Martin Specht
Narco Wars
Der globale Drogenkrieg
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
www.dnb.de abrufbar.
Alle Fotos im Innenteil und auf dem Cover
stammen von Martin Specht. © Martin Specht
1. Auflage als E-Book, August 2016
entspricht der 1. Druckauflage vom August 2016
© Christoph Links Verlag GmbH
Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0
www.christoph-links-verlag.de; mail@christoph-links-verlag.de
Covergestaltung: Stephanie Raubach, Ch. Links Verlag
Auf dem Cover ist ein Polizeieinsatz gegen Mara-Gangs in
El Salvador 2006 zu sehen.
eISBN 978-3-86284-350-3
COUNTDOWN
DER ANFANG EINER LANGEN KETTE:
AUF EINER COCA-PLANTAGE
HONDURAS: BEGEGNUNG MIT
EINEM AUFTRAGSMÖRDER
»THE DARK ART«: DER DROGENKRIEG DER USA
Die Anfänge der Drogenbekämpfung in
den Vereinigten Staaten
Die US-Drogenbekämpfung wird international:
Mexiko und Zentralamerika
Anstiftung zur Kriminalität: Der Fall Dennis Gögel
TRANQUILANDIA: KOLUMBIEN UND
DIE GEBURT DER DROGENKARTELLE
Kokain wird populär: Der Aufstieg des Pablo Escobar
»Robin Hood« und »El Patrón«: Die Narcokultur entsteht
»Narcoterrorismo«: Vom Drogenhändler zur
politischen Bedrohung
Terror mit Terror bekämpfen: Das Ende des Pablo Escobar
»Para-Mafias«: Das Erbe der Drogenkriege
SCHMUGGELWEGE DURCH DIE KARIBIK:
AM GOLFO DE URABÁ
»MATA, ROBA, VIOLA, CONTROLA!«:
DER DROGENKRIEG IN ZENTRALAMERIKA
Exodus nach Nordamerika:
Massenflucht vor der Drogenkriminalität
»Marabuntas«: Die Entstehung der Gangs
»Mano Dura«: Die Bekämpfung der Gangs
Waffenstillstand: Ein kurzzeitiger Hoffnungsschimmer
Im Schatten: Die Maras heute
DER MITTLERE UND FERNE OSTEN ALS DREHSCHEIBE DES OPIUM- UND HEROINHANDELS
Afghanistan: Drogenbekämpfung als Teil der Terrorbekämpfung
Der Krieg als Ursprung der Drogenkriminalität:
Das Goldene Dreieck
Tadschikistan: Die »nördliche Route«
des afghanischen Drogenschmuggels
Iran und Pakistan: Die »südliche Route«
des afghanischen Drogenschmuggels
CIUDAD JUÁREZ: SCHAUPLATZ DER GEWALT
»CHEMICAL GOLD«: METAMPHETAMIN
IM NAHEN OSTEN
KÖNIG MIDAS: GELDSTRÖME
»MR. HEROIN« UND »MR. KOKAIN«:
ZU BESUCH BEI EUROPOL
VEREINTE NATIONEN?
AM ENDE EINE NARCOCORRIDA
ANHANG
Literatur- und Quellenhinweise
Karten
Über den Autor
Gracias a …
»65 Tage – 07 Stunden – 46 Minuten – 58 Sekunden«. Der Countdown läuft. Ich bin in Honduras, um für mein Buch über den globalen Drogenkrieg zu recherchieren, in einem Hotel in San Pedro Sula. Draußen regnet es in Strömen. Ich habe meinen Laptop aufgeklappt und die Turnschuhe zum Trocknen vor den Ventilator gestellt. Auf einer Website der Vereinten Nationen (www.unodc.org/ungass2016/) wird die verbleibende Zeit bis zu einer Sondersitzung der Generalversammlung im April 2016 angezeigt. Thema: Das globale Drogenproblem.
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass circa 300 Millionen Menschen auf der Erde illegale Drogen konsumieren. Etwa 300 Milliarden Euro werden jedes Jahr weltweit im Drogenhandel umgesetzt. Die Bekämpfung der Drogenkriminalität kostet die daran beteiligten Staaten insgesamt mindestens 90 Milliarden Euro per anno. Allein in Mexiko starben als Folge der Auseinandersetzungen zwischen Staat und Drogenkartellen in den letzten Jahren etwa 200 000 Menschen. In Afghanistan werden Drogenhändler durch gezielte Drohneneinsätze getötet. In der Sahara beschlagnahmten französische Soldaten im Mai 2015 nach einem Feuergefecht im Nordosten des Niger 1,5 Tonnen Kokain. In Honduras kämpfen etwa 116 000 Mitglieder verschiedener Gangs gegeneinander um die Hoheit im Drogengeschäft.
Der Countdown läuft immer für irgendwen.
Am Ende des Pfades bleibt der Mann mit der gelben Baseballkappe stehen. Er schaut auf das dunkelgrüne Gestrüpp vor sich. Anschließend zum Himmel. Eine einzelne weiße Wolke schiebt sich in die Lücke, die zwischen den Baumwipfeln sichtbar ist. Der Mann nimmt die Kappe vom Kopf und reibt den schmutzigen Stoff zwischen den Händen. Die Finger sind dreckig, die Nägel dunkel verfärbt. Ich schaue ihn an. Er grinst. Seine Zähne sind strahlend weiß.
»Ya casi llegamos«, sagt er. Wir sind fast da. Ich nicke: »Bien«.
Mein Begleiter macht einen Schritt auf das Gestrüpp zu und biegt mit den Händen die Zweige auseinander. Er duckt sich ein wenig und macht einen Schritt nach vorn. Blätter und Äste streifen seine Kleidung, als er an ihnen vorbeigeht. Dann ist er nicht mehr zu sehen. Ich mache es ihm nach und schiebe mich durch das Gewirr. Der Waldboden auf der anderen Seite ist braun und trocken. Abgebrochene Zweige liegen herum. Der Mann verschwindet hinter einer Palme. Von einem anderen Baum hängen dünne Lianen bis fast auf den Boden herab. Es ist heiß, und zwischen den Bäumen ist die Luft stickig. Wir gehen leicht bergan. Die gelbe Baseballkappe auf dem Kopf des 30-Jährigen berührt manchmal die tief hängenden Äste.
Wir sind in Kolumbien. Irgendwo auf dem Land. Südlich der Stadt Cali. Wir schreiben 2016. Fast jeder in der Gegend sagt, dass es in diesem Jahr zu wenig regnet. Angeblich ist das Wetterphänomen El Niño schuld daran.
Schweigend gehen wir weiter. Es ist Nachmittag, und die Strahlen der Sonne fallen schräg auf den Waldboden. Die Schatten sind dunkel und grünblau. Dort wo das Licht direkt auf den Boden fällt, entstehen gleißende Flecken. Bei jedem Schritt raschelt es unter den Füßen. Sonst ist es still. Der Mann mit der Baseballkappe betritt eine Lichtung. Er hebt die Hand und zeigt auf etwas Grünes. Neben mir sehe ich eine Bewegung: Über einer violetten Blüte schwebt ein kleiner Vogel. »Un colibrí«, sage ich zu meinem Begleiter. Er nickt. »Coca«, versucht er meine Aufmerksamkeit auf die Pflanzen vor uns zu lenken. Der Kolibri steht in der Luft. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal einen in natura gesehen zu haben. Mit einer ruckartigen Bewegung wechselt der Vogel zu einer benachbarten Blüte. »Interessant«, entschuldige ich meine plötzlich geteilte Aufmerksamkeit.
Der Kolibri ist nicht bunt schillernd wie die, die ich von Abbildungen kenne, sondern eher graubraun. Kleiner als die Handfläche eines Erwachsenen. Der Körper ist tropfenförmig, der Schnabel lang und gerade. Wie eine Injektionsnadel schiebt das Tier ihn in eine halbverwelkte, violette Blüte. Der Coca-Farmer wird ungeduldig und geht mit entschlossenem Schritt auf seine Pflanzen zu. Der Vogel schwebt mit hochfrequentem Flügelschlag davon.
Die Coca-Pflanzen sind etwa hüfthoch und stehen ein bis zwei Meter voneinander entfernt auf der Lichtung verteilt. Vielleicht 50 insgesamt. Ich frage den Mann, ob ich mir ein Blatt abpflücken darf. Er nickt. Die Blätter sind oval, sehr gleichmäßig und grün. Beinahe monochrom. Nicht sehr dick. Aber irgendwie hart und spröde, genau wie der Rest der Pflanze. Die Äste sehen so aus, als könnten sie leicht brechen. Ich möchte wissen, ob die Trockenheit in diesem Jahr ein Problem sei. Nein, die Wurzeln der Coca-Sträucher seien fest im Boden verankert und fänden immer noch ausreichend Wasser. Außerdem sei es ja kein großes Feld.
Während der Recherche zu meinem Buch hatte ich beschlossen, mir den Anbau der Droge anzuschauen. Der hüfthohe Strauch vor mir steht am Anfang von etwas, das über das Leben und Sterben vieler Menschen bestimmt: Kokain.
Die Erträge aus dem Drogengeschäft finanzieren Krieg und Bürgerkriege und prägen die gesellschaftliche Realität etlicher Staaten Lateinamerikas entscheidend. Die Konflikte, die mit der Drogenkriminalität einhergehen, haben Hunderttausende Menschenleben gekostet. Am Ende der Kette steht der Konsument in Europa oder Nordamerika, den größten Märkten für Kokain, aber auch für Heroin oder Marihuana. Dazwischen die Toten in Mexiko, Honduras oder El Salvador, die bei den Auseinandersetzungen von Kartellen und Gangs um die Vorherrschaft im Drogengeschäft ihr Leben verlieren.
Auf der Lichtung vor mir sehe ich jetzt den Beginn dieser Kette: Einen Bauern mit seinen Pflanzen. Coca-Sträucher werden in den Anden seit Jahrhunderten angebaut. Unter den Ureinwohnern Kolumbiens war es weitverbreitet, die Blätter der Pflanze zu kauen oder als Tee zuzubereiten. Die Wirkung – ebenso das Abhängigkeitspotenzial – ist jedoch nicht mit der künstlich hergestellten Droge zu vergleichen. Heute stehen Kolumbien, Peru und Bolivien an der Spitze der weltweiten Kokainproduktion. Der Coca-Bauer vor mir verdient am schlechtesten von allen am Drogengeschäft Beteiligten. Für seine Ernte bekommt er nur wenig – der Preis für ein Gramm pasta básica de cocaina beträgt zwischen 0,50 und 1,20 Euro –, wenn man bedenkt, dass ein Gramm kolumbianisches Kokain – je nach Qualität – den Endverbraucher in Europa zwischen 50 und 200 Euro kosten kann. Je weiter sich die Droge von ihrem Anbaugebiet entfernt, umso mehr steigt ihr Preis. Trotzdem ist es für den Coca-Farmer in Kolumbien immer noch ein lohnendes Geschäft. In den abgelegenen Landesteilen gibt es wenige Verdienstmöglichkeiten, und legale Agrarerzeugnisse werden wesentlich schlechter bezahlt. Das verbindet den Coca-Anbau in Kolumbien mit dem Opium-Anbau in Afghanistan (s. S. 115 ff.), wie ich bei meinen Recherchen bemerke.
Es war erstaunlich leicht, jemanden zu finden, der Coca-Pflanzen anbaut. Hinter dem kleinen Hotel, in dem ich wohne, wächst ein großer Cannabis-Strauch. Nachdem ich lange genug davorstand, ihn anschaute und mit der Hand über die gezackten Blätter strich, kam ich mit einem der Angestellten ins Gespräch.
»Erstaunlich.«
»Es ist ein fruchtbares Land«, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Dann fragte er, ob ich die Coca-Pflanzen in der Gegend sehen wolle.
»Warum nicht.« Am nächsten Tag stand der Mann mit der gelben Baseballkappe und einem Motorrad vor der Tür. Zuerst fuhren wir über Nebenstraßen und Feldwege hinaus aufs Land, später gingen wir zu Fuß weiter.
Falls es mich interessieren würde, bietet mir der Coca-Farmer an, könne ich auch bei der Herstellung der »Coca-Base« dabei sein. In der kommenden Woche sei es soweit. Pasta básica de cocaina heißt die Substanz, die aus den Blättern der Coca-Pflanze gewonnen wird, und die später zu Kokain in Pulverform weiterverarbeitet wird. Ich bedanke mich für das Angebot und lehne ab. Ich habe das schon einmal gesehen. Es handelt sich um eine unappetitliche Prozedur mit viel Chemie. Man nehme: Ein aufgeschnittenes Ölfass, ausreichend zerschredderte Coca-Blätter, einige Liter Benzin, Zementpulver, etwas Wasser und zu guter Letzt noch einen ordentlichen Schuss handelsüblichen Abflussreiniger. Das Ganze ziehen lassen. Irgendwann erhitzen. Sich nicht an dem Gestank stören. Der Prozess ist in mehrere Phasen unterteilt, aber dennoch so einfach, dass er sich überall im Dschungel mit wenig Aufwand betreiben lässt. Am Schluss erhält man eine feste, weißliche Masse, die in Blöcke aufgeteilt wird: Pasta básica de cocaina.
Der deutsche Chemiker Albert Niemann war 1860 der Erste, dem es unter den damaligen Laborbedingungen in Göttingen gelang, den aktiven Wirkstoff aus den Blättern der Coca-Pflanze zu isolieren. Eine Expedition hatte ein Bündel der Pflanzen aus Kolumbien mit nach Europa gebracht. Niemann nannte das von ihm entdeckte Alkaloid »Kokain«. Anfangs wurde Kokain dazu verwendet, die Opiumabhängigkeit von Suchtpatienten zu therapieren. Nachdem aber mehr über die Nebenwirkungen von Kokain bekannt wurde, sah man von dieser Praxis wieder ab.
Der Coca-Farmer zieht den Schirm der gelben Baseballkappe tiefer ins Gesicht und beugt sich zu einer der Pflanzen hinunter. Er bricht die Spitze eines Zweiges mit einigen Blättern daran ab. Anschließend zerreibt er eines der Blätter zwischen seinen Fingern und riecht daran. »Irgendwann nächste Woche«, sagt er. Ich frage ihn, ob es bald regnen wird. Er schüttelt den Kopf.
Die Sonne fällt jetzt nur noch vereinzelt zwischen den Bäumen und Sträuchern hindurch. Die Lichtflecken sind nicht mehr gleißend, sondern goldbraun. Das Strahlen ist sehr sanft. Kleine Vögel beginnen hin und her zu fliegen. Jedes Mal, wenn einer von ihnen eine Lichtbahn kreuzt, leuchtet sein rotes Gefieder für einen Moment lang hell auf. Bald sieht man überall funkelnde rote Punkte zwischen den Coca-Pflanzen aufblitzen. Der Anblick ist atemberaubend schön. Der Mann mit der Baseballkappe spuckt auf den Boden und sagt, es sei Zeit zu gehen. Ich frage mich, ob ihm bewusst ist, wie viel Gewalt und Tod das Kokain in Länder, die die Droge passiert, bringt.
Die Erde kann das Regenwasser nicht mehr aufnehmen. Auch nicht das Blut, das aus den Schusswunden des Toten sickert. Alles fließt zwischen Steinen und Müll am Boden Gott weiß wohin. Der Regen fällt ohne Pause vom Himmel, und das Wasser läuft an mir herunter. In meine Turnschuhe hinein. Eine Frau lässt sich laut schreiend auf die Erde fallen und bleibt wimmernd im Matsch liegen. Um sie herum stehen andere Menschen. Als sie die Schüsse gehört haben, sind sie aus den Hütten auf die Straße gekommen. Die Frau wälzt sich zwischen den Füßen der Nachbarn hin und her. Ab und zu stöhnt sie laut auf. Ich sehe, wie ihre dicken, nackten Beine ins Leere treten. Eine Handvoll Polizisten und Soldaten nähert sich der Menschenansammlung. Während die Soldaten mit ihren M-16-Schnellfeuergewehren im Anschlag die Umgebung beobachten, leuchten die Polizisten mit Taschenlampen den Boden um den Toten herum ab. Der Regen verschluckt die Strahlen wie eine pechschwarze Wand. Es schüttet, als würde die Welt untergehen. Für die Frau trifft das möglicherweise sogar zu. Sie windet sich immer noch am Boden und schreit kurz hintereinander mehrmals besonders laut auf. Vielleicht hofft sie, dass ihre Verzweiflung wie das Blut vom Regen weggewaschen wird. Aber das Blut vermischt sich mit dem Regenwasser zu einer rotbraunen Brühe, die stehen bleibt. Die Frau vergräbt ihr Gesicht im Schlamm und wimmert hilflos.
Der Tote liegt schutzlos auf der Erde. Das Licht einer Taschenlampe lässt das Blut an Kopf und Oberkörper hellrot aufscheinen. Die Haare sind zu einer matschigen Masse verklebt. Im Schädel klafft ein Loch. Ein gewaltiger Schauer prasselt plötzlich vom Himmel. Im Schritttempo fährt ein weißer Kastenwagen auf die Menschen zu. Seine Scheinwerfer streifen einen Moment lang die unbeleuchteten Hütten auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein Hund beginnt, in der Dunkelheit dahinter heiser zu bellen.
Ein Mordopfer in San Pedro Sula, Honduras 2016
Der Wagen wendet und fährt rückwärts an den Tatort heran. Auf den Seiten steht in schwarzer Schrift »Medicina Forense«. Gerichtsmedizin. Ein Mann in Jeans und hellem Hemd steigt auf der Beifahrerseite aus und geht mit einem braunen Plastiksack in der Hand zu dem Toten. Als er sich über die Leiche beugt, fällt aus seiner Hemdtasche ein Kugelschreiber in eine Blutlache. Der Mann flucht, hebt den Stift auf und hält ihn kurz in den herabstürzenden Regen. Anschließend wischt er ihn an der Hose des Toten ab und steckt ihn wieder ein. Er hebt mit einer Hand Schulter und Kopf des Ermordeten an und schiebt mit der anderen den geöffneten Plastiksack über dessen Oberkörper. Dann arbeitet er sich bis zu den Füßen vor, und lässt den Leib in dem Sack verschwinden. »Volontarios?«, ruft der Gerichtsmediziner. Er fragt nach Freiwilligen. Sie sollen ihm helfen, den Toten zu tragen. Zwei Männer gehen zu ihm hin. Zu dritt schleppen sie die Leiche zum Fahrzeug. Auf der Ladefläche liegen bereits drei Säcke. Aus einem läuft Blut. Nummer vier wird mit einem Schwung obendrauf geworfen.
Die Frau kauert immer noch auf der Erde. Sie ist jetzt still und bewegt sich kaum. Ich weiß nicht, was sie mit dem Toten verbindet. Vielleicht war es ihr Ehemann, ihr Sohn, Bruder oder ein Freund. Die Polizisten halten sich nicht damit auf, Zeugen zu befragen oder den Tatort genauer zu untersuchen. Die Anwohner verschwinden schnell wieder in ihren Hütten. Die Frau steht auf. Sie wird von anderen Frauen gestützt und langsam durch Regen und Dunkelheit weggeführt. Ich gehe zurück zum Taxi. Meine Kleidung ist klatschnass. Bevor ich einsteige, entschuldige ich mich deswegen beim Fahrer. Wir sind zufällig an dem Schauplatz des Mordes vorbeigekommen. Ich wollte mir die Stadt anschauen. Im Februar 2016 bin ich in San Pedro Sula in Honduras, um einen Mörder zu treffen.
Während ich mich in Kolumbien aufhielt, schickte mir ein Bekannter aus San Pedro Sula eine Nachricht: »Möchten Sie einen sicario treffen?«
Ich wusste, dass dieser Informant über gute Beziehungen zu Kriminellen verfügt. Langsam übersetzte ich den Text der SMS ein zweites Mal, diesmal etwas sorgfältiger:
»Möchten Sie einen Auftragsmörder kennenlernen?«
»Warum nicht«, schrieb ich zurück. Kurz darauf brachte ich noch eine Nachricht auf den Weg:
»Vielleicht können wir das besprechen, wenn wir uns sehen.«
Ich flog nach Honduras. San Pedro gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Die mexikanische Nichtregierungsorganisation El Consejo Ciudadano para la Seguridad Pública y la Justicia Penal (CCSPJP, ungefähr zu übersetzen mit: Bürgervereinigung für öffentliche Ordnung und Kriminaljustiz) veröffentlicht jährlich eine Liste mit den 50 gefährlichsten Orten der Welt. Die Statistik – sie stützt sich auf Zahlen der lokalen Gesundheits- und Justizbehörden – untersucht die Anzahl der Morde pro 100 000 Einwohner. Sie bezieht sich ausschließlich auf Metropolen außerhalb von Kriegsgebieten. Die Menschen, die in der Statistik auftauchen, sind nicht durch Artillerie- oder Luftangriffe ums Leben gekommen, sondern durch alltägliche, dennoch mörderische Kriminalität.
Im Jahr 2016 lagen 41 der weltweit 50 gefährlichsten Städte in Lateinamerika. Das venezolanische Caracas an erster Stelle, gefolgt von San Pedro Sula, das zuvor vier Jahre lang auf Platz 1 gelegen hatte. In San Pedro gab es 2016 111 Tötungsdelikte pro 100 000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland sind es gerade mal 0,8 je 100 000; in der Schweiz 0,5. Die Gefahr, in San Pedro Sula eines gewaltsamen Todes zu sterben, ist 222 Mal höher als in der Schweiz.
Nach Tegucigalpa, der Hauptstadt, ist San Pedro Sula die zweitgrößte Stadt des Landes und wichtigster Industriestandort in Honduras. Die Hafenstadt Puerto Cortés ist nur etwa 50 Kilometer entfernt. Von dort werden Container und Güter in alle Welt verschifft. Außerdem führt eine der wichtigsten Straßen in Richtung Norden – nach Guatemala und Mexiko – durch San Pedro Sula. Die Infrastruktur wird nicht nur von den Industriebetrieben und Zulieferern genutzt, sondern auch von Drogenschmugglern, die Kokain aus dem Süden – hauptsächlich Kolumbien – via Zentralamerika in die USA transferieren wollen. Die Drogenkriminellen bedienen sich in San Pedro Sula mehrerer ortsansässiger Gangs, um ihre Transporte zu schützen. Diese Gangs wiederum kämpfen um die Vorherrschaft in den Territorien, in denen sie Wegzölle, den sogenannten piso, einfordern können. Darum und wegen der verbreiteten Praxis der Schutzgelderpressung leiden die Einwohner San Pedro Sulas seit Jahren unter einer anhaltenden Welle der Gewalt. Die Aufklärungsquote der zahllosen Morde in San Pedro ist verschwindend gering.
Leider hatte die Fluggesellschaft mein Gepäck – samt Regenjacke – irgendwo vergessen. Darum bestand meine erste Unternehmung in »Gefährlichste Stadt der Welt, Platz Zwei« darin, loszuziehen, um mir eine Zahnbürste zu kaufen. In einer verregneten Abenddämmerung ging ich den Bordstein entlang. Der Hotelportier hatte mir den Weg zu einem Geschäft beschrieben. Mir fiel auf, wie wenig Menschen auf der Straße waren. Die meisten Häuser – eingeschossige Bungalows – hatten vergitterte Eingangstüren und Fenster. In den Gärten glänzten die Pflanzen grün vor Nässe. Die Insassen der Fahrzeuge, die an mir vorbeifuhren, blieben unsichtbar hinter getönten Scheiben. Ich wich vor dem aufspritzenden Regenwasser an den Rand des Bürgersteigs aus und fand schließlich die tienda. Durch ein schweres Eisengitter hindurch reichte mir der Ladenbesitzer die Tüte mit meinen Einkäufen. Pick-ups der Armee glitten auf Patrouille langsam durch den Sprühregen. Auf der Ladefläche junge Soldaten, die ihre Maschinenpistolen schussbereit vor sich hielten. Einige Zeit später nehme ich ein Taxi, um die Stadt zu erkunden und mich mit meinem Informanten zu treffen.
»Woher weiß ich, dass der sicario echt ist?«, möchte ich von meinem Informanten wissen. Orlin hat dunkle Augen und trägt eine braune Lederjacke. Ich erkenne eine Schusswaffe in seiner Jackentasche. Er hat schon öfter Journalisten bei ihren Recherchen geholfen. Orlin hat sein Leben in San Pedro verbracht und zeitweise als Polizeireporter für einen lokalen Fernsehsender gearbeitet. Der junge Mann wurde schon einmal angeschossen, als Kriminelle versuchten, ihn zu ermorden. Ich kann mir vorstellen, wie riskant es für ihn sein muss, sich in San Pedro zu bewegen. Er kennt viele Menschen: Kriminelle, Polizisten, Militärs, Gangmitglieder und viele mehr. Sie wissen, wo er wohnt, was für ein Auto er fährt. Dass er Frau und Kinder hat. Wann er zu Hause ist und wann nicht. Orlin weiß um das Risiko, das er als Informant eingeht. Er hat offensichtlich den nötigen Mut.
Wir stehen vor seinem Wagen im Regen und reden.
»Weißt du«, sage ich. »Der sicario kann mir alles erzählen: Dass er 20 Menschen getötet hat, oder dass er keinen Menschen getötet hat.«
»Wollen wir ihn fragen, ob du bei einem Mord dabei sein kannst?«
Orlin meint das durchaus ernst.
»Nein.«
Ich frage ihn, ob er den Auftragsmörder schon mal getroffen hat.
»Ich habe von ihm gehört. Er ist ein sehr schlechter Mann. Muy mal. Für ihn ist es Alltag, Menschen zu töten.«
»Möglicherweise.«
»Darum dachte ich, es wäre interessant für dich, ihn zu treffen.«
»Warum nicht.«
Der sicario wohnt im gefährlichsten Stadtteil San Pedro Sulas: in Rivera Hernandez. Etwa 150 000 der insgesamt circa 800 000 Einwohner leben in der heruntergekommenen Vorstadt im Südwesten. Das Gebiet wird von mindestens fünf kriminellen Banden beherrscht (Vatos Locos, Barrio Pobre 16, Los Tercerenos, Mara Salvatrucha 13 und Mara 18), die eine Kriegssteuer – impuesto de guerra – aus den Bewohnern herauspressen. Die Gangs befinden sich im permanenten Kriegszustand untereinander um Macht und Einfluss in den einzelnen barrios. Es gibt unsichtbare Grenzen – fronteras invisibles –, die man nur unter Lebensgefahr überquert.
Darum können wir auch nicht auf direktem Weg zum Haus des Auftragsmörders fahren. Wir müssen einen weiteren Mittelsmann treffen, der dann die richtigen Leute anruft und uns erlaubt, diese Grenzen zu passieren. Der Mann lebt ebenfalls in Rivera Hernandez.
»Ein Pastor«, sagt Orlin über den Mittelsmann. »Ein mächtiger Mann. Alle respektieren ihn. Ein In-Betweener.« Ich höre den Ausdruck zum ersten Mal. Ein In-Betweener ist jemand, der sich zwischen allen Fronten bewegt und trotzdem respektiert wird.
Traditionell ist die Kirche ein fester sozialer Bestandteil vieler Gesellschaften in Lateinamerika. Neben der römisch-katholischen Kirche, gibt es auch evangelikale Freikirchen. Die Geistlichen leben in der Regel über einen langen Zeitraum in ihrer Gemeinde – auch in den problematischen Vierteln – und kennen so die späteren Kriminellen mitunter seit deren Kindheit. Die meisten Menschen vertrauen den Vertretern der Kirche und wenden sich an sie, wenn sie Probleme haben. Im Juli 2014 wurde in El Salvador der Spanier Antonio Rodriguez – ein Priester der römisch-katholischen Kirche – verhaftet. Er lebte seit über 15 Jahren in dem mittelamerikanischen Land. Die salvadorianische Staatsanwaltschaft warf ihm enge Kontakte zu Carlos Ernesto Mojica Lechuga vor, dem Anführer der Gang Mara 18. Unter anderem soll er für Lechuga und weitere inhaftierte Gangmitglieder Mobiltelefone in die Gefängnisse geschmuggelt haben.
Der In-Betweener hat ein hartes Gesicht. Die dunklen Augen liegen tief in den Höhlen. Um Mund und Nase herum zeichnen sich zwei scharfe Falten ab. Er ist untersetzt und wirkt zäh, aber auch müde. Sein Hemd trägt er am Hals weit offen.
Pastor Dani steht vor der Ruine eines Hauses und wartet auf uns. Nachdem wir die große Zufahrtsstraße verlassen haben, ist Orlin auf schlammigen und unbeleuchteten Wegen in das Innere von Rivera Hernandez hineingekurvt. Im Scheinwerferlicht sehen die Häuser mit den rostigen Blechdächern gespenstisch und verlassen aus. Als das Auto neben Pastor Dani hält und wir aussteigen, zeigen sich an der nächsten Ecke einige Gestalten und bleiben auf dem Weg stehen. Dani zieht ein Mobiltelefon aus seiner Hosentasche und sagt irgendwas in schnellem Spanisch.
»Buenas noches«, begrüßt er uns. Ich frage ihn, woher er den Mörder kennt, den wir treffen wollen.
»Ich bin mit ihm aufgewachsen«, sagt Dani. »Hier in Rivera Hernandez.«
»Weiß der Mann, wer ich bin?«
»Si, claro«
»Warum geht ein Auftragsmörder das Risiko ein, sich mit einem Journalisten zu treffen?«
Vor der Ruine liegen zerbrochene Flaschen, Scherben und anderes Zeug auf dem Boden.
»Ich meine«, fahre ich fort, »Kriminelle wollen doch in der Regel unerkannt bleiben.«
Warum hilft mir ein Pastor dabei, den Kontakt zu einem Auftragsmörder herzustellen?
Der Geistliche schaut mich an.
»Un guerra social«, sagt er. »Hier herrscht ein sozialer Krieg. Die Menschen haben keine Chance, ein normales Leben zu führen. Niemand ist freiwillig zu dem geworden, was er ist. Der sicario hat eine interessante Geschichte. Vielleicht sogar eine Botschaft. Ich kenne ihn gut. Ich möchte, dass Sie mit ihm sprechen.«
Ich nicke.
»Vamos«, sagt Dani und greift wieder zu seinem Handy. Der Pastor steigt mit uns ins Auto und wir rollen langsam, den Schlaglöchern ausweichend, davon in die Nacht. Wir biegen mehrmals an unbeleuchteten Ecken ab. Zwischendurch telefoniert Dani, um die Gangs zu bitten, den Wagen passieren zu lassen.
»Der sicario«, sagt Dani. »Ist ein wenig loco. Verrückt. Er tötet fast jeden Tag Menschen. Er braucht das.« Etwas Ähnliches hat mir Orlin auch schon erzählt. Es fällt mir schwer zu glauben, dass der Mann täglich tötet, schließe aber aus der Aussage, dass es sich um jemanden handelt, der gewohnheitsmäßig mordet. Demnach muss es sich um einen außerordentlich gefährlichen Menschen handeln.
»Jedenfalls hat er sich vor zwei Tagen selbst in die Hand geschossen. Er ist durchgedreht, weil er seit drei Tagen niemanden mehr getötet hatte.«
Im Scheinwerferlicht taucht ein Mann in kariertem Hemd aus dem Dunkel auf. Er hält ein schlafendes Kind im Arm, geht an uns vorbei und verschwindet in der Nacht.
Das Erste, was mir an dem Mörder auffällt, ist der Griff einer Waffe, der aus der Tasche seiner Jeans ragt. Die rechte Hand des Mannes spielt an dem schwarzen Pistolengriff herum. Der sicario wirkt nervös. Er steht im hell erleuchteten Eingang seines Hauses – zuerst nur als dunkle Silhouette wahrzunehmen – und hält mit einer Hand das Gitter auf. Auf dem Handrücken ist ein großes Pflaster zu sehen.
»How are you, buddy?«, fragt er mit breitem amerikanischen Akzent.
»Bien.«
Der Mann ist untersetzt, stämmig und unrasiert. Er trägt ein UNICEF-Fußball-Trikot, Jeans und Turnschuhe ohne Socken. Dani und Orlin gehen mit ins Haus. Drinnen ist es ziemlich hell. Eine Neonröhre hängt an der Decke des Wohnzimmers. Der Boden ist mit weißen Fliesen ausgelegt. Meine nassen Turnschuhe hinterlassen sofort Spuren. Ich frage den Auftragsmörder, ob ich sie ausziehen soll. Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Ich behalte die Schuhe an.
Für einen Moment sieht man eine Frau und ein Kind hinter einer Tür, die sich öffnet. Die Tür wird schnell wieder geschlossen. Im Wohnzimmer stehen ein großer Kühlschrank und eine riesige Karaoke-Anlage. Bildschirm und Lautsprecher. Davor ein Sessel und ein Sofa. Die Polster sind mit einem Blumenmuster bezogen.
»Nice to meet you, buddy.«
»Ja, finde ich auch.«
Er möchte wissen, wo ich herkomme. Ich sage, aus Kolumbien, ohne mir etwas dabei zu denken. Stimmt ja auch. Na ja, ursprünglich aus Deutschland, füge ich an.
»I like Cali«, zwinkert mir der sicario zu.
»Man nennt ihn auch ›El Colombiano‹«, sagt Pastor Dani.
Die kolumbianische Stadt Cali ist eine Hochburg der Kokainindustrie. Namensgeberin des Cártel de Cali, einem mächtigen Zusammenschluss von Drogenhändlern. Der sicario nimmt die Pistole aus der Hosentasche und setzt sich in einen Polstersessel. Die Waffe liegt auf der Armlehne. El Colombiano wirkt immer noch angespannt. Mir scheint, es ist besser, wenn ich ihn irgendetwas frage:
»El Colombiano? Waren Sie in Kolumbien?«
»Moment«, sagt Pastor Dani. »Er möchte dich erst kennenlernen.«
»Pardona. Ja, kein Problem.« Also erzähle ich von mir und meinen Recherchen in Lateinamerika. Mexiko interessiert ihn besonders. Das Thema gefällt ihm.
»I like you. Go ahead.«
Er dreht die Pistole hin und her.
El Colombiano ist 32 Jahre alt. Mit zwölf flog er von der Schule, weil er eine Schusswaffe bei sich hatte. Damals war er bereits Mitglied einer Gang. Im Jahr 1998 – mit 14 – hat er zum ersten Mal einen Menschen erschossen. Ich frage ihn, ob er sich daran erinnern kann, wie er sich bei seinem ersten Mord gefühlt hat.
»Gut.«
Es bleibt das Problem der Glaubwürdigkeit. Wir können hier ewig sitzen und über Morde sprechen, von denen niemand außer dem sicario weiß, ob sie sich wirklich ereignet haben oder – was das Beste wäre – eben nicht. Ich schaue Dani und Orlin fragend an.
»Zeig uns die Videos«, bittet Pastor Dani den Auftragsmörder. Der steht auf und schaltet den Bildschirm der Karaoke-Anlage ein. Als Erstes erscheint eine Fotografie: Auf einem Bett mit weißen Laken liegt El Colombiano. Es muss sich um ein älteres Foto handeln, denn er ist dünner und seine Gesichtszüge sind straffer. Gebräunter dunkler Oberkörper und eine weiße Hose. Er stützt sich auf seinen Ellbogen und schaut in die Kamera. Um ihn herum sind 100-Dollar-Noten verteilt. Es müssen einige Tausend US-Dollar sein. Außerdem liegt ein Eisbär aus Plüsch neben ihm.
»Alaska«, sagt El Colombiano. Dealer-Slang für Kokain. »Damals war ich Drogendealer in Boston.«
Eine Straße im Stadtteil Rivera Hernandez. San Pedro Sula, Honduras 2016
Als Nächstes zeigt er uns Videos, die beweisen, dass er Menschen getötet hat. In der Ära von Smartphones mit Kamera sind diese drastischen und grauenhaften Dokumente leider leicht zu erstellen.
»What do you think about my person?«, fragt mich der Auftragsmörder mit tonloser Stimme und schaut mir in die Augen. Schwer zu sagen, was ich von ihm halte. Zumindest ist es schwer für mich, es ihm zu sagen.
»Es ist schwierig, Ihr Leben zu verstehen.«
Mal abgesehen davon, dass bezahlter Mord und Drogenhandel das darstellen, was sie auch unabhängig von seiner Person sind: moralisch verwerfliche Taten, Verbrechen.
»Wie wurde aus dem Drogendealer der sicario?«, frage ich.
»Ich hatte mich in Boston an das Geld gewöhnt. Und an die Drogen«, sagt er. »Ich nahm selbst welche. Zurück in Honduras fehlte mir das Geld dafür. Arbeit gab es nicht. Ich brauchte Geld, also wurde ich Auftragsmörder.«
Auf einmal prasselt der Regen wie Steine auf das Dach des Hauses. Ein Gramm Kokain kostet in San Pedro Sula auf der Straße etwa 200 Lempiras. Das entspricht circa acht Euro. Der am besten bezahlte Mord, den El Colombiano bislang begangen hat, brachte ihm ungefähr 4000 Euro ein. Das Honorar für einen Auftragsmord, erklärt er, richtet sich nach dem Stadtteil – der zona – in dem er verübt werden soll. Anschläge in Gegenden mit hoher Polizeipräsenz oder privaten Wachdiensten bringen am meisten, sind aber auch am gefährlichsten. Wen genau und aus welchen Gründen er tötet, möchte er nicht erzählen. Manchmal geht es um Drogen, sagt El Colombiano, manchmal um andere Dinge. Einmal war der Grund für einen Mordauftrag von erschreckender Trivialität: Zwei Jugendliche nervten die Anwohner eines Viertels, weil sie sie des Öfteren bekifft und betrunken anpöbelten. El Colombiano tötete die beiden, als sie nach einem Fußballspiel vor dem Sportplatz herumlungerten. Meistens aber, erklärt er mir, sagt man ihm nicht, warum ein Opfer sterben soll. Seine Auftraggeber wollen nicht, dass er mehr Informationen besitzt, als unbedingt nötig.
»Die Mission ist heilig«, sagt El Colombiano. Er gehört zu einer Gang von Auftragsmördern. Mit Schutzgelderpressung und Drogenhandel geben sie sich nicht ab. Die banda ist spezialisiert. »Eine namenlose Gang von sicarios«, sagt El Colombiano stolz. Sie beherrschen das Viertel, in dem er lebt. Er zeigt – mit der Pistole in der Hand gestikulierend – in verschiedene Richtungen.
»Drei Straßen von hier, und zwei Straßen von da. Dort verläuft die Grenze.« Die Struktur der Gang ist hierarchisch. Der jefe – der Anführer – hat absolute Autorität. Nach ihm kommen die gatilleros: die Killer. Je mehr Menschen einer von ihnen auf dem Gewissen hat, desto größer ist sein Ansehen unter den anderen. Die dritte Gruppe – die inteligencia – beschafft die notwendigen Informationen über die Zielpersonen. Ungehorsam und Versagen werden mit dem Tod bestraft. Falls ein Opfer überlebt oder ein sicario nicht die Nerven dazu hat, eine misión zu Ende zu bringen, wird er von den eigenen Leuten getötet.
El Colombiano lässt das Magazin aus seiner Neunmillimeter gleiten und zeigt mir die Munition. Die Projektile glänzen ölig und kupferfarben. Jede zweite Kugel, sagte er, sei ein sogenanntes Dumdum-Geschoss. Die Spitze ist abgeplattet. Der Aufprall eines stumpfen Projektils verursacht große Verletzungen. Die Eintritts- und Austrittswunden gleichen tiefen Kratern. Meistens bricht das Geschoss im Körper auseinander, und die Einzelteile fetzen wie Mini-Schrapnells durch Organe und Gewebe. Die Haager Landkriegsordnung verbietet diese Munition.
»Ich liebe meinen Job. Ich liebe es zu töten.« Die Stimme des sicario wird vor Erregung lauter. »Ich könnte es jeden Tag tun.« Er schiebt das Magazin wieder in die Waffe. Mit einem Schnappen rastet die Verriegelung ein.
»Hält Sie wirklich nichts davon ab «, möchte ich von El Colombiano wissen, »einen Menschen zu töten?«
»Nichts. Ich habe schon Frauen und Kinder getötet. Es macht mir nichts aus. Ich töte jeden aus jeder Entfernung.« Eine Sache sei allerdings hart für ihn: »Wenn der Anruf kommt und es stellt sich heraus, dass ich einen Freund umbringen soll. Das ist schon vorgekommen. Das ist schwer. Oder einen Verwandten.«
Was braucht man – beziehungsweise was fehlt einem –, denke ich, um dazu fähig zu sein? El Colombiano sagt, was seiner Ansicht nach wesentlich ist: »Solo valor.« Er spricht die Worte mit Stolz – beinahe andächtig – aus: einzig Mut. Natürlich sei er vor und während einer misión aufgeregt. Habe manchmal sogar Angst. Es hilft, gefährlich und verrückt auszusehen.
Pastor Dani und Orlin hören schweigend zu. Nicken hin und wieder. Der Regen rauscht weiter in den Vorgarten.
Fürchtet El Colombiano sich vor seinem eigenen Tod?
»Nicht vor dem Tod. Nur vor dem Gefängnis.«
Einmal wurde er bereits verhaftet. Der Kommissar sagte ihm am Ende des Verhörs, dass er gern selber in Zukunft seine Dienste als sicario in Anspruch nehmen würde. Seitdem übernimmt die Gang der Killer auch Aufträge von korrupten Polizeibeamten. Pastor Dani und Orlin lachen.
»Es dauerte keinen Tag, bis ich wieder draußen war.«
»Mama Juana.« El Colombiano hält mir seine Waffe entgegen.
»Mama Juana?«
»So nenne ich sie: Mama Juana.«
Er lacht, klopft sich auf die Schenkel und richtet seinen Blick ins Leere. Pastor Dani meint, wir sollten jetzt gehen. El Colombiano fragt, ob ich morgen wiederkommen könne. Ich schaue fragend zu Dani und Orlin. Der sicario sagt, er wolle mir noch etwas erzählen. Dani nickt.
Die Waffe von El Colombiano. San Pedro Sula, Honduras 2016
»Warum nicht«, verabschiede ich mich. »Bis morgen.«
Ich erfahre mehr über Pastor Danis Geschichte: Polizisten erwischten ihn, während er allein eine Straße entlangging. Als er fragte, warum sie ihn verhaften würden, stießen sie ihn ins Auto und fuhren los. Dani hörte, wie sich die drei darüber unterhielten, dass der Neue ihn erschießen sollte. Vielleicht war es eine Mutprobe oder jemand sollte so seine Loyalität unter Beweis stellen – was auch immer. Dani war sich sicher, dass er sterben würde. Am Ende schlugen sie ihn zusammen und ließen ihn auf einem abgelegenen Grundstück liegen. Pastor Dani schleppte sich nach Rivera Hernandez zurück.
Bei Tag sieht man, wie sich in San Pedro Sula an vielen Stellen als Folge der Verwahrlosung eine wuchernde Vegetation ausgebreitet hat. Von schiefen Strommasten hängen abgerissene Leitungen herab. Es hat aufgehört zu regnen. Der Himmel ist weiß.
Wieder steht El Colombiano im Eingang seines Hauses. Der Lauf von Mama Juana zeichnet sich durch den Stoff der Jeans hindurch ab. Er klopft mir auf die Schulter. Ich gehe vor ihm her ins Innere und frage, wie es ihm geht.
»Geht so«, murmelt er. Er warte immer noch auf einen Anruf. »Wenn man eine Mission bekommen hat, stellt man sich sozusagen wieder hinten an und wartet, bis man erneut an der Reihe ist.« Wenn sein Telefon klingelt, bekommt er das nächste Mordopfer genannt.
Pastor Dani und Orlin setzen sich aufs Sofa. El Colombiano steht vor der Karaoke-Anlage. Ich lege die Notizen vom Vortag auf den Wohnzimmertisch.
»Ich war auch mal Pastor«, sagt der sicario. Dani nickt bestätigend. El Colombiano schaltet den Bildschirm ein. Man sieht ihn von einer Bühne aus predigen: »Amor y vida.« Die Gläubigen sitzen vor ihm und hören zu, während er über »Liebe und Leben« predigt. El Colombiano drückt auf eine Taste der Fernbedienung, das Bild friert ein. »Ich möchte dieses Leben zurückhaben.« Soll das die Botschaft sein, wegen der ich ihn treffen sollte? Ich erinnere mich daran, wie er sagte, er liebe es zu töten.
»I started killing.«