Für meine Eltern Pat Allen und Cliff Allen
»Wer die Schönheiten der Erde betrachtet, findet Kraftreserven, die reichen, so lange das Leben währt. Der Vogelzug, Ebbe und Flut, die geschlossene Knospe, die bereit ist, sich zu öffnen, sind symbolisch und eigentlich schön. Die Kehrreime der Natur bergen etwas unendlich Heilsames – die Gewissheit, dass auf die Nacht die Morgendämmerung folgt und auf den Winter der Frühling.«
Rachel Carson
An dem Morgen, als der große Weiße Hai nach Rockport gebracht wurde, steckten mein bester Freund und ich gerade unsere Finger in die Wechselgeldschlitze sämtlicher Münztelefone der Stadt. Während des Sommers kamen wir dabei durchschnittlich auf zwei Dollar pro Tag, die wir für gewöhnlich gegen Süßigkeiten eintauschten.
»Fünfundsiebzig, achtzig, fünfundachtzig«, sang ich vor mich hin, während ich die Münzen in seiner Handfläche hin und her schob. »Wir haben einen Dollar fünfundvierzig.«
Fred zuckte mit den Achseln und zeigte auf den Laden, der Weingummis und Bonbons für einen Penny verkaufte.
Manchmal fragte ich mich, ob wir mit fast dreizehn zu alt waren, um Münztelefone für Süßigkeiten auszuräumen. Doch niemand beobachtete uns, und außerdem fiel es schwer, auf geschenktes Geld zu verzichten.
Wir gingen hinüber zum Country Store, um – als wären wir Zauberer – Vierteldollarmünzen und Cents in Gelatine-Kaubonbons zu verwandeln.
Ich drückte die Tür zum Geschäft auf und trat in einen Dunst aus Weihrauch und Süßigkeiten. Fred machte sich sogleich auf den Weg in die Weingummi-Abteilung. Er wusste, was ich mochte, also ließ ich ihn die Auswahl treffen und schlenderte hinüber zum Postkartenständer. Als ich den Ständer um seine Achse drehte, quietsche er wie eine rostige Spielplatzschaukel. Mein Blick wanderte die Reihen vertrauter Fotos von Rockport und den Zwillingsleuchttürmen hinunter, während ich meinen roten Pferdeschwanz in einer Spirale um meinen Finger wickelte.
In dem Laden mit der niedrigen Holzbalkendecke und den bemalten Bodendielen war es dunkel und kühl. Ein älterer Mann warf eine Münze in das Pianola, woraufhin das automatische Klavier ein schnelles Lied ausspuckte, das an einen Rummelplatz erinnerte.
Fred ließ eine Plastiktüte mit Weingummis auf die Glastheke neben der Kasse fallen, und ich ging zu ihm hinüber, um mir anzuschauen, was er ausgesucht hatte. Er hatte sich für einen Standardmix mit hauptsächlich Fröschen und Würmern entschieden.
Mrs. Lloyd wog die Tüte ab. Das metallene Band, an dem ihre Lesebrille befestigt war, glitzerte wie eine rubinrote Perlenkette.
»Null Komma drei drei Pfund«, schätzte Fred.
Das Display der digitalen Waage zeigte null Komma drei vier.
»Nicht dein Tag heute«, sagte Mrs. Lloyd und lächelte Fred zu.
Als sie den Beutel mit den Süßigkeiten von der Waage nahm, läutete die kleine Glocke über dem Eingang und verstummte abrupt, als die Tür innen gegen die Wand schlug. Ein Junge, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, war hereingestürmt.
»Sachte«, mahnte Mrs. Lloyd und musterte ihn.
»Hey!«, rief der Junge, während seine Flipflops auf den knarrenden Holzboden klatschten. Er lief auf ein anderes Kind zu, dessen Arm ellbogentief in einem Fass fruchtiger Kaubonbons steckte, von denen Fred und ich gar nichts hielten. Als das andere Kind sich umdrehte, legte ihm der Junge die Hände auf die Schultern. Ich vermutete, dass es Brüder waren, denn sie hatten das gleiche dichte, dunkle Haar und identische sirupbraune Augen.
»EIN RIESIGER HAI!«
Das Echo hallte von den Wänden wider. Ich behielt die Jungen im Blick und wartete ab, wie die Geschichte weiterging.
»Was?« Die Augen des kleinen Bruders wurden so groß wie Erdnussbuttertörtchen.
Fred ging zu den beiden hinüber. »Wo?«
»Am Kai! Ein Fischer hat ihn an Land gezogen«, antwortete der große Bruder.
Er sah aus wie ein Fünftklässler und spuckte beim Sprechen wie verrückt. Seiner Begeisterung nach zu urteilen, musste es sich bei dem Hai um einen eigentlich längst ausgestorbenen Megalodon handeln. Der Junge trug ein Rockport-T-Shirt, was bedeutete, dass er nicht von hier kam, und sein Akzent klang, als wäre er aus dem Mittleren Westen. Ich konnte mir vorstellen, dass jeder Hai für die Brüder riesig aussehen musste.
»Wo kommt ihr her?«, fragte ich sie.
»Ohio«, antwortete der große Bruder.
»Schon mal einen Hai gesehen?«, wollte ich wissen.
»Nur im Aquazoo.« Seine Augen waren immer noch geweitet.
Ich schaute zu Fred.
»Lass uns gehen«, sagte er und schnappte sich die Tüte mit den Weingummis.
»Wohin?«, fragte ich.
»Zu dem Hai. Komm!« Und schon verschwand er im grellen Sonnenlicht.
Er ließ die Tür sperrangelweit offen stehen, und da ich wusste, dass Mrs. Lloyd sonst einen Vortrag über die Kosten einer Klimaanlage halten würde, zog ich sie auf dem Weg nach draußen hinter mir zu.
»Okay, aber wir bleiben nicht den ganzen Tag dort!«, rief ich ihm zu.
Fred blickte für eine Sekunde nach hinten über seine Schulter, verlangsamte seinen Joggingschritt aber nicht. Ich behielt ihn im Auge und ließ mir Zeit.
Ich ging am chinesischen Importwarenladen vorbei, der in der Reihe von Schaufensterfronten im Erdgeschoss schindelverzierter Häuser lag. Dann ließ ich die efeubewachsene Eisdiele und ein Spalier aus Telefonmasten mit einem Gewirr durchhängender Leitungen hinter mir.
Es war heiß. Juli-heiß. Das Letzte, worauf ich Lust hatte, war, in der prallen Sonne am Bootsanleger herumzuhängen – egal, was die Fischer an Land gezogen hatten.
Ich bog in den Dock Square ein, ging an dem Süßwarenladen mit der Bonbonmaschine im Fenster vorbei und kam zu der Stelle, wo der Straßenasphalt ordentlich aneinandergelegten Granitplatten wich. Dann betrat ich den T-Wharf, einen alten Anlegesteg. Hier entluden die Fischer der Stadt ihren Fang. Eine Menschenmenge, die entlang der Hafenkante stand, versperrte mir die Sicht. Ich suchte nach Fred.
Ein strenger Geruch schlug mir entgegen – zwar nicht so unangenehm wie im Hafen von Gloucester, aber trotzdem fischig. Es waren nicht nur die Heringe, die in Netzen in der Nähe des Hafens gefangen wurden, oder die Fänge, die die Fischer vom Meer mitbrachten. Das algenbewachsene Holz und das stehende Wasser innerhalb der Mole gaben ihre erdige Note dazu.
Schließlich entdeckte ich Fred und folgte ihm, als er sich seinen Weg durch die Leute bahnte. Das Gedränge machte mich nervös und erinnerte mich daran, wie ich jedes Jahr versuchte, meinen Dad auf der Parade zum Nationalfeiertag nicht aus den Augen zu verlieren. Auch jetzt kämpfte ich darum, in Freds Nähe zu bleiben.
»Boah!«, rief er.
Ich schob mich an seine Seite und schlängelte mich weiter in die erste Reihe vor, um beobachten zu können, wie der Körper des toten Hais mithilfe einer Seilwinde über den Rand des Docks gezogen wurde. Als sein Maul in Sichtweite kam, wanderte mein Blick sogleich zu den riesigen, gezackten Zähnen, die dornartig in verschiedene Richtungen herausragten. Mehrere Reihen weißer Stacheln traten aus dem durchlöcherten Zahnfleisch hervor, das die rosa Farbe von Erdbeer-Marshmallows hatte. Mein Instinkt riet mir fortzulaufen, doch ich konnte nicht anders, als mich auf den Hai zuzubewegen, bis wir uns beinahe Auge in Auge gegenüberstanden. Ich stellte mir vor, wie mein ganzer Körper in seinem verschwand, als glitte ich in einen Schlafsack, während sich seine geöffneten Kiefer um meine Hüften legten.
»Ist das ein Weißer Hai?«, fragte ich.
»Da bin ich mir ziemlich sicher«, antwortete Fred. Er holte sein Asthmaspray heraus und nahm einen Zug.
Nach dem zweiten Zug sagte er: »Deine Mom wüsste es.«
Ich nickte. Meine Mom hätte es gewusst.
Meine Mom war Biologin gewesen und die ansässige Hai-Expertin für Massachusetts. Als ich noch ein Kind war, fiel mir aber vor allem auf, dass sie nach Fisch roch. Egal, wie gründlich sie sich abschrubbte, jedes Mal, wenn ich sie umarmte, war der Geruch da. Als ich älter wurde, fragte ich Dad, wie das möglich war. Er sagte, der Geruch komme daher, dass sie Haie und Wale seziere, dass sie Speckschichten aufschneide und mit ihren Händen in die Bauchhöhlen von Meerestieren greife, die zwanzigmal so groß waren wie sie selbst. Und wenn sie nicht gerade bis zu den Ellbogen in den Eingeweiden kürzlich verstorbener Tiere stecke, so erklärte Dad weiter, schwimme sie im Ozean auf der Suche nach lebendigen. Dabei flossen Salz und Mikroorganismen durch ihr Haar. Selbst wenn sie tagelang nicht in der Nähe des Wassers gewesen war, konnten wir noch immer die Fischöle auf ihrer Haut riechen. Es bestand kein Zweifel, dass man sie heute, für diesen Hai, zum Dock gerufen hätte.
Fred nahm einen weiteren Zug von seinem Asthmaspray und schaute mich an. »Ist alles okay?«, fragte er. »Dein Gesicht ist rot.«
»Mir ist nur heiß.«
Ein paar Männer zogen den Hai mit Seilen und Flaschenzügen weiter in die Höhe. Mein Blick fuhr den weißen Bauch des Tiers entlang, von der Nase bis zur Schwanzflosse. Er war schätzungsweise so lang wie drei hintereinandergeschnallte Fischer, doch als er mithilfe mehrerer Seile über die Menschenmenge gehoben wurde, verbog sich sein Körper.
Die Szene sah nicht aus wie auf einem dieser gestellten Fotos aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, auf denen ein irrsinnig dreinblickender Kerl mit einem glänzenden Makohai posiert, der vom Schwanz bis zur Nase geradlinig ist. Dieser Hai am Dock war so groß, dass sein Körper zu einem Hufeisen gebogen über dem Wasser hing. Das Seil in der Nähe seines Mauls schnitt in sein Fleisch wie ein Gummiband in ein fettes Handgelenk und trennte den Kopf vom restlichen Körper. Auf den ersten Blick sah der Hai ein wenig lächerlich aus, doch wenn man ihn länger betrachtete, konnte man sich seiner Bedrohlichkeit nicht entziehen.
»Wir haben ihn uns anguckt«, sagte ich zu Fred, während ich das Tier weiter anstarrte. »Können wir jetzt gehen?«
»Weißt du, was das heißt?«, fragte Fred. Nicht dass es eine Rolle spielte, denn er würde mich sowieso aufklären.
»Was?«, fragte ich zurück.
»Der Naturführer!«, antwortete er mit großen Augen, die ihn aussehen ließen wie einen Goldfisch.
Der Naturführer war ein Projekt für den Biologieunterricht, das wir im September einreichen sollten. Fred war auf die Idee gekommen, und ich hatte mich bereit erklärt, ihm zu helfen. Denn ein paar Extrapunkte konnten mir nicht schaden, falls ich während des Schuljahrs mal einen Test verhaute. Um den schriftlichen Teil kümmerte sich Fred. Meine Aufgabe war es, die passenden Illustrationen zu liefern – und ich konnte ebenso gut zeichnen, wie Fred die Verwandtschaften von Lebewesen erklärte.
Allerdings hatten wir für den Naturführer eine Regel aufgestellt: Er durfte nur Tiere und Pflanzen enthalten, die wir mit eigenen Augen gesehen hatten. Bisher waren wir einer Schwarzkopfmeise in Pigeon Cove begegnet und einem Flecken-Querzahnmolch in einem Regenwassertümpel im Wald. Das war so ziemlich das Außergewöhnlichste gewesen, was wir an Land hatten finden können – bis heute.
Während Fred seine Energie augenblicklich auf unseren Naturführer lenkte, konnte ich den Gedanken an meine Mom nicht abschütteln. Ich stellte mir vor, wie sie um den Hai herumlief und seine Maße abschätzte, bevor sie überlegte, wie sie ihn auf dem Boden ausbreiten sollte.
»Was werden sie mit ihm machen?«, fragte Fred.
»Gute Frage«, sagte ich.
Lachend kletterten die Fischer in ihren orangefarbenen Wathosen von den niedrigeren Docks auf den Kai. Einen von ihnen erkannte ich sogleich an seiner Stimme.
»Da ist Sookie«, sagte ich und atmete tief ein.
Sookie war in vierter Generation Fischer in Rockport und ein guter Freund meiner Eltern – nur dass er schon lange nicht mehr bei uns gewesen war. Doch wie er dort auf dem Dock stand, sah er immer noch so aus wie der Mann, den ich bereits mein ganzes Leben lang kannte. Er trug eine verspiegelte Sonnenbrille, und seine braunen Haare waren von der Sonne gebleicht. Seine Hautfarbe war rötlich, nicht goldgebräunt wie die der Strandbesucher. Und er schwitzte scheinbar doppelt so stark wie ich.
An Sookies Seite befand sich Lester, sein Bootshelfer, ebenfalls in orangefarbenen Gummihosen. Er war siebzehn und hing oft mit Freds älteren Schwestern herum. Ein Pulk anderer Fischer und Zuschauer versammelte sich um die Ankömmlinge, und ich erkannte am Händeschütteln und Schulterklopfen, dass Sookie den Hai gefangen hatte.
»Warum hat er einen Weißen Hai erlegt?«, fragte Fred.
»Ich wette, es war ein Versehen«, antwortete ich.
Ich löste mich aus der Menschenmenge und lief hinüber zu dem Pulk, der Sookie umringte. Fred folgte mir.
»Sookie!«, rief ich.
Er wandte seinen Kopf in meine Richtung, klopfte jemandem auf den Rücken und ging auf Fred und mich zu. Sookie schob sich die Sonnenbrille auf den Kopf, und seine Augen funkelten wild.
»Lucy! Na, was denkst du?«, fragte er und zeigte auf den Hai.
»Er ist gigantisch«, sagte ich. »Was ist passiert?«
»Wir haben Kabeljau gefischt, dabei hat er sich im Netz verfangen.«
Ich zuckte zusammen. »Oje.«
»Wieso oje? Er ist doch auch nur ein großer Fisch.«
»Na ja, aber nun ist er irgendwie nutzlos, oder?«, fragte ich.
»Ja, genau, was macht ihr jetzt mit ihm?«, schaltete sich Fred ein.
»Ich dachte, wir lassen ihn ein paar Tage hier hängen, um die Touristen von den Stränden fernzuhalten«, antwortete Sookie.
»Ihr solltet wirklich darüber nachdenken, eine Biologin zu rufen«, wandte Fred ein.
Sookie zögerte einen kurzen Augenblick. »Lucys Mom war die einzige Biologin, die ich gut kenne«, erklärte er. »Ich hätte sie gleich vom Boot aus informiert.«
Er schaute zuerst Fred an, dann mich. Mit seinen fischigen Händen zupfte er vorsichtig an meinem Pferdeschwanz. Ich blickte ihm in die Augen. Es machte mich immer glücklich, wenn ich merkte, dass auch andere Menschen an meine Mom dachten.
»Sook!«, rief einer der Fischer und hielt eine Kamera in die Höhe.
»Ich muss los«, entschuldigte sich Sookie.
»Können wir jetzt gehen?«, drängte ich Fred.
Er deutete über meine Schulter. »Da ist dein Dad.«
Ich drehte mich um. Mein Dad steckte nach wie vor in seiner Arbeitskleidung. Er war Kriminalbeamter bei der Polizei, deshalb trug er keine Uniform, sondern Kakihosen und geknöpfte Hemden wie ein Zivilist. Sein Haaransatz glänzte schweißnass. Um seinen Hals hing seine Minolta SLR an einem Trageriemen. Vermutlich war auch er gerade auf dem Weg woandershin gewesen, als ihn die Neuigkeit vom Weißen Hai erreicht hatte. Ich rief drei Mal zu ihm hinüber, doch meine Stimme wurde von der Menschenmenge verschluckt. Er suchte sich einen Platz inmitten der Leute und schaute zum Hai hinauf, der über den Köpfen der Menschen baumelte. Als Dad die Kamera vor sein Gesicht hob, las ich von seinen Lippen ab, was er sagte, während er lächelte wie ein Kind: »Jesus Allmächtiger.«
Nachdem wir für unser Foto mit dem Hai posiert hatten, rollten Fred und ich mit unseren Rädern langsam neben Dad her, der zu Fuß ging. Wir mühten uns den Hügel im Stadtzentrum hinauf und stellten fest, dass es auf den Bürgersteigen nur so von Menschen wimmelte. Alle waren aufgeregt wegen des toten Hais, doch mich interessierte nichts weiter als eine kalte Dusche und etwas zu trinken.
Zu unserer Rechten lagen der Buchladen und die Kunstgalerien. Durch die Lücken zwischen den Häusern konnte man die schmalen Gassen erkennen, die direkt zum Meer führten. Das immer wieder aufblitzende Blau des Wassers erinnerte daran, dass alle Geschäfte und Häuser in der Stadt vom Ozean umschlossen waren.
»Dad, was wäre gewesen, wenn du den Weißen Hai beim Tauchen gesehen hättest?«, fragte ich. »Was wäre dir durch den Kopf gegangen?«
»Bei einem Weißen Hai? Panik.«
»Was hat er vor der Küste von Rockport gemacht?«, hakte ich nach.
»Nach Nahrung gesucht, schätze ich.«
»Ist das Wasser nicht zu kalt für ihn?«
»Nein. Weiße Haie schwimmen nach Norden bis zum Golf von Maine hinauf«, erklärte Dad.
»Werden noch mehr kommen?« Ich kannte die Antwort. Ich hatte sie schon früher einmal von meiner Mom und von Fred erhalten.
Dad ließ die losen Münzen in seiner Hosentasche klimpern, wie er es immer tat, wenn er mit seinen Gedanken woanders war.
»Dad?«
»Oh, Entschuldigung. Was?«
»Werden noch mehr Haie kommen?«, wiederholte ich leicht genervt.
»Klar. Wo Robben sind, sind auch Weiße Haie.« Er musste den Sturm spüren, der sich gerade in meinem Magen zusammenbraute, denn er fügte hinzu: »Aber sie sind immer noch selten hier oben.«
Ich verpasste jeder Parkuhr einen Schlag mit meiner Handfläche, als wir am Front Beach vorbeifuhren.
»Als ich noch ein Kind war, hat jeder, der eine Robbennase auf die Polizeistation brachte, fünfzig Cent bekommen. Fünfzig Cent für eine Robbe«, erzählte Dad.
Ich schnappte nach Luft. »Warum?«
»Weil die Robben Haie anlocken. Außerdem fanden die Leute, dass sie ein ziemlich lautes Theater im Hafen veranstalteten.«
»Wie schrecklich«, sagte ich.
»Ja«, stimmte Dad mir zu.
»Hast du jemals eine Robbe getötet?« Ich fragte, obwohl ich wusste, dass die Antwort Nein lauten würde.
»Was denkst du?«, wollte Dad wissen.
»Ich habe Sookie gesagt, er soll eine Biologin anrufen«, meldete sich Fred zu Wort. »Aber ich glaube nicht, dass er es machen wird.«
Dad schwieg einen Moment, dann hörte man ein weiteres Mal das Klimpern der Münzen in seiner Tasche. »Sookie ist ein Sturkopf. Er hört nur, was er hören will«, sagte er schließlich. »Ich wette, es ist schon jemand auf dem Weg hierher.«
Fred schaute traurig oder verärgert drein, ich konnte es nicht erkennen.
»Tom, könnten Sie nicht mit Sookie sprechen?«, fragte er schließlich.
»Ich?« Dad wirkte überrascht. »Ich glaube nicht, dass das etwas bringen würde.«
»Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?«, fragte ich.
»Das ist schon eine Weile her«, antwortete Dad in einem gereizten Ton, der mir sagte, dass unsere Fragestunde jetzt beendet war.
»Ist alles okay?«, wollte ich wissen.
»Es geht mir gut. Mir ist nur heiß.«
Fred und ich beschleunigten unser Tempo und ließen Dad hinter uns. Schließlich kamen wir an den Häusern hinter dem Strand vorbei und bogen erst in die King Street ab, dann in die Smith. Dort rollten wir gemächlich an den Vorgärten unserer Nachbarn vorbei und legten unsere Räder in der Einfahrt ab. Fred folgte mir ins Haus, wo wir nacheinander ins Bad gingen. Dann füllte ich für jeden ein Glas mit Wasser. Fred schien noch Zeit zu haben, also setzten wir uns draußen auf die Hintertreppe.
»Die Sox spielen heute Abend gegen Detroit«, begann er. »Vielleicht können wir nach dem Essen zusammen das Spiel anschauen?«
»Klar.«
»Ich möchte den Hai in den Naturführer aufnehmen«, fuhr er fort. »Glaubst du, er ist morgen noch da?«
»Da wette ich drum«, antwortete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte. Ich wollte Fred beruhigen, aber ich wollte heute auch nicht mehr zum Anleger zurückkehren. »Kam mein Dad dir eben auch komisch vor?«, fragte ich.
Fred zuckte mit den Achseln. »Ein bisschen. Er mag keine Menschenmengen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass das der Grund war.«
Gerade wollte ich vorschlagen, am nächsten Morgen noch einmal zum Kai zu fahren, da sah ich aus den Augenwinkeln meinen Dad auf dem Rasen stehen – nackt.
»Oh Gott«, flüsterte ich.
Dad nahm seinen Taucheranzug von der Wäscheleine, kämpfte sich mühsam in die Fußlöcher und zog die schwarze Gummihaut über seine Beine wie eine Strumpfhose. Dabei zeigte die Rückseite seines Körpers genau auf Mr. Pattersons Haus. Es war schrecklich. Mr. Patterson saß reglos in seinem Schaukelstuhl auf der Terrasse, während im Radio neben ihm der Polizeifunk zirpte.
»Dad!«, rief ich, mein Gesicht in den Händen verborgen.
»Was?«, fragte er mit halb angezogenem Neoprenanzug, der ihn aussehen ließ, als wäre er bis zum Bauch in Teer getaucht worden. »Ich fahre vor dem Essen noch mal kurz runter zum Back Beach.«
»Du gehst ins Wasser?«, fragte ich ungläubig.
»Ja.« Er schien meine Überraschung nicht zu verstehen.
»Sie meint wegen Sookies Hai«, kam Fred mir zur Hilfe.
»Lucy, der Hai ist zwanzig Meilen vor Rockport gefangen worden. Und weißt du, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, angegriffen zu werden?«
»Ja, ungefähr eins zu irgendwelchen Millionen.«
»Genau.«
»Ihm wird nichts passieren«, beruhigte mich Fred. »Ich würde es allerdings nicht tun, zumindest nicht in der Dämmerung.«
Mein Dad suchte seine Ausrüstung zusammen, um ein paar Blocks weiter zum Strand zu fahren.
Während die Reifen seines alten Volvo Kombi Schotter auf die Smith Street schleuderten, fragte ich mich, was passieren würde, wenn Dad einem Weißen Hai begegnete, während er vor Cape Ann tauchte. Wegen des Planktons und des kalten grünen Wassers würde er an einem gewöhnlichen Tag wie heute nur etwa sechs Meter weit sehen können. Falls dann ein fünf Meter langer Weißer Hai in seinem Gesichtsfeld auftauchte, läge das Tier quasi bereits auf ihm. Und sollte der Hai aus irgendwelchen Gründen wieder aus seinem Blickfeld verschwinden, gäbe es keine Möglichkeit zu erkennen, wie nah er noch war. Außerdem wäre es für meinen Dad in dem trüben Wasser schwierig, die Position seiner Boje auszumachen, und Weiße Haie griffen ihre Beute von unten an. Ich musste diese Gedanken abschütteln.
Mit aufgewühltem Magen wandte ich mich an Fred. »Findest du das nicht komisch? Deinen Dad habe ich noch nie irgendwo nackt gesehen.«
»Ja, aber er wohnt auch schon lange nicht mehr hier«, sagte Fred.
»Glaubst du, ich sollte mich bei Mr. Patterson entschuldigen?«
»Nur, wenn du nackt gewesen wärst.«
»Wäre es so schwierig für meinen Dad, sich seinen Anzug im Haus anzuziehen? Oder eine Badehose drunter zu tragen?«
»Definitiv nicht.«
Ich zupfte an der Gummisohle meiner Schuhe. Fred suchte in seiner Tasche nach seinem Asthmaspray und nahm einen Zug.
»Alles okay?«, fragte ich und strich ihm über den Rücken.
»Oh Mist«, sagte er, noch während er einatmete. »Da ist meine Mom.« Er steckte sein Spray zurück in seine Hose und stand auf. »Ich ruf dich nachher an.«
Maggie Kelly winkte mir von der Vordertreppe des Hauses zu und ging dann in unsere Richtung. Sie war klein und zierlich, doch ihre Schritte donnerten wie die eines Rhinozeros. Obwohl sie alleinerziehend mit drei Kindern war, schaffte sie es immer noch, auch ein Auge auf mich zu werfen.
»Dein Gesicht ist rot, Freddy. Hast du dein Spray benutzt?«
»Ja, Mom«, antwortete er, dann wandte er sich mir zu. »Wir sehen uns später.«
»Tschüss«, sagte ich und lächelte ihn von unten an.
Die beiden liefen zu ihrem Haus auf der anderen Seite der schmalen Straße.
Nachdem Fred gegangen war, schaute ich einen Moment auf meine Turnschuhe, bevor ich in den Nachbargarten hinüberrief: »Hi, Mr. Patterson!«
»Hallo, Lucy.« Der alte Mann winkte wie der Papst. »Dein Vater hat ein behaartes Hinterteil.«
»Ja, hat er.«
»Das gucke ich mir nicht gerne an.«
»Nein, Sir.«
Dad verbrachte mehr Zeit unter Wasser als an Land. Tagsüber tauchte er für das Rettungsteam des Salem Police Department und half dabei, Leute zu retten, die im Wasser verunglückt waren. Nach der Arbeit machte er sich gerne zum Strand auf und fischte Hummer für unser Abendessen. Es gehörte zu seinem Job, auch außerhalb seiner Arbeitszeiten auf dem Polizeirevier Anrufe des Tauchteams zu erhalten und mit seinen Kollegen in Notfällen auszurücken. Diesen Sommer gab es mehr Anrufe als sonst. Menschen waren mit ihren Autos von Brücken gestürzt oder hatten in gefährlichen Gewässern gebadet. Ich mochte es nicht, wenn Dad unterwegs war. Jedes Mal, wenn er sich auf dem Grund irgendeines Hafenbeckens herumtrieb, fühlte sich das Haus leer an. Doch er war wie ein Hai, er musste schwimmen, um zu atmen.
An jenem Abend, so erfuhr ich später, war ein Mann mit seinem Laster im Hafen von Salem gelandet, und Dad wurde zur Unfallstelle gerufen, um zu helfen.
Auf der Anrichte in unserer Küche lag ein fast aufgetautes Hühnchen, das Dad womöglich zubereitet hätte, wenn er zu Hause geblieben wäre. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie man rohes Fleisch in ein Abendessen verwandelte, also setzte ich mich an den Küchentisch und beugte mich über ein Kochbuch. An den Rand einiger Rezepte hatte meine Mom Notizen gekritzelt. Es war komisch, ihre Handschrift zu sehen. Die Schrift war ein Teil von ihr und war immer noch da, obwohl Mom schon so lange fort war.
Nach fünfundzwanzig Minuten prüfen!, hatte sie an einer Stelle geschrieben. Durch Olivenöl ersetzen, an einer anderen.
Fünf Jahre war es her, dass meine Mutter gestorben war. Die meiste Zeit kamen Dad und ich ohne sie zurecht, auch wenn ich nach wie vor jeden Tag an sie dachte. Um Mom zu trauern, fühlte sich an, als würde ich im Kreis gehen: Ich kam immer wieder an dem Punkt an, wo ich sie vermisste. Manchmal war es ein Geburtstag, der einen neuen Kreislauf auslöste, oder ich fand etwas in einer Schublade, das ihr gehört hatte.
Um die Stille um mich herum zu füllen, las ich die Namen der Rezepte laut vor und sagte schließlich zu mir selbst: »Das hier klingt einfach: Hähnchen in Salzlake, mit einer Füllung aus Zitrone und Ingwer.«
Doch für das Rezept brauchte man vier Pfund Salz, wie ich feststellen musste. Vier Pfund. Ich fragte mich, wie ein Hühnchen, das in vier Pfund Salz gekocht wurde, genießbar sein sollte. Als ich dann auch noch las, das Huhn solle anschließend zwei Stunden in einem Wok brutzeln, klappte ich das Buch zu. Wir hatten keinen Wok. Und auch keine vier Pfund Salz.
Ich öffnete den Kühlschrank. Die Mischung aus altem Essen und Leere ließ ein Gefühl der Einsamkeit in mir aufsteigen. Ich zog den Mülleimer unter der Spüle hervor und begann auszumisten: ein Salatkopf, braun angelaufen und matschig; zwei Wochen altes Mu-Shu-Schweinefleisch, das noch täuschend appetitlich aussah; Pfirsiche, verschrumpelt wie Mumien; außerdem eine halb volle Auflaufform mit Lasagne, die vom letzten Wochenende übrig geblieben war. Ich stellte mir stetig anwachsende Bakterienkolonien darin vor, also nahm ich ein Messer, um den Inhalt aus der Form zu lösen und alles zu entsorgen. Schon bald war der Mülleimer bis zum Rand gefüllt.
Mit einem feuchten Lappen wischte ich über die Bretter im Kühlschrank und stellte fest, dass wir nun endgültig mit leeren Händen dastanden. Eine halbe Packung Milch, ein Krug Brause, Zwiebeln und ein paar Gläser Eingemachtes – mehr hatte ich nicht retten können. Ich goss mir etwas von der Orangenbrause ein, schnappte mir eine Handvoll alter Salzbrezeln aus der Vorratskammer und ging ins Wohnzimmer. Ich muss unbedingt kochen lernen, dachte ich.
Durch das offene Fenster konnte ich die Blätter im Wind rascheln hören. Darunter mischte sich das Knistern zweier Radios, die Mr. Patterson auf seiner Terrasse aufgestellt hatte: Im einen lief das Red-Sox-Spiel, im anderen der Polizeifunk. Diese Geräuschkulisse war für mich merkwürdig und zugleich vertraut. Ich lauschte der Stimme des Sportreporters und dem Krachen des Baseballschlägers, das regelmäßig von vereinzelten Pupsgeräuschen und geheimnisvollen Nachrichten aus dem Polizeifunk unterbrochen wurde. Vom Tauchteam hörte ich nichts.
Schließlich ging ich zum Fernseher, schaltete ihn ein und zappte mich auf der Suche nach dem Sox-Spiel durch die Programme. Als ich auf Kanal 7 landete, stockte mir plötzlich der Atem: Ich erkannte Sookie, der mit seiner verspiegelten Sonnenbrille auf der Nase am Dock stand und in das Mikrofon einer Reporterin sprach. Noch nie hatte ich Leute, die ich persönlich kannte, im Fernsehen gesehen.
Ich hob den Telefonhörer ab. »Schalt mal auf Kanal 7, Sookie ist im Fernsehen.«
»Okay«, sagte Fred.
Im Hintergrund des Bildes konnte ich den Steg und den Hafen erkennen.
»Ich glaub’s nicht, das ist der T-Wharf!«, rief ich.
»Warte, ich hab’s gleich.«
Die Fernsehkamera schwenkte hinüber zum Körper des toten Hais, der in einiger Entfernung unförmig von der Seilwinde herabbaumelte. Ich hörte, wie die Reporterin Sookie fragte, ob er in seiner Zeit als Fischer schon einmal einen Weißen Hai vor der Küste gesehen habe. »Nein, nur im Kino«, antwortete er.
»Da sind wir!«, rief Fred. »Da drüben bei den Mülltonnen!«
Mich selbst im Fernsehen zu sehen, gefiel mir gar nicht, vor allem, weil ich neben Fred wie eine Riesin wirkte.
Die Kamera schwenkte wieder zurück zu der Reporterin, während sie eine kurze Einführung in die Geschichte der Weißen Haie im Nordatlantik gab. Ich konnte Fred laut in den Telefonhörer atmen hören, so, wie er es immer tat, wenn er sich über etwas aufregte.
»Das ist doch falsch!«, rief er. »Weiße Haie können sehr wohl in subarktischen Gewässern schwimmen!«
In diesem Augenblick wurde ein neues Bild eingeblendet, ein Ausschnitt aus altem Filmmaterial.
Und dann war meine Mom da. Sie sprach in die Kamera, während sie auf einem Boot saß und ihr die Haare ums Gesicht wehten. Sie lächelte und hatte genauso viele Sommersprossen wie ich.
»Lucy, da ist deine Mutter«, flüsterte Fred ungläubig.
»Ich weiß.«
Irgendwo hinter der Kamera stellte ein Reporter Mom eine Frage.
»Ob ich Angst habe, mit den Haien im Meer zu schwimmen?« Sie grinste. »Nein. Man muss sich lediglich darüber im Klaren sein, dass man sich in ihrem Zuhause aufhält. Man muss sich wie ein Gast benehmen.«
»Da hat sie recht«, warf Fred ein.
»Was sollten die Menschen Ihrer Meinung nach über Haie wissen?«, fragte der Reporter weiter.
Meine Mutter schaute einen Moment lang in den Himmel. »Vielleicht, dass es noch so viele Dinge gibt, die wir nicht über sie wissen. Zum Beispiel, wohin sie ziehen oder wie viele es sind. Wir fürchten uns vor dem, was wir nicht kennen. Wenn wir mehr über Haie wüssten, könnten wir vermutlich auch mehr tun, um ihr Überleben zu sichern.«
Das Boot schaukelte auf und ab, und meine Mutter lächelte in die Kamera. Es kam mir vor, als galt ihr Lächeln mir ganz allein. Ich schaute ihr direkt in die Augen, und unsere Blicke hielten einander fest. Die feinen Lachfältchen in ihrem Gesicht vertieften sich. Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken. Plötzlich glitt mir das Telefon aus der Hand und landete auf dem Boden. Trotzdem konnte ich mich noch immer nicht von Moms Anblick lösen.
Meine Mutter gab einen leisen Seufzer von sich, und dann endete der Filmausschnitt abrupt. Wir befanden uns wieder mit Sookie und der Reporterin am T-Wharf. Es dauerte einen Moment, bis mir einfiel, dass ich ja mit Fred telefoniert hatte. Ich wischte mir über das Gesicht, bückte mich und hob den Hörer auf.
»Lucy?«
»Fred, was war das?«, fragte ich schniefend.
»Das war ein Ausschnitt aus einem Interview mit deiner Mom.«
»Ja, aber wo kam der her?«
»Keine Ahnung, frag deinen Dad.«
»Er ist nicht da.«
»Alles okay mit dir?«
»Nicht wirklich.«
»Möchtest du, dass ich rüberkomme?« Fred klang besorgt.
»Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Ich ruf dich zurück.«
Der Kreislauf hatte wieder von vorn begonnen.
Ich legte den Hörer auf und schaltete den Fernseher aus. Meine Kopfhaut knisterte wie der schwarz gewordene Bildschirm. Ich fühlte mich ruhelos wie der Wind, der draußen durch die Blätter der Bäume fegte. Meine Mutter im Fernsehen zu sehen, war mir vorgekommen wie ein Traum, in dem wir beide noch immer beisammen waren. Und ich wollte, dass dieser Traum andauerte. Ich fragte mich, wo das Interview herkam und ob es womöglich noch mehr Videomaterial gab. Außerdem wünschte ich mir, mich an jedes einzelne Wort von Mom erinnern zu können.
Mein Blick fiel auf ein Foto, das auf dem Bücherregal stand. Ich nahm es in die Hand und drückte es an mich. Vermutlich war es kurz vor der Sezierung eines toten Hais aufgenommen worden. Mom trug einen weißen Ganzkörperanzug, der sie aussehen ließ wie eine Malerin, und auf ihrem Kopf leuchtete eine Stirnlampe wie ein Stern. Sie kniete in der Dunkelheit neben einem riesigen Hai, den der Ozean an den Strand gespült hatte. Seine Zähne strahlten ebenso hell wie Moms Kopflampe.
Das Gesicht meiner Mutter war nur einen knappen Meter von den geöffneten Kiefern des Hais entfernt, doch sie wirkte so entspannt, als posierte sie für ein Familienfoto mit Dad und mir. Natürlich war mir klar, dass sie keine Angst zu haben brauchte, denn das Tier war tot und würde nicht plötzlich seinen Kopf heben, um sie in Stücke zu reißen. Mom war in Sicherheit und konnte in Ruhe wissenschaftliche Daten sammeln. Doch das Besondere an meiner Mutter war, dass sie auch in der Nähe eines lebendigen Hais gelassen geblieben wäre.
Als ich mir das Foto näher anschaute, bemerkte ich, dass in Moms Brusttasche etwas Glänzendes steckte. Vielleicht ein silberner Stift, der mithilfe eines Bügels festgeklemmt war. Ob es sich um einen Tintenroller oder Kugelschreiber handelte? Mit Tintenrollern ließ sich besser zeichnen, weil sie weicher waren. Wie sie den Stift wohl benutzt hatte, während ihre Hände in Fischgedärmen steckten? Hatte sie während der Sezierung etwas geschrieben oder gezeichnet? Sie war keine große Künstlerin gewesen. Ich hingegen schon.
Ich nahm den Telefonhörer wieder ab und wählte Freds Nummer.
»Fred«, begann ich, »lass uns am Naturführer arbeiten.«
»Okay.«
»Ich möchte den Hai zeichnen«, fügte ich hinzu.
»Am Kai?«
»Ja.«
»Wir treffen uns draußen«, sagte er.
Ich lief über den knarzenden Holzboden, um aus dem Fenster zu schauen. Im Licht der Straßenlaterne stellten sich die Blätter in Windrichtung auf, so als ob es bald anfangen würde zu regnen. Mr. Patterson saß noch immer auf seiner Terrasse und lauschte den beiden Radios.
In der Küche suchte ich die Anrichte nach meinem Schlüssel ab, dann stopfte ich ihn zusammen mit meinem Zeichenblock in den Rucksack, verließ das Haus und ging über die Straße.
»Irgendwas Neues über den Hai?«, rief ich Mr. Patterson zu.
»Die Polizei hat ein Auge auf ihn«, antwortete er.
»Warum denn?«, wollte ich wissen.
»Wer weiß. So ein schauriger Anblick bringt die Leute vielleicht auf dumme Gedanken.«
»Gibt es Neuigkeiten von Dad?«
Mr. Patterson schüttelte den Kopf und deutete auf eins der Radios. »Sie sind immer noch im Hafen.«
Schon sah ich Fred aus der Haustür treten.
»Fred!«, rief ich. »Hier bin ich!«
Er wandte sich um und schlug unsere Richtung ein.
»Der Hai ist noch da«, berichtete ich ihm, während ich am Reißverschluss meines Rucksacks zupfte.
Fred hob die Augenbrauen.
»Lass uns fahren«, sagte ich.
Wir schwangen uns auf die Räder und brausten die dunkle, windige Beach Street hinunter, dann ließen wir den Front Beach und den alten Friedhof hinter uns. Abends hörte man die Wellen oft härter aufschlagen, und heute brachen sie besonders laut. Auf den Balkonen des alten Motels saßen keine Gäste. Wir bogen auf die Main Street ab, strampelten am Buchladen vorbei und rollten bergab. Es war kühler geworden, und ich bereute es, keinen Pullover mitgenommen zu haben.
»Es wird bestimmt gleich regnen«, stellte Fred fest.
»Ich beeil mich mit dem Zeichnen«, versicherte ich ihm.
Als wir uns dem Kai näherten, wirbelten unsere Reifen Kieselsteine auf, die gegen meine Schienbeine prallten. Und dann tauchte der Hai in meinem Blickfeld auf, gefesselt wie ein Entführungsopfer. Kaum einen Steinwurf entfernt von ihm stand ein Streifenwagen des Rockport Police Departments. Ich bremste neben der Fahrerseite des Autos und warf durch das Fenster einen Blick hinein.
»Officer Parrelli!«, rief ich.
Der Polizist las mithilfe einer Taschenlampe Zeitung. »Lucy, was machst du denn hier? Es ist doch schon spät«, sagte er. »Hi, Fred.«
»Ist es okay, wenn wir uns kurz den Hai anschauen?«, fragte ich.
»Nur zu. Danach fahre ich euch beide aber nach Hause, ein Sturm zieht auf.«
Fred und ich ließen unsere Fahrräder auf den Kies fallen und gingen hinüber zum Hai. In der Luft lag ein überwältigend starker Fischgeruch, so als hätte jemand tausend Thunfischdosen auf einmal geöffnet. Im Wasser unterhalb seines Mauls hatte sich ein großer Fleck aus Blut, Schleim und anderen geheimnisvollen Haiflüssigkeiten gebildet. Flutlichter am Dock strahlten den Kadaver an. Ich hob meinen Blick und schaute dem Tier direkt ins Gesicht – falls man es bei einem Hai überhaupt so nannte.
Ein paar seiner Zähne ragten krumm und schief heraus. Der Winkel seines Mauls und seine großen dunklen Augen verliehen ihm etwas Menschliches, so als würde er jeden Moment ein Gespräch beginnen: Was dagegen, wenn ich deinen Dad verspeise?
Der Rest des Körpers wirkte aber alles andere als menschlich. Das Tier war riesig, hatte einen kräftigen Schwanz und breite Flossen. Ich wusste, dass es unter Wasser atmen konnte, war mir aber nicht sicher, ob es richtige Knochen besaß.
Je länger ich in das eine Auge des Hais starrte, desto mehr erschien es mir, als wäre es eher blau als schwarz. Die Schnauze war mit Narben übersät, von denen eine besonders hervorstach. Sie hatte die Form des Buchstabens M, verziert wie bei einer schnörkeligen Schrift.
Fred deutete auf ein fehlendes Stück Rückenflosse. »Was ist da passiert?«
»Ich weiß nicht«, antwortete ich, während ich meinen Rucksack von den Schultern zog. »Vielleicht ein Kampf?« Ich öffnete den Reißverschluss und nahm Bleistift und Zeichenblock heraus.
»Unheimlich, nicht wahr?«, rief uns Officer Parrelli durch das geöffnete Wagenfenster zu.
»Jap!«, stimmte ich zu. »Hat Sookie sich schon entschieden, was er mit dem Hai machen will?«
»Er wird ihn morgen runterholen und entsorgen, glaube ich. Heute Abend ist er unterwegs und feiert.«
»Und Sie bewachen den Hai bis dahin?«, fragte Fred.
»Ja, die Chefin macht sich Sorgen, dass sonst jemand etwas mit ihm anstellen könnte. Und Sookie hat mir eine ganze Kühltruhe voll Hummer versprochen, wenn ich über Nacht hier sitze. Können wir jetzt fahren?«
»Nein«, sagte ich. »Ich brauche noch ein paar Minuten.«
Fred ging vor mir in die Hocke, und ich lehnte den Zeichenblock gegen seinen Rücken.
Dann skizzierte ich mit einer einzigen Linie den merkwürdigen Bogen, den der Haikörper beschrieb. Seine Form erinnerte mich an eine große Nase. Anschließend fügte ich die Haltegurte hinzu und zeichnete die Seile, mit denen das Tier an der Winde befestigt war. Ich gab mir Mühe, alle Details so genau wie möglich abzuzeichnen, um später nachzuvollziehen, wie dieser große Hai mitten in der Luft hängen konnte.
»Was macht Lucy da?«, wollte Officer Parrelli von Fred wissen.
»Sie zeichnet den Hai!«, rief er über seine Schulter.
»Warum?«
»Weil sie Künstlerin ist.«
Ich lächelte, während ich die fleischigen Wülste neben den Gurten auf das Papier brachte, dann fügte ich noch die Flossen und Zähne hinzu. Freds Knie fingen bereits an zu zittern, deshalb musste ich meine Zeichnung vereinfachen.
»Nur noch eine Minute«, vertröstete ich ihn.
»Okay.«
Als ich fertig war, warf ich einen Blick auf mein Werk. Der Hai sah ein wenig wie eine Cartoon-Figur aus, doch den grundlegenden Aufbau hatte ich erfasst. Die Einzelheiten konnte ich später noch ergänzen. Auf einmal fiel mir unser Naturführer ein. Fred und ich hatten vereinbart, von jedem Tier nur eine Zeichnung anzufertigen, und ich fragte mich, ob sich ein toter Hai überhaupt als Motiv eignete. Alle anderen Tiere, die ich bisher gezeichnet hatte, waren lebendig gewesen.
Ich tippte Fred auf den Kopf, um ihm zu signalisieren, dass ich fertig war.
»Danke«, sagte ich.
»Kein Problem.« Er drehte sich um, damit er einen Blick auf die Zeichnung werfen konnte. »Gut getroffen.«
Ich ging näher an den Hai heran und konzentrierte mich auf die Form seiner gezackten Zähne. Schnell legte ich den Zeichenblock auf meinen linken Unterarm und skizzierte die Umrisse der messerscharfen Spitzen. Schon schlug der erste Regentropfen aufs Papier. Ich verpasste meiner Zeichnung den letzten Schliff.
»Ins Auto mit euch, Kinder!«, rief Officer Parrelli, als der Regen heftiger wurde, und entriegelte den Kofferraum des Streifenwagens.
Ich zog meinen Rucksack genau in dem Augenblick zu, als ein richtiger Wolkenbruch einsetzte.
»Da würden locker vier Leichen reinpassen«, stellte ich fest, als Officer Parrelli mein Fahrrad in den Kofferraum hob.
Er schaute mich entgeistert an.
»Das war ein Scherz«, erklärte ich.
Als wir losfuhren, blickte ich dem Hai aus dem Fenster nach. Die dicken Regentropfen hämmerten gegen seine Schnauze, und der trübe Fleck unter seinem Maul wurde immer größer.