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Für alle, die singen und küssen, die ihren Gefühlen vertrauen und Freundschaften schließen
© Piper Verlag GmbH, München 2020
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Covermotiv: Martina Frank, München
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Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
Ohne Ihre Nase könnten Sie dieses Buch nicht lesen. Ohne Gerüche könnten wir Menschen nicht fühlen, erinnern oder sprechen. Wir wären maximal auf einem Entwicklungsstand wie Schwämme, Würmer, Insekten und Quallen.
Unser Alltag ist von Gerüchen geprägt, jedoch nehmen wir nur den geringsten Teil davon bewusst wahr. Deshalb merken wir nicht, dass wir sozusagen an der Nase herumgeführt werden. Wir halten uns für vernünftig, weitsichtig, logisch, und wenn wir Entscheidungen fällen, glauben wir, wir hätten sie gewissenhaft durchdacht. In Wahrheit haben wir Menschen geheiratet, eingestellt, vertraut, die wir gut riechen können, und Argumente »erfunden«, die unserer Nase schmecken. Unser Geruchssinn erkennt nämlich nicht nur Erdbeeren und Gülle, sondern auch Liebe und Angst. Jeder Mensch sendet ununterbrochen Duft aus, der von anderen aufgenommen wird, die darauf reagieren – so wie wir selbst auf die chemischen Botschaften unserer Mitmenschen reagieren. Wir sind, was wir riechen! In diese faszinierende neue Welt möchte ich Sie auf den folgenden Seiten einladen. Bis vor Kurzem glaubte man, Menschen wären »Augentiere«. Doch wir gehören eher zu den Nasentieren; der Geruchssinn steht über dem Sehsinn, das haben viele Studien zweifelsfrei gezeigt. Die Art und Weise, wie wir riechen, hat sogar maßgeblich Einfluss darauf, ob wir glücklich leben, gesund sind, harmonische Beziehungen und Freundschaften pflegen. Und wie intelligent wir sind.
Aber nutzen wir diese Möglichkeiten? Was wissen wir über unser Riechvermögen? Oder glauben wir, die Beschäftigung damit zieme sich nicht für uns – als Gipfel der Evolution? Wir sind ja schließlich keine Tiere, die in einer Geruchswelt leben; wir sind, auch wenn wir biologisch zu den Säugetieren zählen, höher entwickelte Menschen, die nicht auf niedere Instinkte angewiesen sind. Halt! Das ist nicht nur ein gefährlicher, sondern auch ein Lebensqualität schmälernder Irrtum. Außerdem basiert er auf falschen Fakten:
Weltweit werden seit einigen Jahren Studien veröffentlicht, die uns verblüffen, weil sie alles über den Haufen werfen, woran wir seit Jahrtausenden glaubten, zum Beispiel auch, dass Tiere uns beim Geruchssinn überlegen wären. Nein, das sind sie nicht. Menschen können besser riechen als fast alle Tiere, höchstwahrscheinlich sogar besser als Hunde.
Womöglich wüssten wir heute mehr über das Riechen, wenn wir nicht so zwanghaft versucht hätten, uns als »Krone der Schöpfung« von den Tieren abzugrenzen. Viele Gerüche haben wir in den Pfui-Bereich der unfeinen, nicht deodorierten Körperlichkeit verbannt. Sie soll in unserer zivilisierten Gesellschaft lieber nicht ruchbar werden. Doch die neuesten Forschungen, von denen ich Ihnen in diesem Buch einiges erzählen möchte, beweisen, dass wir Menschen uns in jeder Sekunde unseres Lebens durch unsere geruchliche Wahrnehmung leiten lassen, auch wenn es unbewusst geschieht. Bewusst ist uns genau genommen nur die Nasenspitze des Eisbergs. Unser Riechorgan steuert unsere soziale Kommunikation.
Auf der Fährte zu den Wundern der Geruchswelt werden Sie viel Neues erfahren und häufig staunen. Bestimmt werden Sie hin und wieder innerlich nicken, weil Sie es irgendwie schon immer gewusst haben: Die Chemie muss stimmen. Auch wenn wir sie nicht sehen und nicht bewusst riechen können. Der Mensch besteht nicht aus Natur, wie man landläufig denkt, sondern aus Chemie – der Natur in Urform.
Leider hat die Entdeckung, wie wichtig der Geruch für uns ist, zu einigen Fake News geführt, die sich in der Presse hartnäckig halten. Vorneweg: Es ist nicht richtig, dass wir uns in naher Zukunft mit Sexuallockstoffen einsprühen werden, die bereits ins Deodorant eingefügt sind, um attraktive Partner zu finden. Aber wir können trotzdem etwas tun, um auf andere Menschen anziehend zu wirken. Ja, wir brauchen nicht mal ein Spray dafür, wir können selbst Gerüche aussenden, die andere Menschen anziehen. Wie das funktioniert, erfahren Sie in diesem Buch auch.
Seit dreißig Jahren bin ich Geruchsforscherin. Seinerzeit bin ich mit der Hypothese angetreten, dass die Nase der bessere Verstand sei, wofür ich anfangs nicht nur Unverständnis, sondern auch Spott erntete. Oft wurden meine Forschungen nicht ernst genommen. Doch als sich Ergebnisse häuften, die meine Hypothesen stützten, schlug mancher Hohn in Skepsis um und schließlich in Staunen. Da scheint ja wirklich etwas dran zu sein! Mittlerweile gelte ich weltweit als das führende Nasentier in der Biologischen und Sozialpsychologie. Seit 2005 leite ich das Institut für Biologische und Sozialpsychologie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Die Biologische Psychologie erforscht, inwiefern biologische Prozesse mit Erleben und Verhalten einhergehen. Das messen wir über die Gehirnströme, die Herzfrequenz, Muskelaktivität und Hautleitfähigkeit. Die Sozialpsychologie untersucht, wie das Erleben und Verhalten durch die Gegenwart anderer Menschen beeinflusst wird, unabhängig davon, ob diese anderen Menschen real anwesend sind oder nur in der Vorstellung existieren.
Meine Professur ist einzigartig in dieser Kombination in Deutschland, was nicht verwundert, da sich die Biologische Psychologie und die Sozialpsychologie häufig nicht besonders gut riechen können. Mit meinem Team erforsche ich biosoziale Prozesse, die über den Geruchssinn ablaufen.
Mit der Entdeckung, dass Angst ansteckend ist, wurde ich auch einem breiteren Publikum als führende Forscherin im Bereich Psychologie des Geruchs bekannt. Leider sitzt die Nase noch immer in einer Nische, doch die meisten Menschen, denen ich erzähle, was ich erforsche, haben sofort eine Vorstellung davon. Weil wir es doch alle irgendwie spüren – und unsere guten alten Sprichwörter, die immer recht haben, sagen es auch: »Den kann ich nicht riechen.« Ja, irgendwo im Bauch wissen wir, dass die Nase ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat.
Auf den folgenden Seiten werde ich davon berichten, wie sie unser Leben gestaltet und prägt – mehr als jeder andere unserer Sinne.[1] Der Geruchssinn führt sogar zum Lebenssinn. Liegt es da nicht nahe, ihn zu manipulieren? Gerade bei Düften scheinen wir Menschen leicht verführbar zu sein. Es wäre doch verlockend, Duftmoleküle so zu verändern, dass man lediglich die gewünschten Gerüche aussendet und keine unkontrollierten Informationen über sich selbst preisgibt. Man schminkt nicht nur das Gesicht, sondern auch den Eigengeruch? Lifting gegen Traurigkeitsmoleküle? Versagensängste werden abgesaugt wie Fett? Für mich ist das eine gruselige Vorstellung, auch wenn sich derjenige, der den Code des Geruchs knackte, eine goldene Nase verdienen würde. Beim Stand der Forschung kann ich mir einen solchen »Durchbruch« in naher Zukunft allerdings nicht vorstellen.
Ich selbst interessiere mich übrigens nicht für die Vermehrung von Geld, weil ich schon lange fühle und mittlerweile aus vielen Studien weiß, dass Geld nicht glücklich macht. Mein Interesse gilt vielmehr dem Versuch, menschliches Leid zu reduzieren und Glück zu erkennen und zugänglich zu machen. Wenn wir uns bewusst wären, über welche geruchlichen Kapazitäten wir verfügen, würden wir zu einem neuen Verständnis von Intelligenz und Glück gelangen. Die Wissenschaft hat eindeutig nachgewiesen, dass die Währung für das Glück sich in Molekülen statt Moneten bemisst. Doch in unserer bewussten Wahrnehmung ist Riechen ein »weißer Fleck«, wenngleich wir unsere Umwelt und alle unsere menschlichen Begegnungen maßgeblich auf unser Geruchsempfinden abstimmen. Aber wir haben keinen bewussten Zugang dazu. Wir sagen nicht: Mit diesem Menschen möchte ich nichts zu tun haben, weil er nach Angst riecht. Sondern: Der war mir unsympathisch, weil er überheblich ist/schlecht über andere gesprochen hat/eine bestimmte Partei wählt/pausenlos kichert.
Wir missbrauchen den Verstand, um Erklärungen für etwas zu finden, wofür wir keine Worte haben. Oder vielleicht hätten wir Worte, aber die sagt man nicht. Man kann ja wohl schlecht gefühlsmäßig argumentieren.
Kann man nicht? Warum eigentlich nicht? Zumal unsere vernünftigen Gründe häufig nur vorgeschoben sind, um zu verschleiern, dass wir eigentlich keine Ahnung haben, schon gar nicht davon, wie wir zu unseren Einschätzungen und Überzeugungen und auch Entscheidungen gelangen. Menschen handeln nicht rational und unabhängig von ihrer Subjektivität. Menschsein und rational sein ist ein Widerspruch in sich – ebenso wie die absurde Vorstellung, man könne ausschließlich vernünftig argumentieren. Wo entspränge eine solche Vernunft, wenn wir die Informationen zur Entscheidungsfindung nicht mit unseren Sinnen sammeln würden? Schon Epikur im alten Griechenland ahnte, dass ohne Sinneserfahrung keine Erkenntnis möglich ist, und viele mittelalterliche Vorstellungen von der Welt konnten durch die Wiederentdeckung der Sinne als Erkenntnisquelle im Humanismus des 16. Jahrhunderts verworfen werden. Wie vernünftig kann eine Vernunft sein, wenn sie den Körper übersieht, überriecht, überhört … der ihr doch alle Eindrücke vermittelt, über die sich der Mensch Gedanken machen kann, die zu einer ausgewogenen und klugen Entscheidung nötig sind. Es ist nicht die Vernunft oder die Intelligenz, die den Menschen zum Menschen macht, sondern das Bauchgefühl, und das beginnt in der Nase. Wir täten gut daran, ihm zu folgen. Die Nase meint es immer ehrlich mit uns. Wenn wir alle mehr riechen als denken würden, wären wir ziemlich sicher glücklicher. Auch die Welt insgesamt wäre vermutlich in einem besseren Zustand. Also: immer der Nase nach!
Nach einem herrlichen Wandertag an der Mosel hatte Sandra ihren Liebeskummer wieder ein Stück mehr abgelaufen. So gut wie heute war es ihr lange nicht gegangen. Hungrig betrat sie das Restaurant, das ihr empfohlen worden war. Sie fühlte sich sofort wohl, und wenn sie gefragt worden wäre, hätte sie wahrscheinlich geantwortet, dass ihr die Einrichtung gefalle. Doch das war nur die Oberfläche. Weiter unten, dort, wo es ans Eingemachte geht, hatte sie wahrgenommen, dass die Gerüche zur Umgebung passten. Es roch nach Essen und Wärme. Hätte es nach Schusterleim gerochen, wäre sie irritiert gewesen und hätte sich nicht so wohlgefühlt. Wir reagieren sofort, wenn wir einen Störgeruch in die Nase bekommen, wenn ein Geruch nicht zur Umgebung passt – ein Alarmsignal. Sandras gute Laune bekam einen kleinen Dämpfer, als sie von einem Kellner erfuhr, dass alle Tische reserviert oder eben besetzt waren. Aber vielleicht wollte sie bei dem Herrn dort drüben Platz nehmen?
Sandras Tischnachbar war etwas jünger als sie. Seine Gesellschaft war ihr recht. Nicht, weil sie ihn sympathisch fand, das war bereits das Resultat dessen, dass sie unbewusst gerochen hatte, dass er gesund und in einem ausgeglichenen emotionalen Zustand war. Jürgen vermittelte ihr auf chemischem Wege gute Gefühle, weil er selbst sich in diesem Augenblick wohlfühlte. Was wir fühlen, findet seine Entsprechung in der chemischen Zusammensetzung des Dufts, den wir verströmen. Wir riechen ihn nicht bewusst, andere Menschen riechen ihn nicht bewusst, und dennoch bestimmt er maßgeblich unser Verhalten und die Reaktionen der Umwelt, die wiederum unser Verhalten beeinflussen und so weiter. Sandra war zwar zuerst ein klein wenig unsicher, doch die gute Stimmung des Mannes übertrug sich über die Nase auf sie. Es bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie sich mit ihrem Tischherrn gut unterhalten würde. Und genau so war es. Beide begegneten sich freundlich und neugierig, sie fanden Gemeinsamkeiten – nicht, weil sie auf Anhieb vorhanden waren, sondern weil sie danach suchten. Was im Übrigen auch die hohe Zahl statistisch möglicher Partner erklärt. Es kommt darauf an, ob wir uns für einen anderen Menschen öffnen – und als Türsteher fungiert hier die Nase.
Drei Jahre später bei ihrer Hochzeit beschworen Sandra und Jürgen, dass ihre Begegnung Schicksal gewesen wäre. Sie fanden auch viele Gründe dafür. Wo Jürgen doch normalerweise später aß. Wo Sandra doch beinahe schon am Vortag abgereist wäre. Und so weiter. Jedes Paar erzählt seine romantische Geschichte. Doch diese Geschichten, diese Schicksale beginnen wie die meisten in der Nase. In dem Augenblick, als die beiden sich trafen, waren sie in einer bestimmten chemischen Verfassung, die eine spätere Heirat ermöglichte.
Es hätte auch anders kommen können: Jürgen war gestresst. Das Meeting bei seinem Kunden in Traben-Trarbach war katastrophal verlaufen. Kein Wunder, er war zu spät gekommen, zwei Stunden im Stau gestanden. Sein Chef würde ausflippen, hatte die Firma in diesem Monat doch schon zwei Kunden verloren. Jürgen grauste vor Montagmorgen. Allein wenn er daran dachte, wurde ihm flau. Er hatte sogar ein bisschen Angst vor dem Gespräch, von dem seine berufliche Zukunft in der Firma abhing, und diese Angst verströmte er chemisch. Sie übertrug sich auf Sandra, die sich vom ersten Moment unwohl an seinem Tisch fühlte. Außer »Guten Appetit« wechselten die beiden kaum ein Wort, sie kamen gar nicht so weit, zu entdecken, dass sie viele Gemeinsamkeiten hatten: dass ihre Eltern nur vier Kilometer voneinander entfernt lebten, sie beide eine Katze hatten und in der Pubertät auf denselben Michael-Jackson-Konzerten waren. Auf dem Weg in ihre Unterkunft telefonierte Sandra mit ihrer besten Freundin und berichtete von dem »Stoffel«, mit dem sie am Tisch sitzen musste und der ihr den Abend verdorben hatte – eine weitere Gemeinsamkeit mit Jürgen, der einem Kollegen von der Zicke im Restaurant berichtete.
Gleiche Frau, gleicher Mann, gleicher Ort, gleiche Speisekarte, andere chemische Signale – und die Hochzeit fällt aus.
Wenn wir einen Menschen mögen, suchen wir nach Gründen dafür. Abgesehen von Kleinigkeiten, an denen wir dies festmachen, zählen unter anderem auch Werte, politische Überzeugungen, Charaktereigenschaften, emotionale Verfassung, Erfahrungen und: die großen Zusammenhänge, Astrologie, Karma. Ich möchte mich hier keineswegs in Konkurrenz zu Grenzwissenschaften und Glaubensfragen begeben, doch aufgrund meiner Forschungen wage ich die Hypothese, dass das Sternbild der Nase unseren Horizont gravierend verändern würde, wenn wir es zu deuten wüssten.
Die Fährte des Geruchs führt zu einem vernünftigen Ziel: einem erfüllten Leben und Glück. Betrachtet man die Titel von Ratgebern, scheinen wir ein Volk von Glückssuchern zu sein – in einem Land, in dem Milch und Honig fließen. Doch immer mehr Menschen verlieren die Spur. Weil sie Geld nicht riechen können? Nein, weil sie vereinsamen, eine traurige Alltäglichkeit in unserer modernen Welt. Erst ein Land hat darauf adäquat reagiert: Seit 2018 gibt es in England ein Ministerium für Einsamkeit. Was vielen zuerst wie ein Scherz vorkommen mochte, ist leider bittere Realität. Auch zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Deutschen leiden zeitweise unter Einsamkeit. Bei den über Fünfundachtzigjährigen sind es zwanzig Prozent. Dreißig Prozent der Deutschen verspüren zumindest manchmal Einsamkeit. In einer Stellungnahme der Bundesregierung aus dem Jahr 2019 zu »Einsamkeit und deren Auswirkung auf die öffentliche Gesundheit« zeigt sich außerdem, dass Einsamkeit in Deutschland zunimmt. Es sieht so aus, als entwickelten sich die geburtenstarken Jahrgänge im Alter zu einer sehr einsamen Generation – der Preis für ihre individualistische Lebensgestaltung? Der aktuelle Koalitionsvertrag verspricht, der »Einsamkeit in allen Altersgruppen vorzubeugen« und »die Vereinsamung zu bekämpfen« – mutmaßlich nicht aus Nächstenliebe, sondern um die hohen Kosten zu minimieren, die Einsamkeitsschäden hervorrufen. Wer einsam ist, ist auch unglücklich.
Aber wer ist maßgeblich beteiligt an der Einsamkeit? Es ist wieder mal die Nase! Fasst man die aktuelle Forschungslage zusammen, so deutet alles darauf hin, dass sozial eingebundene Menschen soziale chemische Informationen effektiver nutzen als einsame Menschen. Und chemische Informationen tauschen wir nicht über Gespräche oder Gesten aus – wir nehmen sie über die Nase wahr. Deshalb ist die Nase das Kontaktorgan Nummer eins. Der Mensch ist ein soziales Tier, das am besten in einem Rudel, seiner Gruppe, überlebensfähig ist. Was den Menschen wirklich beutelt, so wie Liebeskummer, Trauer, Heimweh, trägt die dunkle Farbe der Einsamkeit. Früher dachte man, sie sei eine Folge von Armut und Krankheit. Heute weiß man, dass sie Armut und Krankheit auslösen kann. Es gibt viele Ansätze, die Einsamkeit zu lindern. Einen tragen wir im Gesicht. Mithilfe unserer Nase können wir Einsamkeit überwinden – und tatsächlich glücklich werden.
Weltweit interessieren sich Wissenschaftler für die faszinierenden Zusammenhänge zwischen Riechen, Denken und Fühlen, und so hat sich ein spannender Austausch entwickelt. Durch die bildgebenden Verfahren können wir heute sehr genau sehen, wie und wo verschiedene Gerüche im Gehirn verarbeitet werden. Wir haben festgestellt, dass bei psychischen Störungen auch die chemische Übertragung von Emotionen beeinträchtigt ist und dass Frauen- und Männergehirne unterschiedlich auf Gerüche reagieren. Denken wir diese Studien zu Ende, dann können wir eines Tages hoffentlich verstehen, wie Menschen fühlen und wie es zu Störungen von Gefühlen und Emotionen kommt, wie wir miteinander kommunizieren und welche Grundlagen für Störungen in der Kommunikation verantwortlich sind. Wenn wir das wissen, können wir diese Störungen therapieren und den Patienten wieder mehr Lebensqualität verschaffen. Dieser neue Ansatz würde die Behandlung von jenen psychischen Störungen revolutionieren, die mit einer veränderten Geruchswahrnehmung und einem veränderten Sozialverhalten einhergehen.
Es ist der traditionelle Weg in der Psychologie, beim Leid beginnend das Glück zu suchen. Leid ist wissenschaftlich auch besser fassbar als Glück, weshalb in der Psychologie meist Angst und Trauer, selten Glück und Freude untersucht werden. Aber wer weiß, vielleicht stellt die Geruchsforschung diese Reihenfolge eines Tages auf den Kopf, und wir können Empfehlungen aussprechen, die großes Leid erst gar nicht entstehen lassen. Das könnte gelingen, wenn wir die chemische Kommunikation von Menschen, deren Lebenszufriedenheit hoch ist, verstanden haben. Was fühlen sie – im Unterschied zu anderen – und vor allem: Was riechen sie?
Das Glück hat mich schon als Kind interessiert. Woran lag es, dass ich an einem Tag so überglücklich war und am anderen bloß normal gestimmt oder traurig? Oder dass innerhalb einer Stunde meine Stimmung wechselte, obwohl sich doch außenrum wenig verändert hatte? Die Erwachsenen waren mir diesbezüglich keine große Hilfe. »Das ist eben so«, hörte ich. Oder Binsenweisheiten und gute Ratschläge wie: »Das Glück liegt in einem selbst.« Da ich neugierig bin und schon als Kind gern beobachtete und nachdachte, fiel mir auf, dass alle glücklich sein wollten, es aber oft nicht klappte. Und dass die Sprichwörter vielleicht doch nicht stimmten, denn häufig hörte ich Dinge wie: »Wenn ich im Lotto gewinnen würde, wäre ich glücklich.« Es hieß aber doch auch, Geld mache eben nicht glücklich!
Dass das so ist, wurde mittlerweile in vielen Studien nachgewiesen. Menschen, die überraschend zu sehr viel Geld gekommen sind, werden nicht automatisch glücklich. Tatsächlich passiert eher das Gegenteil. Bei dem Versuch, Besitz zu schützen und zu vermehren, entstehen Ängste und Sorgen, den Besitz zu verlieren. Aus glücklichen Menschen werden Materialisten, die mit der Zeit den Wert von Freundschaft vergessen und sorgenvoll in die Zukunft blicken. Nach kurzer Zeit befinden sich überraschend reich gewordene Menschen auf dem gleichen Glücksniveau wie zuvor. Auch ein im Großen und Ganzen glücklicher Mensch, der nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, kann nach einer Weile wieder im Großen und Ganzen glücklich sein.
Als junge Frau lernte ich den größten Glücksgaranten kennen … verliebt sein, natürlich »glücklich« verliebt. Aber musste man mit Liebeskummer tatsächlich zu Tode betrübt sein? Was war das überhaupt genau, Glück? Und warum währte es meistens viel kürzer als das Leid? Gab es eine Möglichkeit, Leid in Nuancen zu minimieren und Glück zu maximieren? Das wollte ich gern erforschen, ohne das Leid zu leugnen. Dass ich dazu immer nur der Nase zu folgen brauchte, nein, das hätte ich selbst in meinen kühnsten Kindheitsträumen nicht für möglich gehalten.
Menschen, die in gutem Kontakt mit anderen Menschen stehen, die Freunde und Bekannte haben, mit denen sie gemeinsam lachen, auf die sie sich in Notzeiten verlassen können, die sie auch mal in den Arm nehmen, haben ideal in ihre Lebenszufriedenheit investiert. Wir wissen aus der Glücksforschung, dass erfüllende menschliche Beziehungen langfristig die wichtigste Bedingung für ein gelungenes Leben sind. Dies natürlich unter der Voraussetzung, dass man in gesicherten Verhältnissen lebt, also genug zu essen und ein Dach über dem Kopf, also keine existenziellen Sorgen hat. Diese Defizite schließen einsame Menschen in der Beschreibung ihres Zustandes oft selbst aus: Ich hab eigentlich alles. Es müsste mir gut gehen. Doch ich bin todunglücklich.
Ja, weil etwas fehlt, worauf Menschen essenziell angewiesen sind. Bei Tieren sind wir mittlerweile so weit, dass wir darauf achten, zum Beispiel Vögel und Meerschweinchen nicht allein zu halten. Wir sorgen dafür, dass unsere Einzelhunde Kontakt zu Artgenossen haben, weil wir wissen, dass sie Rudeltiere sind. Bei uns selbst vergessen wir das manchmal und setzen stattdessen auf falsche Pferde wie Besitz. Unzählige Untersuchungen haben aber gezeigt, dass zu viel Geld eher unglücklich macht. Wer genug finanzielle Mittel für ein schönes Leben hat, aber eben nicht so viel, dass er dauernd darüber nachdenken muss, wie er sie am besten verwaltet, dem winkt das Glück am ehesten.
Geld ist ein sogenannter extrinsischer, also äußerlicher Verstärker, es unterliegt Bedingungen, die wir selbst nicht kontrollieren können. Ein Vorgesetzter kann über unser Gehalt bestimmen, die Familie kann uns enterben, ein Auftraggeber bezahlt nach den von ihm definierten Leistungskriterien nur die Hälfte des Honorars, oder der Zufall spielt uns Geld zu. Auf Geld zu setzen, um glücklich zu werden, bedeutet, sich abhängig zu machen von Umständen, die man oft nicht beeinflussen kann. Wieder scheint das alte Sprichwort recht zu haben: »Jeder ist seines Glückes Schmied.« In der Tat, wenn wir selbst das Gefühl haben, unser Glück gestalten zu können, sind wir unabhängig. Unsere Ziele sind dann in der Regel auch nicht materiell, wir möchten zufrieden sein, ausgeglichen, Zeit mit lieben Menschen verbringen, kurz, wir streben danach, unser Selbst oder unser Ich zu erweitern. Unsere Motivation ist intrinsisch, innerlich. Wir leben nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Es ist also nicht wichtig, wie viele Freunde wir haben, sondern dass wir uns im Zusammensein mit ihnen wohlfühlen und Spaß haben. Es ist nicht entscheidend, Preise zu gewinnen oder Punkte zu sammeln, sondern die Dinge zu genießen um ihrer selbst willen. Zum Beispiel wenn wir Sport treiben, unser Haustier kuscheln oder ein Instrument spielen. Die Handlung macht uns glücklich, nicht deren Effekte. Es erfüllt uns mit Freude, unsere besten Freunde zu beschenken, sie zufrieden zu sehen. In guten Beziehungen geht es nicht darum, dass wir etwas zurückbekommen. Wir reisen, weil wir Erfahrungen sammeln möchten, Inspirationen, nicht, um hinterher den Nachbarn erzählen zu können, wie teuer der Urlaub war, das wäre eine extrinsische Motivation. Wer glücklich leben will, fährt langfristig mit einem intrinsischen Wertesystem besser. Kapitalistische Gesellschaften bauen darauf, dass die Einzelnen möglichst viel und schnell kaufen und konsumieren. Jede Werbung zielt darauf ab, uns vorzutäuschen, dass der Kauf des entsprechenden Produkts uns glücklicher machen würde. Welch ein Irrtum! Die glücklichsten Menschen leben nicht in reichen kapitalistischen Ländern, sondern in Ländern, die soziale Sicherheit bieten und in denen gegenseitiger Respekt großgeschrieben wird. Der Reichtum eines Landes kann am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gemessen werden. Weltweit gesehen gehören dementsprechend Länder wie Katar, Kuwait und die USA zu den zehn reichsten Ländern. Die glücklichsten Menschen leben jedoch in Staaten wie Finnland, Dänemark und Kanada, in denen alle Einwohner gleichen Zugang zu Gesundheits- und Ausbildungssystemen haben und bei Arbeitslosigkeit und im Alter finanziell durch den Staat abgesichert sind. Diese Daten werden jährlich von den Vereinten Nationen als »World Happiness Report« herausgegeben.
Die Freude an vielen Anschaffungen währt meist nur kurz. Nach einem Höhenflug wird die Neuerwerbung schnell uninteressant, und am dritten Tag löst das herbeigesehnte Handy schon keine Glücksgefühle mehr aus. In der Psychologie nennen wir dieses Phänomen »hedonische Adaptation« an Besitzgüter. Dagegen flutet uns die Erinnerung an einen lustigen Nachmittag mit der besten Freundin auch nach drei, vier Wochen mit warmen Gefühlen. Der Kegelabend in Kreis einiger Kollegen, die wir gut riechen können, strahlt ab auf die folgenden Tage. Gemeinsame Erlebnisse mit lieben Menschen können jahrelang nachglühen. So sieht die Kohle für unser Glück aus! Freundschaften und zwischenmenschliche Nähe sind die wichtigsten Garanten für Glück und Gesundheit.
Doch Freundschaften entstehen nicht einfach so hopplahopp. Sie erfordern Zeit und manchmal Mühe, man muss auch mal über den eigenen Schatten springen, tolerant sein, in Krisenzeiten sein eigenes Verhalten immer wieder kritisch hinterfragen, Vertrauensvorschuss gewähren. Offenbar gibt es Menschen, die begabter für Freundschaften sind als andere, Menschen, die sich geschmeidiger bewegen im sozialen Getümmel. Wir haben herausgefunden, dass diese Begabung ihren Beginn in der Nase nimmt. Gesellige Menschen sind sensitiver, sie riechen mehr als andere, die eher allein bleiben oder einsam sind. In einer 2016 veröffentlichen Studie aus China konnte nachgewiesen werden, dass Menschen mit einem größeren sozialen Netzwerk, also mehr Freunden und Bekannten, Gerüche in schwächeren Konzentrationen erkennen können als Menschen mit einem kleineren sozialen Netzwerk. Bei den geselligen Super-Riechern war außerdem die Verbindung des emotionalen Gehirns (Amygdala, altgriechisch für »Mandelkern«) zum sozialen Gehirn (mittleres Vorderhirn) besonders gut ausgeprägt. Beide Gehirnbereiche sind Teil des Geruchsgehirns.
Kurz darauf wurde eine zweite Studie veröffentlicht, in der dreitausend ältere US-Amerikaner auf ihre sozialen Beziehungen und ihre Fähigkeit, Gerüche zu benennen, untersucht wurden. Es zeigte sich abermals, dass diejenigen, die mehr Freunde hatten, auch Gerüche besser erkennen konnten.
Wir wissen also erst seit kürzester Zeit, dass Riechen und soziale Eingebundenheit aufs Engste zusammenhängen. Menschen, die die Fähigkeit haben, ihre geruchliche Umwelt sehr fein zu erkennen – und dazu gehören natürlich auch menschliche Gerüche –, sind sozial eingebundener und pflegen mehr Freundschaften.
Und wenn keine Menschen mehr da sind? Wenn das Angebot im Laufe der Jahrzehnte ausgedünnt ist? Vielleicht sind die Freunde und Bekannten gestorben oder es gab nie viele … Auch ein Tier, ob Kanarienvogel, Katze, Goldfisch, Hund, kann das dringende und tiefe Bedürfnis eines Menschen nach Gebundenheit ersetzen. Aber wenn Tiere im Altenheim verboten sind? Dann verstärkt sich die Einsamkeit der Bewohner und damit auch ihr Erkrankungsrisiko. Fantasiebegabte Menschen schaffen sich vielleicht einen Ersatz. Sie »beseelen« einen Gegenstand, personifizieren Dinge. Selbst ein Teddybär kann zum Gesprächspartner werden. Unter Umständen könnte auch die Beschäftigung mit geistigen Welten, die Beziehung zu Gott ein Lückenfüller sein und die Angst vor der Einsamkeit lindern, indem man eine persönliche Beziehung zu etwas Höherem aufbaut. Wie riecht Gott? Aus der aktuellen Forschung wissen wir, dass wir nur mit solchen Menschen Gefühle von Nähe, Sicherheit, Geborgenheit entwickeln können, in deren Geruch wir uns wohlfühlen. Gott und der Teddybär sind keine Menschen, deshalb können sie die Einsamkeit auch nicht vollständig lindern. Einige Wissenschaftler sind zurzeit dabei, Roboter für Pflegeheime zu entwickeln, die für soziale Wärme sorgen sollen. Die Roboter werden vielleicht etwas Abwechslung in den Alltag bringen; da sie jedoch keine chemischen Gefühle vermitteln können, werden sie unser Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit niemals wirklich befriedigen.
In der Einsamkeit empfindet sich ein Mensch als abgeschnitten, total isoliert. Es existiert keine Verbundenheit mehr. Der Wunsch nach Zusammensein mit anderen ist nicht erfüllbar, aus welchen Gründen auch immer. Einsamkeit ist nicht zu verwechseln mit Alleinsein, das auf einer eigenen Entscheidung beruht. Ich möchte jetzt eine Weile allein sein. Ich habe Sehnsucht danach, mal ein bisschen für mich zu sein. Einsamkeit stößt einem zu wie ein Unglück, Einsamkeit ist die Abwesenheit der Voraussetzungen für Glück und darüber hinaus in der westlichen Welt die Todesursache Nummer eins. Sie ist der Ausgangspunkt vieler schwerer Erkrankungen und erhöht das Sterblichkeitsrisiko deutlicher als Übergewicht, Drogenabhängigkeit, als Alkohol und Nikotin und mangelnde Bewegung. Einsamkeit ist zwar keine Krankheit, doch in ihrer Folge entstehen viele mit häufig tödlichem Ausgang. Darüber hinaus ist Einsamkeit die Voraussetzung für die Entwicklung fast aller psychischen Störungen wie Depression, Angsterkrankungen, Abhängigkeit von Alkohol, Drogen oder Medikamenten bis hin zur Schizophrenie, und sie verstärkt die Alzheimer-Demenz.
Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, wie es denn sein kann, dass Einsamkeit tödlicher ist als Rauchen. Nun, für uns Menschen als soziale Wesen mit einem sozialen Gehirn ist Einsamkeit der größte mögliche Stressfaktor. Sie wird im Gehirn wahrgenommen wie körperlicher Schmerz. Die Untersuchungen hierzu nutzen zwei sehr unterschiedliche Methoden: Zum einen gibt es mittlerweile sehr große Datenbanken über den gesundheitlichen Zustand von z. B. älteren Menschen. Sie geben unter anderem an, ob sie sich eher alleine und einsam fühlen oder ob sie zu Freunden und Verwandten vertrauensvollen Kontakt haben. In der Folge werden sie über viele Jahre beobachtet, ihr psychischer und körperlicher Zustand wird erfasst. Aufgrund solcher Studien, in denen mittlerweile ca. 3,5 Millionen Teilnehmer regelmäßig befragt wurden, wissen wir auch, dass Einsamkeit genauso, wenn nicht sogar tödlicher ist als Rauchen.
Eine ganz andere Art von Studien lässt die Teilnehmer nur für kurze Zeit Einsamkeit erleben und untersucht während dieser Zeit die Veränderung in der Wahrnehmung, im Erleben und Verhalten. Die Teilnehmer sollen dann z. B. mit zwei anderen Teilnehmern Handball spielen. In Wirklichkeit sind diese beiden anderen jedoch Mitarbeiter des Forschungsteams. Der Ball wird eine Weile hin und her geworfen, bis der einzige »echte« Teilnehmer den Ball nicht mehr bekommt und die beiden vorgetäuschten Teilnehmer mehr oder weniger alleine spielen. Der echte Teilnehmer reagiert auf diesen sozialen Ausschluss mit Einsamkeitsgefühlen. Sein Gehirn verhält sich bei diesem Ausschluss genau so, als würde ihm Schmerz zugefügt. In der Wissenschaft gibt es viele solcher Experimente, in denen vorübergehend Einsamkeit suggeriert wird. Die Teilnehmer verändern dabei ihre Physiologie, sie fühlen sich gestresst, können sich schlechter konzentrieren, sie nehmen an sich selbst und anderen eher negative Dinge wahr, fühlen sich hilflos und können ihre Gefühle schlechter kontrollieren.
Andauernde Einsamkeit wirkt wie andauernder Stress auf das Herz-Kreislauf-System, auf den Magen-Darm-Trakt, auf unser Abwehrsystem. So entwickeln sich Erkrankungen wie Bluthochdruck, Magengeschwüre und Krebs. Verstärkend kommt hinzu, dass Stress, der durch körperliche oder psychische Belastung entsteht, durch Sozialkontakte gemildert werden kann. Mit dem Gefühl, sozial eingebunden und geschützt zu sein, bildet sich das Neurohormon Oxytocin, das die negativen Effekte von Stresshormonen wie Kortisol oder Adrenalin verringert. Bei Einsamkeit fehlt dieser Stresspuffer.
Wenn man zu lang einsam war, erscheint der Schritt zu anderen Menschen immer schwieriger, schließlich unmöglich. Einsamkeit macht noch einsamer. Was natürlich fatal ist, da das dringendste nun eine Prise Mensch wäre. Häufig leiden Menschen, die zu Patienten geworden sind, unter Ängsten. Depressionen entwickeln sich, die neue Ängste mit sich bringen und vielleicht verzweifelte Versuche, der Abwärtsspirale zu entkommen – mit Alkohol, Tabletten, Drogen. Alles Substanzen, die den Kontakt zu anderen Menschen nicht gerade befördern und auch die Chemokommunikation betäuben. Wenn wir betrunken, bedröhnt, berauscht sind, ist unsere Wahrnehmung eingeschränkt. Ohnmachtsgefühle, Fatalismus und Aggression in Worten und Taten gewinnen die Oberhand. Keiner scheint uns zu lieben, nicht mal zu mögen. Wir haben keine Kontrolle mehr über unsere destruktiven Gefühle.
Menschen brauchen Menschen! Wir sind Rudeltiere! Nicht nur seelisch, sondern auch körperlich ist Einsamkeit für Menschen der schlimmste vorstellbare Zustand. Für den Schiffbrüchigen Robinson Crusoe, der achtundzwanzig Jahre lang auf einer einsamen Insel lebte, waren seine Tiere die erste Rettung, und mit Freitag als Freund kehrte die Freude in sein Leben zurück. Nun hatte Robinson Crusoe, über den der englische Schriftsteller Daniel Defoe in seinem Roman schrieb, wenig Möglichkeiten, auf seiner Insel Menschen zu treffen, anders als wir auf dem Festland. Doch manchmal will es trotz des großen Angebots nicht gelingen, Kontakt zu anderen Menschen zu knüpfen.
Das könnte auch daran liegen, dass uns die enorme Bedeutung der Chemokommunikation nicht bewusst ist. Dass wir nicht nur mit den Augen und Ohren wahrnehmen, sondern eben auch mit unserer Nase und ihr unbewusst folgen. Unter Chemokommunikation verstehen wir die Verständigung über unsere chemischen Sinne. Chemische Sinne, das klingt künstlich. Doch wie bereits erwähnt, bestehen wir Menschen nun mal aus Chemie. Genau betrachtet sind das einzelne Atome, die sich in Gruppen zu Molekülen verbinden. Die Moleküle sind wiederum Grundbaustein allen Lebens, aus ihnen bilden sich Wasser, Eiweiße, Zucker oder Fette. Auch die Körperzellen von Pflanzen, Tieren und Menschen bestehen aus Wasser und einer Vielzahl von vor allem Fett- und Eiweißmolekülen. Zuckermoleküle dienen im Körper der Energieversorgung; das Gehirn ist auf sie angewiesen. Ohne Molekül kein Mensch. Moleküle sind also natürlich, sie sind in der Luft, nichts existiert ohne Moleküle, das, was ist, besteht aus Molekülen. Wenn wir heutzutage in unserem Alltag den Begriff Chemie verwenden, meinen wir damit landläufig nicht seine erste Bedeutung: Naturwissenschaft, die die Eigenschaft, die Zusammensetzung und die Umwandlung der Stoffe und ihrer Verbindungen erforscht. Sondern umgangssprachlich etwas Schädliches, Ungesundes oder krank Machendes: Chemikalien, künstlich hergestellte Aromen etc. Doch das ist nicht die Chemie, die uns Menschen ausmacht und die wir essenziell brauchen.
Unser Wohlgefühl im Miteinander wird durch chemische Signale ausgelöst – was uns jedoch weitestgehend unbewusst ist. Wir merken zwar, dass wir uns in der Gegenwart mancher Menschen wohler fühlen als bei anderen, doch wir schreiben das vernünftigen oder auch mal »esoterischen« Gründen zu: »Weil deine Aura so schön orange leuchtet …« In dieser Hinsicht sind wir überaus findig. Mit Kollegen X können wir nicht arbeiten, weil er Stress verbreitet, der Nachbar hat eine schlechte Energie, die Schwägerin ist eifersüchtig auf unser schönes Haus, kaum ist Y im Raum, ist man angespannt. So geht es bestimmt allen, und drei Kreuze, wenn man Z nicht über den Weg läuft, weil der immer alles miesmacht. Macht er das tatsächlich, oder hören wir das nur heraus, um eine Bestätigung für unseren geruchlichen Eindruck zu erhalten?
Letztlich entscheidet die chemische Ausstrahlung eines Menschen darüber, ob wir gern mit ihm zusammen sind, ob wir uns zu ihm hingezogen fühlen, ja auch, was wir über ihn denken. Wenn sein Chemococktail uns »schmeckt«, werden wir positiver über ihn sprechen und seine Handlungen positiv bewerten. Dieselben Handlungen eines Menschen, den wir unbewusst unangenehm erriechen, würden wir negativ beurteilen, und selbstverständlich würden wir für beide Varianten vernünftige Gründe finden.
Insofern an dieser Stelle eine Warnung: Dieses Buch kann Ihre bisherigen Mechanismen in der Einschätzung Ihrer Artgenossen in den Grundfesten erschüttern. Aber keine Sorge: Alles wird auch wieder aufgebaut, und zwar auf dem soliden Fundament seriöser Forschung. Mit diesen Erkenntnissen möchte ich Ihnen die Tür dazu öffnen, Ihre chemischen Sinne zu nutzen.
Was Sie davon haben? Es ist schlicht und einfach die Voraussetzung für ein schöneres Leben, Zufriedenheit, Glück. Menschen, die sozial eingebunden sind, können chemische soziale Informationen effektiver nutzen als Menschen, die nicht sozial eingebunden sind.
Es liegt nahe, dass Menschen, die in einem größeren sozialen Netzwerk leben, auch besser riechen können als Menschen, die mit wenigen Menschen Kontakt haben. Denn wenn die Chemokommunikation so wichtig und wohltuend für den Menschen ist, dann sind diejenigen im Vorteil, die eine höhere Dosis abbekommen. Tatsächlich schneiden sie in Geruchstests signifikant besser ab. Sie können Gerüche in geringerer Konzentration wahrnehmen, auch besser unterscheiden und feinere Nuancen zwischen zwei Düften erkennen. Das bedeutet, dass ein Mensch mit einem großen sozialen Netzwerk geruchlich sensitiver, also feinfühliger, sozusagen feinriechiger ist als ein Mensch mit einem kleinen oder gar keinem sozialen Netzwerk.
Nach diesen Ergebnissen liegt eine Frage förmlich in der Luft: Sind denn Menschen, von denen wir aus vorhergehenden Tests wissen, dass sie empathischer sind als andere, sich also besser in ihre Mitmenschen hineinversetzen können, auch sensitiver? Ja, so ist es. Wer mehr fühlt, riecht auch mehr, beziehungsweise, in der korrekten Reihenfolge: Wer mehr riecht, fühlt mehr. Zuerst der Geruch, dann das Gehirn und Gefühl.
Wie bedeutsam der Geruch für unser Leben ist, sehen wir auch in der Mortalitätsrate, der Sterberate von Menschen, die in Geruchswahrnehmungstests schlecht abschnitten: Sie leben kürzer als Menschen, die mehr Gerüche erkennen können, wie wir durch die Arbeiten von Maria Larsson wissen. Nach zehn Jahren der Beobachtung hatten die Menschen, die schlecht riechen konnten, eine um zwanzig Prozent höhere Wahrscheinlichkeit zu sterben als diejenigen, die gut riechen konnten. Dabei wurden nur Personen untersucht, die älter als vierzig Jahre waren. Faktoren wie Alter, Geschlecht, Gesundheitsstatus und Demenz hatten keinen Einfluss auf den Zusammenhang zwischen Riechleistung und Sterberate. Ich kann mir zwei mögliche Erklärungen für den Zusammenhang zwischen Riechen und Lebensdauer vorstellen. Eine wäre, dass das Geruchshirn (Bulbus olfaktorius) innerhalb unseres Gehirns so elementar bedeutsam ist, dass angrenzende Gehirngebiete wie z. B. diejenigen, die wichtig für Gefühle und Erinnern sind (Amygdala und Hippocampus), nur gemeinsam und im Verbund mit dem Geruchshirn leistungsfähig bleiben. Die andere Erklärung wäre, dass die Menschen, die schlecht riechen, auch weniger Freunde und soziale Unterstützung haben.
Wer mehr riecht, hat also nicht nur mehr vom Leben, sondern auch länger Zeit dafür. Aber ist die Lebenszeit nicht genetisch festgelegt? Nur zum Teil. Wir haben schon auch ein Wörtchen mitzureden mit unserem Verhalten – wie gut oder schlecht behandeln wir unseren Körper, wie gesund oder ungesund leben wir? Letztlich können wir das Leben nicht kontrollieren, es ist und bleibt bei aller Forschung ein Überraschungsei. Doch gewisse Faktoren können wir sehr wohl beeinflussen, und dazu gehört auch das Riechen. Wenn Sie sich selbst als nicht besonders geruchssensitiv einschätzen, habe ich eine gute Nachricht für Sie: Riechen kann man trainieren! Mehr dazu später in einem Schnupperkurs – bleiben Sie auf der Fährte!
Die vorstehende Nase ist unsere Fährtenleserin, unser Scout. Sie nimmt als Erstes Gerüche wahr – und dann wird in Bruchteilen von Sekunden entschieden, wie mit ihnen zu verfahren ist. Meistens bekommen wir davon gar nichts mit, und das ist auch gut so. Wir wären grenzenlos überfordert, wenn wir die Millionen von Sinneseindrücken, die ständig auf uns einströmen – von außen, aber auch von innen, nämlich unsere Körperempfindungen –, ungefiltert wahrnehmen würden. Darauf komme ich später noch einmal zurück. An dieser Stelle möchte ich lediglich festhalten, dass uns nur jene Gerüche bewusst werden, die unerwartet auftauchen oder sehr intensiv sind. Auf diesen Reiz hin fällen wir unser erstes grobes Urteil: Angenehm oder unangenehm lautet die Frage, die unsere Reaktion auf den Geruch, unsere weitere Vorgehensweise bestimmt. Lecker oder igitt. Bleiben oder gehen. Mehr davon, weil sie Wohlbefinden schenken, Zufriedenheit und Glück hervorrufen, oder nein danke.
Bei den negativen Gerüchen, die uns mit negativen Emotionen erfüllen, unterscheiden wir zwei Qualitäten. Einmal eine Art Brandgerüche, Abgase oder andere Luftverunreinigungen, die Angst hervorrufen und deren Wahrnehmung überlebensnotwendig ist. Immer wieder liest man von Menschen, die aus dem Schlaf hochschreckten, weil sie von einem komischen Geruch geweckt wurden. Komisch heißt in diesem Fall: nicht in das Umfeld passend. Zum anderen warnen uns Ekelgerüche vor Gefahren, besonders wenn sie mit Fäulnis einhergehen. Wir meiden sie instinktiv, um unsere Gesundheit zu schützen. Jeder hat schon mal an einem Lebensmittel geschnuppert, weil er nicht sicher war, ob es verdorben ist. Diesbezüglich verlassen wir uns auf unsere Nase. Der Geruchssinn warnt uns auch vor Krankheit und im schlimmsten Fall vor Tod durch Vergiftung. Das geht so weit, dass wir – unbewusst – riechen können, ob jemand gerade dabei ist, einen Schnupfen zu bekommen, und wiederum unbewusst Abstand zu dieser Person halten, weil ihr Körper wie jeder andere auch ununterbrochen flüchtige chemische Verbindungen an die Umgebung abgibt. Diese Informationen über unser Wohlergehen befinden sich in unserem Atem und dünsten aus jeder Pore – und sie variieren je nach Alter, Ernährungsweise und Gesundheitszustand. Wenn Menschen an Krankheiten leiden, ändert sich die Zusammensetzung dieser Verbindungen, und das beeinflusst unseren Körpergeruch.
Ganz und gar nicht unbewusst war die Nasendiagnose in früheren Jahrhunderten. Während moderne Ärzte heute kaum mehr auf ihre Nase vertrauen – ja oftmals nicht mal mehr auf ihre Hände, sondern vor allem auf ihre technischen Assistenten –, galten Gerüche in früheren Jahrhunderten als wichtige Hinweisgeber. Eine Vielzahl von Stoffwechselstörungen sind tatsächlich über einen typischen Körpergeruch erkennbar – zum Beispiel Azeton bei Diabetes mellitus. Neben Stoffwechselstörungen kann ein auffälliger Körpergeruch auch nach Vergiftungen, bei dermatologischen Erkrankungen sowie bei Drüsen-Funktionsstörungen beobachtet werden.
Heute noch wird die geruchliche und geschmackliche Prüfung von Arzneistoffen durch Pharmazeuten und Apotheker als organoleptische Prüfung im Deutschen Arzneibuch zur Identitäts- und Reinheitsprüfung empfohlen. In der modernen Medizin wird mancherorts bedauert, dass die Geruchsdiagnosen weitestgehend verloren gegangen sind. Was Gerüche als Therapien bei schweren Erkrankungen betrifft, können wir diesbezüglich allerdings froh sein. Zur Bekämpfung von Epidemien, insbesondere der Pest, wurde jahrhundertelang die Aromatisierung der »verdorbenen« Luft als erstes therapeutisches Mittel eingesetzt.