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Informationen zum Buch
Ein rätselhaftes, altes Tagebuch taucht auf, das Tagebuch einer gewissen Christine. Es gibt so viele private Details aus dem Leben Wilhelm Buschs preis, dass es echt sein muss. Auch wird in den Erinnerungen Wilhelm Buschs tatsächlich eine Christine erwähnt: »Am Abend vor der Abreise plätscherte ich mit der Hand in der Regentonne, über die ein Strauch von weißen Rosen hing, und sang Christine! Christine! versimpelt für mich hin.« Wilhelm Busch hatte heimlich eine Geliebte! Leo Heller ahnt nichts von der Existenz dieses Dokuments, als sie in die Wohnung ihres verstorbenen Onkels einzieht, der Literaturprofessor und Wilhelm-Busch-Experte war. Andere aber wissen genau um den Wert des Tagebuchs. Und die versuchen nun, es mit Lug, Trug und Mord in ihren Besitz zu bringen. Jeder ist verdächtig und in gewisser Weise auch schuldig, denn jeder hat, wie der Literaturprofessor sagen würde, eine zweite Geschichte …
Informationen zur Autorin
Ilka Sokolowski, Jahrgang 1965, aufgewachsen in Stadthagen, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie. Nach mehrjähriger Verlagstätigkeit lebt und arbeitet sie heute in Hannover als Autorin von Sachbüchern und Romanen.
Ilka Sokolowski
Die heimliche Geliebte
Ein Wilhelm-Busch-Krimi
©2010 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe
info@zuklampen.de · www.zuklampen.de
Herausgegeben von Susanne Mischke
Titelgestaltung: Angelika Konietzny (www.izwd.de), Hannover
Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart
ISBN 978-3-86674-085-3
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Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
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|7|Du hast mich bei meinem Namen gerufen, und ich habe dich gehört. Wir sahen einander nicht, aber du spürtest es wohl, wie nah ich war, verborgen im Grün der Hecke. Ich kannte dich gleich an deinem festen Schritt und deiner frohen Stimme. Ja, Theurer, ich hörte dich, das Lied auf deinen Lippen: Christine, Christine! Nun ist es besiegelt: Du bist mein, und ich bin dein. Das soll unser Bündnis sein, von dem niemand sonst weiß. Ich habe die Macht des Geheimnisses.
Leonore Heller fragte sich, warum ausgerechnet vor ihrer Tür immer Leichen lagen. Das war nun schon die dritte innerhalb bemerkenswert kurzer Zeit.
Die ersten beiden Male zählten allerdings nicht ganz: tote Ratten, vom Hund ihres Nachbarn auf die Fußmatte gelegt. Seit dem Tag ihres Einzugs hegte das Tier eine unerklärliche Begeisterung für sie. Den dazugehörigen Menschen hatte Leo bislang noch nicht zu Gesicht bekommen, wie überhaupt noch niemanden in diesem etwas heruntergekommenen Haus. Nur die Bulldogge bellte, wenn sie an der Tür vorüberging. Einmal hatte eine Männerstimme sie zum Schweigen gebracht. Auf dem zerkratzten Türschild stand P. Ostermann.
Allein die Tatsache, dass es hier Ratten gab, die sich von einer fetten alten Bulldogge fangen ließen, hätte ihr zu denken geben sollen. Beim Anblick der Hausfassade mit dem abbröckelnden Putz und des Hinterhofes mit den Müllcontainern, aus denen ständig die Abfälle vom China-Imbiss im Erdgeschoss quollen, fragte sie sich immer wieder aufs Neue, ob sie nicht einen Fehler gemacht hatte. Das fragte sich in der Tat jeder, der sie kannte. Warum war Leonore Heller hier eingezogen?
Weil sie keine Wahl hatte.
Leo hatte sich die Wohnung in einem zweifelhaften Altbau in der Südstadt von Hannover nicht ausgesucht, sie hatte sie von ihrem |8|Onkel Ludwig geerbt, womit der Sache gleich eine andere Bedeutung zukam als einem leichtfertig unterschriebenen Mietvertrag. Wer außerdem nur noch ein Scheinkonto führt und wegen Mietrückstands kurz vor dem Rausschmiss steht, kann es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Also trat Leo ihr Erbe an, zwar nicht mit Freude, aber doch mit einer gewissen Erleichterung. Ratten auf der Türschwelle waren schließlich vergleichsweise harmlos.
Bei toten Männern sah das Ganze schon anders aus. So einer lag nun an einem Dienstag im November bäuchlings und unerwartet auf Leos Fußmatte. Es war gegen zehn Uhr morgens, und der Rest des Tages sollte nicht besser werden.
Dass es sich um einen Toten handelte, wurde Leo erst mit Verzögerung klar. Sie war spät dran an diesem Morgen und ziemlich nervös, weil ein Vorstellungsgespräch bei einem Gartenbaubetrieb auf sie wartete. Sie brauchte einen Job und war bereit, nahezu alles zu tun: Friedhofswege fegen, Weihnachtsbäume schlagen, Fleisch fressende Pflanzen züchten, egal was, Hauptsache Arbeit und Hauptsache bald.
Leo war gerade dabei gewesen, Lippenstift aufzutragen, als es Sturm klingelte. Zehn vor zehn. Wer konnte das sein, um diese Zeit? Wer konnte das überhaupt sein? Sie kannte niemanden in der Stadt. Vielleicht der Postbote. Postboten waren immer die ersten, die zu einem kamen. Leo hatte sich zwischen den Umzugskartons hindurchgeschlängelt, die Tür geöffnet – und da lag er nun.
Der Mann hatte das Gesicht abgewandt, einen Arm unter sich, den anderen zur Seite ausgestreckt. Leo, immer noch mit dem Lippenstift in der Hand, beugte sich hinunter und berührte ihn vorsichtig an der Schulter.
Im dämmrigen Licht des Treppenhauses sah seine Haut blass und wächsern aus. An der Schläfe war das graue Haar feucht. Eine Schweißperle löste sich und zog eine nasse Spur zum Augenwinkel.
Hatte er sich all die Stufen hinaufgeschleppt, um ausgerechnet vor ihrer Tür einen Kreislaufkollaps zu erleiden? Er war korpulent, |9|der offene Hemdkragen glänzte dunkel von Schweiß. Vielleicht waren die drei Treppen für einen Mann seiner Konstitution einfach zu viel gewesen.
Leo legte zwei Finger an seinen dicken Hals, war sich aber nicht sicher, ob sie die richtige Stelle erwischt hatte. Irgendwo dort sollte die Schlagader pulsieren, das zumindest wusste sie.
Nichts pulsierte. Gar nichts.
»Hilfe! Einen Arzt, schnell!« Leos Stimme hallte im leeren Treppenhaus wider, während sie versuchte, den Mann auf den Rücken zu drehen. Keine der Türen öffnete sich, kein hilfreicher Nachbar trat heraus.
Dafür war die Bulldogge ein Stockwerk tiefer zum Leben erwacht. Sie bellte sich heiser und kratzte an der Tür. Leo fluchte. Gab es in diesem gottverdammten Haus denn niemanden außer ihr und dem Rattenfänger?
Endlich hatte sie es geschafft, den Dicken auf den Rücken zu wuchten. Beim Anblick der weit aufgerissenen leeren Augen begriff sie, dass sie sich die Mühe hätte sparen können. Der Mann war tot.
Die Bulldogge bellte. Leo beugte sich über das Treppengeländer:
»Halt die Klappe!«
Der Hund bellte lauter und warf sich gegen die Tür. Leo brach der kalte Schweiß aus. Ihre Augen wanderten ratlos zu dem Toten, der keine Verletzungen aufwies. Er wirkte elegant und war sorgfältig gekleidet; anthrazitfarbene Hose und Weste, weißes Hemd, hellgraues Jackett, schlichter Schnitt, teurer Stoff. Es stimmte eben doch nicht, dass der Tod alle Menschen gleich machte, manche Leichen waren distinguierter als andere. Aufgrund seiner Kleidung wirkte der Tote irgendwie seriös. Leo war beinahe geneigt, ihm seine Anwesenheit auf ihrer Türschwelle und die Scherereien, die daraus unweigerlich entstehen würden, nachzusehen. Sicher gab es eine vernünftige Erklärung dafür.
Vielleicht steckte sie in dem Stückchen Papier, das zwischen der straff gespannten Weste und dem Seidenfutter der Jacke hervorlugte. Es war ein einfacher linierter Zettel, am oberen Rand zerfranst; |10|offenbar aus einem Notizbuch herausgerissen. Professor Heller stand darauf, einmal unterstrichen. Der Zettel war für ihren Onkel.
Ohne zu überlegen, bückte sie sich und zog das Blatt hervor.
***
|11|Wiedensahl, im Sommer 1841
Sie denken, ich wüßte nichts. Sie denken, sie könnten sich hinter meinem Rücken einfach so davonschleichen. Glauben mir keine Erklärung schuldig zu sein. Fragen mich nicht, ob mir recht ist, was geschieht. Haben sie Wilhelm gefragt?
Ein grausamer Tag. Wilhelm ist fort. Weit vor Tagesanbruch brachen sie mit dem alten Leiterwagen auf. Der Wald stand noch dunkel, voller Nachtgeheimnisse, und sie fuhren mitten hinein. Die Großmutter war dabei und die Krämerin Busch, und seine Brüder Gustav, Adolf und der kleine Otto, alle ganz vergnüglich und munter, daß mir in meinem Heckenversteck schier das Herz zerspringen wollte. Und wie lange es dauerte, bis endlich die ersten verfrühten Vogelstimmen den Tag ankündigten. Doch anstatt mich zu trösten, wollte mir scheinen, sie sängen ein Spottlied.– Wie können sie das tun? Ihn einfach fortbringen? Von Heinrich, dem Knecht, weiß ich, wohin die Reise gehen wird. Nach Ebergötzen, sagte er wichtig, zum Onkel. Ebergötzen, wo ist das? habe ich gefragt.– Weit von hier. Drei Tagesreisen! Unterricht soll er dort bekommen, vom Pastor persönlich, dem klugen Onkel Kleine. Nein, für den Kramerssohn ist unsere Dorfschule hier nicht mehr gut genug, er soll etwas Beßres werden.– Oh, natürlich soll er das, doch was wird nun mit mir? Ich werde ihn nicht mehr sehen, ihn nicht hören, kann nicht mehr mit ihm sprechen – ganz fremd wird er mir werden! Ich muß ihm schreiben, gleich heute noch. Unser Bund muß halten!
Zuerst war der Notarzt da, dann kam der Streifenwagen mit einem älteren, ziemlich dicken Polizisten und einer jungen Frau, deren Dauerwelle beängstigend steif unter der Uniformmütze hervorstand.
Während der Arzt nur noch den Tod feststellen konnte und die Polizistin schon einmal anfing, Leos Personalien aufzunehmen, durchsuchte ihr Kollege die Jacke des Toten; vermutlich nach einem Ausweis oder Führerschein oder etwas anderem, das einen Hinweis auf seine Identität geben konnte.
|12|Der Polizist musste fündig geworden sein, denn er stieß einen kurzen Pfiff aus, drehte der offenen Tür, durch die Leo ihn beobachtete, den Rücken zu und schnaufte etwas in sein Mobiltelefon.
Es dauerte keine zehn Minuten, dann kam er. Und er schien einen besonderen Status zu haben, dem dienstbeflissenen Eifer nach zu urteilen, mit dem Arzt und Polizisten ihm den Stand der Dinge mitteilten.
Leo konnte ihn auf Anhieb nicht leiden. Vielleicht lag es an dem verklärten Leuchten, das bei seinem Anblick über das Gesicht der Beamtin huschte, vielleicht auch an der Art, wie er Leo zunächst ignorierte. Er äußerte etwas im Ton einer Bitte und die Beamtin verschwand.
Leo hatte auf einem der Umzugskartons gehockt und war höflich aufgestanden, um ihn zu begrüßen. Das bereute sie sofort. So konnte sie sich höchstens mit dem obersten Hemdknopf ihres Gegenübers unterhalten. Er überragte sie um mehr als Haupteslänge und hatte nicht einmal den Anstand, rasch und unauffällig Platz zu nehmen.
Also setzte Leo sich. Jetzt war es noch schlimmer, statt des Hemdknopfs hatte sie die Gürtelschnalle in Augenhöhe.
Draußen tauchten indessen immer mehr Männer auf. Einige trugen weiße Overalls und Metallkoffer, andere einen Sarg. Blitzlichter flammten auf, als der Tote fotografiert und dann auch noch ihre Haustür, die Fußmatte, das Treppenhaus in allen Einzelheiten festgehalten wurden.
»Sie haben den Toten gefunden?«
»Ja«, sagte Leo zu der Gürtelschnalle.
»Kennen Sie ihn?«
»Nein. Wir kennen uns, glaube ich, auch noch nicht.«
Irritiert blickte er zu ihr herunter. Sie bemerkte den Bartschatten auf seinen Wangen und dem Kinn, der eine Spur dunkler als der Rotton seiner Haare war. Sein Gesicht war blass, die Schultern hingen schlapp nach vorn. Er machte einen übermüdeten Eindruck |13|und sah aus, als ob er in seinen Kleidern geschlafen hätte. Leo schnüffelte. So roch er auch.
»Entschuldigen Sie.« Er fuhr sich mit einer Hand über die Augen. »Ich bin seit fast achtundvierzig Stunden im Dienst, und ich fürchte, irgendwann in dieser Zeit ist mir der Sinn für Umgangsformen verloren gegangen.«
Er fummelte in seiner Jacke herum und hielt ihr dann einen Dienstausweis vor die Nase.
Martin Sandved, las sie. Hauptkommissar.
»Und Sie sind …?« Er warf einen Blick auf den Zettel, den ihm die Polizistin in die Hand gedrückt hatte.
»Leonore Heller«, ergänzte Leo, die im wahren Leben natürlich niemals Leonore hieß. Der Name passte zu manikürten Frauen mit sorgfältig frisierten Haaren, aber nicht zu ihr. Auf ihrem Kopf saß keine schicke Frisur, sondern ein dichter Mopp aus zauseligen dunklen Haaren, und ihre Fingernägel hätten auch eine hartgesottene Kosmetikerin zum Weinen gebracht. Nach ihrem Beruf gefragt, pflegte Leo zu sagen: Gärtnerin. Das verstand jeder, und sie musste nicht erklären, womit sich Gartenarchitekten die Arbeitszeit vertrieben. Das antwortete sie auch dem Kommissar, als er fragte. Obwohl es nicht ganz stimmte. Schließlich war sie arbeitslos, aber das ging ihn nichts an.
Die Polizistin mit der wippenden Dauerwelle tauchte mit einem Becher Kaffee auf. »Vom Chinesen unten. Ich hoffe, er taugt was«, sagte sie mit dem Lächeln einer besorgten Hausfrau, bevor sie sich wieder zu ihrem Kollegen ins Treppenhaus gesellte, wo inzwischen einer nach dem anderen die Mitglieder der chinesischen Familie unauffällig wie Schatten auftauchten und wieder fortgescheucht wurden.
Sandved nahm den Becher mit einem zerstreuten Nicken entgegen. Offenbar war er es gewohnt, dass jeder und insbesondere jede auf ein Wort von ihm herumsprang. Er probierte einen Schluck. Mit Genugtuung beobachtete Leo, wie er das Gesicht verzog.
Mittlerweile waren die Männer draußen dabei, den Toten in |14|einer Plastikhülle mit Reißverschluss zu verpacken. Als sie ihn zu viert anhoben, gerieten für einen Moment seine Beine in Sicht. Für einen so gut gekleideten Mann hatte er bemerkenswert dreckige Schuhe, dachte Leo.
»Kannten Sie den Toten?«, fragte Sandved, dem ihr Blick nicht entgangen war.
»Nein.«
Er pustete in seinen Kaffee. »Erzählen Sie mir noch mal genau, was passiert ist.«
Leo sah in aufmerksame braune Augen, die in irritierendem Widerspruch zum müden Gesicht des Kommissars standen. Also die Geschichte noch einmal von Anfang an. Bitte sehr. Das konnte sie inzwischen ganz gut, denn sie hatte sie bereits der Polizistin und dann dem Arzt erzählt.
Der klopfte gegen den Türrahmen, als Leo ihren Bericht gerade ein drittes Mal beendete. »Martin? Wir bringen ihn jetzt in die Pathologie. Ich tippe auf ordinäres Herzversagen. Genaueres kann ich dir frühestens morgen Nachmittag mitteilen.«
Sandved entließ den Arzt mit einem kurzen Nicken und wandte sich wieder Leo zu.
»Also noch einmal: Sie haben den Toten nie vorher gesehen?«
Schwer von Begriff, dachte Leo. »Wie ich schon sagte, ich kenne ihn nicht. Aber ich rate jetzt einfach mal, dass er für Sie kein Unbekannter ist – ich meine, so eilig, wie Ihr uniformierter Kollege Sie herbeitelefoniert hat.«
Sandved beugte sich so plötzlich vor, dass sein Kaffee überschwappte. Er stützte sich auf die Kartons, die aufeinandergetürmt zwischen ihnen standen. Leo konnte die Sommersprossen auf seinen Händen erkennen.
»Sehr richtig, Frau Heller. Und ich verrate Ihnen noch etwas: Ein Kommissar des LKA taucht nicht ohne Grund auf, schon gar nicht, wenn er eigentlich seit Stunden Feierabend haben sollte.«
Diesmal blickten die braunen Augen ziemlich gereizt. Leo beschloss, etwas weniger widerborstig zu sein.
|15|Mit einem Seufzen richtete sich Sandved wieder auf.
»Der Tote ist Anton Jablonsky, ein Antiquar und Kunsthändler, Experte für Bücher und Handschriften«, erklärte er zwischen zwei Schlucken Kaffee, bevor er das Gebräu endgültig beiseite stellte. »Wir haben seit geraumer Zeit den Verdacht, dass er in Geschäfte mit der Kunstmafia verwickelt ist … war«, verbesserte er sich. »Jablonsky hat bereits vor ein paar Jahren wegen Betrugs und Dokumentenfälschung gesessen. Danach verhielt er sich unauffällig. In letzter Zeit allerdings gab es Anzeichen, dass er auf seinem Fachgebiet wieder aktiv werden wollte.«
»Sie meinen, er fälschte alte Dokumente und verkaufte sie? So wie dieser Typ mit Hitlers Tagebüchern?« Das Ganze begann Leo zu interessieren.
Sandved tigerte inzwischen auf einem akkuraten Parcours zwischen den Kartons entlang, die Leo sorgfältig beschriftet hatte. In solchen Dingen entwickelte sie zuweilen eine sie selbst überraschende Ordnungsliebe. Drei Schritte bis zu »Regenkleidung, Gummistiefel, Bergschuhe«, eine Kehrtwende um »Werkzeug, Bohrmasch., Schraubensort«. Die Fachbücher ließ er links liegen, und den Zeitschriften gönnte er nur einen kurzen Blick. Weder das Magazin für den Gartenbauprofi noch Thalackers Allgemeine Samen- und Pflanzenofferte schienen ihn sonderlich zu fesseln.
»Jablonsky fälschte und handelte mit Fälschungen«, sagte Sandved und blieb bei den Gummistiefeln stehen. »Aber auch mit wertvollen Originalen, deren Herkunft im Dunkeln liegt. Durch Jablonskys Hände sind Millionenbeträge gewandert. Und da wüsste ich doch gern, warum dieser Mann jetzt tot vor Ihrer Tür liegt. Was wollte er von Ihnen?«
»Das frage ich mich allerdings auch«, stimmte Leo zu.
»Wer wohnt sonst noch hier?«
»Wenn sich Ihre Frage auf diese Wohnung bezieht: Niemand außer mir. Falls Sie das Haus meinen – keine Ahnung.«
»Was soll das heißen?«
Leo breitete die Hände aus, eine Geste, die in der Regel auch |16|erschöpfte rothaarige Kommissare verstanden. Sie zählte an den Fingern ab: »Ich kenne nur Wang Li, den Chinesen unten vom Imbiss, und zwei oder drei Mitglieder seiner Familie, allerdings alle nur vom Sehen. Sie bewohnen den gesamten ersten Stock. In der Etage unter mir lebt vermutlich ein Mann mit Hund. Die Wohnung daneben – sie liegt unter dieser – steht seit mindestens vier Tagen leer. So lange wohne ich jetzt hier, und ich habe noch keinen Laut gehört, nicht mal das Rauschen einer Wasserleitung. Abgesehen von dem Hund ist mir im Haus noch niemand begegnet.«
Sandved horchte auf. »Sie sind neu hier? Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«
»Sie haben mich nicht gefragt«, erklärte Leo liebenswürdig.
»Wer hat vor Ihnen hier gewohnt?«
»Mein Onkel. Er ist vor kurzem gestorben und hat mir die Wohnung vermacht.«
Sandved sah sich mit neuer Aufmerksamkeit um, als nähme er erst jetzt das Chaos aus Kartons und Kisten wahr. Nicht, dass es besonders viele waren, aber sie reichten, um das Wohnzimmer, in das man von der Eingangstür gleich trat, ziemlich vollzustellen. Leo verzichtete auf den Hinweis, mit dem Auspacken noch nicht sehr weit gekommen zu sein. Aber ihr entging nicht, wie er die Wände musterte, die durchaus einen neuen Anstrich hätten vertragen können. Sie hatte dazu eben keine Zeit gehabt! Sandveds Augen wanderten über den abgetretenen Teppich, der auf dem Fußboden lag. Wahrscheinlich fand er die Wohnung so schäbig wie das ganze Haus. Sollte er. Gleichgültig, wie der Rest des Hauses aussah: In Leos Augen war Onkel Ludwigs Wohnung ein Traum. Jetzt konnte sie statt eines winzigen möblierten Zimmers drei schöne Räume und Unmengen von Büchern ihr Eigen nennen, die Onkel Ludwig ihr ebenfalls hinterlassen hatte. Doch das wahre Glanzstück dieser Wohnung war der große Dachbalkon, und irgendwann würde Leo ihn vielleicht sogar genießen können. Vorerst stand sie ihm noch mit gemischten Gefühlen gegenüber, denn hier |17|hatte sich Onkel Ludwig vom Leben verabschiedet. Doch das war eine andere Geschichte.
Edwina jedenfalls würde sich wohlfühlen, wenn sie im Sommer draußen sein durfte. Edwina war Leos selbst gezüchtete Kletterrose, ein prachtvolles Stück und ihr ganzer Stolz. Sandved beachtete sie gar nicht und strich stattdessen an der Bücherwand am Ende des Zimmers entlang.
»Sie haben eine ausgeprägte Leidenschaft für Wilhelm Busch, wie ich sehe.«
»Nicht ich, mein Onkel. Er war Literaturprofessor, seit einigen Jahren emeritiert.«
Sandved blieb stehen. Sie konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.
»Wir reden hier nicht zufällig von Ludwig Heller, dem Busch-Experten? Professor Ludwig Heller war Ihr Onkel?«
Leo erwiderte seinen überraschten Blick ebenso verblüfft. Sie hatte nicht geahnt, dass selbst dieser Kommissar etwas mit Onkel Ludwigs Namen anzufangen wusste. Dann fiel ihr ein, dass 2008 ein Busch-Jubiläumsjahr war. Anlässlich seines hundertsten Todestages hatte man Wilhelm Busch allerorten in den Mittelpunkt von Ausstellungen, Veranstaltungen und Vorträgen gehoben, und in diesem Zusammenhang war Ludwigs Name natürlich immer wieder genannt worden. Festreden, Interviews, Ausstellungseröffnungen; Leo hatte ihren Onkel ein paar Mal in der Zeitung und einmal auch in den Fernsehnachrichten entdeckt.
»Wenn ich mich recht erinnere, war er die meiste Zeit in Hamburg. Ich habe einige seiner Vorlesungen besucht, aber das ist schon Jahre her«, sagte Sandved.
»Sie werden ja wirklich gründlich ausgebildet bei der Polizei.«
Er zuckte mit den Schultern und zog einen Band aus dem Regal.
»Das war davor. Ich dachte eine Zeit lang daran, Lehrer zu werden und ins Ausland zu gehen. – Was wollte Anton Jablonsky von Ihrem Onkel?«
|18|Es dauerte einen Moment, bis Leo begriffen hatte, was er damit andeutete. Ihr wurde heiß vor Empörung.
»Das ist nicht Ihr Ernst! Nie im Leben hätte sich mein Onkel mit zwielichtigen Typen eingelassen. Wirklich, das ist absurd.«
Irgendwo in Leos Hinterkopf tauchte unscharf eine andere Stimme auf, die sie an etwas erinnern wollte. Sie sperrte sie aus.
»Nein«, sagte sie so ruhig sie konnte, »Onkel Ludwig hatte mit Sicherheit kein Interesse an fragwürdigen Geschäften. Ich weiß wirklich nicht, wie Sie darauf kommen.«
»Ach, was muss man oft von bösen Buben hören oder lesen …«
»Hören Sie auf«, sagte Leo ärgerlich.
Sandved zog einen weiteren Band heraus. »An alten Erstausgaben wie dieser hier war Ihr Onkel offensichtlich schon interessiert.«
Sie zuckte die Achseln. Es machte sie verlegen, nicht einmal zu wissen, was für Bücher da eng gedrängt Einband an Einband standen.
»Wilhelm Busch, die Kritik des Herzens. Die Erstausgabe von 1874 ist auf dem Markt kaum noch zu bekommen.« Sandved blätterte ungläubig in dem Buch, als hielte er eine Kostbarkeit in den Händen.
Draußen auf dem Flur war Ruhe eingekehrt, nur die beiden Polizisten warteten weiterhin auf dem Treppenabsatz. Leo hatte den Eindruck, dass ihre Ohren stark in ihre Richtung gespitzt waren.
Sandved stellte das Buch sorgsam zurück an seinen Platz. »Sie scheinen nicht besonders informiert zu sein.« Sein Lächeln ließ offen, ob er Onkel Ludwig oder Leos Allgemeinbildung meinte. »Wie lange, sagten Sie, ist Professor Heller bereits tot?«
Mistkerl, dachte Leo. Ich habe dir gar nichts gesagt.
Sie wartete einen Moment, bis sie einigermaßen sicher war, dass ihre Stimme sich nicht in die Höhe schrauben würde, dann antwortete sie.
»Seit zwei Wochen.«
»Und vor vier Tagen sind Sie hier eingezogen?«
Er stellte die Frage in neutralem Tonfall, aber sie konnte sich vorstellen, |19|was er dachte: Eine habgierige Erbin, die gar nicht schnell genug an die Wohnung kommen konnte und mit Ignoranz gegenüber den kunsthistorischen Werten des Nachlasses geschlagen war.
Leo hatte einen Kloß im Hals. Das machte sie noch wütender. Er schien es zu merken, jedenfalls musterte er sie nachdenklich.
»Hatten Sie ein enges Verhältnis zu Ihrem Onkel?«
»Ich sehe nicht, weshalb das hier von Belang sein sollte.«
Er machte eine ungehaltene Geste in Richtung Flur, auf dem eben noch Jablonskys fein betuchter toter Leib gelegen hatte.
»Weil vor dieser Tür, die vor noch gar nicht langer Zeit die Ihres Onkels war, ein Toter gefunden wurde. Vielleicht ist er wirklich einem Herzversagen erlegen, mag sein, aber warum gerade hier? Was hat er von Ihnen oder Ihrem Onkel gewollt? Es kann sich wohl kaum um ein Versehen gehandelt haben, schließlich gibt es hier oben im Dachgeschoss nur die eine Wohnung, der Name Heller steht groß und deutlich auf dem Türschild, und ein Mann mit Anton Jablonskys Konstitution würde doch wohl genau darauf achten, ob er vielleicht nur bis in den ersten oder zweiten Stock steigen muss!« Er fuhr sich gereizt durch den rotbraunen Schopf, der schon in alle Richtungen abstand.
»Hat Ihr Onkel Ihnen etwas anvertraut, das uns einen Hinweis geben könnte? Und sei es eine noch so nebensächliche Kleinigkeit? Sie können einander doch nicht völlig fremd gewesen sein, immerhin hat er Ihnen seine Wohnung vermacht!«
»Ich war die Letzte aus der Familie.«
Er räusperte sich. »Also gut. – Sie sind durcheinander, ich bin müde. Ich schlage vor, wir brechen unsere anregende Unterhaltung hier ab. Rufen Sie mich an, wenn Ihnen noch etwas einfällt.«
Er legte seine Karte auf Ludwigs alten Schreibtisch und rauschte grußlos hinaus. Die beiden Polizisten, die versucht hatten, sich so unsichtbar wie möglich zu machen und gleichzeitig die Fähigkeiten von Richtmikrofonen zu entwickeln, konnten gerade noch beiseite treten. Leo hörte, wie sie hinter dem Kommissar die Treppe hinunterpolterten.
|20|Endlich war der Spuk vorbei. Leo beschlich das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Doch sie erhielt keine Gelegenheit, ihre Gedanken zu ordnen, denn Sandved kehrte unvermutet noch einmal zurück.
»Letzte Frage: Woran ist Ihr Onkel gestorben?«
Sie spürte, dass sie Kopfschmerzen bekam und wollte ihn nur noch loswerden.
»An einem Schädelbruch«, antwortete sie erschöpft. »Er ist vom Balkon gestürzt.«
»Was Sie nicht sagen. Von diesem hier?«
Er spähte an ihr vorbei zu der offenen Glastür, an der Edwina die letzten ihrer weißen Blüten im Luftzug schaukeln ließ.
»Ja. Wahrscheinlich verlor er das Gleichgewicht, als er Hans einfangen wollte. Seinen zahmen Raben.«
Er sah sie durchdringend an. »Hans. – Aha.« Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand die Treppe hinunter.
Er hatte die Tür nicht hinter sich zugemacht. Leo starrte auf die verrutschte Fußmatte. – Falsch. – Sie starrte auf den Fleck, wo eine verrutschte Fußmatte hätte liegen sollen. Da war sie aber nicht.
Sie hatten sogar die verdammte Matte mitgenommen.
Die Spurensicherung suchte nach Spuren. Was das bedeutete, wurde ihr erst nach und nach klar.
Vielleicht war das Herzversagen gar kein natürlicher Tod.
Vielleicht saß sie ganz schön in der Klemme.
Aber warum?
Es kostete Kraft, aufzustehen und die Tür zu schließen. Leo fühlte sich auf einmal so müde, als wäre sie seit zwei Tagen auf den Beinen gewesen und nicht dieser Sandved. Hinter ihren Schläfen begann es zu hämmern.
Aspirin. Sie brauchte dringend Aspirin, bevor sich der Schmerz wie ein stählerner Ring um ihren Kopf schloss. Auf der Suche nach den Tabletten schlurfte sie ins Bad und bemerkte erst jetzt, dass sie immer noch den Lippenstift in der Hand hielt.
Verdammt. Das Vorstellungsgespräch!
|21|Viel zu spät.
Trotzdem stürzte sie zum Telefon, um sich von einer kühlen Frauenstimme erklären zu lassen, die Firmenleitung lege besonderen Wert auf die Zuverlässigkeit ihrer Mitarbeiter. Dass man darunter auch Pünktlichkeit verstehe, müsse wohl nicht betont werden. (Nein, dachte Leo. Natürlich nicht.) Man habe sich inzwischen anderweitig entschieden, vielen Dank. Leo verzichtete darauf, zu ihrer Rechtfertigung eine Geschichte aufzutischen, in der ein toter Antiquar vorkam, den sie vor ihrer Tür gefunden hatte. Eine miesere Ausrede konnte man sich ja gar nicht ausdenken.
Tage, die mit einer Leiche vor der Tür anfangen, sind schlechte Tage. Wie sollte es nun weitergehen?
Leo hatte ein paar merkwürdige Angewohnheiten. Eine davon war die, mit ihren Pflanzen zu reden und insbesondere vor Edwina lange Monologe zu halten. Das ließ die Rose nicht unbedingt besser gedeihen, half Leo aber, Ordnung in die Gedanken zu bekommen.
Ob sie das nicht auch merkwürdig fände, fragte sie Edwina. Erst Onkel Ludwig, dann der Antiquar. Geisterten sie vielleicht in irgendeiner immateriellen Form noch hier herum und sahen zu, wie sie hinter einer Nebelwand von Kopfschmerzen und Selbstvorwürfen versank?
Edwina antwortete nicht, und Leo nahm es nicht persönlich. Aber sie hatte höllische Kopfschmerzen, und in den einsamen Stunden des Nachmittags wurde sie unvermittelt zum Opfer eines diffusen Aberglaubens und dachte an Fenster, die geöffnet bleiben mussten, damit die Seelen den Ausgang fanden, und Spiegel, die sie vielleicht besser verhängen sollte. In den etwas lichteren Momenten des Tages erklärte sie sich und Edwina, dass sie einfach in eine kleine Depression schlitterte, kein Grund zur Panik, das würde vorübergehen.
Alles in allem hatte sie sich bei ihrem ersten Toten von Angesicht zu Angesicht doch recht wacker gehalten. Sie hatte nicht gekreischt |22|und war diesem Sandved auch nicht schluchzend an die Brust gesunken.
Dass sie die Stelle in der Gärtnerei nicht bekommen hatte, war auch kein Drama. Irgendwann würde es besser werden, bestimmt.
Inzwischen, sagte sie sich ganz vernünftig, konnte sie die Zeit doch nutzen, um Ordnung zu schaffen und die restlichen Kartons auszupacken.
Vielleicht war es der Aufregung zuzuschreiben; oder dem schlechten Gewissen, wie Leos Freundin Katie gesagt hätte. Beides waren jedenfalls hervorragende Gründe, etwas aus dem Gedächtnis zu verlieren. Leo erinnerte sich erst in dem Augenblick wieder an den Zettel, als sie sich bis zum Schreibtisch vorgearbeitet hatte.
Ganz unschuldig lag er oben auf dem Stapel der Post, die in den letzten Tagen noch für Ludwig Heller gekommen war. Praktischerweise mit der Rückseite nach oben, so wie sie ihn hastig abgelegt hatte, bevor sie die Polizei rief. Sandved hatte ihn nicht weiter zur Kenntnis genommen, als er am Schreibtisch stand.
Leo betrachtete den Zettel mit gemischten Gefühlen. Irgendwo zwischen den dumpf hämmernden Kopfschmerzen tauchte der Gedanke auf, dass sie Informationen unterschlagen hatte, möglicherweise sogar Beweismittel. Hatte Onkel Ludwig tatsächlich Geschäfte mit Anton Jablonsky gemacht?
Nein. Niemals.
Sie faltete das Papier auseinander. Mit einem harten Bleistift, dessen Spitze offenbar durch zu festes Aufdrücken mitten im Wort abgebrochen war, hatte jemand eine kurze Mitteilung daraufgekritzelt; wenn man die kryptischen Zahlen und Wortfetzen überhaupt so nennen konnte.
13/11 Ma t
Wied hl »Backstube«, 15.00
—> C.
|23|Beeindruckend. Es fehlte nur noch der Zusatz, dass der Zettel sich nach Ablauf eines geheimen Verfallsdatums selbst vernichten würde.
Stammte das von Jablonskys Hand? Die Schrift wirkte hektisch, die Buchstaben hasteten in großer Eile über das Papier.
13/11 war vermutlich eine Datumsangabe, der dreizehnte November. Dieses Jahres oder wann?
Das folgende Wort konnte sie nicht entziffern. Wo der Bleistift sich in das Papier gebohrt hatte, klaffte eine Lücke. Die letzten Buchstaben waren unvollständig ausgeführt; ein unleserlicher Kringel, ein t oder l.
Für Leo ergab es keinen Sinn. Nicht viel besser das nächste Wort: Nach der ersten Silbe war der Bleistift in einer flüchtigen Linie weitergehastet, so wie man schreibt, wenn man kleine Buchstaben einsparen will. Erst zum Schluss hatte sich die Schrift wieder gefangen. Auffällig das Wort »Backstube«, leserlich und in Anführungsstrichen offenbar zuletzt hinzugefügt. Eine Uhrzeit: Drei Uhr am Nachmittag. Ein Pfeil, der Großbuchstabe C, dick unterstrichen.
Was sollte sie damit nun beginnen?
Ein Datum, ein Ort. Ein Treffpunkt? Was bedeutete dieser Pfeil? Und das C?
Vielleicht die Abkürzung für ein Café, dachte Leo. Das war das Einzige, was ihr im Zusammenhang mit einer Backstube in den Sinn kam. Nur wollte ihr nicht so recht einleuchten, was ihr Onkel dort zu suchen hatte. Denn dass diese Notiz für ihn bestimmt war, bezweifelte sie nicht. Der Antiquar hatte offenbar nicht gewusst, dass Onkel Ludwig tot war, sonst wäre dieser Tag ganz anders verlaufen, dachte Leo bedauernd.
Aber Jablonsky hätte nicht erst einen Zettel schreiben müssen, wenn er vorhatte, ihn persönlich vorbeizubringen. Oder es war gar nicht Jablonsky selbst, der sich mit Onkel Ludwig treffen wollte. Vielleicht war er nur der Überbringer.
Leo kam ein Gedanke. Sie zog eine Schreibtischschublade nach der anderen auf. Wo hatte sie es nur hingelegt? Irgendwo musste es |24|sein, Onkel Ludwigs altes Adressbuch. Ein kleines, in weinrotes Leinen gebundenes Büchlein, nicht besonders dick, eigentlich sogar erstaunlich schmal für einen Professor mit vielfältigen Kontakten und Verbindungen. Leo war sich sicher, dass sie es nicht weggeworfen und auch nicht mit Ludwigs umfangreichen schriftlichen Unterlagen in den Keller gepackt hatte. Sie hatte es aufbewahrt, weil sie nicht wusste, ob sie Danksagungen auf die Kondolenzbriefe verschicken sollte. So viele waren dann gar nicht gekommen. Offenbar wusste kaum jemand, dass es eine Hinterbliebene gab.
Hinterbliebene. Schauderhaftes Wort, dachte Leo.
Da war es. In der untersten Schublade. Vielleicht enthielt es irgendeinen Hinweis, vielleicht waren berufliche Kontakte gesondert vermerkt. Leo ging Seite für Seite durch. Privatadressen von Professoren, von Unikollegen, dem einen oder anderen Studenten. Die meisten Namen kamen ihr bekannt vor, alte Wegbegleiter ihres Onkels. Sein Zahnarzt. Seine Hausärztin. Sein Anwalt. Irschinger stand auch drin, erstaunlich. Und Katie, na ja, das war kein Wunder. Die beiden hatten sich gut verstanden. Onkel Ludwig hatte sogar die Anschrift des Heimes, das Katie jetzt leitete. Leo markierte die Seite mit einem Eselsohr und blätterte das Buch bis zum Ende durch.
Nichts. Und unter J überhaupt keine Eintragung.
Leo untersuchte noch einmal den Zettel. Die Notiz war offensichtlich in Eile hingekritzelt worden. Vielleicht hatte Jablonsky sie hastig mitgeschrieben, vielleicht war sie ihm diktiert worden.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht.
Leo grübelte hin und her und kam immer nur zu demselben Ergebnis: Sie wollte nicht glauben, dass Onkel Ludwig tatsächlich in unsaubere Geschäfte verwickelt gewesen sein könnte.
Der Dreizehnte war in zwei Tagen. Das Treffen stand also noch bevor, wenn es überhaupt ein Treffen war. Es konnte ja auch der Termin für eine Auktion sein, eine Ausstellungseröffnung, einen Bücherflohmarkt, weiß der Teufel, es konnte alles Mögliche sein, |25|und vielleicht noch nicht einmal in diesem Jahr, vielleicht war es schon lange vorbei. Es gab tausend Möglichkeiten, je harmloser, desto besser, denn dann gehörte diese Nachricht keinesfalls zu den Dingen, die sie Kommissar Sandved unter seiner persönlichen Telefonnummer unbedingt mitteilen musste.
***
|26|Wiedensahl, den 10 ten März 1851
Still sein. Schweigen. Nichts verrathen, sich nichts anmerken lassen – so komme ich durch die Tage. Ich wahre mein Geheimnis gut. Andere vermögen das weniger. Schon macht es die Runde durchs Dorf: Es hat gewittert im Hause Busch. Wilhelm hat sich abgesetzt! Mit dem Ingenieurswesen ist es wohl aus. Wen nimmt es Wunder! Es war ja nur der Wunsch des Vaters. Nun endlich geht er seinen eigenen Weg, weg von der Polytechnischen Schule in Hannover zur Kunstakademie in Düsseldorf. Ich habe den Herrn Pastor gefragt, wo das liegt. Unten im Rheinland, noch ein gut Stück weiter von hier als Ebergötzen. Wie ich den Wilhelm beneide! Gerne wäre ich auch so frei zu gehen, wohin ich will. Aber wir Frauenzimmer haben ja doch immer unsere Fußfesseln mit uns zu schleppen.
Bald zehn Jahre sind vergangen, seit Wilhelm fort ist. Eine viel zu lange Zeit, und viel zu selten haben wir uns gesehen. Ohne seine Briefe wüßte ich gar nichts mehr von ihm. Hier im Dorfe nichts als das triste Tagwerk, waschen, kochen, putzen, den Garten besorgen. Nur mein Geheimnis trägt mich durch die Tage. Das ist mein Schutzschild gegen die höhnischen Blicke. Sie sollen nur abwarten, Wilhelm und ich werden sie noch das Staunen lehren. Das Maul soll ihnen offen stehen, diesem Dummvolk.
Allerdings: Es kränkt mich, daß er nicht einmal mir verrathen mochte, was er plante. Heimlich nach Düsseldorf zu gehen! Er fürchtete wohl, ich könnte mich bei meinen Besorgungen im Krämerladen einmal verplappern. Nie würde ich mich dem Verrath hergeben, unwissentlich nicht und absichtsvoll gleich gar nicht. Ich schweige und warte, denn unser großer Tag muß ja doch einmal kommen, der Tag, wenn wir in ein gemeinsames Leben aufbrechen. Zuvörderst muß Vater Busch noch für seinen Wilhelm zahlen; daß er’s nur zähneknirschend thut, scheint mir sehr wahrscheinlich. Die Mutter wird ihm eingeflüstert haben, den Unterhalt auch fürderhin zu bestreiten. Hat sie doch auch etwas gutzumachen an ihrem Sohn, wenn ich denke: drei Jahre war er nicht daheim, nachdem sie ihn weggegeben haben, und als er zu seinem ersten Besuch heimkehrte – im Sommer 44 war es, ich entsinne mich genau – da erkennt sie ihn nicht! Er gieng an ihr vorüber, als sie auf dem Felde war, und sie erkannte ihn nicht.
Ich werde ihn nicht vergessen. Ich weiß, daß Großes in ihm steckt. Ich warte. Und niemand soll es wagen, sich zwischen uns zu stellen.
Es geschah etwa gegen neun Uhr morgens. Leo nagte gerade an einer Scheibe Toast, blätterte die Stellenanzeigen der Zeitungen vom vergangenen Wochenende durch und wartete, dass der Kaffee durchlief, als sie das verräterische Geräusch von der Straße hörte. Ein dumpfer Aufprall, ein Knirschen, eine krachend umgelegte Gangschaltung. – Stille. – Dann wurde eine Autotür zugeschlagen. Vom Küchenfenster aus sah Leo einen jungen Chinesen in schwarzen Jeans und Lederjacke im Imbiss verschwinden. Der Lieferwagen, ein weißer Mitsubishi Van, stand in einer Parklücke, die groß genug für einen Lkw gewesen wäre. Aber zwischen seiner Stoßstange und dem misshandelten Straßenbaum hätte sich nicht einmal mehr eine Amöbe hindurchquetschen können. Die Linde musste diese Folter offenbar schon seit geraumer Zeit über sich ergehen lassen, denn wo eine gesunde Rinde hätte sein sollen, klaffte die Borke in Stoßstangenhöhe wie eine Wunde auseinander.
Leo klopfte sich die Krümel von den Händen und ging hinunter.
»Tut mir so leid, aber ist noch nicht geöffnet!« Mit einem bedauernden Lächeln im Gesicht und einem beeindruckenden Messer in den Händen kam Wang Li aus der Küche. Leo ging jedenfalls davon aus, dass der freundlich lächelnde Mann, den sie schon mehrmals im Imbiss gesehen hatte, der Wang Li war, der in asiatisch stilisierten Lettern an der rot lackierten Eingangstür als Inhaber ausgewiesen wurde. Und weiterhin nahm sie an, dass der junge Mann, der regelmäßig Wangs zerbeulten Lieferwagen beim Einparken gegen den Straßenbaum vor ihrem Haus rammte, zu Wang Lis vielköpfiger Familie zählte.
Als Wang Li die Besucherin sah, legte er das Messer beiseite und wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab, das er sich in den Hosenbund gestopft hatte.
|28|»Die neue Frau in Professors Wohnung«, rief er erfreut. Dann legte sich unvermittelt ein Schatten auf sein Gesicht.
»Haben toten Mann gehabt gestern? Viel Aufregung! Und keiner da zu helfen. Waren alle in Küche. Nur alte Frauen oben, gehen nie raus, haben immer Angst. Bitte entschuldigen!«
Nichts da. Leo war entschlossen, sich nicht beirren zu lassen. Gar nicht so einfach, denn nahezu alles an diesem Mann wirkte auf Anhieb nett: seine freundlichen Augen, das unermüdliche Lächeln und die Art, wie er sich ihr beim Zuhören leicht zuneigte. Besonders nett fand sie, dass er sogar noch etwas kleiner war als sie selbst.
Der sehnige kleine Mann lächelte mitfühlend. Er hatte ein zerfurchtes Gesicht und nur vier vollständige Finger an jeder Hand. Rechts fehlte ihm die Kuppe des Daumens, links das erste Glied des kleinen Fingers. Trotz der Kälte trug er lediglich ein weißes T-Shirt und eine Kattunhose. Die nackten Füße steckten in Plastiksandalen.
»Herr Wang Li, nehme ich an?«, fragte Leo.
Er nickte und lächelte weiter.
Leo zeigte entschlossen auf den Van.
»Und das ist Ihr Wagen da draußen?«
»Mein Neffe hat eingekauft. Fährt jeden Tag zum Großmarkt. Bei uns immer alles frisch!«, sagte Wang Li stolz. »Professor hat gern hier gegessen.«
»So. Ja.« Sie räusperte sich. »Ihr Neffe hat offenbar Schwierigkeiten beim Einparken. So ein Straßenbaum hat es schon schwer genug. Seine Wurzeln sind zubetoniert, er bekommt kaum Wasser und er muss die ganzen schädlichen Abgase schlucken und im Winter das fiese Streusalz, da sollte man ihm doch wenigstens Attacken mit der Stoßstange ersparen, finden Sie nicht auch?«
Schwer zu sagen, was Wang Li fand. Er hatte den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt und blinzelte.
»Wenn Sie’s nicht für die Linde tun, dann vielleicht für Ihren Wagen«, versuchte Leo es weiter. »Dem bekommt das sicher auch nicht gut. Würden Sie Ihrem Neffen das wohl ausrichten?«
|29|Irgendwo hinter Wang Li in der Küche glaubte sie einen dunklen Schatten wahrzunehmen.
»Das wäre sehr nett!«, sagte sie etwas lauter.
Wang Li lächelte, nickte und schwieg.
»Vielen Dank. Und einen schönen Tag noch.« Leo fühlte sich, als sei sie unter vollen Segeln auf Grund gelaufen. Ziemlich lächerlich.
Trotzdem malte sie ein provisorisches Schild (An alle Autos: Bitte Abstand halten!) und schnürte es der Linde um den Stamm.
Bäume waren die Zuflucht ihrer Kindheit gewesen. Immer, wenn sich die Situation unerträglich zugespitzt hatte, war sie fortgerannt und wie ein Eichhörnchen auf einen Baum geklettert, der möglichst groß und möglichst weit weg von zu Hause war. Ungezählte Stunden hatte sie hoch oben im Geäst zwischen Vogelnestern und Blattlandschaften verbracht und im grünen Licht gebadet, bis alle Ängste und Zweifel wieder auf ein erträgliches Maß geschrumpft waren. Leo duldete es nicht, wenn Bäume litten. Sie fahndete in ihren Umzugskartons noch nach der Dose mit dem Baumharz, wurde fündig und spachtelte eine dichte Schicht auf die Wunde. Aufmunternd strich sie der Linde über die Borke. Wenn sie von nun an in Ruhe gelassen wurde, konnte sie sich wieder erholen.
Wang Li und einige andere verschwommene Gesichter beobachteten sie durch die Scheiben. Sie fanden ihre neue Nachbarin zweifellos etwas überspannt. Leo wischte sich die Hände ab, winkte in ihre Richtung und ging frühstücken.
Eine Stunde später verließ sie mit Rucksack und Fahrrad das Haus. Die Luft war exakt so, wie es sich für einen lausigen Novembertag gehörte: wattig grau und so kalt, dass sie einem beim Fahren die Tränen in die Augen trieb. Leo hielt kurz bei einem kleinen Blumenladen, kaufte Erde und einige Pflanzen, verstaute alles in den Gepäcktaschen und suchte sich ihren Weg durch das Straßengeflecht der Südstadt. Sie folgte der Hildesheimer Straße, bog in die Garkenburgstraße Richtung Messegelände ein und erreichte |30|schließlich den Seelhorster Friedhof, auf dem Onkel Ludwig lag. In der riesigen parkähnlichen Anlage waren Hunde, spielende Kinder und Fahrräder nicht erwünscht. Leo schloss ihr Rad am dafür vorgesehenen Fahrradständer an, lud sich die Gepäcktaschen auf und wanderte durch die Gräberreihen. Die verwelkten Kränze und Gebinde, die vor ein paar Tagen noch auf dem Grab gelegen hatten, waren abgeräumt, die Erde sah schwarz und nackt aus. Auf den nassen Krumen klebte hier und da gelbes Laub. Auffällig hob sich die kleine weiße Marmortafel vom dunklen Untergrund ab. Schmutzspritzer sprenkelten seit dem letzten Regen die Oberfläche und saßen in den Linien der schlichten Inschrift:
Ludwig Heller
* 13. März 1934
† 20. Oktober 2008
Ach, Onkel Ludwig, wie trostlos. Ein unauffälliges Reihengrab, pflegeleicht und komplett bezahlt. Niemand sollte Arbeit oder Kosten haben.
Niemand, das war sie. Leo ließ die Gepäcktaschen zu Boden gleiten und setzte den Rucksack ab.
Er hätte Anspruch auf ein hübsches Plätzchen im Heller’schen Familiengrab in Hamburg gehabt. Aber Leo konnte sich schon denken, was ihn zu seiner Entscheidung bewogen hatte.
Sie schnürte den Rucksack auf, zog eine große Terrakottaschale heraus und machte sich an die Arbeit.
Mit Ludwig hatte es schon immer Ärger gegeben. So lautete der Standardsatz von Leos Mutter, wenn die Rede auf ihren Bruder kam. Was genau passiert war, blieb Leo lange Zeit ein Rätsel. Niemand sprach in ihrer Gegenwart darüber, aber mit den feinen Antennen des Kindes fing Leo die Anklagen und Beschuldigungen auf, die in der Luft lagen, und sie hatte bald begriffen, dass zwischen ihrem Onkel und ihrer Mutter ein wackliger Waffenstillstand herrschte. Aber warum?
|31|Leo mochte Onkel Ludwig sehr gern. Niemand konnte so schön die Streiche von Max und Moritz vortragen wie er. Onkel Ludwig kannte alle Verse auswendig, und Leo war einzig durch seine Imitation der krautvernarrten Witwe Bolte dazu zu bewegen, das verhasste Sauerkraut zu essen, das sonntags auf den Tisch kam.
Leos Liebe zu ihrem Onkel war schuld, dass der Waffenstillstand zwischen den Geschwistern zerbrach. Als sie begann, ihn Papa zu nennen, war für Hanna Heller das Maß voll. »Ihm verdankst du es, dass du keinen Vater hast!« Ansonsten lautete die stereotype Antwort, wann immer Leo nach ihrem Vater fragte: »Wir haben uns getrennt.« Und weil ihre Fragen mit der Zeit immer heftigere Anfälle von Depression hervorriefen, fragte Leo schließlich nicht mehr.
Onkel Ludwig zog aus und kam nur noch gelegentlich zu Besuch. Leo wurde größer und älter und aufmerksamer. Sie besuchte ihren Onkel meist heimlich, denn sie verabscheute den Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Mutter, wenn die davon erfuhr. An einem dieser gestohlenen Nachmittage hatte sie schließlich die ganze Geschichte erfahren.
Es war ein drückend heißer Spätsommertag kurz vor Leos neunzehntem Geburtstag. Die Sonne schien milchig durch einen zähen Schleier und die Luft war klebrig vor Feuchtigkeit. Sie hatten einen Spaziergang gemacht, weil es in Onkel Ludwigs Büro noch unerträglicher war. Vor ihnen lag ein kleiner Teich, auf dem matt ein paar Enten dümpelten. Leo und Ludwig setzten sich auf eine Bank am Ufer.
Schon eine ganze Weile hatte sich das Gespräch um seine Arbeit gedreht. Wilhelm Busch oder Leos Erlebnisse in der Schule waren ihre üblichen Themen, sie waren unverfänglich und neutral.
»Was findest du bloß so spannend an diesem alten Busch«, wollte Leo, die nicht viel mehr als die Max-und-Moritz-Geschichte kannte, wissen. Sie hatte keine Ahnung, was sie selbst nach ihrem Abitur anfangen sollte. Onkel Ludwigs Wunsch war es, dass sie Kunstgeschichte und Literatur studierte wie er, und das entpuppte |32|sich als eine seiner wenigen Ideen, mit denen auch Hanna Heller sich anfreunden konnte. Wenn es nach ihr ging, sollte Leo wahlweise reich heiraten oder ihr Leben mit erlesenen Dingen anfüllen. Am besten beides. Sotheby’s und Christie’s waren betörende Namen für ihre Mutter, die ihre Tochter schon inmitten der feinen Gesellschaft Kontakte knüpfen und Geschäfte abschließen sah. Rückblickend war sich Leo durchaus bewusst, dass ihr Entschluss, Gartenbau zu studieren, sehr viel mit Trotz zu tun hatte. Damals aber wusste sie gar nichts.
»Wieso ausgerechnet Busch? Lohnt es sich, sein halbes Leben an so einen alten Zausel zu verschwenden?«
Onkel Ludwig hatte sich mit der Antwort Zeit gelassen. Er zog ein Taschentuch aus seiner Hose, nahm seinen Strohhut ab und wischte sich die Stirn trocken. Dann setzte er den Hut wieder auf.
»Zufall«, sagte er schließlich. »Es war reiner Zufall, was den Erstkontakt angeht. Wie das eben beim Studieren so passiert. Du schreibst eine Hausarbeit, in dem du jemanden erwähnst, weckst das Interesse deines Professors, der regt an, dies und jenes eingehender zu untersuchen – und schon steckst du mittendrin. Aber dass ich dabei geblieben bin, das liegt an Buschs persönlicher Geschichte. Wilhelm Busch ist nicht nur der, den alle zu kennen glauben, er ist mehr.«
Ungeduldig wedelte Leo eine Fliege weg, die ihr beständig um den Kopf schwirrte. Das war doch bloß kryptisches Gerede, nichts als heiße Luft.
»Was soll er denn sonst sein«, sagte sie gereizt. »Jeder ist so, wie er ist. Du bist Ludwig Heller und ich Leo.«
»Klare Verhältnisse, ja? Du bist so geradlinig, Leo. Das mag ich an dir. Aber das ist auch dein Problem.«
»Ich sehe nicht, was daran problematisch sein soll. Mein Leben ist schon kompliziert genug. Ich muss sowieso langsam los, Mama ist bestimmt schon unruhig.«
Es war eine Scheißidee gewesen, an einem Tag wie diesem herzukommen. |33|Die Hitze machte sie verrückt und bissig wie die verdammten Fliegen.
Onkel Ludwig jedoch hatte seelenruhig die Hände auf seinem Bauch gefaltet, über dem sich die helle Leinenweste merklich spannte, und deutlich gemacht, dass Hanna, wenn sie denn auf Leos Rückkehr wartete, sich noch ein Weilchen gedulden musste.
»Was fällt dir zu Wilhelm Busch ein? Du hast ein fertiges Bild im Kopf, nicht wahr?«