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Buch

Bath. England. Die dreiundzwanzigjährige Buchhändlerin Penny liegt wach im Bett. Vor Kurzem hat sie sich von ihrer ersten großen Liebe Trevor getrennt und kommt nicht darüber hinweg. Um sich zu trösten, liest sie einen Liebesroman nach dem anderen und leidet dabei mit den Helden und Heldinnen bis zum Happy End mit – und wenn es keins gibt, landet das ein oder andere Buch auch mal im Papierkorb. Denn das Leben ist manchmal schon so traurig genug! An diesem Abend wünscht sie sich sehnlichst, dass jemand – zum Beispiel eine Expertin in Sachen Liebe wie Jane Austen – zu ihr käme, um ihr in ihrer hoffnungslosen Lage weiterzuhelfen. Und wie heißt es so schön? Pass auf, was du dir wünschst …

Autorin

Manuela Inusa, 1981 in Hamburg geboren, wusste schon als Kind, dass sie einmal Autorin werden wollte. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete sich durch verschiedene Jobs, wollte aber eigentlich immer nur eins: schreiben. Kurz vor ihrem 30. Geburtstag sagte sie sich: Jetzt oder nie! Erste veröffentlichte Kurzgeschichten und inzwischen über zwanzig im Selfpublishing herausgebrachte Kurzromane erreichten viele Leser. Jane Austen bleibt zum Frühstück ist ihre erste Zusammenarbeit mit einem großen Publikumsverlag. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern weiterhin in ihrer Heimatstadt.

MANUELA INUSA

Jane Austen
bleibt zum
Frühstück

Roman

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1. Auflage
Deutsche Originalausgabe bei Blanvalet,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe
Random House GmbH, München.
Copyright © 2015 by Blanvalet Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign,
unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com
Redaktion: Angela Troni
ED · Herstellung: sam
Satz: DTP Service Apel, Hannover
ISBN: 978-3-641-10701-7
V003

www.blanvalet.de

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Für Oma Lisa – meine
Heldin aus einer anderen Zeit.

1. Kapitel

Bath, England

Penny warf die Tür hinter sich ins Schloss. Genervt setzte sie sich auf den einzigen Stuhl in ihrem Zimmer, der an dem alten Küchentisch ihrer Eltern stand. Er diente ihr als Schreibtisch, ebenso als Bügelbrett, als Esstisch und als Bücherregal. An die Wand gelehnt stapelten sich darauf zig Liebesschnulzen, die sie alle gelesen hatte und die sie fast alle zum Weinen gebracht hatten. Sie liebte Happy Ends – warum konnte das echte Leben ihr nicht auch einmal eins bescheren?

Es war ein anstrengender Tag gewesen. Sie hatten in der alten Buchhandlung, in der sie arbeitete, eine Lieferung von acht Kisten erhalten, die der Inhaber Jack irgendwo aufgetrieben hatte. Eine alte Dame sei verstorben, hatte er erzählt, und der Nachlassverwalter habe ihm die Bücher zu einem Spottpreis überlassen. Schön für Jack, weniger schön für Penny, der das Vergnügen zuteilwurde, die Werke – ein wirres Durcheinander, wie sollte es auch anders sein? – zu sortieren, zu etikettieren und in die Regale einzuordnen. Das Schlimmste dabei war, dass sie beim Anblick der vielen tollen Bücher nicht widerstehen konnte, und so hatte sie das Gehalt von zwei Stunden mühseliger Arbeit gleich wieder in neue Romane investiert. Es war zum Verrücktwerden, es war wie eine Sucht. Natürlich nicht nur nach Büchern, sondern vor allem nach dem Herzschmerz, der in den Geschichten steckte, dem Mitfiebern, dem Hoffen, dem Bangen und nicht zuletzt der Freude, die einem widerfuhr, wenn man die letzten Worte des finalen Kapitels in sich aufsog. Erst dann konnte Penny beruhigt schlafen.

In ihren dreiundzwanzig Lebensjahren hatte es viele durchlesene Nächte gegeben, nur weil sie unbedingt wissen wollte, ob der Held und die Heldin des Buches am Ende miteinander glücklich wurden. Wurden sie es, erhielt das beendete Buch einen Ehrenplatz auf Pennys Schreibtisch. War das Gegenteil der Fall, landete es wieder im Laden zum Weiterverkauf oder, wenn es sie ganz besonders schwer traf, sogar in der Mülltonne. Rupert, einer ihrer Mitbewohner, schüttelte schon immer den Kopf, wenn er am Morgen danach wieder einmal ein Buch im Abfalleimer vorfand oder wenn er sie mit immer neuen Büchern aus dem Laden nach Hause kommen sah, so wie heute. Gleiches galt, wenn Penny sagte, sie könne nicht an den Partys teilnehmen, die die WG samstags schmiss, weil sie lieber ins neunzehnte Jahrhundert abtauchen wollte. Eigentlich schüttelte Rupert ständig den Kopf über sie. Und irgendwie hatte er ja recht. Doch das war nun mal Penny, mit ihren Macken und ihren Vorlieben, und die größte davon waren eben Liebesgeschichten. Natürlich hatte sie nichts gegen einen guten Film oder einen Lovesong, doch Romane hatten es ihr schon immer besonders angetan.

Leila, eine ihrer Mitbewohnerinnen und inzwischen gute Freundin, war wohl die Einzige, die sie verstand, denn sie las fast genauso gern wie Penny und schaute öfter mal in der BATHtub full of books vorbei. Ja, genau so hieß die Buchhandlung – Eine Badewanne voller Bücher –, mit Bezug auf die Stadt Bath, in der sie wohnten. Jack hatte einen eigenartigen Sinn für Humor. Ansonsten war er eher lässig und meckerte nie, wenn Penny sich mal verspätete, was dann und wann durchaus vorkam, weil sie wieder einmal erst kurz vor dem Morgengrauen das Licht ausgemacht hatte. Warum sich aufregen? Sie lebten in BATH! In dieser Stadt war der Kundenandrang nicht gerade ihre größte Sorge.

*

»Gute Nacht, liebste Jane«, sagte Cassandra und begab sich ins Bett, müde von diesem schwungvollen Abend, der ebenso verlaufen war wie viele andere Abende zuvor.

»Gute Nacht, Schwesterherz«, erwiderte Jane und ließ sich auf ihrem Stuhl am Schreibtisch nieder, der ihr in dem Zimmer in ihrem derzeitigen Zuhause am Sydney Place Nummer 4 zur Verfügung stand.

Sie hatten vor zwölf Monaten ihr Heim in Steventon verlassen und waren nach Bath übergesiedelt. Der Abwechslung wegen, sagte ihre liebe Mutter. Doch Jane dachte sich, dass es vor allem der Gesundheit ihres Vaters geschuldet war. Ohne guten Grund hätte er seine Pfarrei niemals aufgegeben. Doch er hatte sich, für Jane ganz unerwartet, zur Ruhe gesetzt und entschieden, dass die Familie sich in dem Kurort Bath niederlassen werde. Hier, so hegte man anscheinend die Hoffnung, war dank der heilenden Bäder baldige Genesung zu erwarten.

Jane gefiel dieser Wandel nicht. Wo war der Sinn für Gerechtigkeit geblieben, wenn sie doch alles, was ihr lieb und teuer war, verlassen sollte? Das Pfarrhaus, in dem sie aufgewachsen war, die Wälder, in denen sie so gern spazieren ging, immer ein Buch dabei, um an einer stillen Lichtung Rast zu machen und im edlen Schutz der Eichen ein paar Zeilen zu lesen.

Sie vermisste ihre hoch geschätzte Freundin Anne Lefroy, ebenso die Schwestern Martha und Mary Lloyd. Mary, die mit ihrem Ehemann, Janes Bruder James, und dem kleinen James-Edward in der Pfarrei ihres Vaters Einzug genommen hatte. Wäre ihre liebe Schwester Cassandra nicht an ihrer Seite, Jane wäre hoffnungslos verloren an diesem Ort, an dem man ausschließlich auf gesellschaftliches Vergnügen aus war. Sie war einem kultivierten Tanzabend keinesfalls abgeneigt, doch widerstrebte ihr der Gedanke, dass das von nun an alles sein sollte, was sie tat. Was würde sie hier in Bath für Erfahrungen sammeln, welche Eindrücke und Einfälle gewinnen können für ihre Romane? Schließlich träumte sie davon, eines Tages von der Feder leben zu können.

Jane griff zu einer der getrockneten Feigen, die ihr Lieblingsbruder Henry ihr aus London geschickt hatte, wohl wissend, wie ihre gute Mutter geschimpft hätte, weil sie vor dem Schlafengehen noch etwas zu sich nahm. Sie lächelte und biss genüsslich in das süße, weiche Fleisch der Frucht.

*

Nachdem sie sich bequeme Joggingsachen angezogen hatte, machte Penny einen kleinen Abstecher in die Küche, die vollgestellt war mit dreckigem Geschirr und leeren Flaschen, die irgendwie nie jemand wegbrachte. Sie hatte natürlich auch keine Lust dazu, genauso wenig wie aufs Abwaschen, deshalb nahm sie sich nur schnell einen Himbeerjoghurt aus dem Kühlschrankfach mit ihrem Namen und verschwand schleunigst wieder in ihrem Zimmer.

Sie wohnte zusammen mit fünf anderen in einem alten Stadthaus am Sydney Place. Es hieß, die wunderbare Jane Austen hätte hier früher einmal gelebt, was Penny jedoch bezweifelte. Wäre es dann jetzt nicht ein Museum oder so? Wobei man zugeben musste, dass sich immer wieder Touristen, die dieses Gerücht wahrscheinlich auch gehört hatten, in die Straße verirrten und ein paar Fotos von dem Eingang mit der Hausnummer vier knipsten. Na, wenn es sie glücklich machte.

Manchmal stellte Penny sich sogar vor, dass es wahr wäre und ihr Zimmer in der zweiten Etage einmal Jane Austen gehört hätte. Dann lachte sie sich selbst aus. Klar! Etwas Unsinnigeres hatte sie sich noch nie ausgedacht.

Als sie den Boden des Joghurtbechers sah, stellte sie ihn zur Seite und setzte sich aufs Bett, die Beine ausgestreckt, den Kopf an die rosafarbene Wand gelehnt, und schnappte sich den Roman, den sie vor einigen Tagen zu lesen begonnen hatte. Sosehr sie ein Buch an einem einzigen Tag anfangen und beenden mochte, war es leider nicht immer möglich, vor allem nicht, wenn es sich um einen dicken Wälzer von fünfhundert Seiten handelte oder eines in alter englischer Sprache. Die war zwar schön zu lesen und gefiel ihr sehr, doch las sie sich nicht so leicht weg wie gegenwärtige Literatur. Penny versuchte abzuwechseln, für jeden Chick-Lit-Roman las sie einen Klassiker, etwas Anspruchsvolles, damit sich ihr Herz und ihr Verstand nicht in die Haare bekamen.

Ihre heutige Lektüre war Stolz und Vorurteil von Jane Austen. Sie las es nicht zum ersten Mal und wusste, wie es ausging, und dennoch fieberte und bibberte sie jedes Mal aufs Neue mit, wenn Elizabeth Bennet und Mr. Darcy sich kennenlernten, beschimpften, verabscheuten und endlich ineinander verliebten. Genau so etwas brauchte sie heute.

Sie kuschelte sich in die vielen bunten Blümchenkissen, die das Bett zierten, und schlug die erste Seite auf, während rötliches Abendlicht durch das Fenster schien und das Zimmer in eine warme Atmosphäre tauchte. Innerhalb eines Atemzugs war sie drin in der Welt von Jane Austen.

Penny bewunderte die Autorin dafür, sich solche Geschichten ausgedacht zu haben, und fragte sich, woher sie wohl die Ideen dafür genommen hatte, denn soviel sie wusste, war Jane niemals selbst verlobt oder verheiratet gewesen. Vielleicht hatte sie ja eine unglückliche Liebe erlebt und sich daraufhin für immer von den Männern abgewandt, oder sie hatte halt einfach über allem gestanden und sich gesagt, einen Mann brauche sie nicht, sie habe schließlich ihre Bücher. Ach, so manches Mal wünschte sich Penny, sie könnte Jane Austen treffen und sie nach all diesen Dingen fragen, die sie so gern wissen wollte. Vielleicht könnte Jane ihr dann auch in Liebesdingen weiterhelfen. Auskennen tat sie sich damit auf jeden Fall, und vielleicht wüsste sie ja Rat, was ihre Situation anging.

Penny hatte in ihrem Leben zwei ernsthafte Beziehungen gehabt. Da war einmal Justin, mit dem sie schon mit sechzehn zusammengekommen war. Die Beziehung hatte fünf Jahre gehalten, dann hatte der damals eher schlaksige Junge mit der Boyband-Frisur, der sich inzwischen zu einem muskelbepackten Kerl mit kurz geschorenem Haar entwickelt hatte, von jetzt auf gleich beschlossen, dass es Zeit war, sich eine angemessenere Partnerin zu suchen. Er hatte Penny schlicht gegen eine blonde Barbie-Puppe ausgetauscht. Schwer getroffen hatte es sie nicht, denn sie hatte ebenfalls seit Längerem das Gefühl gehabt, dass Justin und sie nicht mehr zueinanderpassten. Außerdem hatte Justin wahrscheinlich in seinem ganzen Leben kein einziges Buch gelesen, und auf einen solchen Typen konnte sie gut und gern verzichten.

Danach hatte sie ein paar Jahre lang ihr Single-Dasein ausgekostet, einige Dates gehabt und auch ein, zwei One-Night-Stands, ehe sie sich dann Hals über Kopf in Trevor verliebt hatte.

*

Nachdem sie Stunden um Stunden auf das leere Blatt Papier gestarrt hatte, beschloss Jane, es für heute aufzugeben. Die Ideen blieben aus, alle Hoffnung hatte sie verlassen. Nun denn, das hieß nicht, dass der morgige Tag nicht neuen Anreiz bringen würde, doch zu viel wollte sie sich nicht von ihm versprechen.

Jane saß auf dem schlichten, harten Holzstuhl an ihrem Schreibtisch und sah aus dem Fenster auf die dunklen Straßen, die bei Nacht wie ausgestorben wirkten. Der Ast eines Baumes wehte sachte hin und her; wie gebannt starrte sie ihn an und dachte dabei an den jungen Mr. Beckett zurück, der sie noch vor wenigen Stunden höflichst dazu aufgefordert hatte, ihm einen Tanz zu schenken.

Sie hatte ihm die Ehre erwiesen, was hätte sie denn Besseres mit ihrer Zeit anzufangen gehabt? Mr. Beckett war sehr angenehm gewesen, eher still, doch sein ehrenwertes Auftreten hatte die Blicke der anderen Frauen auf sie gelenkt. Sie tuschelten hinter vorgehaltener Hand, Jane konnte sich denken, was sie sagten. Es würde höchste Zeit für sie, sich endlich einen Ehemann zu angeln. Sie schmunzelte. Es war ihr gleich, was andere dachten, vor allem was die feine Gesellschaft von Bath dachte. Einzig auf die Meinung ihrer Schwester legte sie Wert und natürlich auf die ihrer lieben Eltern und auch ihrer Brüder. Aber für die Ansichten einer Miss Watson oder einer Miss Rutherford war sie nicht empfänglich, würde es niemals sein – und wenn sie als alte Jungfer endete. Sie würde nicht des Geldes wegen heiraten, nein, sie hatte sich bereits als junges Mädchen geschworen, wenn überhaupt, dann nur aus einem Grund zu heiraten: aus Zuneigung. Die Liebe war doch wahrhaftig um ein Tausendfaches stärker als Vernunft und Verstand.

Seit vielen Jahren schon schrieb Jane – Romane. Sie hatte ganze drei vollendete Manuskripte in ihrer hölzernen Kiste liegen, fein zusammengebunden mit hübschen Bändern, und zwar: Elinor und Marianne, Susan und Erste Eindrücke. Besonders am Herzen lag ihr Letzteres. Erste Eindrücke handelte von fünf Schwestern, von denen sie selbst Miss Elizabeth Bennet am liebsten mochte. »Lizzie« war ein wahrer Wildfang, ließ sich nichts gefallen und lehnte auch mal den einen oder anderen Antrag ab. Sogar den von Mr. Darcy, obwohl sie ihm insgeheim zugeneigt war. Sehr sogar. Sie dachte Tag und Nacht an ihn. Doch Mr. Darcy hatte sie beleidigt, zutiefst verletzt, ihre Familie gedemütigt mit Worten, die sie bis ins Mark trafen, da würde sie es ihm nicht so leicht machen. Lizzie war in der Tat jemand, für den Jane Bewunderung empfand und ein wenig Neid. Denn sie wünschte sich nichts sehnlicher, als auch einmal so begehrt zu werden wie ihre Protagonistin von Mr. Darcy.

Jane war sechsundzwanzig Jahre alt. Es war das Jahr 1802. Nicht dass es bisher keine anerkennenden Blicke von blasierten Herren, ehrenwerten Junggesellen und überheblichen Gentlemen gegeben hätte, nicht dass nicht der eine oder andere sie zum Tanz gebeten, zum Tee geladen oder zu einem Spaziergang aufgefordert hätte. Doch keiner von ihnen vermochte ihr Herz zu erobern. Keiner war ein Mr. Darcy. Keiner wäre ein unverzichtbarer Segen in ihrer Welt gewesen, daher hatte sie, auch wenn es die Formen des Anstands verlangten, dass eine Frau gewissen Alters die Ehe einging, irgendwann beschlossen, sich einem Mann nur dann mit Leib und Seele hinzugeben, wenn er denn auch der Richtige wäre. Vor allem wenn er verstünde, wie sehr ihr ihre Leidenschaft, das Schreiben, am Herzen lag. Unterdessen würde sie geduldig warten, bis das Glück auch sie irgendwann anlächelte.

Nachdem Jane also still am Schreibtisch gesessen und erfolglos versucht hatte, etwas zu Papier zu bringen, legte sie die Feder beiseite und verschloss das Tintenfass. Die restlichen Feigen ließ sie liegen, sie wollte die Früchte am morgigen Tage mit ihrer Schwester teilen. Ein letzter Blick aus dem Fenster, die ganze Stadt schlief bereits, dann ging sie mit der fast heruntergebrannten Kerze hinüber zu ihrem Bett, das gleich neben dem von Cassandra stand.

Jane rieb sich den von dem harten Stuhl schmerzenden Hintern, schlüpfte unter die Decke und betete zum Herrn, er möge ihr doch, wenn er ihr schon keinen Mr. Darcy zu schicken gedachte, wenigstens ein paar neue Einfälle für Geschichten schenken. Gute Einfälle. Denn anscheinend waren jene, die sie bisher gehabt hatte, auch wenn sie selbst zweifellos anderer Ansicht war, doch nicht das, was die Verlage und die Leser wollten. Ihr lieber Vater hatte einem Londoner Verleger, einem gewissen Mr. Cadell, Erste Eindrücke vorgestellt – jedoch ohne Erfolg. Seitdem schrieb Jane größtenteils für sich selbst, um in andere Welten einzutauchen, um den Liebenden vollkommenes Glück zu schenken. Jede ihrer Geschichten sollte ein seliges Ende haben, das hatte sie sich fest vorgenommen. Keine ihrer Heldinnen sollte am Ende so dastehen wie Cassandra.

Liebevoll sah Jane hinüber zu ihrer Schwester, die friedlich in ihrem Bett schlummerte. Sie hatte in ihrem jungen Leben bereits so viel durchmachen müssen. Welch Qualen sie erlitten hatte, als vor fünf Jahren ihr Verlobter Tom Fowle am Gelbfieber gestorben war, während er in Santo Domingo stationiert gewesen war. Cassandra war niemals darüber hinweggekommen. Sie liebte ihren Tom noch immer und hatte keinen der Anträge, die ihr im Laufe der folgenden Jahre von vornehmen Herren gemacht worden waren, angenommen. Jane war sich ziemlich sicher, dass Cassie bis in alle Ewigkeit um ihren Tom trauern würde.

»Oh bitte, lieber Gott«, flehte sie, »schick mir die Liebe. In welcher Form auch immer. Lass sie mich abermals erfahren. Hol mich heraus aus diesem Alltagstrott und bring mich irgendwohin, wo Leben ist, das wahre Leben. Nicht nur Bälle und Teegesellschaften mit den Damen. Ich möchte so viel mehr erleben, Neues entdecken. Oh bitte, erhöre mich und bereite diesem sinnlosen Dasein ein Ende. Hilf mir, mein wahres Wesen zu entfalten, damit ich endlich eine richtige Schriftstellerin sein kann.«

Nachdem Jane noch einmal gen Himmel geblickt hatte, pustete sie die Kerze auf ihrem Nachttisch aus und schloss die Augen. Wenn das so einfach wäre. Die Augen schließen und an einem neuen, aufregenden Ort erwachen.

*

Penny hatte Stolz und Vorurteil inzwischen zur Seite gelegt und war unter die Decke gekrabbelt. Das Rollo ließ sie ein Stück weit offen, da sie es mochte, wenn das Mondlicht ins Zimmer schien. Es war bereits weit nach Mitternacht, und sie konnte noch immer nicht schlafen. Wie auch, wenn sie von der Liebe las und dabei alte Erinnerungen wach wurden?

Sie dachte an ihre erste Begegnung mit Trevor zurück. Er war vor zehn Monaten in die Buchhandlung gekommen und hatte sich umgesehen, während sie ihn dabei beobachtete. Er war Ende zwanzig, gut gebaut, aber nicht so übertrieben wie Justin, und hatte sie an der Kasse mit einem Wahnsinnslächeln angesehen. Sie ließ vor lauter Aufregung sein Buch, Hemingways Der alte Mann und das Meer, fallen und entschuldigte sich wie blöd, woraufhin Trevor nur lachte und sagte: »Kein Ding! Der Band ist doch sowieso schon alt und fällt halb auseinander, da macht ihm ein kleiner Sturz wohl auch nichts mehr aus.«

Penny war daraufhin noch röter angelaufen, hatte aber tapfer versucht zurückzulächeln und ihm das Buch samt der Plastiktüte gereicht, auf der A BATHtub full of books stand.

»Irrer Name«, sagte Trevor. »Wer hat sich den denn ausgedacht? Sie?«

»Nein.« Sie schüttelte vehement den Kopf und erklärte: »Ist ja nicht mein Laden, ich arbeite nur hier. Den Namen hat sich mein Boss Jack ausgedacht. Er ist ein bisschen …« Sie wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht hin und her, und Trevor lachte. »Wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte der Name sicher ganz anders gelautet.«

»Ach ja? Wie denn zum Beispiel?«

Penny überlegte. »My little book shelf vielleicht? Oder Ink on paper …« Ihr fielen irgendwie nur blöde Sachen ein, und sie verstummte.

Doch anscheinend schien Trevor die Vorschläge gar nicht so blöd zu finden, denn er hob anerkennend einen Daumen. »Find ich gut. Ink on paper, schlicht und eindringlich. Sie sollten eines Tages Ihre eigene Buchhandlung eröffnen und sie genau so nennen.«

»Ja, vielleicht werde ich das machen«, sagte sie und wurde dann von einem Kunden in den hinteren Reihen gerufen. »Sorry, ich muss da mal kurz hin.« Insgeheim hoffte sie, dass Trevor sagen würde, er werde so lange warten, doch er verabschiedete sich und meinte, er müsse weiter.

Zwei Tage später kam er wieder und kaufte ein weiteres Hemingway-Buch.

»Hi«, sagte Penny strahlend. Der Typ gefiel ihr. Gut aussehend und belesen, was wollte man mehr? »Sie stehen auf Hemingway, oder?«

»Ja, so könnte man das sagen. Er ist ein sehr beeindruckender Charakter.«

»Sie mögen Bücher?«

»Ich lebe für Bücher.«

»Wer ist Ihr Lieblingsautor?« Wie dumm. War das nicht mehr als offensichtlich?

Er fasste sich ans Kinn und rieb daran herum. »Lassen Sie mich überlegen. Hemingway vielleicht? Im Moment lese ich ihn jedenfalls unheimlich gern, hab ihn gerade erst entdeckt.« Er sah sie spitzbübisch an, mit einem supersexy Lächeln und Augen, die bis in ihr tiefstes Innerstes blickten. »Und wen lesen Sie am liebsten?«

»Jane Austen! Ich vergöttere sie. Habe ich schon immer getan. Aber ich lese auch jede andere Art von Literatur. Ich liebe Bücher einfach.«

»Na, dann arbeiten Sie ja genau am richtigen Ort«, stellte er fest und fuhr sich durch die braunen Haare.

Penny nickte. Ja, das fand sie auch, und sie war überaus dankbar, diesen Job zu haben. »Wie heißen Sie, wenn ich fragen darf?« Das hatte sie überhaupt nicht fragen wollen, die Worte waren einfach so herausgeflutscht, unbewusst, doch sie war ihnen nicht böse.

»Trevor Walker.«

»Cooler Name.« Sie biss sich auf die Lippe. Warum verhielt sie sich nur so lächerlich?

»Ja. Ich darf meinen Eltern für diesen Namen danken. Nicht auszudenken, wenn sie mich Emmett oder Archibald genannt hätten, dann hätte ich mir wohl ein Pseudonym zulegen müssen. Aber so bin ich ganz zufrieden.« Er grinste. »Und wie heißen Sie? Mögen Sie Ihren Namen?«

»Ich heiße Penny Lane Rogers.« Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände.

Trevor lachte laut auf. Sie wusste nicht, ob wegen ihres Namens oder wegen ihrer Grimasse. »Lassen Sie mich raten: Ihre Eltern sind Beatles-Fans?«

»Die größten, die Sie sich vorstellen können«, erwiderte Penny. Oh ja, das waren sie. Deshalb war es für sie auch eine Selbstverständlichkeit gewesen, ihren Kindern Namen mit Beatles-Bezug zu geben. Sie hatten ihre Töchter Penny Lane, Eleanor Rigby und Abbey Road genannt, ja genau, inklusive »Road«, und ihr Bruder hieß George Paul John Ringo. Er war übrigens heilfroh, dass Ringo nicht an erster Stelle stand.

»Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen, Penny Lane?« Trevor lächelte sie jetzt unglaublich süß an.

»Nur Penny, bitte. Und klar dürfen Sie das.«

»Würden Sie vielleicht mal mit mir essen gehen?«

Jetzt war sie mehr als überrascht. Damit hatte sie nicht gerechnet. »Sehr gerne, Trevor Walker.« Sie lächelte zurück.

»Wie passt es Ihnen am Freitagabend? Sagen wir zwanzig Uhr?«

Penny gab ihm ihre Adresse.

Wieder total unerwartet sagte er: »Hat da früher nicht Jane Austen gewohnt?«

Ihr riesengroßes Lächeln wollte gar nicht mehr verschwinden. Er kannte Jane Austen. Er war perfekt.

2. Kapitel

Jane war in einen tiefen Schlaf gefallen. Sie träumte von vergangenen Ereignissen, die bereits über sechs Jahre her waren, sie aber noch immer nicht losließen. Sie fragte sich oft, ob sie jemals Frieden finden würde.

Eines kühlen Tages im Spätherbst des Jahres 1795 hatte Jane ihrer Freundin Anne Lefroy, die nicht weit entfernt von ihrem Elternhaus wohnte, einen Besuch abgestattet. Sie hatte Anne ihren neuesten Entwurf von Elinor und Marianne mitgebracht und sah ihr nun gespannt dabei zu, wie ihre Gesichtszüge sich bei jedem Satz veränderten. Von fröhlich über bewegt bis hin zu entsetzt war beinahe alles dabei, und Jane war äußerst entzückt.

Anne Lefroy war schon seit einer ganzen Weile ihre selbsternannte Mentorin. Sie hatte als junge Frau selbst Gedichte veröffentlicht und war noch immer der Poesie verfallen. Doch auch Romanen wusste sie viel abzugewinnen, und sie freute sich stets auf neuen Lesestoff von Jane.

»Eines Tages wirst du es schaffen, liebste Jane, da bin ich mir ganz sicher«, sagte sie häufig.

Wie gern wollte Jane ihr glauben. Wie sehr wünschte sie sich, dass es stimmte. Dass sie wirklich eines Tages ihre Romane veröffentlichen und von der Feder leben könnte. Ihre Mutter hatte leider weit weniger Verständnis für ihre Träume als Anne. Nicht selten bezeichnete sie Janes größte Leidenschaft als Unsinn. Sie solle sich lieber nach einem geeigneten Ehemann umsehen, statt ihre Zeit mit dem Schreiben zu vergeuden, sagte sie. Wenn Jane Anne davon erzählte, lächelte diese nur gütig.

»Sie meint es gut, Jane. Nimm es ihr nicht übel. Sie wünscht sich nun mal so sehr, dass du und auch Cassandra einen netten Gentleman findet und glücklich werdet. So wie die Figuren in deinen Romanen.«

»Ach, um Cassie muss sie sich keine Sorgen machen. Sie hat doch ihren Tom. Und was mich angeht, glaube ich kaum, dass es Gentlemen wie die in meinen Romanen in Wirklichkeit gibt.«

Anne sah in die Ferne, dann erhellte sich ihr Gesicht. »Apropos Tom. Habe ich dir bereits von meinem Neffen Tom erzählt?«

»Ebenfalls ein Tom?«, fragte Jane. Nein, sie konnte sich nicht erinnern, dass ihre Freundin ihn schon einmal erwähnt hätte. »Ich denke nicht, liebste Anne.«

»Tom Lefroy. Er hat unlängst sein Studium in Dublin abgeschlossen und angekündigt, uns im Dezember auf seiner Reise nach London besuchen zu kommen.«

»Oh, da freust du dich sicher sehr.«

»Ich habe ihn zuletzt gesehen, als er noch ein Junge war.« Anne war deutlich älter als Jane, sie hätte ihre Mutter sein können. Natürlich waren ihre Ansichten von weitaus jugendlicherer Natur. »Ja, ich bin tatsächlich äußerst entzückt, ihn bald bei uns begrüßen zu dürfen. Noch viel entzückter werde ich jedoch sein, euch beide einander vorstellen zu können. Tom ist nämlich ebenfalls ein helles Köpfchen.«

Jane bemerkte ein kleines Funkeln in den Augen ihrer Freundin und fragte sich, was es zu bedeuten hatte. Anne hatte doch nicht etwa vor, sie mit ihrem Neffen zu verkuppeln, oder?

»Ich freue mich schon darauf, seine Bekanntschaft zu machen«, erwiderte sie aus Höflichkeit. Dann wurde der Tee gebracht.

Als Jane sich nach diesem wunderbaren Nachmittag auf den Weg nach Hause gemacht hatte, hatte sie über Annes Worte nachgedacht und sich gefragt, wer dieser Tom wohl war, den sie unbedingt kennenlernen sollte.

Jane wälzte sich im Schlaf. »Tom, Tom«, stieß sie immer wieder hervor, bis sie von ihren eigenen Worten erwachte. Sie setzte sich auf, befühlte ihre Stirn, die schweißnass war. Mit dem Ärmel ihres weißen Nachtgewands wischte sie sich übers Gesicht. Der Mond stand groß und rund vor dem Fenster am Himmel. Sie sah hinüber zu Cassie, die tief und fest schlief. Gerne wäre Jane jetzt aufgestanden und hätte sich ein Glas Wasser geholt, doch sie wollte auch so schnell wie möglich wieder zurück ins Jahr 1795, und so legte sie sich nieder und schloss die Augen. Sogleich war sie wieder daheim.

Der Herbst war vergangen, und ein kalter Winter war über Steventon gekommen. Jane wartete geduldig auf die Ankunft von Tom Lefroy. Sie war gerade zwanzig, als die beiden sich zum ersten Mal begegneten. Es war Mitte Dezember auf Ashe, dem Anwesen der Lefroys. Jane und Anne gingen im Garten spazieren – trotz der Kälte. Doch beide waren der Ansicht, dass es nie zu kalt sein konnte, um frische Luft zu genießen. Annes Söhne spielten im Haus, und Lucy saß am Fenster im Salon und zeichnete.

Plötzlich kam die Fünfzehnjährige herangeeilt, denn sie hatte etwas gesehen. »Mutter, eine Kutsche!«, rief sie und deutete auf den Weg.

»Lucy! Wie kannst du nur so gedankenlos sein, bei dieser Kälte ohne Mantel aus dem Haus zu laufen? Du wirst dir noch eine Lungenentzündung holen«, schalt Anne ihr ältestes Kind und einzige überlebende Tochter.

Lucy war anzusehen, dass sie kurz darüber nachdachte zu rebellieren, doch als die Kutsche sich stetig näherte, rannte sie ohne Widerworte zurück ins Haus und holte ihren Mantel. Dann lief sie auf die Kutsche zu, die in der Einfahrt hielt.

Anne und Jane blieben stehen und beobachteten das Geschehen. Als Anne erkannte, wer aus der Kutsche stieg, ging sie ebenfalls schnellen Schrittes auf ihren Gast zu und streckte die Arme zum Zeichen des Willkommens aus.

»Tom! Welch eine Freude!«, stieß sie überschwänglich hervor.

»Tante!« Besagter Tom, in Janes Alter, stattlich und gut aussehend, jedoch sichtlich arrogant, das konnte Jane sogar aus der Entfernung erkennen, ging auf Anne zu und ließ sich in die Arme nehmen.

»Wie schön, dass du dein Versprechen hältst und deine alte Tante besuchen kommst.«

»Du bist doch nicht alt, Tante«, widersprach er sofort, was immerhin von einem gewissen Taktgefühl zeugte.

»Darf ich dir meine Tochter Lucy vorstellen? Du hast sie zuletzt als kleines Mädchen gesehen. Und dies ist eine liebe Bekannte und Nachbarin, Miss Jane Austen.« Anne drehte sich zu Jane um, die ein Stück zurückgeblieben war, da sie die Wiedervereinigung nicht stören wollte. »Liebste Jane, darf ich dich bitten näherzutreten?«, sagte Anne. »Ich möchte dir meinen Neffen vorstellen. Mister Tom Lefroy.«

Jane trat näher. Sie knickste vor Mr. Lefroy und sah ihm dabei zu, wie er sich vor ihr verbeugte und seinen Hut zog.

»Es ist mir eine Ehre, eine treue Freundin meiner Tante kennenzulernen.«

»Jane ist mehr als eine Freundin für mich, Tom«, korrigierte Anne ihn gleich und fuhr sichtlich stolz fort. »Sie ist wie eine liebe Schwester. Sie ist übrigens Schriftstellerin.«

Jane war es ein wenig unangenehm, dass Anne diese Gegebenheit sogleich erwähnte. Sie zog es vor, dass neue Bekanntschaften sich zuerst selbst ein Bild von ihr machten, bevor sie erfuhren, was sie tat. Jane sah zu Boden, denn sie vermochte Mr. Lefroys intensiven Blicken keinesfalls standzuhalten.

Nachdem sie alle zusammen eine Tasse Tee und Lucys selbstgebackenen Teekuchen zu sich genommen hatten, verabschiedete sich Jane und machte sich auf den Heimweg, bevor die Dunkelheit hereinbrach – zu Fuß, wie immer. Im Gegensatz zu den Lefroys waren die Austens nicht mit genügend Geld gesegnet, um sich eine Kutsche und Pferde leisten zu können. Außer ein paar Hühnern besaßen sie nicht viel Getier.

Auf halbem Wege, sie spazierte gemütlich vor sich hin, hörte sie jemanden hinter sich. Sich sogleich umzudrehen schickte sich aber nicht, daher wartete sie, dass derjenige sie entweder überholen oder einen anderen Weg einschlagen würde. Nur kurze Zeit später sollte sie erfahren, wer ihr da auf den Fersen war.

»Miss Austen, Sie haben Ihren Schirm vergessen.« Mit diesen Worten kam Tom Lefroy auf gleiche Höhe und ging grinsend neben ihr her.

Sie hatte gar keinen Schirm dabeigehabt, und das sagte sie diesem aufdringlichen Kerl auch.

»Oh, dann war es wohl nicht der Ihre.«

»Wo ist denn eigentlich besagter Schirm?«, wollte sie nun wissen.

»Oh, ich scheine ihn obendrein vergessen zu haben.«

Innerlich musste Jane lachen, äußerlich blieb sie jedoch kühl. Es war nicht ihre Art, gleich mit jedem Gentleman zu flirten, so wie es einige ihr wohlbekannte Damen taten.

»Dann gibt es keinen Grund, weiter an meiner Seite zu verweilen«, sagte sie mehr als deutlich. Auch wenn er Annes Neffe war, so hatte sie dennoch nicht sehr viel für diesen arroganten Schnösel übrig.

»Miss Austen, mich plagt ein schlechtes Gewissen, weil ich Ihnen nicht angeboten habe, Sie in meiner Kutsche nach Hause zu bringen.«

»Dazu gibt es keinen Grund«, beruhigte sie ihn. »Ich laufe gern. Zudem genieße ich die frische Luft, wann immer ich kann. Ich weiß die Natur sehr zu schätzen, sie verleiht mir Inspiration.«

»Für Ihre Romane?« Er sprach das Wort mit solch einer Verachtung aus, dass Jane stehen blieb.

»Mister Lefroy, haben Sie etwas gegen Romane?«

»Ich habe bisher keinen einzigen gelesen, der mich auch nur im Mindesten überzeugt hätte.«

»Dann haben Sie entweder die falschen Romane gelesen, oder Sie haben kein Empfinden für solche«, entgegnete sie schnippisch.

Ihr Begleiter lachte. »Vielleicht sollten Sie mir dann mal einen von Ihren zu lesen geben.«

»Sobald ich einen Roman veröffentliche, werde ich Sie darüber unterrichten, damit Sie ihn sich in der nächstbesten Buchhandlung besorgen können. Obwohl ich bezweifle, dass Sie tatsächlich Geld für einen Roman ausgeben würden, da Sie ja nicht sehr viel dafür übrighaben.« Sie drehte sich nach vorn und führte ihren Weg fort.

Mr. Lefroy war baff stehen geblieben und lief Jane jetzt schnellen Schrittes nach. »Entschuldigen Sie, falls ich Sie verärgert habe, Miss Austen. Dies war nicht meine Absicht.«

»Jedem das Seine, Sir. Vergnügen Sie sich ruhig weiter mit Glücksspiel, bei Hahnenkämpfen, beim Cricket oder was Ihnen sonst Freude bereitet.«

Er lachte. »Sie scheinen eine gute Menschenkennerin zu sein. Nun verstehe ich auch, warum Sie schreiben.«

»Ach ja? Welch Segen. Dann ist mein Verlangen befriedigt«, sagte sie ironisch.

Er brach erneut in Lachen aus. »Miss Austen, ich habe noch keine Frau wie Sie kennengelernt.«

»Dann scheinen Sie nicht sehr viel herumgekommen zu sein. Wo sind Sie noch gleich her, Mister Lefroy?«

»Aus Dublin.«

»Und was studierten Sie? In Dublin?«

»Das Gesetz. Ich strebe eine Juristenkarriere an.«

»Oh.« Jane war erstaunt. Wenn er im Gericht genauso durchschaubar wäre wie gerade, würde er keinen sehr guten Anwalt abgeben.

»Sie sind überrascht?«

»Nicht im Mindesten.« Ihr Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln. »Dort vorn ist mein Zuhause. Vielen Dank für Ihre Begleitung.« Sie blieb stehen und knickste.

»Ich freue mich bereits auf unsere nächste Begegnung.« Er nahm nun ihre behandschuhte Hand und hauchte einen Kuss darauf.

Jane lief zum Haus und versteckte sich hinter einer Mauer. Von dort sah sie Mr. Lefroy nach, der nun im Halbdunkeln den Rückweg antrat. In diesem Moment begann es zu nieseln. Sie schmunzelte. Hätte er doch nur einen Regenschirm dabei, dachte sie amüsiert. Der arrogante Schnösel schlich sich noch den ganzen Abend lang in ihre Gedanken, obwohl sie alles versuchte, ihn daraus zu verbannen.

*

Penny schlief tief und fest und träumte von Trevor. Wie sehr sie ihn vermisste. Oft bahnte er sich noch einen Weg in ihre Träume. Dann kamen alte Erinnerungen wieder hoch, schöne ebenso wie traurige. Am häufigsten schlichen sich die Momente ihrer Trennung hinein.

Sie waren ein gutes halbes Jahr zusammen gewesen, doch erschienen war es Penny fast wie eine Ewigkeit. Bei Trevor hatte sie das gefunden, wonach sie immer gesucht hatte. Er war fürsorglich und zärtlich, ging auf ihre Wünsche ein, und sie konnte ihm absolut vertrauen. Er war ganz anders als Justin, der inzwischen Miss Barbie geschwängert und sie dann sitzen gelassen hatte, weil sie »aufgegangen war wie ein Hefekuchen«. Seine Worte.

Trevor war einer von der guten Sorte. Das hatte auch ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Leila gleich gesagt, nachdem Penny ihn das erste Mal mit in die WG gebracht hatte. So einen Mann gab es selten, eigentlich nur im Märchen, und sie hatte sich vorgenommen, ihn niemals loszulassen.

Das Beste war, dass man mit ihm so viel lachen konnte, fand Penny. Immer wieder erlebten sie total verrückte Situationen miteinander, die ihr im Normalfall peinlich gewesen wären. Mit Trevor machten sie aber einfach nur Spaß und würden ihr auf ewig in ihrer Erinnerung bleiben.

Einmal waren sie in eine Karaoke-Bar gegangen, und Trevor wollte sie überreden, sich auf die Bühne zu stellen und mitzumachen. Sie wiederum hatte gesagt, das mache sie nur, wenn er sich ebenfalls traue. Das war natürlich nicht ganz fair. Denn Penny hatte eine sehr schöne Stimme, Trevor dagegen klang grauenvoll, wenn er sang. Das wusste er, genau wie Penny. Sie versprachen sich gegenseitig zu singen. Dabei sollte jeder den Song für den anderen aussuchen. Vermutlich hatte Trevor gedacht, er tue ihr sonst was an, als er für sie Three Lions (Football’s Coming Home) aussuchte, doch Penny zahlte es ihm hundertfach heim. Sie entschied sich nämlich für It’s Raining Men.

»Den sing ich nicht«, sagte Trevor. »Den singen sonst zwei mollige Diven. Außerdem regnet es in dem Song heiße Männer.«

»Du musst! Ich hab mich auch nicht vor dem blöden Fußballlied gedrückt.«

»Das werde ich dir so was von heimzahlen«, drohte Trevor.

»Na, da bin ich aber gespannt«, sagte sie grinsend.

Trevor stellte sich also zum ersten Mal in seinem Leben auf die Bühne und sang. Einen Frauensong.

Die Darbietung war grottenschlecht. Grauenvoll. Alle buhten ihn aus. Als er über die Auswahl der Männer sang, die es vom Himmel regnete – tall, blond, dark and lean – lachten sie ihn sogar aus. Er konnte einem wirklich leidtun, wie er dastand und sich wand. Penny hatte ein richtig schlechtes Gewissen und empfing ihn mit einem extragroßen Knutscher, als er mit tiefrotem Kopf von der Bühne kam.

»Nie wieder!«, sagte er. »Ich werde nie wieder vor Leuten singen.«

»Ach, komm schon«, sagte sie und lachte. »Das war doch gar nicht so schlecht.«

»Das war garantiert das Schlechteste, was das Publikum je auf dieser Bühne gesehen und gehört hat. Das wirst du zurückbekommen.«

»Faule Versprechungen.«

»Ach ja? Glaubst du?«, sagte er und zog sie an sich. Er hob sie auf den Barhocker und küsste sie. Dann nahm er sie auf den Arm, trug sie auf die Herrentoilette und schloss hinter ihnen ab.

»Du suchst mir einen Frauensong aus, ja? Ich glaube, du hast vergessen, dass ich ein Mann bin. Ein ganzer Mann!«

Er küsste ihren Hals und drückte sie gegen die Wand. Und dann zeigte er ihr, dass er ein Mann war.

Ein wohliger Schauer überkam Penny im Schlaf. Sie presste ihr großes Herzkissen, das Trevor für sie auf dem Jahrmarkt gewonnen hatte, fester an sich und lächelte. Doch dann verwandelte der Traum sich in einen Alptraum, und ihr Lächeln verschwand. Die Szenerie wechselte von der Herrentoilette zu ihrem Zimmer, genauer gesagt zu ihrem Bett.

»Du willst echt den Valentinstag mit deiner Mutter verbringen?«, schrie sie ihn an.

Es war der 14. Februar, ein Samstag. Trevor hatte Penny am frühen Nachmittag von der Arbeit abgeholt, und sie hatten den Tag der Liebenden ausgiebig gefeiert. Wütend kniete sie nun auf ihrem Bett und starrte ihren Freund an, der gerade zurück in seine Hose schlüpfte.

»Sie ist heute allein. Ich sag ja nicht, dass ich den ganzen restlichen Tag mit ihr verbringen will, aber sie hat extra für mich gekocht, noch dazu mein Lieblingsessen: Steak, Petersilienkartoffeln und Babykarotten. Du bist auch herzlich eingeladen.«

»Deine Mutter mag mich doch gar nicht.« Das hatte Martha Walker ihr noch am Tag zuvor mehr als deutlich klargemacht. Natürlich wusste Trevor nichts von dem Besuch seiner Mutter bei Penny. So wenig sie Martha mochte, so sehr liebte sie Trevor – deshalb hatte sie nicht vor, ihm etwas davon zu erzählen. Das hätte die Sache ihrer Ansicht nach nur noch komplizierter gemacht, außerdem wollte sie nicht daran glauben, dass Martha Walker die Macht hatte, sie auseinanderzubringen.

»Wie könnte man dich nicht mögen? Du bist der liebenswerteste Mensch, den ich kenne.«

Penny schüttelte den Kopf. »Trevor, du bist süß, ehrlich. Aber du bist neunundzwanzig Jahre alt. Du musst nicht immer springen, wenn Mutti ruft.«

Trevor blickte ihr in die Augen, und sie konnte Schmerz in den seinen sehen. »Du weißt nichts über meine Mutter und mich. Was wir durchgemacht haben. Sie braucht mich, okay? Das hat nichts mit uns zu tun.«

»Wie soll ich denn wissen, was ihr durchgemacht habt, wenn du es mir nicht erzählst?«

»Ein andermal vielleicht. Gerade möchte ich eigentlich gar nicht mehr mit dir reden. Wenn du es nicht akzeptieren kannst, dass ich für meine Mutter da sein will, dann soll es vielleicht einfach nicht sein.«

»Was?«

»Das mit uns.«

»Das ist doch nicht dein Ernst!«

Penny hatte eigentlich nichts gegen eine innige Mutter-Sohn-Beziehung. Sie wollte nur gern die Hintergründe verstehen. Aber was die anging, schwieg Trevor wie ein Grab. Sie blickte zu Boden. So hatte sie sich ihren ersten gemeinsamen Valentinstag nicht vorgestellt. Sie sah hinüber zu den Konzerttickets auf dem Regal, mit denen sie Trevor hatte überraschen wollen. Das Konzert einer seiner Lieblingsbands in Bristol heute Abend. Sie hatte nicht einmal mehr Lust, das Geschenk zu erwähnen.

»Ich werde jetzt zu meiner Mutter fahren. Ich lasse sie bestimmt nicht auf ihrem gekochten Essen sitzen«, verkündete Trevor.

»Dann mach doch«, erwiderte Penny, beleidigt wie ein kleines Kind.

»Mach ich auch«, sagte Trevor und ging.

Das war das Ende ihrer Beziehung. Keiner der beiden Sturköpfe wollte über seinen Schatten springen.

Wie dumm wir doch waren, dachte Penny in letzter Zeit oft. Mehr als einmal hatte sie vor ihrem Laptop gesessen und sich Fotos angesehen, die sie gemeinsam geschossen hatten. Wie sehr wollte sie Trevor eins davon mailen und gleich den Wunsch anhängen, ihn wiederzusehen, vielleicht auf einen Kaffee. Jedoch traute sie sich nicht. Warum war das mit der Liebe auch nur so kompliziert?