Dreißig Jahre hat Hüseyin in Deutschland gearbeitet, nun erfüllt er sich endlich seinen Traum: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Nur um am Tag des Einzugs an einem Herzinfarkt zu sterben. Zur Beerdigung reist ihm seine Familie aus Deutschland nach. Fatma Aydemirs großer Gesellschaftsroman erzählt von sechs grundverschiedene Menschen, die zufällig miteinander verwandt sind. Alle haben sie ihr eigenes Gepäck dabei: Geheimnisse, Wünsche, Wunden. Was sie jedoch vereint: das Gefühl, dass sie in Hüseyins Wohnung jemand beobachtet. Voller Wucht und Schönheit fragt »Dschinns« nach dem Gebilde Familie, den Blick tief hineingerichtet in die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte und weit voraus.
Fatma Aydemir
Dschinns
Roman
Hanser
Für R.
… Bilder, die wir nie sahen, ehe wir uns ihrer erinnerten.
Walter Benjamin
HÜSEYIN ... WEISST DU, wer du bist, Hüseyin, wenn du die glänzenden Konturen deines Gesichts im Glas der Balkontür erkennst? Wenn du die Tür öffnest, auf den Balkon trittst und dir warme Luft übers Gesicht streicht und die untergehende Sonne zwischen den Dächern der Wohnblocks von Zeytinburnu leuchtet wie eine gigantische Apfelsine? Du reibst dir die Augen. Vielleicht, denkst du, vielleicht war jede Hürde und jeder Zwiespalt in diesem Leben nur dazu da, um irgendwann hier oben zu stehen und zu wissen: Ich habe mir das verdient. Mit dem Schweiß meiner Stirn.
Du hörst den ersten Abendezan auf dem Balkon deiner Wohnung, deiner geräumigen 3 + 1-Zimmer-Wohnung im vierten Stock, für die du fast dreißig Jahre gearbeitet und gespart hast, während du vier Kinder aufgezogen und deiner Frau ein zwar bescheidenes, aber nie notdürftiges Leben geboten hast. Du hast deine Tage in drei Schichten gelebt, Hüseyin, hast alle Sonntagsdienste, Feiertagsdienste, Überstunden übernommen, hast von allen vorhandenen Zulagen in der Metallfabrik zu profitieren versucht, um die Familie durchzubringen, um dem Kleinen Fußballschuhe zu kaufen, um die Schulden des Großen zu begleichen, um ein bisschen was zur Seite zu legen. Und nun hast du es endlich geschafft. Du bist neunundfünfzig und Eigentümer. Wenn in ein paar Jahren Ümit die Schule beendet und du endlich Deutschland, dieses kalte, herzlose Land, verlassen kannst, dann gibt es diese Wohnung hier in Istanbul mit deinem Namen auf dem Klingelschild. Hüseyin! Du hast endlich einen Ort gefunden, den du dein Zuhause nennen kannst.
Genieß es, Hüseyin. Hör, wie die laute Musik aus den Läden der Straße unter dir jetzt plötzlich verstummt und da nur noch der Ezan ist und die Hupen und Stimmen von Millionen von Menschen, die weiter durch die Straßen irren, um ihren Geschäften nachzugehen. Lausch dem Geschrei der Möwen. Saug die schwüle Luft ein, die nach Abgasen und verbranntem Müll riecht, lass deinen Blick ruhig noch ein paar Minuten auf dem Gewusel da unten zwischen den Häusern ruhen, bevor du beten gehst.
Schau, gegenüber hat eine Filiale von Ibrahim Tatlıses’ Lahmacun-Restaurantkette aufgemacht. Du mochtest doch seine Lieder früher so gerne, Hüseyin, du hattest dir eine Platte von ihm besorgt, hast dir jeden Abend im Heim eine Flasche Kristallweizen geöffnet, auf das Zischen des Kronkorkens folgte das Rauschen des Plattenspielers, die Bağlama zu Beginn von Tükendi Nakdi Ömrüm. Weißt du noch, Hüseyin, zu diesem Lied hast du so viele Zigaretten geraucht, dass dein Körper sich zu einer einzigen weißen Rauchwolke auflöste in der engen Heimküche am Ende des Flurs, dieses langen, dunklen Flurs. Du fühltest Ibo, weil er in seinen Liedern von all den Menschen sang, denen keiner Gehör schenkte, den armen und dunklen und hart arbeitenden Menschen vom Land, denen wie du, Hüseyin. Und du fühltest Ibo, weil auch er die Sprache seiner Eltern abgelegt hatte wie einen unnützen Sack voll Kieselsteine.
Inzwischen aber kannst du ihn nicht mehr ertragen, du verabscheust Ibo sogar, wie er jeden Freitagabend in seiner Fernsehsendung herumhampelt und blödes Zeug spricht und seine Bauchtänzerinnen angafft, dieser ehrlose Mann, der einen einfachen Händler auf dem Markt von Urfa erschießen ließ, weil der ihn nicht bedienen wollte. So jedenfalls stand es in den Zeitungen.
Nein, Hüseyin, das ist bei aller Liebe nicht die Art von Mensch, dessen Kassetten du kaufen und hören willst. Außerdem ist Ibo auch noch von Volksmusik zu Arabesk gewechselt, und du hast doch dem Alkohol und dem Tabak längst abgeschworen, und ohne Alkohol ist dieser Arabesk ja wohl kaum zu ertragen. Und selbst wenn: Was können dir Lieder von einem solchen Menschen noch geben? Einem Mann, der seine Frauen schlägt und sich damit auch noch öffentlich schmückt? Nichts. Aber Perihan und Hakan und Ümit wird das Restaurant bestimmt trotzdem beeindrucken. Es gehört eben dem berühmtesten Menschen des Landes, und du wirst nichts dagegen sagen können, Hüseyin, wenn deine Kinder jeden Tag dorthin eilen werden, um sich mit dem Zeug vollzustopfen.
Im Gegenteil, du wirst ihnen das Essen selbst spendieren, wirst ihnen friedlich zusehen und dich daran erfreuen, dass du ihnen endlich ermöglichen kannst, von nun an jeden Sommer in Istanbul zu sein, in dieser prachtvollen Stadt, für die seit Jahrhunderten so viele Kriege geführt wurden, so viel Blut geflossen ist, und alles umsonst. Denn niemand hat verstanden, dass sich diese Stadt niemals erobern lässt, von niemandem. Am Ende nämlich erobert die Stadt immer dich. Am Ende wirst du nicht mehr sein als nur eine weitere Staubschicht in der Erde zu den Füßen neuer Eroberer mit den immer gleichen Sehnsüchten, und Istanbul wird auch sie alle in sich aufnehmen und verschlingen und zu Staub machen und sich an ihnen nähren und immer weiter wachsen zu noch strahlenderer Pracht.
Du, Hüseyin, hast schon gewusst, dass du irgendwann nach Istanbul zurückkehren würdest, als du das erste Mal hier ankamst. Du kamst damals mit dem Zug aus dem Dorf und stiegst hier in Istanbul für eine Woche bei Verwandten ab, ehe du den Bus und dann die Bahn nach Süddeutschland nahmst, um dir dort eine Arbeitsstelle zuweisen zu lassen. Sie haben dich in eine Reihe mit anderen Arbeitern gestellt, haben eure nackten Körper inspiziert und euch in die Unterhosen geschaut. Das war im Frühjahr 1971.
Deutschland war nicht das, was du dir erhofft hattest, Hüseyin. Du hattest dir ein neues Leben erhofft. Was du bekamst, war Einsamkeit, die nie ein neues Leben sein kann, denn Einsamkeit ist eine Schleife, ist die ständige Wiederholung derselben Erinnerungen im Kopf, ist die Suche nach immer neuen Wunden in längst entschwundenen Ichs, ist die Sehnsucht nach Menschen, die man zurückgelassen hat. Aber was solltest du tun, Hüseyin? Du konntest doch nicht einfach zurück in dein Dorf. Also bliebst du und tatst das, was du tun musstest, damit dein Herkommen wenigstens einen Sinn ergab.
Wie doch die Zeit vergeht, Hüseyin. Du hast in den letzten achtundzwanzig Jahren deines Lebens mehr Geld verdient, als du dir in der Türkei auch nur hättest erträumen können. Du hast es verdient, weil du dir nie zu schade für die Arbeit warst, die kein Deutscher machen wollte. Du hast nicht geahnt, dass dein Körper schon derart bald und noch lange vor dem Rentenalter genauso müde sein würde wie die deutsche Wirtschaft nach der Wende. Du wolltest in dem Moment, in dem beide Erschöpfungen zusammentrafen und die Metallfabrik schloss, wie die meisten deiner Kollegen auch in Frührente gehen, doch man gab dir leider kein Attest dafür, obwohl dein Rücken sich nach all den Jahren am Schmelzofen wie ein verkehrtes C nach innen gekrümmt hatte und dein Knie schon nach kurzen Spaziergängen furchtbar zu schmerzen begann.
Aber das hatte alles seine Richtigkeit, Hüseyin. Denn wovon hättet ihr leben sollen damals, mit noch drei Kindern zuhause, bei 900 Mark Rente? Von deinen Ersparnissen? Hättest du auf diese Wohnung hier verzichten wollen, Hüseyin, bloß damit du ein paar Jahre früher hättest anfangen können, dich auszuruhen, aber für immer in Deutschland? Natürlich nicht, Hüseyin. Also gingst du in eine andere Fabrik, mit weniger Stundenlohn und weniger Zulagen, aber immerhin reichte es, um die Ersparnisse noch auf das Nötige aufzustocken, noch ein bisschen mehr Rente einzuzahlen. Und das Zusammenfalten von Kartons konntest du nach dem jahrelangen Zusammenschmelzen von Metallresten bei 1500 Grad auch schon nicht mehr richtige Arbeit nennen. So hast du fünf weitere Jahre geschuftet, Hüseyin, bis du letztes Jahr beim Karton-Chef höchstpersönlich und betont höflich um deine Entlassung batst. Er kam dir entgegen und du fandst endlich Zeit, dich nach einer Wohnung in Istanbul umzusehen. Zeit, dich wieder deinem Glauben zu widmen, der viele Jahre wie eine ungegossene Blume vor sich hin gewelkt war. Zeit, in dich hineinzuhören und Frieden mit deinen Dämonen zu schließen. Und nächste Woche, wenn du sechzig wirst, beginnt auch für dich endlich die Rente, Hüseyin. Sie nennen es Frührente, doch nichts daran fühlt sich früh an.
Wie doch die Zeit vergeht. Wer weiß, vielleicht gehst du gar nicht mehr zurück nach Deutschland, vielleicht bleibst du einfach hier. Vielleicht wollen Emine und deine Kinder auch bleiben, wenn sie erst einmal hier sind und sehen, wie schön du die Wohnung für sie hergerichtet hast. Vielleicht macht Ümit die Schule hier fertig. Vielleicht werden Perihan und auch Hakan sich hier verlieben und beide endlich heiraten wollen. Du erschauerst bei dem Gedanken, Hüseyin, warum denn? Warst nicht du es, der damals seine älteste Tochter Sevda händeringend an einen Mann bringen wollte, der ihr ein Ultimatum stellte, als sie siebzehneinhalb Jahre alt war? Du heiratest den oder den, entscheide dich, aber einen von ihnen nimmst du und gründest eine Familie und dann müssen wir uns wenigstens nicht mehr sorgen, was Deutschland aus unserer Sevda macht, unserer Sevda, die immer viel zu viel vom Leben will, die sich nie zufriedengibt mit dem, was sie hat, dem, was sie erreichen kann. War es nicht deine Idee, Hüseyin, Sevda so in Sicherheit zu bringen? War es nicht deine Idee, ihre Träume zu töten?
Aber, armer Hüseyin, Sevda hat gemacht, was sie wollte, mit zwei Kindern auf dem Schoß hat sie es trotzdem gemacht. Siehst du das nicht? Und nun sorgst du dich also um Perihan und Hakan, dabei solltest du längst wissen, Hüseyin, dass deine Sorgen um die Kinder dich selten zu den richtigen Entscheidungen bewegen. Ja, du lächelst, Hüseyin. Das solltest du auch, schließlich ist es ein glücklicher Tag, vielleicht sogar der beste Tag deines Lebens.
Alle Möbel sind gekommen. Die Männer haben sie nach deinen Vorstellungen aufgestellt, der Spiegel und das schwere Doppelbett für Emine und dich im hintersten Zimmer, die gemusterten Klappsofas für die Kinder in den zwei kleinen Schlafzimmern. Im Wohnzimmer steht eine verzierte Anrichte aus dunklem, poliertem Holz, ganz nach Emines Geschmack. Die Anrichte wird ihr gefallen, da bist du dir sicher.
Emine, die du liebst, seit du sie das erste Mal im Nachbardorf gesehen hast. Du warst gerade erst vom Militärdienst zurück, ein bisschen verrückt, ein bisschen gebrochen, und da lief plötzlich dieses junge Mädchen mit gesenktem Kopf vor dir durch die Gasse, weiß wie eine Baumwollknospe. Gleich am nächsten Tag hast du um ihre Hand angehalten, bei ihrer Tante, denn Emines Eltern waren zu diesem Zeitpunkt längst tot. Ihre Tante versuchte, ihr Lächeln zu unterdrücken, weil sie ihr zahnloses Gebiss nicht offenbaren wollte, doch schien sie mehr als froh, fortan einen Mund weniger füttern zu müssen.
Dreiunddreißig Jahre ist das jetzt her. Und du hast Emine immer geliebt, mehr als dich selbst, auch die acht Jahre, die du so weit weg von ihr allein in Deutschland warst, hast du immer an sie gedacht, hast dich jede Nacht beim Einschlafen zu ihr hin geträumt. Zum Geruch des Rosenwassers, das sie sich morgens hinter die Ohrläppchen rieb, zu der Kühle, die ihre Haut selbst unter zwei dicken Bettdecken behielt. Keine der deutschen Frauen, denen du in den acht Jahren in den Kneipen am Fluss begegnet bist, konnte die Sehnsucht nach Emine stillen, im Gegenteil, je näher du den anderen Frauen kamst, desto stärker sehntest du dich nach deiner Emine.
Und dann war es dir endlich möglich, sie und die Kinder nachzuholen, das Warten hatte endlich ein Ende. Ihr zogt in die dunkle Erdgeschosswohnung eines gelben Hochhauses gleich bei der Fabrik, das nur von Türken und Italienern und einer alten deutschen Witwe bewohnt war. Ihr machtet das Beste aus allem, konntet eure Kinder auf bessere Schulen schicken, als es in der Heimat jemals möglich gewesen wäre. Ihr habt alles gegeben, zumindest bei allen außer Sevda. Aber das erste Kind ist eben immer ein Experiment, was willst du tun, Menschen machen Fehler, und bei den nächsten macht man es dann besser, nicht wahr, Hüseyin? Beim ersten, nur beim allerersten.
Und jetzt, Hüseyin, wartest du wieder auf Emine, nur dass diesmal sie in Deutschland ist und du in der Türkei. Nächste Woche wird sie nachkommen, mit Hakan, Perihan und dem kleinen Ümit, der endlich Sommerferien hat. Du bist extra früher geflogen, um die Wohnung vorzubereiten. Für Sonntag hat Halime Bacı, die freundliche Nachbarin von unten, dir eine Putzfrau arrangiert, die alles nochmal schön sauber machen wird. Dein Blick fällt in die Küche, Hüseyin, zu der deine zweite Balkontür führt. Da liegen die in Zeitungspapier gewickelten Aprikosen, die Halime Bacı dir am Nachmittag gebracht hat. Du hast Glück, eine so hilfsbereite und respektable Nachbarin erwischt zu haben, Hüseyin, so etwas ist auch hier schon lange nicht mehr selbstverständlich.
Der Ezan ist jetzt zwar bereits zu Ende. Aber es macht nichts, wenn du heute fünf Minuten später betest, Hüseyin. Also stößt du die Tür auf und gehst in die Küche und packst das Obst aus, lässt lauwarmes Wasser darüberlaufen. Die Balkontür bleibt offen, damit der künstliche Geruch der neuen Möbel hinauszieht. Die Aprikosen gären schon leicht, so magst du sie am liebsten. Sie schmecken zuckrig und sind fast Matsch.
Du isst eine, dann noch eine. Und gerade willst du zum Bad laufen, Hüseyin, um dich für das Gebet vorzubereiten. Gerade hast du beschlossen, deine klebrigen Finger nicht in der Küche zu waschen, sondern direkt ins Bad zu gehen, wo du dir sowieso deine Hände und dein Gesicht und deine Arme und deinen Kopf und deine Ohren und deinen Nacken und deine Füße waschen wirst, gerade hast du den ersten Schritt aus der Küche in den Flur gemacht, da spürst du ein scharfes Stechen in deinem linken Arm.
Du fragst dich, ob du dich vorhin übernommen hast, als du den Möbelpackern halfst, die zwei Sofas und drei Schlafsofas durch den Flur zu tragen, obwohl sie deine Hilfe dankend ablehnten. Aber so schwer waren die Sofas gar nicht. Der Schmerz lässt nicht nach. Er sticht zu. Wieder und wieder. Er ist wie eine Hacke, die dein Fleisch entzweit, Hüseyin.
Angstschweiß treibt dir in den Nacken, dein Körper kennt diese Art von Schmerz nicht. Und plötzlich breitet sich eine Enge in deinem Brustkorb aus, als zöge sich dein ganzer Oberkörper zusammen, bis er nicht mehr größer ist als ein Knopf. Du bleibst trotzdem stehen, Hüseyin. Du stehst da und kreuzt die Arme über der Brust, als umarmtest du dich selbst. Und musst dich hinsetzen. Du machst zwei Schritte in Richtung Wohnzimmer, wo der neue Esstisch und die dazugehörenden neuen Polsterstühle stehen, aber während der zwei Schritte überkommt dich plötzlich eine solche Übelkeit, dass du doch lieber schnell ins Bad willst, aber das schaffst du jetzt nicht mehr, und dein Körper beugt sich nach vorne und du erbrichst dich vor der Wohnungstür mitten auf deinen Flur.
Du hustest und gehst in die Knie und schreist so laut du kannst nach der Nachbarin Halime Bacı. Du hämmerst mit beiden Händen gegen den Boden, doch du weißt nicht, ob dieses Klopfen überhaupt zu hören ist. Die Welt dreht sich, im Vorbeiziehen siehst du die Aprikosenstückchen auf dem Eichenfurnierboden. Dein Körper versucht, sich aus der Hocke wieder aufzurichten, doch er schafft es nicht, Hüseyin, alles ist zu schwer, zu viel, zu eng, dein Brustkorb ist voller ruckartiger Krämpfe, und während du nach Halime schreist, schnellst du nach oben und verlierst dein Gleichgewicht und dein Körper plumpst auf den Boden und in dein Erbrochenes.
Du hältst den Kopf mit aller Kraft hoch, du schreist, du ringst um Atem, du schreist wieder, und plötzlich hörst du Halime Bacıs Stimme im Hausflur, das Klatschen ihrer Schlappen hoch zu dir auf den Steintreppenstufen, der Krampf in deinem Oberkörper ist zwei Sekunden weg, du schaffst es irgendwie, in diesen zwei Sekunden deinen Arm zur Türklinke zu hieven und die Wohnungstür zu öffnen, und da kommt schon der nächste Krampf, mit noch größerer Wucht, ein Schmerz, so scharf, so bitter, wie du ihn nie zuvor gespürt hast, du stößt Schreie aus, die so seltsam klingen, dass du sie dir selbst nicht zuordnen kannst, die Schreie müssen von draußen kommen, unmöglich können diese Klänge aus dir selbst stammen.
Du siehst Halime Bacıs langes, ovales, erschrockenes Gesicht über dir. Du verstehst nicht, was sie sagt, aber ihr Gesicht zittert, ist ganz entsetzt und fahl. Es ist ein Spiegel, in dem du sehen kannst, in welchem Zustand du dich selbst befindest, Hüseyin.
Der wattige Gedanke in deinem Kopf wird plötzlich ganz klar: Es ist zu Ende. Schluss. Aus. So stirbst du also. In deinem eigenen Erbrochenen, das aus matschigem Obst besteht, in der Wohnung, von der du dein ganzes Leben lang geträumt hast, du stirbst einfach so, ohne das Glitzern in den Augen von Emine zu sehen, wenn sie das erste Mal hier reinkommt, ohne die jugendliche Aufregung deiner jüngeren Tochter und deiner beiden Söhne zu spüren, nichts wirst du jemals davon mitbekommen, wie sie die von dir ausgesuchten Möbel finden und die chaotische Nachbarschaft und überhaupt Istanbul, das sie doch nur von Postkarten kennen und von den ein oder zwei Kurzbesuchen in ihrer Kindheit und natürlich aus dem Fernsehen.
Eigentlich wie du, Hüseyin. Warum wolltest du gerade nach Istanbul kommen? Was weißt du schon von diesem Ort? Ist es wirklich dieser Ort, nach dem du dich sehntest, oder bloß eine Erinnerung? Eine Erinnerung an das Entkommen aus der Heimat, an den Zwischenstopp vor der Fabrik, an den Ort, an dem es nicht mehr um das Vergessen ging und noch nicht um das Arbeiten. Den Ort, an dem du zum ersten Mal atmen konntest.
Du willst atmen, Hüseyin, du willst nicht sterben, nicht jetzt, obwohl du ein gläubiger Mann bist, obwohl du immer gesagt hast, dass du bereit seist, wann immer Azrael dich holen komme, vielleicht, denkst du jetzt, hast du insgeheim gehofft, dass dein Glaube dir zu einem langen, gesunden Leben verhelfen könnte. Wie naiv du doch gewesen bist, Hüseyin. Du bist nicht bereit. So kann es einfach nicht enden. Nicht so. Wäre deine Zunge nicht so schwer wie Blei und dein Mund so verzogen vom Schmerz, der in dir kocht und hochlodert wie ein unkontrollierbares Feldfeuer, das gelegt wurde, um alles feindliche Leben auszulöschen, du würdest zu Allah beten, du würdest Azrael anflehen, dass er oder sie oder es dir noch eine Woche schenkt, bitte, nur noch eine Woche, nur diese eine Gnadenfrist, um deiner geliebten Familie die Wohnungstür gleich hier vor dir öffnen zu können und sie durch diese hellen Zimmer zu führen, das ist Hakans und Ümits Schlafzimmer, das ist Perihans Zimmer, das ist das Wohnzimmer, hier ist unser Balkon, da vorne ist ein zweiter, an unserem Schlafzimmer, Emine. Nur noch eine Woche, um mit ihnen am Wasser spazieren zu gehen, um deinen Kindern einen Çay auszugeben, um die Hand deiner Tochter zu halten und ihr zu sagen, wie sehr du sie liebst, um deinen Söhnen zu sagen, dass du stolz auf sie bist, um Sevda anzurufen und sie um Verzeihung zu bitten, um die Stimmen deiner Enkelkinder zu hören, die du seit Jahren so vermisst, vielleicht auch ein bisschen mehr noch als eine Woche, du hast doch längst das Rauchen aufgegeben, Hüseyin, das verlängert doch das Leben, wie kannst du ausgerechnet jetzt an einem Herzinfarkt sterben und alles verpassen, was sich hier in dieser Wohnung abspielen wird, in deiner Wohnung?
Hüseyin, du strengst deine Augen an, du reißt sie auf, du siehst dich um. Halime Bacı ist weg und dann schon wieder da, du verstehst, dass Halime den Krankenwagen gerufen hat und dich anfleht, noch etwas durchzuhalten, sie wischt dir mit einem nassen Lappen über dein Gesicht, eiskalt fährt er dir über die Stirn, über die Nase, an deinen zuckenden Mundwinkeln vorbei. Für einen Moment fühlt es sich an, als öffne sich ein Loch in deinem Herzen, ein Loch, in dem all der Schmerz verschwindet, er versinkt, er ist weg.
Hüseyin, du weißt, das hält nur einen Moment, dass er weg ist, du weißt, er wird zurückkommen, jetzt gleich, der Schmerz wird zurückkommen, du kannst nicht sagen, woher du dieses Wissen hast, woher du das so genau weißt, aber der nächste Krampf wird sicher kommen und er wird ungeheuer stark sein, er wird dich weit wegtragen von hier, du weißt das, also nutzt du die klaffende Leere in deinem Brustkorb, nutzt die letzte Kraft, die du in dir finden kannst, um deine Lippen zu bewegen, die fahle, panische Halime sieht dich fragend an, nähert dann ihr Ohr deinem Mund, um besser verstehen zu können, was du zu sagen hast, du murmelst es, ein Wort, und Halime fragt »Wie bitte? Wie bitte?«, doch du kannst nicht mehr, du siehst einen Schatten auf die Wand fallen und du spürst kalte Schweißperlen in deinem Nacken, aber du musst dich nicht fürchten, Hüseyin, dieser Schatten, das bin nur ich. Ich verspreche dir, ich werde hierbleiben, in diesem Haus, in deiner Wohnung, und ich werde über deine Familie wachen, wenn sie hier eintrifft, ich gebe dir mein Wort, Hüseyin, ich verspreche es dir, für dich aber ist es nun Zeit zu gehen, daran kann nicht einmal ich etwas ändern.
Hab keine Angst, Hüseyin, komm, atme ein, nimm einen kleinen Atemzug, nur so viel Luft, wie du brauchst, um wieder Herr über dich selbst zu sein, um deine Worte zu flüstern, du hast sie dir ein Leben lang für diesen Moment aufgehoben, und eigentlich willst du sie noch nicht sagen, weil du noch gar nicht aufgeben willst, doch es liegt nicht mehr in deiner Hand, nichts liegt mehr in deiner Hand, Hüseyin, und du willst es tun, bevor es zu spät ist, du atmest ein, um loslassen zu können, um selbst entscheiden zu können, dass es der Moment ist loszulassen, du atmest ein und flüsterst Eşhedü en la ilahe illallah …