Inhalt

Joh Fredersen, ein Großindustrieller, ist Herr über Metropolis, die glitzernde Stadt der Zukunft. Die Reichen vergnügen sich in den Freizeitgärten der Oberstadt, während die Arbeiter in der unterirdischen Stadt ein erbärmliches Leben fristen müssen. Freder Fredersen, Sohn des Metropolis-Bosses, trifft eines Tages Maria, eine Frau aus der unterirdischen Stadt. Er verliebt sich in sie und lässt sich von ihr in die Unterwelt führen. Sie wird von den Arbeitern respektiert und verehrt. In der Armensiedlung brodelt die Stimmung, die Arbeiter wollen nicht mehr länger im Elend leben. Es kommt zum Aufstand: Wissenschaftler Rotwang, ehrgeizig und dem alten Fredersen spinnefeind, verschleppt Maria und konstruiert eine mechanische Doppelgängerin, die die Arbeiter zur Revolution aufhetzt …

Thea von Harbous Zukunftsroman – die Aufhebung von Klassengrenzen in einer Volksgemeinschaft imaginierend – und Liebesgeschichte in einem inspirierte Fritz Lang zu seinem filmischen Meisterwerk.

Dr. Franz Rottensteiner, ehemaliger Berater der Phantastischen Bibliothek im Suhrkamp-Verlag, schreibt das Nachwort.

Die Autorin

Thea von Harbou (1888–1954) war die wichtigste Drehbuchautorin der Weimarer Republik und besonders durch ihre Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit Fritz Lang bekannt. Mit 12 Jahren bringt sie ihre ersten Gedichte heraus, mit 17 Jahren ihren ersten Roman. Neben der Schriftstellerei interessiert sie sich auch für Schauspielerei, nimmt Schauspielunterricht und erhält Engagements in Weimar, Chemnitz und Aachen. 1913 beendet sie ihre Theaterkarriere.

1922 heiratet Harbou den Regisseur und Drehbuchautor Fritz Lang. Sie werden zu einem der schillerndsten Ehepaare im Berlin der 1920er Jahre. Harbou gehört zu den fleißigsten Autoren der Weimarer Republik, neben ihrer Arbeit für F. Lang arbeitet sie mehrfach mit dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau zusammen. Harbou wird auch eine vielbeschäftigte Drehbuchautorin in der Nazizeit, führt zweimal Regie. 1954 wird in Berlin einer ihrer ersten Filme wiederaufgeführt. Beim Verlassen des Kinos stürzt die Autorin und stirbt an den Folgen des Unfalls am 1. Juli 1954 in West-Berlin.

Weitere Drehbücher gemeinsam mit Fritz Lang: Dr. Mabuse, der Spieler (1921), Die Nibelungen (1924), M (1931). Im Gedächtnis bleibt Thea von Harbou vor allem durch den Film Metropolis, für den sie parallel zu ihrem gleichnamigen Roman das Drehbuch verfasste.

 

Thea von Harbou

Revisited Band 14

© DIESER AUSGABE: 2014 MILENA VERLAG
SÄMTLICHE RECHTE LIEGEN BEIM THOMAS SESSLER VERLAG GMBH WIEN

 

Dieses Buch ist kein Gegenwartsbild.
Dieses Buch ist kein Zukunftsbild.
Dieses Buch spielt nirgendwo.
Dieses Buch dient keiner Tendenz,
keiner Klasse, keiner Partei.
Dieses Buch ist ein Geschehen,
das sich um eine Erkenntnis rankt:
Mittler zwischen Hirn und Händen
muß das Herz sein.

Thea von Harbou

Die Hauptthese war von Frau von Harbou,
aber ich bin wenigstens zu fünfzig Prozent
verantwortlich, weil ich den Film gemacht habe.
Ich war damals nicht so politisch bewußt, wie ich
es heute bin. Man kann keinen gesellschaftlich
bewußten Film machen, indem man sagt, der
Mittler zwischen Hand und Hirn sei das Herz –
ich meine, das ist ein Märchen – wirklich.
Aber ich interessierte mich für Maschinen …

Fritz Lang

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Nachwort Franz Rottensteiner

1

JETZT SCHWOLL DAS BRAUSEN DER großen Orgel zu einem Dröhnen an, das sich wie ein aufstehender Riese gegen die Wölbung des hohen Raumes stemmte, um sie zu zersprengen,

Freder beugte den Kopf zurück; seine weit offenen, verbrennenden Augen starrten blicklos nach oben. Seine Hände formten Musik aus dem Chaos der Töne, mit den Erschütterungen des Klanges ringend und bis ins Innerste von ihm durchwühlt.

Er war den Tränen so nahe wie nie in seinem Leben, und in einer seligen Hilflosigkeit unterwarf er sich dem glühend Feuchten, das ihn blendete.

Über ihm das Gewölbe des Himmels aus Lapislazuli; darin schwebend zwölffaches Geheimnis, die Tierkreisgestalten von Gold. Höher geordnet, über ihnen sieben Gekrönte: die Planeten. Hoch über allem ein silbern strahlendes Tausend-Gestirn: das Weltall.

Vor den betauten Augen des Orgelspielers begannen die Sterne nach seiner Musik den feierlich mächtigen Tanz.

Die Brandung der Töne löste den Raum in Nichts auf. Mitten im Meer stand die Orgel, die Freder spielte. Sie war wie ein Riff, an dem sich die Wogen zerschäumten. Gischtkämme tragend, rannten sie heftig heran, und immer die Siebente war die gewaltigste.

Aber hoch über dem Meer, das im Aufruhr der Wogen brüllte, tanzten die Sterne des Himmels den feierlich mächtigen Tanz.

Bis auf den Grund durchrüttelt, schrak die alte Erde aus dem Schlaf. Ihre Ströme versiegten; ihre Berge stürzten zugrunde. Aus aufgerissenen Tiefen quoll das Feuer. Die Erde verbrannte mit allem, was sie trug. Die Wogen des Meeres wurden zu Feuerwogen. Die Orgel flammte, eine dröhnende Fackel Musik. Die Erde, das Meer und die Hymnen lodernde Orgel krachten in sich zusammen und wurden Asche.

Aber hoch über dem Wüsten und Leeren, zu dem die Schöpfung zerbrannt war, tanzten die Sterne des Himmels den feierlich-mächtigen Tanz.

Da, aus der graustiebenden Asche, erhob sich auf zitternden Flügeln, unsäglich schön und einsam, ein Vogel mit Edelsteinfedern. Er stieß einen klagenden Schrei aus. Kein Vogel, der jemals auf Erden lebte, hatte so süß und so qualvoll zu klagen gewußt.

Er schwebte über der Asche der ganz zerstörten Erde. Er schwebte hin und her und wußte nicht, wo er sich niederlassen sollte. Er schwebte über dem Grabe des Meeres und über dem Leichnam der Erde. Niemals, seit die frevelnden Engel vom Himmel zur Hölle stürzten, hatte die Lust solchen Schrei der Verzweiflung gehört.

Da, aus dem feierlich-mächtigen Tanz der Sterne, löste einer sich los und nahte der toten Erde. Sein Licht war sanfter als das Mondlicht und gebieterischer als das Licht der Sonne. Aus der Musik der Sphären war er der himmlischste Ton. Er hüllte den klagenden Vogel in sein liebes Leuchten ein; das war stark wie eine Gottheit und rief: Zu mir … zu mir!

Da ließ der Edelsteinvogel das Grab von Meer und Erde und gab seine sinkenden Flügel dem starken Ruf, der ihn trug. In einer Wiege des Lichts ruhend, schwebte er aufwärts und sang und wurde ein Ton der Sphären und entschwand in der Ewigkeit …

Freder ließ die Finger von den Tasten gleiten. Er beugte sich vor und barg das Gesicht in den Händen. Er preßte seine Augen, bis er den feurigen Tanz der Sterne hinter den Lidern sah. Nichts half ihm – nichts! Überall, überall in der martervollen seligkeitsgefüllten Allgegenwart stand vor seinem Schauen das eine – eine Antlitz:

Das herbe Antlitz der Jungfrau, das süße Antlitz der Mutter – die Qual und Lust, die er rief und rief nach dem einen, einzigen Sehen, und für die sein gefoltertes Herz nicht einmal einen Namen hatte außer dem einen, ewigen:

Du …

Er ließ die Hände sinken und hob die Augen zur Höhe des schön gewölbten Raumes, in dem seine Orgel stand. Aus dem meertiefen Blau des Himmels, aus dem schlackenlosen Gold der Sterngestalten, aus der geheimnisreichen Dämmerung rund um ihn her sah ihn das Mädchen an mit der tödlichen Strenge der Reinheit, ganz Magd und Herrin, Unantastbarkeit – und war auch ganz und gar Holdseligkeit: die schöne Stirn im Diadem der Güte, die Stimme Mitleid, jedes Wort ein Lied. Dann weggewandt und gehend und verschwunden – und nicht mehr aufzufinden – nirgends, nirgends …

»Du!« schrie der Mann auf. Der gefangene Ton schlug an die Mauern an, fand keinen Ausweg.

Nun war die Einsamkeit nicht mehr ertragbar. Freder stand auf, stieß die Flügeltür auseinander. In schmetternder Helligkeit lag die Werkstatt vor ihm. Er drückte die Lider zusammen, stand still, kaum atmend. Er fühlte das Nahsein der lautlos wartenden Diener, die auf Befehle harrten, um lebendig werden zu dürfen.

Einer war darunter, der Schmale mit dem höflichen Gesicht, das nie den Ausdruck wechselte –, von dem wußte Freder: ein Wort an ihn, und wenn das Mädchen mit ihren still schreitenden Füßen noch über die Erde ging, dann würde der Schmale sie finden. Aber man setzt keinen Bluthund auf die Fährte einer weißen und heiligen Hindin, wenn man nicht verflucht sein will und all seine Lebtage ein elender, elender Mensch.

Freder sah, ohne ihn anzublicken, wie die Augen des Schmalen an ihm schürften. Er wußte: der lautlose Mensch, von seinem Vater ihm zum allmächtigen Schützer bestellt, war auch sein Wächter zugleich. Am Fieber der schlafberaubten Nächte, am Fieber der Werkstattarbeit, am Fieber des Gott anrufenden Orgelspiels maß der Schmale die Skalen des Blutschlags vom Sohne seines großen Herrn. Er gab keine Berichte ab; die wurden auch nicht verlangt. Aber wenn einmal die Stunde kommen würde, in der man sie von ihm verlangte, hatte er gewiß ein Tagebuch von lückenloser Vollkommenheit vorzulegen, von der Zahl der Schritte an, mit denen ein gepeinigter Mensch Minute um Minute seiner Einsamkeit unter schweren Füßen zertritt, bis zu dem Sinkenlassen seiner Stirn in aufgestützte, sehnsuchtmüde Hände.

Konnte es möglich sein, daß dieser Alleswissende von ihr nichts wußte?

Nichts an ihm verriet, daß er den Umsturz in Gemüt und Wesen seines jungen Herrn seit jenem einen Tag im »Klub der Söhne« begriffen hatte. Aber sich nie zu verraten, war eines der starken Geheimnisse des schmalen, stillen Menschen, und, obwohl er zum »Klub der Söhne« keinen Zutritt hatte, war Freder doch keineswegs sicher, daß der geldmächtige Agent seines Vaters vor den Hausgesetzen des Klubs kehrtmachen würde.

Er fühlte sich preisgegeben, kleiderlos. Eine nichts Heimliches schonende, grausame Helligkeit badete ihn und jedes Ding in seiner Werkstatt, die fast der höchstgelegene Raum von Metropolis war.

»Ich möchte ganz allein sein«, sagte er leise.

Lautlos verschwanden die Diener, ging der Schmale. Aber all diese Türen, die sich ohne jedes Geräusch schlossen, konnten auch ohne jedes Geräusch um einen schmalen Spalt wieder geöffnet werden.

Mit schmerzlichen Augen tastete Freder die Türen seiner Werkstatt ab.

Ein Lächeln, das ziemlich viel Bitterkeit enthielt, zog ihm die Mundwinkel nach unten. Er war eine Kostbarkeit, die bewacht werden mußte, wie Kronjuwelen bewacht werden. Der Sohn des großen Vaters; und der einzige Sohn.

Wirklich der einzige?

Da hielten seine Gedanken wieder am Ausgang des Kreislaufs, und das Bild war wieder da und das Schauen und das Erleben …

Dem »Klub der Söhne« gehörte vielleicht das schönste Haus von Metropolis, und das war nicht verwunderlich. Denn Väter, für die jede Umdrehung eines Maschinenrades Gold bedeutete, hatten ihren Söhnen dieses Haus geschenkt. Es war weit mehr ein Stadtteil als ein Haus. Es umfaßte Theater und Filmpaläste, Hörsäle und eine Bibliothek, in der jedes Buch zu finden war, das in fünf Erdteilen gedruckt wurde, Rennbahnen und Stadion und die berühmten »Ewigen Gärten«.

Es enthielt sehr ausgedehnte Wohnungen für die jungen Söhne vorsorglicher Väter, und es enthielt die Wohnungen untadelhafter Diener und schöner, wohlerzogener Dienerinnen, zu deren Ausbildung mehr Zeit erforderlich war als zur Züchtung neuer Orchideen.

Ihre oberste Aufgabe bestand in nichts anderem, als zu allen Stunden erquicklich anzusehen und launenlos heiter zu sein und in ihrer verwirrenden Tracht, den bemalten Gesichtchen und Augenmasken, übertürmt von schneeweißen Perücken und duftend wie Blumen, glichen sie zärtlichen Puppen aus Porzellan und Brokat, von einer Künstlerhand entworfen, nicht käuflich, doch hübsche Geschenke.

Freder war nur ein seltener Gast im »Klub der Söhne«. Er zog seine Werkstatt vor und die Kapelle der Sterne, wo seine Orgel stand. Aber wenn es ihn einmal gelüstete, sich in die strahlende Fröhlichkeit der Stadion-Wettspiele zu werfen, so war er von allen der Strahlendste und der Fröhlichste, und er spielte von Sieg zu Sieg mit dem Lachen eines jungen Gottes.

Auch an jenem Tage …

Noch durchströmt von der eisigen Kühle stürzenden Wassers, jeder Muskel noch zuckend in der Berauschung des Sieges lag er, schlank hingestreckt, ausatmend, lächelnd, trunken, ganz aufgelöst, fast töricht vor Glück. Die milchfarbene Glasdecke über den »Ewigen Gärten« war ein Opal im Licht, das ihn badete. Die kleinen, zärtlichen Frauen bedienten ihn, schalkhaft und eifersüchtig wartend, aus wessen Händen, aus wessen zierlichen Fingerspitzen er die Früchte naschen würde, nach denen er verlangte.

Eine stand abseits und mischte ihm einen Trank. Von Hüften zu Knien bauschte sich sprühend Brokat. Die schmalen, nackten Beine adlig geschlossen, stand sie wie Elfenbein in purpurnen Schnabelschuhen. Zart aus den Hüften hob sich der helle Leib, der – und das wußte sie nicht – im selben Rhythmus bebte, der im ausstürmenden Atem die Brust des Mannes hob. Sorglich bewachte das kleine, gemalte Gesicht unter der Augemaske das Werk ihrer sorglichen Hände.

Ungeschminkt war ihr Mund und war doch granatapfelrot. Und er lächelte auf den Trank so selbstvergessen hinab, daß es die anderen Mädchen hell lachen machte.

Angesteckt begann auch Freder zu lachen. Aber der Jubel der Mädchen schwoll zum Sturm an, als der Trankmischerin, die nicht wußte, warum sie lachten, die Röte der Verwirrtheit vom granatapfelfarbenen Mund bis zu den hellen Hüften niederfloß. Das hohe Gelächter lockte die Freunde an, die grundlos, nur weil sie jung und ohne Kummer waren, in den heiteren Lärm einstimmten. Wie ein herzselig klingender Regenbogen wölbte sich Lachen um Lachen bunt über den jungen Menschen.

Doch plötzlich wandte Freder den Kopf. Seine Hände, die an den Hüften der Trankmischerin lagen, ließen sie los und fielen ihm nieder wie tot. Das Gelächter verstummte. Es rührte sich keiner der Freunde. Keine der kleinen, brokatenen, nacktgliedrigen Frauen regte Hand oder Fuß. Sie standen und schauten.

Die Tür der »Ewigen Gärten« hatte sich aufgetan, und von der Tür her kam ein Zug von Kindern. Sie hatten sich alle bei der Hand gefaßt. Sie hatten graue, uralte Zwergengesichter. Sie waren kleine, gespenstische Totengerippe, die in gebleichten Lumpen und Kitteln hingen. Sie hatten farbloses Haar und farblose Augen, Sie gingen auf abgezehrten bloßen Füßen. Lautlos folgten sie ihrer Führerin.

Ihre Führerin aber war ein Mädchen. Das herbe Antlitz der Jungfrau. Das süße Antlitz der Mutter. Sie hielt in jeder Hand eines Kindes magere Hand. Sie stand nun still und blickte die jungen Männer und Frauen nacheinander an mit der tödlichen Strenge der Reinheit. Sie war ganz Magd und Herrin; Unantastbarkeit – und war auch ganz und gar Holdseligkeit: die schöne Stirn im Diadem der Güte; die Stimme Mitleid; jedes Wort ein Lied.

Sie ließ die Kinder los und streckte die Hand aus und sprach, auf die Freunde deutend, zu den Kindern:

»Seht, das sind eure Brüder!«

Sie wartete. Sie stand still, und ihr Blick ruhte auf Freder.

Dann kamen die Diener, die Pförtner kamen. Inmitten dieser Mauern aus Marmor und Glas, unter der opalenen Kuppel der »Ewigen Gärten« war für kurze Zeit ein nie erlebter Wirrwarr von Lärm, Entrüstung und Verlegenheit. Das Mädchen schien noch immer zu warten. Auch wagte es niemand, sie anzurühren, obgleich sie so wehrlos unter den grauen Kinder-Gespenstern stand. Unablässig ruhten ihre Augen auf Freder.

Dann nahm sie ihre Augen von ihm fort, bückte sich ein wenig und faßte die Kinderhände wieder, wandte sich um und führte den Zug hinaus. Die Tür fiel hinter ihr zu; die Diener verschwanden mit vielen Entschuldigungen, daß sie den Vorfall nicht hätten verhindern können. Alles war Leere und Stummheit. Hätte nicht jeder und jede, vor denen das Mädchen mit seinem grauen Kinderzug erschienen war, so zahlreiche Zeugen des eigenen Erlebens gehabt – sie wären versucht gewesen, an Sinnestäuschung zu glauben.

Neben Freder, auf dem leuchtenden Mosaik des Bodens, kauerte die Trankmischerin und schluchzte fassungslos.

Mit einer trägen Gebärde neigte sich Freder zu ihr und zögerte, wie ein Mensch, der auf etwas horcht, – und nahm ihr plötzlich mit einem heftigen Ruck, die Maske, die schmale schwarze Maske von den Augen.

Die Trankmischerin schrie auf, wie in letzter Nacktheit überrascht. Ihre Hände flogen greifend hoch und blieben erstarrt in der Luft hängen.

Ein kleines bemaltes Gesicht starrte erschreckt zu dem Mann auf. Die Augen, entkleidet, waren ganz töricht, ganz leer. Ganz geheimnislos war dieses kleine Gesicht, dem man den Maskenreiz genommen hatte.

Freder ließ das schwarze Stoffstück fallen. Die Trankmischerin griff hastig zu, barg ihr Gesicht. Freder sah sich um.

Die »Ewigen Gärten« strahlten. Die schönen Menschen in ihnen, wenn jetzt auch flüchtig verstört, strahlten in ihrer Gepflegtheit, dem sauberen Sattsein. Der Duft der Frische, der über allen war, glich dem Atem eines betauten Gartens.

Freder blickte an sich hinab. Er trug, wie all die Jungen im »Haus der Söhne«, die weiße Seide, die sie nur einmal trugen – die schmiegsam weichen Schuhe mit den lautlosen Sohlen.

Er sah auf die Freunde. Er sah diese Menschen, die nie ermüdeten, es sei denn vom Spielen, – die nie in Schweiß gerieten, es sei denn vom Spielen, – nie außer Atem kamen – es sei denn vom Spielen. Die Menschen, die ihre heiteren Kampfspiele brauchten, damit ihnen Essen und Trinken gut bekam, damit sie schlafen konnten und leicht verdauten.

Die Tische, von denen sie alle gegessen hatten, waren mit unberührten Speisen bedeckt wie zuvor. Goldwein und Purpurwein, in Eis oder Wärme gebettet, boten sich wartend dar wie die kleinen, zärtlichen Frauen. Nun spielte auch wieder Musik. Die war verstummt, als die Mädchenstimme die fünf leisen Worte sprach:

»Seht, das sind eure Brüder!«

Und noch einmal, während die Augen auf Freder ruhten:

»Seht, das sind eure Brüder!«

Als ein Erstickender sprang Freder auf. Die maskentragenden Frauen starrten ihn an. Er rannte zur Tür. Er lief über Gänge und Treppen, kam zum Eingang.

»Wer war das Mädchen?«

Verlegenes Achselzucken. Entschuldigung. Der Vorfall war unverzeihlich, das wußten die Diener. Es würde Entlassungen in Hülle und Fülle geben. Der Haushofmeister war weiß vor Zorn im Gesicht.

»Ich will nicht«, sagte Freder, ins Leere blickend, »daß dieses Vorfalls wegen ein Mensch zu Schaden kommt. Es soll niemand entlassen werden … Ich will es nicht …«

Der Haushofmeister verbeugte sich stumm. Er war an Launen gewöhnt im »Klub der Söhne«.

»Und wer das Mädchen ist, kann niemand sagen?«

Nein. Niemand. Aber wenn der Befehl zu Nachforschungen gegeben würde?

Freder blieb stumm. Er dachte an den Schmalen. Er schüttelte den Kopf, erst leise, dann heftig: Nein …

Man setzt keinen Bluthund auf die Fährte einer weißen und heiligen Hindin.

»Niemand soll ihr nachforschen«, sagte er tonlos.

Er fühlte die seelenlosen Blicke des fremden, bezahlten Menschen auf seinem Gesicht. Er fühlte sich arm und besudelt. In einer Verstimmung, die ihn elend machte, als hätte er Gift in den Adern, verließ er den Klub. Er ging nach Hause, als ginge er in die Verbannung. Er schloß sich in seiner Werkstatt ein und schaffte. Er hing in den Nächten an seinen Instrumenten und zwang die ungeheuerlichen Einsamkeiten des Jupiter und des Saturn zu sich herab.

Nichts half ihm – nichts! In einer martervollen, seligkeitsgefüllten Allgegenwart stand vor seinem Schauen das eine – eine Antlitz: das herbe Antlitz der Jungfrau, das süße Antlitz der Mutter.

Eine Stimme sprach: »Seht, das sind eure Brüder!«

Und die Glorie des Himmels war nichts, und der Rausch der Arbeit war nichts. Und das meerauslöschende Branden der Orgel vermochte nicht, die leise Stimme des Mädchens auszulöschen: »Seht, das sind eure Brüder!«

Mit einem schmerzhaft gewaltsamen Ruck drehte Freder sich um sich selbst und trat vor seine Maschine. Etwas wie Erlösung ging über sein Gesicht, als er dieses helle, nur auf ihn wartende Geschöpf betrachtete, an dem nicht ein Stahlgelenk, nicht eine Niete, nicht eine Feder war, die er nicht errechnet und erschaffen hatte.

Das Geschöpf war nicht groß und erschien noch zierlicher durch den Riesenraum und die Sonnenflut, in der es stand. Aber das weiche Glänzen seiner Metalle und die edle Schwingung, mit der sich der Vorderkörper selbst im Ruhen wie zum Ansprung hob, gaben ihm etwas von der heiteren Göttlichkeit eines vollkommen schönen Tieres, das ganz ohne Furcht ist, weil es sich unbesieglich weiß.

Freder streichelte das Geschöpf. Er drückte den Kopf sacht an die Maschine. Mit einer unaussprechlichen Zärtlichkeit fühlte er ihre kühlen, schmiegsamen Glieder.

»Heute nacht«, sagte er, »werde ich bei dir sein. Ich werde mich ganz von dir umschließen lassen. Ich werde mein Leben in dich ausströmen und ergründen, ob ich dich lebendig machen kann. Ich werde vielleicht dein Zittern spüren und den Beginn der Regsamkeit in deinem beherrschten Körper. Ich werde vielleicht die Trunkenheit empfinden, mit der du dich hinauswirfst in dein grenzenloses Element, mich tragend – mich, den Menschen, der dich schuf – durch das ungeheure Meer der Mitternacht. Das Siebengestirn wird über uns sein und die traurige Schönheit des Mondes. Wir steigen und steigen. Der Gaurisankar bliebe, ein Hügel, unter uns. Du trägst mich, und ich erkenne: du trägst mich, so hoch ich will …«

Er stockte, die Augen schließend. Ein Schauder, der ihn durchrüttelte, teilte sich als ein Beben der stummen Maschine mit.

»Aber vielleicht«, fuhr er fort und sprach ohne Laut, »vielleicht empfindest du auch, mein geliebtes Geschöpf, daß du mir nicht mehr das Einziggeliebte bist. Nichts auf der Welt ist rachsüchtiger als die Eifersucht einer Maschine, die sich vernachlässigt glaubt. Ja, das weiß ich … Ihr seid sehr herrische Herrinnen … ›Du sollst keine anderen Götter haben neben mir‹ … Nicht wahr? Ein Gedanke, der von euch abirrt, schon fühlt ihr’s und werdet trotzig. Wie sollte dir’s verborgen bleiben, daß nicht alle meine Gedanken bei dir sind? Ich kann nichts dafür, Geschöpf. Ich wurde verhext, Maschine. Ich drücke die Stirn an dich, aber meine Stirn sehnt sich nach den Knien des Mädchens, von dem ich nicht einmal den Namen weiß …«

Er verstummte und hielt den Atem an. Er hob den Kopf und horchte. Hundert- und tausendmal schon hatte er in der Stadt den gleichen Laut gehört. Aber hundert- und tausendmal, schien es ihm, hatte er ihn nicht begriffen.

Es war ein über alle Maßen herrlicher und hinreißender Laut, tief und dröhnend und gewaltiger als irgendein Land in der Welt. Die Stimme des Ozeans, wenn er zornig ist, die Stimme von stürzenden Strömen, von sehr nahen Gewittern wäre kläglich ertrunken in diesem Behemot-Laut. Er durchdrang, ohne grell zu sein, alle Mauern und alle Dinge, die, solange er währte, in ihm zu schwingen schienen. Er war allgegenwärtig, kam aus der Höhe und Tiefe, war schön und entsetzlich, war unwiderstehlich Befehl.

Er war hoch über der Stadt. Er war die Stimme der Stadt. Metropolis erhob ihre Stimme. Die Maschinen von Metropolis brüllten; sie wollten gefüttert sein.

Freder schob die Glastüren auf: er fühlte sie wie Saiten unter Bogenstrichen beben. Er trat auf den schmalen Altan hinaus, der rund um dieses fast höchste Haus von Metropolis herlief. Der brüllende Laut empfing ihn, überschwemmte ihn, nahm kein Ende.

So groß Metropolis war: an allen vier Ecken der Stadt war dieser gebrüllte Befehl gleich stark und gewaltig vernehmbar.

Freder sah über die Stadt auf das Bauwerk hin, das in der Welt »Der Neue Turm Babel« hieß.

In der Hirnschale dieses Turms Babel wohnte ein Mann, der war das Gehirn von Metropolis.

Solange der Mann da drüben, der nichts als Arbeit war, Schlaf verachtete, mechanisch aß und trank, den Fingerdruck auf der blauen Metallplatte ruhen ließ, die außer ihm noch nie ein Mensch berührt hatte, brüllte die Stimme der Maschinenstadt Metropolis nach Futter, nach Futter, nach Futter …

Sie wollte lebendige Menschen als Futter haben.

Da schob sich das lebendige Futter in Massen heran. Auf der Straße kam es, auf seiner eigenen Straße, die sich nie kreuzte mit anderen Menschenstraßen. Es wälzte sich breit heran, ein endloser Strom. Zwölf Glieder breit war der Strom. Die gingen im gleichen Schritt. Männer, Männer, Männer – alle in gleicher Tracht; vom Hals bis zu den Knöcheln in dunkelblauem Leinen, die nackten Füße in gleichen harten Schuhen, fest die Haare umschließend die gleichen schwarzen Kappen.

Und sie alle hatten die gleichen Gesichter. Und sie alle schienen gleich alt zu sein. Aufgereckt gingen sie, aber nicht aufrecht. Sie hoben die Köpfe nicht: sie schoben sie vor. Sie setzten die Füße, aber sie gingen nicht. Die offenen Tore des Neuen Turms Babel, des Maschinenzentrums von Metropolis, schlürften die Massen ein.

Ihnen entgegen, aber an ihnen vorüber, schleppte sich ein anderer Zug: die verbrauchte Schicht. Er wälzte sich breit heraus, ein endloser Strom. Zwölf Glieder breit war der Strom. Die gingen im gleichen Schritt. Männer, Männer, Männer – alle in gleicher Tracht. Vom Hals bis zu den Knöcheln in dunkelblauem Leinen, die nackten Füße in gleichen harten Schuhen, fest die Haare umschließend die gleichen schwarzen Kappen.

Und sie alle hatten die gleichen Gesichter. Und sie alle schienen zehntausend Jahre alt zu sein. Sie gingen mit hängenden Fäusten, sie gingen mit hängenden Köpfen. Nein, sie setzten die Füße; aber sie gingen nicht. Das offene Tor des Neuen Turms Babel, des Maschinenzentrums von Metropolis, spie Massen aus, wie es sie in sich schlürfte.

Als das neue lebendige Futter hinter den Toren verschwand, schwieg endlich die brüllende Stimme. Und das nie unterbrochene, pochende Summen der großen Metropolis wurde wieder vernehmbar und wirkte wie Stille nun, wie eine tiefe Beruhigung. Der Mann, der in der Hirnschale der Maschinenstadt das starke Gehirn war, hatte den Fingerdruck von der blauen Metallplatte gelöst.

In zehn Stunden würde er das Maschinentier von neuem brüllen lassen. Und in abermals zehn Stunden abermals. Und so immer fort, immer fort, ohne die Zehnklammer je zu lösen.

Metropolis wußte nicht, was Sonntag war. Metropolis kannte nicht Feste noch Feiern. Metropolis hatte den heiligsten Dom der Welt, mit gotischem Zierat überreich geschmückt. In Zeiten, von denen nur noch die Chroniken wußten, hatte die sternengekrönte Jungfrau auf seinem Turm wie eine Mauer aus ihrem goldenen Mantel tief, tief hinab gelächelt auf fromme, rote Dächer, und die einzige Gesellschaft ihrer Holdseligkeit waren die Tauben gewesen, die in den Fratzenmäulern der Wasserspeier nisteten, und die Glocken, die nach den vier Erzengeln hießen und von denen St. Michael die herrlichste war.

Es hieß, der Meister, der sie gegossen hatte, wäre um ihretwillen zum Schelm geworden, denn er stahl wie ein Rabe geweihtes und ungeweihtes Silber und goß es der Glocke in den metallenen Leib. Als Lohn seiner Tat erlitt er auf dem Berlach den schweren Tod unter dem Rad der Schmerzen. Aber es hieß, daß er äußerst fröhlich gestorben sei, denn der Erzengel Michael läutete ihm auf dem Todweg so wundergewaltig ergreifend, daß jedermann meinte: Die Heiligen müßten dem Sünder bereits vergeben haben, da sie die himmlischen Glocken zu seinem Empfang bemühten.

Wohl sangen die Erzengel noch mit den alten, erzenen Stimmen; aber wenn Metropolis brüllte, war selbst St.Michael heiser. Der Neue Turm Babel und seine Häusergenossen reckten die nüchterne Höhe hoch über den Turm des Doms, daß die jungen Mädchen der Arbeitssäle und der Radiostationen aus den Fenstern des dreißigsten Stockwerks ebenso tief auf die sternengekrönte Jungfrau hinabblickten wie diese in früheren Tagen auf die frommen roten Dächer. An Stelle der Tauben aber schwärmten die Flugmaschinen über dem Dom und der Stadt und nisteten auf den Dächern, von denen nachts grellschimmernde Pfeile und Kreise den Fliegern Richtung und Landungspunkte wiesen.

Der Herr von Metropolis hatte schon mehr als einmal erwogen, den Dom, der zwecklos war und ein Verkehrshindernis in der Fünfzigmillionenstadt, abtragen zu lassen.

Aber die kleine, rasende Sekte der Gotiker, deren Führer Desertus war, halb Mönch, halb Verzückter, hatte den feierlichen Schwur getan: Wenn eine Hand aus der verruchten Stadt Metropolis es wagen würde, nur einen Stein des Domes anzutasten, dann würde sie nicht rasten und nicht ruhen, bis die verruchte Stadt Metropolis als Trümmerhaufen zu Füßen ihres Domes liegen würde.

Der Her über Metropolis verachtete Drohungen, aus denen ein Sechstel seiner täglichen Post bestand. Aber er liebte es nicht, mit Gegnern zu kämpfen, denen er mit der Vernichtung um ihres Glaubens willen einen Gefallen erwies. Das große Hirn, dem die Opferung der Wollust fremd war, schätzte die an sich unberechenbare Macht, die aus Geopferten und Märtyrern auf ihre Fährtenfolger überströmt, lieber zu hoch als zu niedrig ein. Auch war die Frage der Domzertrümmerung noch nicht so brennend, daß sie bereits Gegenstand eines Kostenvoranschlags gewesen wäre. Aber wenn der Zeitpunkt kam, so würden die Kosten dieses Niederreißens den Aufbau von Metropolis übersteigen. Die Gotiker waren Asketen; der Herr über Metropolis wußte aus Erfahrung, daß ein Multimilliardär billiger zu erkaufen war als ein Asket.

Freder erwog, nicht ohne ein fremdes Gefühl der Bitterkeit, wie oft ihm wohl der große Herr über Metropolis noch das Schauspiel bewilligen würde, das der Dom an jedem regenlosen Tage bot: Wenn die Sonne in den Rücken von Metropolis sank, daß die Häuser zu Gebirgen wurden und die Straßen zu Tälern, wenn die Ströme eines Lichts, das vor Kälte zu knistern schien, aus allen Fenstern, von den Häusermauern, von den Dächern und aus dem Bauch der Stadt hervorbrachen, wenn das lautlose Gezeter der Lichtreklamen sich erhob, wenn die Scheinwerfer in allen Farben des Regenbogens um den Neuen Turm Babel zu spielen begannen, die Autobusse zu Ketten lichtspeiender Ungeheuer, die kleinen Autos zu huschenden Leuchtfischen einer wasserlosen Tiefsee wurden, indes aus den unsichtbaren Häfen der Untergrundbahnen ein ewig gleicher magischer Schimmer drang, den hastige Schatten überwellten – dann stand der Dom in diesem randlosen Ozean des Lichts, das alle Formen durch Überstrahlung auflöste, als einzig Dunkles schwarz und beharrend da und schien sich in seiner Lichtlosigkeit von der Erde zu lösen und höher und immer höher zu heben und schien in diesem Mahlstrom tumultuarischen Lichts das einzig Ruhende, einzig Herrschende zu sein.

Aber die Jungfrau auf der Spitze des Turmes schien ihr eigenes sanftes Sternlicht zu haben und schwebte, losgelöst von der Schwärze des Steins, auf der Sichel des silbernen Mondes über dem Dom.

Nie hatte Freder das Antlitz der Jungfrau gesehen, und doch kannte er es so gut, daß er es hätte zeichnen können: das herbe Antlitz der Jungfrau, das süße Antlitz der Mutter …

Er beugte sich, die Handflächen um das Eisengeländer klammernd.

»Sieh mich an, Jungfrau!« bat er. »Mutter, sieh mich an!«

Der Lichtspeer eines Scheinwerfers flog ihm in die Augen, daß er sie zornig schloß. Eine sausende Rakete zischte durch den Himmel und hinterließ in der bleichen Dämmerung des späten Nachmittags das niedertropfende Wort: Yoshiwara …

Merkwürdig weiß und mit durchdringenden Strahlen schwebte über einem Haus, das nicht zu sehen war, das hochgetürmte Wort: Kino.

Alle sieben Regenbogenfarben loderten kalt und gespenstisch in lautlos schwingenden Kreisen. Das ungeheuerliche Zifferblatt der Uhr auf dem Neuen Turm Babel wurde gebadet von dem grellen Kreuzfeuer der Scheinwerfer. Und immer wieder und immer wieder tropfte aus dem bleichen, wesenlosen Himmel das Wort: Yoshiwara …

Freders Augen hingen an der Uhr des Neuen Turms Babel, wo die Sekunden als atmende Blitze auffunkten und wegloschen, unaufhaltsam im Kommen wie im Gehen. Er maß die Zeit, die vergangen war, seit die Stimme von Metropolis gebrüllt hatte – nach Futter, nach Futter, nach Futter. Er wußte: Hinter den tobenden Sekundenblitzen auf dem neuen Turm Babel war ein weiter, kahler Raum mit schmalen wandhohen Fenstern, Schalttafeln überall, genau in der Mitte der Tisch, das sinnreichste Instrument, das sich der Herr über Metropolis erschaffen hatte, um als einziger Meister darauf zu spielen.

Auf dem nüchternen Stuhl davor die Verkörperung des großen Gehirns: der Herr über Metropolis. Neben seiner rechten Hand die blaue, empfindliche Metallplatte, nach der er mir der unfehlbaren Sicherheit einer gesunden Maschine die Hand ausstrecken würde, wenn genug der Sekunden sich in die Ewigkeit vertobt hatten, um Metropolis abermals brüllen zu lassen – nach Futter, nach Futter, nach Futter …

In diesem Augenblick hatte Freder die unentrinnbare Vorstellung, daß er den Verstand verlieren würde, wenn er die Stimme von Metropolis noch einmal so nach Futter brüllen hören müßte. Und schon überzeugt von der Zwecklosigkeit seines Vorhabens, wandte er sich von dem Bilde der lichttollen Stadt und ging, den Herrn über Metropolis aufzusuchen, der Joh Fredersen hieß und sein Vater war.

2

DIE HIRNSCHALE des Neuen Turms Babel war mit Zahlen bevölkert. Aus einer unsichtbaren Quelle, von einer klaren, nicht lauten, unbewegten Stimme gesprochen, tropften die Zahlen rhythmisch durch die gekühlte Luft des großen Raumes, sammelten sich wie in einem Staubecken auf dem Tisch, an dem das große Hirn von Metropolis arbeitete, wurden gegenständlich unter den Bleifedern seiner Sekretäre. Acht junge Menschen glichen sich wie Brüder, die sie nicht waren. Obwohl sie wie Steinbilder saßen, an denen sich nur die schreibenden Finger der rechten Hand regten, schien jeder einzelne doch mit der schweißbedeckten Stirn und den offenstehenden Lippen eine Verkörperung der Atemlosigkeit zu sein.

Keiner hob den Kopf, als Freder eintrat. Auch sein Vater nicht. Die Lampe unter dem dritten Lautsprecher glühte weiß-rot.

New York sprach.

Joh Fredersen verglich die Zahlen der Abendkurse mit den Tabellen, die vor ihm lagen. Einmal klang seine Stimme auf, schwingungslos: »Irrtum. Rückfrage.«

Der Erste Sekretär schrak zusammen, beugte sich tiefer, stand auf und entfernte sich auf unhörbaren Sohlen. Die linke Braue von Joh Fredersen hob sich etwas, als er dem Gehenden nachsah, nur so lange, als es ohne Kopfwendung möglich war.

Ein kleiner, knapper Bleistiftstrich fuhr durch einen Namen.

Das weiß-rote Licht glühte. Die Stimme sprach. Die Zahlen tropften in den großen Raum. In die Hirnschale von Metropolis.

Freder blieb unbeweglich neben der Tür stehen. Er war sich nicht klar darüber, ob sein Vater ihn nicht doch schon wahrgenommen hatte. Sooft er diesen Raum betrat, war er wieder ein Knabe von zehn Jahren und der Grundzug seines Wesens Unsicherheit – dieser großen, geschlossenen und allmächtigen Sicherheit gegenüber, die Joh Fredersen hieß und sein Vater war.

Der Erste Sekretär ging vorüber, stumm und ergeben grüßend. Er glich einem Kämpfe, der besiegt die Bahn verläßt. Das kalkige Gesicht des jungen Menschen stand einen Augenblick lang vor Freders Augen wie eine große Weißlack-Maske. Dann war es ausgelöscht.

Zahlen tropften in den Raum. Ein Stuhl war leer. Auf sieben anderen saßen sieben und hetzten den Zahlen nach, die pausenlos aus dem Unsichtbaren sprangen.

Eine Lampe glühte weiß-rot.

New York sprach.

Eine Lampe strahlte auf: weiß-grün.

London begann zu sprechen.

Freder sah zu der Uhr hinauf, die der Tür gegenüber, wie ein Riesenrad die ganz Wand beherrschte. Es war die gleiche Uhr, wie sie von der Höhe des Neuen Turms Babel, von Scheinwerfern gebadet, ihre Sekundenfunken über die große Metropolis verspritzte. Der Kopf Joh Fredersens ragte in sie hinein. Sie hing als ein zermalmender und doch ertragener Schein der Glorie über dem Hirn von Metropolis.

An den raumhohen, schmalen Fenstern vorüber tobten die Scheinwerfer im Delirium der Farbenschlacht. Lichtkaskaden schäumten gegen die Scheiben. Draußen, tief am Fuß des Neuen Turms Babel, kochte Metropolis. Aber in diesem Raum war kein Laut zu hören außer den unablässig tropfenden Zahlen.

Das Rotwangsche Verfahren hatte Mauern und Fenster schalldicht gemacht.

In diesem Raum, der zugleich unterjocht und gekrönt war von der gewalttätigen Zeitmesserin, der zahlenweisenden Uhr, hatte nichts Wichtigkeit außer Zahlen. Der Sohn des großen Herrn von Metropolis begriff, daß, solange die Zahlen aus dem Unsichtbaren tropften, ein Wort, das nicht Zahl war und aus sichtbarem Munde kam, keinen Anspruch auf Gehörtwerden hatte.

Darum stand er still und blickte unablässig auf den dunklen Schädel seines Vaters und sah, wie der ungeheure Zeiger der Uhr, unaufhaltsam vorwärtsschreitend, gleich einer Sichel, einer mähenden Sense, durch den Schädel seines Vaters ging und ihn doch nicht verletzte, sich wieder hinaufschob an der zahlenumbauschten Rundung, die Höhe überkroch und sich abermals senkte, um den vergeblichen Sensenschlag zu wiederholen. Endlich erlosch das weiß-rote Licht. Eine Stimme verstummte. Dann erlosch auch Weiß-Grün.

Stille.

Die Hände der Schreibenden stockten, und für die Dauer weniger Augenblicke saßen sie wie Gelähmte, erschlafft und ausgeschöpft. Dann sagte die Stimme Job Fredersens mit einer trocknen Sanftheit: »Danke. Auf morgen.«

Und, ohne sich umzusehen: »Was willst du, mein Junge?«

Die sieben Fremden verließen den stumm gewordenen Raum. Freder trat neben seinen Vater; dessen Blick überspülten die Tabellen mit den aufgefangenen Zahlentropfen. Freders Augen hingen an der blauen Metallplatte, neben der rechten Hand seines Vaters.

»Woher wußtest du, daß ich da war?« fragte er leise.

Joh Fredersen sah ihn nicht an. Obwohl sein Gesicht mit der ersten Frage, die der Sohn an ihn richtete, einen Ausdruck von Geduld und Stolz gewonnen hatte, war ihm doch nichts von seiner Wachsamkeit verlorengegangen. Er blickte zu der Uhr auf. Seine Finger glitten über geschmeidige Tastsender des Tisches. Lautlos zuckten Befehle zu wartenden Menschen.

»Die Tür ging auf. Niemand wurde gemeldet. Es kommt niemand unangemeldet zu mir. Nur mein Sohn.«

Ein Licht unter Glas – eine Frage. Joh Fredersen ließ das Licht erlöschen. Der Erste Sekretär trat ein und neben den großen Herrn der großen Metropolis.

»Sie hatten recht. Es war ein Irrtum. Er ist berichtigt«, meldete er tonlos.

»Danke.« Kein Blick. Keine Handbewegung. »Die G-Bank ist angewiesen, Ihnen Ihr Gehalt auszuzahlen. Guten Abend.«

Der Junge Mensch stand unbeweglich. Drei, vier, fünf, sechs Sekunden versprühten sich an der riesenhaften Zeitmesserin. In dem kalkigen Gesicht des jungen Menschen brannten zwei leere Augen und drückten das Brandmal ihrer Angst in Freders Blick.

Eine Schulter Joh Fredersens rührte sich träge.

»Guten Abend«, sagte der junge Mensch erwürgt.

Er ging.

»Warum hast du ihn entlassen, Vater?« fragte der Sohn.

»Ich konnte ihn nicht brauchen«, sagte Joh Fredersen, und noch immer hatte er den Sohn nicht angesehen.

»Warum nicht, Vater?«

»Ich kann Menschen nicht brauchen, die zusammenfahren, wenn man sie anspricht«, sagte der Herr über Metropolis.

»Vielleicht fühlte er sich krank … Vielleicht hatte er Kummer um jemand, den er lieb hat …«

»Möglich. Vielleicht auch war er noch betäubt von der zu langen Nacht in Yoshiwara … Hüte dich, Freder, Menschen, nur weil sie leiden, für gut, schuldlos und Opfer zu halten. Wer leidet, ist schuldig geworden; an sich – an andern.«

»Du leidest nicht, Vater?«

»Nein.«

»Du bist ganz schuldlos?«

»Die Zeit der Schuld und des Leidens liegt hinter mir, Freder.«

»Und wenn jetzt dieser Mensch … Ich habe es noch nie gesehen, aber ich glaube: so wie er gehen Menschen aus einem Raum, die entschlossen sind, ihrem Leben ein Ende zu machen …«

»Vielleicht.«

»Und wenn du morgen früh erführest, daß er tot sei, das würde dich gar nicht berühren?«

»Nein.«

Freder schwieg.

Die Hand seines Vaters glitt über einen Hebel, drückte ihn nieder.

In allen Räumen, die der Hirnschale des neuen Turms Babel vorgelagert waren, erloschen die weißen Lampen. Der Herr über Metropolis hatte der Ringwelt um sich her zu verstehen gegeben, daß er ohne zwingenden Grund nicht gestört sein wollte.

»Ich kann es nicht dulden«, fuhr er fort, »daß ein Mensch, der neben meiner rechten Hand in Gemeinschaft mit mir an Metropolis arbeitet, sich der einzigen Größe begibt, die er vor der Maschine voraus hat.«

»Und was ist das, Vater?«

»Arbeit als Lust zu empfinden«, sagte der Herr über Metropolis.

Freders Hand fuhr über sein Haar und blieb auf dem reinen Blond liegen. Er öffnete die Lippen, als ob er etwas sagen wollte; aber er blieb stumm.

»Meinst du«, fuhr Joh Fredersen fort, »ich brauchte die Bleifedern meiner Sekretäre, um amerikanische Börsenmeldungen zu kontrollieren? Die Schrifttabellen in den Übersee-Drommeten Rotwangs sind hundertmal zuverlässiger und schneller als Schreibergehirne und -hände. Aber an der Präzision der Maschine kann ich die Präzision der Menschen messen – am Atem der Maschine die Lunge der Menschen, die mit ihr um die Wette laufen.«

»Und der Mann, den du eben entlassen hast und der ein Gerichteter ist (denn von dir entlassen sein, Vater, das heißt: Hinunter! Hinunter!), der hat den Atem verloren, nicht wahr?«

»Ja.«

»Weil er ein Mensch und keine Maschine war …«

»Weil er sein Menschtum verleugnete vor der Maschine.«

Freder hob den Kopf und die sehr verstörten Augen.

»Nun kann ich dir nicht mehr folgen, Vater«, sagte er gequält.

In Joh Fredersens Gesicht vertiefte sich der Ausdruck der Geduld.

»Der Mann«, sagte er still, »war mein Erster Sekretär. Er bezog das achtfache Gehalt des letzten. Das war gleichbedeutend mit der Verpflichtung, das Achtfache zu leisten. Mir. Nicht sich. Morgen wird der Fünfte Sekretär an seiner Stelle sein. In einer Woche wird er vier der anderen überflüssig gemacht haben. Den Mann kann ich brauchen.«

»Weil er vier andere erspart.«

»Nein. Freder. Weil er die Arbeit von vier anderen als Lust empfindet. Weil er sich in die Arbeit verkrampft – lustvoll verkrampft wie in ein Weib.«

Freder schwieg. Joh Fredersen sah seinen Sohn an. Aufmerksam sah er ihn an.

»Du hast etwas erlebt?« fragte er.

Die Augen des Jungen, schön und traurig, glitten über ihn fort ins Leere. Wildes, weißes Licht gischte gegen die Fenster und ließ im Erlöschen den Himmel über Metropolis als sammetschwarzes Tuch zurück.

»Ich habe nichts anderes erlebt«, sagte Freder stockend, »als daß ich glaube, zum erstenmal in meinem Leben das Wesen der Maschine begriffen zu haben …«

»Das würde sehr viel bedeuten«, entgegnete der Herr über Metropolis. »Aber wahrscheinlich bist du im Irrtum, Freder. Hättest du das Wesen der Maschine wirklich begriffen, dann wärest du nicht so verstört.«

Langsam wandte ihm der Sohn die Augen zu und die Hilflosigkeit seines Nichtbegreifens.

»Wie kann man anders als verstört sein«, sagte er, »wenn man, wie ich, den Weg zu dir durch die Maschinensäle nimmt, durch die herrlichen Säle deiner herrlichen Maschinen, und die Geschöpfe sieht, die an sie gekettet sind durch Gesetze ewiger Wachsamkeit, lidlose Augen …«

Er stockte, seine Lippen waren dürr wie Staub.

Joh Fredersen lehnte sich zurück. Er hatte den Blick nicht von dem Sohn gelassen und hielt ihn jetzt noch fest.

»Warum nahmst du den Weg zu mir durch die Maschinensäle?« fragte er ruhig. »Es ist weder der kürzeste noch der bequemste.«

»Ich wollte«, sagte sein Sohn, die Worte weither suchend, »einmal den Menschen in die Gesichter sehen, deren kleine Kinder meine Brüder, meine Schwestern sind.«