Blutige Küste

Ostfrieslandkrimi

Dörte Jensen


ISBN: 978-3-96586-063-6
1. Auflage 2019, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2019 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de und www.ostfrieslandkrimi.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von shutterstock Bildern.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Inhalt

Beobachtungen

 

Dornumerland, August

 

Kerstin lief so schnell auf ihn zu, dass ihre Füße den feinen Sand des Strandes nicht einmal zu berühren schienen. Ihr schulterlanges Haar wehte in einer frischen Nordseebrise. In dem geblümten Sommerkleid kam ihre zierliche Figur bestens zur Geltung. Lachend breitete er die Arme aus, um seine Frau aufzufangen, aber … sie lief an ihm vorbei.

Jesper drehte sich zu dem Mann um, der nur wenige Schritte hinter ihm stand. Fassungslos beobachtete er, wie sie sich voller Freude in seine Arme warf. Als der Unbekannte sie an sich drückte und innig küsste … wachte Jesper auf.

Fahrig fuhr er sich mit dem Handrücken über die Augen und setzte sich auf. Er war wieder einmal vor dem Fernseher eingenickt. Jesper schaltete den Flachbildschirm aus, stand auf und öffnete ein Fenster. Ein leichter Wind ließ die Vorhänge tanzen und trug das Rauschen der Nordsee zu dem Haus, das direkt hinter den Dünen lag.

Die Brandungsgeräusche waren für Jesper wie die Noten einer wundervollen Melodie. Aber ohne ihre Stimme hatten sie jeden Zauber verloren. Bei der Trennung hatte Kerstin nicht nur ihre Sachen, sondern auch sein Lachen mitge­nommen.

Jesper schloss das Fenster wieder und warf einen Blick auf die elektronische Uhr des DVD-Spielers. Der Anzeige nach war es halb zehn.

Er ging zu seiner Mutter, die in dem gegenüberliegenden Zimmer schlief. Der Rollstuhl stand neben ihrem Bett. Im Türrahmen stehend sah er sie an.

Das Leben hatte tiefe Furchen in ihr Gesicht gegraben. Die früher schwarzen Haare waren grau geworden und lagen wie dünne Fäden auf dem weißen Kissen.

Trotz ihrer Gebrechlichkeit strahlte sie aber noch immer jene Würde aus, mit der sie ihren bisherigen Lebensweg gegangen war. Obwohl Jesper damals noch ein Kind gewesen war, würde er sich immer an den Todestag seines Vaters erinnern. Als die beiden Polizisten seiner Mutter die traurige Nachricht überbrachten, hatte er sie zum ersten – und letzten – Mal weinen sehen. Nachdem die Ordnungs­hüter gegangen waren, hatte Gerda ihn an der Hand genommen und war mit ihm auf dem schmalen Deichweg zum Strand gegangen. Dort hatte sie den Arm um ihren Sohn gelegt, auf die Nordsee gedeutet und erklärt: »Dein Vater ist nicht tot. Er lebt in jeder Welle, die sich am Strand bricht, er ist in jedem Tropfen dieses Meers.«

Seit seinem Tod war Gerda jeden Tag zum Strand gegangen, hatte auf die Nordsee gestarrt und mit den Wellen geredet. Selbst die Orkane, die im Winter über das Land brausten, hatten sie nicht davon abhalten können. Den schmächtigen Körper trotzig gegen den Sturm gestemmt, die Hände in den Taschen vergraben, hatte sie auf die kalten Fluten gesehen, die ihn ihr genommen hatten.

Da Gerda nach den Krankenhausaufenthalten, in denen sie wegen ihrer Krebserkrankung vier Mal operiert worden war, die Kraft zum Laufen fehlte, schob Jesper sie jeden Nachmittag im Rollstuhl mit den breiten Reifen zum Strand.

Dass einige Leute hinter ihrem Rücken von der verrückten Alten sprachen, war ihr egal, denn Gerda ging ihren eigenen Weg.

Tag für Tag, Schritt für Schritt. Sie hatte ihr Schicksal angenommen wie ein ungeliebtes Geschenk, das sie nicht umtauschen konnte. Jesper konnte das nicht. Für ihn war das Schicksal eine launische Diva, die mit gezinkten Karten spielte.

Er warf einen letzten Blick auf seine schlafende Mutter, dann zog er die Tür leise zu und schlurfte ins Bad. Mit den beiden Tabletten, die er ihr ins Abendessen getan hatte, würde sie bis zum späten Vormittag durchschlafen. Bis dahin war er längst wieder zurück.

Nachdem Jesper sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, zog er sich ein frisches Baumwollhemd und eine Jeans an. Danach schlüpfte er in seine Schuhe, nahm den Wagenschlüssel vom Haken im Flur und verließ das Haus. In der Einfahrt blieb er stehen und blickte gedankenverloren zum Deich, hinter dem sich die Nordseewellen am Strand brachen. Eine laue Sommerbrise strich sanft über seine Haut. An einem wolkenlosen Himmel funkelten die Sterne wie glitzernde Diamanten. Eine perfekte Nacht für Verliebte.

Keine Nacht für ihn.

Jesper seufzte und stieg in seinen silberfarbenen Opel Corsa, der vor drei Wochen seine wahrscheinlich letzte TÜV-Plakette bekommen hatte.

Eineinhalb Stunden später parkte er den Wagen in einer Seitenstraße im Oldenburger Dobbenviertel. In den Villen und aufwändig restaurierten Altbauten wohnten Leute, die es zu etwas gebracht hatten – erfolgreiche Menschen wie Alexander Rombach.

Bei dem Gedanken an seinen Nebenbuhler ballte Jesper die Hände so fest zu Fäusten, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Am liebsten wäre er in sein protziges Haus gestürmt und hätte … Jesper atmete tief ein und zwang sich zur Ruhe. Er durfte sich nicht von Rachefantasien leiten lassen, sondern musste geduldig auf seine Chance warten. Er zog sein Smartphone aus der Hosentasche und warf einen Blick auf das Display. Der Digitaluhr nach war es 23:17.

Er stieg aus, drückte die Wagentür hinter sich zu und zog die Kapuze seiner schwarzen Jacke über den Kopf. Der Wind trug Stimmen und Gelächter von der nahe gelegenen Dobbenwiese zu ihm. Der Platz war vor allem bei jungen Leuten ein beliebter Treffpunkt. Hoffentlich bemerkte ihn keiner.

Vor Alexanders Villa blieb er stehen und sah sich um. Als er niemanden erblickte, stieg er über den nur hüfthohen Zaun und schlich um das Gebäude herum. Neben dem Gartenhäuschen wucherten dichte Sträucher, hinter denen er sich versteckte. Von dort aus konnte er durch die Fensterfront ins Wohnzimmer sehen. Kerzen flackerten darin. Durch die geöffnete Terrassentür hörte er leise Musik – und Kerstins Lachen. Bei der Vorstellung, dass sie einen anderen Mann liebte, krampfte sich sein Magen zusammen. Wie konnte sie nur auf einen verlogenen Aufschneider wie Rombach hereinfallen?

Jesper drehte den Ehering an seinem Finger, als könnte er damit einen Liebeszauber beschwören. Hatte Kerstin ihren Ring schon abgelegt? Schließlich waren sie noch verheiratet, das Trennungsjahr war erst in fünf Monaten vorbei.

Im Kerzenschein konnte Jesper seine Frau nur als Silhouette erkennen. Als Alexander einen Arm um Kerstin legte, hätte er ihn am liebsten grün und blau geschlagen. Aber damit würde er alles nur noch schlimmer machen.

Nachdem beide das Wohnzimmer verlassen hatten, zog sich Jesper die mitgebrachten Silikonhandschuhe über, lief in geduckter Haltung zu der noch immer geöffneten Terrassentür und huschte ins Haus.

»Schatz, machst du die Terrassentür zu?« Die verhasste Stimme kam aus dem Flur. Jesper duckte sich hinter der frei im Raum stehenden Sofalandschaft.

»Bin gerade dabei.« Kerstin kehrte ins Zimmer zurück und schloss die Tür ab. Jesper nahm einen Hauch ihres Parfums wahr. Rosen. Er liebte diesen Duft.

Auch wenn die Entfernung zu ihr keine zwei Meter betrug, schien Kerstin unendlich weit fort zu sein.

Unerreichbar …

Mit klopfendem Herzen wartete Jesper, bis sie den Raum wieder verlassen hatte. Dann eilte er über den Flur. Inzwischen wusste er, dass Alexanders Arbeitszimmer hinter der dritten Tür auf der linken Seite lag. Lautlos schlich Jesper hinein und drückte die Tür hinter sich zu. Mit seinem behandschuhten Finger tippte er danach auf die Enter-Taste des Computers. Der Monitor erwachte aus seinem Stand-by-Modus und gab einen Blick auf ein futuristisches Hintergrundbild frei, das ihm auch jetzt wieder eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließ.

Er würde den Bau des Luxushotels in Form einer Handelskogge, in dem sich reiche Gäste nach Strich und Faden verwöhnen lassen konnten, mit allen Mitteln verhindern. Die Friesenflotte, unter deren Namen in den nächsten Jahren verschiedene Schiffhotels an der Nordsee­küste gebaut werden sollten, durfte niemals in See stechen. Vor allem nicht auf dem Grundstück seiner Mutter, ohne das Rombach sein erstes Hotel nicht errichten konnte. Da der Bauunternehmer bereits viel Geld für die Käufe der umliegenden Grundstücke ausgegeben hatte, konnte er auf keinen anderen Standort mehr ausweichen. Gerdas Grundstück war das fehlende Puzzleteil zu seinem Erfolg.

Alexander Rombach schien sich in seinem eigenen Haus sicher zu fühlen, da er den Rechner nicht mit einem Passwort geschützt hatte. Während der Computer die Dateien auf einen mitgebrachten USB-Stick kopierte, fotografierte Jesper Kerstins Baupläne mit seinem Smartphone ab. In Fachzeitschriften wurden die ersten Entwürfe seiner Frau bereits als bahnbrechend und zukunftsweisend gefeiert.

Seine Frau.

Jesper kaute auf den Buchstaben wie auf rostigen Nägeln. Sollte er sich vielleicht an eine andere Bezeichnung gewöhnen?

Seine Ex.

Er schüttelte den Kopf. So weit würde er es niemals kommen lassen. Jesper zog den USB-Stick nach dem Datentransfer ab und steckte ihn in seine Hosentasche. Einen Moment lang überlegte er sich, nach oben zu gehen und Alexander seine längst verdiente Abreibung zu verpassen. Dann entschied er sich dagegen, öffnete das Fenster und verschwand unbemerkt. Seine Zeit würde kommen. Sehr bald schon.

 

Friesenflotte

 

Oldenburg, August

 

»Willst du nicht doch mit mir unter die Decke kriechen? Ich werde auch ein braver Junge sein.« Alexander Rombach zwinkerte seiner Freundin zu.

»Das wirst du nicht.« Sie stemmte die Hände in die Hüften.

»Stimmt.« Er grinste anzüglich. »Du weißt, wie sehr ich dich liebe.«

Kerstin Martens nickte. »Lass mir noch etwas Zeit, okay? Ich muss mein Leben erst wieder auf die Reihe kriegen.«

»Dabei möchte ich dir doch nur helfen.«

»Das weiß ich. Ohne deine Unterstützung wäre ich noch immer eine bessere Praktikantin in dem Hamburger Architekturbüro.«

»Du hast deine Chance genutzt. Bald wirst du dich vor Aufträgen kaum noch retten können.«

»Alexander, jetzt übertreibst du aber.«

»Sicherlich nicht. Du hast die Experten mit deinen Entwürfen begeistert. In wenigen Jahren wird die Friesenflotte die gesamte Nordseeküste erobert haben. Wir beide sind ein unschlagbares Team.« Alexander ergriff ihre Hand und zog sie zu sich. »Willst du nicht doch …«

»Dräng mich nicht.« Kerstin küsste ihn und drehte sich um.

»Wie du willst. Schlaf gut.«

Die Architektin ging ins Gästezimmer und lehnte sich von innen gegen die Tür, als könnte sie das Chaos, in das sich ihr Leben in den letzten Monaten verwandelt hatte, damit ausblenden.

In manchen Momenten schien ihr Jesper noch immer so nah zu sein, dass sie seine Anwesenheit geradezu spüren konnte.

Wie hatte er ihr das nur antun können?

Ohne Alexanders Unterstützung würde sie wahrscheinlich noch immer die Scherben ihrer Ehe zusammenkehren. In der schwierigsten Phase ihres Lebens hatte ihr der Bauunternehmer eines der wichtigsten Projekte seiner Laufbahn anvertraut. Auf beruflicher Ebene hatte sie ihn nicht enttäuscht.

Privat …

Kerstin seufzte. Eines Tages würde sie sich entscheiden müssen. Ohne dass es ihr bewusst wurde, umfasste ihre Hand den Ehering in der Hosentasche. Sie hatte ihn abgenommen, nachdem sie die Wahrheit über Jesper erfahren hatte. Trotz allem hatte sie den Ring aber nicht in eine Schublade legen können, schließlich war er das Symbol einer Liebe, die … längst vorbei war.

Sie musste sich endlich damit abfinden. Jesper war Vergangenheit. Alexander war Zukunft. So einfach war das … und gleichzeitig so schwierig, obwohl der Bauunter­nehmer sie auf Händen trug und ihr jeden Wunsch von den Lippen ablas. Weshalb ging sie nicht einfach zu ihm und kuschelte sich in seine Arme? Kerstin konnte nicht ewig vor sich selbst davonlaufen. Sie musste … erst einmal schlafen, denn morgen hatte sie einen anstrengenden Tag vor sich.

Bei dem Gedanken an die Investorenkonferenz für die Friesenflotte, auf der sie die Entwürfe der Schiffhotels offiziell vorstellte, wurde ihr wieder flau im Magen. Am besten ging sie ihre Pläne, die im Arbeitszimmer lagen, noch einmal durch.

Kerstin hatte die Türklinke schon in der Hand, als sie es sich anders überlegte und ins Gästezimmer ging. Alexander hatte recht. Sie durfte sich nicht verrückt machen lassen. Zudem konnte sie nach den beiden Gläsern Rotwein ohnehin keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nach der Veranstaltung würde sie wieder in ihre Hamburger Wohnung fahren, die nach Jespers Auszug noch immer leer wirkte, obwohl sie sich neue Möbel angeschafft hatte.

In manchen Augenblicken hatte Kerstin den Eindruck, als hätte Jesper mit seinen Sachen auch einen Teil von ihr in einen Umzugskarton gepackt und mitgenommen.

Die Architektin stellte den Wecker ihres Smartphones und legte das Gerät auf den Nachttisch neben dem Bett. Dann öffnete sie das Fenster, um die frische Nachtluft ins Zimmer zu lassen. Dabei bemerkte sie einen Schatten, der durch den Garten huschte. Von der Statur her hatte er Ähnlichkeit mit Jesper.

Das war sicherlich auch nur eine Einbildung, denn in den letzten Tagen meinte sie, ihn immer wieder gesehen zu haben.

Er saß in einem Café, spiegelte sich in einem Schaufenster oder schlenderte unter ihrem Büro vorbei. Ein Psychologe hatte sicherlich eine Erklärung für ihre Einbildungen. Wahrscheinlich litt sie unter einem posttraumatischen Irgendwas, das auf ihre Trennung zurückzuführen war. Schließlich war Jesper die Liebe ihres Lebens … gewesen. Mit dem festen Vorsatz, Alexanders Avancen nicht länger zurückzuweisen, ging sie zu Bett. Aber in dieser Nacht fand sie keinen Schlaf.