Einleitung

Latein zu lernen – das war aus der Sicht des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) vergeudete Zeit. Eine tote Sprache, mit der man nichts anfangen konnte. In der Instruktion für die Erziehung des Kronprinzen hielt er daher knapp und bündig fest: »Was die lateinische Sprache anbelangt, so soll mein Sohn solche nicht lernen.«1 Dass Latein immer noch zum klassischen Bildungskanon gehörte, kümmerte den »Soldatenkönig« wenig. Das sah der Lehrer des Kronprinzen, der Hugenotte Jacques Égide Duhan de Jandun (1685–1746), anders und ließ diesem heimlich Lateinunterricht erteilen. Und dann kam, was kommen musste, wie sich Friedrich der Große noch als König inmitten des Siebenjährigen Krieges mit Schaudern erinnerte: »Ich deklinierte mit meinem Lehrer: mensa, ae, dominus, i, ardor, ris, als plötzlich mein Vater ins Zimmer trat. ›Was machst du da?‹ – ›Papa, ich dekliniere mensa, ae‹, sagte ich in kindlichem Tone, der ihn hätte rühren müssen. ›O du Schurke, Latein für meinen Sohn! Geh mir aus den Augen!‹ Und er verabreichte meinem Lehrer eine Tracht Prügel und Fußtritte und beförderte ihn auf diese grausame Weise ins Nebenzimmer. Erschreckt durch diese Schläge und durch das wütende Aussehen meines Vaters, verbarg ich mich, starr vor Furcht, unter dem Tische, wo ich in Sicherheit zu sein glaubte. Ich sehe meinen Vater nach vollbrachter Hinausbeförderung auf mich zukommen – ich zittere noch mehr; er packt mich bei den Haaren, zieht mich unter dem Tische hervor, schleppt mich so bis in die Mitte des Zimmers und versetzt mir endlich einige Ohrfeigen: ›Komm mir wieder mit deiner mensa, und du wirst sehen, wie ich dir den Kopf zurechtsetze.‹«2 Was Friedrich Wilhelm I. so sehr in Rage gebracht hatte, war die – wie er es sah – Nutzlosigkeit der Beschäftigung seines Sohnes. »Was habe ich davon?«, war die erste Frage, die der König bei allem zu stellen pflegte. Daran war alles zu bemessen. Und im Falle des Lateinischen war die Antwort aus seiner Sicht klar: Nichts!

Für den »Soldatenkönig« gab es nichts Schlimmeres als Müßiggang: »Parol in dieser Welt ist nichts als Müh’ und Arbeit, und wo man nicht … die Nase in allen Dreck selber steckt, so gehen die Sachen nicht, wie sie gehen sollen, denn auf die meisten Bediensteten kann man sich nicht verlassen, wenn man nicht selbst danach sieht.«3 So wie er selbst sollten auch alle seine Untertanen ihre Pflicht erfüllen, ohne zu »räsonniren« (zu klagen). Schon als Kind war er sparsam bis zum Geiz; jede noch so geringfügige Rechnung hielt er in einem penibel geführten Ausgabenbuch fest. Am glücklichsten war Friedrich Wilhelm, wenn er mit seinen Soldaten exerzieren konnte. Nichts erfreute ihn mehr als der Anblick eines hochgewachsenen Grenadiers. Die Lustgärten in Potsdam und Berlin verwandelte er in Exerzierplätze. Hölzerne Stühle zog er dick gepolsterten Sesseln vor, und in einer Zeit, in der die Angst vor dem als Krankheitsüberträger gefürchteten Wasser verbreitet war, wusch er sich täglich mehrmals mit kaltem Brunnenwasser. Auf Reisen machte es ihm nichts aus, in Scheunen zu übernachten. Vergnügungen der barocken Art, wie sie seine Eltern, König Friedrich I. (1657–1713) und Königin Sophie Charlotte (1668–1705), geliebt hatten, waren ihm ein Gräuel. In einer Instruktion mahnte er seinen Nachfolger 1722: »Mein lieber Successor muss auch nicht zugeben, dass in seinen Ländern und Provinzen Komödien, Operas, Ballettes, Maskeraden, Redouten [Maskenbälle mit Tanz] gehalten werden, und ein Gräuel davor haben, weil es gottlos und teuflisch ist, da dadurch Satanas sein Tempel und Reich vermehret werden.«4

Seine Ablenkungen waren einfach gestrickt: Er liebte die Jagd und sein abendliches Tabakskollegium, eine bierselige, rauchgeschwängerte Männerrunde, in der sich der König im Kreis echter und vermeintlicher Freunde ein wenig Entspannung von der ihn förmlich auffressenden täglichen Pflichterfüllung gönnte. In dieser Gesellschaft wollte der König »nur als Privatmann erscheinen« und verbot daher »jede zeremonielle Begrüßung …, so dass … niemand aufstehen durfte, wenn er eintrat«.5 Jeder Teilnehmer der Runde »hatte die Erlaubnis, sich nach seiner Denkungsart mit ungeschminkten Worten auszudrücken, wenn er nur bei der Wahrheit blieb«.6 Unterstrichen wurde der beabsichtigte zwanglose Charakter dieser Veranstaltung auch dadurch, dass keine Diener im Raum waren. Jeder Gast musste sein Bier selbst einschenken; den Salat, der zu Butterbroten und Käse gereicht wurde, machte der König höchstpersönlich an.

Kein anderer Ort ist geeigneter, das Wesen Friedrich Wilhelms I. zu erfassen, als das südlich von Berlin gelegene Schloss Wusterhausen. »Wunderlicher« als dort habe »wohl nie ein König Hof gehalten. Ein ländlicher Gutshaussaal mit Geweihen und jagdlichen Emblemen an Pfeilern und Wänden, eine Tabakstube, die zugleich als Speisekammer an den kalten, regnerischen Tagen diente; zwei Räume für die Königin, die als einzige am Kamin ein wenig schmückende Stukkatur aufwiesen; ein paar enge Kammern für die … Gäste; ein schmales Gelass mit einem steinernen Waschtrog für ihn selbst – dies alles genügte dem König.«7 Bei Manövern wurden sogar noch Soldaten im Schloss einquartiert. In seinen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« zog Theodor Fontane (1819–1898) das Fazit: »Ein prächtiger Platz für einen Waidmann und eine starke Natur, aber freilich ein schlimmer Platz für ästhetischen Sinn.«8

Der französische Philosoph Voltaire (1694–1778) hat über diesen seltsamen Monarchen ein vernichtendes Urteil gefällt: »1740 starb in Berlin … der unwirscheste aller Könige, der unbestreitbar sparsamste und der an flüssigem Geld reichste: der dicke Preußenkönig Friedrich Wilhelm. Sein Sohn … unterhielt seit mehr als vier Jahren eine ziemlich rege Verbindung mit mir. Vielleicht waren auf der ganzen Welt Vater und Sohn sich nie so unähnlich wie diese beiden Monarchen. Der Vater, ein wahrer Vandale, war während seiner ganzen Regierungszeit nur darauf bedacht, Geld anzuhäufen und mit so geringen Kosten wie möglich die schönsten Truppen Europas zu unterhalten … Auf diese Weise brachte er es fertig, in den 28 Jahren seiner Regierung in den Kellern seines Schlosses in Berlin an die 20 Millionen Taler anzuhäufen, die in großen mit Eisenreifen beschlagenen Fässern aufbewahrt wurden … Der Monarch verließ dieses Schloss zu Fuß, in einem schäbigen Rock aus blauem Tuch mit Messingknöpfen …, und wenn er sich einen neuen Rock anschaffte, ließ er die alten Knöpfe verwenden. In diesem Anzug, mit einem dicken Feldwebelknüppel bewaffnet, nahm Seine Majestät täglich die Parade … ab … Wenn Friedrich Wilhelm die Parade abgenommen hatte, spazierte er durch seine Stadt; jedermann ergriff schleunigst die Flucht. Wenn er einer Frau begegnete, fragte er sie, warum sie ihre Zeit auf der Straße vertrödle: ›Scher dich heim, Weib; eine anständige Frau gehört ins Haus.‹ Und er begleitete diese Ermahnung mit einer saftigen Ohrfeige, mit einem Fußtritt in den Bauch oder mit ein paar Stockschlägen. So traktierte er auch die Diener des heiligen Evangeliums, wenn es sie gelüstete, die Parade zu sehen. Es lässt sich denken, wie erstaunt und verdrossen dieser Vandale war, einen geistreichen, anmutigen, höflichen Sohn zu haben, der gefallen und sich bilden wollte, musizierte und Verse schrieb. Sah er ein Buch in den Händen des Kronprinzen, warf er es ins Feuer; spielte der Prinz Flöte, zerbrach er die Flöte; und bisweilen traktierte er die Königliche Hoheit [= den Kronprinzen], wie er die Damen und die Prediger auf der Straße traktierte.«9

Voltaire hat den »Soldatenkönig« nicht persönlich gekannt. Alles, was er über ihn geschrieben hat, wusste er nur vom Hörensagen. Manches mag ihm Friedrich der Große selbst erzählt haben. Daher entbehrt das verheerende Urteil des Philosophen nicht der Fehler und der Übertreibungen, wie sie beim »Hörensagen« gern vorkommen. Doch der Kontrast zwischen König und Kronprinz hätte tatsächlich kaum größer sein können. Und ebendieser Gegensatz war die Saat für das Drama eines Vater-Sohn-Konflikts, das in der gescheiterten Flucht des 18-jährigen Kronprinzen seinen Höhepunkt erreichte.

Konflikte zwischen Herrschern und Thronfolgern waren in der frühen Neuzeit keine Seltenheit. Der erste preußische König Friedrich I. war nach dem Tod des eigentlichen Kurprinzen Karl Emil (1655–1674) immer nur die ungeliebte zweite Wahl seines Vaters geblieben, und auch der »Soldatenkönig« selbst hatte zu seinen Eltern ein problematisches Verhältnis gehabt. Weder konnte er mit dem künstlerischen Mäzenatentum seiner intellektuellen Mutter etwas anfangen noch mit der barocken Sucht nach Selbstdarstellung, die sein Vater zelebrierte. Doch keine dieser Auseinandersetzungen war von einer vergleichbaren körperlichen und seelischen Gewalt begleitet wie der Konflikt zwischen Friedrich Wilhelm I. und Friedrich dem Großen. Keine steuerte fast wie in einer antiken griechischen Tragödie auf einen solchen Höhepunkt zu.

Noch im Siebenjährigen Krieg wachte Friedrich, der damals schon als »der Große« gefeiert wurde, mitten in der Nacht schweißgebadet auf – nicht wegen der Grausamkeiten des Krieges um ihn herum, sondern weil er von seinem Vater geträumt hatte. Seinem Vorleser Henri de Catt (1725–1795) erzählte der König 1759: »Mein Leben ist seit meiner zartesten Jugend bis zu diesem Augenblicke eine Kette von Leiden gewesen. Für einige Freuden habe ich tausend Mühen erfahren, und selbst mitten in den Freuden, die ich genieße, taucht das Bild meines Vaters auf, um sie zu vermindern. Wie rau ist er gegen mich gewesen! Sie können sich davon keine Vorstellung machen, mein Lieber.«10

Und doch erkannte Friedrich der Große die Lebensleistung des »Soldatenkönigs« in seinen »Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg« ohne Umschweife an: »Er arbeitete an der Wiederherstellung der Ordnung in Finanzwirtschaft, Verwaltung, Rechtspflege und Heerwesen, denn diese Gebiete waren unter der vorangegangenen Regierung gleichermaßen verwahrlost. Er besaß eine arbeitsame Seele in einem kraftvollen Körper. Es hat nie einen Mann gegeben, der für die Behandlung von Einzelheiten so begabt gewesen wäre. Wenn er sich mit den kleinsten Dingen abgab, so tat er das in der Überzeugung, dass ihre Vielheit die großen zuwege bringt. Alles, was er tat, geschah im Hinblick auf das Gesamtbild seiner Politik; er strebte nach höchster Vervollkommnung der Teile, um das Ganze zu vervollkommnen … Er gab das Beispiel einer Sittenstrenge und Einfachheit, die der ersten Zeiten der römischen Republik würdig waren … Ein politisches Ziel schwebte Friedrich Wilhelm bei seiner Reorganisation des Innern vor: Er wollte sich durch ein mächtiges Heer bei seinen Nachbarn in Respekt setzen … Er war der Demütigungen satt, die bald die Schweden, bald die Russen seinem Vater zugefügt hatten, indem sie ungestraft seine Staaten durchquerten … Ein so überlegener Geist wie der Friedrich Wilhelms durchdrang und erfasste die größten Fragen. Besser als irgendeiner von seinen Ministern oder Generalen kannte er die Interessen des Staates.«11

Friedrich Wilhelm I. hatte Preußen geformt, zu einem Staat gemacht, der wie ein Uhrwerk funktionierte. Die viel zitierten preußischen Tugenden – Ordnung, Fleiß, Unbestechlichkeit, Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Selbstbeschränkung, Disziplin –, sie gehen in ihrem Ursprung auf den »Soldatenkönig« zurück. Und Friedrich Wilhelm hatte die Staatskasse gefüllt, ohne die sein Sohn keinen einzigen seiner Kriege hätte führen können.

Die Jagd mochte Friedrich der Große als Erwachsener so wenig, wie er sie als Kind gemocht hatte. Musik und Philosophie blieben seine Leidenschaft. Ein guter Christ im Sinne des »Soldatenkönigs« wurde er gleichfalls nicht. Doch in vielen Dingen wurde er seinem Vater ähnlicher, als er es sich in seiner Kindheit je hätte vorstellen mögen. Dazu gehört an erster Stelle das preußische Credo der Pflichterfüllung, wie es Friedrich in seinem zweiten »Politischen Testament« von 1768 formuliert hat: »Pflicht eines jeden guten Bürgers ist es, dem Vaterlande zu dienen, daran zu denken, dass er nicht allein für sich auf der Welt ist, sondern dass er zum Wohle der Gesellschaft, in die die Natur ihn gesetzt hat, arbeiten muss.«12

Die Erziehung eines Kronprinzen

Die Freude war groß im Haus Hohenzollern, als dem damaligen Kronprinzenpaar Friedrich Wilhelm und Sophie Dorothea (1687–1757) am 24. Januar 1712 endlich ein Sohn geboren wurde – der so dringend ersehnte Thronfolger. Zwar hatte die Kronprinzessin bereits 1707 und 1710 Söhne zur Welt gebracht, doch beide Kinder überstanden das erste Jahr nicht. 1709 wurde Wilhelmine (1709–1758), die älteste Tochter des Paares, geboren. Mit ihr ließen sich diplomatische Ehebande knüpfen, doch den Thron würde sie nie besteigen können. Das Königreich Preußen war durch Erhebung des Kurfürsten zum König erst 1701 gegründet worden, ein angreifbarer Flickenteppich, dessen Rang in Europa noch längst nicht gefestigt war. Ohne einen männlichen Thronfolger wären alle Mühen darum vergeblich gewesen.

Noch lebte König Friedrich I., den Gerüchte für den Tod der ersten beiden Söhne des Kronprinzenpaares verantwortlich gemacht hatten: Bei dem ersten habe er in seiner Begeisterung zu laute Kanonenschüsse abfeuern lassen, dem zweiten die Krone zu fest auf den Kopf gedrückt. Solcher Überschwang würde zwar zu der barocken Persönlichkeit des ersten preußischen Königs passen; zum Tod der Kinder hat sicher weder das eine noch das andere geführt. Die Kindersterblichkeit im 18. Jahrhundert war hoch, auch in adligen Familien. Gerade deshalb war – männlicher – Nachwuchs für ein Herrscherhaus ungeheuer wichtig. So wichtig, dass es möglichst alle gleich wissen sollten, wenn das glückliche Ereignis denn eintrat. An die Höfe Europas wurde die Nachricht von der Geburt des preußischen Thronerben daher sogleich übermittelt, zumal Mutter und Kind ganz offenkundig gesund waren, wie einem Brief des Königs an seine Schwiegermutter Kurfürstin Sophie von Hannover (1630–1714) zu entnehmen ist: »Gottlob, dass ich durch diese Zeilen Eurer Kurfürstlichen Durchlaucht abermals zu einem Prinzen kann gratulieren; der höchste Gott lasse deroselben an diesem Prinzen noch viel Freude erleben, und dass wir insgesamt Ursache haben, Gott noch ferner dafür zu danken. Die Kronprinzessin befindet sich zur Zeit recht wohl und mein Enkel ebenfalls. Er schreit brav und ist recht fett und frisch.«1

Nach dem Tod der ersten beiden Söhne des Kronprinzenpaares war der Großvater sehr besorgt um die Gesundheit des späteren Thronerben. Der Tod der kleinen Prinzen war möglicherweise durch Entzündungen beim Zahnen hervorgerufen worden. Umso zufriedener konnte der König seiner Schwiegermutter in einem weiteren Brief berichten: »Eure Kurfürstliche Durchlaucht werden sich zweifelsohne mit uns erfreuen, dass der kleine Fritz nunmehr sechs Zähne hat, und [dies] ohne die geringste Incommodität [Unannehmlichkeit].«2

Die wichtigsten Bezugspersonen in den ersten sechs Lebensjahren des kleinen Prinzen waren seine Mutter Sophie Dorothea und seine Gouvernante, Marthe de Roucoulle (1659–1741), die in den Quellen meist nur als »Madame de Roucoulle« bezeichnet wird. Und hier liegt ein weiterer Keim für die kommenden Zerwürfnisse. Denn Sophie Dorothea war das glatte Gegenbild ihres Mannes. Wie ihre Schwiegermutter Sophie Charlotte war sie eine gebürtige Welfin. Sophie Dorothea besaß zwar nicht den intellektuellen Scharfsinn ihrer Vorgängerin, die den berühmten Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) nach Berlin geholt hatte. Doch liebte sie wie diese Maskeraden, Bälle, Opern und Theater, sosehr ihr Mann dergleichen Zerstreuungen ablehnte.

Darüber hinaus legte sie viel Wert auf höfische Etikette und eine entsprechende Tischkultur – wiederum im Gegensatz zu ihrem Mann, der sich in der Rolle des biederen Hausvaters am wohlsten fühlte. Dass man ob seines Geizes hungrig von der königlichen Tafel aufgestanden sei, ist gleichwohl eine (von seiner Tochter Wilhelmine aufgebrachte) Mär: »Die Abstellung des Überflusses, so Friedrich Wilhelm bei seiner Tafel eingeführt hatte, war nicht dergestalt übertrieben, dass diejenigen, die an derselben gezogen zu werden die Ehre hatten, hungrig nach Hause gehen mussten, sondern so viel, als zur vollkommenen Sättigung der Eingeladenen erfordert wurde, war allemal vorhanden.« Allerdings fand man auf seiner Tafel nicht mehr die unter seinem Vater gewohnten »Leckerbissen«, sondern bloß dasjenige, »was unter dem Namen von Hausmannskost bekannt ist und sich für die deutschen Magen am besten schicket«.3 Besonders gern aß der König Erbsensuppe, Schweinefleisch mit Sauerkraut oder Hammelkaldaunen mit Weißkohl und trank dazu Ducksteiner Bier – die Rezepte holte er sich zum Teil bei seinen Spaziergängen durch Potsdam. Duftete es aus einem Haus besonders angenehm, trat der König in die Küche und lud sich selbst zum Essen ein. Dabei ließ er sich auch über die Kosten informieren. Entdeckte er auf den Abrechnungen der Hofküche für die gleichen Speisen höhere Beträge, setzte es für den Koch eine Tracht Prügel. Statt des an anderen Höfen üblichen, fein gemahlenen Weißbrots bevorzugte Friedrich Wilhelm Pumpernickel, also Vollkornbrot aus Roggenschrot – aus heutiger Sicht ernährungsphysiologisch sinnvoll, für einen Adligen des 18. Jahrhunderts eine grauenvolle Vorstellung.

Königin Sophie Dorothea teilte die Vorlieben ihres Mannes keineswegs und brachte ihre Kinder dazu, gegen das Essen an der Tafel des Vaters zu rebellieren. Friedrich Wilhelm hatte für das Repräsentationsbedürfnis seiner Frau zwar wenig Verständnis, doch wenn fürstlicher Besuch nach Berlin kam, wusste selbst er, dass ein entsprechendes Auftreten erwartet wurde, und dann gab es auch an der Tafel des »Soldatenkönigs« erlesene Speisen. Für die Königin waren dies willkommene Abwechslungen. Zudem konnte Sophie Dorothea in ihrem Schloss Monbijou einen gewissen Kontrapunkt zum nüchternen Alltag am Hof ihres Mannes setzen, und an Geburtstagen oder zu Weihnachten ließ sich der König sogar zu kostbaren Geschenken an sie hinreißen. Doch blieb der Haushalt der Königin von den allgemeinen Sparmaßnahmen nicht verschont, was dazu führte, dass sie stets in Geldsorgen steckte. Ein zeitgenössischer Beobachter, der Lingener Regierungspräsident Johann Michael von Loen (1694–1776), stellte bei einem Besuch in Berlin 1717 erstaunt fest: »Ein paar schlechte Kutschen mit sechs alten Pferden bespannet und ein kleiner Mohr zu Seiten; dieses ist gemeiniglich der ganze Aufzug dieser großen Königin.«4 So hatte sich die stolze Welfin ihr Dasein als preußische Königin nicht vorgestellt.

Umso mehr setzte sie daran, ihren ältesten Sohn in Opposition zu seinem Vater zu erziehen. Aus Friedrich sollte einmal kein ungehobelter Grobian werden, sondern ein kultivierter, gebildeter junger Mann, mit dem sich im wahrsten Sinn des Wortes Staat machen ließ. Friedrich Wilhelm I. wiederum, so seltsam dies bei einem solchen Berserker erscheinen mag, wollte vor allem geliebt werden: von seinen Untertanen und natürlich von seiner Familie. Seiner Frau, die er in biederer Zärtlichkeit »Fiekchen« nannte, blieb er ein Leben lang treu. Eine Mätresse zu nehmen wäre mit seinen christlichen Moralvorstellungen niemals in Einklang zu bringen gewesen. Allerdings war er nicht frei von krankhafter Eifersucht, die sich auf die Ehe sehr belastend auswirkte.

Seinem ältesten Sohn sollten die Erzieher begreiflich machen, »dass er keine … Furcht, sondern nur eine wahre Liebe und vollkommenes Vertrauen für mich haben und in mich setzen müsse, da er dann finden und erfahren sollte, dass ihm mit gleicher Liebe und Vertrauen begegnet würde«. Und würde er sich doch einmal »unartig« aufführen, »sollten … sie ihm bedeuten, es der Königin zu hinterbringen, und müssen sie ihm mit derselben alle Zeit schrecken, mit mir aber niemals«.5 Angst vor der Königin sollte Friedrich also schon haben – vor seinem Vater aber nicht! Dahinter steckte offensichtlich die Befürchtung, dass der Kronprinz sich zu sehr an seine Mutter und deren Vorstellungen klammern könnte. Die Zerrissenheit Friedrichs zwischen Vater und Mutter nahm bereits in frühester Kindheit ihren Anfang.

Friedrich Wilhelm I. liebte seinen ältesten Sohn und wollte ihn nach seinem Vorbild formen. Umso größer wurde die Enttäuschung, als sich der Kronprinz in allem zu seinem Gegenteil zu entwickeln schien. Darin liegt der Kern des Konflikts zwischen Vater und Sohn. All die Demütigungen und Schläge sollten ihn auf den richtigen Weg bringen. Dass der »Soldatenkönig« Friedrich damit nicht nur körperlich, sondern auch seelisch tief verletzte, spürte er nicht oder wollte es nicht spüren. Die Bürde des Königtums lastete schwer auf Friedrich Wilhelm I., und seine Sorge war es, dass sein Nachfolger nicht in der Lage sein könnte, diese Bürde zu tragen. Er dachte, Friedrich würde das preußische Königtum aufs Spiel setzen, wenn er nicht ebenso pflichtbewusst, arbeitsam und fromm würde wie der Vater selbst.

Gouvernante, Lehrer und Gouverneure

Keine Experimente wollte der König bei der Wahl der Gouvernante eingehen – Madame de Roucoulle hatte die gleiche Funktion bereits bei ihm selbst ausgeübt, und offensichtlich erinnerte sich Friedrich Wilhelm gern an diese Zeit, sie besaß sein vollstes Vertrauen. Marthe de Roucoulle gehörte zu jenen protestantischen Glaubensflüchtlingen, die Ludwig XIV. (1638–1715) durch die Aufhebung der im Edikt von Nantes zugesicherten Glaubensfreiheit aus dem Land getrieben hatte. Dem hatte der »Große Kurfürst« Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688) 1685 sein Edikt von Potsdam entgegengestellt, das den Hugenotten – wie die französischen Protestanten genannt wurden – die Aufnahme in seinen Ländern zusicherte. Mit ihrem Fleiß und ihrem wirtschaftlichen Talent gewannen sie schnell das Wohlwollen des Herrscherhauses, während man im gemeinen Volk die zahlreichen Privilegien für die Immigranten nicht immer gerne sah. Da sie über eigene Gemeindestrukturen verfügten, lebten die Einwanderer zunächst eher neben als mit der alteingesessenen Bevölkerung.

Diese Parallelgesellschaft fand ihren Niederschlag auch in der Sprache. So haben viele Hugenotten der ersten Generation niemals Deutsch gelernt – zu ihnen gehörte Marthe de Roucoulle. Zwar schimpfte der »Soldatenkönig« gern über die seiner Meinung nach verweichlichte »welsche« Lebensart, doch war selbst ihm klar, dass der preußische Thronfolger Französisch lernen musste, war dies doch die Sprache, in der sich die europäischen Höfe des 18. Jahrhunderts verständigten. Natürlich sprach auch der König selbst fließend Französisch. Allerdings unterhielt er sich in der Regel auf Deutsch und hielt es für überhebliches Getue, wenn bei einem Gespräch nur Deutsche anwesend waren und diese trotzdem auf Französisch miteinander kommunizierten. Insofern waren die mangelhaften Deutschkenntnisse der Gouvernante nicht tragisch, doch hat sich dies in Verbindung mit einer weiteren Personalentscheidung möglicherweise in eine Richtung entwickelt, die dem König kaum gelegen sein konnte.

Im Jahr 1714 wurde Madame de Roucoulle zur »Gouvernante beim Kronprinzen und den Königlichen Prinzessinnen« ernannt; von diesem Zeitpunkt an war sie die ständige Wegbegleiterin Friedrichs und seiner beiden Schwestern, der älteren Wilhelmine und der 1714 geborenen Friederike Luise (1714– 1784). In den Instruktionen wurde der Gouvernante eingeschärft, »immer bei den Prinzen und Prinzessinnen zu sein, ohne sie zu verlassen und sie bei allen ihren Tätigkeiten sorgfältig zu beobachten, damit sie sie korrigieren kann, wenn sie sich unwürdig verhalten«. Marthe de Roucoulle entschied auch darüber, mit wem Friedrich näheren Kontakt haben durfte: »Die Gouvernante achtet sorgfältig darauf, dass nicht alle Welt ohne Unterschied bei den Prinzessinnen und Prinzen Aufnahme findet, sondern sie trifft eine Auswahl unter den Personen, mit denen die Konversation nützlich sein könnte.« Und weil »die Verehrung der Eltern einer der ersten Artikel der Frömmigkeit ist, soll es die Gouvernante nicht daran mangeln lassen, den Prinzen und Prinzessinnen begreiflich zu machen, dass sie gegenüber uns [= dem König] und Ihrer Majestät, der Königin, immer Respekt und Unterwerfung bezeugen.«6 Das Verlangen der absoluten Unterwerfung unter die Gewalt des Königs war eine Maxime, die Friedrich von klein auf eingetrichtert wurde. Es sei ihm bewusst, schrieb Friedrich am 27. Juli 1717 an seinen Vater, »dass all mein Glück in dieser Welt von dero Gnade dependiret [abhängt]«.7 Als der kleine Prinz diesen Brief schrieb, war er gerade einmal fünf Jahre alt. Das Original zeigt, dass seine Hand dabei geführt worden ist, auch der Inhalt dürfte kaum auf ihn selbst zurückgehen. Doch unabhängig davon, wie viel ihm in seinen frühen Briefen an den Vater diktiert worden ist und wie viel davon eigenes kindliches Mühen war, zeigt sich darin, wie fixiert alles Handeln auf die Gunst des Königs war.

Im Alter von vier Jahren erhielt der Kronprinz einen eigenen Lehrer: Jacques Égide Duhan de Jandun. Es ist bezeichnend, wie der »Soldatenkönig« auf den damals 30-jährigen Hugenotten aufmerksam geworden ist: Im Winter 1715/16 nahm Friedrich Wilhelm an der Spitze der preußischen Truppen im sogenannten Nordischen Krieg an der Belagerung Stralsunds teil, das damals noch zu Schweden gehörte. Dabei fiel ihm ein Offizier wegen seiner Tapferkeit und seiner Einsatzbereitschaft besonders auf. Bald stellte sich heraus, dass der junge Mann der Hofmeister der Söhne des Burggrafen Alexander zu Dohna (1661–1728) gewesen war. Der ältere Dohna wiederum war seinerseits als Gouverneur einer der Erzieher des Königs gewesen. Diese Mischung aus vorbildlicher soldatischer Haltung und persönlicher Empfehlung durch einen Vertrauten ließen Friedrich Wilhelm zu der Überzeugung kommen, dass Duhan de Jandun der geeignete Mann war, die Erziehung des Thronfolgers zu übernehmen. Es mag darüber hinaus eine Rolle gespielt haben, dass Duhan de Jandun aus gutem Hause kam. Sein Vater war in Frankreich Staatsrat unter Ludwig XIV. gewesen. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes war er nicht bereit, seine religiösen Überzeugungen zu verleugnen, und verließ sein Heimatland. In Brandenburg trat er alsbald in die Dienste des Großen Kurfürsten. Seinem Sohn ließ er eine ausgezeichnete Erziehung zukommen. Zu dessen Lehrern gehörten Mathurin Veyssière de La Croze (1661–1739), ein aus seinem Kloster geflohener Benediktinermönch, der sich in Berlin als Privatgelehrter eingerichtet hatte und als wandelnde Bibliothek galt, sowie der Mathematiker Philippe Naudé (1654–1729). Auch über diese Hintergründe wird Graf Dohna dem König berichtet haben.

Nachdem Friedrichs Welt durch Madame de Roucoulle und Duhan de Jandun bis dahin weitgehend französisch geprägt gewesen war, trat mit Generallieutenant Albrecht Konrad Finck von Finckenstein (1660–1735) als Gouverneur 1718 erstmals ein einheimischer Adliger auf den Plan. Zusammen mit dem gleichfalls aus Ostpreußen stammenden Oberst Christoph Wilhelm von Kalckstein (1682–1759) als Untergouverneur war er für die militärische Erziehung des Thronfolgers zuständig, hatte aber auch Weisungsbefugnis gegenüber Duhan de Jandun und allen anderen mit der Erziehung Friedrichs betrauten Personen. Die Kinder der beiden Gouverneure wurden zu Spielgefährten Friedrichs. Und während Duhan de Janduns Tätigkeit mit dem 15. Geburtstag des Kronprinzen beendet war, blieben die beiden Gouverneure auch darüber hinaus an seiner Seite.

Finck von Finckenstein war kein bornierter Kommisskopf, sondern ein weit gereister, gebildeter Mann, der nicht nur in preußischen, sondern auch in holländischen und französischen Diensten gestanden hatte. Beide Gouverneure hatten 1709 an der Schlacht von Malplaquet teilgenommen, in der John Churchill, der Herzog von Marlborough (1650–1722), und Prinz Eugen von Savoyen (1663–1736) im Spanischen Erbfolgekrieg eine französische Armee unter dem Befehl des Marschalls de Villars (1653–1734) besiegt hatten. Der »Soldatenkönig«, damals noch Kronprinz, hatte im Lager des Herzogs von Marlborough bei Malplaquet seine »Feuertaufe« erlebt. Zeitlebens hielt er die Erinnerung an dieses Ereignis wach und fühlte sich allen Teilnehmern der Schlacht eng verbunden. Es mag daher kein Zufall gewesen sein, dass er zwei Malplaquet-Veteranen zu Erziehern seines ältesten Sohnes machte. Finck von Finckenstein war Friedrich Wilhelm I. darüber hinaus seit seiner Jugend bekannt. Vor allem auf seine militärischen Kenntnisse hielt er große Stücke: Er sei mit »vielen in Kriegsoperationen nötigen Wissenschaften begabt«.8 Schließlich sei noch Hilmar Curas (1673–1747) genannt, der normalerweise am Joachimsthaler Gymnasium, also einer öffentlichen Schule, unterrichtete. Er sollte dem Thronfolger Lesen und Schreiben beibringen. An diesem Unterricht nahm auch Friedrichs ältere Schwester Wilhelmine teil, was die beiden noch enger zusammenschweißte.

Ein Lehrplan, der es in sich hat

Stundenplan und Lerninhalte waren den Erziehern Friedrichs bis ins Detail vorgegeben, und der »Soldatenkönig« hatte sehr genaue Vorstellungen darüber, was sein Sohn lernen sollte – und wie. Dabei erlegte er ihm ein Arbeitspensum auf, das den eher zarten und kränklichen Kronprinzen vollkommen überforderte. Und anders als man es bei dem späteren »Philosophen von Sanssouci« vermuten könnte, tat sich Friedrich zunächst eher schwer mit dem Lernen. Zumindest berichtet dies seine Schwester Wilhelmine.

Zusammen mit der Bestallung Finck von Finckensteins und Kalcksteins erließ Friedrich Wilhelm I. im August 1718 eine Instruktion,9 in der er die Grundsätze der Erziehung seines Sohnes zusammenfasste. Zwar benutzte er als Grundlage hierfür eine auf den berühmten Philosophen Leibniz zurückgehende Vorlage seines Vaters von 1695, nach der er selbst erzogen worden war. Doch hat er in diese nicht nur redaktionell eingegriffen, indem er sie von barocker Blumigkeit befreite, sondern auch inhaltlich.

Größten Wert legte der »Soldatenkönig« auf die religiöse Erziehung seines Sohnes. Die »rechte Liebe und Furcht vor Gott« war in seinen Augen »das Fundament und die einzige Grundlage unserer zeitlichen und ewigen Wohlfahrt«. Weil »große Fürsten« keine menschlichen Strafen zu erwarten hätten, müsse Friedrich klargemacht werden, dass er vor Gott nur »Staub und Asche« sei und einst für seine Taten vor dem Allerhöchsten Rechenschaft ablegen müsse. Es war die eigene Auffassung vom »Amtmann Gottes«, die der König seinem Sohn auf diese Weise einpflanzen wollte.

Erstaunlich mag im ersten Moment erscheinen, dass »nächst der Gottesfurcht« in den Augen Friedrich Wilhelms nichts »ein fürstliches Gemüt mehr zum Guten antreiben und vom Bösen abhalten kann, als die wahre Glorie und Begierde zu Ruhm, Ehre und Bravour«. Die Ruhmbegierde hat Friedrich selbst später als einen der Gründe für seinen Angriff auf das österreichische Schlesien bezeichnet. War er darin also ein gelehriger Schüler seines Vaters? Eine Antwort auf diese Frage muss letztlich spekulativ bleiben. Natürlich sollte sein Sohn zum Ruhm des Hauses Hohenzollern beitragen und danach streben – das war er seinem königlichen Amt schuldig. Doch verband Friedrich Wilhelm das Hohelied der Ruhmbegierde mit einer eindringlichen Warnung vor jeglichem Hochmut, vor ungerechten Kriegen und dem Hinweis auf die unausweichliche Verantwortung vor Gott. Das Streben nach »Gloire« war jedenfalls früh in Friedrich angelegt. Darauf deutet auch eine »Ode auf den Ruhm«, die der Kronprinz 1734 geschrieben hat: »Ein Gott hat sich meiner Seele bemächtigt. Ich fühle ein himmlisches Brennen. O Ruhm! Deine göttliche Flamme versengt mich bis in den Grund des Herzens. Erfüllt von deinem stärkenden Rausch, will ich zu den süßen Klängen meiner Leier deine Segnungen preisen. Du krönst den wahren Verdienst, und dein göttlicher Lorbeer regt die Menschen zu allen ihren Erfolgen an.«10 Auch für den sächsischen Gesandten Ulrich Friedrich von Suhm (1691– 1740), einen engen Freund des Kronprinzen, stand fest, dass der Ruhm Friedrichs größte Leidenschaft sei.

Nach allgemeinen Vorbemerkungen wird in der Instruktion für die Erziehung des Kronprinzen genau dargelegt, welche Fächer unterrichtet werden und welche Schwerpunkte seine Lehrer dabei setzen sollen. An Sprachen werden explizit Deutsch und Französisch genannt; in beiden solle sich der Kronprinz eine »elegante und kurze Schreibart« angewöhnen – der Erfolg war, so viel sei vorweggenommen, mäßig: Nicht nur Friedrichs Deutsch ist grammatikalisch und orthografisch stets abenteuerlich geblieben, auch sein geliebtes Französisch war nicht frei von Fehlern, was darauf zurückzuführen sein dürfte, dass er es vor allem sprechen und weniger schreiben gelernt hat. So wurde bei Friedrich beispielsweise aus »à cette heure« – um diese Stunde – »asteure«.11 Latein sollte Friedrich, wie eingangs erwähnt, nicht lernen – anders als dies in der Instruktion seines Vaters von 1695 für dessen Erziehung noch vorgegeben gewesen war. Ein bezeichnender Unterschied findet sich auch in den Angaben zum Französischunterricht. Während 1695 dafür noch explizit von der Lektüre guter französischer Bücher die Rede war, findet sich ein solcher Hinweis beim »Soldatenkönig« nicht mehr.

Darauf folgen in der Instruktion Rechenkunst, Mathematik, Artillerie und Ökonomie – diese Fächer sollte der Kronprinz »aus dem Fundamente erlernen«. Dies entsprach dem auf die praktische Anwendung ausgerichteten Denken Friedrich Wilhelms. Waren die mathematischen Grundlagen gelegt, sollte nämlich, »sobald des Prinzen Alter es zulässt, der Anfang mit Zeichnen oder Reißen zu machen sein, nachgehends … kann man ihm, was nötig von der Fortification, von Formierung eines Lagers und anderen Kriegswissenschaften … beibringen«. Die Mathematik war für den »Soldatenkönig« eine Grundlage für die militärische Ausbildung seines Sohnes, der sich »von Jugend auf« wie ein »Offizier und General« verhalten sollte. »Absonderlich« hätten die beiden Gouverneure dem Kronprinzen »die wahre Liebe zum Soldatenstande einzuprägen«. Gerade diese Konzentration auf das Soldatische sollte ein weiterer Konfliktstoff im Vater-Sohn-Drama werden.

Noch deutlicher wird der praktische Ansatz Friedrich Wilhelms bei der Behandlung der Geschichte. So wenig wie er wollte, dass sein Sohn Latein lernte, so wenig hielt er es für sinnvoll, die »alte Historie« allzu breit zu behandeln. »Aufs Genaueste« sollte er sich lediglich mit den vergangenen 150 Jahren befassen – also jenem Teil der Geschichte, der nach Ansicht des Soldatenkönigs noch direkte Auswirkungen auf die Gegenwart hatte. Ein besonderer Fokus sollte dabei auf der preußischen Geschichte liegen.

Für einen künftigen Herrscher war es selbstverständlich, dass er in die verschiedenen Grundlagen des Rechts eingeführt wurde. Genannt werden in der Instruktion ausdrücklich das Naturrecht (»ius naturale«) und das Völkerrecht (»ius gentium«). Unter »Naturrecht« versteht man allgemeine Rechtssätze, die unabhängig von jeder staatlichen Gesetzgebung, eben von Natur aus, gültig sind. Der Jurist Christian Thomasius (1655–1728), der an der Universität Halle an der Saale lehrte, hat die Lehre vom Naturrecht in einem Satz prägnant zusammengefasst: »Was du willst, dass andere sich tun sollen, das tue dir selbst … Was du willst, dass andere dir tun sollen, das tue du ihnen … Was du dir nicht willst getan wissen, das tue du andern auch nicht.«12 Der Vorbereitung auf die außenpolitischen Aufgaben eines Königs diente schlussendlich der Geografie-Unterricht, in dem Friedrich lernen sollte, »was in jedem Land remarquable [bemerkenswert] ist«.

Duhan de Jandun war bestrebt, seinem Schüler die Zusammenhänge aufzuzeigen und ihn nicht nur Daten und Fakten stur auswendig lernen zu lassen. Es müsse genügen, wenn Friedrich die Namen berühmter Personen und besonders wichtiger Ereignisse lerne. Doch das war mit dem »Soldatenkönig« nicht zu machen. Sein Sohn sollte, wie es damals üblich war, möglichst viel auswendig lernen, stärke dies doch sein Gedächtnis.

Keine ruhige Minute

Der Tagesablauf des Kronprinzen13 war daher von morgens bis abends durchgeplant. Wochentags wurde Friedrich um sechs Uhr morgens geweckt, dann sollte er, »ohne sich nochmals umzuwenden«, sofort aufstehen und »ein kleines Gebet halten«. Dem Soldatenkönig war es wichtig, dass sein Sohn »propre [sauber] und reinlich« war, weshalb er dazu angehalten wurde, nach dem Aufstehen sofort das Gesicht und die Hände zu waschen. Nach dem Frühstück sollte Friedrich zusammen mit seinem Lehrer und den Dienern »das große Gebet halten«. Bis sieben Uhr morgens musste all das erledigt sein. An fünf Tagen in der Woche war danach Unterricht in den verschiedenen Fächern vorgesehen, bis auf den Mittwoch auch nachmittags. Regelmäßig sollte »Fritzchen« zum König kommen, dem der Kontakt mit seinem Sohn sehr wichtig war. Jeden Samstag wurden über drei Stunden lang die Leistungen des Kronprinzen von seinen Gouverneuren abgefragt. Waren diese nicht zufriedenstellend, »so soll er von zwei bis sechs Uhr alles repetiren [wiederholen], was er von den vorigen Tagen vergessen hat«.

Doch selbst für die knapp bemessene Freizeit gab es Vorgaben. So sollte Friedrich nach dem Unterricht »ausreiten, sich in der Luft und nicht in der Kammer divertiren [vergnügen]«. Der »Soldatenkönig« war ein Frischluftfanatiker, der das adlige Schönheitsideal der noblen Blässe nicht teilte. Im Gegenteil: Er hielt sich gern in der Sonne auf, und es freute ihn, wenn sein Gesicht Farbe bekam.

Um sieben Uhr war die Nacht für Friedrich auch am Sonntag zu Ende. Nach dem Aufstehen sollte er, »sobald er die Pantoffeln an hat … vor dem Bette auf die Knie fallen und zu Gott kurz beten«. Für das Frühstück hatte er – exakt vorgeschrieben – sieben Minuten, ehe wieder das große Gebet mit dem Lehrer und den Dienern folgte. Danach war er angehalten, zusammen mit seinem Vater zum Gottesdienst zu gehen. Immerhin: »Der Rest vom Tage ist für ihn.«

Die frühe militärische Ausbildung von Prinzen war keine preußische Spezialität, doch stand sie für keinen anderen zeitgenössischen Herrscher so sehr im Mittelpunkt wie für Friedrich Wilhelm I. Davon zeugt, wenngleich nur auf den zweiten Blick erkennbar, schon ein Gemälde des preußischen Hofmalers Antoine Pesne (1683–1757), das Friedrich im Alter von zwei Jahren zusammen mit seiner Schwester Wilhelmine zeigt. Es ist ein Gemälde von scheinbarer Leichtigkeit und Verspieltheit. Die Kinder halten sich an den Händen; im Hintergrund ist eine kleine Kutsche zu sehen; der Kammermohr hält einen Schirm über das Geschwisterpaar. Doch Friedrich trägt bereits das orangefarbene Band des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, der höchsten Auszeichnung des preußischen Staates. Vor allem aber hat er eine Trommel in den Händen. Was aus heutiger Sicht gleichfalls spielerisch erscheinen mag, war es nicht. Mit der Trommel wurde den Soldaten der Marsch geschlagen; es war ein zutiefst militärisches Instrument. Und dass Friedrich daran kindliche Freude entwickelte, nahm sein Vater – fälschlicherweise – als Zeichen der frühen Neigung zum Soldatentum.

Als sein Sohn fünf Jahre alt war, ernannte er ihn zum Obristen eines Kadettenregiments, das aus 131 Jungen bestand. Der »Soldatenkönig« hatte als Kind selbst eine solche Kompanie befehligt und dabei seine Leidenschaft für alles Militärische entdeckt. Von seinem Sohn erwartete er eine ebensolche Begeisterung für diese neue Aufgabe. In einem Saal des Berliner Stadtschlosses ließ der König für den Kronprinzen sogar ein kleines Zeughaus mit Kanonen und Gewehren einrichten. Spielerisch sollte Friedrich, der jedes Mal zusammenzuckte, wenn es laut knallte, den Umgang mit Waffen lernen. Königin Sophie Dorothea ließ sogar jeden Tag eine Kanone abfeuern, damit er sich daran gewöhnte.

Der Kronprinz versuchte auch in diesem Fall, es seinem Vater recht zu machen. In keinem Brief, den er an ihn schrieb, vergaß er, seine Kompanie zu erwähnen. Die ältere Schwester Wilhelmine versuchte den Vater 1717 ebenfalls davon zu überzeugen, dass Friedrich ganz in der Soldatenspielerei aufging: »Mein Bruder vollbringt Wunder, er spricht von nichts anderem als vom Krieg und von der Jagd, und Monsieur Duhan lässt ihn den ganzen Tag exerzieren.« Bei seiner Rückkehr werde der »liebe Papa« sehr erstaunt sein, »indem Du statt eines kleinen Hasenfußes, den Du zu hinterlassen glaubtest, einen tapferen Krieger, der vor nichts erschrickt …, vorfinden wirst«.14 Ganz ähnlich die Briefe der Mutter: Immer wieder erzählte sie dem König, wie Friedrich mit seinen Pistolen spielte, seine Spielzeugkanonen abfeuern ließ und mit seinen Kadetten exerzierte – sprich: den ganzen Tag nichts anderes als Soldaten im Kopf hatte und überhaupt ein tapferer Junge geworden war. Man erzählte Friedrich Wilhelm I., was er hören wollte.

Beim Besuch Zar Peters des Großen (1672–1725) im September 1717 musste der Kronprinz mit seinen Kindersoldaten zur Parade aufmarschieren. Und wenn Friedrich und sein jüngerer Bruder August Wilhelm (1722–1758) ins Tabakskollegium kamen, um ihrem Vater Gute Nacht zu sagen, wurden sie zuweilen von einem der anwesenden Offiziere kommandiert und mussten vor der versammelten Männerrunde exerzieren. Friedrich mühte sich lange, seinen Vater zufriedenzustellen. Doch je älter er wurde, umso schwerer fiel es ihm, gute Miene zu diesem Spiel zu machen. Er nannte die Uniform einen »Sterbekittel«, und wann immer es ging, zog er den blauen Waffenrock aus und tauschte ihn gegen bequeme französische Kleider.

Ein guter und leidenschaftlicher Jäger sollte Friedrich ebenfalls werden. Artig bedankte er sich daher am 14. Oktober 1719 für die »schöne Koppel [Jagd]Hunde, so mein lieber Vater mir … geschenket«. Und stolz berichtete er ihm ein Jahr später, dass er trotz Husten und Schnupfen auf der Jagd gewesen sei und sein »erstes [Reb]Huhn im Fluge geschossen«15 habe. Nicht minder stolz schrieb Königin Sophie Dorothea dem König in einem Brief 1717, dass der – damals fünfjährige – Kronprinz den ganzen Tag auf der Jagd gewesen sei und auch sonst gern ausritt und die freie Zeit an der frischen Luft verbrachte. Ängstlich waren Friedrich und seine ganze Umgebung darauf bedacht, dem strengen Vater das Bild eines Sohnes zu vermitteln, der seinem Vorbild entsprach, der ein ganzer Kerl und kein Weichling war. Dazu passt ein Brief Sophie Dorotheas an ihren Mann vom 3. Januar 1714: »Fritz hat versprochen, dass er nicht mehr weinen wird.« – Da war der Kronprinz noch nicht einmal zwei Jahre alt!16

Der väterliche Druck lastete bleischwer auf dem Kronprinzen, wie der spätere österreichische Gesandte Graf Seckendorff (1673–1763) bei einem Besuch in Berlin 1725 feststellte: Obwohl der König seinen Sohn »herzlich liebt, so fatiguiert [ermüdet] er ihn mit Frühaufstehen und … Strapazen den ganzen Tag dennoch dergestalt, dass er bei seinen jungen Jahren so ältlich und steif aussieht, als ob er schon viele Campagnen [Feldzüge] getan hätte. Die Absicht des Königs geht dahin, dass er nach seiner ihm beiwohnenden Inclination [Neigung] den Soldatenstand allen übrigen Wissenschaften vorziehe, die Sparsamkeit und Genügsamkeit bei Zeiten kennenlerne und in keine Commodite [Annehmlichkeit] oder Plaisir [Vergnügen], als was er, der König, selbst nur achtet, sich verlieben sollte. Man merkt aber gar augenscheinlich, dass diese Art zu leben wider des Kronprinzen Inclination und folglich just einen konträren Effekt mit der Zeit haben wird, da des Kronprinzen Humeur [Stimmung] ohnedem mehr auf Generosität [Großzügigkeit], Propreté [Reinlichkeit], Gemächlichkeit und Magnificence [Pracht] gerichtet, dabei … auch liberal und barmherzig ist.« Zwar wolle Friedrich sich gern mit Menschen unterhalten, »die etwas wissen und gelernt« hätten, doch dürfe er keinen anderen Umgang haben als Soldaten.17 Und auch Friedrichs Schwester Wilhelmine stellte fest: »Nicht die geringste Erholung war ihm vergönnt; die Musik, die Lektüre, die schönen Künste und Wissenschaften waren ebenso viele Verbrechen, welche ihm untersagt waren. Niemand wagte es, mit ihm zu reden; kaum, dass er die Königin besuchen durfte. Sein Leben war das traurigste der Welt.«18

Hungrig nach Bildung

Viel lieber, als auf die Jagd zu gehen, las Friedrich oder trieb es gleich ganz auf die Spitze: Er setzte sich bei der Jagd einfach hin, ließ »Hasen wie Hirsche entwischen« – und las derweil in einem Buch. Seinem Vorleser Henri de Catt erzählte er später, dass es Wilhelmine gewesen sei, die in ihm die Leidenschaft für die Literatur geweckt habe: »Als Knabe wollte ich nichts tun und war immer auf den Beinen. Da sagte meine Schwester … zu mir: ›Schämst Du Dich nicht, Deine Talente so zu vernachlässigen?‹ Ich warf mich auf die Lektüre und las Romane. Ich hatte den Peter von der Provence erhascht; man verbot mir, ihn zu lesen. Da versteckte ich ihn, und wenn mein Hofmeister, der General Finck, und mein Kammerdiener schliefen, huschte ich in das Nebenzimmer, wo eine Lampe auf dem Kamine stand; dort kauerte ich mich nieder und las.«19

»Peter von der Provence« – eigentlich »La belle Maguelonne« – ist ein französischer Roman aus dem 15. Jahrhundert, eine rührende Liebesgeschichte zwischen einem Grafen der Provence und einer Königstochter aus Neapel. Weil ihre Eltern gegen die Verbindung sind, entführt Graf Pierre seine Geliebte. Doch bald trennt das Schicksal sie wieder – die Königstochter Maguelonne pilgert nach Rom, Pierre erlebt zahlreiche Abenteuer, die ihn bis an den Hof des Sultans führen. Das war ganz nach dem Geschmack eines sich selbst nach Abenteuern sehnenden Jungen, aber ganz und gar nicht im Sinne des »Soldatenkönigs«: ein Liebespaar, das die Wünsche der Eltern nicht respektiert; ein Graf, der in die ferne Welt reist, anstatt sich um seine Güter zu kümmern; und eine Königstochter, die meint, zur Kranken pflegenden Heiligen werden zu müssen. Nein, das konnten keine Vorbilder für einen pflichtbewussten preußischen Thronfolger sein.