Danken möchte ich meinem Lektor Sebastian Richter und meinem Mann Sven Severin, die – jeder aus einer anderen Richtung – einen großen Anteil an der Entstehung dieses Buches hatten. SM
UND DER LEUCHTENDE STEIN
ILLUSTRATIONEN VON LAURENT GAPAILLARD
Zwei Fragen und noch keine Antwort
32 durch 8 ist nicht 5
Können Kröten küssen?
Warum Karotten nicht grün sind
Ein Botenreiter wird ohnmächtig
Eine Hummel fällt vom Strohhalm
Der Großgenius steht auf dem Kopf
Prinz Alwin heult nicht
Ein Wachkobold bekommt selten ein warmes Abendessen
Ein unheimlicher Schrei erschüttert die Kobolddörfer
Letizia verklüngelt sich
Merline kennt eine Abkürzung
Telmah kann immer noch nicht bremsen
Prinz Alwin muss zu Hause bleiben
Ein Feuer bricht aus
Letizia macht einen Ausflug
Frau Lunte hat einen Einwand
Eine rote Schlange verschwindet
Was ist passiert vor 500 Sonnenwenden, dass die Menschlinge aufgehört haben, an die magischen Fähigkeiten der Nanis zu glauben? Das ist die historische Frage.
Die magischen Kräfte der Nanis konnten gegen die messerscharfe Vernunft der Menschlinge nichts mehr ausrichten. Nach und nach verloren sie jede Ehrfurcht vor dem kleinen Volk. Statt sich von ihren Zauberkräften helfen zu lassen, nahmen sie die kleinen Kerlchen gefangen, stellten sie im Zirkus zur Schau oder ließen sie in engen dunklen Bergwerken nach Silbererzen buddeln. Ein friedliches Zusammenleben mit den Menschlingen war nicht mehr möglich.
In ihrer Verzweiflung haben sich die Nanis bis tief in die Karpaten an den östlichen Rand Europas zurückgezogen und leben dort seitdem friedlich in den letzten fünf Nanidörfern dieser Erde am Ufer des Paralù-Sees.
Nanis werden bis zu sieben Tannenzapfen groß und bis zu 180 Sonnenwenden alt. Obwohl sie mit ihren spitzen Ohren außerordentlich gut hören, können sie nicht singen oder sonst irgendwie Musik machen. Sie ernähren sich ausschließlich vegetarisch. Nur bei Fliegenflügeln, die sie wie Parmesankäse über alles Mögliche streuen, machen sie eine archaische Ausnahme. Ansonsten pflegen sie ein sehr respektvolles Verhältnis zu den Tieren und Pflanzen, die sie umgeben.
Regiert werden sie von der Familie des Großgenius und dem Ältestenrat. Ihre magischen Kräfte beruhen auf der Konzentration ihrer Gedanken, auf Vorstellungskraft, Einfühlungsvermögen und den aus alten Zeiten überlieferten Zaubersprüchen.
Aber warum werden die magischen Fähigkeiten der Nanis von Generation zu Generation schwächer und schwächer? Das ist die Gegenwartsfrage.
Immer öfter misslingen Zaubersprüche, magische Gegenstände funktionieren nicht mehr richtig, Gedankenlesen ist unter ihnen fast zu einer besonderen Fähigkeit geworden, und immer weniger Nanikinder werden überhaupt noch zum Zauberunterricht zugelassen.
Auf beide Fragen haben die Nanis keine Antwort.
Die Nanis lebten friedlich in den letzten fünf Nanidörfern dieser Erde …
Obwohl er noch nicht einmal fünf Tannenzapfen groß war, machte es Prinz Alwin keine Mühe, auf die knorrige Fichte zu klettern. Er lehnte in einer Astgabel und ließ die Beine baumeln. Vor ihm spiegelten sich die dichten Wälder der Karpaten im grünen Wasser des Bergsees, hinter ihm schmiegten sich die letzten fünf Nanidörfer an den mächtigen Berghang des Paralù.
Oben im Baum arbeitete Karim, der Buntspecht, an seiner Höhle. Normalerweise hatte Prinz Alwin einen Riesenspaß daran, zum „Pok, pok, pokpokpok“ des Spechts seine spitzen Ohren wackeln zu lassen. Aber heute hatte er keine Lust dazu. Zum dritten Mal in diesem Mond hatte er seine Hausaufgaben nicht gemacht und deshalb die Nanischule geschwänzt. Missmutig schaute er in den Himmel und entdeckte zwei Wolken, die aussahen wie Wildschweine. Auf dem Rücken eines Wolkenwildschweins wäre er gern weit weg geritten. Weg von Hausaufgaben und Schule und weg von seinen Mitschülern, die immer meinten, man würde ihn bevorzugen, nur weil sein Vater, Geisir III., der Großgenius aller Nanis war.
Er konzentrierte seine Gedanken auf eine Wolke, die der vorderen in den Hintern zu beißen schien. Dann schloss er die Augen und versuchte, an nichts anderes mehr zu denken als an die spitze Schnauze, den dicken Bauch …
Aber statt der Wildschweinwolke formte sich in seinem Kopf das Bild von Schuldirektor Karwiesel, der untertänigst bei seiner Mutter Elkaste nachfragte, warum Prinz Alwin heute nicht in die Schule gekommen war. Er sah den Schuldirektor deutlich vor sich und konnte erkennen, wie dessen Ohren vor Entrüstung zitterten. Karwiesels schneidende Stimme drang bis in seine Zehenspitzen: „Wenn Ihr Sohn so weitermacht, werden wir ihn nicht in den Zauberunterricht aufnehmen können! Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass er in kaum einem Fach die von ihm geforderten Leistungen erbringt.“
„Das ist nicht wahr!“, schrie Prinz Alwin wütend.
Der Specht hörte erschrocken auf zu pochen und ließ ungeniert etwas fallen. Der weiße Klacks streifte Prinz Alwins Schulter, der Rest plumpste ins Wasser und wurde sofort von einem Schwarm junger Fische als besondere Delikatesse verspeist.
„’Tschuldigung“, krächzte Karim, aber Prinz Alwin hatte es gar nicht bemerkt, so aufgebracht war er.
„Warum schreist du denn so?“, wollte der Specht von ihm wissen.
Prinz Alwin hatte in der letzten Zeit so oft die Schule geschwänzt, hier auf seinem Baum gesessen und Karim beim Höhlenbau zugesehen, dass er sich schon sehr gut mit ihm unterhalten konnte. „Tiersprachen“ war das einzige Fach, in dem er der Beste in seiner Klasse war. Bei Tieren musste man nicht nur irgendwie hinhören, sondern auch ganz genau hinsehen, weil sie mit ihrem ganzen Körper redeten.
„Ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht“, brummte Prinz Alwin.
„Machst du sie eben morgen“, murmelte Karim.
„Ich habe sie in diesem Mond schon dreimal nicht gemacht“, gestand Prinz Alwin.
„Hm“, Karim legte den Kopf schief, „das ist natürlich etwas anderes.“ Ein „Hm“ mit schiefgelegtem Kopf war ein großer Unterschied zu einem „Hm“, bei dem Karim einfach weitergepocht hätte.
„Wenn ich drei Tage nicht an meiner Höhle bauen würde“, erläuterte der Specht, „dann würde sie nicht rechtzeitig fertig. Und dann könnte ich mir keine Frau suchen, weil mich ohne Wohnung keine nehmen würde.“
„Aber genau das ist es doch“, verteidigte sich Prinz Alwin, „du weißt, warum du jeden Tag an deiner Höhle arbeitest. Aber ich, warum muss ich wissen, wie viel Abstand der Mond von der Erde hat, und wozu muss ich wissen, dass 32 durch 8 gleich 5 ist.“
„Warum schreist du denn so?“, wollte der Specht wissen …
„32 durch 8 ist 4“, widersprach der Specht.
„Woher weißt du das denn?“
„Wenn man 32 Würmer hat und 8 Kinder, dann bekommt jedes Kind nur 4 Würmer und nicht 5. Wenn du den ersten 5 Würmer gibst, bleibt für das letzte nichts mehr übrig.“
„Pfff“, machte Prinz Alwin trotzig, „aber warum ist 1 + 1 = 2 und kein Ei, und warum ist 4 x 5 = 20 und nicht ranzig, und warum –“
„Jetzt lenkst du ab“, unterbrach ihn der Specht.
„Vielleicht“, gab Prinz Alwin zu, „aber wenn ich heute nach Hause komme, wird meine Mutter mir wieder einen Vortrag halten, dass die Schule für den Sohn des Großgenius aller Nanis ein Klacks sein müsste.“
„Was ist ein Klacks?“
Das müsste der Specht ja nun wirklich wissen, dachten die Fische, die unten im Wasser begierig auf einen Nachschlag warteten.
Prinz Alwin antwortete nicht. Seine spitzen Ohren hatten etwas vernommen, was der Wind von der anderen Seite des Sees herübertrug – ein dünnes langsam anschwellendes Geräusch, wie er es im Wald noch nie gehört hatte. Er rutschte auf seinem Ast so weit nach vorne, bis er fast ins Wasser gefallen wäre, und spähte und lauschte in alle Richtungen, aber er konnte nichts sehen außer Bäumen, Schilf und dem See mit seinen Bewohnern: Ein Fischreiher stakste am Ufer entlang, eine Wildentenfamilie machte einen Ausflug, ein paar Frösche quakten, Mückenschwärme tanzten über die ruhige Wasseroberfläche. „Hörst du das auch?“, fragte er den Specht. Aber der hatte gerade einen Borkenkäfer erbeutet, und der harte Panzer knackte in seinen Ohren.
Prinz Alwin rutschte von seinem Baum herunter. Wie von einer unsichtbaren Hand geführt, folgte er dem fremden Geräusch. Es klang, als wenn jemand die feinen silbernen Teelöffel seiner Mutter zart und doch gleichzeitig kräftig gegeneinanderschlüge. Im nächsten Moment rissen die silbernen Töne ab. Nur noch ein leises Gemurmel drang von der anderen Seite des Sees zu ihm herüber. Durch das hohe Schilf versuchte er zu erkennen, woher das Gemurmel kam, aber die Halme standen zu dicht.
Er schlich weiter heran, bis ihm das Schilf keine Deckung mehr bot. Er konnte das gegenüberliegende Ufer sehen, das an dieser Stelle nicht mehr als zwanzig Baumlängen entfernt war. Dort drüben bewegte sich etwas. Er kniff die Augen zusammen, um gegen die tief stehende Sonne etwas erkennen zu können, und ihm stockte der Atem. Auf der anderen Uferseite stand ein riesiges Wesen im roten Abendlicht. Zwar war es einem Nani nicht unähnlich – es ging aufrecht, hatte zwei Arme und zwei Beine –, aber es war mindestens doppelt, wenn nicht sogar dreimal so groß wie er selbst.
Das riesige Wesen war mit einer langen rot-weißen Stange beschäftigt. Es bohrte die Stange in die Erde, redete mit sich selbst, zog die Stange wieder heraus, bohrte sie etwas entfernt erneut in den Boden und zog sie wieder heraus. Für das, was um es herum geschah, hatte es nicht die geringste Aufmerksamkeit. Irgendwann hatte es offensichtlich genug, stand eine Weile still und schaute sich um. Prinz Alwin duckte sich rasch hinter eine Seerose. Das Wesen legte die Hände um den Mund, als ob es etwas rufen wollte. Und dann wiederholte es die Töne, die Prinz Alwin auf seinem Baum wahrgenommen hatte. Doch jetzt waren sie nicht silbern und zart, sondern kräftig und klar, wie die einer Nachtigall, die nach Einbruch der Dunkelheit flötet. Nur klang es viel tiefer und die einzelnen Töne waren aneinandergebunden. Er hörte staunend zu, wie sie sich zum Wipfel des Paralù erhoben und von den schroffen Felsen zurückgeworfen wurden.
Prinz Alwin versuchte, sich jeden einzelnen Ton einzuprägen. Doch sie waren untrennbar miteinander verknüpft, wie die Wellen im See und zugleich ein bisschen wie das Zwitschern der Vögel – und doch auch wieder vollkommen anders. Sanft wie Blätter im Wind schwebten die Töne wieder zurück zum See hinunter.
Stille. Selbst die Frösche hatten aufgehört zu quaken. Das Wesen nahm seine Stange, und einen Flügelschlag später hatte der Wald es verschluckt.
Prinz Alwin erwachte wie aus einem Traum. Er hatte die Angst vor seiner Mutter wegen der nicht gemachten Hausaufgaben und des Schulschwänzens vollkommen vergessen und rannte so schnell er konnte nach Hause.
Mendusa, der Hausgeist, erblasste vor Schreck und wurde mit einem leisen Plopp! zu einer weißen Wolke, die an der Holzdecke hing, als Prinz Alwin völlig durchnässt und außer Atem durch die Haustür trat. Sie hasste es, dass sie gegen ihren Willen bei Gefahr unsichtbar wurde, auch wenn sie sich die Gefahr vielleicht nur einbildete, aber sie konnte nichts dagegen tun. Erst als sie die kleine, von Ebereschen, Wildkirschen und Ahornbäumen eingerahmte Lichtung vor der Hütte nach gefährlichen Verfolgern abgesucht und niemanden entdeckt hatte, wurde sie wieder sichtbar, ließ jedoch sicherheitshalber den Riegel der schweren Eichentür einrasten.
Ehe sie sich erkundigt hatte, was passiert war, tauchte Elkaste, die Hausherrin, hinter ihr auf. Ihr zorniges Gesicht versprach nichts Gutes.
Der Schuldirektor war tatsächlich bei ihr gewesen, hatte sie bei der selbst für eine erfahrene Zauberin schwierigen Zubereitung von Heilessenzen gestört und sich über Prinz Alwin beschwert. Elkaste schob ihren Sohn in den holzgetäfelten, mit weichem grünen Moos ausgelegten Salon und erkundigte sich mit gefährlich leiser Stimme: „Warum warst du heute nicht in der Schule?“
„Weil ich meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte“, murmelte Prinz Alwin wahrheitsgemäß.
„Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht?!“ Elkaste verzog ihr Gesicht, als hätte sie heftige Zahnschmerzen. „Ist dir eigentlich klar, dass du möglicherweise nicht zum Zauberunterricht zugelassen wirst?“
Und wenn ich gar nicht zaubern lernen will?, dachte Prinz Alwin trotzig. Wozu braucht man das altmodische Zeug heute noch, das sowieso meistens nicht funktioniert? Laut sagte er das aber nicht.
„Wir hatten schon schlechte Zauberer in der Familie“, hörte Prinz Alwin seine Mutter schimpfen, „aber noch nie, noch nie ist jemand aus unserer Familie gar nicht erst zum Zauberunterricht zugelassen worden! Für den Sohn eines Großgenius ist die Schule ein Klacks!“
Prinz Alwin verkniff sich eine Widerrede. Es hatte keinen Sinn, seiner Mutter zu erklären, warum die Schule für ihn durchaus kein Klacks war, sondern eine mühsame Wurstelei durch lauter Themen, die ihn nicht interessierten.
Er klappte seine spitzen Ohren ein wenig nach hinten, nahm ihre Strafpredigt mit gesenktem Kopf entgegen. Zwischendurch begehrte er mit einem „Ja, aber …“ auf.
Das „Ja“ zeigte ihr seine reuige Einsicht, das „Aber“ deutete hingegen auf einen Anflug von Protest. Er hatte herausgefunden, dass das die beste Methode war, seine Mutter zu beruhigen. Schließlich konnte er ihr von dem riesigen Wesen und den geheimnisvollen Tönen erzählen.
Elkaste schaute ihren Sohn argwöhnisch an. War das wieder eine seiner erfundenen Geschichten, mit denen er von sich selbst ablenken wollte? „Hast du vielleicht wieder den Bären gehört, der dich nach Russland eingeladen hat?“, erkundigte sie sich.
Von dem Bären hatte Prinz Alwin vorvorgestern seiner kleinen Schwester Letizia erzählt. Die konnte aber auch gar nichts für sich behalten! Ehe er jedoch das Wesen und die Töne besser beschreiben konnte, legte Elkaste den Kopf in den Nacken. Es klang, als ob ein aufgeregter Truthahn seine Hennen zur Ordnung riefe.
„War es so?“, wollte sie wissen.
„Nein“, sagte Prinz Alwin. Er ärgerte sich darüber, dass sie ihm nicht glaubte. „Es war ein schönes Geräusch! Nicht so was.“
„Vielleicht so?“
Elkaste stellte sich auf ein Bein, fing an, um sich selbst zu hopsen und gab dabei ein gefährliches Summen von sich, das an einen aufgeschreckten Bienenschwarm erinnerte. „Nein! Völlig falsch!“ Prinz Alwin stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf. Auch wenn sie immer behauptet, die Beste in der Schule gewesen zu sein, dachte er, Tiersprachen kann sie jedenfalls nicht nachmachen.
Mendusa schwebte aus der Küche herbei und betrachtete verwundert die hüpfende Großgenia.
„Sie ist heute Nachmittag sehr nervös gewesen, weil du nicht nach Hause gekommen bist“, flüsterte sie Prinz Alwin zu, „aber wenn sie einen Kamillentee trinkt, wird sie sich wieder beruhigen.“
Mendusa eilte zurück in die Küche, damit ihr das Teewasser nicht wegkochte.
Elkaste hörte auf zu hüpfen. „Sondern?“, fragte sie etwas außer Atem.
„Ich kann es nicht besser beschreiben. Es war – “, Prinz Alwin fielen keine Geräusche ein, die mit den Tönen vergleichbar waren. „Ein bisschen wie Wellen im Wind.“ Er dachte nach. „Nee, irgendwie ganz anders!“, sagte er schließlich nur.
Elkastes Gesicht wurde ernst. „Du hast also ein Wesen gesehen, das aufrecht geht, genau wie wir, nur viel größer ist?“
Prinz Alwin nickte.
„Hatte es ein Fell?“
Prinz Alwin überlegte einen Augenblick, dann schüttelte er den Kopf.
„Es hatte eine grüne Jacke an, mit ganz vielen Taschen, und lange braune Haare.“
Elkaste zupfte besorgt an ihrem Ohrläppchen. Endlich nahm sie ihren Sohn ernst. „Wir müssen deinen Vater informieren“, entschied sie. Die drohende Nichtzulassung zum Zauberunterricht schien sie zunächst vergessen zu haben. Prinz Alwin wurde klar, dass er eine wichtige Beobachtung gemacht hatte, wenn diese auf der Stelle seinem vielbeschäftigten Vater mitgeteilt werden musste.
Ratlos betrachtete Geisir seinen Sohn. Seine Hände hatte er auf seinem dicken Bauch gefaltet, als hätte er Angst, dass der ihm weglaufen könnte. Seine spitzen Ohren wackelten nachdenklich hin und her. „Ein Geräusch wie Wind und Wellen, das rauf- und runtergeht?“
„Und das Wesen hatte einen langen rot-weißen Stab bei sich.“ Das hatte Prinz Alwin ganz vergessen, seiner Mutter zu erzählen.
Elkaste zog Geisir ein wenig zur Seite und flüsterte auf ihn ein, während er ihr mit ernster Miene zu hörte. Prinz Alwin schnappte ein Wort auf, das ihn erschaudern ließ. „Auweia“, entfuhr es ihm, „ihr meint, ich habe einen Menschling gesehen?“
Seine Eltern drehten sich erschrocken zu ihm um. Sie hatten ganz vergessen, dass er immer noch im Raum war.
„Nein, ich glaube das nicht.“ Der Großgenius schüttelte heftig den Kopf, als könnte er diesen Gedanken damit vertreiben. „Die Menschlinge wollten uns nicht mehr um sich haben. Und wir wollten sie auch nicht mehr, seit sie aufgehört haben, an unsere Zauberkraft zu glauben. Warum sollten sie uns jetzt besuchen? Es ist zu beschwerlich für sie, über die sieben Berge, sieben Seen und sieben Flüsse hierherzukommen. Deshalb haben wir uns diesen Platz in den Karpaten ausgesucht.“
„Aber wenn es doch einem von ihnen gelungen ist?“ Elkaste zupfte schon wieder an ihren Ohrläppchen.
Mendusa schwebte mit einem Silbertablett herein und servierte den Kamillentee.
„Wir werden unsere Wachweitel ausschicken“, beruhigte Geisir seine Frau, „wenn das Wesen wirklich so groß ist, werden sie es finden.“
Er goss sich eine Tasse Tee ein und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Prinz Alwin setzte sich an den kunstvoll geschnitzten Tisch und löffelte sich Honig in den Tee, ohne dass seine Mutter ihn mal wieder ermahnte, den Tee mit etwas Honig und nicht Honig mit etwas Tee zu trinken.
„Sind die Töne, die ich gehört habe, die Sprache dieser Menschlinge?“
Elkaste war ganz in Gedanken versunken und überhörte seine Frage. Prinz Alwin wiederholte sie noch einmal, aber seine Mutter sagte, statt ihm eine Antwort zu geben:
„Es ist besser, wenn du mit niemandem darüber redest, was du gesehen hast.“
„Aber warum denn nicht?“
„Du hast bestimmt etwas Merkwürdiges gesehen“, erklärte Elkaste, „aber du siehst manchmal Dinge …“ Sie sah Prinz Alwin eindringlich an. „Es ist besser, keine Unruhe zu verbreiten, wenn es nicht unbedingt nötig ist.“
Prinz Alwin trank seinen Honig mit etwas Tee aus.
„Versprichst du es mir?“, drängte Elkaste.
Prinz Alwin nickte. „Ich will auch lernen, solche Töne zu machen wie dieses lange Wesen!“ Er setzte an, aber es kamen nur kurze Krächzer aus seinem Mund.
Elkaste runzelte die Stirn. „Das halte ich für keine gute Idee.“
Prinz Alwin sprang wütend auf. „Immer schimpfst du, dass ich nichts lernen will, und jetzt will ich was lernen, und da sagst du, es geht nicht!“
Am liebsten wäre er aus dem Zimmer gerannt, aber das konnte seine Mutter absolut nicht leiden.
„Kann ich gehen?“, fragte er daher so beherrscht wie möglich. Seine Mutter nickte seufzend. Prinz Alwin verließ den Salon.
„Mach deine Hausaufgaben!“, rief sie ihm hinterher.
Er blieb in der Tür stehen. „Ich weiß nicht, was wir heute aufhaben, ich war ja nicht da“, murmelte er verlegen.
Seine Mutter seufzte. „Ich schreibe dir eine Entschuldigung, aber das ist wirklich das allerletzte Mal!“
Als Prinz Alwin am nächsten Morgen zum Frühstück kam, saß seine kleine Schwester Letizia schon am Tisch. Sie kaute aufgeregt an ihrem Honigbrot und wollte wissen, wo er gestern soooo lange gewesen war. „Mendusa und Mama haben sich solche Sorgen gemacht“, berichtete sie ihm vorwurfsvoll.
Letizia war, wie alle kleinen Schwestern, ein bisschen lästig. Sie steckte ihre Nase in Sachen, die sie in ihrem Alter überhaupt noch nichts angingen. Dauernd lief sie hinter ihm her und stellte nervtötende Warum-Fragen, etwa: „Warum haben Bäume grüne Blätter und nicht blaue?“, „Warum brennt Holz?“, „Warum ist es im Winter kalt und im Sommer warm?“ Elkaste war sehr stolz auf Letizias Fragen. Sie betonte immer wieder, dass Letizia ihrem Alter weit voraus sei.
„Nun sag doch endlich – wo warst du gestern so lange?“, quengelte sie jetzt.
Prinz Alwin knackte sich umständlich ein paar Bucheckern in seine Haferflocken, streute getrocknete Blaubeeren hinein und ließ den Honig in einer feinen Spur darüber tropfen. Dann fing er an zu erzählen: „Gestern habe ich auf dem dicken Ast meiner Fichte gelegen und mir die Wolken angeschaut, alles war ganz normal, Vogelzwitschern und Mücken und Frösche und so, aber dann habe ich plötzlich ein ganz merkwürdiges Geräusch gehört.“
In genau diesem Augenblick kam seine Mutter zur Tür herein und warf ihm einen warnenden Blick zu. Prinz Alwin biss sich auf die Unterlippe. Um ein Haar hätte er sein Versprechen gebrochen, mit niemandem über das Geräusch und das seltsame Wesen zu reden. Und mit niemandem hieß natürlich schon gar nicht mit seiner Schwester, denn die konnte wirklich gar kein Geheimnis für sich behalten.
„Also …“, Prinz Alwin machte eine kleine Pause, um Zeit zu gewinnen.
„Alwin!“, ermahnte ihn seine Mutter.
„Was hast du denn, Mama? Jetzt hat er doch wirklich nichts gemacht!“, verteidigte ihn Letizia.
Prinz Alwin schaute seine Mutter an. „Es war ein scheußliches Geräusch, so, wie ich es im Wald noch nie gehört habe.“
Elkastes Gesicht entspannte sich etwas.
„Ich bin von meinem Ast gestiegen und habe versucht herauszufinden, wo das Geräusch herkam.“
„Hast du keine Angst gehabt?“, wollte Letizia wissen.
„Nein, daran habe ich gar nicht gedacht“, sagte Prinz Alwin ein bisschen prahlerisch, denn außerhalb seiner erfundenen Geschichten hatte er sehr wohl Angst vor unheimlichen Geräuschen.
„Was war es denn, jetzt sag schon endlich!“
Prinz Alwin machte eine Pause, um seine Schwester noch etwas zappeln zu lassen.
Außerdem hatte er keine Ahnung, wie die Geschichte weitergehen sollte. Aber dann huschte ein Grinsen über sein Gesicht: „Es waren zwei so dicke Kröten –“, Prinz Alwin zeigte mit seinen Händen die Größe von einem Kürbis an, „die wollten sich küssen.“
Letizia verzog das Gesicht. „Sich küssen“, wiederholte sie angeekelt, dann wandte sie sich an ihre Mutter. „Ist das wahr, können Kröten küssen?“
„Wenn Prinz Alwin es gesehen hat, haben sie es zumindest versucht“, bestätigte Elkaste und warf ihrem Sohn einen anerkennenden Blick zu.
„Erst haben sie’s mit einer Umarmung probiert.“ Einmal in Schwung gekommen, nahm Prinz Alwins Fantasie volle Fahrt auf. „Sie haben ihre Glibberfinger mit den Saugnäpfen ausgefahren und sich dann so aneinander geschrubbelt …“ Er streckte seine Arme nach Letizia aus, und ehe sie begriff, was er vorhatte, zog er sie an sich und drückte ihr blitzartig einen schmatzenden Kuss aufs Auge.
„Iiiiiihhhäääh!“, kreischte Letizia und rannte aus dem Zimmer.
„Eugen!“
Fünf Baumlängen vor Prinz Alwin stapfte ein spindeldürrer, viereinhalb Tannenzapfen großer Nanijunge zur Schule. Eugen hatte ordentlich gekämmte Haare, saubere Fingernägel und als Schulranzen trug er einen altmodischen Weidenkorb auf dem Rücken. Er war in allen Fächern – außer in Tiersprachen – Klassenbester und machte immer seine Hausaufgaben.
„Eugen, bleib doch mal stehen!“ Prinz Alwin fing an zu rennen.
Vielleicht würde er das Entschuldigungsschreiben seiner Mutter gar nicht brauchen. Eugen marschierte ungerührt weiter und tat so, als hätte er Prinz Alwin nicht gehört.
„Bitte Eugen, wenn ich schon wieder ohne Hausaufgaben komme, nehmen sie mich nicht in den Zauberunterricht auf.“
„Warum hast du sie dann nicht gemacht?“ Eugen dachte gar nicht daran, auf ihn zu warten.
Prinz Alwin überholte ihn. „Ich musste meinem Vater beim Regieren helfen.“
Eugen tippte sich an die Stirn. „Regieren helfen“, wiederholte er verächtlich.
„Eugen, jetzt sei doch nicht so stur, ich bring dir morgen ein Stück Tannenzapfenstrudel mit.“
Eugen hielt an. „Mit Vanillesoße?“ Seine spitzen Naniohren wackelten vor Vorfreude.
Prinz Alwin nickte.
Eugen nahm den Weidenkorb und zog eine hauchdünne Schiefertafel hervor, die die Nanischüler benutzten, um darauf ihre Hausaufgaben zu notieren. Genau in diesem Moment pfiff eine Haselnuss zwei Fingerbreit an seinem Ohr vorbei. Hinter einem Himbeerstrauch tauchte Herribold, der Sohn des reichen Schneidermeisters, auf.