Praktische Übungen

für

Ergotherapeuten

von

Steffen Kersken

Für Judith

Für alle Ergotherapeuten in der

psychisch-funktionellenen Behandlung!

Ergotherapie
in der
Psychiatrie

Über den Autor

Steffen Kersken arbeitet seit seinem Berufsbeginn in verschiedenen Gruppenleitungen der ergotherapeutischen Neurologie, Pädiatrie, Psychiatrie, Traumatologie und der Arbeitstherapie. Er sammelte Erfahrungen in Praxen, Kliniken, aber vor allem im psychiatrischen Tagesklinik Format. Er etablierte in den Einrichtungen neue ambulante Gruppenformen der Ergotherapie und entwickelt auch heute immer wieder neue Therapieinhalte, die den Bedürfnissen der Patienten immer wieder neu angepasst werden. Neben Therapieinhalten fördert er neue Gruppen und Einzelformate der Ergotherapie, wie Kleingruppen, Projektgruppen Ressourcengruppen und teil-kreative Einzeleinheiten, die jeweils in Praxen oder Kliniken flexibel in den Stundenplan integriert werden können, außerdem je nach Patientenklientel inhaltlich anpassbar sind. Kersken integriert in seiner therapeutischen Arbeit seine Erfahrungen aus Tätigkeiten als Therapeut, sportlicher Übungsleiter und den typischen Bereichen der Ergotherapie. Inhaltliche Vernetzung und Zusammenarbeit der Disziplinen stehen im Vordergrund seiner täglichen Arbeit mit Menschen. Mit modernen Lesungen über Gesellschaftserkrankung und den Menschen seiner Heimat, bringt er Therapie und Psychiatrie immer wieder in die Mitte unserer Gesellschaft, und macht sie Salon fähiger. Seine beliebten Bücher klären über Therapie auf und stellen klar:

Nicht jede Macke ist eine Krankheit, wir dürfen auch Fehler haben und Therapie bedeutet kein Scheitern, Therapie ist die Chance sich neu zu entdecken!

Geboren 02.07.1979

Berliner Nachwuchs Literaturpreis 2003

Lebt in Rheinhausen Oestrum

Mehrere Buchveröffentlichungen

Bekannt auch durch seine aktive Handballzeit

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Vorwort

Grundsätzliches

Konkrete Aufgaben der

Ergos

Das Erstgespräch

Kreative Ergo mit

Übungen

Einzel mit Übungen

Kleingruppen mit Übungen

Projektgruppe mit

Übungen

Ressourcengruppe mit

Übungen

Soziale Kompetenzgruppe

mit Übungen

Konzentrationsgruppe

Vorwort

Ich bin „damals„ als frisch gebackener Ergotherapeut und Berufsanfänger, sprichwörtlich direkt in kaltes Wasser geworfen worden, und durfte die Leitung einer Gruppe im Rahmen der klinischen Arbeitstherapie übernehmen. Diese Aufgabe bot mir als Grünschnabel eine nicht leicht zu stemmende Herausforderung, sie war aber auch eine Möglichkeit sich auszuprobieren, selbstständig Inhalte zu entwickeln, und persönliche Eindrücke über Therapie zu gewinnen. Im Laufe meines Berufslebens bin ich immer wieder in diese Situation gekommen, was mir einen großen Erfahrungsreichtum eingebracht hat, andererseits be-merkte ich in Leitungssituationen anfangs oft, dass mir klassische Übungen oder Leitfäden für die Therapie mit Menschen fehlten. Auch alte Examensordner boten mir nur grundsätzliche Leitfäden, aber konkrete Anleitungen, mit praktikablen Übungen für die Psychiatrie, fand ich weder im Internet, noch gab es passende Lektüre dazu. Was mache ich mit antriebslosen Patienten im Einzel? Welche kreativen Aufgaben mit Zielorientierung gibt es? Welche Inhalte kann ich für Projektgruppen oder Res-sourcengruppen wählen? Welche Übungen sind für kleinere Gruppen geeignet, und welche für große Gruppen? Der Gesprächstherapeut gibt mir eine Zielsetzung für einen Patienten mit Panikattacken vor, was mache ich demnach für Übungen innerhalb der Einheit? Welche Ziele gibt es überhaupt für Gruppen, oder welche Themen kann ich orientiert an psychiatrischen Inhalten einbringen? Ich soll die soziale Kompetenzgruppe übernehmen, was macht man denn da? Fragen über Fragen. Im Laufe der Jahre habe ich deshalb eigenständig Themen entworfen und in Zusammenarbeit mit Institutionen und Therapeuten Teams in verschiedene Therapieformate umgesetzt. Dazu gehören Einzel-, Klein- oder auch Großgruppen, kreative Gruppen wie auch Gesprächsgruppen. Ich habe meine Erfahrungen deshalb in diesem Buch zusammengefasst, um Ergotherapeuten Ansätze, praktische Inhalte und Therapieformate zu bieten, die sie in ihrer Einrichtung passend anwenden können. Mir war es auch wichtig, Reflexionsfragen zu erstellen, um Übungen nach zu besprechen, auch Vorschläge für Verhaltensweisen auf Patientenfragen oder Gruppendynamiken zu geben, da Übungen zwar wiederholt werden können, aber Patienten immer unterschiedlich reagieren oder unterschiedliche Leistungsstände mit sich bringen. Wie kann ich also gegebenenfalls eine Übung besser anpassen, sodass auch jemand der sich nicht zu traut zu Zeichnen, an eine kreative Übung wagt. Hier fehlte mir oft die nötige Erfahrung, und ich möchte auf diese Weise den Ergos in der Psychiatrie ermöglichen, ihren Arbeitsplatz mit Leben zu füllen, und sich auf diese Weise weiterzuentwickeln, bis Sie irgendwann selbst eigene Inhalte entwickeln.

Euer Steffen Kersken

Grundsätzliches

Die Eckpfeiler der Psychiatrie sind:

–Tiefenpsychologie

–Verhaltenstherapie

–Traumapsychologie

Die klassischen Krankheitsbilder in der Psychiatrie sind:

• Akute Belastungs- und Anpassungsstörung

• Angststörungen

• Bipolare Störungen/ Manisch-depressive Erkrankungen

• Borderline-Persönlichkeitsstörungen

• Burn-Out/ Erschöpfungszustand

• Demenz

• Depression

• Ess-Störungen

• Posttraumatische Belastungsstörung

• Psychosen

• Psychosomatische Störungen

• Schmerzstörungen

• Selbstmordgefährdung (Suizidalität)

• Sexuelle Funktionsstörung

• Sucht allgemein

• Zwangsstörungen

• ADHS

• Narzissmus

 

Für den Ergotherapeuten sind Diagnosen der Patienten wichtig, aber für den therapeutischen Prozess nicht immer entscheidend. Wichtig für die Gestaltung von Therapieeinheiten sind oft Verhaltensmuster und Denkmuster von Patienten, die sich oft überschneidend in mehreren Krankheitsbildern wiederfinden.

Typische Verhaltensmuster von Menschen sind:

–Perfektionismus / Zwangsverhalten

–Konfliktverhalten

–Nicht Nein sagen können

–Vermeidungsverhalten

–Belohnung- und Bestrafungsverhalten

–Beziehungen führen, Bewertung von Kontakten

–Harmoniebedürftigkeit

–Erwartungshaltungen

–Wie ich Entscheidungen treffe

–Werte und Normsystem, worauf ich Wert lege

–Ansichten

–Umgang in Stresssituationen

–Ritualisierungen im Alltag

–Gewohnheiten

–Problemlöser sein

–Verantwortung an sich reißen

–Umgang mit Verletzung und Kränkung

–Die Art des Trauerns

Typische Denkmuster von Menschen sind:

–Ich bekomme Liebe nur durch Anstrengung und Perfektionismus.

–Ich brauche Kontrolle, wenn ich mich selber schlecht fühle, dann halte ich mein Umfeld sauber und geordnet. Wenn ich draußen aufräume, bin ich drinnen auch aufgeräumt!

–Meine Gefühle und Unzufriedenheit hängt von der Arbeit und Familie ab. Menschen und Ereignisse üben Einfluss auf meine Stimmung, ich selbst kann Gefühle nicht ändern.

–Alles was mich bisher beeinflusst hat und was ich erlebt habe, begleitet mich ein Leben lang.

–Was andere Leute tun ist für mich sehr wichtig, ich versuche auch, es allen recht zu machen oder deren Erwartungen zu erfüllen. Genauso erwarte ich auch, dass sie meine Erwartungen erfüllen und tun, was ich von ihnen verlange!

–Ich selber bin schwach und brauche eine starke Person in meinem Leben. Ohne meinen Partner komme ich nicht klar!

–Ich kann Gefühle kaum aushalten oder sie beeinflussen.

–Wenn sich Probleme abzeichnen, oder etwas gefährlich sein könnte, muss man sich furchtbare Sorgen machen und den Kopf darüber zerbrechen.

–Wenn Dinge nicht so laufen wie geplant, oder Menschen nicht so handeln wie erwartet, ist das total fürchterlich!

–Ich werde in Gruppen nie gemocht, das war schon früher so und bei meinen Eltern auch.

–Ich darf nicht Nein sagen.

 

AH SO! Verhaltens- und Denkmuster sind grundsätzlich nicht schlecht, sie geben uns Sicherheit, aber oft passt ein Standartverhalten oder universelles Denken nicht zu jeder Lebenslage! Wir müssten also flexibler Handeln und Bewertungen flexibler treffen, um unterm Strich ein besseres Ergebnis in einer Situation zu erzielen, oder anders zu fühlen.

Beispiel Herr X: Auf der Arbeit bin ich ein „Machertyp“, ich bin in der Lage Probleme zu lösen, wenn ich merke ein Projekt stockt, dann nehme ich die Sache in die Hand, bis es wieder funktioniert!

Denkmuster: Ohne mich läuft es nicht! Ich muss perfekt sein und das Projekt auch! Ich mag es nicht, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Ich bekomme auch nur Anerkennung, wenn ich funktioniere!

Verhaltensmuster: An sich reißen, Rollen anderer mit übernehmen, Perfektionismus, nicht Nein sagen.

Gefühl: Leistungsdruck, Angst vorm Scheitern.

Leider führt Herr X sein Programm auch zu Hause fort:

Er entscheidet die Aktivitäten der Familie, wo es in den Urlaub hin geht und er setzt sich bei Konflikten durch. Mit diesem Muster hat er ja „scheinbar“ immer Erfolg, zumindest auf der Arbeit.

Folge: Zunehmende Last alle Probleme lösen zu wollen, er meint verantwortlich für alles zu sein. Die Familie ist sauer auf ihn, weil er über alles bestimmt und sich einmischt. Es gibt Konflikte.

Ergebnis: Angstattacken, Burnout oder Depression.

Lösung: Lernen Verantwortung abzugeben, Scheitern darf erlaubt sein, Disharmonie aushalten und Konfliktverhalten ändern, Bedürfnisse anderer erkennen. Handlungsmuster flexibler einsetzen: Verantwortung übernehmen bedeutet im Beruf eine Stärke, im Umgang mit sozialen Kontakten müsste Herr X sie eventuell öfters abgeben!

Wie therapiert ein Ergo nun solche Krankheitsbilder?

Zunächst einmal sollten die Aufgaben eines Ergotherapeuten im Rahmen einer Einrichtung genau umschrieben werden. Arbeite ich ergänzend zu Gesprächsgruppen oder nur kreativ? Gibt es Raum für Einzelgruppen, z. B. in Reha Einrichtungen? Welche Themen deckt der Psychologe oder Gesprächstherapeut ab, welche Themen sollte ich als Ergo in meine Inhalte einbauen. Es ist ein Unterschied, ob ich als Ergo in einem festen Stundenplan arbeite und die Disziplinen sich thematisch ergänzen, oder ob ich punktuell mit einem niedergelassenen Therapeuten arbeite, der mir seine Patienten hin und wieder zu Gruppen schickt. Hier gilt: Konkret über Aufgaben sprechen und Themen/ Zielsetzungen für Patienten erarbeiten und regelmäßig im Austausch bleiben! Nichts ist schlimmer, als nicht zu wissen, an welchen Themen Kollegen arbeiten und was von mir erwartet wird!

Die Praxis zeigt: Der Austausch in und zwischen Institutionen ist oft mangelhaft! Das gilt für Teamsitzungen, die zu selten stattfinden, oder wo oft nur der Oberarzt spricht, also thematisch oft Disziplinen und ihre Arbeit außen vor gelassen werden.

AH SO! Die Erfahrung zeigt, dass Patienten vor allem da gut aufgehoben sind, wo vom Pflegepersonal bis hin zur Geschäftsführung, alle Disziplinen auf Augenhöhe und im ständigen Fallaustausch arbeiten. Gute Zusammenarbeit ist leider oft Typ bedingt und hängt von persönlichen Vorstellungen des Führungsstiles, oder Sichtweisen einzelner Personen ab. Eine einfache Regel gilt hier: Ein gutes Arbeitsklima und Miteinander führt zu guter Zusammenarbeit und Rollenverteilung, in der jeder seine Aufgaben kennt!