Wie bleiben wir intakt, lebendig, Menschen, durch die verschiedenene Lebenszyklen hindurch?
Von Zeit zu Zeit erleben wir, meist nicht sehr bewusst, was bei den Sufis «fanâ» heisst, das Auslöschen. Es ist nicht auf jene beschränkt, die einen spirituellen Pfad gehen wollen, nicht auf Derwische, Sadhus oder Erleuchtete, sondern ist Teil unser aller Leben.
Fanâ ist ein Verlust von dem, was ich bisher gedacht habe, «das bin ich, das ist meine Welt, mein Leben, mein Sein». So viele Menschen stehen mittendrin, in dieser seltsamen Zeit, gegen Ende des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert. Ein junger Mensch erlebt es auf die eine Weise, eine Frau anders als ein Mann, ein Kind freut sich vielleicht, ein alter Mensch fürchtet sich davor zu Tode.
«Das bin ich» ist verbunden mit Menschen, Eltern, Kindern, mit Werten, Gemeinschaften, Zielen, Idealen, mit Gefühlen, Gedanken, Taufen, Hochzeiten, Schulabschlüssen, Karrierestufen, mit Entwicklungen, die wir kennen. Die Sufis sagen dem «Gott atmet aus», vom ‹Ausatmen Gottes› leben wir, fühlen uns wohl, bejahen das Leben, ermutigen, unterstützen.
Schwieriger wird es für uns, wenn ‹Gott einatmet›; wir sagen dem Katastrophe, Tod, Scheidung, Absturz, Verwirrung, Karriereknick, Versagen, Zerfall, und wir finden sicher immer einen ‹Schuldigen› dafür. Mit dem Einatmen Gottes verbindet sich nur selten Würde, Einsicht, Dankbarkeit, Tiefe, Verständnis. Vor dieser Arbeit stehen wir noch, als Individuen ebenso wie als Menschheit; eine Arbeit, die das Leben vollständig machen wird. Sobald wir schauen wollen, werden wir sehen, hören, erkennen.
Mevlânâ! Mögen seine Geschichten ein Licht darauf werfen, wie Ein- und Ausatmen sich majestätisch und würdig ergänzen können!
Zürich, März 2009 Puran Füchslin
Wir sind drei
Ein paar Stechmücken
Wunderzeichen
Wenn ich Moses erwähne
Eines Tages
So zart gestern / Gestern - Heute
Ein Mund
Leihe dir die Augen des Geliebten aus
Das Tor des Freundes
Der Tigris
Vier Inder
Ich war ein winziger Käfer
Ein Dichter
Kein Fremder mehr / Ein Betrunkener
Ein keifendes Weib
Ein Mann auf seinem Todbett
Wenn du mit allen bist / Wer könnte….
Aus der Seele heraus
Ein nackter Mann
Ich bin Teil der Ladung
Ein langer Schrei
Wir können nichts dafür
Eine Maus und ein Frosch
Gestern Nacht, voller Verlangen
Hallaj sagte, was er sagte
Dieser Spiegel in mir
Nur Vereinigung mit Dir
Nach und nach, entwöhne dich
Ich bekomme nie genug
Stell dir den Zeitpunkt vor
Ein Mann gibt eine Münze
Eine Kichererbse
Diese spirituellen Schaufenstergaffer
Früher suchte ich jeweils Käufer
Die einen arbeiten und werden reich
Ein friedvolles Gesicht
Paradoxe
Ein riesiges Werk / Du bist die Pumpe meines Pulses
Was ich sehen möchte
Gestern Nacht
Mohammed sagt
Deine Trauer darüber, was du verloren hast
Ich wurde getäuscht
Ich komme zu Dir / Ich ging zum Doktor
Der See und die drei grossen Fische
Ein Freund bemerkt zum Propheten
Der Kern der Männlichkeit
Schmerz kommt vom Sehen
Wenn dein Name Omar ist
Hört dem Dichter Sanai zu
Geh einmal nachts nicht schlafen
Jemand sagte, da ist kein Derwisch
Meine Liebe wandert durch die Räume, melodiös,
Flötentöne, gezupfte Saiten,
voll von einem Wein, den der Magi trank
auf dem Weg nach Bethlehem.
Wir sind drei. Der Mond kommt
aus seiner stillen Ecke, stellt einen Eimer Wasser
in der Mitte ab. Der Kreis
der Oberfläche flammt.
Einer von uns kniet, um die Türschwelle zu küssen.
Einer trinkt, Weinflammen spielen über sein Gesicht.
Einer betrachtet die Zusammenkunft,
und sagt zu jedem, der diese mit Kälte betrachtet:
Dieser Tanz ist die Freude des Daseins.
Ein paar Stechmücken kommen aus dem Gras
um mit Salomon zu sprechen.
«Oh Salomon, du bist der Herr über die Unterdrückten.
Du gibst den Kleinen Gerechtigkeit, und diese sind ja
nicht kleiner als wir! Wir sind winzige Metaphern der
Zerbrechlichkeit. Kannst du uns helfen?»
«Wer hat euch misshandelt?»
«Unsere Klage geht gegen den Wind.»
«Nun», sagt Salomon, «ihr habt feine Stimmchen, ihr Mücken,
aber denkt daran, dass ein Richter nicht nur eine Seite
anhören darf. Ich muss beide Parteien anhören.»
«Natürlich», waren die Mücken einverstanden.
«Ich rufe den Ostwind», ruft Salomon,
und der Wind kommt fast sofort.
Was geschieht mit den klagenden Mücken? Weg sind sie.
So geht es jedem Suchenden, der mit einer Klage
vor das Höchste Gericht kommt.
Wenn die Gegenwart Gottes erscheint,
wo sind da die Suchenden?
Zuerst kommt Sterben, dann Vereinigung,
wie die Mücken im Wind.
Hier sind die Wunderzeichen, die du möchtest:
Du weinst die ganze Nacht, stehst dann in der Dämmerung auf,
sagst, wenn das nicht kommt, wonach du bittest,
dein Tag dunkel sein wird, dein Hals dünn wie eine Spindel,
das, was du weggibst alles ist, was du hast, dass du deine Habe
opferst, deinen Schlaf, deine Gesundheit, deinen Kopf,
dass du oft in einem Feuer sitzt wie Aloeholz, und viele Male
hinausgehst, ein Schwert zu treffen wie ein zerbeulter Helm.
Wenn Taten der Hilflosigkeit zur Gewohnheit werden,
dies sind die Zeichen.
Doch du rennst hin und her nach ungewöhnlichen Erlebnissen,
schaust in die Gesichter der Reisenden.
«Weshalb schaust du mich an wie ein Verrückter?»
Ich habe einen Freund verloren. Bitte vergib mir.
So zu suchen kann nicht fehlgehen. Es wird ein Reiter erscheinen,
der dich ganz nahe hält. Du wirst ohnmächtig und schnatterst.
Der Uneingeweihte wird sagen: «Er spielt etwas vor».
Wie können die wissen?
Wasser wäscht einen gestrandeten Fisch,
mit dem Wasser jener Zeichen, die ich gerade erwähnte.
Entschuldige bitte mein Umherirren.
Wie kann da jemand ordentlich sein bei so etwas?
Es ist wie Blätter zu zählen in einem Garten,
mit Musiknoten von Rebhühnern und Krähen.
Manchmal wird Organisation und Berechnung absurd.
Wenn ich Moses erwähne, versperrt dies der Botschaft
vielleicht den Weg, wenn du denkst, ich beziehe mich
auf etwas in der Vergangenheit.
Das Licht von Moses ist hier und jetzt, in dir drin.
Pharaoh ebenso. Keramiklampe und Docht ändern sich,
doch das Licht ist das gleiche. Wenn du dich auf das durchschimmernde
Kamin konzentrierst, das die Flamme umgibt,
wirst du nur das Viele sehen, die Farben und all ihre Varianten.
Konzentriere dich auf das Licht in der Flamme.
Du bist dies.
Woher du aufnimmst, sollte nicht das verändern, was du
aufnimmst, ausser du seist in einem dunklen Raum.
Ein paar Hindus brachten einen Elefanten, der ausgestellt wurde.
Sie hielten ihn in einem unbeleuchteten Haus. Viele Leute kamen und gingen durch die Dunkelheit. Sie konnten nichts sehen, so tasteten sie mit ihren Händen. Eine Hand berührte den Rüssel.