Über das Buch

Die ganze Strittmatter-Welt.

Erwin Strittmatters Band aus dem Nachlass bietet eine dichte Sammlung unterschiedlicher Genres: von der »Kalendergeschichte«, wie Strittmatter seine Naturreflexionen in jener für ihn so bezeichnenden poetischen Verknappung nannte, über Short Stories mit der konzentrierten, pointierten Beschreibung alltäglicher Vorgänge bis zur intensiven Erzählung. Dazu gehört die satirische Geschichte »Die Cholera«, die in der DDR nicht gedruckt werden durfte, oder der hintergründig-ironische Text »Ein Grundstück bei Rheinsberg kaufen« und die sensible, facettenreiche Beschreibung eines Besuches bei Halldór Laxness.

»Kleine Texte und doch die ganze Strittmatter-Welt: Pferde, Kiefern, Frostnächte, violette Himmel, Maiglöckchenhügel – und der ganz normale Wahnsinn namens Mensch.« Der Spiegel

Über Eva Strittmatter

Eva Strittmatter wurde 1930 in Neuruppin geboren. Sie studierte 1947 bis 1951 Germanistik in Berlin. 1951 bis 1953 Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, seit 1954 freie Schriftstellerin. Sie veröffentlichte Kritiken, Kinderbücher, Gedichte, Prosa. Heinrich-Heine-Preis 1975, Walter-Bauer-Preis 1998. Sie starb am 3. Januar 2011 in Berlin.

Gedichtbände: Ich mach ein Lied aus Stille (1973); Mondschnee liegt auf den Wiesen (1975); Die eine Rose überwältigt alles (1977); Zwiegespräch (1980); Heliotrop (1983); Atem (1988); Unterm wechselnden Licht (1990); Der Schöne (Obsession) (1997); Liebe und Hass. Die geheimen Gedichte. 1970-1990 (2000); Hundert Gedichte (Hg. von Klaus Trende, 2001); Der Winter nach der schlimmen Liebe (2005); Sämtliche Gedichte (2006); Wildbirnenbaum (2009). 

Prosa: Briefe aus Schulzenhof (I 1977, II 1990, III 1995); Poesie und andre Nebendinge (1983); Mai in Piešt’any (1986).

Herausgaben: Erwin Strittmatter: Vor der Verwandlung. Aufzeichnungen (1995); Erwin Strittmatter. Eine Biographie in Bildern (zus. mit Günther Drommer, 2003); Erwin Strittmatter: Geschichten ohne Heimat (2002); Erwin Strittmatter: Kalender ohne Anfang und Ende. Notizen aus Piešt’any (2003).

2019 erschien: Eva und Erwin Strittmatter, Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel.

Erwin Strittmatter wurde 1912 in Spremberg als Sohn eines Bäckers und Kleinbauern geboren. Mit 17 Jahren verließ er das Realgymnasium, begann eine Bäckerlehre und arbeitete danach in verschiedenen Berufen. Von 1941 bis 1945 gehörte er der Ordnungspolizei an. Nach dem Kriegsende arbeitete er als Bäcker, Volkskorrespondent und Amtsvorsteher, später als Zeitungsredakteur in Senftenberg. Seit 1951 lebte er als freier Autor zunächst in Spremberg, später in Berlin, bis er seinen Hauptwohnsitz nach Schulzenhof bei Gransee verlegte. Dort starb er am 31. Januar 1994. Zu seinen bekanntesten Werken zählen sein Debüt »Ochsenkutscher« (1950), der Roman »Tinko« (1954), für den er den Nationalpreis erhielt, sowie die Trilogie »Der Laden« (1983/1987/1992).

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Erwin Strittmatter

Geschichten
ohne Heimat

Herausgegeben
und mit einem Nachwort
von Eva Strittmatter

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Großer Augenblick

Auf der Suche

Frostnacht

Freundschaft

Die Geburt

Die Jagd

Bei den Waldarbeitern

Die Randfichte

Vorfrühling

Verzögerter Frühling

Die weinenden Bäume

Kleinstadtfrühling

Stadtfrühling

Aus vergangener Zeit

Tbc-frei

Die Redakteure

Dorfspuk

Das ewige Trauerspiel

Fragebogen für Besucher

Der Dornstrauch

Spaziergang

Holunderschatten

Herzleid

Die Chefmütze

Das Kreuz

Matthes’ Rückkehr

Die Waldrose

Violetter Abend

Im Taubenschlag

Ein neues Fenster

Auf dem Kahlschlag

Möglichkeiten. Satz mit vier Wörtern

Zeugung

Die Waage

Vogelfutter

Unwiderruflich

Der Selbstbetrug

Pferdehandel im Rossija

Die Hand

Das Erdbeerbeet

Wir waren durch die Wälder geritten

Der Maurer

In der Grotte

Verrat

Die Beleidigung

Brief an Gerhard Holtz-Baumert

Der Doktor

Ein anderer Doktor

Am Maiglöckchenhügel

Der kleine Gott oder Der Tölt

Greise Rivalen

Die Cholera

Die Unterschlagung

Ein Grundstück bei Rheinsberg kaufen

Matt und der Alte auf Island

Anhang

Nachwort von Eva Strittmatter

Faksimiles

Unwiderruflich

Der Selbstbetrug

Die Randfichte

Impressum

Großer Augenblick

Stiefgroßvater Gottfried Jurischka hat mitten im Dorf in der Nähe des Dorfteiches einen Gras- und Obstgarten. Dorthin darf ich das Rotschimmel-Fohlen, das jetzt gewachsen ist und ausgelegt hat, wie man in Pferdemännerkreisen sagt, allmorgendlich zum Weiden bringen. Der Großvater geht aus Sicherheitsgründen mit und nimmt dem Fohlen im Grasgarten den Halfter ab und hängt ihn an einen Apfelbaum. Ich bleibe bei meinem Pferd, singe und summe, treibe kleine Spiele, aber seit einiger Zeit meldet sich aus tief innen bei mir der Urahne aus einem slawischen Reitervolk, bedrängt mich mit dem Wunsch, mein Fohlen zu reiten. Aber wie es besteigen, ich bin höchstens fünf Jahre alt, darf man nicht vergessen, und das Fohlen ist allmählich ein Jährling, und ich kann seinen Widerrist nurmehr mit ausgestreckter Hand erreichen, aber da spielt mir das Fohlen selber die Gelegenheit zu. Eines Tages legt es sich hin beim Weiden unter einen Apfelbaum, ich sehe es, warte eine Weile und setze mich dann auf seinen Rücken. Das Fohlen lässt mich sitzen, rührt sich nicht. Ich aber möchte reiten. Ich hole den Halfter vom Apfelbaum, halftere das Tier auf, mach aus dem Führstrick eine Reitleine, ich zerre an der Reitleine, das Fohlen steht auf, geht ein paar Schritte, bleibt mäßig, ich möchte aus dem Garten ins Dorf reiten, was treibt mich dazu, ist es schon Eitelkeit oder nur die alte, tiefeingeborene Lust des Reiters zu zeigen, dass er im Stande ist, sich die Vierbeine eines Tieres zu Nutze zu machen und schneller zu sein als Menschen, die sich nur ihrer eigenen zwei Beine bedienen?

Wenn ich aus dem Garten hinausreiten will, muss ich das Tor öffnen, wenn ich das Tor öffnen will, muss ich absitzen, ich tus und öffne das Tor, aber ich kann nicht wieder aufsitzen, muss warten, bis sich das Fohlen wieder legt, und solange muss ich schützend vor dem Ausgang stehen, und das Fohlen legt sich wieder, es hat keine Lust zum Fressen, und nun kommt mein großer Augenblick, ich sitz wieder auf, bringe auch das Fohlen auf und in Gang, und ich reite auf ihm gemächlich zum Tor hinaus und die Straße entlang, alles geht gut, ich empfinde zum ersten Male das große Lustgefühl, auf einem Pferderücken zu sitzen und die Welt von einem anderen Standpunkt her zu betrachten. Das Fohlen aber wird rascher und rascher, je näher wir der Gastwirtschaft und seinem Stall kommen, und zuletzt fängt es an zu galoppieren, zu bocken und wirft mich ab. All das wäre nicht schlimm gewesen, und ich hätte es gewiss nicht verraten, aber ich werde gesehen, Gäste haben aus der Schankstube heraus gesehen, wie mich das Fohlen abwirft. Der Stiefgroßvater kommt herausgerannt, fängt das Fohlen ab, bringt es in den Stall, stellt fest, dass es Kolik hat und dass es mich so brav bis zur Gastwirtschaft brachte, weil es Schmerzen hatte. Mein erstes Reitermissgeschick bringt mir Lob und Tadel ein. Lob, weil ich das Pferd nach Hause brachte, damit es der Großvater kurieren konnte, Tadel, weil ich als Reiter nicht mehr mit ihm fertig wurde. Großvater vermutete ganz richtig, dass ich es wieder versuchen würde, das Fohlen wurde mir nicht mehr anvertraut. Ich sah es aus der Ferne aufwachsen, guckte traurig aus dem Fenster, wenn es Frieda, die Magd, zum Weiden in den Garten brachte.

So war die Kindheit. Eine Weile.

Auf der Suche

Wenn ich mich frage, wann ich das Glück des Lebens unvermischt mit Ängsten und Pflichten genoss, find ich, es war die Zeit zwischen meinem dritten und fünften Lebensjahr. Der Krieg, der zu jener Zeit draußen tobte, hatte für mich nur insofern Bedeutung, als dass der Vater nicht da war, aber den Vater kannten wir mehr oder weniger aus den Erzählungen der Mutter als aus eigenen Anschauungen und Erfahrungen; und je nach Gehalt ihrer Erzählungen hätte uns die Mutter einen guten oder einen schlechten Vater ins Leben zaubern können.

Ich begriff schon dies und das und war somit der Vertraute der Mutter; denn meine Schwester war ein Jahr jünger als ich.

Ich spürte damals nicht, dass das Brot schlecht und knapp war, denn ich kannte keine Vergleichsmöglichkeiten, und wenn die Marmelade, die mir die alte Bäckerin in den Topf kleckte, nach Gärung roch, so war das eben der Geruch von Marmelade; denn ich wusste nicht, wie gute Marmelade zu duften hatte.

Es fehlte mir kein Weißbrot; denn ich wusste nicht, dass es so etwas gab. Die zerlassene Margarine hieß Braune Butter, und die Mutter schmierte sie uns auf den Hals, wenn wir Mandelentzündung hatten, und zuletzt band sie uns mit einem Tuch Watte um den margarinierten Hals, und den Rest der Braunbutter erhielten wir mit ein wenig Zucker auf einem Teelöffel aus dem Tiegel zum Schlucken. Und wir hatten gern Mandelentzündung der Braunen Butter wegen.

Die Schneiderstube der Mutter war warm; denn wir saßen nicht still und hatten zu tun. Was wir zu tun hatten, war immer neu; denn wir entdeckten die Welt und ihre Gesetze. Wir wussten nicht, woher die Mutter Holz und Kohle nahm, den Eisenofen einigermaßen warm zu halten, aber wir freuten uns, dass der Ofen zischte, wenn wir gegen seine Metallwände spuckten, obwohl uns das verboten war.

Die kleine Nebenstube muss sehr dunkel gewesen sein. Es stand eine große Linde vor ihrem Fenster. Wenn wir da drinnen erwacht waren, kam die Mutter mit einem tönernen Suppentopf und zwei Tassen versehen. Sie goss die warme Suppe in die Tassen, und wir tranken eine Tasse und noch eine Tasse leer. Die Suppe war warm, und sie füllte unsere Mägen, und wir riefen: Suppe! Suppe! Die Suppe war grau und sicher war sie auch fad; denn sie war aus dunklem Kriegsmehl, das mit Kleie und Holzmehl versetzt war. Aber wir kannten keine andere Suppe als diese. Es gab nichts, was unser Glück schmälerte; keine weiteren Wünsche, wenn unsere Mägen gefüllt waren. Wir gingen an unsere Arbeit – die Entdeckung der Welt. Daraus ergab sich Glück genug, und es war in Tagen nicht zu verbrauchen, und am Abend wollten wir nicht ins Bett, weil immer noch nicht genug entdeckt war, oder weil wir soeben entdeckt hatten, dass man Lumpen und Fusseln, die in der Schneiderstube umherlagen, in Fäden zerlegen konnte. Wir fertigten kleine Berge aus Fusselfäden an und waren überzeugt, dass die Welt nur auf unsere Fädchenberge gewartet hatte.

Wo ich mich auch hineindenke in diese zwei, drei Jahre früher Kindheit – sie waren angefüllt mit vollkommenem Glück; denn wir waren voll Vertrauen in die Welt wie junge Tiere, die noch im Schutze des Mutterleibes umherspielen.

Manchmal, kurz vor dem Einschlafen, erhasche ich einen Augenblick der Schwerelosigkeit jener Zeit des reinsten Glücks. Manchmal, wenn die geliebte Frau vor dem Einschlafen noch ein Weilchen plaudernd am Fußende meines Bettes sitzt, erhasch ich einen Zipfel jenes paradiesischen Zustands, und zuweilen bleibt vor dem Einschlafen noch Zeit, mir vorzunehmen, diesen Zustand der Schwerelosigkeit auf Stunden und Tage meines jetzigen Lebens auszudehnen, doch wenn der neue Tag kommt, ist der Weg in jenes Land schwer, ach, so schwer zu finden …

Frostnacht

Die Hufschläge sind hart. Die Stute stolziert wie auf einem Tablett. Das Fohlen galoppiert: Kalippa, kalippa. Vier Flegel dreschen auf kalter Tenne.

Über die Landstraße rumpeln Lastwagen. Sowjetische Soldaten singen. Der Frost zauberte ihnen die Heimat her. Das Heimweh zerrt.

Im Wald – alles still. Der See friert zu. Wildschweine ziehen brechend vorbei. Die Sterne flimmern grünlich und kalt. Meine Füße erstarren. Ich sitze ab und stolpere mich warm. Der Mensch ist kein Baum. Er wehrt sich gegen die Fröste.

Freundschaft

Das Frühlicht stößt hinterm Wald hervor. Das Fohlen geht im Hofe umher. Ich gehe zum Holzplatz, ich geh in den Garten. Das Fohlen stellt sich mir in den Weg, Es will gekrault sein. Ich kraule es; es trabt zu den Stangenkohlstrünken und frisst dort. Ich hole Obst aus dem Garten. Am Morgen verknoten sich unsere Wege. Tag für Tag wird der Knoten der Freundschaft fester – am Morgen, beim ersten Tagesschimmer.

Die Geburt

Es war morgens, eine halbe Stunde vor drei Uhr, da ich die Stute unter meinem Lager gegen die Stallwände schlagen hörte. Am Abend hatte ich ihr Euter geprüft, und es waren Harztropfen an den Strichen gewesen. Das Fohlen war nicht mehr weit.

Als ich in die Box kam, lag die Stute und hatte die Augen geschlossen. Sie lag ganz ruhig und hatte den Atem angehalten, so dass ich für einen Augenblick glaubte, sie sei verendet. Aber dann sah ich, dass die Vorderbeine des Fohlens schon aus der Scheide ragten. Sie schimmerten graubraun durch die Fruchthaut.

Als ich die Stute anredete, blinzelte sie, stöhnte und presste, und das Fohlen schob sich weiter aus der Scheide, und ich konnte seinen Kopf erkennen. Es bläkte die Zunge ein wenig heraus, aber alles war undeutlich wie die Sicht auf etwas, was hinter dickem Zellophan liegt. Das Fohlen wirkte leblos und wie verwest.

Ich setzte mich zur Stute, doch ich konnte nicht erkennen, ob es ihr missfiel. Sie stöhnte und presste wieder, hatte die Augen geschlossen, und die Augenränder waren feucht wie bei still weinenden Menschen. Jedesmal, wenn die Stute presste, wurde mehr vom Fohlen sichtbar, und nun war es dem Mutterleibe bis zu den Sprunggelenken entronnen.

Es ging eine Weile nicht weiter, denn die Sprunggelenke des Fohlens bildeten einen spitzen Winkel. Das Vorderteil des Fohlens lag an der Wand und hatte keinen Platz, weiter herauszuschlüpfen.

Ich überlegte, ob ich eingreifen und helfen sollte. Aber da bewegte sich das Fohlen wie eine fertige Kaulquappe im Ei-Gallert und die Fruchthaut riss. Die Schulter des Fohlens leuchtete in voller Fuchsfarbe heraus, und es war, als ob man unter die Papierecke eines Abziehbildes schaute.

Ich packte das Fohlen und zog es von der Wand und befreite seinen Kopf von der Fruchthaut. Das Fohlen bohrte sein kleines Maul in die Sägespäne, und ich fürchtete einen Augenblick, dass es ersticken könnte. Aber dann erkannte ich, wie gut das Leben vorsorgt: Noch war das Fohlen nicht auf die Nasenatmung angewiesen, weil es noch an der Nabelschnur hing und die Mutter für es mitatmete.

Endlich war das Fohlen ganz heraus und arbeitete sich in Minutenabständen aus der Fruchthaut, schließlich riss die Nabelschnur, und sie riss sach- und fachgerecht wenige Zentimeter vor dem Leibe des Fohlens.

Ein selbständiges Wesen mit eigenen Bedürfnissen lag da, ein Wesen mit einem eigenen Schicksal. Ein Riss – aus einer gemeinsamen Welt entstanden zwei verschiedene Welten, und ein neues Wesen ging auf die Lebensreise, um seine Erfahrungen zu machen.

Die Jagd

Da waren die großen Jagdfeste. Rehe, Hasen, Kaninchen und Fasane wurden geschossen, und die hatten sich auch auf den kleinen Feldstücken unserer Väter gemästet. Trari, trara, die frohe Jagd des Gutsherrn und seiner Kumpane, der Tuchfabrikanten aus der Kreisstadt. Wir, in Holzpantoffeln und dreißigmal gestopften Strümpfen, sollten die Treiber sein und den Herren die Hasen vor die Flinten treiben.

An solchen Jagdtagen fiel die Schule aus; denn der Lehrer half mit seiner Starenflinte die freiherrliche Hasenstrecke vermehren und durfte an der herrschaftlichen Jägertafel essen.

Wer nicht mit zum Treiben durfte, musste in die Schule gehen. Er bekam seine Aufgaben von Frau Lehrer. Er hatte Gesangbuchverse zu lernen. Da saß man und starrte den einzigen Schmuck der Schulstube, das Hindenburgbild, an. In der Feldmark und in den Wäldern knallte und schallte es.

Welche Abwechslung der kleine Hase, der der Jagd entrann und unter die Johannisbeersträucher des Lehrers schlüpfte! Sein hüpfendes Herz beruhigte sich in der Jungenmütze unterm Pult der Schulbank.

Auf Mittag kam Frau Lehrer und hörte ab, was man während der Herrenjagd gelernt hatte: Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt …

Bei den Waldarbeitern

Es war in den Tagen zwischen Winter und Frühling. Als ich in den Wald kam, flackerte dort das Frühstücksfeuer der Waldarbeiter, und ich setzte mich zu ihnen auf den Baum, den sie soeben gefällt hatten. Sie aßen ihr Brot und tranken den am Feuer gewärmten Kaffee, und mit eins verfitzten wir uns in einen Streit um die Freiheit. Es wurde laut, und ein Häher fühlte sich angeregt, uns mit seinem Gekrächze zu verhöhnen, doch ein grüner Specht klopfte besänftigend wie ein Versammlungsleiter auf die Tischplatte.

Soviel wir auch stritten, Albin, der Großvater mit den jungen Augen unterm verharzten Hut, äußerte sich nicht. Wir aber schrien uns an um die Freiheit; die Freiheit hie und die Freiheit da, und die Frühstückszeit ging mit Streiten herum, und Albin stand auf und packte die Motorsäge: Ihr krakeelt um die Freiheit. Ist das nicht Freiheit? Wer zwingt euch zu rauchen, wer zwingt auch zu saufen, wer zwingt euch giftigen Kaffee ins Maul? Wer zwingt euch zu hungern, zum Überfressen, wer zwingt euch, nervös aufeinander zu schrein? Wer zwingt euch zur Faulheit, zum Neid und zum Zank. Niemand zwingt euch um Schandlohn zur Arbeit, niemand zwingt euch zur Hartherzigkeit. Niemand zwingt euch zum Stumpfsinn, zur Roheit, niemand zwingt euch zu lernen, obwohl ich das gut fänd. Es kommt eine Menge Freiheit zusammen.

Seitdem ist Albin für mich ein Mann, vor dem ich die Mütze zöge, wenn ers nicht lächerlich fände.

Die Randfichte

Am Rande einer Schonung aus siebzehnjährigen Kiefern stand eine Fichte, und auch die war siebzehn Jahre alt, doch im letzten Jahr war ihr Mitteltrieb krummgewachsen. Sie stand abseits, hatte mehr Erde und Nahrung für sich als die Kiefern und war der Schonung entwachsen. Jetzt aber prallten die Winde auf sie, bevor sie über die Schonung hinfuhren. Ich saß ab und sah am Stamm der Fichte, dass ihr sieben Jahre zurück das Gleiche widerfahren war. Auch hinter dem zehnten Astquirl war ihr Stamm gekrümmt. Auch damals hatte sie sich über die Kiefern erhoben und war schließlich wieder in die Kieferngemeinschaft zurückgebuckelt.

Vorfrühling

Noch pfeffert die Nacht die Luft mit Frost,

Und in den Tapfen der Rehe ist Blut,

Doch am Mittag schüttelt die Sonne

Sich den Wolkenstaub vom Gefieder,

Breitet die wärmenden Gluckenflügel

Über der starren Erde aus.

Ein Warmhauch weht

Und der Schnee wird häutig,

Glänzt wie im Ofen geflämmter Zucker.

Heimlich zerrinnt er unter dem Harsche.

Tauwässer klingeln und sammeln sich weglangs.

Wildenten rufen einander am Bach.

Ein Meishahn singt schüchtern.

Die Hengste raufen.

Die Brotfliege summt auf dem Bodenspeicher,

Brummelt und rummelt am Sonnenfenster.

Die Stare sind noch nicht hergeflogen,

Aber am Dachfirst schnäbeln die Tauben.

Oh, wie sollte ich ohnangewidert

Es ertragen, dieses Erdenschauspiel –

Nun schon mehr als zum fünfzigsten Male,

Ohne mich selber drin zu erneuren?

Zwei alte Bauern worfeln das Sommergetreide,

Der eine summt und der andre pfeift leis.

Könnten sie’s ohnangewidert ertragen,

Dieses Vorfrühlings-Schauspiel der Erde,

Nun schon die fünfzig, die sechzig Jahre,

Wenn sie sich drinnen nicht selber erneuten?

Verzögerter Frühling

Nur einmal gabs Schnee diesen Winter, nur einmal für wenige Tage. Dafür wurde der Vorfrühling lang, aber quälend.

Viele Zugvögel kamen zu früh, und die Baum- und Strauchknospen sprengten ihre Deckel zu zeitig. Nachtfröste dämmten die Voreiligkeit, und im April strömte Polarluft heran. Das Gras, das schon zu grünen begonnen hatte, stand still und schien in die Eisluft zu lauschen. Säfte und Mineralien waren unter der Erdhaut aufmarschiert, aber auf dem Rasen lag eine glitzernde Reifhaut, und die Tiere, die den Duft ersten Grüns schon errochen hatten und unruhig geworden waren, fielen in die Stalldumpfheit zurück.

Nur am Menschen konnte man die kaum noch gewürdigte Unabhängigkeit von Witterungsumschlägen wahrnehmen: Er warf Brennstoff in den Ofen, einen seiner frühesten chemischen Apparate, und zweifelte keinen Augenblick am Durchbruch des Frühlings.

Die weinenden Bäume

Die Bäume ächzten unter der Last des frischen Märzenschnees. Sie klagten, als sie die Sonne sahen: Wie überheblich du hingehst und gleißest und glänzt!

Es tropfte wie Tränen aus ihren Ästen.

Die Sonne lachte, strahlte und strahlte.

Seht doch die Hoffart! seufzten die Bäume und waren verstrickt in Kummer und Hass und nahmen nicht wahr, wie die leidige Schneelast Tropfen um Tropfen von ihnen wich.

Kleinstadtfrühling

Das Tauwasser rinnt durch die Straßen.

Brackwasser, gilben und blasig.

Durchsetzt mit Kleinstädter-Wintergedanken.

Getrübt von heimlichen Wintersündchen.

Hochwasser-Bereitschaft.

Vier Volkspolizisten bewachen das rinnende Wasser.

Die Stadt steht lange.

Hochwasser hat es dort nie gegeben.

Auch dieses Jahr wird es keines geben.

Alarm ist Alarm und sicher ist sicher!

Die Kleinstädter reden von Möglichkeiten.

Sie drängen hinaus in die milde Luft.

Sie engen bepfützte Bürgersteige.

Sie nutzen die Stimmung.

Sie ergehn sich in Möglichkeiten.

Stadtfrühling

Neben dem Kinderspielplatz ragt eine kahle Wand auf. Es ist die fensterlose Seitenwand eines Fünfstockhauses. Auf ihrem Rand sitzt ein Amselhahn, der singt eine verwilderte Taube an, singt und singt. Und er balzt und reckt seinen Schwanz und steht gegen den leisblauen Himmel wie ein großes V, das vor lauter Frühlingsdrang einem Folianten entflog.