Das Buch
»Meine Frau und ich hatten gerade erst die Entscheidung gefällt, für eine Weile zurück in die Vereinigten Staaten zu ziehen. Aber zuvor wollte ich unbedingt noch einen letzten Blick auf Großbritannien werfen – ein Art Abschiedsreise durch die grüne, freundliche Insel machen, die so lange meine Heimat gewesen war.«
Und so bricht Bill Bryson auf und erkundet von den Kalkfelsen von Dover bis hinauf ins rauhe schottische Thurso die eigentümliche Welt jenseits des Ärmelkanals. Doch ganz gleich, ob er mit der Unbill des Wetters hadert oder sich an der einladenden Gastlichkeit der Pubs ergötzt, ob er leise den Niedergang der altmodischen Doppeldeckerbusse beklagt oder die Schönheit des Landes preist, für ihn gibt es keinen Zweifel: England muss man einfach lieben, ganz gleich, wie wunderlich es einem zuweilen auch erscheinen mag.
Weitere Informationen zu Bill Bryson
sowie zu lieferbaren Titeln des Autors
finden Sie am Ende des Buches.
Bill Bryson
Reif
für die Insel
England für Anfänger
und Fortgeschrittene
Deutsch von Sigrid Ruschmeier
Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel
»Notes From a Small Island« bei Double Day, London.
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19. Auflage
Taschenbuchausgabe 1999
Copyright © der Originalausgabe 1995 by Bill Bryson
All rights reserved
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1997
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagabbildung: © Getty Images/Dorling Kindersley
TH · Herstellung: Str.
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-09057-9
V005
www.goldmann-verlag.de
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Für Cynthia
Prolog
Zum ersten Mal erblickte ich England in einer nebligen Märznacht des Jahres 1973. Ich kam mit der Mitternachtsfähre aus Calais. Zwanzig Minuten lang herrschte im Ankunftsbereich hektisches Treiben, Autos und Lastwagen strömten heraus, die Zöllner versahen ihren Dienst, und alle Leute drängten zur Straße nach London. Dann trat urplötzlich Stille ein, und ich wanderte durch schlafende, schlecht beleuchtete Straßen, durch die der Nebel waberte wie in einem Bulldog-Drummond-Film. Herrlich, ich hatte eine englische Stadt ganz für mich allein!
Ein wenig verstörend war nur, dass offenbar schon alle Hotels und Gästehäuser für die Nacht geschlossen hatten. Ich ging zum Bahnhof, weil ich noch einen Zug nach London erwischen wollte, aber dort war ebenfalls alles dunkel und verrammelt. Während ich dastand und überlegte, was ich tun sollte, bemerkte ich das graue Licht eines Fernsehers im oberen Fenster einer Pension. Hurra, dachte ich, da ist noch jemand wach, und eilte hinüber. Für den Besitzer legte ich mir eine demütige Entschuldigung wegen meiner späten Ankunft zurecht und malte mir schon unseren heiteren Dialog aus. Unter anderem folgende Zeile: »Nein, ich kann doch nicht von Ihnen verlangen, dass Sie mir um diese Zeit noch etwas zu essen machen. Nein, ehrlich – na gut, wenn Sie meinen, also, wenn es Ihnen wirklich keine Mühe bereitet, dann nehme ich vielleicht ein Roastbeefsandwich und ein wenig Kartoffelsalat mit einer großen Gewürzgurke. Und eine Flasche Bier.« Der Eingangsweg war pechschwarz, und in meinem Eifer und meiner mangelnden Vertrautheit mit britischen Türeingängen stolperte ich über eine Stufe, krachte gegen die Tür und schickte ein halbes Dutzend leerer Milchflaschen klirrend zu Boden. Prompt öffnete sich das obere Fenster.
»Wer ist da?«, ertönte eine strenge Stimme.
Ich trat zurück, rieb mir die Nase und starrte auf eine Schattengestalt mit Lockenwicklern. »Guten Abend, ich suche ein Zimmer«, sagte ich.
»Wir haben geschlossen.«
»Oh.« Und mein Abendessen?
»Versuchen Sie es mal beim Churchill. Da vorne.«
»Wo vorne?«, fragte ich, aber schon knallte das Fenster wieder zu.
Das prächtige, hellerleuchtete Churchill war auf nächtliche Gäste eingestellt. Durchs Fenster erspähte ich ein paar Männer in Anzügen, die weltmännisch elegant an der Bar standen. Da fühlte ich mich gleich wie der letzte Penner und blieb unschlüssig im Dunkeln stehen. Klamottenmäßig passte ich nicht in ein solches Ambiente, und es lag auch außerhalb meiner bescheidenen finanziellen Möglichkeiten. Erst am Vortag hatte ich in der Picardie einem Hotelier mit verschmitzten Äuglein ein außergewöhnlich pralles Bündel farbenprächtiger Francs ausgehändigt, als Obolus für eine Nacht in einem durchgelegenen Bett und eine Portion blanquette de chasseur, ein mysteriöses Ragout, das aus den Knochen diverser kleiner Tiere bestand, von denen ich ein Gutteil heimlich in einer großen Serviette verschwinden ließ, um nicht unhöflich zu erscheinen. Ich hatte beschlossen, hinfort vorsichtiger mit meinen Ausgaben zu sein. Widerstrebend kehrte ich also der einladenden Wärme des Churchill den Rücken und trottete ab in die Dunkelheit.
Weiter hinten an der Marine Parade stand ein überdachtes, ansonsten aber den Elementen preisgegebenes Buswartehäuschen, und ich schloss messerscharf, dass ich etwas Besseres nicht mehr kriegen würde. Ich legte mich hin, benutzte meinen Rucksack als Kopfkissen und zog meine Jacke eng um mich zusammen. Die Bank war aus harten Latten und mit großen runden Schrauben bestückt, was – zweifellos mit Absicht – eine bequeme Ruhelage unmöglich machte. Ich lag lange wach, lauschte, wie das Meer unter mir an den Kieselstrand schlug, und schlief schließlich ein. Es wurde eine lange, kalte Nacht, in der mich unruhige Träume plagten. Ich wurde über arktische Treibeisschollen von einem Franzosen verfolgt, der verschmitzte Äuglein, eine Schleuder, einen Beutel Schrauben und eine unheimliche Zielsicherheit besaß und mir wiederholt Hiebe auf Hinterteil und Beine versetzte, weil ich eine Leinenserviette gestohlen und sie voll durchsuppendem Essen in der hintersten Ecke einer Kommodenschublade in meinem Hotelzimmer versteckt hatte. Gegen drei Uhr erwachte ich nach Atem ringend, von Kopf bis Fuß steif und bebend vor Kälte. Der Nebel war weg, die Luft still und klar, am Himmel funkelten Sterne. Ein Lichtstrahl vom Leuchtturm am anderen Ende der Wellenbrecher ergoss sich endlos über das Meer. Es war alles wunderschön, aber mir war viel zu kalt, um es angemessen würdigen zu können. Zitternd stöberte ich in meinem Rucksack und angelte jeden potenziell wärmenden Gegenstand heraus, dessen ich habhaft werden konnte – ein Flanellhemd, zwei Pullover, eine weitere Jeans. Ich zog mir Wollsocken über die Hände und in meiner Verzweiflung Boxershorts als Kopfwärmer aufs Haupt, sank dann schwer zurück auf die Bank und wartete geduldig auf den süßen Kuss des Todes. Doch ich schlief wieder ein.
Dann erwachte ich abrupt vom Heulen eines Nebelhorns, das mich beinahe von meiner engen Bettstatt fegte, und setzte mich hin. Mir war hundeelend, aber eine Spur weniger kalt. Die Welt war in dieses milchige Licht vor der ersten Morgendämmerung getaucht, das aus dem Nichts zu kommen scheint. Möwen kreisten kreischend über dem Wasser. Hinter ihnen, jenseits der steinernen Wellenbrecher, glitt eine riesige, hell leuchtende Fähre majestätisch aufs Meer hinaus. Eine Weile blieb ich sitzen, ein junger Mann mit mehr auf dem Kopf als darin. Erneut dröhnte und klagte das Nebelhorn des Schiffs übers Wasser und machte die dämlichen Möwen wieder ganz nervös. Ich zog meine Sockenhandschuhe aus und schaute auf die Uhr. Es war fünf Uhr fünfundfünfzig. Ich sah der sich entfernenden Fähre nach und fragte mich, wo wohl um diese Zeit Menschen hinwollten. Wo wollte ich um diese Zeit eigentlich hin? Ich nahm meinen Rucksack und schlurfte über die Promenade, um meinen Kreislauf in Gang zu bringen.
Beim Churchill, das nun seinerseits friedlich schlief, traf ich einen alten Knaben, der seinen Hund ausführte. Hektisch versuchte die Töle, auf jede erreichbare senkrechte Fläche zu pieseln, und wurde folglich weniger Gassi geführt als auf drei Beinen Gassi gezerrt.
Als ich zu den beiden aufschloss, nickte mir der Mann einen Guten-Morgen-Gruß zu. »Vielleicht wird’s schön«, verkündete er und starrte hoffnungsfroh zum Firmament, das aussah wie ein Stapel nasser Handtücher. Ich fragte ihn, ob eventuell irgendwo ein Restaurant geöffnet habe. Er kannte eins nicht weit weg und beschrieb mir den Weg dorthin. »Die beste Fernfahrerkneipe in Kent«, sagte er.
»Fernfahrerkneipe?«, wiederholte ich unsicher, während ich ein paar Schritte zurückwich, weil mir auffiel, dass der Hund verzweifelt an der Leine zog, um mir die Hosenbeine anzufeuchten.
»Sehr beliebt bei LKW-Fahrern. Die kennen sowieso immer die besten Kneipen, was?« Er lächelte liebenswürdig, senkte dann die Stimme ein ganz kleines bisschen und beugte sich zu mir vor, als wolle er mit etwas streng Vertrauliches mitteilen. »Vielleicht sollten Sie die Unterhose besser abnehmen, bevor Sie dorthin gehen.«
Ich griff mir an den Kopf – oh! – und zog mir errötend die Boxershorts ab. Während ich noch versuchte, mir eine kurze, treffende Erklärung auszudenken, schaute der Mann schon wieder prüfend gen Himmel.
Mit den Worten »Es klart definitiv auf« schleifte er den Hund auf der Suche nach neuen Senkrechten mit sich fort. Ich sah ihnen nach, drehte mich um und ging die Promenade entlang. Da begann es in Strömen zu gießen.
Die Kneipe war wunderbar – voller Leben und wohlig warm. Ich gönnte mir ein Frühstück mit Eiern, Bohnen, fetttriefendem Röstbrot, Speck und Würstchen, Brot, Margarine und zwei Tassen Tee. Alles für 22 Pence. Mit einem Zahnstocher und einem Rülpsen kam ich als neuer Mensch heraus, schlenderte glücklich durch die Straßen und beobachtete, wie Dover zum Leben erwachte. Leider sah die Stadt im Tageslicht nicht sehr viel besser aus, aber sie gefiel mir. Vor allem, dass sie so klein und gemütlich war und alle einander »Guten Morgen« sagten und »Hallo« und »schreckliches Wetter – aber vielleicht klart es auf« und dass ein weiterer Tag in einer sehr langen Reihe rundherum heiterer, angenehm ereignisloser Tage vor mir lag. In ganz Dover würde niemand einen besonderen Grund haben, sich an den 21. März 1973 zu erinnern – außer mir und einer Handvoll Kinder, die an dem Tag geboren wurden, und vielleicht einem alten Knaben, der seinen Hund spazieren geführt und einen jungen Burschen mit Unterhosen auf dem Kopf getroffen hatte.
Weil ich nicht wusste, wie früh man in England nach einem Zimmer fragen konnte, beschloss ich, es noch aufzuschieben beziehungsweise die Zeit zu nutzen, mir eine Pension zu suchen, die sauber und ruhig, aber auch freundlich und nicht zu teuer aussah. Schlag zehn Uhr stand ich auf der Schwelle derjenigen, auf die meine Wahl gefallen war. Ich sah mich vor, keine Milchflaschen über den Haufen zu rennen. Es war ein kleines Hotel. Besser gesagt, eine Familienpension.
Ich kann mich an den Namen nicht erinnern, aber an die Besitzerin sehr wohl! Mrs. Smegma war eine mächtige Gestalt Ende vierzig. Sie zeigte mir ein Zimmer, nahm mich mit auf einen Rundgang durch das Etablissement und erläuterte mir die vielen komplizierten Regeln des Hauses – wann das Frühstück serviert wurde, wie man den Badeofen anstellte, zu welchen Tageszeiten man die Räumlichkeiten verlassen musste und während welch kurzer Zeitspanne es erlaubt war, zu baden (komisch, sie schienen beide zusammenzufallen), wie lange vorher man ankündigen musste, wenn man einen Telefonanruf zu empfangen oder nach zweiundzwanzig Uhr nach Hause zu kommen gedachte, wie das Klo gespült und die Klobürste benutzt wurde, welche Materialien in den Zimmerpapierkorb durften und welche penibelst draußen in den Mülleimer entsorgt werden mussten, an jeweils welchen Stationen man sich beim Eintritt die Füße abputzen musste, wie die kleine Gasheizung mit den drei Heizstäben im Zimmer in Betrieb zu nehmen sei und wann das überhaupt nur erlaubt war (bei einer Eiszeit). Das war alles verwirrend neu für mich. Wo ich herkam, nahm man ein Zimmer in einem Motel, verbrachte dort zehn Stunden damit, eine riesige, möglichst irreparable Schweinerei anzurichten, und fuhr am nächsten Morgen wieder ab. Hier war es ja, als träte man in die Armee ein!
»Die Mindestaufenthaltszeit«, erklärte Mrs. Smegma mir, »beträgt fünf Nächte zu einem Pfund die Nacht, inklusive englischem Frühstück.«
»Fünf Nächte?«, fragte ich, ein wenig nach Luft schnappend. Ich wollte ja nur eine bleiben. Was, um alles in der Welt, fing ich fünf Tage in Dover an?
Mrs. Smegma zog eine Braue hoch. »Hatten Sie die Absicht, länger zu bleiben?«
»Nein«, sagte ich. »Nein. Eigentlich …«
»Gut, fürs Wochenende haben wir nämlich eine Gruppe schottischer Pensionäre hier. Das wäre schwierig geworden. Ja, völlig unmöglich.« Sie musterte mich kritisch (wie einen Flecken im Teppich?) und überlegte, womit sie mir sonst noch das Leben vermiesen konnte. Sie wurde fündig. »Ich muss gleich weggehen, darf ich Sie also bitten, Ihr Zimmer in einer Viertelstunde zu verlassen?«
Wieder war ich baff. »Entschuldigung, Sie wollen, dass ich gehe? Ich bin doch gerade erst gekommen.«
»Laut Hausordnung können Sie um vier zurückkommen.« Sie schickte sich an zu gehen, drehte sich indes noch einmal um. »Ach, und seien Sie bitte so nett, jeden Abend Ihren Überwurf abzunehmen. Wir hatten leider ein paar unangenehme Vorkommnisse mit Flecken. Wenn Sie den Überwurf beschädigen, muss ich Sie dafür haftbar machen. Dafür haben Sie ja sicher Verständnis.«
Ich nickte dümmlich. Und weg war sie. Da stand ich, müde und ganz allein auf der Welt. Ich hatte eine fürchterlich unbequeme Nacht im Freien hinter mir, und mir taten sämtliche Knochen weh. Weil ich auf Schraubenköpfen geschlafen hatte, war ich von oben bis unten zerdellt, und meine Haut war leicht geölt vom Schmutz und Schmier zweier Nationen. Bis dahin hatte mich der Gedanke aufrecht gehalten, dass ich mich gleich in einem heißen Bad entspannen und danach in ein pludriges Federbett kriechen und vierzehn Stunden tief und friedlich ratzen konnte.
Während ich also dastand und allmählich begriff, dass mein Albtraum nicht etwa zu Ende war, sondern gerade erst begann, öffnete sich die Tür. Mrs. Smegma marschierte durchs Zimmer zu der Neonröhre über dem Waschbecken. Sie hatte mir die korrekte Bedienungsmethode gezeigt – »Bloß nicht daran zerren. Einmal leicht ziehen reicht völlig aus« – und erinnerte sich offensichtlich daran, dass sie sie angelassen hatte. Nun machte sie sie mit einem, wie ich fand, heftigen Zerren aus, bedachte mich und das Zimmer mit einem letzten argwöhnischen Blick und entfernte sich.
Als ich sicher war, dass sie wirklich weg war, verriegelte ich leise die Tür, zog die Vorhänge zu und pinkelte ins Waschbecken. Dann holte ich mir ein Buch aus dem Rucksack, blieb eine lange Minute an der Tür stehen und musterte die ordentliche, unvertraute Einrichtung meines einsamen Zimmers.
»Und was, verdammte Scheiße, ist ein Überwurf?«, fragte ich mich mit dünner, unglücklicher Stimme und machte leise meinen Abgang.
Im Frühjahr 1973 war Großbritannien ein anderes Land. Das Pfund war 2,46 Dollar wert. Der durchschnittliche Nettowochenlohn betrug 30,11 Pfund. Ein Tütchen Kartoffelchips kostete 5 Pence, eine Limonade oder Cola 8 Pence, ein Lippenstift 45 Pence, ein Päckchen Schokoladenkekse 12 Pence, ein Bügeleisen 4,50 Pfund, ein elektrischer Wasserkessel 7 Pfund, ein Schwarzweißfernseher 60 Pfund, ein Farbfernseher 300 Pfund, ein Radio 16 Pfund, ein normales Essen im Restaurant 1 Pfund. Ein Linienflug von New York nach London war im Winter für 87,45, im Sommer für 124,95 Pfund zu haben. Mit Cook’s Golden Wings Holiday konnte man in Teneriffa für 65 Pfund acht Tage und ab 93 Pfund zwei Wochen Urlaub machen. Das weiß ich alles, weil ich vor dieser Reise in die Times vom 20. März 1973 geschaut habe, dem Tag meiner Ankunft in Dover, und darin war eine ganzseitige Regierungsanzeige, die im Einzelnen auflistete, wie viel diese Dinge kosteten und wie die in etwa einer Woche fällige neue Steuer namens Mehrwertsteuer, VAT, sich darauf auswirken würde. Im Kern besagte die Anzeige, dass ein paar Sachen mit der VAT teurer würden, ein paar aber auch billiger. (Harr, harr!) Wenn ich selbst mein nachlassendes Gedächtnis anstrenge, fällt mir ein, dass eine Ansichtskarte nach Amerika per Luftpost 4 Pence, ein Pint Bier 13 Pence und das erste Penguin-Buch, das ich mir je kaufte, 30 Pence kosteten. Die Umstellung auf das Dezimalsystem war gerade zwei Jahre zuvor erfolgt, doch in Gedanken rechneten die Leute immer noch um – »Mein Gott, das sind ja fast sechs Shilling!« –, und man musste wissen, dass ein Sixpence eigentlich 21/2 Pence war und eine Guinee 1,05 Pfund.
Erstaunlich, wie viele Schlagzeilen dieser Woche genauso gut heute erscheinen könnten: »Streik der französischen Fluglotsen«, »Ulster: Regierungsbericht fordert Machtteilung«, »Kernforschungslabor geschlossen«, »Sturm legt Bahnverkehr lahm« und der alte Cricket-Dauerbrenner »England bricht ein« (damals gegen Pakistan). Aber das Markanteste sind die vielen Arbeitsunruhen: »Streikdrohung bei britischen Gasversorgungsbetrieben«, »2000 öffentliche Bedienstete im Streik«, »Keine Londoner Ausgabe des Daily Mirror«, »10000 ausgesperrt nach Chrysler-Streik«, »1. Mai – Gewerkschaften planen Großkampftag«, »12000 Schüler haben frei, weil Lehrer streiken« – diese Überschriften stammen alle aus einer einzigen Woche. Es sollte das Jahr der Ölkrise werden, und obwohl die Parlamentswahlen erst im folgenden Februar stattfanden, wurde die Heath-Regierung praktisch damals schon gestürzt.
Noch bevor das Jahr zu Ende ging, wurde das Benzin rationiert, und vor den Tankstellen im ganzen Land bildeten sich kilometerlange Schlangen. Die Inflation schnellte um 28 Prozent in die Höhe. Toilettenpapier, Zucker, Strom und Kohle wurden knapp. Die halbe Nation befand sich bald im Streik und der Rest auf Drei-Tage-Woche. Die Leute kauften ihre Weihnachtsgeschenke in kerzenbeleuchteten Kaufhäusern und mussten voller Bestürzung erleben, wie ihre Fernsehschirme auf Regierungsanweisung nach den Zehn-Uhr-Abendnachrichten schwarz wurden. Es war das Jahr der Nordirland-Vereinbarungen von Sunningdale, der Summerland-Brandkatastrophe auf der Insel Man und der Kontroverse, ob auch Sikhs Motorradhelme tragen mussten. Und Martina Navratilova debütierte in Wimbledon. Außerdem trat Großbritannien der EG bei und zog – unglaublich! – gegen Island in den Kabeljau-Krieg.
Kurz und gut, es sollte eins der außergewöhnlichsten Jahre in der modernen englischen Geschichte werden. Das wusste ich natürlich an diesem nieseligen Märzmorgen in Dover nicht. Eigentlich wusste ich überhaupt nichts, ein seltsam wunderbarer Zustand. Alles vor mir Liegende war neu und geheimnisvoll und so aufregend, dass Sie es sich gar nicht vorstellen können. England war voller Worte, die ich noch nie gehört hatte – durchwachsener Speck hieß »streaky bacon«, man ließ sich beim Friseur »short back and sides« verpassen, es gab »high tea« und »ice-cream cornets«. Ich hatte keine Ahnung, wie »Scone« oder »Towcester« ausgesprochen wurden, und kannte weder Perthshire noch Denbighshire, keine Weihnachtsknallbonbons, »council houses«, »bank holidays« und keinen Volkstrauertag »Poppy Day«. Ich ahnte nicht, dass Milchwagen »milk floats« hießen, »trunk calls« Ferngespräche waren und man »seaside rock« essen konnte. Wenn ein Auto ein Schild mit einem »L« hinten draufhatte, hätte ich glatt gedacht, dass es von einem Leprakranken chauffiert wurde. Und woher sollte ich wissen, dass GPO General Post Office und GLC Greater London Council bedeuteten und LBW, »Leg before wicket«, beim Cricket eine Rolle spielte? Wirklich, ich strotzte vor Ignoranz. Die einfachsten Transaktionen waren mir ein Mysterium. In einem Zeitungsladen sah ich, wie ein Mann um zwanzig »Number Six« bat und Zigaretten bekam, und glaubte noch lange danach, dass in Zeitungsläden nach Nummern gekauft wurde, so wie man beim Chinesen sein Essen nach Nummern bestellt. Ich saß eine halbe Stunde in einem Pub, bevor ich kapierte, dass man sich seine Getränke selbst holen musste. Doch als ich dasselbe in einem Tea-Room versuchte, hieß man mich, Platz zu nehmen und zu warten, bis ich bedient wurde.
Die Dame im Tea Room und sämtliche Verkäuferinnen nannten mich »love« und die meisten Männer »mate«. Ich war noch keine zwölf Stunden hier, und schon liebten sie mich. Und alle aßen so wie ich. Das war wirklich sensationell. Jahrelang hatte ich mich als Linkshänder zur hellen Verzweiflung meiner Mutter höflich geweigert, wie Amerikaner zu essen – die Gabel in die linke Hand zu nehmen, das Essen damit festzuhalten, während man es schnitt, und sie dann in die rechte Hand zu transferieren, um den Happen in den Mund zu befördern. Das fand ich lächerlich mühsam. Aber hier aß plötzlich ein ganzes Land wie ich. Und sie fuhren links! Es war das Paradies. Noch ehe Mittag war, wusste ich, hier wollte ich leben.
Den ganzen Tag lang wanderte ich glücklich und ziellos umher, belauschte Gespräche an Bushaltestellen und Straßenecken, lugte interessiert in Schaufenster von Fleischereien, Gemüse- und Fischgeschäften, studierte Anschlagzettel und öffentlich aushängende Bauanträge und ließ alles in Ruhe auf mich einwirken. Ich kletterte zur Burg hoch, bewunderte die Aussicht und die ein- und auslaufenden Fähren, betrachtete ehrfürchtig die Weißen Klippen und das alte Stadtgefängnis und entschloss mich am späten Nachmittag spontan, das heißt, angezogen von der Aussicht auf Wärme und einem Plakat mit einem Reigen spärlich gekleideter junger Damen in verführerischer Pose, ins Kino zu gehen.
»Rang oder Parkett?«, fragte die Kartenverkäuferin.
»Frauentausch im Vorstadtgetto«, brachte ich ganz verschwörerisch heraus.
Innen eröffnete sich mir wieder eine neue Welt. Ich sah die erste Kinoreklame und die ersten Trailer, mit britischem Akzent präsentiert, mein erstes Zertifikat der britischen Filmzensurbehörde (»Dieser Film wurde für nicht jugendfrei befunden – von Lord Harlech, dem er sehr gut gefallen hat.«) und entdeckte zu meiner nicht geringen Freude, dass in britischen Kinos das Rauchen erlaubt war. Was schert uns die Brandgefahr! Der Film selbst bot nicht nur eine reiche Ausbeute an sozialen und lexikalischen Informationen, sondern auch die Gelegenheit, dass ich meine qualmenden Füße ausruhen und eine Menge attraktiver junger Frauen sehen konnte, die nackt, wie Gott sie schuf, herumtollten. Die vielen mir neuen Begriffe – »dirty weekend« für illegitime Wochenendfreuden, »loo« für Toilette, »complete pillock« für einen Vollidioten – sind mir in der Folgezeit immer wieder mal von Nutzen gewesen. In der Pause, noch eine mir neue aufregende Einrichtung, trank ich meine erste Kia-Ora, die ich bei einer kolossal gelangweilten jungen Dame erstand, die die bemerkenswerte Fähigkeit besaß, die ausgewählten Waren von ihrem beleuchteten Bauchladen zu nehmen und Wechselgeld herauszugeben, ohne auch nur einmal den Blick von einem imaginären Punkt in mittlerer Entfernung zu wenden. Nach dem Film dinierte ich in einem kleinen, von Pearl and Dean in der Kinowerbung empfohlenen italienischen Restaurant und kehrte in meine Pension zurück, als sich der Abend über Dover senkte. Alles in allem war es ein zutiefst befriedigender und lehrreicher Tag gewesen.
Ich wollte eigentlich früh schlafen gehen, aber auf dem Weg zu meinem Zimmer fiel mir eine Tür mit dem Schild RESIDENTS’ LOUNGE auf, und ich steckte den Kopf hinein. Es war ein großer Aufenthaltsraum mit Sesseln und Couch in gestärkten Schonbezügen, einem Bücherregal mit einer bescheidenen Auswahl an Puzzles und Taschenbüchern, einem Beistelltisch mit ein paar abgegriffenen Zeitschriften und einem großen Farbfernseher. Ich stellte ihn an, und während ich darauf wartete, dass er warmlief, blätterte ich die Zeitschriften durch. Es waren lauter Frauenmagazine, unterschieden sich aber gewaltig von den Gazetten, die meine Mutter und meine Schwester lasen. In denen ging es immer um Sex und persönlichen Lustgewinn, und sie hatten Titel wie »Essen Sie sich zum multiplen Orgasmus«, »Bürosex – wie man ihn bekommt«, »Neuer heißer Sex-Tip: Tahiti« und »Die schwindenden Regenwälder – sind sie gut für Sex?«. Die britischen Blätter befriedigten bescheidenere Ansprüche. Hier lauteten die Überschriften »Stricken Sie sich einen Twinset«, »Knopfangebot, bei dem Sie bares Geld sparen«, »Häkeln Sie sich einen Superseifensparer« und »Der Sommer ist da – Mayonnaisenzeit!«.
Über den Bildschirm flimmerte Jason King. Wenn Sie in einem bestimmten Alter sind und es Ihnen in den frühen Siebzigern freitags abends an gesellschaftlichem Leben mangelte, erinnern Sie sich vielleicht, dass ein affiger Playboy in einem tuntigen Kaftan darin vorkam. Die Frauen fanden ihn aus unerfindlichen Gründen verführerisch. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich daraus Hoffnung schöpfen oder deprimiert sein sollte. Interessant aber ist, dass ich die Serie nur ein einziges Mal vor mehr als zwanzig Jahren gesehen und trotzdem nie das Bedürfnis verloren habe, dem Burschen mit einem nagelbespickten Baseballschläger eins überzuziehen.
Gegen Ende des Films kam ein weiterer Gast. Er trug eine Schüssel mit dampfendem Wasser und ein Handtuch. Bei meinem Anblick sagte er ganz überrascht »Oh!« und nahm am Fenster Platz. Er war dünn, hatte ein rotes Gesicht und erfüllte das Zimmer mit dem Duft nach Pinimenthol. Außerdem sah er aus wie jemand mit ungesunden sexuellen Begierden, wie ein Mensch, vor dem uns unsere Sportlehrer immer gewarnt hatten. In so einen würde man sich verwandeln, wenn man zu viel onanierte (Klartext: in so einen wie den Sportlehrer). Ich war mir nicht sicher, aber ich hätte schwören mögen, dass ich gesehen hatte, wie er nachmittags im Kino ein Tütchen Gummibären gekauft hatte. Er schaute mich verstohlen an, dachte womöglich etwas Ähnliches über mich, bedeckte dann seinen Kopf mit dem Handtuch und beugte sich mit dem Gesicht über die Schüssel, wo es für den Großteil des restlichen Abends verblieb.
Ein paar Minuten später kam ein glatzköpfiger Typ mittleren Alters – ich tippte auf Schuhvertreter –, sagte »Hallo!« zu mir und »’n Abend, Richard« zu dem behandtuchten Kopf und setzte sich neben mich. Kurz danach gesellte sich ein älterer Mann mit einem Stock, einem kaputten Bein und barschen Manieren zu uns. Er schenkte uns allen einen finsteren Blick, nickte uns einmal kurz mit einer überaus winzigen präzisen Bewegung zu und ließ sich schwer auf seinen Platz fallen, wo er die nächsten zwanzig Minuten damit verbrachte, sein Bein hin und her zu manövrieren, als rücke er ein schweres Möbelstück an Ort und Stelle. Diese Leute waren wahrscheinlich alle Dauergäste.
Dann kam eine Sitcom mit dem Titel Mein Nachbar ist ein Bimbo. Das war wahrscheinlich nicht der korrekte Titel, aber es ging im Wesentlichen darum, wie quietschkomisch es doch ist, wenn Menschen mit schwarzer Hautfarbe neben einem wohnen. Dauernd fielen Sprüche wie: »Lieber Gott, Oma, in deinem Schrank ist ein farbiges Kerlchen!« – »Na, im Dunkeln konnte ich ihn ja wohl nicht erkennen, oder?« Die Serie war hoffnungslos bekloppt. Der Glatzkopf neben mir lachte, bis er sich die Tränen aus den Augen wischen musste, und unter dem Handtuch ertönte gelegentlich ein amüsiertes Grunzen, aber der Colonel, fiel mir auf, lachte kein einziges Mal. Er starrte mich nur an, als versuche er sich zu erinnern, mit welch düsterem Ereignis aus seiner Vergangenheit ich zu tun hatte. Jedes Mal, wenn ich in seine Richtung schaute, war sein Blick fest auf mich geheftet. Sehr zermürbend.
Eine kurze Sternenexplosion erfüllte den Bildschirm, und die nun folgende Werbepause nutzte der Kahlkopf, um mich freundlich, aber verwirrend zusammenhanglos zu fragen, wer ich sei und wie ich in ihr Leben geraten sei. Als er hörte, dass ich aus Amerika kam, war er entzückt. »Ich wollte immer mal nach Amerika«, sagte er. »Sagen Sie, gibt es dort Woolworth’s?«
»Hm, also Woolworth’s ist eine amerikanische Firma.«
»Was Sie nicht sagen!«, rief er. »Haben Sie das gehört, Colonel? Woolworth’s ist eine amerikanische Firma.« Diese Neuigkeit ließ den Colonel völlig kalt. »Und was ist mit Cornflakes?«
»Wie bitte?«
»Gibt es in Amerika Cornflakes?«
»Hm, also, die sind auch amerikanisch.«
»Nie im Leben!«
Ich lächelte matt und bat meine Beine, mich hinzustellen und hinauszutragen, aber mein Unterkörper war eigenartig träge.
»Na, so was! Was zieht Sie dann nach Großbritannien, wenn Sie schon Cornflakes haben?«
Ich schaute ihn an, um zu sehen, ob er die Frage ernst meinte, und begann widerwillig und stockend mit einer kurzen aktualisierten Zusammenfassung meines Lebens, doch da ging die Sitcom weiter, und ich merkte, dass er nicht einmal so tat, als höre er zu. Also brach ich abrupt ab und verbrachte Teil zwei der Sendung damit, den erdrückenden, hasserfüllten Blick des Colonel zu parieren.
Als sie zu Ende war, wollte ich mich gerade aus dem Stuhl hieven und diesem fröhlichen Trio ein herzliches Lebewohl zurufen, da ging die Tür auf, und Mrs. Smegma erschien mit einem Tablett samt Teegeschirr und Keksen, Teatime-Mischung, glaube ich. Alle erwachten zum Leben, rieben sich hungrig die Hände und sagten: »Oooh, lecker.« Bis zum heutigen Tage beeindruckt mich die Fähigkeit von Briten aller Altersgruppen und sozialer Herkunft immer wieder, bei der Aussicht auf ein heißes Getränk echt aufgeregt zu werden.
»Und wie war Bunte Vogelwelt heute Abend, Colonel?«, fragte Mrs. Smegma, als sie ihm eine Tasse Tee und einen Keks reichte.
»Keine Ahnung«, sagte der Colonel hinterhältig. »Der Fernseher«, mit einem bedeutungsschweren Blick verpasste er mir eine Ohrfeige, »war auf den anderen Sender gestellt.«
Voller Mitgefühl für ihn bedachte auch Mrs. Smegma mich nun mit einem strengen Blick. Ich glaube, sie hatten ein Techtelmechtel.
»Bunte Vogelwelt ist die Lieblingssendung des Colonel«, sagte sie in mehr als hasserfülltem Ton und händigte mir eine Tasse Tee mit einem harten, weißlichen Keks aus.
Ich maunzte eine klägliche Entschuldigung.
»Heute Abend waren die Papageientaucher dran«, platzte der rotgesichtige Bursche heraus und schaute sehr zufrieden mit sich drein.
Einen Moment lang starrte Mrs. Smegma ihn an, als sei sie überrascht festzustellen, dass er der Sprache mächtig war. »Papageientaucher!«, sagte sie und bedachte mich mit einem noch vernichtenderen Blick, als wolle sie fragen, wie es jemandem so fundamental an menschlichem Anstand mangeln könne. »Der Colonel liebt Papageientaucher. Nicht wahr, Arthur?«
»Ja, und wie«, sagte der Colonel und biss unglücklich in ein Plätzchen mit Schokolade-Whisky-Geschmack.
Schamerfüllt nippte ich an meinem Tee und knabberte meinen Keks. Ich hatte noch nie Tee mit Milch getrunken oder ein so kümmerliches, steinhartes Stück Gebäck gegessen. Man hätte es einem Wellensittich zum Schnabelwetzen geben sollen. Nach einer Weile beugte sich der kahlköpfige Typ zu mir herüber und flüsterte mir streng vertraulich zu: »Stören Sie sich nicht an dem Colonel. Seit er das Bein verloren hat, ist er nicht mehr der alte.«
»Na, dann will ich doch für ihn hoffen, dass er es bald wiederfindet«, antwortete ich, ein wenig Ironie riskierend. Woraufhin der Glatzkopf in schallendes Gelächter ausbrach und ich einen entsetzlichen Augenblick lang befürchtete, er werde meinen bissigen kleinen Seitenhieb dem Colonel und Mrs. Smegma petzen. Aber er streckte mir eine kräftige Hand entgegen und stellte sich vor. Ich kann mich nicht erinnern, wie er hieß, aber es war so ein Name, wie ihn nur Engländer haben – Colin Crapspray oder Bertram Pantyshield oder etwas ähnlich Irrwitziges. Ich brachte ein schiefes Lächeln zustande, dachte, er nähme mich auf den Arm, und sagte: »Im Ernst?«
»Allerdings«, erwiderte er kühl. »Wieso, finden Sie ihn witzig?«
»Nein, er ist nur … ungewöhnlich.«
»Na, das meinen Sie vielleicht«, sagte er und wandte seine Aufmerksamkeit dem Colonel und Mrs. Smegma zu, und ich begriff, dass ich ein für alle Mal in Dover ohne Freunde dastand.
Die nächsten beiden Tage verfolgte mich Mrs. Smegma gnadenlos, die anderen, argwöhnte ich, sammelten Beweismaterial für sie. Sie warf mir vor, dass ich vor dem Weggehen in meinem Zimmer das Licht nicht ausgeknipst, nach Erledigung meines Geschäfts den Klodeckel nicht zugemacht, dem Colonel das heiße Wasser weggenommen – ich hatte ja keine Ahnung, dass er sein eigenes besaß, bis er am Türknauf zu rütteln begann und seine Klagelaute durch den Flur hallten – und zweimal hintereinander das komplette englische Frühstück bestellt und beide Male die geschmorte Tomate liegen gelassen hätte. »Aha, Sie haben sie wieder nicht gegessen«, schalt sie mich beim zweiten Mal. Ich wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte, es war ja die bittere Wahrheit. Also zog ich nur die Stirn in tiefe Falten und starrte das Corpus Delicti genau wie sie an. Ich hatte mich ja auch schon seit dem Vortag gefragt, was es war. »Dürfte ich Sie ersuchen«, bat sie mit von jahrelangem Kummer und Ärger schwerer Stimme, »dass Sie in Zukunft so freundlich sind, mir zu sagen, wenn Sie keine geschmorte Tomate zum Frühstück wünschen.«
Beschämt sah ich, wie sie abging. »Ich dachte, es wäre ein Blutklumpen!«, wollte ich hinter ihr herbrüllen, aber ich unterließ es natürlich und stahl mich unter dem triumphierenden Strahlen meiner Mitbewohner aus dem Raum.
Von da an blieb ich nach Möglichkeit außer Haus. Ich ging in die Bibliothek und schaute »Überwurf« im Lexikon nach, damit ich mir wenigstens diesbezüglich keine Rüge einfing. (Als ich herausfand, um was es sich handelte, war ich verblüfft. Drei Tage lang hatte ich an der Gardine herumgefummelt.) Im Haus bemühte ich mich um Stille und Unauffälligkeit. Ich drehte mich sogar leise in meinem quietschenden Bett um. Aber einerlei, wie sehr ich mich anstrengte, ich schien dazu verdammt, Ärger zu verursachen.
Als ich am dritten Nachmittag ins Haus schlich, konfrontierte mich Mrs. Smegma mit einer leeren Zigarettenschachtel und begehrte zu wissen, ob ich sie in die Ligusterhecke geworfen hätte. Langsam dämmerte mir, warum unschuldige Menschen auf Polizeiwachen extravagante Geständnisse unterschreiben. An dem Abend vergaß ich, den Heißwasserboiler auszuschalten, nachdem ich heimlich schnell ein Bad genommen hatte, und machte das Vergehen noch schlimmer, indem ich büschelweise Haare im Abflussloch hinterließ. Am nächsten Morgen kam die ultimative Demütigung. Mrs. Smegma führte mich wortlos zur Toilette und zeigte mir ein kleines Würstchen, das nicht hinuntergespült worden war. Wir einigten uns, dass ich nach dem Frühstück auszog.
Ich nahm den Schnellzug nach London und ward nie wieder in Dover gesehen.