Amy Stern: Die Spur führt zu dir

Amore auf den zweiten Blick

Auf dem Weg nach Italien wird Ella vom Blitz getroffen. Und das liegt nicht an dem heftigen Gewitter, das den Zugverkehr lahmlegt. Der Grund dafür hat einen verträumten Blick und heißt Fabio. Die beiden kommen sich auf der Irrfahrt nach Venedig näher – und verlieren sich nach ihrer Ankunft prompt aus den Augen. Zum Glück kennt Ellas Gastgeberin Matilda jeden Winkel der Stadt und begibt sich mit ihr auf Spurensuche. So verwandelt sich Ellas Urlaub in ein romantisches Abenteuer, das sie nicht mehr vergessen wird.

Wohin soll es gehen?

  Buch lesen

  Vita

 

Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, liegt bei 1 zu 3 Millionen.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Baum bei einem Blitzeinschlag auf einen durch die Landschaft rasenden Eurocity kracht, dieser bremst und sich zwei Personen, die im Wagen 256 auf den Plätzen 35 und 33 nebeneinandersitzen, beim Aufprall ineinander verlieben?

1 zu 113 Millionen?

1 zu einer Milliarde?

Offen gestanden habe ich nicht die leiseste Ahnung.

Ich weiß nur, dass es mir passiert ist. Und dass ich das alles nicht wollte. Um nichts in der Welt.

27. Juli, Vormittag – Irgendwo zwischen München und Kufstein

Venedig – Stadt der Liebe stand in verschnörkelten Buchstaben auf dem Werbeplakat, das über dem Waschbecken hing. Darunter ein Foto vom Canal Grande mit einer Gondel im Mondschein. Ein Paar, in einen Kuss versunken. Schmachtfaktor zehneinhalb.

Albern, dachte ich und zog die Jeans hoch. Auf dem Canal Grande herrschte von morgens bis abends Hochbetrieb. Vaporetti, Lieferboote, Müllschiffe und Wassertaxis durchpflügten das Wasser. Manchmal sah man tatsächlich auch eine Gondel vorübergleiten. Zu späterer Stunde legte sich aber eine gespenstische Stille über die Stadt. Die Touristen saßen beim Essen, nur manchmal huschte eine dunkle Gestalt auf klackenden Absätzen durch eine Gasse und versuchte einen letzten Wasserbus, zu erwischen. Die Gondolieri hatten dann längst Feierabend.

Der Zug legte sich in die Kurve, ich torkelte zur Seite, da wurde an die Tür geklopft und eine hohe, schrille Stimme ertönte: »Hallo, ist da jemand drin?«

»Besetzt!«

»Brauchen Sie Hilfe?«

»Nein, einen Moment noch.«

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich schon viel zu lange in der Zugtoilette herumtrödelte. Ich betätigte die Spülung. Nichts passierte. Also drückte ich stärker, hämmerte abwechselnd mit Zeigefinger und Daumen auf den Knopf ein, ein gurgelndes Geräusch erklang, aber nur ein Rinnsal tröpfelte in die Schüssel. Dann tat die Spülung einen letzten Seufzer und das war’s.

Bitte nicht! Warum musste ausgerechnet mir das passieren?

Ich trat ans Waschbecken, aber auch hier kam nicht mal ein armseliger Tropfen aus dem Hahn.

»Signora?«, meldete sich wieder die Frau vor der Tür zu Wort. »Wirklich alles in Ordnung bei Ihnen?«

»Sekunde!«

Ich schloss auf und stand einer Frau im Alter meiner Mutter gegenüber. Sie verzog das Gesicht. Es schien ziemlich dringend bei ihr zu sein.

»Tut mir leid, die Spülung geht nicht«, murmelte ich und zwängte mich an ihr vorbei.

Eilig durchquerte ich den Wagen 255 und blieb im Eingangsbereich zu Wagen 256 stehen. Sollte meine Mutter ruhig schmoren und sich fragen, wo ich so lange abblieb.

Ich sah aus dem Fenster – Wälder und sattgrüne Weiden glitten vorbei – und hoffte, dass sich so etwas wie Ferienvorfreude einstellte. Fehlanzeige. Schon seit wir in München losgefahren waren, war meine Stimmung auf dem Tiefpunkt. Passend dazu zogen jetzt auch noch dunkle Wolken auf. Sicher freute ich mich auf Venedig. Sehr sogar. Ich liebte die Stadt wie kaum einen anderen Ort auf der Welt. Aber ich wollte eben auch einen Teil der Sommerferien bei meinem Vater in Berlin verbringen. Wenigstens ein paar Tage! Das Berlin-Feeling war einzigartig. Nirgends sonst gab es so viele kreative Leute, so schräge Vögel, so leckere Döner. Doch Mum hatte aus Gründen, die mir nicht ganz einleuchteten, einen Riegel davorgeschoben.

»Weißt du überhaupt zu schätzen, was für ein Glück du hast?«, hatte sie gesagt. »Fünf Wochen Venedig. Und wir müssen nicht mal ein teures Hotel bezahlen!«

Das stimmte. Natürlich war es ein Riesenglück, dass wir, wann immer wir Lust hatten, die Ferien bei Mamas Schwester Anne verbringen durften. Tante Anne und Onkel Thomas waren vor rund zehn Jahren nach Venedig ausgewandert und hatten im Stadtteil Cannaregio ein schnuckeliges Hotel mit acht individuell eingerichteten Zimmern eröffnet. Es lag an einem Seitenkanal, durch den frühmorgens die Lieferboote tuckerten und einen das Brummen der Motoren aus dem Schlaf holte. Meine Mutter übernachtete jedes Mal in ihrem Lieblingszimmer Contessa Morisini. Ihre Schwester hielt es extra für sie frei, weil sie die brokatbespannten Wände und das Himmelbett so sehr liebte. Ich brauchte keinen Raum für mich, sondern schlüpfte bei meiner Cousine Matilde im Obergeschoss des Hauses unter, wo auch die Familie lebte.

Matilde war neben Rosa in München meine engste Freundin. Wir konnten uns alles sagen und uns gegenseitig das Herz ausschütten. Das war wichtig, wenn es mir mal wieder wegen Papa schlecht ging und niemand anders zur Stelle war. Meine Eltern lebten schon länger getrennt, doch erst vor einem Jahr war mein Vater nach Berlin gezogen. Angeblich wegen seiner Arbeit als Kameramann, aber ich war der felsenfesten Ansicht, dass er möglichst weit weg von meiner Mutter sein wollte. Nur sprach das keiner laut aus.

Ich vermisste meinen Vater. Früher waren wir an den Wochenenden durch die Münchener Museen gezogen. Wir hatten uns Fotoausstellungen angesehen oder im Englischen Garten bei einer Rhabarbersaftschorle über seinen Job beim Film und über meine Leidenschaft, das Fotografieren, gesprochen. Das gab es alles nicht mehr. Sicher konnte ich auch Rosa oder meiner Mutter meine Fotos zeigen, doch das war nicht dasselbe. Die beiden fanden jede Aufnahme großartig bis grandios. Das war zwar nett, brachte mich aber nicht weiter.

Ein Tunnel verschluckte den Zug, es schaukelte so heftig, dass ich mich an der Zugverschalung festhalten musste. Als wir wieder ins Tageslicht tauchten, war der Himmel über den Bergen rabenschwarz. Nicht mehr lange und es würde losschütten.

Mein Handy piepte. Eine Nachricht von meiner Mutter. Sie machte sich Sorgen, wo ich die ganze Zeit steckte.

Bin schon da, tippte ich und kehrte in den Großraumwagen zurück.

Mum saß am Fenster der Vierersitzgruppe, hatte die Beine übereinandergeschlagen und einen Krimi vor der Nase.

»Alles okay?« Sie blickte vom Buch auf.

»Ja. Klar.«

»Und warum guckst du so böse?«

»Weil die Spülung nicht ging. Und weil ich … weil ich mich so auf Berlin gefreut habe.«

Ups, ich hatte es eigentlich nicht aussprechen wollen, es war mir so herausgerutscht.

»Wie bitte?« Sie sah mich aus schläfrigen Augen an.

Ich setzte mich ihr gegenüber. »Du hast mich schon richtig verstanden.«

»Ella, es tut mir wirklich leid.« Sie beugte sich vor und fuhr in mikrokleinen Kreisen über die Knöchel meiner Hand.

»Wenn’s dir leidtut, kann ich ja in der letzten Woche noch hinfahren.«

»Das sehen wir dann, okay?«

Das sehen wir dann. Großartige Antwort! Die Lieblingsantwort aller Eltern, wenn sie nicht weiterwussten und einen abwimmeln wollten. Oder erst gar keine Lust auf Diskussionen hatten.

Meine Mutter vertiefte sich wieder in den Krimi, und während die ersten Tropfen an die Scheibe klatschten, kramte ich mein Handy aus dem Rucksack. Eine sehr lange und sehr langweilige Bahnfahrt stand mir bevor. Mit Broten aus der Biobäckerei, die Mama mit Tilsiter belegt hatte. Mit einer Zugtoilette, die man nicht benutzen konnte. Und mit dem Gedanken an meinen Vater, der mir manchmal ganz schön fehlte.

27. Juli, später Vormittag – Irgendwo zwischen Kufstein und Brenner

Regen peitschte durchs Tal, die Bäume entlang der Bahnstrecke bogen sich im Wind, als würden sie tanzen, und die Wolken hatten die Gipfel der Berge verschluckt. Mal flog eine Kapelle vorüber, mal eine Burg, dann raste der Zug in einen Tunnel und tauchte zwischen saftigen Weiden wieder auf.

Meine Mutter legte ihr Buch vor sich ab. »Ist es immer noch wegen Berlin?«, sagte sie.

»Was?«

»Dass du dir die Nase an der Scheibe platt drückst.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ella«, setzte sie an, brach aber gleich wieder ab.

»Was?«

»Ich mag es nicht, wenn du so … so stumm bist! Und nur rausschaust.«

»Aber ich guck gerne aus dem Fenster.«

Ihre Augenbrauen rückten enger zusammen. Ich kannte diesen Ich-bin-ja-so-besorgt-Gesichtsausdruck. Und meistens nervte es mich.

»Solltest du auch mal versuchen«, fuhr ich fort und schenkte ihr ein Lächeln. »Das entspannt. Und man kann super nachdenken.«

Zum Beispiel über die zurückliegenden Monate. Eben hatte ich an meinen Ex denken müssen. Elias, the one and only. Den besten Skater an unserer Schule. Sechs Monate waren wir zusammen. Eine aufregende Zeit, in der mein Leben auf einer Skala von eins bis zehn eine glatte Neun war. Dann musste er mit seiner Familie nach Dresden ziehen und kurz darauf war es aus. Die schillernde Seifenblase zerplatzt. Bis heute wusste ich nicht genau, warum. Ob er nicht mehr an mir interessiert war. Oder keine Lust auf eine Fernbeziehung hatte. Oder einfach nicht dazu in der Lage war.

Inzwischen tat es kaum noch weh. Die Gefühle hatten sich verflüchtigt und das war okay so.

»Sollen wir vielleicht Karten spielen?«, drang die Stimme meiner Mutter an mein Ohr.

»Nein, Mama.«

Ich brauchte keine Beschäftigung. Ich wollte einfach nur für mich sein.

»Müde?«

»Ja, ein bisschen.«

Meine Mutter konnte nicht eine Minute ohne ein Buch, eine Zeitschrift oder ihr Handy vor der Nase dasitzen. Immer brauchte sie Ablenkung, Trubel, Action. Zu Hause in München telefonierte sie abendelang mit ihren Freundinnen, sie ging ins Kino und Theater oder lud ihre Kunden zu einem Imbiss und einem Glas Wein in ihren Feinkostladen ein. Vielleicht merkte sie es nicht, aber manchmal kam es mir vor, als würde sie seit der Trennung von meinem Vater vor sich selbst davonlaufen.

Sie nahm ihr Telefon raus und ihr Zeigefinger flog über die Tasten.

»Oh, prima, das Tiefdruckgebiet zieht weiter nach Osten. In Venedig soll es die nächsten Tage richtig schön werden.«

»Sicher?«

»Sagt meine Wetter-App.«

Ich erinnerte meine Mutter grinsend an unsere vorletzte Venedigreise. Damals hatte es sieben Tage am Stück geschüttet. Obwohl bestes Wetter vorhergesagt worden war.

Aber im Grunde kümmerte mich das nicht. Ich wollte fotografieren und dafür spielte das Wetter keine Rolle. Venedig war eine in die Jahre gekommene Diva und immer schön. Bei Sonne, wenn die Lagune silbrig glitzerte. Bei Regen, wenn das Wasser der Kanäle zwischen Tiefgrün und Petrol changierte. Bei Nebel, wenn die Gassen und Brücken nur zu erahnen waren. Sogar bei Hochwasser, dem berühmt-berüchtigten Acqua Alta, machte es mir Spaß, in Gummistiefeln durch die Stadt zu waten und Touristen zu knipsen. Wie sie sich mit den Plastiküberziehern für die Schuhe abmühten, die man ihnen im Hotel ausgehändigt hatte. Wie sie über die fürs Hochwasser aufgebauten Stege balancierten oder in den Bars standen, bis zu den Knöcheln im Wasser, und einen Espresso tranken.

Nur damit meine Mutter Ruhe gab, nahm ich mein Handy aus dem Rucksack. Wenn ich mit meinem Smartphone beschäftigt war, gab sie keinen Mucks von sich. Vielleicht glaubte sie, dass ich mir mit Rosa schrieb. So wie sie das mit ihrer besten Freundin in München tat. Oder herumdaddelte, was auch irgendwie in Ordnung ging.

Aber ich hatte Besseres zu tun. Im Schutz meiner Jeansjacke klickte ich die Fotogalerie auf. Einige Hundert Fotos hatten sich dort angesammelt. Nicht immer hatte ich meine Spiegelreflexkamera dabei, trotzdem wollte ich nicht aufs Fotografieren verzichten, wenn mir ein lohnendes Motiv ins Auge stach. Jetzt nutzte ich die Zeit, um in den Alben zu stöbern und weniger gelungene Aufnahmen zu löschen.

Ich spürte einen Windhauch, und als ich hochsah, hing Mum halb auf meinem Schoß.

»Zeig doch mal, Schatz.«

»Da gibt’s nicht Spannendes zu sehen.«

»Oh doch, ich denke schon.« Lächelnd klemmte sie ihr blondes Haar hinters Ohr. »Das künstlerische Talent hast du eindeutig von deinem Vater geerbt.«

»Ja, und meine komischen Ohrläppchen.«

»Und die grünen Augen mit den dichten Wimpern.«

Ihr Lächeln erstarb. Vielleicht hatte sie in diesem Augenblick dasselbe wie ich gedacht. Dass ich meinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war. Und ich sie allein durch meine Anwesenheit jeden Tag an ihn erinnerte.

»Hunger, Ella?«

Erst jetzt bemerkte ich das beißende Loch in meinem Magen und nickte.

»Gibt es zufällig auch was anderes als Stinkekäse?«

»Nicht zufällig, absichtlich.« Mum nahm die Brotbox aus der Provianttasche und lugte hinein. »Frischkäse? Emmentaler? Oder möchtest die Butterbreze vom Bahnhof?«

»Emmentaler.«

Sie reichte mir eine Schnitte, dazu eine Serviette. Den restlichen Proviant breitete sie auf dem Tisch und auf den freien Sitzen neben uns aus. Außer den belegten Broten gab es Gemüsestifte, Aprikosen, Tomaten sowie Cantuccini, die sie gestern gebacken hatte, als Rosa und ich uns voneinander verabschiedet hatten. Meine Freundin fuhr mit ihren Eltern für zwei Wochen ins Allgäu, danach ging es zurück nach München, wo sie an einem Stand-up-Paddling-Kurs teilnahm.

»Reicht das? Wenn nicht, können wir später noch in den Speisewagen gehen.«

»Nicht nötig«, nuschelte ich mit vollem Mund.

In Venedig wurde ich sowieso gemästet. Tante Anna und Onkel Thomas kochten fantastisch und stellten jeden Abend die köstlichsten Gerichte auf den Tisch. Spaghetti mit Garnelen, Muscheln oder Tintenfischen, gegrillte Artischocken, hausgemachte Gnocchi mit Tomatensoße, Fischrisotto und meine Lieblingsnachspeise Pannacotta. Und auch unterwegs bekam man an jeder Bar Tramezzini, diese dreieckigen, üppig gefüllten Weißbrot-Sandwiches, außerdem gigantische Pizzastücke, süße Teilchen und Eis. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in den nächsten Wochen verhungerte, tendierte also gegen null.

Ich biss in ein Stück Mohrrübe, als ein kräftig gebauter Mann und sein schlaksiger, hoch aufgeschossener Sohn im Gang auftauchten. Zumindest glaubte ich, dass sie Vater und Sohn waren. Sie hatten beide espressobraune Wuschellocken – beim Vater waren sie etwas kürzer geschnitten als beim Sohn, der sie zum hohen Dutt zusammengebunden hatte – und leicht abstehende Ohren. Auf unserer Höhe blieben sie stehen und setzten ihre Rucksäcke ab.

»Ist hier noch frei?«, fragte der Vater mit italienischem Akzent.

Nein!, dachte ich. Nicht dass ich etwas gegen die beiden hatte, sie wirkten durchaus sympathisch, aber wir hatten unser Essen überall verteilt. Das sah man doch. Und gab es nicht noch woanders zwei freie Plätze?

»Entschuldigen Sie, ich spreche nicht gut Deutsch«, fuhr der Mann fort. »Aber Fabio. Meine Sohn.«

Mein Blick wanderte zu Fabio, seine Sohn. Wahnsinn, diese tiefblauen Augen. Wie der Starnberger See an einem Tag im August. Dagegen konnte nicht mal Elias anstinken, der sich immer so viel auf die Farbe seiner Augen eingebildet hatte. Als hätte der Junge meine Gedanken gelesen, zwirbelte er verlegen eine herausfallende Locke mit dem Zeigefinger und sagte leise: »Wir wollen nicht stören, aber da, wo wir eben gesessen haben …« Er brach ab.

»Was meine Sohn will sagen«, sagte wieder der Vater. »Im anderen Waggon war eine Katze und Fabio hat eine Allergie. Richtige schlimme Allergie.« Er legte seine Hand auf die Brust. »Kriegt keine Luft und …«

Fabio zischte seinem Dad etwas zu, wovon ich kein einziges Wort verstand. Meine Italienischkenntnisse beschränkten sich darauf, Hallo und Auf Wiedersehen zu sagen, eine Pannacotta oder ein Eis zu bestellen oder nach dem Weg zu fragen. Meine Mutter fand zwar, dass ich schon ganz gut Italienisch sprach, aber ich hielt das für ein Gerücht.

»Scusate«, fuhr der Vater mit Blick auf den ausgebreiteten Proviant fort. »Gibt andere freie Plätze. Buon appetito. Dai, Fabio.«

Er schnappte sich die Gepäckstücke, hob die Hand zum Gruß und marschierte weiter. Der Typ namens Fabio trottete mit gesenktem Kopf hinter ihm her.

»Das war unhöflich von uns.« Mama zog die Stirn kraus. »Wir hätten Platz machen sollen. Der arme junge Mann.«

»Hm«, machte ich und biss von meinem Brot ab. Offen gestanden hatte ich keine Meinung dazu. Eine Zugfahrt mit meiner Mutter, meinen Fotos und In-die-Landschaft-Gucken war eine Sache. Eine andere, wenn plötzlich ein Mann mit Redebedürfnis und sein Sohn ohne Redebedürfnis über Stunden mit uns zusammensaßen. Auch wenn dieser Fabio mit seinen Augen jedem Elias Konkurrenz machte.

Nach dem Käsebrot aß ich ein weiteres mit Frischkäse, dazu etwas Kohlrabi, zum Nachtisch naschte ich zwei Kekse.

»Schmecken sie?«, fragte meine Mutter.

»Sieht man das nicht?«

Sie lächelte erfreut.

»Bessere hab ich nicht mal in Venedig bekommen«, fuhr ich fort.

»Prima. Dann werde ich die in Zukunft für mein Geschäft backen.«

Meine Mutter verkaufte in ihrem Delikatessenladen nicht nur aus Italien importierte Spezialitäten wie Schinken, Käse, Oliven, Kekse und Wein, sie schenkte auch Kaffee aus. Und immer gab es einen Keks oder eine andere kleine Süßigkeit gratis dazu.

Kaum hatte sie die Provianttasche kurz darauf wieder unter dem Tisch verstaut, tauchte das Vater-Sohn-Gespann ein zweites Mal am Ende des Ganges auf.

»Mama, sie kommen zurück.«

»Wer?«

»Na, die beiden. Du weißt schon …« Ich verstummte.

»Ah, gut geschmeckt?« Ein Grinsen überzog das Gesicht des Vaters wie Zuckerguss den Donut.

Meine Mutter nickte. Ich tat nichts. Außer Fabios Blick auszuweichen. Auch wenn ich nicht hinsah, spürte ich, dass er mich musterte.

»Ja, sehr gut«, antwortete sie. »Aber setzen Sie sich doch bitte. Es tut mir leid, dass wir die Plätze nicht sofort frei gemacht haben.«

»Kein Problem! Essen ist wichtig. Molto importante!«

Er wechselte ein paar Sätze mit seinem Sohn auf Italienisch, dann verstauten sie ihre Gepäckstücke auf der Ablage über uns. Das dauerte ein Weilchen, weil Mama und ich uns dort mit den beiden Rollkoffern und zwei sperrigen Taschen breitgemacht hatten.

»Stefano, piacere!« Der Vater streckte erst Mama, dann mir die Hand hin. »Und Sie sind …?«

Mum lachte nervös. Kein Wunder. In Zügen fuhr man eine Weile zusammen, aber für gewöhnlich stellte man sich nicht bei den Mitreisenden vor.

»Ich heiße Barbara und das ist meine Tochter Ella.«

»Barbara und Ella!« Er setzte sich neben Mama. »Fabio, dimmi, sind das schöne Namen?«

Der schlaksige Typ, der eben noch an einem der Gepäckstücke herumgedoktert hatte, ließ sich neben mich fallen und streckte seine langen Beine in den Gang.

»Mhm«, brummte er und kramte sein Handy raus. Ende der Durchsage.

Ich konnte ihn gut verstehen. Allein die Vorstellung, meine Mutter hätte die Vornamen unserer Mitreisenden über den grünen Klee gelobt, trieb mir die Schamesröte ins Gesicht.

Doch es kam noch schlimmer. Während sich Fabio die Ohrhörer in die Ohren schob, unterhielten sich Mama und Stefano in Megafonlautstärke. Ich hörte bloß mit halbem Ohr hin, bekam aber mit, dass Stefano und seine Sohn bei den deutschen Großeltern in Augsburg zu Besuch waren, seine Frau Maria stamme von dort. Er selbst sei Venezianer, arbeite seit über zwanzig Jahren als Gondoliere und wolle meine Mutter und mich sehr gern einmal durch die Kanäle schippern. Gratis natürlich. Sofern wir denn Lust dazu hätten.

Mama stieß mich in die Seite. »Und, Ella? Wie findest du das?«

»Was?«, fragte ich belämmert nach.

»Stefano hat uns zu einer Gondelfahrt eingeladen.«

»Ah, danke, super«, murmelte ich.

Stefanas Angebot war bloß nett gemeint. Er konnte nicht wissen, dass ich jedes Mal, wenn ich eine mit Touristen voll besetzte Gondel sah und der Gondoliere womöglich noch O sole mio schmetterte, peinlich berührt zusammenzuckte. Und mit meiner Mutter romantisch durch die Kanäle zu gleiten, lag sowieso außerhalb meiner Vorstellungskraft. Wenn überhaupt, tat man so etwas mit einem Traumtypen. Und von dem Thema wollte ich im Moment nichts wissen.

Fabio war ganz in seine Musik abgetaucht und auch ich nahm meine Ohrhörer aus dem Rucksack. Das Geschnatter neben mir war kaum zu ertragen. Und die Tatsache, dass noch sehr viele Zugstunden vor mir lagen, machte es nicht besser. Ich drehte die Musik laut auf und schaute aus dem Fenster. Zum Glück hatte der Regen nachgelassen, der Zug schaukelte gemütlich durch die bergige Landschaft und die Sonne blitzte zwischen grauen Wolkenungetümen hervor.

Ich schloss die Augen, und als ich sie einige Minuten darauf wieder öffnete, sah ich aus dem Augenwinkel, dass Fabio in ein Heft kritzelte. Er tat dies so hingebungsvoll, dass er im Minutentakt seine Position veränderte. Mal schlug er die Beine übereinander, mal streckte er sie lang in den Gang, und ab und zu wehte mich ein schwacher Limetten-Duft mit einem Hauch Rosmarin an. Vielleicht war es auch Pfefferminz – egal, es roch unfassbar gut.

Ich wandte meinen Kopf ein paar Zentimeter zur Seite und riskierte einen verstohlenen Blick. Fabio zeichnete einen Comic. Das wirkte so gekonnt, dass ich mich fragte, ob er womöglich gar nicht mehr zur Schule ging, sondern schon studierte. Im ersten Moment hatte ich ihn auf fast siebzehn geschätzt, so alt wie ich, aber vielleicht lag ich auch komplett daneben.

Wie gebannt sah ich ihm beim Skizzieren zu. Der Bleistift sauste übers Papier, ab und zu runzelte Fabio die Stirn und radierte etwas weg. Die Krümel pustete er in den Gang oder schob sie mit der Handkante von sich fort. Wow, was für schöne Hände er hatte! Lang und schmal, die Nägel schimmerten in einem blassen Rosa und ums Handgelenk schmiegte sich ein dreifach geschlungenes Lederarmband.

Plötzlich hielt Fabio inne und spähte zu mir rüber. Einen Sekundenbruchteil lang trafen sich unsere Blicke.

Ich guckte weg und tat, als würde es mich am Bein jucken. Wie peinlich, hatte ich ihn etwa die ganze Zeit angegafft? Und er hatte es bemerkt?

Zum Glück hatte ich mein Handy in der Hand und klickte die Fotogalerie auf. Vorhin hatte ich die Wolken-Aufnahmen sortiert und ausgemistet, nun arbeitete ich mich durch das Album mit Freunden. Rosa, immer wieder Rosa! Ich löschte kein einziges Foto. Meine Freundin Rosa war süß, knuffig und sommersprossig und sah selbst dann toll aus, wenn sie morgens mit wirren Haaren aus dem Bett kroch. Es folgten Aufnahmen von unserer legendären Schulfete. Damals war ich mit Elias zusammengekommen. Mein Magen fuhr Fahrstuhl, als ich auf ein ganz bestimmtes Foto stieß. Elias saß auf der Fensterbank im Chemiesaal, ein Bein hochgezogen, und lächelte in die Kamera. Er hatte so cool ausgesehen mit den schulterlangen, von der Sonne blond gewordenen Haaren. Alle Mädchen standen auf ihn, ausnahmslos. An diesem Tag, ich erinnerte mich genau, hatte ich mich rettungslos in ihn verliebt. Ich scrollte weiter, fand immer mehr Fotos von ihm. Elias beim Skaten. Elias in Badehose am Walchensee. Elias vor der Feldherrnhalle am Odeonsplatz. Elias mit seinem Hund Charly im Arm.

Ich atmete tief ein und aus, dann ging mein Blick aus dem Fenster, wo der Himmel plötzlich schwefelgelb leuchtete, und als ich den Kopf wieder nach links drehte, bemerkte ich, dass Fabio auf mein Handy starrte. Es war nur ein mikrokurzer Moment, aber er reichte aus, um meinen Herzschlag auf Touren zu bringen. Rasch klickte ich die Fotos weg.

Lass ihn bitte nicht die Bilder von Elias gesehen haben, flehte ich im Stillen. Elias ging niemanden etwas an. Und schon gar nicht diesen Wahnsinnstypen neben mir.

Wahnsinnstyp? Hatte ich das eben wirklich gedacht?

»Hab ich nicht«, murmelte ich, und als ich noch mal zu Fabio schaute, sah ich, dass er mich angrinste. Also, er grinste nicht richtig, nur ein Mundwinkel hob sich und seine Augen waren jetzt intensivblau wie das Meer an seiner tiefsten Stelle.

Und während ich noch dachte, dass gerade ziemlich verrückte Gedanken meine Gehirngänge fluteten, zuckte ein Blitz durch den Himmel. Meine Mutter schreckte von ihrem Buch hoch und setzte sich kerzengerade hin.

Ich zählte die Sekunden, bei drei rollte ein gewaltiger Donner über die Berge. Schon öffneten sich die Schleusen und ein sturzbachartiger Regen ging los. Das Wasser prasselte gegen die Scheiben, ein paar Blitze flackerten in rascher Folge, dann gab es einen ohrenbetäubender Knall.

Mum schrie auf.

»Madonna mia!«, rief Stefano.

Fabio murmelte etwas auf Italienisch.

Ein Ruck ging durch den Waggon, wieder knallte es irgendwo und mir brach der Schweiß aus. Die nächsten Sekunden, vielleicht waren es auch Minuten, erlebte ich, als würde ich in einem Zeitvakuum feststecken, nicht vor- und nicht zurückkönnen.

Ich schoss nach vorne.

Ich dachte, gleich zerquetschst du Mama.

Ich sah die Armlehne zwischen meiner Mutter und Mister Gondoliere auf mich zurasen.

Ich spürte Arme, die mich zurückrissen, und ein Schmerz flackerte in meinem Bein auf.

Und dann … keine Ahnung, was dann war. Plötzlich stand der Zug und Fabio und ich lagen ineinander verknäult im Gang. Ich halb unter ihm und er schaute mich an. Und alles, was ich in diesem benommenen Zustand denken konnte, war, dass ich gerade in die blauesten Augen der Welt geschaut hatte.

27. Juli, Nachmittag – Krankenhaus, irgendwo in Oberitalien

»Ella?« Die Stimme drang wie aus einem anderen Universum an mein Ohr. »Ella, bist du wach?« Ich spürte eine Hand an meiner Schulter. »He! Nicht wieder einschlafen.«

Ich schlug die Augen auf und sah das verzerrte Gesicht meiner Mutter über mir.

»Wie geht es dir?«

»Ich weiß nicht … ich … Wo bin ich, Mama?«

Über mir flackerte eine Neonröhre. Gesprächsfetzen drangen an mein Ohr.

»In einem Krankenhaus in Italien.«

»Was? Warum denn?«

»Da war ja dieses heftige Gewitter …«