2. Kapitel
Jane war in einen tiefen Schlaf gefallen. Sie träumte von vergangenen Ereignissen, die bereits über sechs Jahre her waren, sie aber noch immer nicht losließen. Sie fragte sich oft, ob sie jemals Frieden finden würde.
Eines kühlen Tages im Spätherbst des Jahres 1795 hatte Jane ihrer Freundin Anne Lefroy, die nicht weit entfernt von ihrem Elternhaus wohnte, einen Besuch abgestattet. Sie hatte Anne ihren neuesten Entwurf von Elinor und Marianne mitgebracht und sah ihr nun gespannt dabei zu, wie ihre Gesichtszüge sich bei jedem Satz veränderten. Von fröhlich über bewegt bis hin zu entsetzt war beinahe alles dabei, und Jane war äußerst entzückt.
Anne Lefroy war schon seit einer ganzen Weile ihre selbsternannte Mentorin. Sie hatte als junge Frau selbst Gedichte veröffentlicht und war noch immer der Poesie verfallen. Doch auch Romanen wusste sie viel abzugewinnen, und sie freute sich stets auf neuen Lesestoff von Jane.
»Eines Tages wirst du es schaffen, liebste Jane, da bin ich mir ganz sicher«, sagte sie häufig.
Wie gern wollte Jane ihr glauben. Wie sehr wünschte sie sich, dass es stimmte. Dass sie wirklich eines Tages ihre Romane veröffentlichen und von der Feder leben könnte. Ihre Mutter hatte leider weit weniger Verständnis für ihre Träume als Anne. Nicht selten bezeichnete sie Janes größte Leidenschaft als Unsinn. Sie solle sich lieber nach einem geeigneten Ehemann umsehen, statt ihre Zeit mit dem Schreiben zu vergeuden, sagte sie. Wenn Jane Anne davon erzählte, lächelte diese nur gütig.
»Sie meint es gut, Jane. Nimm es ihr nicht übel. Sie wünscht sich nun mal so sehr, dass du und auch Cassandra einen netten Gentleman findet und glücklich werdet. So wie die Figuren in deinen Romanen.«
»Ach, um Cassie muss sie sich keine Sorgen machen. Sie hat doch ihren Tom. Und was mich angeht, glaube ich kaum, dass es Gentlemen wie die in meinen Romanen in Wirklichkeit gibt.«
Anne sah in die Ferne, dann erhellte sich ihr Gesicht. »Apropos Tom. Habe ich dir bereits von meinem Neffen Tom erzählt?«
»Ebenfalls ein Tom?«, fragte Jane. Nein, sie konnte sich nicht erinnern, dass ihre Freundin ihn schon einmal erwähnt hätte. »Ich denke nicht, liebste Anne.«
»Tom Lefroy. Er hat unlängst sein Studium in Dublin abgeschlossen und angekündigt, uns im Dezember auf seiner Reise nach London besuchen zu kommen.«
»Oh, da freust du dich sicher sehr.«
»Ich habe ihn zuletzt gesehen, als er noch ein Junge war.« Anne war deutlich älter als Jane, sie hätte ihre Mutter sein können. Natürlich waren ihre Ansichten von weitaus jugendlicherer Natur. »Ja, ich bin tatsächlich äußerst entzückt, ihn bald bei uns begrüßen zu dürfen. Noch viel entzückter werde ich jedoch sein, euch beide einander vorstellen zu können. Tom ist nämlich ebenfalls ein helles Köpfchen.«
Jane bemerkte ein kleines Funkeln in den Augen ihrer Freundin und fragte sich, was es zu bedeuten hatte. Anne hatte doch nicht etwa vor, sie mit ihrem Neffen zu verkuppeln, oder?
»Ich freue mich schon darauf, seine Bekanntschaft zu machen«, erwiderte sie aus Höflichkeit. Dann wurde der Tee gebracht.
Als Jane sich nach diesem wunderbaren Nachmittag auf den Weg nach Hause gemacht hatte, hatte sie über Annes Worte nachgedacht und sich gefragt, wer dieser Tom wohl war, den sie unbedingt kennenlernen sollte.
Jane wälzte sich im Schlaf. »Tom, Tom«, stieß sie immer wieder hervor, bis sie von ihren eigenen Worten erwachte. Sie setzte sich auf, befühlte ihre Stirn, die schweißnass war. Mit dem Ärmel ihres weißen Nachtgewands wischte sie sich übers Gesicht. Der Mond stand groß und rund vor dem Fenster am Himmel. Sie sah hinüber zu Cassie, die tief und fest schlief. Gerne wäre Jane jetzt aufgestanden und hätte sich ein Glas Wasser geholt, doch sie wollte auch so schnell wie möglich wieder zurück ins Jahr 1795, und so legte sie sich nieder und schloss die Augen. Sogleich war sie wieder daheim.
Der Herbst war vergangen, und ein kalter Winter war über Steventon gekommen. Jane wartete geduldig auf die Ankunft von Tom Lefroy. Sie war gerade zwanzig, als die beiden sich zum ersten Mal begegneten. Es war Mitte Dezember auf Ashe, dem Anwesen der Lefroys. Jane und Anne gingen im Garten spazieren – trotz der Kälte. Doch beide waren der Ansicht, dass es nie zu kalt sein konnte, um frische Luft zu genießen. Annes Söhne spielten im Haus, und Lucy saß am Fenster im Salon und zeichnete.
Plötzlich kam die Fünfzehnjährige herangeeilt, denn sie hatte etwas gesehen. »Mutter, eine Kutsche!«, rief sie und deutete auf den Weg.
»Lucy! Wie kannst du nur so gedankenlos sein, bei dieser Kälte ohne Mantel aus dem Haus zu laufen? Du wirst dir noch eine Lungenentzündung holen«, schalt Anne ihr ältestes Kind und einzige überlebende Tochter.
Lucy war anzusehen, dass sie kurz darüber nachdachte zu rebellieren, doch als die Kutsche sich stetig näherte, rannte sie ohne Widerworte zurück ins Haus und holte ihren Mantel. Dann lief sie auf die Kutsche zu, die in der Einfahrt hielt.
Anne und Jane blieben stehen und beobachteten das Geschehen. Als Anne erkannte, wer aus der Kutsche stieg, ging sie ebenfalls schnellen Schrittes auf ihren Gast zu und streckte die Arme zum Zeichen des Willkommens aus.
»Tom! Welch eine Freude!«, stieß sie überschwänglich hervor.
»Tante!« Besagter Tom, in Janes Alter, stattlich und gut aussehend, jedoch sichtlich arrogant, das konnte Jane sogar aus der Entfernung erkennen, ging auf Anne zu und ließ sich in die Arme nehmen.
»Wie schön, dass du dein Versprechen hältst und deine alte Tante besuchen kommst.«
»Du bist doch nicht alt, Tante«, widersprach er sofort, was immerhin von einem gewissen Taktgefühl zeugte.
»Darf ich dir meine Tochter Lucy vorstellen? Du hast sie zuletzt als kleines Mädchen gesehen. Und dies ist eine liebe Bekannte und Nachbarin, Miss Jane Austen.« Anne drehte sich zu Jane um, die ein Stück zurückgeblieben war, da sie die Wiedervereinigung nicht stören wollte. »Liebste Jane, darf ich dich bitten näherzutreten?«, sagte Anne. »Ich möchte dir meinen Neffen vorstellen. Mister Tom Lefroy.«
Jane trat näher. Sie knickste vor Mr. Lefroy und sah ihm dabei zu, wie er sich vor ihr verbeugte und seinen Hut zog.
»Es ist mir eine Ehre, eine treue Freundin meiner Tante kennenzulernen.«
»Jane ist mehr als eine Freundin für mich, Tom«, korrigierte Anne ihn gleich und fuhr sichtlich stolz fort. »Sie ist wie eine liebe Schwester. Sie ist übrigens Schriftstellerin.«
Jane war es ein wenig unangenehm, dass Anne diese Gegebenheit sogleich erwähnte. Sie zog es vor, dass neue Bekanntschaften sich zuerst selbst ein Bild von ihr machten, bevor sie erfuhren, was sie tat. Jane sah zu Boden, denn sie vermochte Mr. Lefroys intensiven Blicken keinesfalls standzuhalten.
Nachdem sie alle zusammen eine Tasse Tee und Lucys selbstgebackenen Teekuchen zu sich genommen hatten, verabschiedete sich Jane und machte sich auf den Heimweg, bevor die Dunkelheit hereinbrach – zu Fuß, wie immer. Im Gegensatz zu den Lefroys waren die Austens nicht mit genügend Geld gesegnet, um sich eine Kutsche und Pferde leisten zu können. Außer ein paar Hühnern besaßen sie nicht viel Getier.
Auf halbem Wege, sie spazierte gemütlich vor sich hin, hörte sie jemanden hinter sich. Sich sogleich umzudrehen schickte sich aber nicht, daher wartete sie, dass derjenige sie entweder überholen oder einen anderen Weg einschlagen würde. Nur kurze Zeit später sollte sie erfahren, wer ihr da auf den Fersen war.
»Miss Austen, Sie haben Ihren Schirm vergessen.« Mit diesen Worten kam Tom Lefroy auf gleiche Höhe und ging grinsend neben ihr her.
Sie hatte gar keinen Schirm dabeigehabt, und das sagte sie diesem aufdringlichen Kerl auch.
»Oh, dann war es wohl nicht der Ihre.«
»Wo ist denn eigentlich besagter Schirm?«, wollte sie nun wissen.
»Oh, ich scheine ihn obendrein vergessen zu haben.«
Innerlich musste Jane lachen, äußerlich blieb sie jedoch kühl. Es war nicht ihre Art, gleich mit jedem Gentleman zu flirten, so wie es einige ihr wohlbekannte Damen taten.
»Dann gibt es keinen Grund, weiter an meiner Seite zu verweilen«, sagte sie mehr als deutlich. Auch wenn er Annes Neffe war, so hatte sie dennoch nicht sehr viel für diesen arroganten Schnösel übrig.
»Miss Austen, mich plagt ein schlechtes Gewissen, weil ich Ihnen nicht angeboten habe, Sie in meiner Kutsche nach Hause zu bringen.«
»Dazu gibt es keinen Grund«, beruhigte sie ihn. »Ich laufe gern. Zudem genieße ich die frische Luft, wann immer ich kann. Ich weiß die Natur sehr zu schätzen, sie verleiht mir Inspiration.«
»Für Ihre Romane?« Er sprach das Wort mit solch einer Verachtung aus, dass Jane stehen blieb.
»Mister Lefroy, haben Sie etwas gegen Romane?«
»Ich habe bisher keinen einzigen gelesen, der mich auch nur im Mindesten überzeugt hätte.«
»Dann haben Sie entweder die falschen Romane gelesen, oder Sie haben kein Empfinden für solche«, entgegnete sie schnippisch.
Ihr Begleiter lachte. »Vielleicht sollten Sie mir dann mal einen von Ihren zu lesen geben.«
»Sobald ich einen Roman veröffentliche, werde ich Sie darüber unterrichten, damit Sie ihn sich in der nächstbesten Buchhandlung besorgen können. Obwohl ich bezweifle, dass Sie tatsächlich Geld für einen Roman ausgeben würden, da Sie ja nicht sehr viel dafür übrighaben.« Sie drehte sich nach vorn und führte ihren Weg fort.
Mr. Lefroy war baff stehen geblieben und lief Jane jetzt schnellen Schrittes nach. »Entschuldigen Sie, falls ich Sie verärgert habe, Miss Austen. Dies war nicht meine Absicht.«
»Jedem das Seine, Sir. Vergnügen Sie sich ruhig weiter mit Glücksspiel, bei Hahnenkämpfen, beim Cricket oder was Ihnen sonst Freude bereitet.«
Er lachte. »Sie scheinen eine gute Menschenkennerin zu sein. Nun verstehe ich auch, warum Sie schreiben.«
»Ach ja? Welch Segen. Dann ist mein Verlangen befriedigt«, sagte sie ironisch.
Er brach erneut in Lachen aus. »Miss Austen, ich habe noch keine Frau wie Sie kennengelernt.«
»Dann scheinen Sie nicht sehr viel herumgekommen zu sein. Wo sind Sie noch gleich her, Mister Lefroy?«
»Aus Dublin.«
»Und was studierten Sie? In Dublin?«
»Das Gesetz. Ich strebe eine Juristenkarriere an.«
»Oh.« Jane war erstaunt. Wenn er im Gericht genauso durchschaubar wäre wie gerade, würde er keinen sehr guten Anwalt abgeben.
»Sie sind überrascht?«
»Nicht im Mindesten.« Ihr Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln. »Dort vorn ist mein Zuhause. Vielen Dank für Ihre Begleitung.« Sie blieb stehen und knickste.
»Ich freue mich bereits auf unsere nächste Begegnung.« Er nahm nun ihre behandschuhte Hand und hauchte einen Kuss darauf.
Jane lief zum Haus und versteckte sich hinter einer Mauer. Von dort sah sie Mr. Lefroy nach, der nun im Halbdunkeln den Rückweg antrat. In diesem Moment begann es zu nieseln. Sie schmunzelte. Hätte er doch nur einen Regenschirm dabei, dachte sie amüsiert. Der arrogante Schnösel schlich sich noch den ganzen Abend lang in ihre Gedanken, obwohl sie alles versuchte, ihn daraus zu verbannen.
*
Penny schlief tief und fest und träumte von Trevor. Wie sehr sie ihn vermisste. Oft bahnte er sich noch einen Weg in ihre Träume. Dann kamen alte Erinnerungen wieder hoch, schöne ebenso wie traurige. Am häufigsten schlichen sich die Momente ihrer Trennung hinein.
Sie waren ein gutes halbes Jahr zusammen gewesen, doch erschienen war es Penny fast wie eine Ewigkeit. Bei Trevor hatte sie das gefunden, wonach sie immer gesucht hatte. Er war fürsorglich und zärtlich, ging auf ihre Wünsche ein, und sie konnte ihm absolut vertrauen. Er war ganz anders als Justin, der inzwischen Miss Barbie geschwängert und sie dann sitzen gelassen hatte, weil sie »aufgegangen war wie ein Hefekuchen«. Seine Worte.
Trevor war einer von der guten Sorte. Das hatte auch ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Leila gleich gesagt, nachdem Penny ihn das erste Mal mit in die WG gebracht hatte. So einen Mann gab es selten, eigentlich nur im Märchen, und sie hatte sich vorgenommen, ihn niemals loszulassen.
Das Beste war, dass man mit ihm so viel lachen konnte, fand Penny. Immer wieder erlebten sie total verrückte Situationen miteinander, die ihr im Normalfall peinlich gewesen wären. Mit Trevor machten sie aber einfach nur Spaß und würden ihr auf ewig in ihrer Erinnerung bleiben.
Einmal waren sie in eine Karaoke-Bar gegangen, und Trevor wollte sie überreden, sich auf die Bühne zu stellen und mitzumachen. Sie wiederum hatte gesagt, das mache sie nur, wenn er sich ebenfalls traue. Das war natürlich nicht ganz fair. Denn Penny hatte eine sehr schöne Stimme, Trevor dagegen klang grauenvoll, wenn er sang. Das wusste er, genau wie Penny. Sie versprachen sich gegenseitig zu singen. Dabei sollte jeder den Song für den anderen aussuchen. Vermutlich hatte Trevor gedacht, er tue ihr sonst was an, als er für sie Three Lions (Football’s Coming Home) aussuchte, doch Penny zahlte es ihm hundertfach heim. Sie entschied sich nämlich für It’s Raining Men.
»Den sing ich nicht«, sagte Trevor. »Den singen sonst zwei mollige Diven. Außerdem regnet es in dem Song heiße Männer.«
»Du musst! Ich hab mich auch nicht vor dem blöden Fußballlied gedrückt.«
»Das werde ich dir so was von heimzahlen«, drohte Trevor.
»Na, da bin ich aber gespannt«, sagte sie grinsend.
Trevor stellte sich also zum ersten Mal in seinem Leben auf die Bühne und sang. Einen Frauensong.
Die Darbietung war grottenschlecht. Grauenvoll. Alle buhten ihn aus. Als er über die Auswahl der Männer sang, die es vom Himmel regnete – tall, blond, dark and lean – lachten sie ihn sogar aus. Er konnte einem wirklich leidtun, wie er dastand und sich wand. Penny hatte ein richtig schlechtes Gewissen und empfing ihn mit einem extragroßen Knutscher, als er mit tiefrotem Kopf von der Bühne kam.
»Nie wieder!«, sagte er. »Ich werde nie wieder vor Leuten singen.«
»Ach, komm schon«, sagte sie und lachte. »Das war doch gar nicht so schlecht.«
»Das war garantiert das Schlechteste, was das Publikum je auf dieser Bühne gesehen und gehört hat. Das wirst du zurückbekommen.«
»Faule Versprechungen.«
»Ach ja? Glaubst du?«, sagte er und zog sie an sich. Er hob sie auf den Barhocker und küsste sie. Dann nahm er sie auf den Arm, trug sie auf die Herrentoilette und schloss hinter ihnen ab.
»Du suchst mir einen Frauensong aus, ja? Ich glaube, du hast vergessen, dass ich ein Mann bin. Ein ganzer Mann!«
Er küsste ihren Hals und drückte sie gegen die Wand. Und dann zeigte er ihr, dass er ein Mann war.
Ein wohliger Schauer überkam Penny im Schlaf. Sie presste ihr großes Herzkissen, das Trevor für sie auf dem Jahrmarkt gewonnen hatte, fester an sich und lächelte. Doch dann verwandelte der Traum sich in einen Alptraum, und ihr Lächeln verschwand. Die Szenerie wechselte von der Herrentoilette zu ihrem Zimmer, genauer gesagt zu ihrem Bett.
»Du willst echt den Valentinstag mit deiner Mutter verbringen?«, schrie sie ihn an.
Es war der 14. Februar, ein Samstag. Trevor hatte Penny am frühen Nachmittag von der Arbeit abgeholt, und sie hatten den Tag der Liebenden ausgiebig gefeiert. Wütend kniete sie nun auf ihrem Bett und starrte ihren Freund an, der gerade zurück in seine Hose schlüpfte.
»Sie ist heute allein. Ich sag ja nicht, dass ich den ganzen restlichen Tag mit ihr verbringen will, aber sie hat extra für mich gekocht, noch dazu mein Lieblingsessen: Steak, Petersilienkartoffeln und Babykarotten. Du bist auch herzlich eingeladen.«
»Deine Mutter mag mich doch gar nicht.« Das hatte Martha Walker ihr noch am Tag zuvor mehr als deutlich klargemacht. Natürlich wusste Trevor nichts von dem Besuch seiner Mutter bei Penny. So wenig sie Martha mochte, so sehr liebte sie Trevor – deshalb hatte sie nicht vor, ihm etwas davon zu erzählen. Das hätte die Sache ihrer Ansicht nach nur noch komplizierter gemacht, außerdem wollte sie nicht daran glauben, dass Martha Walker die Macht hatte, sie auseinanderzubringen.
»Wie könnte man dich nicht mögen? Du bist der liebenswerteste Mensch, den ich kenne.«
Penny schüttelte den Kopf. »Trevor, du bist süß, ehrlich. Aber du bist neunundzwanzig Jahre alt. Du musst nicht immer springen, wenn Mutti ruft.«
Trevor blickte ihr in die Augen, und sie konnte Schmerz in den seinen sehen. »Du weißt nichts über meine Mutter und mich. Was wir durchgemacht haben. Sie braucht mich, okay? Das hat nichts mit uns zu tun.«
»Wie soll ich denn wissen, was ihr durchgemacht habt, wenn du es mir nicht erzählst?«
»Ein andermal vielleicht. Gerade möchte ich eigentlich gar nicht mehr mit dir reden. Wenn du es nicht akzeptieren kannst, dass ich für meine Mutter da sein will, dann soll es vielleicht einfach nicht sein.«
»Was?«
»Das mit uns.«
»Das ist doch nicht dein Ernst!«
Penny hatte eigentlich nichts gegen eine innige Mutter-Sohn-Beziehung. Sie wollte nur gern die Hintergründe verstehen. Aber was die anging, schwieg Trevor wie ein Grab. Sie blickte zu Boden. So hatte sie sich ihren ersten gemeinsamen Valentinstag nicht vorgestellt. Sie sah hinüber zu den Konzerttickets auf dem Regal, mit denen sie Trevor hatte überraschen wollen. Das Konzert einer seiner Lieblingsbands in Bristol heute Abend. Sie hatte nicht einmal mehr Lust, das Geschenk zu erwähnen.
»Ich werde jetzt zu meiner Mutter fahren. Ich lasse sie bestimmt nicht auf ihrem gekochten Essen sitzen«, verkündete Trevor.
»Dann mach doch«, erwiderte Penny, beleidigt wie ein kleines Kind.
»Mach ich auch«, sagte Trevor und ging.
Das war das Ende ihrer Beziehung. Keiner der beiden Sturköpfe wollte über seinen Schatten springen.
Wie dumm wir doch waren, dachte Penny in letzter Zeit oft. Mehr als einmal hatte sie vor ihrem Laptop gesessen und sich Fotos angesehen, die sie gemeinsam geschossen hatten. Wie sehr wollte sie Trevor eins davon mailen und gleich den Wunsch anhängen, ihn wiederzusehen, vielleicht auf einen Kaffee. Jedoch traute sie sich nicht. Warum war das mit der Liebe auch nur so kompliziert?