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Der Autor
Wolfgang Haupt lebt und arbeitet in Salzburg. Auf seinem Weg von der Sprachwissenschaft, über Kommunikationswissenschaft und Anglistik bis hin zur Informatik hat sich der Blick auf und vor allem in die Menschen als spannendster Antrieb erwiesen. Reisen und das Interesse an fremden Kulturen und Sprachen haben in seinem Leben einen großen Stellenwert. Der algerische Hirte ist sein erster Roman.

Das Buch
Juni 1984. Ein ermordeter Säufer hinterlässt Ratlosigkeit. Keine Anhaltspunkte, kein Motiv. Sein einziger Freund, ein Kommissar aus Saint-Lemis, einer kleinen Stadt in Südfrankreich, gerät unter Verdacht. Ein Verdacht, den er nicht entkräften kann, weil er jedwede Erinnerung an diese Nacht verloren hat. Zeitgleich tauchen immer mehr Männer in Anzügen auf. Sie suchen einen Gegenstand, den der Kommissar zu benötigen glaubt, um seine Unschuld zu beweisen. Es entbrennt eine Hetzjagd, die ihn über Korsika nach Algerien führt und ihn immer tiefer in die dunkle Vergangenheit seines Freundes blicken lässt. Die Geschichte eines Soldaten, Doppelagenten und vor allem: eines Terroristen.

Wolfgang Haupt

Der algerische Hirte

Kriminalroman

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Midnight by Ullstein
midnight.ullstein.de

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Originalausgabe bei Midnight. Midnight ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Juli 2014
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2014
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Titelabbildung: © Finepic®
Autorenfoto: © privat

ISBN 978-3-95819-003-0

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Geschichte birgt Schwierigkeiten.
Sie ist niemals Wahrheit oder Lüge.

1

Ein Schlagstock fährt langsam über ein Gitter. Es fühlt sich an, als ob der Gummi sein Gehirn umrührt. Ranfort stützt sich auf die Ellbogen. Klackende Absätze, ein monotoner Tritt. Er sieht nur Umrisse. Den Armen fehlt die Kraft, ihn oben zu halten. Was immer ihn in diese Situation gebracht hat, er will es lieber nicht wissen. Er tastet den Schorf auf der Stirn ab. Kaum größer als eine Fingerspitze. Neben dem Kopf ein nasser Fleck. Auf dem Laken müssen schon Tausende gelegen haben. Der abgeblätterte Putz neben ihm war ursprünglich grün. Ranfort hört ein Lachen, hebt die Hände vors Gesicht. Er dreht sich auf den Rücken und starrt minutenlang auf einen Rost, der sich über ihm befindet. Offenbar hat es niemand für nötig befunden, ihm die Schuhe auszuziehen. Eine Frau säuselt aus einem Radio. Margaret Thatcher hat einen Rabatt für die Briten in der EWG errungen, in Amerika tobt der Wahlkampf zwischen Ronald Reagan und Walter Mondale. Das Wetter, dann singt France Gall Ella, elle l’a.

Complatier taucht am Gitter auf. Die glatt polierten Schuhe, darüber der exakte Hosenumschlag. Er hat nur ein Grinsen für Ranfort übrig, steckt den Schlagstock in das Halfter und dreht sich um. Dann entfernt er sich wieder. Langsam. Ranfort steht auf und geht zum Spiegel, der über dem Waschbecken hängt. Kein Rahmen, nur das Glas auf einer Halterung. Er wäscht das eingetrocknete Blut von der Wunde. Jede Berührung trifft ihn wie ein Blitz. Was war letzte Nacht bloß?

Cécille. Sie trug ein rotes Kleid, die Haare hochgesteckt. Sie wurden an den Tisch neben dem Fenster gesetzt, weil es draußen regnete. Ein spätes Essen, dazu ein Glas Wein. Ein Weg durch die Weinfelder. In der Mitte ein Streifen Gras, der links und rechts von Schotter begleitet wurde. Nichts mehr.

Ranfort fährt über den Schorf. Die Wunde sieht schlimm aus. Er richtet den Kragen und tritt ans Gitter, um zu sehen, ob Complatier zurückkommt. Keine der anderen Zellen ist besetzt. Er setzt sich auf die Matratze, zieht die Augenbrauen zusammen, die Wunde macht sich mit einem Stechen bemerkbar. Die linke Gesäßtasche der Jeans ist zerrissen. In der rechten findet er ein zusammengedrücktes Taschentuch. Er fühlt sich wie im Januar 1964. Sein Vater hing an einem Stromkabel in der Küche, Sylvie Vartan sang im Radio Si je chante, c’est pour toi. Daneben der Abschiedsbrief, in dem »Sylvie, wir werden bald vereint sein!« zu lesen war. Ranforts Handflächen beginnen zu schwitzen. Er legt sich auf die Matratze und versucht, ein wenig zu schlafen, bis Complatier zurückkommt und ihn aus der Zelle lässt. Das Kopfweh pulsiert unter der Stirn. Das Licht brennt in den Augen. Ranfort zieht sich die Jacke über den Kopf. Die Bilder sind verschwunden. Stimmen mischen sich in die Dunkelheit.

»Auguste hat angerufen. Er war sehr aufgebracht.«Cécille. Im Hintergrund das Treiben des Restaurants. Klirren von Tellern und Besteck. Das Personal rief sich Bestellungen und Befehle zu. Ranfort konnte sich kaum auf sie konzentrieren. Der Regen hatte sich verstärkt und die Kellner liefen nach draußen, um die Markisen vor der Nässe zu schützen.

Ein Schlüssel dreht sich im Schloss.

»Kommissar Ranfort?« Er spürt ein Rütteln an der Schulter und zieht die Jacke nach unten. »Wir müssen gehen.« Das Grinsen auf Complatiers Gesicht ist gewichen.

Larut sitzt am Schreibtisch und macht Complatier durch ein Wedeln mit der Hand klar, dass er den Raum verlassen soll. Mit derselben Handbewegung bittet er Ranfort, sich zu setzen, und geht weiter die Notizen durch.

»Erzählen Sie mir was«, sagt Larut stoisch. Er fixiert die Nasenwurzel und versucht ihm den Eindruck zu geben, dass er ihm ständig in die Augen sieht. DST-Methode. Oder Stasi. Ranfort zupft am Ärmel, faltet die Hände und hält dem Blick stand. Larut nimmt die Brille ab und legt sie auf den Tisch.

»Was soll ich Ihnen erzählen?«, fragt Ranfort.

»Machen Sie es mir doch nicht so schwierig.« Ranfort schiebt die Ellbogen auf die Armlehnen, richtet den Oberkörper nach vorne und stellt die Fußsohlen auf den Boden. »Ich hätte Sie für klüger gehalten, François.« Larut hat ihn mit dem Vornamen angesprochen. Das soll wohl bedeuten, dass er ihn voll und ganz versteht. Doch leider weiß Ranfort nicht, wieso. Sein Vorgesetzter geht zur Tür und bittet Complatier, Ranfort wieder zurück in die Zelle zu bringen.

»Ich gehe jetzt nach Hause«, sagt Ranfort.

»Wenn Sie mir nicht verraten, wo Sie gestern Nacht waren, gehen Sie nirgendwohin.« Larut bittet Complatier, noch einen Moment draußen zu warten. Er setzt sich und nimmt wieder Ranforts Nasenwurzel ins Visier.

»Ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin«, sagt Ranfort. »Mir fehlt jede Erinnerung an die letzte Nacht. Ich weiß nicht mal, wie ich hergekommen bin. Ich war letzte Nacht mit Cécille aus.«

Ranfort sucht nach dem Kalender mit den Schiebeelementen. Larut ist einer der wenigen, die das Datum jeden Tag nachstellen. Freitag, der 1. Juni 1984. Wenigstens hat er keinen Tag verloren.

»Mit Cécille?«

Larut nimmt einen Stift und zieht einen Kreis auf einem leeren Blatt. Eine Runde, zwei Runden. Sein Blick wandert zwischen Ranfort und den Strichen hin und her. Worauf wartet er? Er kennt Cécille und ihr Verhältnis zu Ranfort.

»Ich weiß nicht, wann wir zurück waren. Es hat angefangen zu regnen. So spät kann es nicht gewesen sein.«

»Weiter.«

»Ich habe wohl zu viel getrunken.«

Laruts Augen leuchten, er legt den Stift zur Seite. »Und dann?«

»Nichts dann. Ich habe zu viel getrunken.«

Nicht zum ersten Mal. Larut steckt sich einen Bügel der Brille zwischen die Zähne.

»Sie wollen mir also sagen, das Einzige, an das Sie sich noch erinnern, ist, dass Sie betrunken waren.«

Larut schüttelt den Kopf und lehnt sich zurück.

»Wenn Sie mir nicht vertrauen, kann ich nichts für Sie tun, François. Sie haben sich mit Auguste gestritten, habe ich gehört.«

»Ein Streit unter Freunden, das kommt vor.«

»Und das nicht zum ersten Mal. Worum ging es?«

»Nichts Wichtiges, irgendetwas Banales. Ich kann mich nicht mehr erinnern.«

»Weil Sie betrunken waren. Wer hat angefangen?«

Ein Bügel baumelt unter Laruts Kinn hin und her. Es ist nicht die erste Brille, die er zerkaut.

»Er trinkt sehr viel. Dann regt ihn alles und jeder auf. Sind wir fertig?«

»Auguste Petrus wurde letzte Nacht in seinem Haus ermordet.«

Larut legt die Brille auf den Tisch und lehnt sich vor.

»Sie waren die letzte Person, mit der er zusammen gesehen wurde. Und Sie haben sich mit ihm gestritten.«

»Darf ich jetzt gehen?« Ranfort erhebt sich und geht zur Tür, ohne eine Antwort abzuwarten.

»Ein guter Rat, François: Nehmen Sie sich einen Anwalt.«

Ranfort schüttelt den Kopf und zieht sich die Jacke zu. Ein Anwalt ist das Letzte, was er braucht.

Ranfort geht die Stufen zur Rue de Saint-Exupéry hinunter und überquert den Marktplatz. Ein Weinbauer packt Weinkisten in seinen Peugeot, der schon bessere Tage gesehen hat, und grüßt ihn. Ranfort überlegt, ob er in die Wohnung hochgehen soll. An Schlaf ist nicht zu denken. Er muss auf die Dunkelheit warten. Wenn ihn jemand sieht, wird es schwierig für ihn. Er muss die Nerven bewahren. Professionell bleiben, wie früher, darf sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Gefühle führen nur auf die falsche Spur.

Er geht in den ersten Stock und drückt die Klinke nach unten. Die Tür sperrt er niemals ab. Es gibt in seiner Wohnung nichts zu holen. Die Jacke hängt er an die Garderobe. Küche, Bett, alles scheint normal. Er zieht sich um, sucht eine Taschenlampe in einer Schublade. Blick aus dem Fenster. Ranfort kann nicht auf die Abenddämmerung warten. Er verlässt die Wohnung, quert zwei Hinterhöfe und biegt in die Rue Marseille ein, nachdem er sich vergewissert hat, dass ihm niemand folgt. Die hellen Häuserfronten ziehen an ihm vorbei, eiserne Balkongeländer, hinter denen kaum ein Mensch Platz findet, wechseln mit einst bunten Fensterläden ab. Der Duft von Lavendel steigt ihm in die Nase, in der Rue Pouy biegt er in einen schlecht asphaltierten Weg ein. Er kreuzt die Schienen und folgt dem Schotterweg, der den Anfang des Weinbergs markiert, nimmt eine leichte Reflexion wahr und geht auf sie zu. Nach zwanzig Metern entdeckt er sein Motorrad. Der Schlüssel steckt, der Helm hängt auf dem Seitenspiegel. Merkwürdig, dass das Motorrad hier steht. Warum hatte er nicht vor dem Haus geparkt? Er denkt an Larut, nimmt den Schlüssel und folgt dem Feldweg, bis er auf die Absperrbänder trifft.

Ranfort knipst die Taschenlampe an, schwenkt sie über den Boden, durch die Zimmer. Im Schlafzimmer findet er nichts außer einer Decke und zerknülltem Bettzeug. Er verlässt den Raum, leuchtet die weißen Kreidestriche, Umrisse, im Wohnzimmer ab. Die Arme nach hinten, mit angezogenen Beinen –

Auguste.

Auf dem Tisch rote Flecken zwischen einem Haufen Scherben. Stundenlange Gespräche haben an ihm stattgefunden. Hitzige mitunter. Die gemeinsame Trauer um Ranforts Frau und Augustes Offenbarung seiner Affäre mit ihr. Eine Sache, die sie auf sonderbare Weise zusammengeschweißt hatte. Ranfort hatte sich gewundert, warum Auguste auf dem Begräbnis seiner Frau und seines Sohnes war. Niemand, der sie nicht näher kannte, hätte an dem ekelhaft kalten Januartag freiwillig das Haus verlassen. Nicht Auguste. Er verließ das Haus nur, um Wein zu holen oder zum Markt zu gehen. Ranfort hatte sich bei der Beisetzung so allein gefühlt wie nie zuvor. Bis Auguste an ihn herantrat und ihn zu sich einlud, um ihm alles zu gestehen. Auch er hatte alles verloren. Wie Ranfort, den Augustes Worte hart trafen, bis er verstand, warum seine Frau ihn betrogen hatte. Er hatte sie vernachlässigt. Die bizarre Gemeinsamkeit, die sich aus Augustes Beichte ergab, hatte vieles leichter gemacht. Sie hatten viele Abende beim Skatspiel verbracht, stundenlang über die verhassten Touristen gelästert, die fern der alten Heimat eine neue suchten. Der Bandol-Verschnitt, der ihnen am nächsten Morgen Kopfweh bescherte, tat das Seine. Das hatte Ranfort von den Selbstvorwürfen abgelenkt, die ihn quälten. Er wollte den Schmerz über den Tod seiner Frau nicht noch einmal erleben. Denselben Fehler nicht noch einmal begehen. Sich zurückziehen, sich der Arbeit und dem Alkohol ergeben. Bis zur Begegnung mit Augustes Schwester war er mit Scheuklappen herumgelaufen, nur auf die nächste Stunde fixiert. Ihre Annäherung beschlossen sie, für sich zu behalten, zu behüten. Schon allein wegen Cécilles Ehe mit Gerard, einem untreuen, arroganten Bürokraten. Wegen der Sache mit Ranforts Frau hätte Auguste zwar nichts sagen dürfen, aber gepasst hatte es ihm dennoch nicht. Jedes Mal, wenn Cécille in Ranforts Beisein den Raum betrat, wurde Auguste still, drehte sich weg und sagte erst wieder etwas, wenn sie ging. Ranfort fällt auf, wie wenig er über Auguste weiß. Woher die Narbe stammte, die er unter dem Bart versteckte? Warum er mit dem rechten Fuß hinkte? Was während der Zeit passiert war, über die er nie sprach?

Neben dem Waschbecken steht ein Weinglas, daneben liegt ein Putzlappen. Was ist letzte Nacht in diesem Haus geschehen? Ranfort hatte gedacht, er würde sich erinnern, wenn er hierherkäme. Nichts. Hatten sie sich gestritten? Wieder mal wegen irgendwelchen Nichtigkeiten? Warum steht sein Motorrad da draußen?

Ranfort betritt den Garten. Das Gras wurde schon lange nicht mehr gemäht. Mit jedem Schritt sinkt er mit den Steinen in den Morast. Der Gemüsegarten beansprucht einiges an Fläche. Am Rand steht ein Schuppen, der einen Haufen Gerümpel beinhaltet, von dem es Auguste schwerfiel sich zu trennen. Die Beete sind akribisch aufgeteilt und sauber gehalten. Jede Tomatenstaude hat eine Holzstange, an der sie sich anhält, um das Gewicht nicht allein tragen zu müssen. Die Salate wachsen in Reih und Glied neben zahlreichen Kräutern, die das feuchte Klima sichtlich genießen. Nicht ein Fußabdruck ist auszumachen.

Er geht zum Schuppen. Eine circa zwei mal drei Meter große, marode Tür mit einem quadratischen Fenster aus zerbrochenem Glas. Ein Scharnier ist ausgerissen. Ranfort hebt sie an der Klinke an und zieht sie zu sich. Krempel, der kreuz und quer auf den Regalen liegt. Radios, Werkzeug, Gartenharken und Schaufeln. Er stapft zurück ins Haus und sieht sich um. Wer immer das getan hat, wird es bitter bereuen.

Das Brummen des Motorrads schiebt sich den Feldweg neben den Schienen entlang und setzt sich in den Weinbergen an der Kirche bis in die Rue de Lafette fort. Hinter dem blauen Citroën BX von Gerard parkt Ranfort das Motorrad, geht in den Innenhof und drückt die Klingel. Er hat ihr schon hundertmal gesagt, sie soll fragen, wer vor der Tür steht, aber sofort ertönt das Summen. Cécille lehnt am Türrahmen und hält die Arme verschränkt. Kein Kuss, keine Begrüßung. Schon gar kein Lächeln. Stattdessen eine Ohrfeige.

»Du hättest auf ihn aufpassen müssen, François.«

Ranfort nimmt sie in den Arm und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie legt den Kopf auf seine Brust, erwidert die Umarmung und löst sie gleich wieder.

»Komm, wir setzen uns«, sagt Ranfort. Eine Mischung aus Räucherstäbchen und Zigarettenqualm steigt ihm in die Nase. Cécille geht zum Küchenkasten, schiebt die Nudeln weg und holt ein silbernes Etui hervor. Sie zieht das Gummiband beiseite, nimmt eine Zigarette heraus und klopft die Spitze auf den Küchentisch. Schwefelduft, die Flamme frisst sich in den Tabak, ein tiefer Zug. Dieselbe Marke, die Ranforts Mutter ins Grab gebracht hat.

»Du hast Nerven, hier aufzutauchen.« Sie sieht auf den Boden, drückt hastig die Zigarette aus und wischt den geschwärzten Finger an der Schürze ab. Die blondierten Haare streicht sie aus dem Gesicht, um sie hinters Ohr zu legen.

»Du hättest wenigstens anrufen können.« Ranfort klopft mit dem Mittelfinger auf den Tisch. Gerard ist seine geringste Sorge.

»Ich war heute bei Larut«, sagt sie mit zitternder Unterlippe und zusammengezogenen Lidern. Ranfort berührt ihre Schulter. Sie lässt es kurz zu, überlegt, drückt die Hand weg.

»Was hat er gesagt?« Ranforts Zeigefinger umkreist den eingeschlossenen Ast in der Tischmaserung, die Augen pendeln zwischen ihr und dem Tisch hin und her. »Erzähl mir von gestern. Woher hast du überhaupt die Wunde?«, sagt sie. Ihr Blick streift Ranforts Stirn.

»Irgendjemand versucht, mir da was anzuhängen. Ich hatte gehofft, du weißt etwas.« Sie schüttelt den Kopf und atmet durch. »Du kannst wen anders zum Narren halten, François. Wie lange bist du bei der Polizei? Wie oft hast du so etwas schon gehört?«

Ranfort muss ihr recht geben. Die Standardausrede eines jeden Kleinkriminellen. Das führt in der Regel nur zu tiefen Seufzern und verdrehten Augen. Ranfort stützt sich auf die Ellbogen, sagt: »Ich muss wissen, was geschehen ist.«

»Warum tischst du mir diese idiotische Geschichte auf? Jemand will dir was anhängen. Weißt nicht mehr, was gestern gewesen ist.«

»Wenn ich es wüsste, würde ich wohl kaum fragen.«

Cécille lehnt sich vor und klopft mit der Hand auf ihren Unterarm.

»Keine Erinnerung? Auch nicht an eure Auseinandersetzung?«

Ranfort runzelt die Stirn. Larut muss es von ihr erfahren haben. Warum hat sie es nicht für sich behalten? Verdächtigt sie ihn?

»Worum ging es?«

»Ich habe keine Ahnung, François. Nachdem ich bei dir war, bin ich zu Auguste. Ich habe euer Geschrei gehört. Bis nach draußen. Man hat kein Wort verstanden. Auf diese Art Diskussionen hatte ich noch nie besonders Lust. Da bin ich wieder gefahren.«

Ranfort ignoriert die Anspielung auf den Alkohol und die daraus resultierten Diskussionen mit Auguste. Er hat sie gleichermaßen von Gerard weggeholt wie sie ihn vom Alkohol. Cécille war zu dieser Zeit genauso am Boden wie er. Gefangen in Hoffnungslosigkeit und Resignation. Sie hatten beinahe eine unerträgliche Situation zur Normalität erklärt.

»Ging es um uns?«, fragt er.

Sie kneift die Augen zusammen und zischt:

»Hörst du nicht zu? Wer war dabei? Du oder ich?«

Sie klappt das Etui auf, Ranfort schließt mit ihrer Hand den Deckel.

»Hast du Auguste gesehen?«

»Wann meinst du? Gestern oder heute?«

»Gestern. Heute.« Ranfort gestikuliert wild umher.

»Heute. Aber nur die Tätowierung.« Wille, Glaube und Mut. Auf der linken Schulter, im Halbkreis um eine siebenflammige Granate. »Hat Larut etwas über ihn gesagt? Was hat er dich gefragt?« Cécille lehnt sich zurück und schweigt. Sie seufzt und sagt: »Nicht viel. Er hat Fragen über dich gestellt. Deine Beziehung zu Auguste. Ob er Feinde hatte. Polizeizeug eben.«

»Was hast du ihm erzählt?«

»Die Wahrheit, François. Dass er dein bester Freund war. Und das, was ich von gestern weiß.«

»Das, was du mir nicht erzählen willst?« Cécille reagiert nicht auf Ranforts Tonfall. »Ich habe schon genug gesagt.«

Sie dreht den Kopf zur Seite, sieht ihm in die Augen, flüstert: »Eins hat er mir gesagt: Es wäre besser, wenn du dich von Augustes Haus fernhältst.« Ranfort hat Larut unterschätzt. Er kennt ihn besser, als er angenommen hat.

»Ich habe nicht vor, dorthin zu gehen.« Cécille sieht ihn prüfend an. Sie bedeckt das Gesicht mit den Händen und presst die Luft durch die Nase. Sie steht auf, geht zum Fenster und stützt die Hände auf das Fensterbrett.

»Lass es, François. Geh jetzt. Ich muss nachdenken.«

Ranfort denkt an ihre erste Begegnung bei Auguste. Er hatte nicht geglaubt, dass er nach Claudines Tod noch jemals etwas für eine andere Frau empfinden könnte. Die ersten Nächte mit Cécille. Das Geheimnis, das sie immer miteinander verband und ihre Affäre aufregender gestaltete als alles andere in seinem Leben. Warum weigert sie sich, ihm zu helfen?

»Vertrau mir, Cécille.«

»Auch das hat Larut gesagt. Dass du mit dieser Masche anfangen würdest.« Cécilles Mann macht sich mit einem Hüsteln bemerkbar. Gerard grinst Ranfort an, streicht ihr über die Schulter und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. Ranfort sieht Cécille an, die sich angewidert abwendet. Bloß von wem?

Die spärlich beleuchteten Häuserfronten, in denen allein der Widerhall des Motors reflektiert wird, ziehen an Ranfort vorbei. Hin und wieder dringt ein Lichtschein durch die verwitterten Fensterläden. Er kreuzt den Place de la Brise und biegt ab in die Rue Marseille, lenkt das Motorrad durch eine Gasse in den Hinterhof. Den Motor stellt er ab, den Helm hängt er auf den Seitenspiegel. Dann geht er hoch in die Wohnung, wirft die Jacke auf den Boden und nimmt sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Er kann die Augen kaum noch offen halten. Ranfort stößt in Gedanken mit Auguste an, isst einen Bissen kalter Pizza, bevor er sich aufs Bett fallen lässt und einschläft. Bis ihn ein Müllwagen aus dem Schlaf reißt. Ranfort steht auf, die Wunde pulsiert auf der Stirn. Die Sonne zeigt sich hinter dem Weinberg, die Rue Marseille liegt im Schatten. Ranfort ignoriert das Pochen der Wunde, trinkt einen Schluck Wasser und verlässt die Wohnung.

Er hat das morgendliche Treiben von Saint-Lemis weit hinter sich gelassen, parkt das Motorrad fern der Straße zwischen den Reben und geht den Schotterweg hinauf. Ranfort entdeckt einen Polizeiwagen vor Augustes Haus und zwängt sich durch die Reben, bis er den Renault R4 durch die Blätter sehen kann. Ein Mann sitzt hinter dem Steuer, den Kopf an der Stütze angelehnt, ein Bein hängt aus der halb offenen Tür. Glatt polierter Schuh, darüber der exakte Hosenumschlag.

Ranfort schlägt sich durch das Geäst, bis er den Garten erreicht. Er wirft einen Blick zu den Fenstern. Keine Bewegung. Im feuchten Boden ist kein Fußabdruck auszumachen. Er schmiegt sich an die Wand, schleicht unter den Fenstern vorbei und hält das Ohr an die Tür. Notdürftig entfernt er den Matsch von den Schuhen und drückt die Klinke vorsichtig nach unten. Er bewegt sich lautlos durch die Küche, sieht sich um und wirft einen Blick auf die Kreidestriche im Wohnzimmer.

Massenhaft eingetrocknetes Blut innerhalb der Markierung. Ranfort geht in die Hocke und sucht den Boden ab. Nichts. Er betritt das Schlafzimmer. Das Bett sieht tagsüber noch verwahrloster aus. Ranfort hebt die Decke hoch, schüttelt sie aus und greift das Polster ab. Er schwenkt den Blick durch den Raum und geht ins Wohnzimmer.

Der Klang einer Autotür reißt ihn aus der Konzentration. Schritte nähern sich. Ranforts Blick wandert durch den Raum. Er versteckt sich hinter dem Polstersessel, auf dem noch immer die Mulde zu sehen ist, in der Auguste gesessen hat.

Complatier betritt das Haus. Langsam bewegt er die Absätze über den Holzboden, den Finger an der Sprechtaste des Funkgeräts, mit leicht geneigtem Kopf flüstert er in das Mikrofon. Ranfort kann nichts verstehen. Knacken und Rauschen geben sich die Hand. Complatier lässt den Blick durch den Raum gleiten und gibt Meldung an die Gegenstelle. Ranforts Herzschlag beschleunigt sich. Larut hat ihn nicht umsonst gewarnt. Complatier steht keinen Meter von ihm entfernt, lässt den Blick schweifen, ehe er die Ferse in den Boden hackt und kehrtmacht. Ranfort schleicht wieder in die Küche, schiebt die Tür auf und verschwindet zwischen den Weinreben.

Wer hatte ein Interesse daran, Auguste zu töten? Kann er sich selbst ausschließen? Ranfort macht fast einen Schritt aus den Reben, als der Wind die Tür ganz zuschlägt. Hektische Absätze folgen dem Knall. Complatier stürmt mit gezückter Waffe heraus und sucht mit der Kimme den Garten ab. Einmal, zweimal. Er senkt die Pistole, wischt sich an der Kante den Matsch von den Sohlen und widmet sich dem Funkgerät. Ranfort belächelt die gezogene Waffe. Complatier würde ihm nichts tun. Der Genuss, Ranfort zu verhaften, ist ihm zu wichtig und der Posten des Kommissars zu verlockend. Eine Festnahme eines Mörders: für die Beförderung unbezahlbar. Vor allem, weil Ranfort auf dem Posten sitzt, den Complatier seit Jahren haben will. Ranfort wartet eine Minute. Dann geht er zum Schuppen, zieht die kaputte Tür hinter sich zu und widmet sich dem Gerümpel. Warum hat sich niemand für die Hütte interessiert?

Er geht die Regale noch einmal Schritt für Schritt durch, räumt Schaufeln und Harken von einem Platz zum nächsten und nimmt ein Glitzern in einer Ecke wahr, zwischen rostigen Eimern, halb verhüllt von einem schmutzigen Lappen. Er entfernt das Tuch. MAS-36. Standardwaffe der französischen Infanterie. Im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ranfort dreht das Gewehr und sucht es ab. Die Mechanik wurde gut behandelt, wenn nicht komplett erneuert. Der Zylinderverschluss lässt sich leicht bewegen und das Holz sieht aus wie frisch lackiert. Er dreht es, tastet es ab, lässt den Blick darüber gleiten. Immer wieder. Bis ihm die fehlende Originalgravierung auffällt. Statt »MAS« und der Modellnummer nur eine Zahl: »XIV«.

2

Eine seichte Brise zieht über die Dünen, als Pedro die Stellung mit dem schweren MG einnimmt. Auf ein Frühstück sollte er verzichten. Jacques, einer seiner Kameraden, hat ihm gesagt, dass er nur kotzen würde, wenn es richtig losgeht.

Pedro hat Stellung an einer erhöhten Position bezogen. Wenn einer herausrennt, soll er draufhalten, damit die anderen sehen, welche Folgen die Flucht hat. Er überblickt die Hütten, die man an zwei Händen abzählen kann. Sie sehen aus wie halbierte Eierschalen aus Lehm, in die man mit der Hand behelfsmäßige Fenster geformt hat. Zwischen den Hütten befindet sich ein Brunnen. Dahinter ist nichts. Nur Wüste.

Pedro ist mit seiner Einheit in der Dunkelheit abgesprungen. Im Flugzeug konnte er die Morgensonne erkennen, die langsam Licht auf die Anhöhe warf. Unter anderen Umständen ein romantischer Anblick, doch Pedro kriecht nun ein Gefühl den Bauch hoch, das er sich zuvor nicht hatte vorstellen können.

Seine Einheit umfasst etwas über zwanzig Mann. Die Hälfte davon sind Deutsche. Aus der Wehrmacht oder Waffen-SS. Einige davon kommen direkt aus Indochina. Pedro ist der jüngste und unerfahrenste der Männer. Deshalb hat ihn ein Deutscher unter die Fittiche genommen, ihn instruiert, was zu tun ist, wenn einer der bougnoules Schwierigkeiten macht. Er hat gefragt, was dieses Wort bedeutet. Der Deutsche hat entgegnet, dass er schon wissen werde, was es heißt, wenn er einen zu Gesicht bekomme.

Pedro liegt keine zwei Minuten in der Mulde am Rand der leichten Anhöhe, als das Konzert beginnt. Jeweils zwei Männer tänzeln im Schatten zu den Hütten. Einer wirft eine Handgranate in den Brunnen. Der Explosion folgen markdurchdringende Schreie aus der Tiefe. Ein Moment der Stille. Die wenigen Männer, die sich in den Hütten befinden, werden vor den Brunnen getrieben, die anderen Soldaten nehmen sich der Frauen und Kindern an, die in den Häusern verblieben sind.

Die Männer, die vor dem Brunnen stehen, sind nackt und versuchen, sich den Schritt zu verdecken, wovon sie die Soldaten immer wieder abhalten. Jeder, der die Hände senkt, bekommt einen Schlag mit dem Gewehrkolben in die Magengrube. Pedro hört das Weinen der Frauen und Kinder bis zur Anhöhe. Er versucht, dem Treiben keine Aufmerksamkeit zu schenken, und fixiert die Gegend dahinter. Falls sich einer aus dem Staub macht, ist er gefragt. Er legt das Gesicht auf den Kolben des schweren Maschinengewehrs und kneift das Auge zusammen.

Er schwenkt den Lauf hin und her, der erste Kopf rollt Richtung Brunnen. Er ist sehr klein und kaum behaart. Einem der Männer kommen die Tränen, er fällt schreiend auf die Knie und hält den Kopf in den Armen, als ob er ihn nie wieder loslassen würde. Er ignoriert die Schläge, die ihn am Rücken treffen, bis er bewusstlos zusammensinkt.

Ein Soldat führt das Kommando des Sergeanten aus und erlöst ihn von seinem Leid mit einem Schuss in den Hinterkopf. Pedro kämpft mit der Fassung und der hochkommenden Galle.

Er denkt an Jacques’ Rat und ist dankbar, dass er nichts im Magen hat. Nachdem er sich erleichtert hat, nimmt er das Dorf wieder ins Visier. Es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld. Abgetrennte Gliedmaßen, Köpfe von Frauen und Kindern, begleitet von den Schreien des Gefangenenchors. Der Sergeant wandert vor der Linie der Algerier entlang. Die Arme hält er hinter dem Rücken verschränkt. Er bleibt stehen, stellt einem der Männer eine Frage und schießt ihm in dem Kopf, wenn die Antwort zu seinem Missfallen ausfällt. Das Ganze macht er, bis nur mehr zwei übrig sind. Er gibt den beiden ein Zeichen, dass sie laufen sollen. Pedro erfüllt seine Aufgabe. Er lädt durch und schießt sie mit einer gezielten Salve nieder.

Stille kehrt ein. Er sieht nur die Zeichen des Sergeanten, der sichtlich nicht mit Pedros Ausführung einverstanden ist. Er nimmt das schwere Maschinengewehr, Typ AA-52, das die Soldaten liebevoll cinquante-deux nennen, schultert es und geht die Anhöhe hinab. Bis er die Worte verstehen kann, die ihm der Sergeant zu sagen hat.

»Nur wenn sie flüchten, verdammt. Man muss welche übrig lassen, sonst lernen sie nie dazu.«

Das Brummen des Matford-Lkw, der über den Wüstenboden holpert, brennt sich in Pedros Gehirn. Er sieht zu Jacques hinüber, der ihm ein Lächeln schenkt und dann weiter auf die Ladefläche starrt. Ihm fällt Jacques’ Blässe auf. Er ist still geworden. Pedro reißt ein paar Witze über die getöteten Algerier, beobachtet Jacques’ knabenhafte Erscheinung aus dem Augenwinkel, die sich am Gewehr festhält und komplett in Gedanken versunken scheint.

Es dauert keine halbe Stunde, bis das Holpern des Matford aufhört. Pedro springt ab, versorgt das cinquante-deux und geht etwas essen.

Eine herbe Note hat sich unter das Couscous gemischt. Es ist nicht das erste Essen, das der Koch verdorben hat. Fleisch ist eine Rarität und wenn, dann eher von mäßiger Qualität. Dazu kommt die Hitze, die Pedro zu schaffen macht. Er fragt sich, warum sein Vater noch immer begeistert vom Indochinakrieg spricht. Den einzigen Unterschied sieht er in der Art der Hitze, mit der die Soldaten zu kämpfen haben. Er weiß nicht, ob die Trockenheit zu bevorzugen wäre.

Er würgt ein paar Bissen hinunter und verlässt das Zelt, als ihn Jacques anspricht. Er hat Schwierigkeiten, Pedro in die Augen zu sehen, als er mit zittriger Stimme beginnt:

»Ich muss mit dir reden.«

Pedro zieht die Mundwinkel nach oben. Er legt Jacques die Hand auf die Schulter und geht ein paar Schritte weg vom Zelt.

»Du wirst doch nicht etwa weich?«, flüstert Pedro in sein Ohr.

Pedro hält Jacques’ Genick in der Ellenbeuge. Er erhöht den Druck und hält ihm das Ohr vors Gesicht, um die Antwort abzuwarten.

Jacques’ Stimme ist gedämpft. »Ich frage mich nur, was das alles für einen Sinn hat.«

»Hat man dir das im Rekrutierungsbüro nicht gesagt?«

»Das meine ich nicht.«

Pedro sieht ihn fragend an.

»Sind wir wirklich hierhergekommen, um uns an Bauern, Frauen und Kindern zu vergehen?«

Pedro stellt sich ihm gegenüber und legt die Hände auf Jacques’ Schultern. Er setzt ein Grinsen auf. »Du hast Mitleid. Das brauchst du nicht. Jeder dieser Turbanschädel bekommt das, was er verdient.«

Jacques sieht ihn ungläubig an. Die Schultern hängen kraftlos herab.

»Was haben die Wehrlosen damit zu tun?«

Pedro sieht ihm in die Augen. Das Grinsen ist verschwunden. Die Falten unter der Nase und der Mund formen ein Dreieck, von dessen Bedrohlichkeit allein die Pupillen ablenken, die aus den Schlitzen stechen.

»Alles. Und nichts. Es kommt nur darauf an, auf welcher Seite man steht.«

Jacques hat diesen Blick aufgesetzt: Die Augen aufgerissen, darüber hat sich eine glasige Schicht gelegt. Pedro nimmt ihn in den Arm und streichelt ihm über den Kopf.

»Das wird schon, Kamerad. Das wird schon.« Er zieht die Augenbrauen immer mehr zusammen und überlegt, ihm einfach das Genick zu brechen.

Es ist nicht nur der Vollmond, der Pedro nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Sache mit Jacques geht ihm an die Nieren. Gewissensbisse und Mitleid bringen niemandem etwas. Er hat sich von der Furcht und Unterwürfigkeit gelöst, die ihm im Leben ständig abverlangt wurden. Er wird nicht als Verlierer nach Hause zurückkehren. Sie werden nicht scheitern, da ist er sich gewiss. Nicht in Algerien. Pedro zieht seine Runde im Camp, geht zur Umzäunung und sieht in die Nacht. Nichts ist zu hören außer dem Wind, der über die Ebene zieht. Nirgends auf der Welt ist es so dunkel wie in der Wüste. Jedes Ziel liegt hinter endlosen Haufen Sand und Steinen. Pedro erkennt die Absicht dahinter. Wo keine Berge sind, gibt es auch keinen Hinterhalt der FLN-Widerständler. Trotzdem werden die Wachen in der Dunkelheit verstärkt. Das ist die Zeit der Unabhängigkeit. Tagsüber wüten die Franzosen, in der Nacht die FLN. Jeder, den sie tagsüber liquidieren, hat keine Möglichkeit mehr, einen von ihnen zu töten. Pedro ist zufrieden mit dem heutigen Ergebnis. Dennoch ist ihm keine Minute Schlaf vergönnt. Er schließt die Augen, Yves trifft am Zaun ein. Er hat jemanden mitgebracht, den Pedro nicht kennt und auf dessen Bekanntschaft er auch keinen Wert legt. Wichtiger ist die gemeinsame Sache. Je oberflächlicher die Beziehung, desto besser. Früher oder später kann jeder Kamerad von den Turbanen getötet werden. Sie sprechen sich ab, es folgt ein bestätigendes Nicken. Sie stehlen sich im Mondlicht um das Zelt, der Hüne ohne Namen steht Schmiere, Pedro und Yves schleichen hinein. Sie kontrollieren jedes Feldbett. Pedro nimmt die linke, Yves die rechte Seite. Yves bleibt stehen. Er gibt ein Schnalzen mit der Zunge von sich, um Pedro zu signalisieren, dass er zu ihm kommen und in Stellung gehen soll. Pedro sieht Yves in die Augen und nickt. Er steht vor Jacques. In der rechten Hand hält er ein Handtuch mit einem Stück Seife darin. Yves spannt die Arme an und zieht Jacques, der vor Schreck fast aus dem Feldbett fällt, einen Sack über den Kopf. Er will schreien, doch Yves’ Griff wird nur fester. Pedro holt aus. Einmal, zweimal. Er will einen möglichst kraftvollen Schwung erzeugen. Das Handtuch fährt auf Jacques nieder, der nur ein Wimmern von sich gibt. Wieder und wieder schwingt Pedro das Handtuch. In die Rippen, in den Bauch, auf die Beine. Bis er das Gefühl hat, dass es keine Stelle mehr unter der Uniform gibt, an der kein blauer Fleck entstehen wird. Während der Prozedur droht Jacques mehrmals die Luft auszugehen, aber genau das ist die Aufgabe von Yves. Immer wieder lockert er den Griff, dass Jacques genug Luft bekommt, um jeden einzelnen Schlag genau zu spüren, aber zu wenig, um zu schreien. Pedro gibt Yves ein Zeichen, dass er aufhören soll. Yves dreht sich den Sack aus den Fingern, während sich Pedro das Handgelenk ausschüttelt. Er geht in die Hocke, um Jacques ins Gesicht zu sehen, der Mühe hat, die Augen offen zu halten. Pedro streicht ihm über den Kopf, grinst ihn an und flüstert: »Das wird schon, Kamerad. Das wird schon.«

»329417.« Pedro folgt der Aufforderung, ins Zelt des Majors zu kommen. Der Major nennt keine Namen. Das erzeugt nur einen unnötigen persönlichen Bezug. Pedro versteht das, kontrolliert die Adjustierung und stellt sich vor den Tisch des Majors. Er schlägt die Absätze der Stiefel zusammen und salutiert, wie er es gelernt hat. Der Major verzichtet auf das Salutieren und bietet ihm einen Platz an. Dann öffnet er die Akte, liest den überschaubaren Verlauf von Pedros Soldatenlaufbahn durch und wendet sich ihm zu.

Perfekte Rasur, jedes Haar sitzt an seinem Platz. Durchtrainierte Statur, passend zu dem möglichst emotionslosen Blick.

»Sie sind noch nicht lange hier.«

Pedro nickt, aber es war nicht als Frage gemeint.

»Warum machen Sie schon Schwierigkeiten?«

Pedro weiß nicht, was er meint. War der Sergeant bei ihm? Wird ihm die gestrige Aktion angelastet? Pedro hebt die Achseln.

»Glauben Sie, dass Sie in der Position sind, Disziplinierungsmaßnahmen durchführen zu können?« Pedro schweigt. Er denkt an Jacques, während ihm der Major in die Augen sieht. Der Major hebt die Stimme und lehnt die Ellbogen auf den Tisch. »Glauben Sie, dass ein einfacher Soldat in der Position ist, Disziplinierungsmaßnahmen zu entscheiden und auch auszuführen?«

Pedro setzt das Schweigen fort. Die Antwort würde dem Kommandanten nicht gefallen. Jedes Weichei wird früher oder später zu einer Belastung oder Gefahr. Er hat Jacques einen Gefallen getan, ihm gezeigt, dass Emotionen hier nichts zu suchen haben. Sonst wäre er irgendwann schreiend zusammengebrochen und in Selbstmitleid zerflossen. Wie die Turbane. Mit so jemandem kann man keinen Krieg gewinnen. Es ist, als ob er sein früheres Ich aus Jacques geprügelt und dem neuen Pedro Platz gemacht hätte. Jemand, der Narben trägt, sich aber nicht davon besiegen lässt. Jemand, der niemanden fürchtet. Jemand, der funktioniert in diesen chaotischen Zeiten. Eine Maschine. Ein richtiger Para.

»Ich brauche jeden Mann. Auch Sie. Allein deshalb werde ich von härteren Maßnahmen absehen.« Pedro hält die Mundwinkel zurück, die es ihm unwillkürlich nach oben zieht. Offensichtlich kann ein einfacher Soldat solche Entscheidungen treffen.

Der Fingerzeig des Sergeanten gilt Pedro. Er gibt das cinquante-deux an einen Kameraden ab und tauscht es gegen ein Gewehr. Ein MAS-36. Jacques ist nicht bei der Truppe. Er bleibt im Lazarett. Offenbar haben sie ihm stärker zugesetzt, als Pedro anfangs vermutet hat. Er sieht zu Yves, der die Schultern hebt. Der Sergeant instruiert die Männer:

»Zu mitternächtlicher Stunde haben algerische Rebellen, die Fellaghas, im hügeligen Ödland östlich von Constantine das dritte algerische Schützenregiment überfallen. Dabei sind uns die algerischen Harkis, die auf unserer Seite kämpfen und den Angriff aufhalten sollten, in den Rücken gefallen. Sie haben alles an Waffen und Munition mitgenommen, das sie zu tragen imstande waren, und sind in die Berge geflüchtet. Euer Ziel ist es, die Verräter zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Gnade ist nicht angebracht.«

Sie steigen in einen der zwei Sikorsky H-19-Hubschrauber, die wie Kartoffeln aussehen, an die man Rotorblätter gebastelt hat.

»Ich wusste, dass man denen nicht vertrauen kann«, schreit der Sergeant durch den Lärm der Rotoren. Mit einem lauten Hämmern gegen das Blech macht er dem Piloten klar, dass er abheben kann. Pedro umklammert den Kolben des Gewehrs. Er spürt einen Hauch von Rabaukenromantik und Verbrecherjagd. Das Camp verschwindet am Horizont, sie passieren kilometerweite Ödnis. In der Ferne kann er Constantine erkennen, Minuten später setzt der H-19 zur Landung südlich von Souk-Ahras an. Am Horizont sind zehn weitere H-19 aufgetaucht, die im Halbkreis um den Hügel die Soldaten abladen. Die Paras stürmen vor, töten ein, zwei Fellaghas, die sich locker im Gelände verteilt halten, und werden wieder von den H-19 aufgenommen, die um das Einsatzgebiet kreisen. Das Ganze wird ungefähr zehn Mal wiederholt. Planquadrat um Planquadrat. Abseits von den H-19 kreist ein anderer Hubschrauber, in dem der Befehlshaber die Mission beobachtet. Die Fellaghas geben provokante Salutschüsse ab, ihr Kampfgeschrei tönt über die Hügel. Sie sind offenbar noch guter Dinge, bis die Truppen aus den Sikorskys springen und ihre Stellungen stürmen. Es gibt kein Pardon. Zu mühsam war der Einsatz bis jetzt. Ein Rudel erschöpfter, aber blutdurstiger têtes brûlées, wie sie sich selbst nennen, haben die Stellung der Algerier umzingelt. Sie halten sich in Höhlen verschanzt, zu denen nur Pfade führen. Pedro fliegen die Kugeln um die Ohren, als er auf die Deckung zuläuft. Er kann kaum einen der Kämpfer erspähen. Sie halten sich im Zwielicht der Höhlen versteckt und schießen auf alles, was sich bewegt. Ähnlich geht es auf der französischen Seite zu. Die Finger der Männer liegen leicht am Abzug. Trotz des erbitterten Widerstands der Fellaghas arbeiten sich die Franzosen Schritt für Schritt vor. Wer einen Turban sieht, schießt. Auch weiße Kappen der Harkis haben sich darunter gemischt, die ein beliebtes Ziel darstellen. Pedro ist in einen Rausch gefallen. Ein Rausch, der es ihm ermöglicht, sich besser auf das Töten zu konzentrieren. Er hat Gefallen daran gefunden. Dieses Gefühl war ihm bis jetzt unbekannt. Getötet hat er schon vorher, aber Befriedigung hat er dabei nicht erfahren. Er merkt nicht, dass die Gegenwehr fast gänzlich erloschen ist. Der Deutsche, der auf ihn aufpassen soll, drückt Pedros Gewehr nach unten und gibt ihm ein Zeichen, dass er ein Bajonett aufstecken soll. Pedro wischt sich den Schweiß von den Händen und wechselt das Magazin. Dann steckt er das Messer an den Lauf und wartet. Pedro bringt die Füße in Position. Er möchte bei den Ersten sein. Der Moment scheint wie eine Ewigkeit, bis ihm der Deutsche befiehlt, dass er aus der Deckung springen soll. Es sind keine fünfzig Meter, die er den Hügel hinaufrennt. Er durchstößt das Zwielicht und sieht zwei Fellaghas, die ihre Waffen niedergelegt haben. Pedro zögert keine Sekunde. Der eine, ein alter, dürrer Mann, kniet nieder und hält die Hände hinter den Kopf. Pedros Schuss trifft ihn zwischen den Augen. Der andere, der ihm am nächsten ist, stützt sich kniend auf die Ellbogen und hält den Hinterkopf mit den Händen bedeckt. Pedro nimmt das Bajonett vom Lauf und stellt sich über ihn. Er kostet den Moment aus und setzt an der Kehle des Mannes an. Er beginnt mit leichtem Druck, wartet etwas. Mit der Linken drückt er den Kopf nach unten und führt die Klinge mit ganzer Kraft durch den Hals des Mannes. Pedro hört die Schreie des Deutschen. Es halten sich noch Fellaghas am Gipfel verschanzt. Er soll sich beeilen. Keiner darf entkommen. Pedro wartet. Er sieht auf die Armbanduhr. Es dauert keine Minute, bis der Fellagha keine Regung mehr macht. Pedro wischt die Klinge am Kaftan des Toten ab und steckt sie wieder auf den Lauf des Gewehrs. Es gibt noch viel zu tun.