Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Serie: Anita Blake – Vampire Hunter
  3. Über diesen Band
  4. Über die Autorin
  5. Triggerwarnung
  6. Titel
  7. Impressum
  8. Widmung
  9. 1
  10. 2
  11. 3
  12. 4
  13. 5
  14. 6
  15. 7
  16. 8
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  29. 21
  30. 22
  31. 23
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  33. 25
  34. 26
  35. 27
  36. 28
  37. 29
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  40. 32
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  45. 37
  46. 38
  47. 39
  48. 40
  49. 41
  50. DANKSAGUNGEN
  51. Im nächsten Band

Über die Serie: Anita Blake – Vampire Hunter

Härter, schärfer und gefährlicher als Buffy, die Vampirjägerin – Lesen auf eigene Gefahr!

Vampire, Werwölfe und andere Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten leben als anerkannte, legale Bürger in den USA und haben die gleichen Rechte wie Menschen. In dieser Parallelwelt arbeitet die junge Anita Blake als Animator, Totenbeschwörerin, in St. Louis: Sie erweckt Tote zum Leben, sei es für Gerichtsbefragungen oder trauernde Angehörige. Nebenbei ist sie lizensierte Vampirhenkerin und Beraterin der Polizei in übernatürlichen Kriminalfällen. Die knallharte Arbeit, ihr Sarkasmus und ihre Kaltschnäuzigkeit haben ihr den Spitznamen »Scharfrichterin« eingebracht. Auf der Jagd nach Kriminellen lernt die toughe Anita nicht nur, ihre paranormalen Fähigkeiten auszubauen – durch ihre Arbeit kommt sie den Untoten auch oftmals näher als geplant. Viel näher. Hautnah …

Bei der »Anita Blake«-Reihe handelt es sich um einen gekonnten Mix aus Krimi mit heißer Shapeshifter-Romance, gepaart mit übernatürlichen, mythologischen Elementen sowie Horror und Mystery. Eine einzigartige Mischung in einer alternativen Welt, ähnlich den USA der Gegenwart – dem »Anitaverse«.

Paranormale Wesen in dieser Reihe sind u. a. Vampire, Zombies, Geister und diverse Gestaltwandler (Werwölfe, Werleoparden, Werlöwen, Wertiger, …).

Die Serie besteht aus folgenden Bänden:

Bittersüße Tode

Blutroter Mond

Zirkus der Verdammten

Gierige Schatten

Bleiche Stille

Tanz der Toten

Dunkle Glut

Ruf des Blutes

Göttin der Dunkelheit (Band 1 von 2)

Herrscher der Finsternis (Band 2 von 2)

Jägerin des Zwielichts (Band 1 von 2)

Nacht der Schatten (Band 2 von 2)

Finsteres Verlangen

Schwarze Träume (Band 1 von 2)

Blinder Hunger (Band 2 von 2)

Über diesen Band

Vampirjägerin Anita Blake steht vor zwei Aufträgen, die selbst sie an ihre Grenzen bringen: Sie soll einen ganzen Friedhof mit zweihundert Jahre alten Gräbern erwecken. Zugleich versucht sie den Mörder von drei Teenagern zu finden. Sie wurden so bestialisch zugerichtet, wie Anita es noch nie gesehen hat – und das will etwas heißen! Auf der Suche nach Antworten steht Anita wieder Jean-Claude zur Seite, der verführerische Meistervampir von St. Louis …

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Über die Autorin

Laurell K. Hamilton (*1963 in Arkansas, USA) hat sich mit ihren paranormalen Romanserien um starke Frauenfiguren weltweit eine große Fangemeinde erschrieben, besonders mit ihrer Reihe um die toughe Vampirjägerin Anita Blake. In den USA sind die Anita-Blake-Romane stets auf den obersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden, die weltweite Gesamtauflage liegt im Millionenbereich.

Die New-York-Times-Bestsellerautorin lebt mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter in St. Louis, dem Schauplatz ihrer Romane.

Website der Autorin: https://www.laurellkhamilton.com/.

Triggerwarnung

Die Bücher der »Anita Blake – Vampire Hunter«-Serie enthalten neben expliziten Szenen und derber Wortwahl potentiell triggernde und für manche Leserinnen und Leser verstörende Elemente. Es handelt sich dabei unter anderem um:

brutale und blutige Verbrechen, körperliche und psychische Gewalt und Folter, Missbrauch und Vergewaltigung, BDSM sowie extreme sexuelle Praktiken.

Laurell K. Hamilton

ANITA BLAKE

Bleiche Stille

Aus dem amerikanischen Englisch von
Angela Koonen

In liebevollem Andenken an meine Mutter
Susie May Gentry Klein
Wäre doch mehr Zeit für uns gewesen.
Du fehlst mir.

1

Es war St. Patrick’s Day, und das einzig Grüne, das ich anhatte, war ein Button, auf dem stand: »Kneif mir in den Po, und du bist Hackfleisch.« Ich war am Abend in grüner Bluse zur Arbeit gekommen, aber die war jetzt voller Blut von einem geköpften Huhn. Larry Kirkland, Zombie-Erwecker in der Ausbildung, hatte den geköpften Vogel losgelassen. Der führte den kleinen kopflosen Hühnertanz auf und bespritzte uns beide mit Blut. Ich konnte das dumme Ding schließlich einfangen, aber die Bluse war ruiniert.

Ich musste nach Hause fahren und mich umziehen. Das Einzige, was nicht gelitten hatte, war die graue Kostümjacke, die im Wagen geblieben war. Die zog ich wieder an, zu schwarzer Bluse, schwarzem Rock, schwarzer Strumpfhose und schwarzen Pumps. Bert, mein Boss, will nicht, dass wir bei der Arbeit Schwarz tragen, aber da ich um sieben im Büro sein musste und nicht einmal Zeit zum Schlafen gehabt hatte, würde er damit leben müssen.

So kauerte ich über meinem Kaffeebecher und trank den Kaffee so schwarz, wie ich ihn eben runterbekam. Es nützte nicht viel. Ich sah auf eine Serie von 8x10 Hochglanznahaufnahmen, die auf meinem Schreibtisch ausgebreitet waren. Auf der ersten war ein Hügel, den man aufgebaggert hatte, vermutlich mit einem Bulldozer. Aus der nackten Erde ragte eine Knochenhand. Auf der nächsten war zu erkennen, dass jemand die Erde sorgfältig weggekratzt hatte, sodass der gesplitterte Sarg und Knochen zu sehen waren. Eine frische Leiche. Der Bulldozer war ein zweites Mal aufgefahren. Er hatte die rote Erde umgepflügt und einen Friedhof gefunden. Überall lagen Knochen wie verstreute Blumen.

Ein Schädel riss die ausgerenkten Kiefer zu einem stummen Schrei auf. Es haftete noch ein Büschel heller Haare daran. Der dunkle fleckige Stoff, der um die Leiche gewickelt war, war der Rest eines Kleides. Ich sah mindestens drei Oberschenkelknochen neben einer oberen Schädelhälfte liegen. Sofern der Tote nicht drei Beine gehabt hatte, blickte man hier auf ein hübsches Durcheinander.

Die Fotos waren in grausamer Weise gelungen. Anhand der Farben war es leicht, eine Leiche von der anderen zu unterscheiden, aber der Hochglanz war ein bisschen zu viel. Es war, als hätte ein Modefotograf fürs Leichenschauhaus geknipst. Sicher gab es in New York eine Galerie, die die verdammten Dinger aufhängen und Käse und Wein anbieten würde, während die Leute herumschlenderten und sagten: Ausdrucksstark, meinen Sie nicht? Wirklich ausdrucksstark.

Ausdrucksstark waren sie, und traurig.

Außer den Fotos lag nichts da. Keine Erklärung. Bert hatte mich gebeten, zu ihm zu kommen, sobald ich sie mir angesehen hatte. Er würde alles erklären. Das glaubte ich ihm. Und der Osterhase ist auch ein guter Freund von mir.

Ich sammelte die Fotos ein, steckte sie in den Umschlag, nahm meinen Kaffeebecher in die andere Hand und ging zur Tür.

Am Empfang war niemand. Craig war schon nach Hause gegangen. Mary, unsere Tagessekretärin, kam nicht vor acht. Blieb eine Zweistundenspanne, in der das Büro vorne nicht besetzt war. Dass Bert mich eigens zu sich bat, obwohl wir allein waren, machte mir reichlich Sorgen. Wozu die Heimlichtuerei?

Berts Tür stand offen. Er saß hinter seinem Schreibtisch, trank Kaffee, schob ein paar Akten hin und her. Er blickte auf, lächelte und winkte mich heran. Das Lächeln beunruhigte mich. Bert war nie freundlich, außer wenn er etwas wollte.

Sein Tausend-Dollar-Anzug umrahmte einen weißen Schlips auf weißem Hemd. Seine grauen Augen funkelten vor guter Laune. Seine Augen haben die Farbe von schmutzigen Fensterscheiben, da ist das Funkeln eine echte Leistung. Sein schneeblondes Haar war frisch geschoren. So kurz, dass man die Kopfhaut sah.

»Nehmen Sie Platz, Anita.«

Ich warf den Umschlag auf seinen Schreibtisch und setzte mich. »Worauf sind Sie aus, Bert?«

Sein Lächeln wurde breiter. Gewöhnlich verschwendete er sein Lächeln nur an Klienten. An mich jedenfalls nicht. »Sie haben sich die Fotos angesehen?«

»Ja, und weiter?«

»Könnten Sie diese Toten erwecken?«

Ich sah ihn stirnrunzelnd an und trank von meinem Kaffee. »Wie alt sind sie?«

»Das konnten Sie anhand der Fotos nicht bestimmen?«

»Beim unmittelbaren Anblick könnte ich das, aber nicht anhand eines Fotos. Beantworten Sie meine Frage.«

»Um die zweihundert Jahre.«

Ich sah ihn an. »Ohne Menschenopfer könnte das kaum ein Animator.«

»Aber Sie könnten es«, sagte er.

»Ja. Ich habe keine Grabsteine gesehen. Haben wir irgendwelche Namen?«

»Wozu?«

Ich schüttelte den Kopf. Seit fünf Jahren war er der Boss, hatte die Firma gegründet, als sie noch zu zweit gewesen waren: er und Manny, und er wusste noch immer rein gar nichts über Totenerweckungen. »Wie können Sie so viele Jahre mit einem Haufen Zombie-Erwecker herumhängen und so wenig davon verstehen, was wir tun?«

Das Lächeln verrutschte ein bisschen, das Strahlen in den Augen verblasste. »Wozu brauchen Sie Namen?«

»Man benutzt den Namen, um den Toten aus dem Grab zu rufen.«

»Ohne den Namen kann man ihn nicht erwecken?«

»Theoretisch nicht«, sagte ich.

»Aber Sie können es trotzdem«, sagte er. Es gefiel mir nicht, wie zuversichtlich er klang.

»Ja, ich kann es. John kann es vermutlich auch.«

Er schüttelte den Kopf. »Sie wollen nicht John.«

Ich leerte meinen Becher. »Wer ist ›sie‹?«

»Beadle, Beadle, Stirling und Lowenstein.«

»Eine Anwaltskanzlei«, sagte ich.

Er nickte.

»Jetzt mal Klartext, Bert. Sagen Sie mir einfach, was da läuft.«

»Beadle, Beadle, Stirling und Lowenstein haben einen Klienten, der in den Bergen bei Branson einen feudalen Urlaubsort bauen will. Einen sehr exklusiven. Wo die reichen Country Stars, die in der Gegend kein Haus besitzen, hinfahren können, um den Menschenscharen zu entkommen. Es geht um Millionen von Dollar.«

»Was hat der alte Friedhof damit zu tun?«

»Um das Land, auf dem sie bauen, haben zwei Familien gestritten. Das Gericht entschied, dass das Land den Kellys gehört, und die haben eine große Summe dafür bekommen. Die Bouviers behaupteten, es sei ihr Land und da gebe es ein Familiengrab, was das beweise. Niemand konnte den Friedhof finden.«

Aha. »Nun hat man ihn gefunden«, sagte ich.

»Man hat einen alten Friedhof gefunden, der aber nicht notwendigerweise das Familiengrab der Bouviers ist.«

»Also wollen sie, dass die Toten erweckt und gefragt werden, wer sie sind?«

»Genau.«

Ich zuckte die Achseln. »Ich kann ein paar Leichen in den Särgen erwecken. Fragen, wie sie heißen. Was geschieht, wenn ihr Nachname Bouvier ist?«

»Dann muss das Land ein zweites Mal gekauft werden. Sie glauben, dass dort einige tote Bouviers liegen. Darum wollen sie, dass sämtliche Leichen erweckt werden.«

Ich zog die Brauen hoch. »Sie scherzen.«

Er schüttelte den Kopf und sah reichlich zufrieden aus. »Können Sie das übernehmen?«

»Ich weiß nicht. Geben Sie mir noch mal die Fotos.« Ich stellte meinen Becher hin und nahm sie. »Bert, da wurde alles verhunzt, was irgend möglich war. Dank der Bulldozer ist es jetzt ein Massengrab. Die Knochen liegen alle durcheinander. Ich habe nur von einem einzigen Fall gelesen, wo jemand einen Toten aus einem Massengrab erweckt hat. Aber der hat einen bestimmten Menschen gerufen. Er hatte den Namen.« Ich schüttelte den Kopf. »Ohne Namen könnte es sich als unmöglich erweisen.«

»Wären Sie bereit, es zu versuchen?«

Ich fächerte die Fotos auf dem Schreibtisch aus und schaute sie an. Eine Schädelhälfte lag offen da wie eine Schüssel. Daneben lagen zwei Fingerknochen, die aus einem Stück vertrocknetem menschlichen Gewebe herausschauten. Knochen, überall Knochen, aber kein Name, der dazu gehörte.

Würde ich das können? Ich wusste es ehrlich nicht. Wollte ich es versuchen? Ja. Das wollte ich.

»Ich wäre bereit, es zu versuchen.«

»Wunderbar.«

»Wenn ich jede Nacht ein paar erwecke, wird es Wochen dauern, sofern es mir überhaupt gelingt. Mit Johns Hilfe würde es schneller gehen.«

»Eine solche Verzögerung kostet Millionen«, sagte Bert.

»Anders geht es nicht.«

»Bei den Davidsons haben Sie das gesamte Familiengrab erweckt, einschließlich des Urgroßvaters. Der war nicht einmal verlangt. Sie können mehr als einen gleichzeitig erwecken.«

Ich schüttelte den Kopf. »Das war eine Ausnahme. Dick aufgetragen. Sie wollten drei Familienmitglieder erweckt haben. Ich dachte, ich könnte es für sie billiger machen, wenn ich alle auf einen Schlag erwecke.«

»Sie haben zehn Familienmitglieder erweckt, Anita. Nur drei waren verlangt.«

»Also?«

»Können Sie also den ganzen Friedhof in einer Nacht erwecken?«

»Sie sind verrückt«, sagte ich.

»Können Sie es?«

Ich öffnete den Mund, um Nein zu sagen, und schloss ihn wieder. Ich hatte schon einmal einen ganzen Friedhof erweckt. Nicht alle Toten waren zweihundert Jahre alt gewesen, dafür einige aber älter, fast dreihundert Jahre. Und ich hatte sie alle erweckt. Allerdings hatte ich damals zwei Menschenopfer zur Verfügung gehabt, um die Macht zu sammeln. Wie es dazu kam, dass ich mit zwei sterbenden Leuten im Kreis der Macht landete, war eine lange Geschichte. Es war Notwehr, aber der Macht ist das egal. Tod ist Tod.

Würde ich das können? »Ich weiß es wirklich nicht, Bert.«

»Das ist kein Nein«, stellte er fest und strahlte einen freudigen Eifer aus.

»Sie müssen Ihnen einen Haufen Geld geboten haben«, sagte ich.

Er lächelte. »Wir bewerben uns um das Projekt.«

»Was tun wir?«

»Das Auftragsangebot ging an uns, an die Resurrection Company in Kalifornien und an die Essential Spark in New Orleans.«

»Sie ziehen Élan Vital dem englischen Namen vor«, sagte ich. Offen gesagt klang das eher nach einem Schönheitssalon als nach einer Animatorenfirma, aber mich fragte ja niemand. »Das heißt? Das niedrigste Angebot bekommt den Zuschlag?«

»So war es gedacht«, sagte Bert.

Er sah entschieden zu selbstzufrieden aus. »Und?«, fragte ich.

»Ich fasse es Ihnen noch einmal zusammen«, sagte er. »Es gibt also drei Animatoren im ganzen Land, die einen so alten Zombie ohne Menschenopfer erwecken können. Sie und John sind zwei davon. Philippa Freestone von Resurrection der dritte.«

»Vermutlich«, sagte ich.

Er nickte. »Gut. Könnte Philippa ihn ohne Namen erwecken?«

»Das weiß ich beim besten Willen nicht. John könnte es vielleicht. Sie möglicherweise auch.«

»Könnte sie oder John einen Toten aus dem Knochendurcheinander erwecken, anstatt aus den Särgen?«

Ich gab mich geschlagen. »Ich weiß es nicht.«

»Hätte einer der beiden die geringste Chance, den ganzen Friedhof zu wecken?« Er sah mich fest an.

»Ihre Freude ist verdächtig groß«, sagte ich.

»Antworten Sie einfach auf die Frage, Anita.«

»Ich weiß, dass John das nicht schaffen würde. Ich glaube, Philippa ist nicht einmal so gut wie John, also, nein, sie könnten es nicht.«

»Ich werde das Angebot heraufsetzen«, sagte Bert.

Ich lachte. »Heraufsetzen?«

»Den Auftrag kann kein anderer erledigen. Keiner außer Ihnen. Die Kanzlei hat getan, als könnten sie das wie irgendein Bauprojekt ausschreiben. Aber es wird keine anderen Angebote geben, nicht wahr?«

»Wahrscheinlich nicht«, sagte ich.

»Dann werde ich sie restlos ausnehmen«, sagte er lächelnd.

»Sie gieriger Mistkerl.« Ich schüttelte den Kopf.

»Sie bekommen doch auch Ihren Anteil.«

»Ich weiß.« Wir sahen einander an. »Wenn ich sie nun nicht alle in einer Nacht erwecken kann, was dann?«

»Dann werden Sie sie zumindest irgendwann alle erweckt haben, nicht wahr?«

»Wahrscheinlich.« Ich stand auf, nahm meinen Kaffeebecher. »Aber ich würde den Scheck nicht vorher ausgeben. Ich werde jetzt gehen und mich schlafen legen.«

»Sie wollen das Angebot heute Morgen. Wenn sie unsere Bedingungen akzeptieren, wird man Sie in einem privaten Hubschrauber hinfliegen.«

»Hubschrauber – Sie wissen, wie sehr ich das Fliegen verabscheue.«

»Für so viel Geld werden Sie fliegen.«

»Großartig.«

»Seien Sie jederzeit startbereit.«

»Treiben Sie’s nicht zu weit, Bert.« An der Tür zögerte ich. »Geben Sie mir Larry mit.«

»Warum? Wenn John es nicht kann, dann Larry ganz bestimmt nicht.«

Ich zuckte die Achseln. »Das vielleicht nicht, aber es gibt Mittel und Wege, während einer Erweckung die Kräfte zu vereinen. Wenn ich es allein nicht schaffe, bekomme ich vielleicht ein bisschen Verstärkung von unserem Lehrling.«

Er überlegte. »Warum dann nicht John? Gemeinsam könnten Sie es schaffen.«

»Nur wenn er mir seine Kraft freiwillig leiht. Glauben Sie, das würde er tun?«

Bert schüttelte den Kopf.

»Werden Sie ihm sagen, dass der Klient ihn nicht haben wollte? Dass Sie ihn vorgeschlagen und die eigens nach mir gefragt haben?«

»Nein«, sagte Bert.

»Darum diese Heimlichkeit. Sie wollen keine Zeugen.«

»Die Zeit ist unser größter Vorteil, Anita.«

»Sicher, Bert, aber Sie wollen Mr John Burke nicht begegnen, wo schon der zweite Klient mich ihm vorgezogen hat.«

Bert schaute auf seine derben Hände, die er auf der Schreibtischplatte gefaltet hatte. Er sah auf, die grauen Augen blickten ernst. »John ist beinahe so gut wie Sie, Anita. Ich möchte ihn nicht verlieren.«

»Sie glauben, er geht, wenn noch ein Klient mich vorzieht?«

»Sein Stolz ist verletzt«, sagte Bert.

»Und davon hat er eine Menge«, sagte ich.

Bert lächelte. »Sticheln macht die Lage nicht besser.«

Ich zuckte die Achseln. Wäre kleinlich gewesen, zu sagen, er habe damit angefangen, aber so war es. John und ich waren ein paar Mal miteinander ausgegangen, doch dann war er nicht mehr damit zurechtgekommen, dass ich sein weibliches Pendant war. Nein. Dass ich sein besseres Pendant war.

»Versuchen Sie, sich zu benehmen, Anita. Larry ist noch nicht so weit. Wir sind auf John angewiesen.«

»Ich benehme mich immer, Bert.«

Er seufzte. »Wenn Sie mir nicht so viel Geld einbrächten, würde ich mir den ganzen Mist nicht gefallen lassen.«

»Dito«, sagte ich.

Damit war unsere Beziehung in etwa zusammengefasst. Die Geschäftswelt von ihrer besten Seite. Wir konnten einander nicht leiden, aber wir konnten miteinander Gewinn machen. Das war freies Unternehmertum.

2

Gegen Mittag rief Bert an und sagte, wir hätten ihn. »Seien Sie um zwei Uhr reisefertig im Büro. Mr Lionel Bayard wird mit Ihnen und Larry fliegen.«

»Wer ist Lionel Bayard?«

»Ein Junior-Partner bei Beadle, Beadle, Stirling und Lowenstein. Er hört sich selbst gern reden. Machen Sie es ihm deswegen nicht schwer.«

»Wer, ich?«

»Anita, verärgern Sie nicht das Personal. Er trägt vielleicht einen Dreitausend-Dollar-Anzug, aber er ist trotzdem nur Personal.«

»Das spare ich mir für einen der Partner auf. Am Wochende kreuzen Beadle, Beadle, Stirling oder Lowenstein bestimmt einmal persönlich auf.«

»Ärgern Sie auch die Bosse nicht«, sagte er.

»Ganz wie Sie wollen.« Ich klang absolut zahm.

»Sie tun ja doch, was Sie wollen, egal, was ich sage, stimmt’s?«

»Mann, Bert, wer sagt denn, dass Sie einem alten Gaul keine neuen Tricks beibringen können?«

»Seien Sie einfach um zwei Uhr hier. Ich habe Larry schon angerufen. Er wird kommen.«

»Ich werde da sein, Bert. Ich muss nur vorher noch etwas erledigen, wenn ich also ein paar Minuten zu spät komme, machen Sie sich keine Sorgen.«

»Kommen Sie nicht zu spät.«

»Bin da, so schnell ich kann.« Ich legte auf, ehe er mit mir streiten konnte.

Ich musste mich duschen, umziehen und zur Seckman Junior High fahren. Richard Zeeman unterrichtete dort Naturwissenschaften. Wir waren für den nächsten Tag verabredet. Er hatte mich einmal gebeten, ihn zu heiraten. Das war gewissermaßen auf Eis gelegt, aber ich schuldete ihm mehr als eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter und den Spruch: Tut mir Leid, Schatz, ich schaffe es nicht, ich muss wegfahren. Das wäre für mich zwar leichter gewesen, aber auch feige.

Ich packte einen Koffer. Für vier Tage genügte das, eventuell auch für mehr. Wenn man Unterwäsche zum Wechseln und Kleider einpackt, die alle zusammenpassen, kann man eine ganze Woche aus einem kleinen Koffer leben.

Ein paar Extras packte ich aber dazu. Die Firestar und das Innenhosenholster. Genug Munition, um ein Schlachtschiff zu versenken, und zwei Messer samt Armscheiden. Ich hatte vier dieser Messer besessen. Alle eigens für die liebe Anita angefertigt. Zwei hatte ich unwiederbringlich verloren. Ich hatte schon zwei neue in Auftrag gegeben, aber Handarbeit braucht ihre Zeit, besonders wenn man für die Klinge auf höchstmöglichem Silberanteil besteht. Zwei Messer, zwei Pistolen sollten für ein Geschäftswochenende genügen. Die Browning Hi-Power wollte ich am Körper tragen.

Das Packen war nicht weiter schwierig. Was ich heute anziehen sollte, war das Problem. Sie wollten, dass ich, wenn möglich, die Erweckung noch am selben Abend vornahm. Himmel, der Hubschrauber würde vielleicht sofort zu der Baustelle fliegen. Was bedeutete, dass ich über nackten Erdboden, Gebeine und zerdrückte Särge zu laufen hatte. Das klang nicht gerade nach einem idealen Untergrund für Stöckelschuhe. Andererseits, wenn ein Junior-Partner einen Dreitausend-Dollar-Anzug trug, würden die Leute, die mich soeben engagiert hatten, von mir erwarten, dass ich auch so aussah. Ich konnte mich entweder geschäftlich kleiden oder in Blut und Federn gehen. Tatsächlich hatte ich mal einen Klienten, der enttäuscht war, weil ich nicht nackt und mit Blut beschmiert aufkreuzte. Für seine Enttäuschung konnte es mehr als einen Grund gegeben haben. Ich hatte wohl noch nie einen Klienten, der etwas gegen ein bisschen zeremonielle Aufmachung einzuwenden hatte, aber Jeans und Joggingschuhe schienen kein Vertrauen hervorzurufen. Fragen Sie mich nicht, warum.

Ich konnte meinen Overall einpacken und später überziehen. Ja, das gefiel mir. Veronica Sims – Ronnie, meine beste Freundin – hatte mich überredet, einen modischen dunkelblauen Rock zu kaufen. Er war so kurz, dass er mich ein bisschen verlegen machte, aber er passte gut in den Overall. Er knitterte nicht und raffte sich nicht zusammen, wenn ich ihn am Tatort oder bei Vampirpfählungen anhatte. Zog ich den Overall aus, war ich büro- oder ausgehtauglich gekleidet. Darüber war ich so erfreut, dass ich hinging und mir zwei weitere in einer anderen Farbe kaufte.

Einer war karmesinrot, der andere violett. Es war mir noch nicht gelungen, einen in Schwarz zu finden. Zumindest keinen, der nicht so kurz war, dass ich mich weigerte, ihn anzuziehen. Zugegeben, in kurzen Röcken sah ich größer aus. Sogar langbeinig. Das will was heißen, wenn man nur eins einundsechzig groß ist. Aber zu dem violetten hatte ich nur wenige passende Sachen, also blieb noch der rote.

Ich hatte eine kurzärmlige Bluse in demselben Farbton, einem Rot mit einem Stich ins Violette, eine kalte, harte Farbe, die großartig zu meiner blassen Haut, den schwarzen Haaren und den dunkelbraunen Augen passte. Das Schulterholster und die 9mm Browning Hi-Power sahen darauf sehr dramatisch aus. Ein eng geschnallter schwarzer Gürtel in der Taille hielt die Schlaufen am Holster unten. Um das alles zu verbergen, zog ich eine schwarze Jacke mit umgeschlagenen Ärmeln darüber. Ich drehte mich vor dem Spiegel im Schlafzimmer nach allen Seiten. Der Rock war nicht viel länger als die Jacke, aber man konnte die Pistole nicht sehen. Wenigstens nicht so leicht. Wenn man nicht geneigt ist, sich die Sachen maßschneidern zu lassen, ist es schwierig, eine Waffe zu verstecken, besonders wenn man sich fein anzuziehen hat.

Ich legte gerade so viel Make-up auf, dass das Rot mich nicht erschlug. Außerdem würde ich mich für mehrere Tage von Richard verabschieden. Ein bisschen Make-up würde da nicht schaden. Wenn ich Make-up sage, meine ich nicht mehr als Lidschatten, Rouge und Lippenstift.

Außer der Strumpfhose und den hochhackigen schwarzen Pumps, die ich auf jeden Fall hätte tragen müssen, war die Aufmachung bequem. Solange ich daran dachte, mich nicht zu bücken, war ich sicher.

Der einzige Schmuck, den ich anlegte, war das Silberkreuz, das unter der Bluse hing, und die Armbanduhr. Meine feine Ausgeh-Uhr war defekt, und ich hatte es einfach nie geschafft, sie reparieren zu lassen. Das Modell, das ich jetzt trug, war eine Taucheruhr für Herren und wirkte an meinem schmalen Handgelenk deplatziert. Aber, Mann, sie leuchtete im Dunkeln, wenn man auf einen Knopf drückte. Sie gab das Datum samt Wochentag an und hatte sogar Stoppuhrfunktion. Ich hatte noch keine Damenuhr gefunden, die das alles konnte.

Das Laufen mit Ronnie morgen brauchte ich nicht abzusagen. Sie war wegen eines Falles verreist. Ein Privatdetektiv ist immer im Dienst.

Ich lud den Koffer in meinen Jeep und war etwa gegen eins auf dem Weg zu Richards Schule. Ich würde zu spät im Büro ankommen. Na ja. Sie würden entweder auf mich warten oder eben nicht. Es würde mir nicht das Herz brechen, wenn ich den Hubschrauber verpasste. Flugzeuge waren mir schon ein Gräuel, aber ein Hubschrauber … da stand ich Todesängste aus.

Ich hatte erst Angst vor dem Fliegen, seit ich einmal in einem Flugzeug gesessen hatte, das innerhalb von Sekunden ein paar Tausend Meter gefallen war. Die Stewardess klebte mit Kaffee überschüttet an der Decke. Die Leute kreischten und beteten. Die ältere Dame neben mir sprach das Vaterunser auf Deutsch. Ihr liefen vor Angst die Tränen übers Gesicht. Ich bot ihr meine Hand, und sie nahm sie. Ich wusste, ich würde sterben und dass ich nichts dagegen tun konnte. Aber wir würden sterben und uns dabei an der Hand eines Menschen festhalten. Überschwemmt von Tränen und Gebeten. Dann fing sich das Flugzeug wieder, und plötzlich waren wir außer Gefahr. Seitdem habe ich keinem Lufttransport mehr getraut.

In St. Louis gibt es gewöhnlich keinen Frühling. Wir haben den Winter, zwei Tage lang mildes Wetter und dann die Sommerhitze. Dieses Jahr war der Frühling zeitig gekommen und geblieben. Die Luft war angenehm. Der Wind roch nach wachsendem Grünzeug, und der Winter schien ein böser Traum gewesen zu sein. Rechts und links beugten sich die Äste von Judasbäumen über die Straße. Kleine lila Blüten stäubten wie ein köstlicher Lavendelschleier hier und da durch die nackten Bäume. Es waren noch keine Blätter da, aber ein Hauch von Grün. Als hätte jemand einen großen Pinsel genommen und alles eingefärbt. Sah man direkt hin, waren die Zweige kahl und schwarz, aber wenn man ein wenig von der Seite und nicht einen bestimmten Baum, sondern alle zugleich ansah, war da dieser Hauch Grün.

Die 270 Richtung Süden ist so erfreulich wie jeder Highway. Sie bringt einen schnell ans Ziel, und schon hat man sie hinter sich. An der Tesson Ferry Road fuhr ich raus. An dieser Straße gibt es ein Striplokal nach dem anderen, ein Krankenhaus und Schnellrestaurants, und wenn man die Geschäfte hinter sich lässt, trifft man auf neu gebaute Häuser, die so nah beieinander stehen, dass sie sich fast berühren. Zwar gibt es noch Bäume und freie Flächen, aber die werden bald verschwinden.

Die Abzweigung zur Old 21 befindet sich auf einer Hügelkuppe gleich hinter dem Meramec. Da stehen hauptsächlich Häuser und ein paar Tankstellen, das Bezirksamt für Wasserwirtschaft und auf der rechten Seite ein Erdgasfeld. Und endlose Hügel.

An der ersten Ampel bog ich an einem kleinen Einkaufszentrum vorbei links ein. Die Straße ist eng und kurvig und schlängelt sich zwischen Häusern und Gehölzen durch. In den Gärten sah ich ab und zu Narzissen leuchten. Die Straße taucht in ein Tal hinunter, und am Fuß eines steilen Hügels steht ein Stoppschild. Dann steigt sie eilig auf einen Hügelkamm zu einer T-Kreuzung, dort biegt man links ab und ist fast am Ziel.

Die einstöckige Schule steht unten in einem breiten, flachen Tal, das von Hügeln umgeben ist. Da ich auf den Äckern von Indiana aufgewachsen bin, hätte ich sie einst als Berge bezeichnet. Die Grundschule steht für sich allein, aber nah genug, um den Schulhof teilen zu müssen. Sofern es in der Junior High Pausen gab. Als ich noch zu klein war, um auf die Junior High zu gehen, schien es, als hätte man Pausen. Als ich endlich hinging, gab es keine. Das ist der Lauf der Welt.

Ich parkte so nah beim Gebäude, wie es ging. Das war mein zweiter Besuch in Richards Schule und der erste während der Unterrichtszeit. Wir waren einmal zusammen hingefahren, um Unterlagen zu holen, die er vergessen hatte. Damals waren keine Schüler da gewesen. Ich ging durch den Haupteingang und rannte ins Gedränge. Offenbar war gerade Unterrichtswechsel, denn alle waren auf dem Weg in den nächsten Klassenraum.

Mir war sofort bewusst, dass ich gerade mal so groß war wie alle anderen. Es hatte etwas Klaustrophobisches, dieses Gedränge von Bücher schleppenden Rucksackträgern. Es musste einen Höllenkreis geben, wo man ewig vierzehn war und ewig zur Junior High ging. Einer der unteren Kreise.

Ich trieb mit dem Gedränge bis zu Richards Klassenraum. Ich gebe zu, es tröstete mich, dass ich besser angezogen war als die Mädchen. Höllisch kleinlich, aber zu meiner Junior High-Zeit war ich stämmig gewesen. Es ist kein großer Unterschied mehr zwischen stämmig und dick, wenn man gehänselt wird. Dann hatte ich meinen Wachstumsschub und war nie wieder dick. Es ist wahr: Ich war damals kleiner. Jahrelang das kleinste Kind an der Schule.

Ich stellte mich seitlich an die Tür, sodass die Schüler an mir vorbeikonnten. Richard zeigte einem Mädchen etwas in einem Lehrbuch. Sie war blond, trug ein Flanellhemd über einem schwarzen Kleid, das ihr drei Nummern zu groß war. Dazu hatte sie so etwas wie schwarze Springerstiefel an, wobei die dicken weißen Socken über den Rand gerollt waren. Die Aufmachung war das Allerneuste. Der bewundernde Blick nicht. Sie strahlte vor Eifer, weil Mr Zeeman ihr seine persönliche Hilfe gewährte.

Ich musste zugeben, dass man sich in Richard leicht verknallen konnte. Sein dickes braunes Haar war zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden, weshalb man zunächst meinte, er trüge es ganz kurz geschnitten. Er hat hohe, ausgeprägte Wangenknochen und ein kräftiges Kinn mit einem Grübchen, das sein Gesicht weicher macht und ihn beinahe zu perfekt aussehen lässt. Seine Augen haben ein tiefes Schokoladenbraun und die dichten Wimpern, die viele Männer haben und Frauen haben möchten. In dem leuchtend gelben Hemd sah seine stets gebräunte Haut noch brauner aus. Seine Krawatte war passend zu den Hosen kräftig dunkelgrün. Das Jackett hatte er hinter dem Pult über die Stuhllehne gehängt. Während er das Buch hielt, malten sich die Oberarmmuskeln unter dem Hemdsärmel ab.

Die Klasse war fast vollzählig, auf dem Flur war es still. Er klappte das Buch zu und gab es dem Mädchen. Sie lächelte und hastete zur Tür, war spät dran für den nächsten Unterricht. Im Vorbeigehen streifte sie mich mit einem Blick, wunderte sich, was ich hier tat.

Da war sie nicht die Einzige. Etliche Schüler in der Klasse sahen zu mir. Ich betrat das Klassenzimmer.

Richard lächelte. Das wärmte mich bis in die Zehenspitzen. Das Lächeln rettete ihn davor, zu gut auszusehen. Nicht dass es kein großartiges Lächeln war. Er hätte für Zahnpasta werben können. Doch es gehörte einem kleinen Jungen, war offen und herzlich. Richard hatte keine Falschheit an sich, da lauerte kein finsterer Gedanke. Er war der beste Pfadfinder der Welt. Sein Lächeln bewies das.

Ich wollte zu ihm hingehen, mich umarmen lassen. Ich hatte den schrecklichen Drang, ihn an der Krawatte aus dem Klassenraum zu ziehen. Ich wollte unter das gelbe Hemd greifen und seine Brust spüren. Der Drang war so stark, dass ich die Hände in die Jackentaschen schob. Brauchte ja die Schüler nicht zu schockieren. Ab und zu hat Richard diese Wirkung auf mich. Na gut, meistens, wenn er nicht gerade im Pelz ist oder sich das Blut von den Fingern leckt. Er ist ein Werwolf. Habe ich das schon erwähnt? Niemand an der Schule weiß das. Wenn sie es wüssten, wäre er die Stelle los. Die Leute mögen es nicht, wenn ihre kostbaren Kleinen von Lykanthropen unterrichtet werden. Es ist zwar illegal, jemanden wegen einer Krankheit zu benachteiligen, aber alle tun es. Warum sollte es im Bildungsbereich anders zugehen?

Er streichelte meine Wange, nur mit den Fingerspitzen. Ich schmiegte das Gesicht in seine Hand, streifte mit den Lippen seine Finger. So viel zu meiner Beherrschung vor den Kindern. Es gab ein paar Ohs und nervöses Gekicher.

»Ich bin gleich wieder da, Kinder.« Es gab noch mehr Ohs und lautes Gelächter und ein »Super, Mr Zeeman«. Richard schob mich aus der Tür, und ich ging mit den Händen in den Taschen. Normalerweise hätte ich gesagt, ich würde mich nicht vor einem Haufen Achtklässler kompromittieren, aber letztlich war mir nicht ganz zu trauen.

Richard ging mit mir ein Stück von der Klasse weg den verwaisten Flur entlang. Er lehnte sich gegen eine Spindwand und sah auf mich runter. Das Kleine-Jungen-Lächeln war verschwunden. Der Ausdruck in seinen dunklen Augen brachte mich zum Schaudern. Ich fuhr mit der Hand die Krawatte entlang, strich sie auf seiner Brust glatt.

»Darf ich dich küssen, oder würde das die Kinder schockieren?« Ich sah ihn bei der Frage nicht an. Ich wollte nicht, dass er das nackte Verlangen in meinen Augen las. Es war peinlich genug zu wissen, dass er es spürte. Vor einem Werwolf kann man sein Verlangen nicht verbergen. Sie können es wittern.

»Ich werde es riskieren.« Seine Stimme war sanft und tief, hatte diesen leidenschaftlichen Unterton, bei dem sich mein Bauch zusammenzog.

Ich spürte, dass er sich zu mir herabbeugte. Ich hob ihm das Gesicht entgegen. Seine Lippen waren so weich. Ich drängte mich an ihn, die Hände flach an seine Brust gedrückt. Seine Brustwarzen wurden hart. Meine Hände glitten abwärts zur Taille, strichen den Hemdstoff glatt. Ich wollte ihm das Hemd aus der Hose ziehen und über die nackte Haut tasten. Ich trat einen Schritt zurück, ein bisschen außer Atem.

Es war meine Idee, dass wir vor der Heirat keinen Sex haben sollten. Meine Idee. Aber es war verdammt hart. Je häufiger wir uns trafen, desto schwerer fiel es mir.

»Himmel, Richard.« Ich schüttelte den Kopf. »Es wird immer härter, oder?«

Richard lächelte nicht im Mindesten unschuldig oder wie ein Pfadfinder. »Ja, das stimmt.«

Mir schoss die Hitze ins Gesicht. »So hab ich das nicht gemeint.«

»Ich weiß, was du gemeint hast.« Er sagte es ganz freundlich, was der Neckerei den Stachel nahm.

Meine Wangen waren noch immer heiß vor Verlegenheit, aber meine Stimme zitterte nicht. Ein Punkt für mich. »Ich muss geschäftlich die Stadt verlassen.«

»Zombies, Vampire oder die Polizei?«

»Ein Zombie-Auftrag.«

»Gut.«

Ich sah zu ihm auf. »Warum?«

»Ich mache mir größere Sorgen, wenn du in Polizeiangelegenheiten unterwegs bist oder Vampire pfählst. Das weißt du.«

Ich nickte. »Ja, ich weiß.« Wir standen auf dem Gang und blickten einander an. Wäre die Situation anders gewesen, wären wir verlobt und würden vielleicht schon die Hochzeit planen, die ganze sexuelle Spannung würde zu einem Ergebnis führen. Aber so …

»Ich muss jetzt gehen, ich komme sowieso schon zu spät.«

»Wirst du dich von Jean-Claude persönlich verabschieden?« Seine Miene blieb neutral, aber seine Augen nicht.

»Es ist Tag. Er liegt in seinem Sarg.«

»Ach«, sagte Richard.

»Ich bin an diesem Wochenende nicht mit ihm verabredet, also schulde ich ihm keine Erklärung. Ist es das, was du hören wolltest?«

»Beinahe«, sagte er. Er machte einen Schritt von den Spinden weg, was uns dicht zusammenbrachte. Er beugte sich zu mir, um mich zum Abschied zu küssen. Darauf platzte ein Gekicher los.

Wir drehten uns um. Die halbe Klasse hatte sich auf den Flur gedrängt und starrte zu uns herüber. Großartig.

Richard lächelte. Er hob ein wenig die Stimme. »Rein mit euch, ihr Monster.«

Es gab Buhrufe, und eine kleine Brünette bedachte mich mit einem sehr garstigen Blick. Ich glaube, da waren eine Menge Mädchen in Mr Zeeman verknallt.

»Die Eingeborenen werden unruhig. Ich muss zurück in die Klasse.«

Ich nickte. »Ich hoffe, bis Montag zurück zu sein.«

»Wir verschieben das Wandern auf nächstes Wochenende.«

»Ich habe Jean-Claude schon dieses Wochenende vertröstet. Ich kann ihm nicht zweimal hintereinander absagen.«

Richards Miene verdüsterte sich. »Wir wandern im Hellen, du triffst dich mit dem Vampir bei Dunkelheit. Das ist doch gerecht.«

»Mir gefällt das genauso wenig wie dir«, sagte ich.

»Ich wünschte, ich könnte das glauben.«

»Richard.«

Er seufzte tief. Sein Zorn versickerte. Ich habe nie begriffen, wie er das schaffte. Er konnte in der einen Minute zornig sein, in der nächsten gelassen. Beide Empfindungen schienen echt zu sein. Wenn ich einmal wütend werde, dann bin ich wütend. Vielleicht ein Charakterfehler?

»Es tut mir Leid, Anita. Es ist ja nicht so, dass du ihn hinter meinem Rücken siehst.«

»Ich würde niemals etwas hinter deinem Rücken tun. Das weißt du.«

Er nickte. »Ja, ich weiß.« Er warf einen Blick zum Klassenraum. »Ich muss gehen, ehe sie die Klasse anzünden.« Er ging den Gang entlang, ohne sich umzudrehen.

Fast hätte ich ihm hinterhergerufen, aber ich ließ ihn gehen. Die Stimmung war irgendwie verdorben. Nichts turnt einen Mann mehr ab als das Wissen, dass die Freundin sich mit einem anderen trifft. Ich wäre umgekehrt nicht damit zurechtgekommen. Doppelmoral nennt man das, aber damit blieben wir alle drei am Leben. Sofern Leben bei Jean-Claude das richtige Wort war.

Oh, Mann, mein Privatleben war zu verworren, um die richtigen Worte zu finden. Ich machte mich auf den Weg und musste an der offenen Klassentür vorbei. Meine Absätze hallten ausgelassen durch den Flur. Ich versuchte nicht, noch einen letzten Blick auf ihn zu erhaschen. Ich würde dann noch weniger davon halten wegzufahren.

Es war nicht meine Idee gewesen, mit dem Meister der Stadt auszugehen. Jean-Claude hatte mir die Wahl gelassen: Entweder ich würde mit beiden ausgehen, oder er würde Richard umbringen. Zuerst fand ich die Idee gar nicht schlecht. Fünf Wochen später war ich mir nicht mehr so sicher.

Es waren meine Moralvorstellungen, die Richard und mich hinderten, unsere Zweisamkeit zu vollziehen. Vollziehen, ein hübsch harmloses Wort. Doch Jean-Claude hatte unmissverständlich klar gemacht, dass, wenn ich etwas mit Richard tat, ich es auch mit ihm tun musste. Jean-Claude wollte mich umwerben. Wenn Richard mich anfassen durfte und er nicht, dann war das ungerecht. Da hatte er schätzungsweise Recht. Der Gedanke, mit dem Vampir Sex haben zu müssen, war viel mehr dazu angetan, keusch zu bleiben, als meine hohen Ideale.

Allerdings konnte ich nicht ewig mit beiden ausgehen. Die sexuelle Spannung allein brachte mich um. Ich konnte wegziehen. Richard würde es vielleicht sogar hinnehmen. Es würde ihm nicht gefallen, aber wenn ich mich von ihm befreien wollte, würde er mich gehen lassen. Jean-Claude dagegen … er würde mich niemals ziehen lassen. Die Frage war: Wollte ich, dass er mich gehen ließ? Antwort: Aber ja doch. Das wirklich Knifflige war, wie ich mich freimachen sollte, ohne dass jemand sterben musste.

Tja, das war die 64 000-Dollar-Frage. Blöd war, dass ich die Antwort nicht wusste. Die würden wir aber früher oder später brauchen. Und dieses Später rückte immer näher.