Herbert Rosendorfer
Der Meister
Roman
Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann
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Die Bücher der Edition Elke Heidenreich erscheinen
im C. Bertelsmann Verlag, einem Unternehmen
der Penguin Random House Verlagsgruppe.
© der Originalausgabe 2011 by Edition
Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-06348-1
V002
www.edition-elke-heidenreich.de
Dem Andenken
meines alten Freundes
Cornelius Eberhardt
(1932–2011)
gewidmet
»Trümmer von Sternen:
aus diesen Trümmern
bilde ich meine Welt.«
FRIEDRICH NIETZSCHE
ICH HATTE CARLONE dort kennengelernt, wo ich eigentlich nichts zu suchen hatte: im Musikwissenschaftlichen Institut. Ich will nicht erwähnen – wie nennt man das, wenn ich es doch erwähne? nein, nicht Oxymoron, das ist etwas anderes: Paralypse, glaube ich –, daß es das Kolleg über die sogenannte Freiwillige Gerichtsbarkeit war, in dem ich eigentlich etwas zu suchen gehabt hätte. Dies ein Oxymoron, vielleicht: Freiwillige Gerichtsbarkeit. Wer geht schon freiwillig zum Beispiel zum Vormundschaftsgericht. Oder zum Nachlaßgericht, es sei denn, der reiche Onkel ist gestorben, was selten vorkommt. Meist stirbt der arme Onkel, und die Kosten für den Kranz fressen die Ersparnisse auf. Oder er, der reiche Onkel, vermacht hinterhältig – er hatte einen, auch nur als Beispiel, gutgehenden Kran-Verleih – das Vermögen seiner Gaby, von der er die ganze Familie vorher wohlweislich nie etwas hatte hören lassen. Und der Nachlaßrichter, zu dem man unfreiwillig hingeht, erklärt einem dann, daß zwar gegenüber Vater und Mutter ein Pflichtteils-Anspruch besteht, nicht aber gegen einen verblichenen Onkel.
»Viel versäumt hast du nicht«, sagte später der Kollege Wolfhaupt, der brav im Kolleg war, »der Professor hat langatmig über Gesetzliche Erbfolge und den Pflichtteils-Anspruch geredet, und was da der Unterschied ist. Kannst es in seinem Buch nachlesen.«
Dagegen hätte ich im Proseminar über Gustav Mahler sehr wohl etwas versäumt.
Das alles ist über fünfzig Jahre her.
*
»Und hier! und hier (x)! haben die Klarinetten statt auf Eins schon auf dem letzten Achtel des vorangegangenen Taktes eingesetzt. Leichtfertig!« schrie der Meister dem davoneilenden Pultgiganten nach.
»Wem das Glück lacht, der kann auch im Stehen scheuzzen«, pflegte mein Großvater zu sagen, worauf er stets eine Rüge seitens der Großmutter bekam.
Dem Meister lachte das Glück. »Soll ich wirklich hingehen in das Hotel zu dem Dr. Dorpat?«
»Logo.«
»Aber wenn er das gar nicht ernst gemeint hat?«
»Dann ist er selber schuld.«
»Meinst du wirklich?«
»Und er hat es ernst gemeint, sage ich dir, sonst hätte er uns nicht die ganze Zeche bezahlt.«
»Ich weiß nicht recht …«
»Geh hin!«
Der Meister ging hin. Dr. Dorpat lud ihn abends zum Essen ins beste (und teuerste) Restaurant der Stadt ein, überschüttete ihn nicht nur mit Budweiser, sondern auch mit Champagner – in Maßen, aber großzügig. »Freilich«, sagte der Meister später, »hatte ich zunächst gewisse Befürchtungen. Du verstehst. Daß er gewisse andere Interessen an mir hätte.«
»Du meinst?«
»Ja. Aber keine Rede davon. Das merkt man. So elegant höflich, wie er ist, sind zwar heute fast nur noch Homosexuelle. Aber – nein. Ich glaube eher, der Herr Dr. Dorpat ist ein großer Damenfreund. Wie er – dezent, aber mit deutlicher Kennerschaft – der Bedienung ins Decolleté gelugt hat …«
Zurückhaltend zwar, aber mit freundlichem Interesse fragte Dr. Dorpat den Meister nach seinen Lebensumständen, vor allem nach seinem Studium, ließ mit keiner Miene erkennen, daß er merkte, der junge Mann da ist ein armer Schlucker und auf dem besten Weg, ein ewiger Student zu werden. Seinerseits berichtete er mit sympathischer Bescheidenheit, ja, wohl sogar Untertreibung, daß er Geschäftsmann gewesen sei, Unternehmer, »von einem gewissen Erfolg beglückt«, das Familienunternehmen, das zum Teil in Österreich, zum Teil in den USA angesiedelt sei, seinem Sohn übergeben habe und sich nun seinem Steckenpferd widme, der Musik. Nicht nur der Musik, auch der Wissenschaft von der Musik. Er wolle da wirklich eindringen.
»Und«, er lachte, »es mir im übrigen gutgehen lassen. Noch ein Gläschen, mein junger Freund?«
Er sei dabei, rückte er dann heraus, ein Buch über Jean Sibelius zu schreiben.
Der Meister zuckte zusammen. Adorno lebte damals noch. Das sagt wohl alles. Sibelius wurde in der Musikwissenschaft so wenig erwähnt wie der Teufel im Credo.
»Eben«, sagte Dr. Dorpat, »eben drum. Wenn ihn Adorno nicht mag, spricht das schon einmal für Sibelius. Ist Ihnen nie der Verdacht gekommen, daß Sibelius moderner sein könnte als Schönberg?«
»Ehrlich gesagt, nein.«
»Und eben dem möchte ich in meinem Buch nachgehen. Aber ich brauche Hilfe. Ich bin kein Musikwissenschaftler. Mir fehlt das Handwerkszeug. Also, Sie verstehen, Notenlesen kann ich schon, aber die feinere, die tiefere Terminologie und so fort. Wollen Sie mir helfen? Sie sollen es nicht umsonst tun und auch nicht im geheimen. Ihre Mitarbeit soll auf dem Titelblatt festgehalten werden.«
Der Meister dachte an seine einzelne Herdplatte in der Dachkammer und an seinen Plattenspieler mit den Läppchen und schluckte.
»Sie brauchen jetzt nichts zu sagen. Ich verstehe, wenn Sie sich’s überlegen wollen. Sehen wir uns morgen? Ich habe zwei Karten für die Oper. Sie müssen wissen, daß ich hier meine Tochter getroffen habe, sie ist in London verheiratet, für sie war die zweite Karte gedacht, aber – nein, Sie brauchen sich nichts zu denken, Barbara macht sich gar nichts aus Oper, leider. Sie ist eher froh, wenn sie ihren alten Tattergreis von Vater nicht begleiten muß.«
Das war jetzt stark unter- oder übertrieben, je nachdem, wie man es sah: Der »Tattergreis« war groß, straff, sichtlich rüstig, daß er ein wenig hinkte, fiel kaum auf.
Ganz berauscht – auch vom Champagner – ließ sich der Meister heimfahren. Ja: heimfahren. Dr. Dorpat hatte ein Taxi kommen lassen und die Fahrt im voraus bezahlt. Und am nächsten Tag also ging der Meister mit Dr. Dorpat in die Oper, mußte nicht um Studentenkarten anstehen, ging peinlich berührt, hatte ich das Gefühl, unangenehm wegen des Glücksumstandes, der ihn ereilt hatte, an uns Wartenden vorbei. Danach wieder ein Abendessen in einem anderen teuren Lokal, wobei der Meister die Tochter kennenlernte: »Sehr gepflegt, aber mir wäre sie zu lang und zu dünn.«
Ja, und dann sagte der Meister zu.
»Es wäre doch der reinste Schwachsinn, Mensch, dieses Angebot nicht anzunehmen.«
»Aber Sibelius?«
»Unter den Umständen wäre mir Ludwig Gruber recht und ›Mei Muatterl war a Weanerin‹ Opus 1000.«
*
Des Fisches G. (= Goblitz) Fas(s) – Bad
Zu der Erklärung, was ein »Faß-Bad« sei, ließ sich der Meister nicht herab. Es sei schwer genug gewesen, die Tonfolge zu erfinden. Sie zu interpretieren sei zuviel verlangt.
Der Meister improvisierte eine vierstimmige Fuge auf dem Cembalo über dieses mehr als sperrige Thema, das dann so lautete:
Es trat der seltene Fall ein, daß dem Professor Goblitz ein Lächeln entglitt.
Und alles andere über des Meisters mehr als erstaunliches Schicksal erfuhr ich erst Jahre später bei jenem Abendessen mit Carlone in Venedig in der Madonna.
Die Frage der Nachspeise trat an uns heran. Carlone überlegte allerdings, ob er sich nicht eine dritte orata »zulegen« solle. Er war der alte geblieben: Er konnte immer schon unbegrenzt essen. »Nicht aus Freßgier«, pflegte er zu sagen, »nicht eigentlich auch, weil es mir schmeckt, nein, ich habe die immerwährende Angst zu verhungern.«
Zu verdursten auch, nebenbei.
*
Die Tiefe der Jahre: fünfzig. Ein halbes Jahrhundert. Kaum weniger als, zum Beispiel, Beethoven gelebt hat. Was ist da alles passiert in den fünfzig Jahren?
»Können Sie sich noch an die Mondlandung erinnern?«
»Ach ja.«
»Können Sie sich noch an den Marxismus – Leninismus erinnern?«
»Ach ja.«
Vor fünfzig Jahren – da hat, auch zum Beispiel, Strawinsky noch gelebt. Jetzt ist er schon zum Klassiker geronnen.
Aber ich habe Carlone sofort wiedererkannt.
»Am starken Hüftumfang erkennt man den ehemaligen Sportler«, sagte er.
(Auch schon damals! Hat nie einen Tennisschläger oder einen Skistock angefaßt. Der Glückliche.)
Der Hüftumfang war ein bißchen »stärker« geworden, aber sonst: »Reifer«, sagte er. »Schöner«, sagte ich.
»Und was machst du in Venedig?« fragte ich.
»Nichts«, sagte er, »auf und ab gehen. Und was machst du in Venedig?«
»Nichts«, sagte ich, »auf und ab gehen.«
Und wir redeten von den alten Zeiten. Es war nicht so, daß wir einander in den fünfzig Jahren ganz aus den Augen verloren hatten. Ab und zu kreuzten sich unsere Wege. Später, wie es so kommt, meist bei Beerdigungen. Zum Beispiel bei der Beerdigung des alten Goblitz. Er war Carlones Doktorvater gewesen, dann für kurze Zeit sein Chef als Assistent am Musikwissenschaftlichen Institut. Ich war hingegangen, weil von meiner Fakultät keiner sonst Zeit hatte: »Und einer muß hingehen, Goblitz war Ehrensenator oder so irgendwas, und Sie haben ihn doch gekannt?«
»Ich ihn schon, ob er mich – ich weiß nicht.«
»Immerhin.«
Goblitz war dafür berüchtigt, daß er als Musikwissenschaftler peinlich vermied, Musik zu hören. Professor Julius Goblitz, zu seiner Zeit der Nestor der Musikologie. Keinem Ton öffnete er sein Ohr. Bei seiner Beerdigung allerdings sang dann ein Chor, und ein Organist spielte die Orgel.
»Warum klingt Orgel eigentlich immer irgendwie falsch?« flüsterte mir damals Carlone zu. Er saß bei der Trauerfeier neben mir.
»Das war doch eine seiner Begründungen dafür, warum er nie Musik hörte!«
Er wisse sehr gut, betonte Goblitz oft, warum er vermeide, Musik zu hören. Er lese Musik. Zum Beispiel: Orgel. Eben. Klingt immer falsch, es hallt nach, und die Töne purzeln ineinander, schauderhaft. Orgelwerke könne man nur lesen. Wolle man Orgelwerke rein hören, nehme man die Noten, setze sich hin …
… aber auch alles andere. Klaviere seien grundsätzlich verstimmt. Klavierstimmer seien die Menschen mit dem schlechtesten Gehör der Welt, so Goblitz. Entweder zerrten sie von der dreigestrichenen Oktave an alles nach oben oder quetschten es zusammen. Jedenfalls: grauenvoll.
»Und was sie mit den Baßtönen machen! Gehen Sie mir! Gehen Sie mir!«
Und erst die Orchester. Sauber spielende Hornisten gebe es nur in der Theorie. Und die Geiger. Er habe zu der Zeit, als er noch ab und zu Musik gehört habe, einmal nachgezählt und festgestellt, daß bei einem berühmten! ganz berühmten!! sogenannten Weltklasseorchester die ersten Geigen drei verschiedene Striche gehabt hätten. Wo eigentlich nur zwei möglich seien. »Man sieht also! Respektive hört. Besser: hört nicht.«
Und erst die Sänger. Diese Vierteltontenöre, die exakt einen Viertelton zu hoch sängen, damit sie »strahlen«. Nein, nein, Musik könne man nur lesen.
Überhaupt: die Kunst der Fuge. Kein Mensch wisse, für welches Instrument Bach das geschrieben habe. Es passe hinten und vorne nicht, nicht für Orgel, nicht für Klavier, nicht für Streichquartett …
»Eben. Bach hat die Kunst der Fuge fürs Lesen geschrieben.«
Nicht nur ich hatte den Verdacht, daß die ganze Argumentation nur Ausrede war. In Wirklichkeit langweilte ihn die Musik, also diejenige, mit der sich Musikwissenschaft befaßt. Ein anderer im Seminar, der sogenannte »Göttliche Giselher«, mußte einmal mit einem irgendwie hochwichtigen Dokument, das vom Rektorat gekommen war und das der Institutschef jetzt und sofort unterschreiben mußte, rasch in Goblitz’ Wohnung. Mit dem Fahrrad, schnell. Goblitz mochte das nicht, lud nie zu sich ein. War je einer seiner Studenten oder Assistenten in Goblitz’ Privatsphäre eingedrungen? Nein. Der Göttliche Giselher läutete. So schnell konnte Goblitz den Plattenspieler nicht abstellen: die Comedian Harmonists: »Mein kleiner grüner Kaktus …«
Goblitz behauptete später, das sei die Putzfrau gewesen. Die habe die Platte aufgelegt.
»Warum aber«, fragte man sich hinter vorgehaltener Hand, »hat der Alte dann einen Plattenspieler? Wenn er Musik nur liest? Nur für die Putzfrau?«
»Was macht eigentlich der Göttliche Giselher, lebt er noch?« fragte ich in der Madonna. »Und die schöne Helene Romberg?«
*
Da gehe ich heute in Venedig in ein Restaurant in der Nähe der Rialtobrücke, es heißt La Madonna, und treffe wen? Man muß wissen, daß dieses Restaurant, die Trattoria La Madonna, eine Ausnahme von der Regel bildet, daß man unter keinen Umständen in der Nähe des Rialto oder des Markusplatzes seinen Fuß essenshalber über die Schwelle eines gastronomischen Etablissements setzen darf, wenn man nicht der gängigen Auslegung des Preis-Leistungs-Verhältnisses venezianischer Touristenausnehmer zum Opfer fallen will. Aber die Madonna in der gleichnamigen Calle (diese aber seltsamerweise ohne zweites n: Madona) befindet sich nicht in ganz unmittelbarer Nähe des Rialto, sondern etwas versteckt in der genannten Gasse, die zudem auch am Tag finster ist und, wie gesagt, überhaupt eine Ausnahme, die sich schon dadurch manifestiert, daß dort Einheimische verkehren. Es gibt Einheimische in Venedig, also sogenannte Venezianer. Wenige, aber es gibt sie. Sie wohnen zwar zumeist in Mestre, aber ein paar … ja, und die gehen in die Madonna.
Oft habe ich das Gefühl: alle.
Das bringt mit sich, daß in dem an sich eher geräumigen Lokal die Tische auf Tuchfühlung aneinandergerückt stehen, daß man kaum an den anderen Essern vorbei zu dem vom Kellner zugewiesenen Tisch gelangt und daß man möglichst keinen zu langen Fisch bestellen sollte, weil dessen Schwanz oder Kopf sonst dem Nachbarn in die Spaghetti ragt.
Und laut. Tosender Lärm. Bestellungen werden gebrüllt, es wird nach il conto, nach Öl, Salz, einer neuen Serviette, einer Gabel, um Hilfe gerufen. Die vielen Kellner – tadellos in Weiß/Schwarz, versteht sich – wuseln … (Ein beliebtes Spiel unter Venezianern: Wie viele Kellner bedienen in der Madonna? Nicht zu zählen, verschiebt sich ständig. Es ist so etwas wie die Heisenbergsche Unschärferelation.)
Alles in allem: Nie ein Platz frei, wenn man unangekündigt kommt. Es sei denn, man hat Glück. Ich hatte Glück: Ein einziger Platz an einem Zweiertisch war frei. Der Kellner fuchtelte wegweisend in die Richtung. Und wer saß schon an dem Tisch? Carlone.
*