Der Autor
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, veröffentlichte schon als Student Kurzgeschichten. Sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit über 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. Die großen Werke des Autors erscheinen im Heyne Verlag.
Curl up, baby! Curl up tight!
Curl up, baby! Keep it all outta sight!
Undercover
Keep it all outta sight,
Under cover of the night.
THE ROLLING STONES
»UNDERCOVER«
O every night and every day
A little piece of you is falling away …
Toe your line and play their game
Let the anaesthetic cover it all
Till one day they call your name:
You’re only waiting for the hammer to fall.
QUEEN
»HAMMER TO FALL«
Die meisten von ihnen kamen im Feuer um.
Nicht alle; Hundert oder mehr erreichten die Lichtung nicht mehr, bevor sich das Schiff aus der Erde befreite und am Himmel verschwand. Einige, wie zum Beispiel Elt Barker, der von seinem Motorrad gestürzt war, erreichten es nicht, weil sie verletzt oder tot waren … Kriegsglück. Andere, wie Ashley Ruvall oder die alte Miss Timms, die am Dienstag und Donnerstag in der Stadtbibliothek Dienst tat, waren einfach zu spät dran oder zu langsam.
Es starben aber auch nicht alle, die die Lichtung erreichten. Das Schiff war in den Himmel gestiegen, und die schreckliche, aussaugende Kraft, die sie gepackt hatte, verschwand im Nichts, bevor das Feuer die Lichtung erreichte (obwohl zu dem Zeitpunkt bereits Funken auf sie herabregneten und viele der kleineren Bäume der Ostseite bereits lichterloh brannten). Einigen von ihnen gelang es, dem sich ausbreitenden feurigen Fächer zu entkommen und tiefer in den Wald zu stolpern oder taumeln. Natürlich hätte es für diese wenigen (zu ihnen gehörte Rosalie Skehan ebenso wie Frank Spruce und Rudy Barfield, der Bruder des verstorbenen und weitgehend unbeweinten Pits) kein Zweck gehabt direkt nach Westen zu gehen, weil ihnen ungeachtet des vorherrschenden Windes letztlich die Atemluft ausgegangen wäre. Es war also notwendig erst nach Westen zu gehen, und sich dann nach Süden oder Norden wenden, um einen Haken um die Feuerfront zu schlagen … ein Verzweiflungsspiel, bei dem die Strafe für das Scheitern nicht war, den Ball zu verlieren, sondern in den Big Injun Woods zu Asche verbrannt zu werden. Ein paar – nicht alle, aber ein paar – schafften es sogar.
Die meisten starben allerdings auf der Lichtung, wo Bobbi Anderson und Jim Gardener so lange und hart gearbeitet hatten. Sie starben nur wenige Schritte von dem leeren Loch entfernt, wo etwas begraben gewesen und dann herausgezogen worden war.
Sie waren brutal von einer Kraft missbraucht worden, die viel größer war, als sie im Frühstadium ihres »Werdens« ertragen konnten. Das Schiff hatte nach dem Netz ihrer Gedanken gegriffen, sich seiner bemächtigt und es benutzt, um dem schwachen, aber eindeutigen Befehl des Kommandanten zu gehorchen, der den biologisch-kybernetischen Schaltkreisen des Schiffes als WARP-GESCHWINDIGKEIT übermittelt worden war. Das Wort WARP-GESCHWINDIGKEIT stand nicht im Vokabular des Schiffes, aber das Konzept war klar gewesen.
Die Überlebenden lagen größtenteils bewusstlos am Boden, andere waren zutiefst benommen. Einige richteten sich auf, hielten sich stöhnend die Köpfe und schienen die Funken gar nicht zu bemerken, die um sie herumstoben. Ein paar, die sich der Gefahr bewusst waren, die aus dem Osten auf sie zukam, versuchten aufzustehen, kippten aber wieder um.
Einer von denen, die nicht wieder umfielen, war Chip McCausland, der an der Dugout Road wohnte, zusammen mit seiner ihm nicht angetrauten Ehefrau und schätzungsweise zehn Kindern; vor zwei Monaten und einer Million Jahren war Bobbi Anderson bei Chip gewesen, um Eierkartons für ihre wachsende Kollektion von Batterien zu besorgen. Chip torkelte wie ein Betrunkener über die Lichtung und fiel in die leere Grube. Er stürzte schreiend, bis er unten am Boden anlangte, wo er an Schädel – und Genickbruch starb.
Andere, die die Gefahr des Feuers erkannten und möglicherweise hätten entkommen können, beschlossen, es nicht zu versuchen. Das »Werden« war zu Ende. Es hatte mit dem Verschwinden des Schiffes geendet. Ihr Lebenszweck war entfallen. Daher blieben sie einfach sitzen und warteten darauf, dass sich das Feuer um das kümmern würde, was von ihnen übrig war.
Bei Einbruch der Dunkelheit waren in Haven weniger als zweihundert Menschen am Leben. Der größte Teil der dicht bewaldeten Westhälfte der Stadt war verbrannt oder brannte noch. Der Wind nahm weiterhin zu. Die Luft begann sich zu verändern, die verbleibenden Tommyknockers versammelten sich keuchend und mit verstörten Gesichtern in Hazel McCreadys Hof. Phil Golden und Bryant Brown setzten den großen Luftgenerator in Gang. Die Überlebenden drängten sich darum, wie sich einst Siedler in einer bitterkalten Nacht um einen Herd gedrängt haben mochten. Ihr gequältes Atmen wurde allmählich leichter.
Bryant sah zu Phil.
Das Wetter von morgen?
Klarer Himmel, nachlassende Winde.
Marie stand daneben, und Bryant sah, wie sie sich entspannte.
Gut – das ist gut.
Und das war es auch – vorläufig. Aber der Wind würde nicht für den Rest ihres Lebens ausbleiben. Und nachdem das Schiff fort war, standen nur noch dieses Gerät und vierundzwanzig Lastwagenbatterien zwischen ihnen und dem Ersticken.
Wie lange?, fragte Bryant, aber niemand antwortete. Man sah nur das Glitzern ihrer entsetzten, nicht menschlichen Augen in der rot glühenden Nacht.
Am nächsten Morgen waren sie zwanzig weniger. In der Nacht war John Leandros Geschichte rund um die Welt gegangen, und wie eine Granate eingeschlagen. Innen – und Verteidigungsministerium dementierten alles, aber Dutzende Menschen hatten Fotos davon gemacht, wie das Schiff aufstieg. Diese Fotografien waren überzeugend … und niemand konnte den Nachrichtenstrom aus »informierten Kreisen« wie den verängstigten Einwohnern der angrenzenden Städte und den ersten eintreffenden Nationalgardisten eindämmen.
Die Abschirmung von Haven hielt, jedenfalls vorerst noch. Die Feuerwand war nach Newport vorgerückt, wo man den Brand endlich unter Kontrolle gebracht hatte.
In der Nacht pusteten mehrere Tommyknockers ihre Gehirne heraus.
Poley Andrews schluckte Abflussreiniger.
Phil Golden erwachte und stellte fest, dass Queenie, mit der er seit zwanzig Jahren verheiratet war, in Hazel McCreadys ausgetrockneten Brunnen gesprungen war.
An diesem Tag gab es nur vier Selbstmorde, aber die Nächte … die Nächte waren schlimmer.
Als die Armee ein paar Tage später endlich nach Haven eindrang, wie unbegabte Einbrecher in einen gut gesicherten Safe, waren weniger als achtzig Tommyknockers übrig.
Justin Hurd erschoss einen dicken Armeesergeanten mit einem Kinder-Luftgewehr, das grünes Feuer versprühte. Der dicke Sergeant explodierte. Ein verängstigter Gefreiter in dem Spähwagen, der gerade an Cooder’s Market vorbeiraste, richtete die Kaliber .50, hinter der er saß, auf Justin Hurd, der vor dem Werkzeugladen stand und nur eine gelb verfärbte Unterhose der Marke Haines und seine orangefarbenen Arbeitsstiefel anhatte.
»Ich hab’s den Murmeltieren gegeben!«, schrie Justin. »Ich habe es ihnen allen gegeben, den verdammten Arschlöchern, den … «
Dann wurde er von zwanzig und ein paar Geschossen Kaliber .50 getroffen. Justin explodierte auch beinahe.
Der Gefreite kotzte in seine Gasmaske und wäre fast darin erstickt, bevor ihm jemand eine neue aufsetzen konnte.
»Jemand soll diese Knallpistole holen!«, brüllte ein Major in ein Megafon. Seine Maske dämpfte die Worte, machte sie aber nicht unverständlich. »Holt sie, aber seid vorsichtig! Am Lauf anfassen! Ich wiederhole, seid extrem vorsichtig. Auf niemanden zielen.«
Auf jemanden zielen, würde Gardener gesagt haben, kam immer erst später.
Mehr als ein Dutzend wurden am ersten Tag der Invasion von ängstlichen, schießwütigen Soldaten niedergeschossen, von denen die meisten noch halbe Kinder waren, die die Tommyknockers von Haus zu Haus verfolgten. Nach einer Weile ließ die Angst der Soldaten etwas nach. Am Nachmittag machte es den meisten sogar Spaß – sie waren wie Männer, die Kaninchen durch ein Getreidefeld trieben. Zwei weitere Dutzend wurden niedergeschossen, bevor die Armeeärzte und Genies aus dem Pentagon merkten, dass die Luft außerhalb von Haven für diese Gruselkabinett-Mutationen, die einst amerikanische Steuerzahler gewesen waren, giftig war. Aus der Tatsache, dass die eingedrungenen Soldaten die Luft in Haven nicht atmen konnten, hätte man eigentlich schließen müssen, dass das der Fall war, aber in der ganzen Aufregung dachte keiner richtig nach (Gard hätte das nicht sonderlich überrascht).
Jetzt waren es nur noch an die vierzig. Die meisten waren verrückt; und diejenigen, die es nicht waren, wollten nicht reden. Auf dem Areal, das in Haven Village als Marktplatz galt, wurde eine behelfsmäßige Palisade errichtet – rechts neben dem turmlosen Rathaus. Dort hielt man sie eine weitere Woche eingesperrt, und in dieser Zeit starben weitere vierzehn.
Die veränderte Luft wurde analysiert; die Maschine, die sie erzeugte, wurde sorgfältig studiert; die leeren Batterien wurden ersetzt. Wie Bobbi einmal vermutet hatte, brauchten die Genies nicht lange, um hinter die Mechanik der Geräte zu kommen, und die zugrunde liegenden Prinzipien wurden bereits am MIT, im Cal-Tech, in den Bell Labors oder im Shop in Virginia von Wissenschaftlern untersucht, die sich vor Aufregung beinahe in die Hose machten.
Die verbleibenden sechsundzwanzig Tommyknockers, die wie die erschöpften, pockenkranken Überlebenden des letzten noch existierenden Apachenstammes aussahen, wurden im Lastraum eines C-140 Transportflugzeuges in einer kontrollierten Atmosphäre zu einer Regierungsinstitution in Virginia ausgeflogen. Diese Institution hieß der Shop und war einmal von einem Kind bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden. Dort wurden sie studiert, und dort starben sie, einer nach dem anderen.
Die letzte Überlebende war Alice Kimball, die Lehrerin, die eine Lesbe war (eine Tatsache, die ’Becka Paulson an einem heißen Julitag von Jesus erfahren hatte). Sie starb am 31. Oktober … Halloween.
Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als Queenie Golden auf dem Rand von Hazels ausgetrocknetem Brunnen stand und sich bereit machte zu springen, betrat eine Schwester Hilly Browns Zimmer, um nach dem Jungen zu sehen, bei dem sie im Lauf der letzten Tage schwache Anzeichen dafür entdeckt hatten, dass er das Bewusstsein wiedererlangte.
Sie betrachtete stirnrunzelnd das Bett. Es konnte nicht sein, dass sie das sah, was sich vor ihren Augen befand – es war eine Illusion, ein doppelter Schatten, vom Licht im Korridor an die Wand geworfen …
Sie schaltete das Zimmerlicht ein und kam näher heran. Sie klappte den Mund auf. Es war keine Illusion gewesen. Es waren zwei Schatten an der Wand, weil zwei Jungen im Bett lagen. Sie schliefen und hatten die Arme umeinander geschlungen.
»Was …?«
Sie ging noch einen Schritt näher, und ihre Hand glitt unbewusst zu dem Kruzifix, das sie um den Hals trug.
Einer war natürlich Hilly Brown, dessen Gesicht mager und verfallen aussah und dessen Arme nicht dicker waren als dürre Stöcke, die Haut fast so weiß wie der Krankenhausschlafanzug.
Den anderen Jungen, der noch sehr klein war, kannte sie nicht. Er trug eine kurze Hose und ein T-Shirt, auf dem MAN NENNT MICH DR. LOVE stand. Seine Füße waren schwarz vor Schmutz … und etwas an diesem Schmutz kam ihr unnatürlich vor.
»Was …?«, flüsterte sie noch einmal, und der kleinere Junge regte sich und schlang die Arme enger um Hillys Hals. Seine Wange ruhte auf Hillys Schulter, und sie erkannte mit einer Art Bestürzung, dass sich die Jungen sehr ähnlich sahen.
Sie kam zu dem Ergebnis, dass sie Dr. Greenleaf informieren musste. Sofort. Sie wollte kehrtmachen, ihr Herz klopfte schnell, eine Hand umklammerte immer noch das Kruzifix … und dann sah sie etwas, was völlig unmöglich war.
»Was …?«, flüsterte sie zum dritten und letzten Mal. Sie hatte die Augen weit aufgerissen.
Noch mehr von diesem seltsamen schwarzen Schmutz. Auf dem Boden. Fußspuren auf dem Boden. Sie führten zum Bett. Der kleine Junge war zum Bett gegangen und hatte sich hineingelegt. Die Ähnlichkeit der beiden Jungen deutete darauf hin, dass es sich um Hillys verschollenen – und seit Langem für tot gehaltenen – kleinen Bruder handelte.
Die Fußspuren kamen nicht aus dem Flur. Sie fingen mitten auf dem Fußboden an.
Als wäre der kleine Junge aus dem Nichts gekommen.
Die Schwester rannte aus dem Zimmer und schrie nach Dr. Greenleaf.
Hilly Brown schlug die Augen auf.
»David?«
»Sei still, Hilly, ich schlafe.«
Hilly lächelte, er war sich nicht sicher, wo er war, was für ein Tag es war, er wusste nur, dass vieles nicht in Ordnung gewesen war – und auch, dass das alles keine Rolle mehr spielte, weil jetzt alles gut war. David war da, er lag warm und greifbar an seiner Seite.
»Ich auch«, sagte Hilly. »Morgen müssen wir G.I. Joes tauschen.«
»Warum?«
»Keine Ahnung. Aber wir müssen es tun. Ich habe es versprochen. «
»Wann?«
»Keine Ahnung.«
»Solange ich Crystal Ball bekomme«, sagte David und machte es sich in Hillys Armbeuge bequemer.
»Okay.«
Schweigen. In der Schwesternstation am Ende des Korridors herrschte helle Aufregung, aber hier war nur Stille und die Wärme der beiden Jungen.
»Hilly?«
»Was?« murmelte Hilly.
»Es war kalt da, wo ich war.«
»Echt?«
»Ja.«
»Jetzt besser?«
»Besser. Ich hab dich lieb, Hilly.«
»Ich dich auch, David. Es tut mir leid.«
»Was?«
»Keine Ahnung.«
»Oh.«
Davids Hand tastete nach der Decke, fand sie und zog sie hoch, dreiundneunzig Millionen Meilen von der Sonne und hundert Parsec vom galaktischen Zentrum entfernt lagen Hilly und David Brown einander in den Armen und schliefen.
19. August 1982
19. Mai 1987