Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Serie: Anita Blake – Vampire Hunter
  3. Über diesen Band
  4. Über die Autorin
  5. Triggerwarnung
  6. Titel
  7. Impressum
  8. Widmung
  9. Danksagung
  10.   1
  11.   2
  12.   3
  13.   4
  14.   5
  15.   6
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  52. 43
  53. 44
  54. 45
  55. 46
  56. Im nächsten Band

Über die Serie: Anita Blake – Vampire Hunter

Härter, schärfer und gefährlicher als Buffy, die Vampirjägerin – Lesen auf eigene Gefahr!

Vampire, Werwölfe und andere Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten leben als anerkannte, legale Bürger in den USA und haben die gleichen Rechte wie Menschen. In dieser Parallelwelt arbeitet die junge Anita Blake als Animator, Totenbeschwörerin, in St. Louis: Sie erweckt Tote zum Leben, sei es für Gerichtsbefragungen oder trauernde Angehörige. Nebenbei ist sie lizensierte Vampirhenkerin und Beraterin der Polizei in übernatürlichen Kriminalfällen. Die knallharte Arbeit, ihr Sarkasmus und ihre Kaltschnäuzigkeit haben ihr den Spitznamen »Scharfrichterin« eingebracht. Auf der Jagd nach Kriminellen lernt die toughe Anita nicht nur, ihre paranormalen Fähigkeiten auszubauen – durch ihre Arbeit kommt sie den Untoten auch oftmals näher als geplant. Viel näher. Hautnah …

Bei der »Anita Blake«-Reihe handelt es sich um einen gekonnten Mix aus Krimi mit heißer Shapeshifter-Romance, gepaart mit übernatürlichen, mythologischen Elementen sowie Horror und Mystery. Eine einzigartige Mischung in einer alternativen Welt, ähnlich den USA der Gegenwart – dem »Anitaverse«.

Paranormale Wesen in dieser Reihe sind u.a. Vampire, Zombies, Geister und diverse Gestaltwandler (Werwölfe, Werleoparden, Werlöwen, Wertiger, …).

Die Serie besteht aus folgenden Bänden:

Bittersüße Tode

Blutroter Mond

Zirkus der Verdammten

Gierige Schatten

Bleiche Stille

Tanz der Toten

Dunkle Glut

Ruf des Blutes

Göttin der Dunkelheit (Band 1 von 2)

Herrscher der Finsternis (Band 2 von 2)

Jägerin des Zwielichts (Band 1 von 2)

Nacht der Schatten (Band 2 von 2)

Finsteres Verlangen

Schwarze Träume (Band 1 von 2)

Blinder Hunger (Band 2 von 2)

Über diesen Band

Anita Blake hatte sich entschieden – gegen ihren Verlobten Richard, Anführer der Werwölfe von St. Louis, und für Jean-Claude, den Meistervampir der Stadt. Doch als Richard wegen eines schrecklichen Verbrechens mitten in der Provinz im Gefängnis landet, eilt Anita ihm sofort zu Hilfe. Die Zeit ist knapp, denn bald wird die Nacht des Blauen Mondes anbrechen, und kein Werwolf kann sich dann der Verwandlung entziehen. Und wenn Richards Geheimnis ans Licht käme, würde er alles verlieren. Doch als Anita in Tennessee ankommt, stellt sie schnell fest, dass sich ihr nicht nur Richter und Anwälte in den Weg stellen …

Erlebe (über-)sinnliche Abenteuer mit eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Laurell K. Hamilton (*1963 in Arkansas, USA) hat sich mit ihren paranormalen Romanserien um starke Frauenfiguren weltweit eine große Fangemeinde erschrieben, besonders mit ihrer Reihe um die toughe Vampirjägerin Anita Blake. In den USA sind die Anita-Blake-Romane stets auf den obersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden, die weltweite Gesamtauflage liegt im Millionenbereich.

Die New-York-Times-Bestsellerautorin lebt mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter in St. Louis, dem Schauplatz ihrer Romane.

Website der Autorin: https://www.laurellkhamilton.com/.

Triggerwarnung

Die Bücher der »Anita Blake – Vampire Hunter«-Serie enthalten neben expliziten Szenen und derber Wortwahl potentiell triggernde und für manche Leserinnen und Leser verstörende Elemente. Es handelt sich dabei unter anderem um:

brutale und blutige Verbrechen, körperliche und psychische Gewalt und Folter, Missbrauch und Vergewaltigung, BDSM sowie extreme sexuelle Praktiken.

Laurell K. Hamilton

ANITA BLAKE

Ruf des Blutes

Aus dem amerikanischen Englisch
von Angela Koonen

beHEARTBEAT

 

Dieses Buch widme ich Shawn Holsapple,
Schwager, Polizeibeamter und
Seelenverwandter

Danksagung

Danken möchte ich meinem Mann Gary, der mich das erste Mal in die Berge von Tennessee brachte, meiner Schreibgruppe, den Alternate Historians: Tom Drennan, N. L. Drew, Deborah Millitello, Rett MacPherson, Marella Sands, Sharon Shinn, Mark Sumner und unserem neuesten Mitglied, W. Agustus Elliot, der ein paar Monate zu spät zu uns kam, um dieses Buch noch kritisieren zu können. Ein Lob an die beste Schreibgruppe, zu der ich je gehört habe!

Wer mich online erreichen möchte, kann dies über folgende E-Mail-Adresse: Laurell_Hamilton@bigfoot.com.

1

Ich träumte von kühler Haut und blutroten Laken. Das Telefon sprengte den Traum, es blieben nur Splitter: ein Blick mitternachtsblauer Augen, Hände, die sanft an mir hinabglitten, seine Haare, die in einer feinen Duftwolke über mein Gesicht strichen. Ich erwachte in meinem Haus, Meilen von Jean-Claude entfernt, mit dem Gefühl seines Körpers auf meiner Haut. Ich fummelte den Apparat vom Nachttisch und nuschelte: »Hallo.«

»Anita, bist du’s?« Es war Daniel Zeeman, Richards kleiner Bruder. Daniel war vierundzwanzig und süß wie ein Babypopo. »Baby« reichte irgendwie nicht mal. Richard war mein Verlobter gewesen – bis ich bei Jean-Claude schwach geworden bin. Dass ich mit Jean-Claude geschlafen habe, hat unseren Beziehungsplänen einen echten Dämpfer verpasst. Nicht dass ich Richard die Schuld dafür gab. Nein, ich gab mir selbst die Schuld. Das gehört zu den wenigen Dingen, die er und ich immer noch gemeinsam haben.

Ich blinzelte zur Leuchtanzeige meiner Nachttischuhr. Drei Uhr früh. »Daniel, was ist los?« Um die Zeit rief niemand an, der eine gute Nachricht loswerden wollte.

Er holte tief Luft, um sich auf seinen Text vorzubereiten. »Richard ist verhaftet worden.«

Ich setzte mich auf, die Decke rutschte mir in den Schoß. »Was hast du gesagt?« Ich war hellwach, mein Herz wummerte.

»Richard ist verhaftet worden«, sagte er.

Ich ließ es ihn nicht noch einmal wiederholen, obwohl mir die Frage auf der Zunge lag. »Weshalb?«, fragte ich.

»Versuchte Vergewaltigung.«

»Was?«

Daniel wiederholte es. Ich begriff so wenig wie beim ersten Mal. »Richard mit seinem Pfadfinderherzen«, sagte ich. »Einen Mord würde ich ihm vielleicht noch zutrauen, aber doch keine Vergewaltigung.«

»Das soll wahrscheinlich ein Kompliment sein«, antwortete er.

»Du weißt, was ich meine, Daniel. Richard würde so etwas nicht tun.«

»Das stimmt.«

»Ist er in St. Louis?«, fragte ich.

»Nein, er ist noch in Tennessee. Er hat seine Prüfungen zum Masters abgelegt und wurde gestern Abend verhaftet.«

»Erzähl mir, was passiert ist.«

»Ich weiß es nicht genau«, sagte Daniel.

»Was soll das heißen?«

»Sie lassen mich nicht zu ihm«, erklärte er.

»Warum nicht?«

»Mom ist zu ihm rein, aber wir durften nicht alle mit.«

»Hat er einen Anwalt?«, fragte ich.

»Er sagt, er braucht keinen. Er sagt, er hat’s nicht getan.«

»Die Gefängnisse sind voll von Leuten, die es nicht getan haben, Daniel. Er braucht einen Anwalt. Sein Wort steht gegen das der Frau. Wenn sie eine Einheimische ist, steckt er in Schwierigkeiten.«

»So ist es«, sagte Daniel.

»Scheiße.«

»Es gibt noch mehr schlechte Nachrichten.«

Ich warf die Bettdecke zurück, klemmte mir das Telefon ans Ohr und stand auf. »Lass hören.«

»Wir haben bald Vollmond«, sagte er sehr leise. Das hörte sich seltsam an, aber ich verstand ihn trotzdem.

Richard war ein Alphawerwolf. Er war der Anführer des Rudels von St. Louis. Das war sein einziger ernsthafter Fehler. Wir hatten uns getrennt, nachdem ich einmal mitansehen musste, wie er jemanden auffraß. Danach flüchtete ich in Jean-Claudes Arme. Ich war vom Werwolf auf den Vampir gekommen. Jean-Claude war der Meistervampir der Stadt. Er war ganz bestimmt nicht der Menschlichere von den beiden. Ich weiß, der Unterschied zwischen einem Blutsauger und einem Fleischfresser ist verschwindend gering, aber Jean-Claude hatte wenigstens keine Fleischfasern zwischen den Zähnen, wenn er satt war. Für mich reichte das als Kriterium.

Wir hatten August, und der nächste Vollmond war in fünf Tagen. Richards Selbstbeherrschung war hervorragend, aber ich hatte noch von keinem Werwolf gehört, auch von keinem Ulfric, einem Anführer, der seine Verwandlung in einer Vollmondnacht verhindern konnte. Egal, in welches Tier sich ein Lykanthrop verwandelt, dagegen ist er machtlos. Der Mond regiert ihn.

»Wir müssen ihn vorher da rausholen«, sagte Daniel.

»Ja«, stimmte ich ihm zu. Richard hielt sein Lykanthropenleben geheim. Er unterrichtete an der Junior High Biologie. Wenn dort herauskam, dass er ein Werwolf war, dann war er seine Stelle los. Jemanden wegen einer Krankheit zu benachteiligen, verstieß zwar gegen die gesetzlichen Bestimmungen, erst recht, wenn es sich um eine Krankheit handelte, die nicht leicht übertragbar war. Das heißt aber nicht, dass sie es nicht trotzdem taten. Niemand wollte seine Kinder von einem Monster unterrichten lassen. Außerdem gab es in Richards Familie nur einen, der sein Geheimnis kannte, und das war Daniel. Selbst Mutter und Vater Zeeman wussten von nichts.

»Gib mir eine Nummer, unter der ich dich erreichen kann«, bat ich.

Er gab sie mir. »Dann kommst du also?«

»Natürlich.«

Er seufzte. »Danke. Mom macht einen Riesenaufstand, aber es nützt nichts. Wir brauchen jemanden, der weiß, wie so etwas läuft.«

»Ich werde einer Freundin sagen, dass sie dich anrufen und dir einen guten Anwalt nennen soll. Vielleicht habt ihr ihn schon auf Kaution frei, bis ich da bin.«

»Wenn er den Anwalt zu sich lässt«, sagte Daniel.

»Was will er denn damit erreichen?«

»Er meint, es reicht, die Wahrheit auf seiner Seite zu haben.«

Das klang genau nach Richard. Es gab doch mehr als einen Grund für unsere Trennung. Er hielt an Idealen fest, die nicht mal funktioniert hatten, als sie in Mode waren. Wahrheit, Gerechtigkeit und die amerikanische Lebensart kamen in diesem Rechtssystem nicht zum Zuge. Geld, Einfluss und Glück, darauf kam es an. Oder jemanden auf seiner Seite zu haben, der Teil des Systems war.

Ich war Vampirhenker. Ich hatte die Lizenz, Vampire zu stellen und zu töten, wenn ein gerichtliches Todesurteil ergangen war. Meine Lizenz galt in drei Bundesstaaten. Tennessee gehörte nicht dazu. Aber Henker wurden von Polizisten gewöhnlich anders behandelt als normale Bürger. Wir riskierten unser Leben und hatten meistens auch mehr Leute getötet als sie. Klar, diese Leute waren nur Vampire gewesen, und für manche zählte das nicht. Für manche zählten nur Menschen.

»Wann kannst du hier sein?«, fragte Daniel.

»Ich muss hier erst ein paar Dinge klären, aber ich werde kurz vor Mittag bei dir sein.«

»Ich hoffe, du kannst Richard zur Vernunft bringen.«

Ich hatte seine Mutter erlebt – mehr als einmal –, darum sagte ich: »Es wundert mich, dass Charlotte ihm keine Vernunft beibringen kann.«

»Was glaubst du, woher er das mit ›ich habe die Wahrheit auf meiner Seite‹ hat?«, erwiderte Daniel.

»Großartig«, sagte ich. »Ich komme, Daniel.«

»Ich muss jetzt Schluss machen.« Er legte plötzlich auf, als hätte er Angst, erwischt zu werden. Wahrscheinlich war seine Mutter hereingekommen. Die Zeemans hatten vier Söhne und eine Tochter. Sie waren alle um die sechs Fuß groß und über einundzwanzig, und alle hatten sie Angst vor ihrer Mutter. Nicht buchstäblich, aber Charlotte Zeeman hatte in dieser Familie die Hosen an. Ein einziger Familienabend dort genügte, und man wusste Bescheid.

Ich legte auf, machte das Licht an und fing an zu packen. Während ich Sachen in den Koffer warf, kam mir die Frage, wieso ich das eigentlich tat. Ich könnte sagen, weil Richard der dritte in unserem Triumvirat war, das Jean-Claude zwischen uns geschmiedet hatte. Ein Meistervampir, ein Wolfskönig und ein Totenbeschwörer. Der Totenbeschwörer war ich. Wir waren so eng miteinander verbunden, dass wir manchmal unabsichtlich in die Träume der anderen gerieten. Manchmal auch nicht so unabsichtlich.

Aber ich galoppierte nicht zu Richards Rettung an, weil er der Dritte im Bund war. Ich liebte ihn noch, das konnte ich immerhin vor mir selbst zugeben, wenn auch vor keinem anderen. Ich liebte ihn nicht auf dieselbe Art wie Jean-Claude, aber genauso sehr. Er war in Schwierigkeiten, und ich würde ihm helfen, so gut ich konnte. Ganz einfach. Scheißkompliziert. Verdammt schmerzhaft.

Ich überlegte, was Jean-Claude dazu sagen würde, dass ich alles stehen und liegen ließ, um Richard zu helfen. Es spielte eigentlich keine Rolle. Ich würde hinfahren und fertig. Aber ich machte mir doch Gedanken, wie sich mein Liebster dabei fühlte. Sein Herz schlug zwar nicht immer, aber es konnte trotzdem brechen.

Liebe ist wirklich zum Abgewöhnen. Manchmal geht’s einem gut dabei. Manchmal ist es nur eine andere Art draufzugehen.

2

Ich erledigte ein paar Anrufe. Meine Freundin Catherine Maison-Gilette war Anwältin. Sie hatte mir schon mehr als einmal geholfen, wenn ich bei der Polizei wegen einer Leiche aussagen musste, die irgendwie mit auf mein Konto ging. Bisher keine Gefängnisstrafe. Mensch, nicht mal ein Prozess. Wie ich das hinkriegte? Lügen, lügen, lügen.

Bob, Catherines Ehemann, ging beim fünften Klingeln ran. Seine Stimme war so schläfrig, dass er kaum zu verstehen war. Nur an dem tiefen Brummen war zu erkennen, wer von beiden am Apparat war. Sie hatten beide Probleme mit dem Wachwerden.

»Bob, hier ist Anita. Ich muss mit Catherine sprechen. Es ist geschäftlich.«

»Bist du auf einer Polizeiwache?«, fragte er. Bob kannte mich.

»Nein, diesmal brauche ich keinen Anwalt für mich selbst.«

Er stellte keine Fragen. Er sagte nur: »Hier ist sie. Wenn du denkst, ich bin nicht neugierig, dann irrst du dich, aber Catherine wird mir nachher alles erzählen.«

»Danke, Bob«, sagte ich.

»Was ist los, Anita?« Catherines Stimme klang normal. Sie war Strafrechtsanwältin mit einer eigenen Kanzlei. Sie wurde oft mitten in der Nacht angerufen. Sie mochte es nicht, konnte das aber gut verbergen.

Ich teilte ihr die schlechte Neuigkeit mit. Sie kannte Richard. Und sie mochte ihn sehr. Sie verstand überhaupt nicht, warum ich ihn für Jean-Claude hatte sausen lassen. Weil ich ihr von Richards Werwolfdasein nichts sagen durfte, war es irgendwie schwer zu erklären. Mann, selbst dann wäre es schwer zu erklären.

»Carl Belisarius«, sagte sie schließlich. »Er ist einer der besten Strafverteidiger dort. Ich kenne ihn persönlich. Bei seinen Klienten ist er nicht so wählerisch wie ich. Er hat einige, die bekannte Kriminelle sind, aber er ist gut.«

»Kann ich ihn anrufen und auf den Fall ansetzen?«, fragte ich.

»Dafür brauchst du Richards Erlaubnis, Anita.«

»Ich kann Richard erst überreden, sich einen neuen Anwalt zu nehmen, wenn ich vor ihm stehe. Zeit ist immer kostbar bei so einem Fall, Catherine. Kann Belisarius wenigstens die Hebel in Bewegung setzen?«

»Weißt du denn, ob er schon einen Anwalt hat?«

»Daniel hat gesagt, dass er sich weigert, mit seinem Anwalt zu sprechen, also nehme ich es an.«

»Gib mir Daniels Nummer, und ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte sie.

»Danke, Catherine, wirklich.«

Sie seufzte. »Ich weiß, dass du das auch für deine Freunde tun würdest. Du bist eben loyal. Aber bist du sicher, dass du nur freundschaftliche Motive hast?«

»Wie meinst du das?«

»Du liebst ihn noch, stimmt’s?«

»Kein Kommentar.«

Catherine lachte leise. »Kein Kommentar. Du stehst hier nicht unter Verdacht.«

»Sagst du.«

»Schön, ich werde tun, was ich kann. Gib mir Bescheid, wenn du dort angekommen bist.«

»Mach ich«, sagte ich und legte auf. Ich rief meinen Arbeitgeber an. Vampire töten war nur eine Nebenbeschäftigung. Ich arbeitete bei Animators Inc., der ersten Firma des Landes, die Tote erweckte. Wir waren auch die profitabelste. Das lag zum Teil an unserem Boss, Bert Vaughn. Er konnte einen Dollar aufstehen und singen lassen. Es gefiel ihm nicht, dass ich der Polizei bei der Aufklärung übernatürlicher Verbrechen half, weil das mehr und mehr Zeit in Anspruch nahm. Es würde ihm auch nicht gefallen, wenn ich wegen einer Privatangelegenheit auf unbestimmte Zeit die Stadt verließ. Ich war froh, dass es mitten in der Nacht war und er nicht im Büro sein würde, um mich persönlich anzuschreien.

Wenn Bert weiter solchen Druck machte, würde ich kündigen müssen, und das wollte ich nicht. Ich musste Tote erwecken. Das war nicht wie bei einem Muskel, der verkümmert, wenn man ihn nicht benutzt. Es war eine angeborene Eigenschaft. Wenn ich sie nicht einsetzte, würde sie ungebeten von allein hervorbrechen. Im College hatte mal ein Professor Selbstmord begangen. Die Leiche war drei Tage lang nicht gefunden worden, das ist der Zeitraum, den die Seele braucht, um fortzugehen. Dann kam der Tote eines Nachts in mein Zimmer geschlurft. Meine Zimmergenossin ließ sich am nächsten Tag ein anderes Bett zuweisen. Sie hatte keinen Sinn für Abenteuer.

Also weckte ich so oder so Tote auf. Ich hatte gar keine Wahl. Aber aufgrund meines Rufs könnte ich auch auf eigene Rechnung arbeiten. Ich bräuchte dann zwar eine Bürohilfe, aber es würde gehen. Das Problem war, dass ich die Firma nicht verlassen wollte. Einige meiner Kollegen gehörten zu meinen besten Freunden. Außerdem hatte ich in diesem Jahr schon genug Veränderungen hinter mir.

Ich, Anita Blake, Geißel der Untoten – die Frau, die von allen Vampirhenkern des Landes die längste Jagdstrecke aufweisen konnte –, war mit einem Vampir liiert. Romanze mit Ironie.

Es schellte an der Tür. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Das Klingeln an sich war ein normales Geräusch, aber nicht nachts um Viertel vor vier. Ich ließ den halb gepackten Koffer auf dem ungemachten Bett stehen und trat ins Wohnzimmer. Meine weißen Möbel standen auf einem leuchtenden Orientteppich. Auf Sofa und Sessel waren lässig Kissen verteilt, die die schönen Farben aufgriffen. Die Möbel gehörten mir, der Teppich und die Kissen waren ein Geschenk von Jean-Claude. Sein Stilempfinden war schon immer besser als meins. Warum also widersprechen?

Es klingelte noch einmal. Ich hatte keinen Grund, zusammenzuzucken, außer dass der Besucher Sturm klingelte und die Uhrzeit ungewöhnlich war und ich schon wegen der Geschichte mit Richard nervös war. Ich ging mit meiner Lieblingspistole zur Tür, meiner 9mm Browning Hi-Power, entsichert und auf den Boden gerichtet. Ich war fast da, als mir auffiel, dass ich nur ein Nachthemd anhatte. Halbnackt, aber bewaffnet. Ich hatte meine Prioritäten.

So stand ich barfuß auf dem eleganten Teppich und überlegte, ob ich mir einen Bademantel oder eine Jeans überziehen sollte. Irgendetwas. Wenn ich wie immer eines meiner übergroßen T-Shirts angehabt hätte, hätte ich geöffnet. Doch ich trug ein schwarzes Seidenhemdchen mit Spaghettiträgern, das bis knapp an die Knie reichte. Keine Einheitsgröße. Es bedeckte alles Wichtige, war aber nicht gerade besuchstauglich. Zum Teufel damit.

»Wer ist da?«, rief ich. Die Bösen drückten eigentlich eher nicht auf die Klingel.

»Jean-Claude, ma petite.«

Mir blieb der Mund offen stehen. Ich hätte nicht überraschter sein können, wäre es einer von den Bösen gewesen. Was machte er hier?

Ich sicherte die Browning und machte ihm auf. Das Seidenhemd hatte ich von ihm bekommen. Er hatte mich schon in weniger gesehen. Bademantel nicht nötig.

Da stand er vor mir. Als wäre ich ein Zauberkünstler und hätte gerade den Vorhang aufgezogen, um meinen schönen Assistenten vorzustellen. Sein Anblick verschlug mir den Atem.

Sein Hemd hatte einen konservativen Schnitt mit gewöhnlichen Manschetten und Kragen. Letztere glänzten in einem kräftigen Hellrot, der übrige Stoff war blutrot und hauchdünn, sodass man die nackte Haut wie durch einen roten Schleier sah. Die schwarzen Locken fielen ihm über die Schultern und sahen auf diesem Hemd noch dichter und dunkler aus, seine dunkelblauen Augen blauer als sonst. Dieses Rot liebte ich an ihm besonders, und das wusste er. Er hatte sich eine rote Kordel durch die Gürtelschlaufen der schwarzen Jeans gezogen. Die Enden fielen mehrfach geknotet an der Hüfte herab. Die schwarzen Stiefel reichten weit die Oberschenkel hinauf und hüllten seine langen, schlanken Beine von den Zehen bis zu den Leisten in Leder.

Wenn ich nicht in seiner Nähe war, ihn nicht sah und hörte, war es mir manchmal peinlich bis zur Gereiztheit, dass er mein Liebhaber war. Dann konnte ich ihn mir fast ausreden – fast. Aber niemals, wenn er bei mir war. Wenn er vor mir stand, wurden meine Knie weich, und ich musste sehr an mich halten, dass ich nicht Dinge sagte wie »hinreißend«.

Stattdessen sagte ich: »Du siehst sensationell aus, wie immer. Was tust du hier in einer Nacht, von der ich dir gesagt habe, du sollst nicht kommen?« Was ich eigentlich tun wollte, war, mich wie einen Mantel über ihn zu werfen und festgeklammert über die Schwelle tragen zu lassen. Aber das würde ich nicht tun. Es wäre doch etwas würdelos. Außerdem erschreckte es mich, wie sehr ich ihn wollte – und wie oft. Er war wie eine neue Droge. Das hatte nichts mit seinen Vampirkräften zu tun. Es lag an der guten, altmodischen Lust. Aber erschreckend war es trotzdem, und darum hatte ich mir ein paar Schranken gesetzt. Regeln aufgestellt. Meistens befolgte er sie.

Er lächelte, und es war das Lächeln, das ich liebte und fürchtete. Es bedeutete, dass er Schlimmes dachte, Dinge, die zwei oder mehr in einem dunklen Zimmer miteinander tun konnten, wo die Laken nach teurem Parfüm rochen, nach Schweiß und anderen Körperflüssigkeiten. Früher hatte er mich damit nie zum Erröten gebracht, das gelang ihm erst, seit wir miteinander ins Bett gingen. Manchmal brauchte er nur zu lächeln, und die Hitze schoss mir durch den Körper, als wäre ich vierzehn und er mein erster Schwarm. Er fand das charmant. Mich machte es verlegen.

»Du Mistkerl«, sagte ich leise.

Sein Lächeln wurde breiter. »Unser Traum ist unterbrochen worden, ma petite.«

»Wusst ich’s doch, dass das kein Zufall war«, antwortete ich. Es klang feindselig, und ich war hocherfreut. Denn der warme Sommerwind blies mir den Duft seines Rasierwassers über die Haut. Exotisch, ein Hauch von Blumen und Gewürzen. Manchmal sträubte ich mich, die Bettwäsche zu wechseln, um auf seinen Geruch nicht verzichten zu müssen.

»Ich hatte dich gebeten, mein Geschenk zu tragen, damit ich von dir träumen kann. Du wusstest, was ich wollte. Wenn du etwas anderes behauptest, lügst du. Darf ich hereinkommen?«

Ich hatte ihn so oft hereingebeten, dass er meine Schwelle auch ohne Erlaubnis überqueren konnte, aber er machte ein Spiel aus dieser Frage. Und gewann jedes Mal das offene Eingeständnis, dass ich ihn wollte. Das ärgerte und freute mich gleichermaßen, wie so vieles an Jean-Claude.

»Wie immer.«

Er ging an mir vorbei. Seine Stiefel waren an der Rückseite vom Absatz bis zum Saum geschnürt. Die schwarze Jeans saß so eng und glatt, dass man nicht zu raten brauchte, ob er etwas darunter trug.

Er trat ins Zimmer und sagte: »Sei nicht so mürrisch, ma petite. Du besitzt durchaus die Fähigkeit, mich aus deinen Träumen auszusperren.« Jetzt erst drehte er sich um, und in seinen Augen funkelte ein dunkles Licht, das nicht von seinen Vampirkräften kam. »Du hast mich mit mehr als offenen Armen willkommen geheißen.«

In weniger als fünf Minuten wurde ich zum zweiten Mal rot. »Richard ist in Tennessee verhaftet worden«, sagte ich.

»Ich weiß«, antwortete er.

»Das weißt du? Woher?«

»Der dortige Meister hat es mir erzählt. Er hatte große Angst, ich könnte denken, dass er etwas damit zu tun hat. Dass er auf die Weise unser Triumvirat zerstören will.«

»Wenn er das wollte, ginge es um Mord, nicht um versuchte Vergewaltigung«, sagte ich.

»Stimmt«, meinte Jean-Claude, dann lachte er. Das Lachen strich mir über die Haut wie ein Lufthauch. »Wer unseren Richard reingelegt hat, kennt ihn nicht besonders gut. Ich würde ihm einen Mord zutrauen, aber keine Vergewaltigung.«

Das war fast dasselbe, was ich gesagt hatte. Wieso war das so zermürbend? »Wirst du nach Tennessee reisen?«

»Colin, der Meister dort, hat mir verboten, sein Territorium zu betreten. Es wäre also ein aggressiver Akt, wenn ich es täte, wenn nicht sogar eine Kriegserklärung.«

»Warum sollte ihn das stören?«, fragte ich.

»Er fürchtet meine Macht, ma petite. Er fürchtet unsere Macht, weshalb er auch dich zur Persona non grata erklärt hat.«

Ich starrte ihn an. »Das ist ein Witz, oder? Er hat uns beiden verboten, Richard zu Hilfe zu kommen?«

Er nickte.

»Und dann sollen wir glauben, dass er nichts damit zu tun hat?«

»Ich glaube ihm, ma petite.«

»Du konntest durch das Telefon spüren, dass er nicht lügt?«, fragte ich.

»Manche Meistervampire können einen anderen belügen, aber ich glaube nicht, dass er so mächtig ist. Das ist jedoch nicht der Grund, warum ich ihm glaube.«

»Warum dann?«

»Beim letzten Mal, als du mit mir in ein fremdes Gebiet gereist bist, haben wir den Meister getötet.«

»Sie hat versucht, uns umzubringen«, verteidigte ich mich.

»Eigentlich«, korrigierte er, »hat sie uns alle gehen lassen außer dir. Dich wollte sie zum Vampir machen.«

»Wie ich sagte, sie wollte mich umbringen.«

Er lächelte. »Oh, ma petite, du kränkst mich.«

»Lass den Quatsch. Dieser Colin kann nicht im Ernst glauben, dass wir Richard einfach in der Zelle verfaulen lassen.«

»Er hat das Recht, uns die Einreise zu verweigern«, sagte Jean-Claude.

»Weil wir woanders einen Meistervampir auf seinem Territorium getötet haben?«

»Er braucht keine Gründe, ma petite. Er braucht nur nein zu sagen.«

»Wie kriegt ihr Vampire eigentlich überhaupt etwas geregelt?«

»Mit sehr viel Geduld«, antwortete Jean-Claude. »Aber bedenke, dass wir die Zeit haben, geduldig zu sein, ma petite.«

»Tja, ich nicht, und Richard auch nicht.«

»Ihr hättet eine Ewigkeit Zeit, wenn ihr beide das vierte Zeichen akzeptieren würdet«, erwiderte er ruhig, ganz sachlich.

Ich schüttelte den Kopf. »Richard und ich hängen an unserem letzten Rest Menschlichkeit. Außerdem, mein Lieber, würde uns das vierte Zeichen nicht unsterblich machen. Es heißt nur, dass wir leben, solange dich keiner umbringt. Du bist zwar nicht so leicht umzubringen wie wir beide, aber so viel schwerer auch nicht.«

Er setzte sich auf die Couch und schlug die Beine unter. Bei so viel Leder am Bein war das keine bequeme Haltung. Vielleicht waren die Stiefel weicher, als sie aussahen. Vielleicht.

Er stützte die Ellbogen auf die Lehne und beugte sich mit dem Oberkörper darüber. Das dünne rote Hemd war bis oben hin zugeknöpft und überließ doch nichts der Fantasie. Seine Brustwarzen drückten sich dagegen. Unter diesem roten Schleier wirkte seine kreuzförmige Narbe, als wäre sie ganz frisch.

Er stützte sich auf eine Hand wie eine Meerjungfrau auf einen Felsen. Ich wartete, was er Neckendes oder Anzügliches sagen würde. Stattdessen sagte er: »Ich bin extra gekommen, um dir persönlich von Richards Verhaftung zu erzählen.« Er beobachtete mein Gesicht sehr genau. »Ich dachte, es könnte dich aufregen.«

»Natürlich regt es mich auf. Dieser Colin ist doch verrückt, wenn er glaubt, er kann uns davon abhalten, Richard zu helfen.«

Jean-Claude lächelte. »Asher verhandelt bereits mit ihm, damit dir erlaubt wird, die Grenze zu überqueren.«

Asher war Jean-Claudes Stellvertreter, seine rechte Hand. Ich runzelte die Stirn. »Warum mir und nicht dir?«

»Weil du in Polizeidingen viel besser bist als ich.« Er warf ein lederverschnürtes Bein über die Couchlehne. Es erinnerte an den Hüftschwung eines Strippers. Soweit ich wusste, hatte Jean-Claude in seinem Club nie gestrippt. Aber er hatte das Talent, die kleinste Bewegung erotisch und ein bisschen unanständig wirken zu lassen. Man hatte ständig den Eindruck, dass er an schlimme Dinge dachte, an Dinge, die man in Gesellschaft nicht erwähnen konnte.

»Warum hast du mich nicht einfach angerufen und mir alles erzählt?«, fragte ich und kannte die Antwort bereits oder jedenfalls teilweise. Er war von meinem Körper so begeistert wie ich von seinem. Guter Sex ist eine zweischneidige Klinge. Der Verführer kann zum Verführten werden, wenn er an das richtige Opfer gelangt.

Er glitt auf mich zu. »Ich dachte, das sei eine Neuigkeit, die man lieber persönlich überbringt.« Er blieb dicht vor mir stehen, so dicht, dass der Saum meines Nachthemds seine Oberschenkel berührte. Er machte eine winzige Bewegung, und der Saum strich um meine nackten Beine. Die meisten Männer hätten die Hände nehmen müssen, um das zu erreichen. Aber natürlich hatte Jean-Claude vierhundert Jahre Zeit gehabt, um seine Techniken zu perfektionieren. Übung macht den Meister.

»Warum?«, fragte ich ein bisschen hauchig.

Seine Lippen kräuselten sich. »Du weißt, warum.«

»Ich will es hören«, sagte ich.

Bevor er antwortete, setzte er eine schöne, glatte Maske auf, nur in seinen Augen sah man das lodernde Feuer. »Ich konnte dich nicht gehen lassen, ohne dich ein letztes Mal zu berühren. Ich will lasterhafte Dinge mit dir tun, bevor du gehst.«

Ich lachte, aber es klang nervös. Mein Mund war plötzlich trocken. Ich hatte Mühe, nicht auf seine Brust zu starren. Lasterhafte Dinge, das sagte er gern, wenn er Sex meinte. Ich wollte ihn streicheln, aber ich war mir nicht sicher, wo das enden würde. Richard war in Schwierigkeiten. Ich hatte ihn einmal mit Jean-Claude betrogen, ich wollte ihn nicht noch einmal im Stich lassen. »Ich muss packen«, sagte ich, drehte mich abrupt um und ging ins Schlafzimmer.

Er folgte mir.

Ich legte die Pistole auf den Nachttisch neben das Telefon, nahm Socken aus der Schublade und warf sie nacheinander in den Koffer, während ich versuchte, Jean-Claude zu ignorieren. Er war nicht leicht zu ignorieren. Er legte sich neben den Koffer aufs Bett, auf einen Ellbogen gestützt, die langen Beine ausgestreckt. Auf meinem weißen Bettzeug wirkte er schrecklich overdressed. Er beobachtete jede meiner Bewegungen nur mit den Augen. Wie eine Katze: wachsam und vollkommen entspannt.

Ich ging nach nebenan ins Bad, um die Toilettenartikel zu holen. Ich hatte ein kleines Männernecessaire, in dem ich den ganzen Kleinkram aufbewahrte. In letzter Zeit reiste ich immer öfter. Da sollte man sein Zeug beisammenhaben.

Jean-Claude lag inzwischen auf dem Rücken, die langen schwarzen Haare wie in meinen dunklen Träumen auf dem weißen Kissen ausgebreitet. Als ich hereinkam, streckte er mit einem leisen Lächeln die Hand nach mir aus. »Komm zu mir, ma petite.«

Ich schüttelte den Kopf. »Wenn ich das tue, werden wir nur abgelenkt. Ich werde zu Ende packen und mich anziehen. Für anderes haben wir keine Zeit.«

Er kroch über das Bett zu mir herüber, mit einer rollenden Gleitbewegung, als hätte er Muskeln, wo andere Leute keine hatten. »Bin ich so wenig verlockend, ma petite? Oder ist deine Sorge um Richard so überwältigend?«

»Du weißt genau, wie verlockend du bist. Und ich mache mir Sorgen um Richard, ja.«

Er schob sich vom Bett herunter und folgte mir auf Schritt und Tritt. Während ich hin und her eilte, glitt er in eleganter Zeitlupe mit, ohne hinter mir zurückzubleiben. Die gemächliche Jagd eines Raubtiers, das alle Zeit der Welt hat, weil es weiß, dass es am Ende seine Beute fängt.

Als ich das zweite Mal fast mit ihm zusammenstieß, sagte ich: »Was hast du für ein Problem? Hör auf, mir nachzulaufen. Du machst mich nervös.« Die Wahrheit war, dass mir die Haut kribbelte, wenn er mir so nahe kam.

Er setzte sich auf die Bettkante und seufzte. »Ich will nicht, dass du gehst.«

Ich blieb wie angewurzelt stehen, drehte mich um und guckte ihn groß an. »Wieso denn nicht, um Himmels willen?«

»Jahrhunderte lang habe ich davon geträumt, so mächtig zu sein, dass mir nichts mehr passieren kann. So mächtig, dass ich mein Territorium halten und endlich, endlich Frieden haben kann. Und jetzt fürchte ich gerade den Mann, der mir zum Ziel verhelfen kann.«

»Was meinst du damit?« Ich ging zu ihm, einen Haufen T-Shirts und Kleiderbügel in den Armen.

»Richard. Ich fürchte Richard.« Da war ein Ausdruck in seinen Augen, den ich selten gesehen hatte. Er war unsicher. Ein normaler, menschlicher Ausdruck. Das passte überhaupt nicht zu dem Mann in dem durchsichtigen Hemd.

»Warum solltest du Richard fürchten?«, fragte ich.

»Wenn du ihn mehr liebst als mich, wirst du mich vielleicht seinetwegen verlassen.«

»Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Richard hasst mich. Er spricht mehr mit dir als mit mir.«

»Er hasst dich nicht, ma petite. Er hasst, dass du mit mir zusammen bist. Das ist ein großer Unterschied.« Er sah ein wenig düster zu mir hoch.

Ich seufzte. »Bist du eifersüchtig auf Richard?«

Er blickte auf die Spitzen seiner teuren Stiefel. »Ich wäre ein Dummkopf, wenn ich’s nicht wäre.«

Ich drückte den einen Arm um mein Kleiderbündel und strich ihm über die Wange, dann hob ich sein Kinn. »Ich schlafe mit dir, nicht mit ihm, weißt du noch?«

»Ja, und hier bin ich, ma petite, nur für dich verführerisch gekleidet, und du gibst mir nicht einmal einen Kuss.«

Das überraschte mich. Und da glaubte ich schon, ihn zu kennen. »Bist du gekränkt, weil ich dir keinen Begrüßungskuss gegeben habe?«

»Vielleicht«, sagte er sehr leise.

Ich schüttelte den Kopf und warf die Kleider Richtung Koffer. Ich stieß mit den Beinen seine Knie an, bis er mich dazwischen ließ. Ich drängte mich an ihn und legte die Hände auf seine Schultern. Der dünne Hemdstoff fühlte sich rauer an, als er aussah. »Wie kann ein so hinreißender Mann so verunsichert sein?«

Er schlang die Arme um meine Taille und schmiegte sich an mich, während er seine Beine gegen meine drückte. Seine Stiefel waren sehr weich und geschmeidig. Ich war quasi gefangen. Aber ich war eine willige Gefangene, darum war es in Ordnung.

»Ich würde jetzt gern auf die Knie gehen und dir über dein schickes Hemd lecken, nur um herauszufinden, wie viel ich von dir dadurch schmecken kann.« Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Er lachte sanft mit tiefer Stimme. Über meinen ganzen Körper zog eine Gänsehaut. Meine Brustwarzen wurden steif, und andere Dinge auch. Sein Lachen war immer wie eine Berührung, eine zudringliche Berührung. Er konnte allein mit seiner Stimme Dinge tun, die die meisten Männer noch nicht einmal mit zwei Händen zustande brachten. Trotzdem hatte er Angst, dass ich ihn wegen Richard verlassen würde.

Er lehnte den Kopf an meine Brust und umfasste meine Brüste. Dann rieb er die Wange daran, dass die Seide über meine Haut glitt, bis mein Atem schneller ging.

Ich seufzte und beugte mich über ihn, um möglichst viel von ihm zu spüren. »Ich habe nicht vor, dich wegen Richard zu verlassen. Aber er ist in Schwierigkeiten, und das ist wichtiger als Sex.«

Jean-Claude drehte sein Gesicht zu mir, wir hatten uns so eng umschlungen, dass er sich kaum rühren konnte. »Küss mich, ma petite, mehr nicht. Nur ein Kuss, der mir sagt, dass du mich liebst.«

Ich drückte die Lippen auf seine Stirn. »Ich habe dich immer für selbstsicher gehalten.«

»Das bin ich«, sagte er, »bei jedem außer dir.«

Ich löste mich so weit, dass ich sein Gesicht mustern konnte. »Die Liebe sollte dich sicherer machen, nicht unsicherer.«

»Ja«, erwiderte er leise, »das sollte sie. Aber du liebst auch ihn. Du versuchst, ihn nicht zu lieben, und er versucht, dich nicht zu lieben. Aber die Liebe lässt sich nicht so leicht vernichten – oder hervorbringen.«

Ich beugte mich über ihn. Der erste Kuss war nur eine streifende Berührung der Haut. Der zweite Kuss geriet fester. Ich biss ihm leicht in die Oberlippe, und er stieß einen kleinen Laut aus. Er küsste mich zurück, nahm meine Wangen zwischen die Hände und küsste mich, als wollte er mich austrinken und noch den letzten Tropfen eines köstlichen Weins auflecken, zärtlich, gierig, hungrig. Ich ließ mich auf ihn sinken, schob die Hände an ihm entlang, als hungerten sie nach dem Gefühl seiner Haut.

Ich spürte seine Reißzähne an Lippen und Zunge, dann einen raschen, scharfen Schmerz und den süßen Kupfergeschmack von Blut. Er stieß einen wohligen Laut aus und rollte mich herum. Plötzlich lag ich auf dem Bett unter ihm. Seine Augen waren leuchtend blau, die Pupillen in der aufwallenden Begierde verschwunden.

Er wollte mir den Kopf auf die Seite drehen und den Mund auf meinen Hals setzen. Ich stemmte mich dagegen. »Kein Blut, Jean-Claude.«

Er sackte auf mir zusammen und vergrub sein Gesicht in den Falten der Bettdecke. »Bitte, ma petite.«

Ich stieß ihn an die Schulter. »Runter von mir.«

Er rollte sich auf den Rücken und starrte an die Decke, vermied es sorgfältig, mich anzusehen. »Du lässt mich in jede Körperöffnung eindringen, aber das letzte bisschen von dir verweigerst du mir.«

Ich stand vorsichtig vom Bett auf, um zu sehen, ob meine Knie es schaffen würden. »Ich bin kein Futter«, stellte ich klar.

»Es ist so viel mehr als Sättigung, ma petite. Wenn du mir nur erlauben würdest, es dir zu zeigen.«

Ich wandte mich dem Haufen Blusen zu, um sie von den Bügeln zu nehmen und zusammenzufalten. »Kein Blut – so ist es abgemacht.«

Er drehte sich auf die Seite. »Ich biete dir alles an, was ich bin, aber du hältst einen Teil von dir zurück. Wie soll ich da nicht auf Richard eifersüchtig sein?«

»Du bekommst Sex, er nicht mal eine Verabredung.«

»Du gehörst mir, aber nicht vollkommen.«

»Ich bin kein Schoßtier, Jean-Claude. Man kann eine andere Person nicht besitzen.«

»Wenn es dir möglich wäre, Richards Tier zu lieben, würdest du nichts vor ihm zurückhalten. Du würdest dich ihm ganz hingeben.«

Ich faltete die letzte Bluse zusammen. »Verdammt, Jean-Claude, das ist doch lächerlich. Ich habe mich für dich entschieden. Klar? Wir sind zusammen. Warum machst du dir solche Gedanken?«

»Weil du in dem Moment, wo er in Schwierigkeiten steckt, alles stehen und liegen lässt und zu ihm rennst.«

»Für dich würde ich dasselbe tun.«

»Stimmt«, sagte er. »Ich bezweifle nicht, dass du mich auf deine Weise liebst, aber ihn liebst du auch.«

Ich zog den Kofferreißverschluss zu. »Wir werden nicht darüber streiten. Ich schlafe mit dir, aber ich lasse dich nicht an mir saugen, nur damit du dich sicherer fühlst.«

Das Telefon klingelte. Ashers kultivierte Stimme, die Jean-Claudes so ähnlich war. »Anita, wie geht es dir in dieser schönen Sommernacht?«

»Gut, Asher. Was gibt’s?«

»Darf ich Jean-Claude sprechen?«

Ich wollte etwas einwenden, doch Jean-Claude streckte schon die Hand aus. Ich gab ihm den Apparat.

Jean-Claude sprach französisch mit Asher, das hatten sie sich so angewöhnt. Ich freute mich, dass er mit jemandem in seiner Muttersprache reden konnte. Mein Französisch war nicht gut genug, und ich konnte ihrer Unterhaltung nicht folgen. Ich vermutete stark, dass sie mich damit manchmal wie ein Kind behandelten, das für die Gespräche der Erwachsenen noch nicht reif genug ist. Das war unverschämt herablassend, aber sie waren jahrhundertealte Vampire, und manchmal konnten sie eben nicht anders.

»Colin gibt dir die Erlaubnis nicht. Keiner meiner Leute darf sein Gebiet betreten.«

»Kann er das tun?«, fragte ich.

Jean-Claude nickte. »Oui.«

»Ich werde nach Tennessee reisen und Richard helfen. Arrangiere das, Jean-Claude, oder ich reise ohne Arrangement.«

»Auch wenn das einen Krieg bedeutet?«, fragte er.

»Verdammt«, sagte ich. »Ruf den kleinen Scheißkerl an und lass mich mit ihm sprechen.«

Jean-Claude zog die Augenbrauen hoch, nickte aber. Er beendete das Gespräch mit Asher und wählte eine Nummer. »Colin, hier ist Jean-Claude«, sagte er. »Ja, Asher hat mir berichtet, was du entschieden hast. Mein menschlicher Diener, Anita Blake, wünscht mit dir zu sprechen.« Er hörte einen Moment lang zu. »Nein, ich weiß nicht, was sie dir sagen möchte.« Er gab mir das Telefon und lehnte sich ans Kopfende des Bettes, wie um einem spannenden Auftritt zuzusehen.

»Hallo? Colin?«

»Am Apparat.« Er sprach mit dem Akzent des Mittleren Westens, klang also nicht so exotisch wie viele andere seiner Art.

»Ich heiße Anita Blake.«

»Ich weiß, wer Sie sind«, sagte er. »Sie sind der Scharfrichter.«

»Ja, aber ich komme nicht wegen einer Hinrichtung nach Tennessee. Mein Freund ist in Schwierigkeiten. Ich möchte ihm bloß heraushelfen.«

»Er ist der dritte Mann des Triumvirats. Wenn Sie mein Territorium betreten, dann habe ich schon zwei davon auf meinem Land. Sie sind zu mächtig, als dass ich das erlauben könnte.«

»Asher sagt, Sie verweigern auch anderen von uns den Zutritt, ist das wahr?«

»Ja.«

»Aber warum denn?«

»Sogar der Rat fürchtet Jean-Claude. Ich will Sie auf meinem Land nicht haben.«

»Colin, hören Sie, ich will Ihnen gar nichts streitig machen. Ich will Ihr Gebiet überhaupt nicht. Ich habe keinerlei Absichten, die Sie betreffen. Sie sind ein Meistervampir. Sie können spüren, dass ich die Wahrheit sage.«

»Sie meinen, was Sie sagen, aber Sie sind der Diener, Jean-Claude ist der Meister.«

»Verstehen Sie mich nicht falsch, Colin, aber warum sollte Jean-Claude es auf Ihr Land abgesehen haben? Zwischen Ihnen und uns liegen noch drei andere Gebiete. Wenn Jean-Claude Eroberungspläne hätte, würde er ein benachbartes Territorium überfallen.«

»Vielleicht gibt es gerade hier etwas, das er haben möchte«, erwiderte Colin, und ich hörte die Angst in seiner Stimme. Bei einem Meistervampir eine Seltenheit. Gewöhnlich können sie ihre Gefühle besser verbergen.

»Colin, ich schwöre jeden Eid, dass wir nichts von Ihnen wollen. Wir müssen nur Richard aus dem Gefängnis holen. In Ordnung?«

»Nein«, sagte er. »Wenn Sie ohne Erlaubnis hierherkommen, gibt es Krieg zwischen uns, und ich werde Sie töten.«

»Hören Sie, Colin, ich weiß, dass Sie Angst haben.« Mir war sofort klar, dass ich das nicht hätte sagen sollen.

»Woher wissen Sie, was ich fühle?« Seine Angst steigerte sich ein bisschen, doch sein Zorn wuchs schneller. »Ein menschlicher Diener, der die Angst eines Meistervampirs spüren kann – und da wundern Sie sich, warum ich Sie nicht auf mein Gebiet lassen will.«

»Ich kann Ihre Angst nicht spüren, Colin. Sie war Ihnen anzuhören.«

»Lügnerin!«

Meine Anspannung wuchs. Es gehört meist nicht viel dazu, mich sauer zu machen, und er näherte sich meiner Schmerzgrenze. »Wie sollen wir Richard helfen, wenn Sie uns nicht erlauben, jemanden hinzuschicken?« Mein Ton war ganz ruhig, aber in meinem Hals saß ein Kloß, und meine Stimme rutschte ein bisschen tiefer, weil ich mich zwang, nicht zu schreien.

»Was mit Ihrem Dritten geschieht, ist nicht mein Problem. Mein Land und meine Leute zu schützen, das ist mein Problem.«

»Wenn Richard wegen dieser Behinderung etwas zustößt, dann mache ich es zu Ihrem Problem«, erwiderte ich noch immer ganz ruhig.

»Sehen Sie, schon beginnen die Drohungen.«

Die Anspannung in meinen Schultern schoss in meinen Hals und brach sich Bahn. »Jetzt passen Sie mal auf, Sie kleiner Scheißer, ich werde kommen. Ich werde nicht zulassen, dass Richard wegen Ihrer Paranoia was passiert.«

»Dann töten wir Sie«, sagte er.

»Kommen Sie mir nicht in die Quere, Colin, dann lasse ich Sie ebenfalls in Ruhe. Wenn Sie sich mit mir anlegen, werde ich Sie vernichten, ist das klar? Krieg gibt es nur, wenn Sie ihn anfangen, aber wenn Sie das tun, werde ich ihn bei Gott zu Ende bringen.«

Jean-Claude verlangte verzweifelt nach dem Apparat. Es gab ein kurzes Gerangel, während ich Colin als antiquierten Intriganten und Schlimmeres bezeichnete.

Jean-Claude sprach seine Entschuldigung in die tote Leitung. Er legte auf und sah mich an. Sein Blick war beredt. »Ich würde sagen, ich bin sprachlos, ma petite, oder dass ich nicht glauben kann, was du soeben getan hast, aber ich glaube es. Die Frage ist: Begreifst du, was du da getan hast?«

»Ich werde Richard rausholen. Ich kann Colin aus dem Weg gehen oder über ihn hinwegsteigen. Es liegt ganz bei ihm.«

Jean-Claude seufzte. »Er hat Recht, wenn er das als Kriegserklärung ansieht. Aber Colin ist sehr vorsichtig. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wartet er ab, ob du mit Feindseligkeiten anfängst, oder er macht den Versuch, dich zu töten, sobald du einen Fuß auf sein Territorium setzt.«

Ich schüttelte den Kopf. »Was hätte ich denn tun sollen?«

»Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Was geschehen ist, ist geschehen, aber es ändert die Reiseumstände. Du kannst mein Flugzeug nehmen, aber du wirst Begleitung haben.«

»Du kommst mit?«, fragte ich.

»Nein. Dann wäre Colin sicher, dass wir seinetwegen kommen. Nein, ich bleibe hier, aber du reist mit einer Entourage von Leibwächtern.«

»Moment mal«, setzte ich an.

Er hob die Hand. »Nein, ma petite. Du bist sehr grob gewesen. Bedenke, wenn du stirbst, dann vielleicht auch Richard und ich. Unsere Verbindung gibt uns Macht, aber das hat seinen Preis. Du riskierst mehr als nur dein eigenes Leben.«

Das brachte mich ins Stocken. »Daran habe ich nicht gedacht«, sagte ich.

»Du wirst eine Entourage benötigen, die meinem menschlichen Diener angemessen und die stark genug ist, um sich nötigenfalls gegen Colins Leute zu behaupten.«

»Was hast du vor?«, fragte ich misstrauisch.

»Überlass das mir.«

»Ganz bestimmt nicht«, widersprach ich.

Er stand auf, und sein Zorn fegte durch das Zimmer wie ein sengender Wind. »Du hast dich selbst, mich und Richard in Gefahr gebracht. Alles was wir haben oder für uns erhoffen, hast du mit deiner Wut aufs Spiel gesetzt.«

»Am Ende wäre es doch zu einem Ultimatum gekommen, Jean-Claude. Ich kenne die Vampire. Du hättest argumentiert, um ein, zwei Tage herauszuschlagen, aber am Ende wäre es auf dasselbe hinausgelaufen.«

»Bist du da so sicher?«

»Ja. Ich konnte ihm anhören, wie sehr er dich fürchtet. Er macht sich vor Angst in die Hosen. Er hätte in keinem Fall zugestimmt, dass wir kommen.«

»Er fürchtet nicht nur mich, ma petite. Du bist der Scharfrichter. Den jungen Vampiren droht man, wenn sie Dummheiten machen, dass du kommst und sie in ihrem Sarg erschlägst.«

»Das hast du dir ausgedacht«, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, ma petite, du bist bei uns der Buhmann.«

»Wenn ich Colin begegne, werde ich versuchen, ihm nicht noch mehr Angst zu machen.«

»Du wirst ihm begegnen, ma petite, so oder so. Entweder arrangiert er ein Treffen, wenn er sieht, dass du ihm nichts Böses willst, oder er ist dabei, wenn sie dich angreifen.«

»Wir müssen Richard vor der Vollmondnacht freibekommen. Uns bleiben nur fünf Tage. Wir haben nicht die Zeit, um die Sache langsam anzugehen.«

»Wen willst du damit überzeugen, ma petite, mich oder dich?«

Ich hatte die Beherrschung verloren. Das war dumm gewesen. Unentschuldbar. Ich konnte leicht aufbrausen, aber gewöhnlich hatte ich mich besser im Griff. »Es tut mir leid«, murmelte ich zerknirscht.

Jean-Claude schnaubte höchst unelegant. »Jetzt tut es ihr leid.« Er wählte eine Nummer. »Ich sage Asher und den anderen, sie sollen packen.«

»Asher?«, sagte ich. »Den nehme ich nicht mit.«

»Oh doch.«

Ich öffnete den Mund, um zu protestieren. Er zeigte mit einem langen, bleichen Finger auf mich. »Ich kenne Colin und seine Leute. Du brauchst Begleiter, die beeindruckend, aber nicht allzu Furcht erregend und trotzdem imstande sind, dich und sich zu verteidigen. Ich entscheide, wer mitgeht und wer hier bleibt.«

»Das ist unfair.«

»Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Fairness, ma petite. Dein kostbarer Richard sitzt hinter Gittern, und die Vollmondnacht naht.« Er ließ seine Hände in den Schoß fallen. »Wenn du welche von deinen Werleoparden mitnehmen willst, gerne. Asher und Damian müssen unterwegs satt werden können. Sie dürfen auf Colins Territorium nicht jagen. Das wäre ein feindlicher Übergriff.«

»Du willst, dass ich ein paar Werleoparden als wandelnden Proviant mitnehme?«

»Ich werde auch ein paar Werwölfe stellen«, sagte er.

»Dann musst du mir die Verantwortung für sie geben. Ich bin ihre Lupa.« Als ich noch mit Richard ging, machte er mich zur Lupa. Die Lupa des Rudels war oft nicht mehr als die Freundin des Leitwolfs, aber bisher war sie immer ein Werwolf und kein Mensch gewesen. An die Werleoparden war ich durch einen Fehler gekommen. Ich hatte ihren Anführer getötet und stellte dann fest, dass sie ständig irgendwelchen Angriffen ausgesetzt waren. Schwache Gestaltwandler ohne einen Anführer, der sie beschützt, enden als Fressen für andere. Ich war gewissermaßen schuld an ihrer Lage, darum gab ich ihnen Schutz. Da ich kein Werleopard war, konnte ich den Schutz nur mit einer Drohung erreichen, nämlich dass ich jeden töten würde, der ihnen etwas tat. Die übrigen Monster müssen es mir geglaubt haben, denn ab da ließen sie die Werleoparden in Ruhe. Wenn man genug Silbermunition verschossen hat, bekommt man einen gewissen Ruf.