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Lucy and Lydia Connell
geschrieben mit Katy Birchall

Aus dem Englischen
von Petra Koob-Pawis

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© 2020 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Text copyright © Lucy and Lydia Connell 2019

The authors have asserted their moral rights.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel
»Find the Girl. All That Glitters« bei Penguin Books Ltd., London.

Übersetzung: Petra Koob-Pawis

Lektorat: Luitgard Distel

Umschlaggestaltung: Kathrin Schüler, Berlin, unter Verwendung von Motiven von © Shutterstock (Artnis, kkoman, Panumas Yanuthai, 99Art, Cesare Andrea Ferrari, Diana Indiana, phive, Halfpoint, Kseniia Perminova, Ron Dale)

kk · Herstellung: bo

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-24099-8
V001

www.cbj-verlag.de

KAPITEL EINS

Nina

»Nina!«

Ich werde unsanft aus meinen Träumen gerissen und schrecke hoch, weil Nancy meinen Namen ruft. Während ich noch verschlafen blinzle, kommt sie in mein Zimmer gestürmt und baut sich, die Hände in die Hüften gestützt, vor meinem Bett auf.

»Du verbirgst etwas vor mir«, erklärt sie anklagend.

»Was?«, murmle ich benommen und noch immer halb im Schlaf. »Was ist los? Wie spät ist es?«

»Du hast ein Geheimnis vor mir, Nina Palmer.« Sie sieht mich streng an. »Mein Zwillingsinstinkt lässt bei mir alle Alarmglocken schrillen.«

Ich werfe einen Blick auf mein Handy, das auf dem Nachttisch liegt, und stöhne auf, als ich die Uhrzeit sehe.

»Dein Zwillingsalarm schrillt um sechs Uhr früh? Kannst du ihn bitte ausschalten, damit ich noch ein bisschen schlafen kann?«

»Seit Tagen hatte ich so ein komisches Gefühl, aber heute Morgen bin aufgewacht und wusste plötzlich, was es ist: Du hast ein Geheimnis!« Sie knufft mich, als ich mir die Decke über den Kopf ziehe. »Kannst du es mir jetzt bitte sagen, damit wir alle wieder in Ruhe weiterleben können?«

»Ich habe kein Geheimnis vor dir«, lüge ich. Meine Stimme ist gedämpft, denn ich habe mein Gesicht im Kopfkissen vergraben. »Lass mich in Ruhe.«

Ich hätte damit rechnen müssen, dass sie mir auf die Schliche kommt. Im Bewahren von Geheimnissen bin ich noch nie gut gewesen.

Sobald ich nur an ein Geheimnis DENKE, werde ich rot wie eine Tomate. Und wenn man ohne ersichtlichen Grund rot wird, sind die Leute sofort misstrauisch. Noch schlimmer ist es, wenn mich jemand direkt fragt und ich ihm ins Gesicht lügen muss. Ich bin eine total miese Lügnerin. Mein Gehirn setzt völlig aus.

Das weiß ich deshalb so genau, weil ich im letzten Schuljahr ein großes Geheimnis für mich behalten musste, das nicht einmal meine Zwillingsschwester Nancy erfahren durfte. Dass ich es überhaupt so lange geheim halten konnte, ist ein Wunder. Und jetzt habe ich wieder eins. Ein neues Geheimnis. Es war schon schwierig genug, vor Nancy etwas zu verbergen, als wir beide kaum ein Wort miteinander geredet haben. Aber jetzt, wo wir wieder unzertrennlich sind, ist es praktisch unmöglich.

Nancy lässt sich nicht beirren. »Vor ein paar Tagen fing es an. Plötzlich war da dieses komische Gefühl.« Sie setzt sich auf die Bettkante. »Weißt du noch, wie wir gefrühstückt haben vor der Schule und du gesagt hast: ›Mum, die Post ist da.‹? Erinnerst du dich daran?«

»Nein.«

»Du hast gesagt: ›Mum, die Post ist da.‹ Und weißt du, was dann passiert ist? Du bist knallrot geworden. Aber nicht wie sonst immer, wenn du rot wirst, sondern anders. Heute früh ist es mir gekommen. So wirst du nur rot, wenn du ein Geheimnis hast.«

WOHER WEISS SIE DAS?

WARUM nur nehmen meine Wangen diesen speziellen Rotton an und verraten der ganzen Welt, dass ich etwas zu verbergen habe? Warum kann ich nicht normal erröten wie alle anderen auch?

Ernsthaft, gestern ist Nancy zum ersten Mal auf dem Bild an unserer Treppe das Pferd aufgefallen, und sie sagte: »Ich dachte immer, es ist eine Kuh?« Dabei hängt es dort, seit wir vor fast SIEBEN JAHREN hier eingezogen sind. Aber kaum werden meine Wangen auch nur ein klitzekleines bisschen rosa, wird sie gleich zu einem weiblichen Sherlock Holmes.

»Du bist verrückt! Keine Ahnung, wovon du sprichst«, sage ich und versuche, möglichst glaubhaft zu klingen.

»Du bist ganz ohne Grund rot geworden. Das hat mich stutzig gemacht«, erklärt Nancy und fährt sich mit den Fingern durch die glänzenden blonden Haare.

Obwohl wir eineiige Zwillinge sind, könnten Nancy und ich nicht unterschiedlicher sein, wenn es um unsere Looks geht. Nancy ist immer schick, mit makellosem Make-up und perfekt sitzenden Haaren, egal welche Frisur sie gerade ausprobiert. Ich dagegen kann mit Make-up nicht viel anfangen. Ganz egal, wie oft Nancy es mir beizubringen versucht, ich kann mir einfach nicht merken, welchen Pinsel man wofür benutzt, wieso man mehrere Schichten Grundierung auftragen soll und wie ich das Glätteisen benutzen muss, um meine Haare zu locken (was, wie ich Nancy schon mehrfach zu erklären versucht habe, sowieso ein Widerspruch in sich ist).

»Der nächste Hinweis«, fährt sie fort, »war die Sache gestern.«

»Nancy, können wir dieses Gespräch nicht zu einer normalen Uhrzeit fortsetzen? Heute ist Samstag. Die Woche war echt hart. Wir haben bergeweise Hausaufgaben aufgebrummt bekommen zur Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen. Bitte, ich könnte jetzt eine kleine Auszeit wirklich gut gebrauchen«, sage ich in der Hoffnung, dass sie das Thema endlich fallen lässt.

Dabei weiß ich jetzt schon, dass es nicht funktionieren wird. Wenn Nancy erst einmal in Fahrt ist, lässt sie sich nicht mehr so einfach stoppen.

»Gestern früh, als Mum uns an der Schule abgesetzt hat, da habe ich dich gefragt, ob alles okay ist. Du warst so abwesend. Darauf hast du geantwortet: ›Ja, warum?‹«

Sie schaut mich an, als hätte sie gerade eine lückenlose Beweiskette präsentiert, und wartet gespannt auf eine Reaktion von mir.

Ich seufze. »Und?«

»Du hast gesagt: ›Ja, warum?‹«, wiederholt sie bedeutungsvoll. »Wenn du nichts zu verbergen hättest, dann hättest du auf meine Frage einfach mit Ja oder Nein geantwortet. Aber weil du ein Geheimnis hast, musstest du ›Warum?‹ fragen, um herauszufinden, ob ich dir auf die Schliche gekommen bin. Kannst du mir folgen?«

»Nein.«

»Willst du wissen, was ich denke?«, fährt sie ungerührt fort. »Ich denke, dass du, Nina Palmer, einen Plattenvertrag oder so was unterschrieben hast. Also, habe ich recht?«

Einen Augenblick herrscht Stille, dann fange ich an zu lachen.

»WAS? So ein Quatsch! Wie kommst du denn auf die Idee?«, frage ich glucksend.

»Ich weiß nicht, was an meiner Theorie so lächerlich sein soll«, schnaubt Nancy empört.

»Das ist vollkommen verrückt.«

»So verrückt wie die Idee, du würdest heimlich Chase Hunter daten, den berühmten Leadsänger von Chasing Chords, meiner absoluten Lieblingsband, und das über Monate hinweg, ohne dass jemand etwas davon ahnt, nicht einmal die Presse?« Sie zieht die Augenbrauen hoch. »An dieses kleine Geheimnis wirst du dich ja wohl noch erinnern, oder?«

Ich zögere, denn da hat Nancy recht.

Selbst jetzt kann ich manchmal immer noch nicht glauben, was im vergangenen Schuljahr passiert ist. Und dann frage ich mich, ob ich mir das alles nur ausgedacht habe. Es ist ja nicht so, als hätte ich fest vorgehabt, mich in einen Popstar zu verlieben. Chasing Chords kannte ich nur, weil Nancy geradezu besessen von der Band war und deren Musik dauernd aus ihrem Zimmer dröhnte. Außerdem hatte sie eine Fanfiction-Website eingerichtet, bei der sich alles nur um diese Band drehte.

Ich dagegen habe meistens Musik von meinem Lieblingskomponisten Austin Golding gehört und mir gewünscht, eines Tages genauso gut Klavier spielen zu können wie er.

Nancy und ich sind wirklich TOTAL verschieden, nicht nur, was unseren Musikgeschmack angeht oder unser Schminktalent. Sie ist beliebt und witzig, während ich zwischenmenschlich eher schüchtern und unbeholfen bin. Diese Gegensätze haben irgendwie dazu geführt, dass wir kaum ein Wort miteinander geredet haben, obwohl wir beide in derselben Klasse waren. Wenn wir zu Hause miteinander sprechen mussten, weil Mum die Hoffnung einfach nicht aufgeben wollte, endete das jedes Mal mit einem Streit.

Doch dann musste ich Nancy auf ein Konzert von Chasing Chords begleiten, wo ich zufällig Chase Hunter traf, den Leadsänger der Band. Jemandem wie ihm war ich noch nie begegnet. Was kaum überraschend war, denn bis dahin hatte ich mich praktisch noch nie mit einem Jungen getroffen, mal abgesehen von meinem besten Freund Jimmy. Und der war in meinen Augen kein Junge, sondern eben Jimmy. Ich hätte niemals den Mut aufgebracht, einen Jungen anzusprechen, der mir gefällt. Immer wenn ich jemanden kennenlernte, brachte ich kein Wort heraus und war total unsicher. Bei Chase war das anders.

Vom ersten Moment an hatte ich mich in seiner Gegenwart wohlgefühlt. Wir haben so viele Gemeinsamkeiten, dass uns der Gesprächsstoff nicht ausging und ich gar nicht nachdenken musste, was ich mit ihm reden sollte. Wir saßen auf dem Gehsteig von irgendeiner Gasse in London und ich hätte mich stundenlang mit ihm unterhalten können. Er war so ganz anders, als ich mir den Leadsänger einer Pop-Band vorgestellt hatte. Er war nicht eingebildet oder nur auf Karriere aus, sondern witzig, klug und freundlich. Ganz davon abgesehen sah er auch noch wahnsinnig gut aus.

Ich verstehe nicht, dass jemand wie er sich ausgerechnet für mich interessiert, und doch ist es so. Noch am selben Abend, nachdem ich überstürzt aufgebrochen war, ohne ihm meine Handynummer zu geben, hat er in den sozialen Medien unter dem Hashtag #FINDTHEGIRL eine Riesenkampagne gestartet, um mich zu finden. Ich hatte meinen Geldbeutel verloren und daher kannte er lediglich von meiner Bankkarte meinen Namen: N. PALMER.

Anfangs haben wir uns heimlich getroffen und das war ziemlich aufregend. Aber dann wurde es kompliziert, weil Nancy sich einredete, sie selbst sei das gesuchte Mädchen. Meine Schwester und ich waren damals nicht wirklich Freundinnen. Trotzdem wollte ich sie nicht verletzen und habe ihr die Wahrheit verschwiegen. Von Tag zu Tag wurde es schwerer, den richtigen Zeitpunkt zu finden, denn inzwischen verbrachten Nancy und ich wieder mehr Zeit miteinander. Ich hatte Angst, dass sie mich hassen würde, wenn sie das von Chase herausbekäme.

Es versetzt mir immer noch einen Stich, wenn ich an den Tag denke, als Nancy es ausgerechnet in der Schule erfahren hat. Die Paparazzi hatten ein Foto von Chase und mir bei einem Date geschossen, natürlich ohne unser Wissen, und die Nachricht verbreitete sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer. Ich weiß noch, wie furchtbar enttäuscht und verletzt Nancy ausgesehen hat, als sie das Foto entdeckte. Auf der Heimfahrt haben wir uns in Mums Auto heftig gestritten. Allerdings kann ich mich daran kaum erinnern, denn ein anderes Fahrzeug war bei Rot über die Kreuzung geschossen und rammte unser Auto.

Nancy fällt es jetzt noch schwer, über den Unfall zu sprechen.

Sobald die Rede darauf kommt, kriegt sie diesen merkwürdigen Gesichtsausdruck und wechselt rasch das Thema. Ich glaube, sie hat mehr damit zu kämpfen als ich. Als der andere Fahrer in unser Auto fuhr, bekam ich den Aufprall ab und musste im Krankenhaus sogar in ein künstliches Koma versetzt werden. Für mich war das wie ein sehr, sehr tiefer Schlaf, aber Nancy hat alles voll miterlebt und musste mit ansehen, wie ich schwer verletzt im Bett lag.

Während ich mich von den Folgen des Unfalls erholte, verwandelte sie sich in eine überfürsorgliche große Zwillingsschwester. Sie ließ mich kaum noch aus den Augen, nahm mir alle Arbeiten ab und sorgte dafür, dass ich immer warm genug angezogen war. Es war zum Kaputtlachen, aber auch sehr lieb. Genau so war es zwischen uns gewesen, bevor wir uns einander entfremdet hatten. Damals war Nancy die selbstbewusste, extrovertierte Schwester, hinter der ich mich verstecken konnte. Ich überließ ihr das Kommando und versuchte nur, sie zu bremsen, wenn sie zu übermütig wurde.

Ausgerechnet der Unfall hat uns wieder zusammengebracht. Dass wir uns beinahe verloren hätten, hat uns bewusst gemacht, was für ein Glück wir haben. Jetzt sind wir sogar froh darüber, dass wir so verschieden sind. Inzwischen tue ich nichts, ohne Nancy vorher um Rat zu fragen. Ohne sie könnte ich nicht leben.

Ohne ihre frühmorgendliche Aufweckaktion allerdings schon.

»Ich weiß, was du vor mir verheimlichst!«, ruft Nancy plötzlich und schnippt mit den Fingern. »Chase hat das L-WORT gesagt! O mein Gott, Nina, erzähl mir alles ganz genau! Wie und wann hat er es gesagt und hast du es auch gesagt?«

»Moment mal, was? Nein!«, rufe ich und verschlucke mich fast an meiner eigenen Spucke. »Er hat …« Ich senke die Stimme zu einem Flüstern. »… das L-Wort nicht gesagt. Er nicht und ich auch nicht.«

»Warum flüsterst du, Nina? Chase kann uns nicht hören, er ist hundert Meilen weit weg in London. Wir sind also unter uns«, sagt sie und verdreht die Augen. »Was ist schon dabei, ihm zu sagen, dass du ihn liiiiebst?«

»Nichts.« Ich versuche, cool zu klingen, obwohl meine Wangen glühen. »Er hat es noch nicht gesagt, also sage ich es auch nicht.«

Ich würde Nancy gern fragen, ob sie es seltsam findet, dass er es noch nicht gesagt hat. Aber das ist mir zu peinlich. Nicht dass ich selbst noch nie darüber nachgedacht hätte. Mehrmals hätte ich es fast gesagt, am Ende von Telefonaten oder Dates. Einmal habe ich tief in seine wunderschönen blauen Augen geblickt, seine langen dunklen Wimpern bewundert und war davon so abgelenkt, dass ich, ohne nachzudenken, mit den magischen Worten herausgeplatzt bin, um den Satz dann doch noch schnell abzuändern.

»Ich liebe … Stifte«, habe ich gesagt, was total bescheuert war. Aber in meiner Panik ist mir nichts Besseres eingefallen. Chase hat mich merkwürdig angesehen und gemeint, dass er Stifte auch mag, also hat er wohl nichts gemerkt.

Aber er hat auch gesagt, er sei auf dem besten Weg, sich in mich zu verlieben, und er benimmt sich eindeutig so, als wäre er verliebt in mich.

Trotzdem wäre es schön, wenn er es mal aussprechen würde. Dann könnte ich es auch sagen und müsste keine Angst mehr haben, dass ich mich verplappere.

Es sei denn, er liebt mich nicht und spricht es deshalb nicht aus.

»Nina, hör mir zu! Du bist ja total abwesend«, bringt Nancy mich in die Realität zurück. Sie macht es sich auf meinem Bett bequem. »Also, wenn es kein Plattenvertrag ist und auch nicht Chase, was ist es dann? Ich rühre mich hier nicht eher weg, bis du mir das große Geheimnis verraten hast.«

»Was ist hier los?«, fragt eine Stimme vor der Tür.

Ich stöhne auf, als Mum ins Zimmer kommt, sich aufs Fußende des Betts plumpsen lässt und Nancy einen Kuss auf die Stirn drückt.

Mum lächelt. »Ich hätte nicht gedacht, dass ihr an einem Samstag schon so früh munter seid.«

»Ich auch nicht«, grummle ich.

»Mein Zwillingsinstinkt hat mich geweckt«, erklärt Nancy.

Ich verdrehe die Augen.

»Oh, wie spannend!«, ruft Mum und beugt sich neugierig vor. »Was hat er dir gesagt?«

Mum ist felsenfest davon überzeugt, dass Zwillinge eine besondere Verbindung untereinander haben. Wenn sie Nancy und mich Blicke tauschen sieht, ruft sie sofort: »Jetzt macht ihr wieder dieses Zwillingsdings! Da, schon wieder! Ich hab’s genau gesehen!«

Sie glaubt, Nancy und ich könnten gegenseitig unsere Gedanken lesen, selbst wenn wir nicht im selben Raum sind. Gestern war ich in der Küche und Nancy in ihrem Zimmer, aber Mum wollte von mir wissen, was Nancy zum Abendessen möchte.

»Weiß nicht – soll ich hochgehen und sie fragen?«

»Nein, nein«, hat sie geantwortet. Dann hat sie erwartungsvoll hinzugefügt: »Warum versuchst du es nicht mit eurem Zwillingsdings? Vielleicht verrät dir dein Instinkt, was sie essen möchte.«

Daraufhin habe ich ihr lang und breit erklärt, dass wir NICHT gegenseitig unsere Gedanken lesen können. Aber sie wollte mir einfach nicht glauben.

»Mein Zwillingsinstinkt sagt mir, dass Nina ein großes Geheimnis hat, und gerade wollte sie es mir anvertrauen«, erzählt Nancy ihr.

»Da komme ich ja genau richtig!« Mum strahlt mich an. »Was ist das für ein Geheimnis, Nina? Hast du eine Verabredung mit einem anderen berühmten Popstar? Oder ist es diesmal ein Hollywood-Schauspieler? Vielleicht sogar beides?«

»Sehr witzig«, seufze ich, als Nancy und Mum gleichzeitig loskichern. »Nein, Mum. Ich bin immer noch mit Chase zusammen. Er kommt heute zum Abendessen, wenn du nichts dagegen hast.«

»Wie bedauerlich unspektakulär. Aber selbstverständlich ist er herzlich willkommen, keine Frage! Also los, raus mit der Sprache. Nancys Zwillingsinstinkt täuscht sie nie. Wobei …« Mum hebt die Hand und fährt mit ernster Mutterstimme fort. »… wenn du es uns nicht erzählen möchtest, dann musst du nicht. Niemand zwingt dich. Du hast ein Recht auf deine Privatsphäre.«

»Ach ja? Ich habe ein Recht auf meine Privatsphäre? Seit einer geschlagenen halben Stunde versucht Nancy, mir das Geheimnis zu entlocken!«

»A-HA!«, ruft Nancy. »Du gibst also zu, dass du ein Geheimnis hast!«

Ich stoße einen tiefen Seufzer aus und gebe mich geschlagen. »Also gut, du hast gewonnen. Da ist tatsächlich etwas, das ich niemandem erzählt habe.«

Ich ziehe unter meinem Kissen einen ungeöffneten, an mich adressierten Briefumschlag hervor. Mum und Nancy starren ihn neugierig an. Der Umschlag ist aus einem dicken, teuren Papier und vorne drauf steht in schwungvoller Schrift mein Name.

»O mein Gott, was ist das?« Nancy sieht mich mit großen Augen an. »Gehst du … gehst du nach HOGWARTS

Mum lacht schallend über Nancys Witz.

»Danke, Mum. Wie schön, dass wenigstens du meine geistreiche Bemerkung zu schätzen weißt«, freut sich Nancy und ignoriert, dass ich völlig unbeeindruckt bleibe. »Aber mal im Ernst, Nina, worum geht’s? Der Brief sieht wichtig aus.«

»Ich habe schon so lang darauf gewartet. Gestern ist er gekommen.«

»Also deshalb bist du rot geworden, als du vor ein paar Tagen die Post erwähnt hast! Und deshalb warst du gestern so abwesend! ICH BIN GENIAL!«, erklärt Nancy. »Mein Zwillingsinstinkt wächst ins Unermessliche. Ich sollte meine eigene Show bekommen.«

»Das solltest du wirklich, meine Liebe«, stimmt Mum ihr zu. »Also, was ist das für ein Brief, Nina?«

Ich hole tief Luft. »Er ist von der Guildhall School of Music and Drama. Ich habe herausgefunden, dass die Akademie bis zum Ende des Schuljahres einen Wochenendkurs anbietet. Als eine Art Einführung für die jährlichen Sommerseminare. Nächste Woche fängt er an. Um es kurz zu machen, ich habe in letzter Minute vorgespielt und –«

»Was?«, unterbricht mich Nancy. »Du hast vorgespielt? Wann?«

»Kurz nach Neujahr. Chase hat mich begleitet. Es ist nicht so, dass ich euch nicht hätte dabeihaben wollen«, sage ich schnell. »Aber Chase war derjenige, der mir von dem Kurs erzählt hat. Und dann hat er mich praktisch dorthin geschleppt. Er musste mir versprechen, es niemandem zu sagen. Ich dachte ja, ich hätte ohnehin keine Chance.«

Nancy lächelt. »Das ist mal wieder durch und durch … Nina«, stellt sie fest. »War es schlimm?«

Ich nicke und denke an den Tag zurück. Als Chase mich auf den Kurs aufmerksam gemacht hat, konnte ich es anfangs kaum glauben. Die Beschreibung hörte sich toll an, und ich wünschte mir so sehr, dabei sein zu können.

Aber der Gedanke an das Vorspielen jagte mir Angst ein. Ich fürchtete mich davor und war hin- und hergerissen. Schließlich füllte ich das Anmeldeformular aus, saß den Rest des Tages mit Chase an meinem Computer und versuchte den Mut aufzubringen, die Bewerbung abzuschicken. Als ich auf Senden drückte, war mir ganz schlecht. Danach checkte ich alle fünf Sekunden meine E-Mails. Ich war überzeugt, einen Riesenfehler gemacht zu haben, und stellte mir vor, wie die Lehrer von Guildhall sich um den Computer versammelten und sich schlapplachten über meine Bewerbung.

Dann kam wenige Tage später eine Antwortmail aus London. Es war eine Einladung zum Vorspielen. Ich war starr vor Schreck. Dass es auch noch ein Kurs an der Schule war, von der ich schon mein Leben lang träume, machte das Ganze noch zehnmal schlimmer. Chase, der in London wohnt, versprach mir, mich vom Bahnhof abzuholen und zur Akademie zu bringen, damit ich nicht allein hinmusste.

Als es so weit war und der Zug an der Liverpool Street Station hielt, schaffte ich es fast nicht, auszusteigen. Ich saß reglos auf meinem Platz und überlegte, ob ich nicht im Abteil bleiben und sofort wieder zurück nach Norwich fahren sollte. Irgendwie brachte ich doch den Mut auf, auszusteigen und den Bahnsteig entlang bis zur Absperrung zu gehen, hinter der Chase schon auf mich wartete.

»Bist du bereit?« Er verschränkte seine Finger mit meinen und lotste mich zum Taxistand. »Du kannst das, Nina. Ich weiß, dass du es kannst.«

Ohne ihn hätte ich es niemals bis zur Guildhall geschafft.

»Wie lief es denn?«, fragt Nancy und stupst mein Bein unter der Decke an. »Bei deinem Auftritt, meine ich. Gab es eine Jury und Buzzer und so?«

»Nein, Nancy«, antworte ich lachend. »Das war keine Talentshow. Es gab weder Buzzer noch eine Jury. Aber es war trotzdem ziemlich einschüchternd. Ich musste zwei Stücke vorspielen, danach gab es ein Interview, in dem ich erklären musste, wieso ich meiner Meinung nach einen Kursplatz verdient hätte. Mein Kopf war wie leer gefegt, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und schwafelte irgendwas von wegen Liebe zur Musik und so. Eine total lahme Antwort.«

»Ich bin sicher, es war viel besser, als du denkst.«

»Das hat Chase auch gesagt. Aber egal, ich war jedenfalls schrecklich nervös. So nervös wie noch nie zuvor.«

»Nicht mal wie an Silvester, als ich dich gezwungen habe, vor einer Menge Leute Klavier zu spielen, ohne dass du es vorher wusstest?«, fragt Nancy.

»Guildhall war schlimmer«, antworte ich. »An Silvester musste ich nicht vor Caroline Morreau spielen.«

»Wer?«, fragen Mum und Nancy gleichzeitig.

»Das ist die Direktorin für Musik an der Guildhall. Sie unterrichtet auch die Klavierklassen. Sie ist eine berühmte Pianistin und hat mehrere Klassik-Alben veröffentlicht, die zu echten Bestsellern geworden sind. Außerdem leitet sie den Kurs, für den ich mich angemeldet habe.«

Mir wird ganz flau im Magen, wenn ich daran denke, wie ich das Vorspielzimmer betrat und Caroline neben dem Klavier sah. Sie machte sich gerade Notizen und ich blieb wie angewurzelt stehen. Ich wusste, dass sie die Direktorin der Abteilung Musik ist, aber ich hatte KEINE Ahnung, dass ausgerechnet sie das Vorspiel durchführen würde.

»Nina Palmer«, begrüßte sie mich knapp und mit ausdrucksloser Stimme. Dann deutete sie auf den Klavierhocker. »Nimm Platz.«

Nachdem ich sie einfach eine Weile angestarrt hatte, während sie weiterschrieb, zwang ich mich, zum Klavier zu gehen und mich zu setzen.

»Fang mit dem ersten Stück an, wenn du so weit bist«, forderte sie mich auf und nahm etwas seitlich auf einem Stuhl Platz.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Meine Hände zitterten, mein Herz pochte, meine Ohren summten. Ich schluckte. Kalter Schweiß brach in meinem Nacken aus, während ich mir das Gehirn zermarterte und mich fieberhaft an die Tipps zu erinnern versuchte, die Chase mir gegeben hatte, um mein lähmendes Lampenfieber in den Griff zu bekommen. Aber da saß Caroline Morreau, ich konnte sie aus den Augenwinkeln sehen, sie wartete, wollte mich spielen hören, mich einschätzen. Wie sollte ich vor ihr Klavier spielen? Ich konnte nicht vor Publikum spielen – und schon gar nicht vor ihr.

Caroline saß da und wartete geduldig. Nach einer Weile räusperte sie sich.

»Bist du nervös, Nina?«, fragte sie sachlich.

Ich konnte nicht sprechen, weil mein Mund so trocken war. Daher nickte ich nur.

Sie nahm ihren Stuhl und ging mit klappernden Absätzen quer durch den Raum bis zu einer Stelle weit hinter meinem Klavierhocker. Dort stellte sie den Stuhl an die Wand und setzte sich so, dass ich sie nicht sehen konnte, wenn mein Blick auf die Tasten gerichtet war.

»Versuche es jetzt«, sagte sie. »Lass dir Zeit. Wir haben keine Eile. Tief Luft holen. Fang an, wenn du so weit bist.«

Und tatsächlich, es funktionierte. Ich konzentrierte mich auf die Klaviertasten. Jetzt war Caroline auch aus den Augenwinkeln nicht mehr zu sehen. Um mich herum war ein leerer Raum. Ich folgte ihrem Rat und versuchte, gleichmäßig zu atmen, und war froh darüber, dass ich nicht sofort anfangen musste. Als ich etwas ruhiger war, legte ich die Finger auf die Tasten und fing an zu spielen. Nach einem etwas zittrigen Beginn spielte ich langsam flüssiger, und als ich am Ende des Stücks angelangt war, hatte ich fast vergessen, dass sie im selben Raum mit mir saß.

Auch wenn es keine Glanzleistung gewesen war, hatte ich es zumindest geschafft, das Stück zu Ende zu bringen.

»Ich bin beeindruckt, dass du jemandem wie ihr vorgespielt hast«, sagt Mum mit Tränen in den Augen. »Ich bin so stolz auf dich, Nina. Aber ich staune, dass du das alles für dich behalten konntest!«

»Also«, fängt Nancy an und blickt vielsagend auf den Umschlag. »Das ist der Brief, in dem steht, ob du genommen wirst oder nicht?«

Ich schlucke. »Ja.«

»Und du hast ihn noch nicht aufgemacht?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

Ich beiße mir auf die Lippe und starre den Umschlag an. »Ich habe Angst.«

Nancy nimmt meine Hand, drückt meine Finger und sieht mir fest in die Augen. »Nina, dass du den Mut aufgebracht hast und dich dieser Aufgabe gestellt hast, ist toll. Wenn es eine Absage ist, versuchst du es eben wieder. Aber egal, was drinsteht, du erfährst es nur, wenn du den Brief öffnest.«

Vom Fußende des Betts ist ein leises Schniefen zu hören. Wir drehen uns zu Mum um.

»Ach, Mädchen«, seufzt sie und tupft sich mit ihrem Morgenmantel über die Augen. »Ich bin so stolz auf euch.«

Nancy sieht Mum an und verdreht die Augen.

»Nancy«, sage ich zu ihr, »kannst du den Brief für mich aufmachen?«

»Wirklich? Bist du sicher?«

»Ja. Ich kann das nicht.« Entschlossen reiche ich ihr den Umschlag. »Mach ihn auf und sag mir, was drinsteht.«

»Also gut.«

Sie reißt den Umschlag auf, zieht ein gefaltetes Blatt Papier heraus und überfliegt rasch, aber konzentriert das Geschriebene. Ihre Stirn legt sich in Falten. Ich versuche, ihren Gesichtsausdruck zu lesen – vergeblich. Ich spüre einen Kloß im Hals und meine Handflächen sind plötzlich ganz feucht. Ich wünsche mir so sehr, dass es klappt.

»Und?«, krächze ich, den Blick auf Nancys Gesicht geheftet. »Was steht drin?«

»Nina«, sagt sie und fängt an zu grinsen. »Du bist angenommen.«