merel so sauer, dass sie sie mit Schweigen bestraft?
Inzwischen ist sie unten angelangt. Bei ihrem Eintreffen im Haus war ihr die Küche als Hort von Sauberkeit und Rechtschaffenheit erschienen, doch wie sieht es jetzt hier aus!
Teller und Tassen sind zerschlagen, als hätte ein Sturm gewütet, und inmitten der Scherben liegt in einer Blutlache ein verkrümmter Körper auf dem weiß-schwarzen Kachelboden.
Sie weiß, dass Merel tot sein muss, noch bevor sie neben ihr kniet. Das blonde Haar hat sich an vielen Stellen rötlich gefärbt; im Schädel klafft ein Loch. Die Leiche beginnt schon steif zu werden, und so zieht Bientje ihre Hand wie verbrannt zurück.
Einbrecher?
Eine Razzia?
Aber weshalb hat man sie, Bientje, dann nicht entdeckt?
In ihrem Kopf fahren die Gedanken Karussell. Bislang hat das Versteck sie geschützt, doch nun kann sie hier nicht länger bleiben, das steht fest.
Wo aber könnte sie hin?
Ihr geschändeter Ausweis wird sie unweigerlich bei der nächsten Kontrolle verraten – es sei denn …
Der Gedanke ist so ungeheuerlich, dass sie kurz auflachen muss.
Ihr Blick gleitet zurück zu der Toten.
Es könnte gehen. Beide sind sie blond, beide haben sie schmale Gesichter und graugrüne Augen. Auch die Größe stimmt in etwa.
Wo hat Merel wohl ihre Dokumente aufbewahrt?
Mit bleiernen Beinen geht sie nach nebenan ins Wohnzimmer, das sie zum ersten Mal betritt. Schwere, dunkle Möbel, die garantiert von Merels Vorfahren stammen. Ob sie noch Eltern hat, Tanten, Onkel, Vettern oder Kusinen?
Geschwister?
»Ich bin ganz allein«, hat Merel bei ihrer ersten Begegnung zu Bientje gesagt.
Aber ist das auch die Wahrheit?
Sie muss sich daran klammern. Etwas anderes bleibt ihr nicht.
Den kleinen Sekretär hat sie im Nu durchstöbert – leider erfolglos. Wo sonst könnte Merel wichtige Papiere versteckt haben?
Bientje muss noch einmal nach oben, ob sie will oder nicht. Aber auch im Schlafzimmer entdeckt sie nicht das Gesuchte.
Wenn sie nur Licht machen könnte!
So durchwühlt sie alles im Dunkeln und legt sich dabei eine kleine Garnitur aus dem Kleiderschrank zurecht, in die sie schlüpfen wird, Unterwäsche, Strümpfe, dunkelblauer Rock, gestreifte Bluse, blaue Strickjacke, dunkelblauer Mantel. Merels Schnürstiefel sind ihr zu groß, sie wird zwei Paar Socken übereinander anziehen oder Zeitungsblätter einlegen müssen.
Besser als andersrum.
Inzwischen spielt ihr Darm verrückt, und es dauert eine ganze Weile, bis sie die Toilette wieder verlassen kann.
Danach geht es ihr deutlich besser. In Merels kleinem Badezimmer reinigt Bientje sich gründlich von Kopf bis Fuß, dann schlüpft sie in Merels Sachen, alles ein bisschen zu lang, ein wenig zu weit, aber wer schaut in diesen Zeiten schon darauf?
Dann kommt das Schwierigste und zugleich das Allerwichtigste – vorausgesetzt, sie findet jemals diese verdammten Dokumente. Merels Haar ist schulterlang, Bientjes jedoch reicht in ihrem verhassten Ausweis nur bis zum Kinn. Eine gute Handbreit von Merels toten blonden Locken muss also ab, damit die Tote dem Foto auf Bientjes Ausweis möglichst gleicht.
Auf der Suche nach einer Schere stößt Bientje auf ein hölzernes Nähkästchen. Als sie es aufklappt, findet sie unter Garnrollen und Nadelkissen tatsächlich den Pass.
Merel ist drei Jahre älter als sie. Daran lässt sich nichts ändern.
An den Haaren sehr wohl.
Mit ihrem kostbaren Fund kehrt Bientje in die Küche zurück, überwindet sich, kniet schließlich neben der Toten nieder, setzt die Schere an und schneidet. Danach fegt sie alles sorgfältig zusammen, wischt die Griffe ab und legt die Schere zurück an ihren Platz.
Ihren eigenen Pass mit dem großen aufgestempelten J legt sie neben das Nähkästchen. Dessen abgeknipste Ecke mit dem verräterischen Fingerabdruck ist mittlerweile im Herd verglüht, zusammen mit den Haarresten, die keiner finden darf. Die Asche hat sie in einen kleinen Topf gefüllt, den sie einpackt.
Das Meer wird alles an fremde Küsten spülen.
Sie hat noch ein paar Stunden, bevor es hell wird. Noch immer gilt die von den Nazis verhängte Ausgangssperre für das ganze Land.
Bientje geht noch einmal nach oben unters Dach und schiebt das Paneel vor ihrem alten Versteck so, dass es einen Spaltbreit offen steht, damit es bei einer Hausdurchsuchung schnell entdeckt wird.
Zurück in der Küche, löffelt sie einen Eintopfrest, der noch auf dem Herd steht, fast schon andächtig leer und wischt anschließend den Teller mit Brot aus, bis er glänzt. Wie gern hätte sie noch mehr auf Vorrat verschlungen, doch das laute Glucksen in ihrem Bauch hält sie davon ab. Essen will klug dosiert sein, wenn man zuvor lange fasten musste, das hat sie inzwischen gelernt.
Wieder und wieder studiert sie das Foto in Merels Pass, wölbt die Lippen leicht vor, runzelt die Stirn, wie Merel es gern getan hat, und murmelt ihren Namen vor sich hin. Irgendwann fühlt sich ihr eigenes Gesicht ganz fremd an, was sie ein wenig beruhigt.
Als schließlich die Dämmerung aufzieht, nimmt sie das Laken, das sie einstweilen über die Tote gebreitet hatte, wieder weg, faltet es zusammen und legt es zurück in den Schrank. Dann verlässt sie das Haus.
Ein allerletzter Blick zurück.
Die Küche sieht genauso verwüstet aus, wie sie sie vorgefunden hat. Die Zeiten sind hart, die deutschen Besatzer erbarmungslos. Sie rechnet nicht mit großen Nachforschungen. Merels grauer Mantel an der Garderobe trägt nun den verhassten Stern, von Bientje mit ein paar Stichen angeheftet.
Einer toten Jüdin weint niemand eine Träne nach.
Im Rucksack hat sie neben dem Aschetopf und dem lebensrettenden Pass ihr altes Gewand, ein wenig Wäsche zum Wechseln, eine Zahnbürste, einen Laib Brot sowie einige Äpfel.
Jetzt muss sie es nur noch irgendwie bis nach Amsterdam schaffen, wo kein Mensch sie kennt.
Ich. Bin. Griet. Van. Mook. Ich. Werde. Leben.
Schritt um Schritt, Meter für Meter wummerte dieser Rhythmus in ihrem Kopf, hatte sich in jeder Körperzelle eingenistet.
Hinter ihr das Keuchen der Oberaufseherin, deren Schlagstock auf Leni eingeprügelt hatte, als diese gestrauchelt war. Dabei hatte sie es mit ihren stabilen, von der SS gestellten Lederstiefeln beim Gehen um einiges leichter. Der lang gezogene Tross der weiblichen Gefangenen musste mit Holzpantinen auskommen, die sie immer wieder rutschen und straucheln ließen. Ausgehungert und durchgefroren kamen die Frauen im kalten Schneeregen, mit dem zu dieser Jahreszeit niemand mehr gerechnet hatte, nur langsam voran. Trotzdem wurden sie vom Trupp der Aufseher – vier Frauen, sechs Männer, alle bewaffnet – erbarmungslos weitergescheucht. Keiner von ihnen schien auch nur eine Spur Mitgefühl für die Häftlinge zu empfinden. Am schlimmsten jedoch gebärdete sich Herta Krieger, der es regelrecht Spaß zu machen schien, andere zu schikanieren und zu quälen.
Zunächst waren sie an einfachen Mietshäusern vorbeigekommen, viele davon mit Bombenschäden, dann rechter Hand an einem imposanten leeren Sportstadion. Allmählich wurden die Häuser nobler und die Grundstücke größer, aber sie schienen sich noch immer in der Stadt zu befinden, jenem München, das sie vergangenen Herbst mit seinem KZ-Außenlager im Stadtteil Giesing so unfreundlich empfangen hatte. Das Klacken ihrer Pantinen auf dem Asphalt rief einige Menschen an die Fenster, aufgeschreckt von diesem ungewöhnlichen Schlürfen und Schlerfen, das von der Straße her zu ihnen drang. Die meisten schauten jedoch schnell wieder weg, als sie die ausgemergelten Gestalten im eisigen Regen erblickten. Nur ein paar wenige warfen Brotreste heraus oder kamen aus der Tür und stellten kleine Wasserkrüge an den Weg. Wer sich aus dem Zug allerdings danach bückte, riskierte Schläge.
Dann hörten die Häuser für eine Weile ganz auf. Ein Waldstück, links davon Gleise, aber keine Bahn war zu sehen.
Hunger und vor allem Durst wurden schier unerträglich.
Viel zu spät ordnete die Krieger eine kurze Rast an. Die Nadelbäume, unter denen sie Zuflucht suchten, boten kaum Schutz vor Kälte und Nässe, und dennoch tat es gut, beim hastigen Verschlingen der kargen Mahlzeit ihren kräftigen Duft einzuatmen. Zwischen den Tannen standen auch ein paar Laubbäume – Buchen, Linden, Eichen, allesamt zartgrün beblättert. Es war Ende April, und obwohl die Temperatur noch einmal stark gesunken war, schien der Frühling im sechsten Kriegsjahr nicht mehr aufzuhalten zu sein.
Ob das auch für die Alliierten galt?
Griet hoffte so sehr darauf.
Zäh setzte der Weitermarsch ein. Zwei schmutzige Pferdedecken als Ranzen auf dem Rücken, gehalten von einem zerlöcherten Laken, ein Blechnapf, ein Löffel, dazu grobes Holz an den Füßen – wie armselig sie alle waren!
Doch die Fantasie konnte niemand ihr nehmen.
Endlich wieder Schuhe tragen, die nicht drückten und in denen man nicht schwamm! Endlich wieder das herbe Aroma von frischem Leder schnuppern …
Von einem warmen Bad und duftender Seife, wie es früher selbstverständlich gewesen war, ganz zu schweigen.
Die Sehnsucht danach überwältigte Griet für einen Augenblick derart, dass ihre Augen beim Gehen feucht wurden. Sie hasste es, wie ihre ungewaschenen Lumpen stanken, hasste die blutig aufgescheuerte Krätze, die ihre Leisten befallen hatte. Am meisten aber hasste sie die Nummer, die sie zu einem namenlosen Ding degradieren sollte.
Nein, sie war nicht Häftling Nr. 13255, und wenn sie sich noch so oft mit dieser Nummer hatte melden müssen!
Ich. Bin. Griet. Van. Mook. Ich. Werde. Leben.
Eine Weile trieb der innere Rhythmus sie weiter voran.
Irgendwann kamen sie durch einen kleinen Ort, Grünwald, so verkündete das Schild. Alles sauber, alles ordentlich, schmucke Häuser, ein Leben, von dem sie Lichtjahre entfernt waren. In Fünferreihen mussten sie hindurchmarschieren, genauso wie sie seit Monaten Morgen für Morgen vom Lager zur Arbeit ins rund zwanzig Minuten entfernt liegende Werk aufgebrochen waren. Doch heute ging es nicht zu Agfa, der Munitionsfabrik im Südosten Münchens, heute ging es …
Geradewegs in den Tod?
Griet versuchte diesen Gedanken wieder zu verscheuchen.
Sturmführer Stirnweiß, der Kommandant des Außen-KZs, hatte versichert, sie unversehrt nach Süden zu bringen, um dort das Kriegsende abzuwarten. Er war nicht so offen brutal wie seine rechte Hand, der Lette Djerin, der sie oft drangsaliert hatte und der mit zwanzig kranken Häftlingen im Lager zurückgeblieben war.
Was aber, wenn der Kommandant gelogen hatte?
Griet wurde nicht recht schlau aus dem Mann mit der wulstigen Stirn und den wachsamen blauen Augen. An Weihnachten hatte er eine stattliche Fichte für »seine« Häftlingsfrauen besorgt und sichtlich ergriffen mit ihnen besinnliche Lieder gesungen. Auf der anderen Seite jedoch veranlassten ihn schon die geringsten Kleinigkeiten zu drastischen Strafen. Hoffte er, vielleicht durch diesen Gefangenentransport seine eigene Haut zu retten, sobald die amerikanischen Truppen eintrafen?
Oder gaukelte er den Frauen nur etwas vor, um sie ruhig zu halten?
Seit Tagen kursierten hässliche Gerüchte, dass die SS alle noch lebenden KZ-Gefangenen in die Alpen führen wolle, um sie dort für immer loszuwerden. Doch wie genau sollten sie das anstellen? Sie kurzerhand liquidieren und anschließend in riesigen Massengräbern verscharren?
Zu aufwendig und vor allem doch viel zu gefährlich, jetzt, wo die Alliierten schon so nah waren!
Ein paar der entkräfteten Frauen glaubten es trotzdem, und je länger der Marsch andauerte, desto mehr schlossen sich dieser Meinung an. Jetzt sang keine einzige mehr, obwohl gerade das Singen sie über so viele Monate getragen hatte, ebenso wie die heimlichen Bibelstunden. In ihrem früheren Leben hatte sich Griet nie viel aus Religion gemacht, diese geflüsterten Lesungen jedoch hatten auch ihr Hoffnung und Mut geschenkt.
Wo steckten eigentlich die Bauern?
Hatten sie sich alle aus Angst vor Tieffliegern in ihren Häusern verkrochen?
Sie mussten doch pflügen, ackern und düngen, jetzt, wo es endlich Frühling werden wollte! Aber kein Mensch war zu sehen. Außer einem streunenden Hund, der sich nach kurzem Kläffen wieder verkroch, war die holprige Straße in Richtung Süden wie leer gefegt.
»Dłużej już nie mogę!«, stöhnte Leni hinter ihr, als es nur noch Wald und Felder gab, die gar nicht mehr aufhören wollten, durchbrochen von einer Handvoll Häuser und Scheunen.
»Sprich Deutsch, wenn du schon laut jammern musst«, zischte Griet zurück, obwohl sie die Sprache der Moffen mindestens ebenso verabscheute wie ihre neue Freundin, die immer wieder ins Polnische verfiel. Griet verstand kein Wort davon, doch Lenis Klage war eindeutig. »Oder willst du wieder Hiebe riskieren?« Ihr Tonfall wurde sanfter. »Du kannst noch, Leni, das weiß ich! Reiß dich bitte zusammen, und denk fest an das, was du mir versprochen hast …«
Leni verstummte.
Und sie marschierte tatsächlich weiter, wovon Griet sich bei einem raschen Blick über die Schulter vergewisserte. Links neben ihr liefen Lientje und Betty, und auf ihrer anderen Seite Myra und Tante Han, wie die fast sechzigjährige Johanna von den anderen Häftlingsfrauen genannt wurde. Allesamt mutige Kämpferinnen des Widerstands, die gegen die deutsche Besatzung der Niederlande aufbegehrt hatten. Die meisten von ihnen empfanden Mitleid mit Leni, aber es gab auch einige, die angewidert von der jungen Polin abrückten, weil sie im KZ-Bordell Dachau bis zu dessen Auflösung als Zwangsprostituierte hatte arbeiten müssen.
Was mochte sie dort Furchtbares erlebt haben!
Griet hatte die zierliche Zwanzigjährige mit den Rehaugen spontan unter ihre Fittiche genommen, als sie ins Außenlager Giesing gekommen war, weil sie es hasste, wenn die Schwächsten schikaniert wurden, und Leni vergalt es ihr mit tiefer Dankbarkeit. Sie mied die Nähe zu den anderen inhaftierten Polinnen und lief Griet wie ein Hündchen hinterher, verfolgte andächtig alles, was sie sagte, und kam, als die anderen in der dauerklammen Unterkunft ohne Fensterglas bereits schliefen, schließlich mit der ganzen Wahrheit heraus, die sie ihr stockend und mit vielen Pausen anvertraute.
»Ich pass auf dich auf«, hatte Griet ihr tief bewegt in jener Nacht versichert, doch dieses Versprechen wog schwer, wie sie inzwischen wusste – manchmal fast zu schwer.
Was hatte sie sich da nur aufgehalst, wo sie die junge Frau mit dem traurigen Schicksal doch kaum kannte!
Bloß nicht auffallen, das war seit der Festnahme Griets Devise gewesen, und sie war in all dem Schrecklichen bislang nicht schlecht damit gefahren. Ruhe bewahren, möglichst wenig sagen, auch wenn es ihr hart gegen den Strich ging, stattdessen die Ohren aufhalten und sich alles genau einprägen. Aber seitdem Leni mit ihren unberechenbaren Gefühlsausbrüchen an ihr klebte, funktionierte das nicht mehr. Sie alle waren verzweifelt, fern von Zuhause, eingesperrt von einem skrupellosen Feind, der es auf ihre Auslöschung abgesehen hatte, doch niemand litt darunter so lautstark wie Leni. Jetzt fielen sie auf – alle beide –, und Griet bekam gerade zu spüren, wie sich das anfühlte.
Leni winselte erneut auf Polnisch vor sich hin.
Der harte Stockschlag auf ihren Rücken ließ nicht lange auf sich warten, und der nächste fuhr in Griets Kniekehlen und brachte sie fast zum Sturz.
»Bring die dreckige Polenschlampe endlich zur Vernunft, oder sie baumelt am nächsten Baum.« Kriegers Stimme triefte vor Hass. Ihr war die Freundschaft der beiden Frauen schon lange ein Dorn im Auge. »Wir rennen schließlich nicht freiwillig mit euch durch diese Kälte. Also, wird’s bald?«
Griet versuchte ihre Schmerzen zu ignorieren und ließ sich leicht zurückfallen.
»Musst tapfer sein, Leni«, presste sie hervor. »Sonst kriegen wir beide Prügel.«
»Das wollte ich nicht, Griet, niemals, das musst du mir glauben! Aber ich kann einfach nicht mehr …«
»Du kannst!« Damit war jede Gegenrede erstickt. »Man kann so viel mehr, wenn man muss …«
»Schluss jetzt!« Kriegers Stock drosch nun auf Griets Kniescheibe. »Zurück ins Glied, und keinen Mucks will ich mehr hören, sonst werdet ihr mich kennenlernen …«
Schweigend kämpften sie sich weiter voran, doch sie wurden dabei immer langsamer. Wie lange mochten sie schon unterwegs sein? Nicht einmal die übliche dünne Suppe hatten sie mittags bekommen, nur ein hartes Stück Brot und ein paar Kellen brackiges Wasser. Langsam senkte sich die Dämmerung herab. Bei besserer Witterung und mit ausreichend Essen im Bauch hätten sie sich an der hügeligen Voralpenlandschaft erfreuen können, die so anders war als ihre flache niederländische Heimat, doch im eisigen Regen hatte keine von ihnen auch nur einen Blick für Bäume, Felder und Berge, denn das Auf und Ab des Straßenverlaufs zu bewältigen kostete alle Kraft.
Als Stirnweiß ihnen auf seinem Motorrad entgegengebrettert kam, ergriff Tante Han mutig das Wort.
»Um Jesu willen, Herr Kommandant!«, rief sie mit lauter Stimme. »Wir Frauen können nicht mehr. Es wird bald dunkel. Lassen Sie uns in einem Nachtlager zur Ruhe kommen – bitte!«
Zu Griets Verblüffung bremste er und blieb tatsächlich stehen. Die tiefreligiöse Johanna flößte ihm irgendwie Respekt ein. So war es auch schon gewesen, als sie im Januar gestreikt hatten, um besseres Essen zu bekommen. Damals hatte Tante Han im Namen aller die Verhandlungen geführt und die Forderungen der weiblichen Häftlinge schließlich durchgesetzt. Erst als die Suppe wieder eine Spur gehaltvoller geworden war, waren sie an ihre Werkbänke in der Munitionsfabrik zurückgekehrt.
»Sie müssen sich ausruhen«, sagte er zur Oberaufseherin, »sonst werden sie die morgige Etappe nicht bewältigen. Wir bringen sie im Kloster Schäftlarn unter. Abt Sigisbert weiß bereits Bescheid.«
»Diese KZlerinnen – ausgerechnet bei den frommen Mönchen?« Kriegers Stimme wurde schrill.
»Natürlich nicht im Klostergebäude, sondern in angrenzenden Scheunen und Heuschobern«, raunzte er zurück. Dass er sie nicht mochte, wussten inzwischen alle gefangenen Frauen. Aber was hatte es ihnen bislang genutzt? Die Krieger terrorisierte sie noch immer ganz nach Gutdünken. »Die Benediktiner betreiben eine große Landwirtschaft.«
Im Nu hatte sich die Nachricht im ganzen Zug verbreitet, und selbst die müdesten Beine strengten sich noch einmal für das letzte Stück Weg an. Für eine Weile setzte sogar der Schneeregen aus; trotzdem waren sie alle bis auf die Haut durchnässt. Viele der Frauen husteten und niesten. Es war abzusehen, dass einige krank werden würden.
Vor ihnen spannte sich eine glitschige Holzbrücke über einen Fluss, der viel Wasser führte.
Bloß nicht noch im letzten Moment abrutschen und ertrinken!
Aber alle schafften es, und als schließlich im schwindenden Licht die helle Klosteranlage vor ihnen lag, war es wie eine Erlösung.
Drei große Scheunen nahmen sie schließlich auf. Wenigstens ein Dach über dem Kopf – endlich! Drinnen war es allerdings so eng, dass Frau an Frau auf dem harten Boden liegen musste, wenn alle Platz finden wollten.
»Hilft wenigstens gegen die Kälte«, sagte die grauhaarige Tante Han, die stets darauf achtete, dass das Brot unter allen möglichst gerecht verteilt wurde.
»Und die Läuse haben es auch nicht weit«, steuerte Leni zähneklappernd bei, die manchmal richtig witzig sein konnte, sobald ihre Angst sich gelegt hatte. Wieder gab es nichts Warmes zu essen, sondern nur Brot und als Getränk bräunliches Wasser, das sich »Kaffee« schimpfte. Als das Scheunentor für die Nacht geschlossen worden war, stieß Leni plötzlich einen hellen Schrei aus.
»Honig«, rief sie und deutete aufgeregt auf den kleinen Eimer, den sie hinter einem der Balken hervorgezogen hatte. »Schaut doch nur – der ist fast noch voll! Vielleicht haben ihn die mitleidigen Mönche ja für uns versteckt …«
Alle drängten sich nun um sie, tauchten ihre Finger hinein und schleckten sie ab. Natürlich war der Topf viel zu schnell leer, und dennoch wirkten die Frauen entspannter.
Griet versuchte auf dem harten Untergrund eine halbwegs erträgliche Stellung zu finden, was schwierig genug war. An ihren Rücken schmiegte sich Lenis schmächtiger Körper, der sich sehr warm, fast schon heiß anfühlte.
Ob sie Fieber hatte?
Wenn ja, dann konnten sie beide nur hoffen, dass sie sich über Nacht gesund schlafen würde.
Als Griet schon halb eingenickt war, begannen neben ihr zwei Frauen in der Dunkelheit miteinander zu flüstern.
»Und wenn wir doch abhauen?«, kam es von Betty, deren tiefe Stimme sie verriet. »Die dicke Schmitz, die draußen Wache halten soll, schläft immer recht schnell ein. Wir stoßen sie zu Boden – und rennen los. Die Mönche werden uns ja wohl kaum etwas tun …«
»Damit unsere Peiniger noch Grund bekommen, uns auf den letzten Metern zu erschießen?« Myra klang skeptisch. »Oder hast du die männlichen Wachleute vergessen? Mal ganz ehrlich: Wie weit würdest du mit deinen dürren Steckerbeinchen wohl kommen? Uns geht nach wenigen Metern doch die Puste aus, so kraftlos wie wir alle sind! Nein, mein Mädchen, wir bleiben schön hier und halten weiter durch. Ich kann die Amis schon riechen, und das gute Essen, mit dem sie uns Hungerleider verwöhnen werden. Wirst sehen, dieser Spuk hat bald ein Ende. Dann bekommen die Moffen ihr Fett ab – und das nicht zu knapp!«
Genauso möge es sein, dachte Griet, bevor ihr die Augen ganz zufielen.
Ich. Bin. Griet. Van. Mook. Ich. Werde. Leben.
Antonia Brandl wurde vom wütenden Knurren ihres eigenen Magens geweckt. Es war erst Viertel vor fünf, wie der Blick auf ihre Armbanduhr offenbarte, nachdem sie Papas alte Taschenlampe angeknipst hatte, also noch mindestens zwei Stunden bis zum Frühstück. Doch was würde schon auf dem Tisch stehen, nachdem es selbst auf Lebensmittelmarken ausschließlich Hunger gab?
Nur wieder das alltägliche Nichts: Brot aus Eichelmehl, ein paar Kleckse Margarine, dazu Rübenkraut und, wenn es hoch kam, jener widerliche Muckefuck mit einem Schuss blauem Heinrich, der Magermilch, die so fettarm war, dass sie leicht bläulich schimmerte. Die Regale in den meisten Läden waren gähnend leer; nicht einmal Hamsterfahrten nach Ismaning jenseits der Stadtgrenze lohnten sich noch, weil die Bauern angesichts der ungewissen Lage nichts Anständiges mehr herausrückten. Vor ein paar Tagen war sie trotzdem hinausgeradelt und hatte am Waldrand Bärlauch, Wiesenkopf und Brennnesseln gepflückt, die man mittels einer Einbrenne zu Suppe verarbeiten konnte.
Nicht undankbar sein, ermahnte sich Toni, wie sie alle seit Kindertagen nannten.
Immerhin hatten sie ein intaktes Dach über dem Kopf, was weit mehr war, als viele andere in München von sich sagen konnten. Über hunderttausend Menschen waren obdachlos, ganze Straßenzüge zerbombt, von der historischen Altstadt ganz zu schweigen, wo neben vielem anderem das Langhaus der Frauenkirche, unzählige weitere Kirchen, das Odeon, die Residenz und das Nationaltheater in Schutt und Asche lagen. Auch die Maxvorstadt, ihre alte Heimat zwischen Arcisstraße und Universität, hatte es schwer getroffen, und sie hatten dabei noch ein Riesenglück gehabt, dass der Luftschutzkeller ihres zerstörten Wohnhauses in der Adalbertstraße sie überhaupt wieder lebendig freigegeben hatte.
Bereits im letzten Herbst waren sie also bei Tante Vev untergeschlüpft: Toni, ihre Mutter Rosa und die kleine Barbara, genannt Bibi, das Nesthäkchen der Familie. Allzu begeistert war die stets leicht extravagant auftretende Postdirektorenwitwe Genoveva Neureuther über diesen unerwarteten Zuzug allerdings nicht gewesen. Natürlich lagen ihr die Tochter ihrer verstorbenen Schwester und deren Nachwuchs am Herzen, so gehörte es sich schließlich auch – aber musste das unbedingt auf Tuchfühlung sein? Und was sollte erst werden, wenn auch noch Rosas in Russland vermisster Ehemann wieder zurückkehrte, sowie Max, ihr ältester Sohn, den die Franzosen gefangen genommen hatten?
Sollten die dann vielleicht auf dem Balkon nächtigen?
Seit dem Tod ihres Gatten hatte Vev die geräumige Wohnung im zweiten Stock der Bogenhausener Ismaninger Straße spielend allein ausgefüllt. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Nähzimmer, Gästezimmer, große Küche, Bad, Balkon, dazu zwei Kammern – noch heute war ihr bisweilen anzumerken, wie sehr sie jene goldenen Zeiten vermisste. Es war keine Liebesheirat gewesen, die sie als bildhübsche junge Frau mit dem um einiges älteren Ludwig eingegangen war, nicht von ihrer Seite. Aber immerhin war eine solide Vernunftehe daraus geworden, begründet auf gegenseitiger Achtung und einer Freundschaft, die im Lauf der Jahre immer inniger geworden war. Voller Rührung dachte sie an ihren Mann, der ihr das Leben so leicht gemacht hatte, nachdem sie gelernt hatte, über seine kleinen Schwächen und Marotten hinwegzusehen. Bestens versorgt hatte er sie nach seinem Ableben zurückgelassen – und nun das!
Plötzlich klemmte es an allen Ecken und Enden.
Mit leisem innerlichen Grollen hatte Vev schließlich ihr Nähzimmer für Rosa und die kleine Bibi geräumt, während Toni in einer der beiden Kammern einquartiert wurde, die zwar winzig war, der Zweiundzwanzigjährigen aber zumindest allein gehörte.
Dabei sollte es allerdings nicht bleiben. Im Januar war bei einem abermaligen Bombenangriff auf den Osten Münchens auch die Wohnung von Vevs zweiter Nichte zerstört worden; seitdem war das ehemalige Gästezimmer dauerbelegt, und die zweite Kammer ebenfalls mit einem schmalen Bett ausstaffiert worden. Nun lebten also auch noch Annemie Lochner und deren unehelicher Sohn Benno bei der Tante, beziehungsweise Großtante.
Benno – welch ein Albtraum auf zwei Beinen!
Toni musste seufzen, wenn sie nur an ihn dachte. Schon als Kind hatte sie ihren sechs Jahre älteren Cousin nicht ausstehen können, der sie an den Zöpfen zog, wenn keiner hinsah, Käfer in Glasflaschen ersticken ließ und Fröschen auch gern mal die Beine ausriss, nur um zu sehen, was dann passierte. Vielleicht wollte er damit vergessen machen, dass er keinen Vater hatte, beliebter bei anderen Kindern wurde er nach solchen Aktionen allerdings nicht.
Schon gar nicht bei Toni.
Je älter sie beide wurden, desto mehr verstärkte sich die beiderseitige Abneigung. Benno war als glühender Anhänger des Führers freudig in den Krieg gezogen. Endlich ein starker Mann, zu dem er aufsehen konnte. Ein Schulterschuss im Russlandfeldzug hatte dann allerdings seinen linken Arm gelähmt und ihn zum »Halbkrüppel« gemacht, wie er oft lamentierte. Zurück an die Front konnte er danach nicht mehr, und wer im Zivilleben würde schon einen Einarmigen beschäftigen? Nach langem Suchen hatte der gelernte Chemielaborant trotz dieser Einschränkung jedoch wieder eine Anstellung gefunden, und zwar im Agfa-Werk, das inzwischen Sprengköpfe anstatt wie früher Fotoapparate produzierte. Benno schien in seiner Tätigkeit aufzugehen, verließ die Wohnung bereits früh am Morgen, adrett und geschniegelt, und kehrte am Abend nach Dienstschluss bester Dinge wieder zurück. Es schien ihm zu gefallen, über so viele Arbeiterinnen zu wachen, die sich nicht gegen seine Anordnungen wehren konnten, und Toni hatte nichts dagegen, dass sich der Kontakt zwischen ihnen beiden nun auf gelegentliche Treffen morgens und abends in der gemeinsamen Küche beschränkte.
Doch seit einigen Tagen war die Rüstungsfabrik geschlossen. Den wenigen dort beschäftigten Münchnerinnen hatte man gekündigt, und was aus den vielen weiblichen Häftlingen geworden war, die dort ebenfalls geschuftet hatten, war aus Benno nicht herauszubekommen.
Seitdem hing er missmutig in der Wohnung herum, gab Durchhalteparolen von sich, die keine der Frauen mehr hören mochte, oder verstieg sich in kruden Allmachtsfantasien, wie er den Alliierten entgegentreten würde, falls diese tatsächlich auf die Idee kommen sollten, München erobern zu wollen. Mehrfach schon hatte Toni den Versuch unternommen, in Benno zu dringen, um das Leben in der Wohnung wieder erträglicher zu machen, war von ihm aber jedes Mal abgeschmettert worden.
»Lass mich bloß in Frieden, du g ’spinnerte Spinatwachtl! Nach dem Endsieg sprechen wir uns wieder …«
Endsieg! Wer glaubte denn noch daran? Man konnte nur beten, dass die Amis endlich einrückten und alles möglichst schnell vorbei war.
Jetzt stand Toni doch auf und schlurfte ins eisige Bad, wo sie sich die Zähne putzte und eine eilige Katzenwäsche vornahm. Ihr Spiegelbild stimmte sie nur noch verdrießlicher. Wie blass und schmal sie geworden war! Richtig elend sah sie aus, keine Spur mehr von der reschen, stets leicht gebräunten Toni früherer Tage, die so südländisch gewirkt hatte, dass viele Landsleute sie für eine Italienerin gehalten hatten. Die braunen Augen lagen in fast ebenso dunklen Höhlen, und die kastanienbraunen Haare zipfelten formlos um ihren Kopf, doch an einen Friseurbesuch war schon lange nicht mehr zu denken. Für den Verlag hatte sie sich trotzdem immer noch sorgfältig zurechtgemacht – so gut die einfachsten Mittel es eben erlaubten –, denn der Chef mochte es, wenn seine weiblichen Angestellten gepflegt aussahen. Vor vier Wochen jedoch hatte Dr. Curt Heubner kriegsbedingt zusperren müssen, was Toni zutiefst bedauerte, denn sie liebte ihre Arbeit.
Wer konnte schon sagen, was nach dem Krieg aus den vielen Verlagshäusern werden würde, die in München angesiedelt waren? Seit Monaten schon regierte purer Mangel, nahezu alle notwendigen Materialien fehlten, speziell an Papier war so gut wie gar nicht mehr zu kommen, und fast alle Druckereien standen still. Würde sie jemals wieder auf dem Fahrrad die Montgelasstraße bergab rollen können, um pünktlich an ihrer Arbeitsstelle am Englischen Garten anzukommen?
Lustlos knödelte Toni ihre Haare zusammen und steckte den Dutt mit ein paar Klammern fest. Danach ging sie weiter in die Küche, die sie überraschend warm empfing, weil offenbar schon jemand vor ihr den Herd mit den letzten Brennholzresten angefeuert hatte. Ihr Lieblingsplatz auf der Eckbank vor dem Volksempfänger war allerdings besetzt.
»Scht, leise«, raunzte ihr Benno entgegen. Auf seinen Wangen prangten hektische Flecken. Wie alle hatte auch er stark abgenommen; sein Kopf mit den wachsenden Geheimratsecken erschien ihr trotzdem noch immer ziemlich rund. Er wirkte älter als seine achtundzwanzig Jahre – ein bitterer, aggressiver Mann, der bei der geringsten Gelegenheit aus der Haut fahren konnte. Vermutlich fühlte er sich in seinem Fanatismus inmitten all der Frauen um ihn herum, die anders dachten, verdammt einsam und war deshalb umso gereizter. »Diese Volksverräter planen einen Putsch …«
»Achtung, Achtung! Sie hören den Sender der Freiheitsaktion Bayern«, drang eine heisere Männerstimme durch die Küche. »Es spricht Hauptmann Ruppert Gerngross. Beseitigt die Funktionäre der Nationalsozialistischen Partei! Die Freiheitsaktion Bayern hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten. Kontakte zu den heranrückenden Truppen der Alliierten sind bereits geknüpft …«
»Dann ist dieser verdammte Krieg also endlich vorbei?« In Toni stieg jubelnde Freude auf.
»Unsinn! Gekämpft wird bis zum letzten Mann, das sind wir dem Führer schuldig. Und halt endlich deinen dummen Mund«, kam von Benno. »Diese Vollidioten werden schon sehen, was sie davon haben.«
»Jetzt bist du gefälligst mal still.« Toni ließ sich nicht einschüchtern. »Ich will hören, was der Mann zu sagen hat.«
»Die FAB hat einen Regierungsausschuss gebildet«, drang es aus dem Volksempfänger, »der die Regierungsgeschäfte des Landes Bayern so lange fortführen wird, bis das bayerische Volk sich in gleicher und geheimer Wahl eine neue Verfassung gegeben hat. Wer für uns ist, hängt eine weiße Flagge aus dem Fenster …«
Das gefiel Toni. Und mindestens ebenso gefiel ihr das anschließend verkündete Programm der FAB, das von der Wiederherstellung des Friedens und der Sicherstellung der Ernährung über den Wiederaufbau des Rechtsstaats bis zur Wiederherstellung der Menschenrechte reichen sollte.
»Alles richtig«, sagte sie und nickte zustimmend. »Aber warum redet dieser Gerngross denn so leise? Man versteht ihn ja kaum!«
»Weil er schon jetzt ein toter Mann ist«, dröhnte Benno. »Der Sender ist doch garantiert längst umstellt. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Gauleiter Giesler und seine Männer ihn lebend davonkommen lassen? Er und seine feigen Gesinnungsgenossen werden den Abend nicht überleben. Und das mit der weißen Flagge lässt du schön bleiben! Oder willst du zusammen mit ihnen an die Wand gestellt werden?«
Er angelte nach seinem Mantel.
»Wo willst du denn jetzt hin?«, fragte Toni. »Ist noch stockdunkel und alles zu!«
»Danach fragt Geschichte nicht«, erwiderte Benno großspurig. »Später kann man dann wenigstens von sich sagen, dass man dabei war, als sie geschrieben wurde.«
»Bleib hier, Benno, ist doch viel zu gefährlich …«
Wortlos verließ er die Küche. Kurz darauf hörte sie, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel.
Unbelehrbar, dachte Toni. Hoffentlich wird er es nicht bereuen.
Sie begann an den Knöpfen des Volksempfängers zu drehen, um noch mehr zu erfahren. Doch auf dem bisherigen Kanal kam bloß noch Rauschen. Auf einem anderen dudelte Schlagermusik. Sie überlegte kurz, dann weckte sie die restlichen Familienmitglieder, die sich nach und nach verschlafen in der Küche versammelten und staunten, was sie ihnen zu erzählen hatte.
»Für mein Dafürhalten leider zu schön, um wahr zu sein«, kommentierte Tante Vev trocken, nachdem Toni geendet hatte. Ihre silbernen Haare waren zerdrückt, und eine offenbar unruhige Nacht ließ ihre Falten markanter als sonst hervortreten. Doch sie hielt sich trotz ihres Alters kerzengerade und war in dem dunkelblauen Steppmorgenmantel, den sie über ihr Nachthemd geworfen hatte, noch immer eine eindrucksvolle Erscheinung. Früher am Theater war ihr die Männerwelt zu Füßen gelegen und hatte sie mit Blumen und kostspieligen Geschenken verwöhnt, die von ihr huldvoll akzeptiert worden waren. Sie ließ kaum eine Gelegenheit aus, um das immer wieder zu erwähnen. »So mutige Kerle in der Hauptstadt der Bewegung? Glaub ich nicht.«
»Aber ich hab es mit eigenen Ohren gehört«, versicherte Toni. »Benno auch, der ist allerdings mittendrin davongestürzt. ›Um dabei zu sein, wie Geschichte geschrieben wird‹, so hat er sich ausgedrückt.«
»Mein verrückter Bub!« Anni in ihrem fadenscheinigen Frotteebademantel, durch den an vielen Stellen das geblümte Nachthemd hindurchschimmerte, war ganz blass geworden. »Was er jetzt wohl wieder anstellen wird …«
»Dein ›Bub‹ ist fast dreißig und eigentlich zu alt für leichtsinnigen Unsinn, der schwer ins Auge gehen kann«, erklärte Vev. »Wenn du ihm das nicht klarmachen kannst, muss ich es wohl tun. Notfalls fliegt er hier raus. Und zwar hochkant!«
»Du wirst uns doch nicht auf die Straße setzen, Tante …«
»Von dir, liebe Anni, war niemals die Rede. Dein Herr Sohn allerdings trampelt auf unser aller Nerven herum. Ein Zusammenleben aber funktioniert nur, wenn jeder Rücksicht auf den anderen nimmt. Und letztlich ist es ja noch immer meine Wohnung, oder etwa nicht?«
Ein schlagendes Argument, gegen das keine in der Küche aufzumucken wagte.
Vevs Blick blieb nach wie vor grimmig.
»Wir bleiben am besten daheim, bis wir wissen, was wirklich los ist«, ordnete sie an. »Falls diese Freiheitsaktion sich tatsächlich durchsetzt, kommt sicherlich bald noch mehr davon im Radio. Wenn nicht, könnte es ganz schön brenzlig werden. Mit der weißen Beflaggung warten wir natürlich ebenfalls. Anni, Rosa und ich haben nach dem Ende des Großen Kriegs die reaktionären Garden erleben müssen, die in manchen Stadtvierteln wie Berserker gewütet haben, um sich an angeblichen Feinden zu rächen. So etwas bleibt uns dieses Mal hoffentlich erspart!«
»Aber wenn die Amis kommen, werden uns die dann nicht sowieso alle erschießen?« Barbara sah sie alle mit großen, erschrockenen Augen an. »Das habe ich nämlich in der Schule gehört. Als wir noch Unterricht hatten.«
»Komm mal her, Bibikind.« Vev nahm die Elfjährige tröstend in die Arme. In den letzten Monaten war das Mädchen ein ganzes Stück in die Höhe geschossen. Ihre Schlafanzugärmel endeten bereits unterhalb des Ellenbogens, und die Hose reichte nur noch bis zur Wadenmitte. Unaufhaltsam wuchs sie aus allem heraus, was ihr noch vor Kurzem gepasst hatte, aber es gab keinen Stoff, um Neues für sie zu nähen, schon lange nicht mehr. »Diesen Unsinn vergisst du am besten ganz schnell wieder. Keiner von den Amis wird ein Kind erschießen, und auch sonst niemanden von uns, es sei denn, wir stellen uns ganz besonders deppert an. Was wir garantiert nicht vorhaben.« Sie ließ Barbara wieder los. »Jetzt frühstücken wir erst einmal in aller Ruhe …«
»Bloß was?« Anni klang verzagt. »Das alte Brot ist verschimmelt, das können wir nicht mehr essen. Und sonst haben wir so gut wie nichts mehr …«
»Ich zieh mich rasch an und fahr rüber in die Bülowstraße zur Bäckerei Schwarz«, schlug Toni vor.
»Gute Idee«, sagte Vev. »Offiziell machen die zwar erst um sieben auf, aber wenn man es schlau anstellt, bekommt man manchmal auch schon vorher was direkt aus der Backstube. Sag einfach, ich hätte dich geschickt …«
»Aber hast du nicht gerade gesagt, das sei viel zu gefährlich?«, wandte Rosa ein. »Wenn sie auf unsere Toni schießen …«
»Ausgerechnet hier bei uns?« Toni schüttelte den Kopf. »Ich fürchte mich nicht! Da ist doch um diese Uhrzeit garantiert noch keine Menschenseele unterwegs. Mit dem Radl bin ich ja in ein paar Minuten wieder zurück. Wir haben doch noch Lebensmittelmarken?«
»Da.« Anni holte sie aus der großen Blechdose. »Viele sind es allerdings nicht mehr. Und ob es nächste Woche überhaupt neue Marken geben wird, weiß kein Mensch …«
»Komm mal mit, Toni«, sagte Vev. »Muss kurz was mit dir besprechen.«
Toni folgte ihr bis zum Ende des langen Flurs.
Vev hatte ihr eigenes Schlafzimmer mit ein paar Möbelstücken ausgesprochen wohnlich gestaltet. Dicke bordeauxrote Vorhänge, ein leicht vergilbter Perserteppich, zwei mit Büchern bestückte Regale, eine Ottomane mit vielen Seiden- und Brokatkissen, das Bett verborgen hinter einer bemalten spanischen Wand. Das hier war ihr höchst privater Rückzugsort, für die anderen Familienmitglieder nur auf ausdrückliche Aufforderung hin betretbar. Dort angelangt, schloss Vev die Tür, damit sie ungestört blieben. Dann schaltete sie die Stehlampe ein, die ausnahmsweise Strom hatte, griff zu einer kleinen Schere und trennte zu Tonis Überraschung ein Stück der Seitennaht eines der Brokatkissen auf.
»Einer meiner kleinen Geheimtresore«, sagte sie augenzwinkernd, während sie ein paar Schmuckstücke aus der Füllung fischte. »Gibt noch eine ganze Anzahl weiterer. Die zeig ich dir mal bei Gelegenheit. Man weiß ja schließlich nie, was uns noch alles bevorsteht. Ist um einiges unauffälliger als der Wandtresor im Wohnzimmer hinter der van-Gogh-Kopie, auf den man bei einer gründlicheren Inspektion unweigerlich stoßen würde …«
Sie legte den Kopf ein wenig schief.
»Was haben wir denn da? Ach ja, Ludwigs alte Onyx-Manschettenknöpfe, die bleiben vorerst noch hier. Ebenso das silberne Zigarettenetui, das bringt nämlich ein ganz ordentliches Gewicht auf die Waage. Aber das hier dürfte doch genau das Richtige sein, um die Bäckerin in Geberlaune zu versetzen …«
Die Nadel war schmal und mit zahlreichen kleinen Steinchen besetzt, die im Lampenschein funkelten.
»Sind das etwa Platin und schwarze Diamanten?«, fragte Toni tief beeindruckt, die neben ihrer Armbanduhr lediglich ein goldenes Kreuzchen an einer dünnen Kette besaß, das Vev ihr zur Erstkommunion geschenkt hatte.
»Aber nein, du Tschopperl.« Vev schmunzelte. »Ich seh schon, an deinen Juwelenkenntnissen müssen wir noch arbeiten. Das sind Markasiten, eine Art Kristall. Und natürlich ist die Brosche ›nur‹ aus Silber. Ich denke aber, Frau Schwarz wird sie trotzdem gefallen. Ihr Mann ist in Russland vermisst, jetzt plagt sie sich mit dem lahmen Gesellen herum, der ständig zu tief ins Bierglas schaut, und ist sicherlich dankbar für jede Ablenkung. Die kostbareren Stücke heben wir uns für die wichtigen Anlässe auf. Gibt zum Glück noch so einiges, was sich verscherbeln ließe. Und ein paar wenige Dinge, die ich niemals aus der Hand geben würde.« Sie streichelte die ausgefallene Pfauenbrosche, die aktuell auf einem Jackenrevers befestigt war.
»Du hast noch deinen ganzen Schmuck?«, wollte Toni wissen.