Viele Kollegen, Auftraggeber und Freunde haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich zu den »dienstältesten« nach wie vor aktiven Dolmetschern gehöre. Ich kann das weder bestätigen noch dementieren, weiß nur, dass ich vor gut sechzig Jahren angefangen habe zu dolmetschen, seit mehr als fünfzig Jahren simultan in der Kabine. Seit Jahr und Tag werde ich immer wieder aufgefordert, meine Erlebnisse aufzuschreiben. Bisher habe ich aus mehreren Gründen gezögert. Zum ersten war ich nicht davon überzeugt, dass mein Berufsleben für einen größeren Leserkreis von Interesse sein könnte. Ich hatte nicht den Ehrgeiz, mich in die inzwischen übermäßig angewachsene Riege der Memoirenschreiber einzureihen. Nach wie vor bin ich aktiv im Tagesgeschäft und habe mir einfach nicht die Zeit genommen, meine berufliche Laufbahn zusammenfassend zu Papier zu bringen. Ich zögerte, den schmalen Grat zwischen dem Gebot der Vertraulichkeit und dem öffentlichen Interesse an mitunter brisanten Informationen zu beschreiten. Da die Lebensbeichte eines Dolmetschers ohne die Nennung prominenter Akteure nur allgemeines Geschwafel sein musste, waren auch die Persönlichkeitsrechte noch lebender Personen oder deren Erben zu respektieren. Die Arbeit eines Dolmetschers ist uninteressant, wenn nicht auch das gesellschaftliche Umfeld dieser Arbeit berücksichtigt wird. Viele Kollegen unserer Zunft erleben zwar hautnah so manche bedeutende Ereignisse. Aber haben wir die Qualifikation und das Recht, diese öffentlich zu analysieren? Ich war ehrlich bemüht, diese Aspekte zu berücksichtigen. Dabei war mir voll bewusst, dass mich ein nicht unerheblicher Teil meiner beruflichen Aufgaben in unmittelbaren Kontakt mit den Mächtigen dieser Welt brachte. Aber da waren auch viele andere. Diese sollten zwar nicht als mächtige, dennoch aber als große, außergewöhnliche Persönlichkeiten der Zeitgeschichte bezeichnet werden.
Nach meiner Kenntnis gibt es bisher in der Literatur nur drei Dolmetscherbücher. Es sind dies die Memoiren von Walentin Bereshkow, dem Dolmetscher Stalins (Jahre im Diplomatischen Dienst), Eugen Dollmann (Dolmetscher der Diktatoren) und Paul Schmidt (Statist auf diplomatischer Bühne 1923–1945). Sie beschreiben jeweils einen begrenzten Zeitraum bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich habe nun versucht, etwas über die letzten sechs Jahrzehnte zu berichten – immer aus der Froschperspektive des dienenden Dolmetschers. Deshalb habe ich auch in Anlehnung an den Klassiker des italienischen Dramatikers Carlo Goldoni (1746) den Titel gewählt: Ein Diener vieler Herren.
Nichts war und ist mir mehr zuwider als das sentimentale Säuseln ältlicher Tanten und Omas, die sich vor lauter Verzückung nicht halten können, wenn Nichten, Neffen und Enkel Papiertauben durchs Wohnzimmer fliegen lassen oder mit ihren kleinen Fäusten auf dem seit Jahren nicht gestimmten Klavier herum hämmern: »Ach, schaut doch nur, das Kleine wird bestimmt mal ein ganz und gar berühmter Pianist oder gar ein Pilot wie einst der berühmte Charles Lindbergh!« Auch ich wollte einmal »Flugzeugchauffeur« werden, nachdem ich als Sechsjähriger auf dem Tempelhofer Flugfeld die Loopings eines Ernst Udet bestaunen durfte. Das war im Vorkriegsberlin der dreißiger Jahre, für die meisten meiner naiven Landsleute eine scheinbar »heile Welt« – unterm Hakenkreuz. Auch für meine Mutter, eine liebenswerte, treu sorgende Hausfrau, und für meinen staatenlosen Vater, ein gebürtiger Libanese, also, wie man Jahrzehnte später sagen wird, mit »Migrationshintergrund«.
Wenige Wochen nach dem Tempelhofer Erlebnis stand ich mit einer großen Zuckertüte zur Einschulungsfeier in der Aula der 19. Volksschule in der Charlottenburger Bleibtreustraße. Mit dem neuen Lebensabschnitt änderte sich vieles. Ich lernte nicht nur das ABC und zunächst das kleine Einmaleins. Ich lauschte mit gespitzten Ohren, wenn sich mein Vater mit arabischen Freunden unterhielt. Von meinem ersten Taschengeld kaufte ich mir ein winziges Büchlein Metoula-Sprachführer Arabisch. Bald konnte ich mit väterlicher Hilfestellung das arabische Alphabet aufsagen und auf Arabisch bis einhundert zählen. Andere Freunde der Familie waren des Arabischen nicht mächtig und parlierten auf Englisch und Französisch. So hatte es mit den Fremdsprachen angefangen, und es hat mich nie wieder losgelassen.
Noch etwas sollte mich nachhaltig prägen. Mein Vater hatte am 9. November Geburtstag. Wir hatten Gäste. Ich durfte, im Jahre 1938 mittlerweile acht Jahre alt, an diesem Abend etwas länger aufbleiben. Gegen neun Uhr klingelte es Sturm. Ein Nachbar stand vor der Tür. Ich spitzte die Ohren und verstand nur einen Satz: »Die Synagoge brennt.« Meine Eltern und unsere Freunde waren keine Nazis, keine Rassisten, sondern unpolitisch bis zur unvorstellbaren Naivität. In unserem gutbürgerlichen Mietshaus wohnten auf mehreren Etagen jüdische Familien, allesamt sympathische Nachbarn. Wir liefen auf die Straße und wurden von einer Menschenmenge mitgezogen – nur ein paar Blocks weiter in die Fasanenstraße. Dort standen wir zusammen mit vielen anderen und starrten hinter der Polizeiabsperrung auf die brennende Synagoge. Von der Feuerwehr war keine Spur, wohl aber von SA-Leuten in ihren Braunhemden, die im Eilschritt aus dem Gotteshaus silberne Leuchter und schwere Gobelins herausschleppten, angeblich um sie zu retten. Es war ein makabrer Anblick. Die Menge blieb stumm.
Dann wagte meine Mutter, den Mund aufzumachen und zu flüstern: »Das kann keinen Segen bringen. Wenn das unser Führer wüsste, der würde dem Spuk aber sofort ein Ende machen.« Mit meinen acht Lebensjahren war mir unheimlich zumute, mehr aber auch nicht. Jahre sollten vergehen, bis wir endlich aufwachten und mit Scham und Entsetzen begriffen, welch verbrecherischem Tun wir so lange stillschweigend zugesehen hatten.
Damals war mir nicht bewusst, dass mit diesen Erlebnissen auch erste Grundlagen für mein späteres Leben als gesellschaftspolitisch engagierter Dolmetscher gelegt waren.
Meine Mutter stammte ursprünglich aus Bernburg in Sachsen-Anhalt. Dort hatten wir im Haus meiner Großeltern in einem Raum vorübergehend Unterschlupf gefunden, Schutz vor den inzwischen fast täglichen Bombenangriffen auf die Reichshauptstadt. Wir, das waren meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich. Mein Vater, von Beruf Seemann und ehemaliger Weltkriegsteilnehmer in der Marine des Osmanischen Reiches, hatte für sich und damit die ganze Familie noch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die deutsche Staatsbürgerschaft »verliehen« bekommen, als reinrassiger Araber, nach Görings Devise: »Wer Arier ist, bestimme ich.« Somit war er »wehrtauglich« und konnte als »Reichsdeutscher« eingezogen werden. Dass er sich in Südfrankreich der Zweiten Brigade des Maquis anschloss und fortan auf der richtigen Seite kämpfte, war das Ergebnis furchtbarer Erlebnisse auf mehreren Kriegsschauplätzen, die ihm allmählich die Augen öffneten und ihn zwangsläufig zu politischem Handeln trieben. Unterschwellig dazu beigetragen hatte auch die Freundschaft meiner Eltern mit der Familie Bonhoeffer. Außerdem war er ein weltoffener Seemann. Als Kind in einem französischen Internat bei Beirut erzogen, war sein kultureller Hintergrund alles andere als preußisch. Eine seiner Hauptaufgaben in der Résistance war es, verfolgten französischen Juden über die Pyrenäen illegal über die Grenze in das neutrale Spanien zu verhelfen. Das Franco-Regime war nazifreundlich, jedoch mit Abstrichen. Juden wurden in Spanien nicht verfolgt. Meine Mutter hatte auf Umwegen vom Seitenwechsel meines Vaters erfahren. Sie hat jedoch geschwiegen wie ein Grab. Offiziell galt mein Vater als vermisst. Hätte unter den Bedingungen der Naziherrschaft und des »totalen Krieges« die Gestapo Wind bekommen, Sippenhaft für meine Mutter und Zwangserziehung für uns Kinder wären noch das Mindeste gewesen. Ich habe es erst nach Kriegsende erfahren. Doch das ist eine andere Geschichte. Mich tangierte das alles insofern, als die ganze Familie dadurch einen antifaschistischen Bonus erhielt, von dem ich – ohne eigenes Zutun – in meinem späteren Berufsleben profitieren sollte.
Mein Vater kehrte bald nach Kriegsende zu uns zurück, von den französischen Behörden hoch dekoriert für seinen Beitrag im Kampf gegen die Nazi-Okkupation. Wir blieben zunächst in Sachsen-Anhalt. Erstens gab es in der ländlichen Gegend mehr zu essen als in der Großstadt. Zweitens hatten wir, wie damals viele andere auch, die Illusion, dass im Osten ein neues, demokratisches Deutschland errichtet würde. Drittens glaubten wir an den vorübergehenden Charakter der Besatzungszonen und daran, dass wir nach einer baldigen Wiedervereinigung ohnehin wieder in unser heimatliches Charlottenburg zurückkehren könnten. Die Geschichte nahm jedoch einen anderen Verlauf, und bald wurden wir Bürger der DDR.
Meine Englischlehrer am Moltke-Gymnasium (heute Schillergymnasium) in der Charlottenburger Schillerstraße waren toll. Vor dem Krieg hatten sie jahrelang in England studiert und gearbeitet. Ich selbst war familiär fremdsprachlich »vorbelastet« und hatte keine Hemmungen zu sprechen, sondern eine geradezu leidenschaftliche Affinität zu fremden Sprachen. Der Krieg war aus. Die Grenzen waren zwar noch nicht offen, aber die uns eingebläuten Feindbilder hatten ihre Wirkung verloren.
November 1949 – das Institut für Publizistik an der Martin-Luther-Universität, Vorläufer der Leipziger Fakultät für Journalistik, war in einem verfallenen Altbau in der Großen Ullrichstraße in Halle an der damals noch sauberen Saale untergebracht. Mittlerweile war ich Student.
Das Seminar zu Fragen der Stilkunde hatte vor wenigen Minuten begonnen, als die Tür aufging. Hereinspaziert kam ein ältliches Fräulein aus der Uni-Verwaltung und hinter ihr ein leibhaftiger Chinese, ein nicht alltäglicher Besuch. Yuan Miao Tse sprach kein Wort Deutsch, dafür aber ein ebenso fließendes wie schwer verständliches Englisch. Und da es vielen Asiaten, wie uns erst später bewusst wurde, schwer fällt, ein »r« auszusprechen, wurde das englische Wort für Wahlen, »election«, mit dem mehrdeutigen »erection« verwechselt. Yuan, wie wir ihn fortan nannten, ein junger Magister der Geschichte, hatte in der Armee von Tschiang Kai-schek gedient, war dann von der US-Army übernommen worden und über die USA auf Umwegen in die soeben erst gegründete DDR gelangt, wo er eigentlich bleiben wollte. Er sympathisierte zwar mit Mao Tse-tung, noch mehr aber mit dem vermeintlich angenehmeren Leben außerhalb seiner Heimat. Eine schillernde Figur mit vielen Fragezeichen.
Nichtsdestotrotz hatte er nach gründlicher Überprüfung bei den »Freunden« im Ostberliner Karlshorst Gastrecht in der DDR erhalten. Nun wollte er kreuz und quer zwischen Elbe und Oder, Sassnitz und Sonneberg Vorträge über das neue China halten. Ich wurde tageweise als Dolmetscher freigestellt und wir zogen durch die Lande, weil Yuan Miao Tse ohne Dolmetscher bei aller Sympathie für das neue China vor dem zahlreich erschienenen Publikum gegen die Wand geredet hätte. Das Unternehmen wurde von der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion (später Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft) gesponsert. Eine Deutsch-Chinesische Gesellschaft gab es noch nicht. Ich erhielt als Student weiterhin Stipendium, verdiente zusätzlich mein erstes bescheidenes Honorar als Dolmetscher und, was noch wichtiger war, erhielt zumindest einen bescheidenen Vorgeschmack auf das, was einmal mein Beruf werden sollte. Wir sprachen fast überall vor einem begeisterten Publikum. Yuan hatte sich in jugendlichem Überschwang und in der Hoffnung auf ein neues China der sozialen Gerechtigkeit wie erwähnt dem Hoffnungsträger Mao-Tsetung angeschlossen. Dieses neue China war das Thema seiner Vorträge. Ich war aus unserer Seminargruppe ausgewählt worden, weil ich die Begrüßung des Besuchers und dessen Erwiderung offenbar zur Zufriedenheit des Seminarleiters gedolmetscht hatte und der Besuch des Chinesen von der Leitung der Universität ausdrücklich unterstützt wurde. In jenen Tagen, da ein paar Meter vom Institut entfernt im gerade neu eröffneten weiß gekachelten ersten HO-Geschäft eine Bockwurst für sechs Mark ohne Fleischmarken über den Ladentisch ging, waren internationale Kontakte etwas ganz besonderes.
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Der Vormittag an jenem Maientag im Jahr 1950 hatte mit Wonnemonat nicht das Geringste zu tun. Vom wolkenverhangenen Himmel nieselte es nasskalt auf die Ruinen der Wilhelmstraße des ehemaligen Regierungsviertels in Berlin-Mitte. Zusammen mit einem Dutzend aktiver FDJler war mir in einer halbwegs winterfest gemachten Ruine ein provisorisches Quartier zugewiesen worden. Jahre später sollte hier das DDR-Volksbildungsministerium einziehen.
Paradoxerweise waren beim Untergang des tausendjährigen Reiches bei den mörderischen Straßenkämpfen vor dem »Führerbunker« die Ruine der Reichskanzlei, schräg gegenüber das Goebbelsche Propagandaministerium auf dem Wilhelmplatz (später Ernst-Thälmann-Platz), Goerings Luftfahrtministerium Ecke Leipziger Straße, Ribbentrops Außenministerium (in der früheren Kanzlei Bismarcks) und auch das berühmte Hotel Adlon am Brandenburger Tor mit nur wenigen Kratzern davon gekommen. Das Tor selbst ragte als rauchgeschwärzte Ruine vor dem Tiergarten in den Himmel. Dieser war im Schrapnellfeuer so gut wie eingeebnet und hatte bald nach der Kapitulation der letzten Verteidiger Kartoffel- und Gemüsebeeten Platz gemacht. Die Berliner hatten Hunger. Das Adlon war wenige Monate nach Kriegsende aus bis heute ungeklärten Ursachen einem Brand zum Opfer gefallen.
Doch zurück zum Jahr 1950. Es war der zweite Tag des Ersten Deutschlandtreffens der FDJ. Ungeachtet meiner »Westkaderakte« als ehemaliger Charlottenburger war ich auf Grund des erwähnten Familienbonus vom FDJ-Landesvorstand Sachsen-Anhalt als Dolmetscher nach Berlin delegiert worden und für die Dauer des Deutschlandtreffens erneut vom Studium beurlaubt. Eigentlich war ich immer noch Student, musste aber diese »wichtige gesellschaftliche Aufgabe« erfüllen. Für mich als »Auserwählten« war das damals reizvoll und auch schmeichelhaft. Der Lehrstoff musste jedoch ohne Gnade nachgeholt werden. Die starke Betonung der gesellschaftspolitischen Pflichten war der Aufbauphase nach dem Krieg geschuldet, stand für mein Empfinden zuweilen aber doch im Widerspruch zu den Anforderungen des Studiums.
Nur zwei englischsprachige Ehrengäste waren zum FDJ-Deutschlandtreffen angereist, Bert Williams aus Australien und Francis Daymon aus den USA. Die hatte ich bei Bedarf zu betreuen. Doch dann klingelte in unserer zur »Einsatzzentrale« umfunktionierten Unterkunft das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich das Büro Honecker im Zentralrat der FDJ. Dieser bestand aus ganzen drei Zimmern in einem alten Gebäude der benachbarten Kronenstraße. Dort sollte ich mich umgehend einfinden. Honecker war seit dem »Ersten Parlament« Vorsitzender der damals als überparteilich propagierten Freien Deutschen Jugend. Ich wurde Honecker als Spross einer antifaschistischen Familie vorgestellt, was offensichtlich für meine Eignung sprach, hatte er doch selbst in der Nazizeit zehn Jahre hinter Gittern verbracht. Mit einer etwas linkischen jovialen Geste bot er mir aus einem mit »Westzigaretten« gefüllten Etui eine Camel an (was mich etwas verwunderte) und machte mir Mut mit den Worten: »Du wirst das sicher schon schaffen.« Das war unsere erste Begegnung. (Zu seiner nachträglichen »Ehrenrettung« muss ich anmerken, dass er einige Jahre später nach dem Besuch der Parteihochschule der KPdSU nie wieder Alkohol oder Zigaretten anrührte.)
An dem seiner Zeit noch nicht Checkpoint Charly genannten und überhaupt noch in keiner Weise befestigten Grenzübergang an der Ecke Friedrich- und Zimmerstraße hatte sich ein englischer Journalist gemeldet, der offenbar in den Osten »desertieren« wollte. Der müsse nun verhört werden, und dafür brauche man einen der englischen Sprache mehr oder weniger leidlich mächtigen Dolmetscher. Die Wahl fiel auf mich. Leicht aufgeregt tigerte ich los – und erlebte meine erste große Enttäuschung. Der Engländer, bis dato Reuters-Korrespondent in Westberlin, sprach fließend deutsch. Er hieß John Peet, allen altgedienten DDR-Bürgern als späterer Herausgeber des Democratic German Report wohl bekannt. Etwas amüsiert, aber mit Wohlwollen reagierte er auf mein Bemühen, die mitunter etwas sperrigen Fragen der ebenfalls vor Ort eingetroffenen Vernehmer zu übersetzen. Er wurde in Ostberlin heimisch, erhielt ein großzügig eingerichtetes Büro bei der Liga für Völkerfreundschaft und fragte mich Jahre später, ob ich als studierter Journalist mit englischen Sprachkenntnissen bei ihm in der Redaktion mitarbeiten wollte. Mit gemischten Gefühlen gab ich ihm einen Korb. Ich wollte als sogenannter Quereinsteiger in der Zunft der Dolmetscher und Übersetzer freiberuflich bleiben und habe nach Jahren intensiver Praxis eine staatliche Prüfung als Sprachmittler abgelegt.
Zwei Dinge sind mir aus meinen Kinder- und frühen Jugendjahren bis heute in bleibender Erinnerung geblieben. Immer wenn man etwas als besonders gut bewerten wollte, sagte man: »Wie im Frieden«. Selbst in den ersten Jahren der DDR wurde bei aller Verurteilung der Nazi-Ära ganz offiziell verkündet, dass der Lebensstandard wieder auf Vorkriegsniveau gebracht werden sollte, nach Möglichkeit auf das Niveau des Jahres 1936. Zweitens machte in Berlin ein geflügeltes Wort die Runde: »Wenn der Funkturm wieder blinkt, jeder Bohnenkaffee trinkt, jedes Auto tankt Benzin, dann ist Frieden in Berlin.«
In den ersten zehn Jahren dieses Friedens nach dem Kriegsende war im Osten Deutschlands das Dolmetschen vorwiegend Domäne einer zahlenmäßig kleinen Elite, Menschen, die aus der antifaschistischen Emigration nach Deutschland zurückgekehrt waren. Als junger Hüpfer von ihnen anerkannt zu werden, war nicht einfach. Ich wollte jedoch unbedingt nach den Jahren der Isolierung von der zivilisierten Welt gerade über die Sprachmittlung meinen bescheidenen Beitrag zur Verständigung zwischen den Völkern leisten. Meine Motivation war also durchaus politischer Natur und sollte später auch typisch für die damalige DDR werden, die mit allen Mitteln um die internationale Anerkennung bemüht war. Darin begründet lag auch ein Unterschied zur Nachkriegsgeschichte des Dolmetschens im Westen. Dort schien das Übersetzen wesentlich von kommerziellen Ambitionen geprägt zu sein. Das erlebten wir immer wieder bei Begegnungen mit westdeutschen Berufskollegen, die im aufblühenden »Wirtschaftswunder« hauptsächlich auf den Gebieten des Exports und des Tourismus tätig wurden.
Der Osten war unter den Bedingungen des Kalten Krieges auch für die meisten Dolmetscher und Übersetzer schlechter dran. Es fehlten die weltweiten Kontakte und damit, vor allem für die sogenannten West-sprachen, die internationale Praxis.
Mit beinahe fassungsloser Hochachtung blickten wir in der jungen DDR auf die wenigen »Kollegen«, die sich unter geradezu archaischen technischen Bedingungen an das Simultandolmetschen wagten, im Frühstadium unserer Zunft als »Mikrodolmetschen« bekannt.
An den medizinischen Fakultäten von Padua, Paris, Genf, Moskau und Jena haben im Laufe der Jahre einige junge Mediziner den kühnen Versuch unternommen zu erforschen, welche Prozesse im Großhirn des Menschen beim Simultandolmetschen ablaufen. Bei aller Vielfalt der variantenreichen Ergebnisse sind die meisten zu ein und derselben Schlussfolgerung gelangt: Simultandolmetschen ist physiologisch nicht möglich. Zwischen der akustischen Aufnahme des Gehörten und der Wiedergabe in einer anderen Sprache liegen so viele komplexe Vorgänge der Transposition von einer Kultur in eine andere, und zwar in Bruchteilen von Sekunden, dass sie von den beiden Hälften des menschlichen Gehirns nicht zu bewältigen sind.
Und doch wird in der Praxis tausendfach simultan gedolmetscht. Es begann bei den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazireichs im Jahr 1946 und nicht, wie vielfach angenommen, bereits beim Völkerbund. Zwei der »Nürnberger« Russischdolmetscher habe ich noch persönlich kennen gelernt und mit einem von ihnen später auch in der Dolmetscherkabine gearbeitet.
Überhaupt laufen einem da so mancherlei außergewöhnliche Typen über den Weg. Als ich nach mehreren Einsätzen in verschiedenen Städten der USA zum ersten mal am New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen dolmetschte, hatte ich meiner in Berlin zurückgebliebenen Frau meine Adresse im Hotel Doral Inn in der Lexington Avenue mit Zimmer- und Telefonnummer mitgeteilt. Sie war wegen des sechsstündigen Zeitunterschieds lange wach geblieben und klingelte an. Am anderen Ende meldete sich aber nicht ihr Ehemann, sondern Valentin Bereshkow, ehemaliger Dolmetscher Stalins und Molotows bei den Verhandlungen zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939. Damals war er als blutjunger Diplomat Dritter Sekretär an der Berliner Botschaft der UdSSR unter den Linden. Inzwischen war Bereshkow Mitarbeiter der sowjetischen UNO-Mission in New York. Während der zu bedolmetschenden Konferenz war er zu seiner Delegation ins Hotel gezogen und hatte mich am Abend zuvor gebeten, mit ihm das Zimmer zu tauschen, weil ihn seine Genossen auf ihrer Etage stets in der Nähe haben wollten. Mit Bereshkow entwickelte sich ein Verhältnis freundschaftlicher Kollegialität. Er war hoch gebildet, weltoffen, sprach fließend Deutsch und Englisch und hat im Jahr 1972 unter dem Titel Jahre im diplomatischen Dienst seine Memoiren veröffentlicht. 1976 erschien das Buch in deutscher Übersetzung. Bereshkow war inzwischen wissenschaftlicher Assistent im Moskauer USA-Kanada-Institut unter der Leitung des Breschnew-Beraters Professor Arbatow. In den immer noch lesenswerten Memoiren waren leider viele der besonders interessanten, aber auch brisanten Details der Zensur zum Opfer gefallen. Erst in der »Glasnost«Ära unter Gorbatschow durfte er in mehreren Fernsehsendungen aus dem Nähkästchen plaudern.
Zurück zu den Anfängen. Zu den Dritten Weltfestspielen der Jugend und Studenten für den Frieden waren im August 1951 26.000 ausländische Teilnehmer aus 106 Ländern nach Berlin angereist. Es wurden sehr viele Dolmetscher gebraucht und aus allen Ecken und Winkeln des Landes angeworben. Wieder zeitweise vom Studium freigestellt, durfte ich mir erneut einige Sporen verdienen. Dabei muss ich gestehen, bei vielen von uns war die professionelle Qualifikation nicht ganz so stark ausgeprägt wie die Begeisterung, dabei zu sein, als zum ersten Mal nach Kriegsende die deutsche Jugend, aus der erzwungenen Isolierung befreit, die internationale Bühne betrat. Das fast völlig zerbombte einst jüdische Kaufhaus Jonas aus den zwanziger Jahren am Berliner Alexanderplatz (Deutschlands erstes Kaufhaus, in dem Ratenzahlung angeboten wurde) war gerade wieder aufgebaut und zum »Haus der Weltjugend« umfunktioniert worden, dem Sitz des Internationalen Organisationskomitees mit improvisierten Übersetzerabteilungen für viele Sprachen.
Hier hatte ich meine ersten Begegnungen mit Paul Markowski und Werner Lamberz, der eine später Abteilungsleiter im Zentralkomitee der SED, der andere Mitglied des Politbüros, enger Vertrauter von Erich Honecker und in den kommenden Jahren als »Kronprinz« und damit möglicher Nachfolger als Generalsekretär der Partei und Staatsoberhaupt gehandelt.
Beide kamen auf tragische Weise ums Leben, worüber noch zu berichten sein wird. Auch Gerhard Herder war einer der aktiven FDJ-Funktionäre im »Haus der Weltjugend«, bevor er nach Jahren DDR-Vertreter am UNO-Sitz in Genf und anschließend Botschafter im Libanon und in den USA wurde.
Raymonde Dien aus Frankreich, Piet van Staveren aus den Niederlanden und Dolores Ibarruri aus Spanien, die legendäre Pasionaria, waren unter den gefeierten Festivalgästen. Raymonde hatte sich in Frankreich an die Schienen einer Eisenbahnstrecke zum Hafen von Marseille gekettet, auf der Waffen für den Krieg in Vietnam transportiert werden sollten. Piet van Staveren war von den holländischen Behörden verfolgt worden, weil er sich geweigert hatte, als Kolonialsoldat an der Unterdrückung der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung teilzunehmen. Manolis Glezos hatte 1941 in einer tollkühnen Aktion die Hakenkreuzfahne von der Akropolis herunter geholt. Diese und andere Friedenskämpfer verehrten wir als unsere Helden. Sie waren aber klug genug, sich auf einem der vielen internationalen Diskussionsforen gegen den Marsch der Blauhemden über die noch offene Grenze nach Westberlin auszusprechen, ein scheinbarer Widerspruch, den ich zunächst nicht verstehen wollte. Diese Massendemonstration musste im Westen zwangsläufig als Provokation gesehen werden und endete folgerichtig unter den Knüppeln der nach dem Westberliner Polizeipräsidenten benannten »Stumm«-Polizei.
Die bereits erwähnte politische Motivation war einer der Unterschiede zwischen unserer Zunft im Osten und unseren westdeutschen Kollegen, die ihre ersten beruflichen Schritte im aufblühenden Wirtschaftswunder taten, also im Geschäftsleben, Tourismus usw. Sie hatten viel bessere Chancen als wir, sich in den Ländern ihrer Arbeitssprachen, besonders den »westlichen«, Praxis anzueignen. Und ihre Honorare verdienten diese Bezeichnung. Bei uns lag das Spitzenhonorar in der Kabine pro Tag bei ganzen 60 Mark der Deutschen Notenbank der DDR. Das sollte sich nur allmählich ändern. Rasant veränderte sich jedoch die Vielfalt der Themenbereiche. Immer mehr politische, technisch-wissenschaftliche und kulturelle Institutionen warben intensiv um Partner in aller Welt und genossen in ihrem Bemühen großzügige staatliche Unterstützung. Die heiß umworbenen Gäste hatten fast alles frei, einschließlich der zuweilen nicht gerade bescheidenen Flugpassagen.