Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Namen und Handlungen sind fiktiv oder rein zufällig in Archiven der Stadt Spremberg und in Jahreskalendern recherchiert oder Oral-Historie.
Alle Rechte und Copyright © 2020 bei den Autoren
Walter W. Braun und
Horst Reiner Menzel
Illustration: Walter W. Braun und Horst Reiner Menzel
Coverbild: Von Tumisu auf Pixabay
Aquarell: „Die Tänzerin“ Willy Hohmann Osnabrück 1942
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-375-346-592-0
Lange haben wir überlegt und abgewogen, welchen Titel wir diesem Buch geben sollen. Der Blitzschutz-Papst war so eine Idee. Das haben wir aber wieder verworfen, denn der Protagonist dieses Buches hat nie etwas erfunden oder eine besondere Kompetenz in diesem Handwerk vorweisen können. Dann war es der Baron, mit dem wir geliebäugelt haben. Das hörte sich aber nach einer bedeutenden Dynastie an, das war es auch nicht. Denn Gerhard Lösch hatte zwar eine Verwandtschaft, aus deren Reihen der Neffe hervorging, der in dieser Geschichte eine bedeutende Rolle spielt, aber von einer Dynastie kann sicher nicht die Rede sein. Sein Stiefsohn Wolfgang, den seine Frau mit in die Ehe brachte, der aber in jungen Jahren auf tragische Weise ums Leben kam und ertrunken ist, war der einzige, der das Unternehmen hätten weiterführen können.
Ein König, der war er in seinem Reich und in der Branche, ein Monarch im Tun und Handeln, und er wurde es wahrlich ohne große eigene Anstrengung und Zutun. Sein Verdienst war es allerdings, immer die richtigen Leute zu finden, die ihn am Ende dorthin brachten, wohin er wollte: an viel, viel Geld. Seine große Stärke im Leben war, ein Gespür für Menschen zu haben, sie für sich einzunehmen und zu gewinnen. Sein Credo war: „Jeden Tag steht ein nützlicher Idiot auf, den du vor deinen Karren zu spannen kannst, du musst ihn nur finden.“ Sie alle arbeiteten für ihn willig und engagiert, ohne dass er sich selber die Hände – auch im übertragenen Sinne – schmutzig machen musste.
Walter W. Braun, Schwarzwaldautor
Horst Reiner Menzel, Autor und Aphoristiker
September 2020
Die Natur-Elemente, Blitz und Donner haben die Menschheit immer schon in ihren Bann gezogen, sie einerseits fasziniert, andererseits wurden im Anblick unbeherrschbarer Naturgewalten Ängste geweckt und Urinstinkte freigesetzt. Unzählige Sagen, Fabeln, Mythen ranken sich um dieses schier endlose Thema, und der Aberglaube band die manchmal katastrophalen Auswirkungen geschickt in sein abstruses Bild mit ein. Woher kommt das aber?
Von alters her mussten sich der Homo erectus und der Homo sapiens – unsere frühesten und frühen Vorfahren – mit diesen gewaltigen und furchteinflößenden Naturphänomenen auseinandersetzen. Sie versuchten sich mit ihrem angeborenen Lebenserhaltungstrieb und ihren natürlichen Instinkten bestmöglich vor den verderblichen Auswirkungen eines Gewitters zu schützen. Man entwickelte Verhaltensweisen, gab Ratschläge, die größtenteils Unsinn waren. Aus gesicherten Erkenntnissen haben sich dann aber doch hilfreiche Erfahrungswerte herauskristallisiert, die zum Teil heute noch gelten.
Vor Blitzeinschlägen ist man keinesfalls unter einem einzelnstehenden Baum sicher, in dessen Schutz sich früher die Menschen manchmal geflüchtet hatten, wenn sie im Freien von einem Gewitter überrascht wurden. Im Hochwald dagegen ist man relativ sicher, wenn man sich nicht direkt an einen Baum anlehnt, und der gerade zufälligerweise vom Blitzeinschlag getroffen wird.
Wer sich dagegen auf einer flachen Wiese aufhält, sollte am tiefsten Punkt, mit geschlossenen Beinen geduckt in die Hocke gehen, oder sich besser noch in eine Mulde kauern und abwarten, bis das Gewitter auf eine sichere Entfernung weitergezogen ist. Wichtig ist, die Beine eng zusammenzuhalten, weil bei einem Naheinschlag eine sogenannte Schrittspannung entsteht. Dabei fließen hohe Spannungen über die Beine durch den Körper und verursachen, neben schlimmen Verbrennungen, oft ein tödliches Herzflimmern.
Noch bis zum 18. Jahrhundert gingen im Allgemeinen die Menschen nicht freiwillig in die Berge. Heute tun sie es zu Zehntausenden und gerade dort, sind Überraschungen durch schnell aufziehende Gewitter an der Tagesordnung. In diesem Falle muss rechtzeitig jegliches Metall, zum Beispiel der Eispickel, weit entfernt von sich abgelegt werden. Und auch hier gilt der Rat, sich möglichst in eine Mulde kauern, die Beine eng geschlossen beisammenhalten, und wenn möglich sollte man keinen körperlichen Kontakt mit den nassen Felsen haben.
Für Menschen und ihren Gebäuden, ist die Forschung über das Blitzgeschehen und dessen Folgen, schon lange ein Thema. Viele wertvolle Erkenntnisse wurden schon gewonnen, obwohl es sich hier nur um ein recht kleines Wissensgebiet handelt, das sich bisher der menschlichen Neugier einigermaßen erschlossen hat.
In jüngerer Zeit wurde das Phänomen erst ab 1945, durch die gezielte Blitzforschung, vor allem auf dem Monte San Salvatore, oberhalb von Lugano in der Schweiz, wissenschaftlich fundiert erforscht. Bevor man sich Gedanken über Schutzmaßnahmen machen konnte, musste zuerst Grundlagenforschung betrieben werden. Zu diesem Zweck hatte man dort erstmals Messeinrichtungen installiert. Man wollte mehr wissen über Ladung, Energieimpuls, Verlauf und Größe der elektrischen Felder und anderen Parametern. Schon Jahrhunderte zuvor hatten Mutige mit diversen Versuchen begonnen. Sie wollten nicht nur erkennen und verstehen, was bei dem Phänomen Blitz abläuft, sondern, wenn möglich sogar die urgewaltigen Kräfte der Blitzenergie in irgendeiner Weise für die Menschheit nutzbar machen.
Der Blitz ist eine Funkenentladung zwischen den Wolken, oder ein kurzzeitiger Lichtbogen zwischen Wolken und Erde. In aller Regel tritt ein Blitz während eines Gewitters infolge der elektrostatischen Aufladung von wolkenbildenden mikrofeinen Wassertröpfchen auf. Er wird weithin von hörbarem Donner begleitet und gehört zu den Elektrometeoren. Dabei werden elektrische Ladungen (Elektronen oder Gas-Ionen) ausgetauscht, das heißt, es fließen hohe elektrische Ströme. Blitze können je nach Polarität der elektrostatischen Aufladung, auch von der Erde ausgehen, wenn die hochenergetischen Felder Fangladungen zu den Wolken ausbilden.
Künstlich im Labor mit Hochspannungsimpulsen erzeugte Blitze, dienen dem Studium oder der Überprüfung von Einrichtungen des Stromnetzes, hinsichtlich der Effekte von Blitzeinschlägen und der Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen. Eine Blitzentladung ist deutlich komplexer als eine reine Funkenentladung. Die der natürlichen Blitzentstehung zugrunde liegenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten sind bis heute nicht abschließend erforscht. 1)
In der Bundesrepublik bietet das Deutsche Museum in München den Interessenten eine spezielle Attraktion an: Der spektakuläre Höhepunkt jedes Besuchs in diesem Museum ist die Vorführung von Hochspannungs- und Blitzphänomenen in der Ausstellung „Starkstromtechnik“. Diese Versuchsanlage wurde unter der Federführung von Hans Prinz (1907-1978), Professor für Hochspannungs- und Anlagentechnik an der TH München entwickelt und ist weltweit eine einzigartige Demonstration dieser Art. Der Besucher lernt hier die Hochspannungstechnik der Wechselspannung und Impulsspannungen kennen. Die Wechselspannung wurde durch den tschechischen Ingenieur Tesla entwickelt und ist heute die Spannungsart für unsere gesamte Energieversorgung. Gewitter können weitreichende Störungen in den Umspannanlagen auslösen, die Stromausfälle verursachen.
Diese aufwändige und ingenieurtechnisch bemerkenswerte Anlage ist seit 1953 in Betrieb. Bei der Auswahl der Demonstrationen wurde in besonderem Maße darauf geachtet, die Programmfolge so einzurichten, dass innerhalb eines überschaubaren Zeitraums, und mittels einiger weniger Versuche das Wesentliche des darzustellenden Effekts, in einer auch dem Laien verständlichen Weise, vorgeführt werden kann. Mit Wechselspannung von 50 Hertz (entsprechend der Frequenz der häuslichen und industriellen Spannungsversorgung) wird besonders eindrucksvoll die abschirmende Wirkung eines Faraday‘schen Käfigs gegen elektrische Felder nachgewiesen, indem eine gegen Erde isolierte Drahtgitterkugel auf Hochspannungspotential gebracht wird, nachdem darin eine mutige Person Platz genommen hat. Die im Inneren feldfreie Faraday‘sche Kugel hat einen Durchmesser von 120 Zentimeter. Sie ist über zwei nebeneinander angeordnete Langstab-Isolatoren gegen die Traverse isoliert und kann vom Bedienungspult aus so weit gesenkt werden, dass eine Person darin Platz findet. Anschließend wird die Kugel hochgezogen und der Prüftransformator so stark erregt, dass es an der zu den Langstab-Isolatoren parallelen 70-cm-Funkenstrecke bei etwa 270 kV zum Durchschlag kommt und der Laie sieht, dass die Kugel tatsächlich auf Hochspannung gebracht wurde.
Im zweiten Teil der Wechselspannungsversuche werden dem Besucher die Wirkung stromstarker Wechselstrom-Lichtbögen und die elektrodynamische Kraftwirkung hochstromführender Kupferseile demonstriert. 2)
Blitz und Donner haben seit Urzeiten Eingang in die Mythen und den Glauben der Völker gefunden. Sie sahen im Donner die Sprache der Götter und im Blitz eine furchterregende Waffe. Die nicht beherrschbaren Gewalten der Natur, weckten Urängste und animierten sie, den Göttern Opfer zu bringen, oft waren es sogar Menschenopfer, um sie gnädig zu stimmen.
Hethitischer Wettergott Teschup (um 900 v.Ch.)
Zeus mit flammendem Blitz (Quelle: wikipedia)
Schon in der Bibel werden mehrfach Blitz und Donner als Zorn Gottes beschrieben und galten als Strafgericht oder die Sprache in der Offenbarung Gottes an die Menschen.
Donar bei den kontinentalen germanischen Völkern, ist „der Donnerer“ (Nomen Agentis), ursprünglich als Gattungsname „der Donner“ (Appellativum) oder Thor im Norden, (altsächsisch Thunaer, altenglisch þunor, althochdeutsch Donar, altniederländisch Donre, altnordisch Þórr von urnordisch þunraʀ „donnern“). Daraus ergibt sich der gemeingermanische Gottesname Þunaraz. Thor oder gleich Donar fungierte für die zur See fahrenden Völker als Gewitter- und Wettergott und war in seiner weiteren Funktion innerhalb der bäuerlichen germanischen Gesellschaft eine Vegetationsgottheit. In den mythologischen Edda-Schriften hatte er die Aufgabe des Beschützers von Midgard, der Welt der Menschen.
Der Name der Gottheit ist eng verwandt mit dem von anderen, in ihrer Funktion ähnlichen indogermanischen Gottheiten, Luppiter Tinans, Zeus, der keltische Taranis, nutzten als Waffe den steinernen Donnerkeil, der durch den Blitzstrahl vom Himmel zur Erde geworfen wurde. Auch im Kampf den Indra führte, ist dies atmosphärisch durch Blitz und Donner dargestellt. Himmel geht auf eine indogermanische Wortwurzel zurück, die „Stein“ oder „Amboss“ bedeutet. Vom gemeingermanischen Þunraz wird gesagt (analog zu Zeus), dass dessen Donner dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe gleicht (ags. Þunorrād „Donnerfahrt“). Blitz und Donner künden das Nahen Thors in der nordischen Mystik. So geht der germanische Name des Gottes gleichlautend mit dem des Naturphänomens Appellativ auf eine Wortwurzel zurück, die einen Schalllaut darstellt, wie er speziell in Wörtern für Donner und donnern wortgleichend verwendet wird; ig. (s)ten. Hierzu als erläuternder Vergleich lat. tonare „donnern“, an. Þónarr „donnern“, ai. tanyu „donnernd“, ags. Þunian, ebenfalls „donnern“. Beim altnordischen Þórr gilt hingegen allein der Gottesname, die appellativische Bedeutung Donner entfällt in der Regel, bis auf das Vorkommen in regionalen Dialekten (Norwegen), in denen tór wiederum der Bedeutung Donner entspricht. Auffallend ist die zweisilbige Namensform im kontinental-germanischen Bereich, wohingegen in der nordischen Form der Name nur einsilbig ist.
Bei den indogermanischen Sprachvölkern und über sie hinaus hat der Himmelsgott Donar Blitz und Donner in seiner Gewalt. In Nordeuropa war dieser über Blitz und Donner gebietende Gott unter dem Namen Thor bekannt. Donar oder Thor (weibliche Form Tyra) entstand vermutlich durch Abspaltung beziehungsweise Trennung der Funktion als Beherrscher der Naturphänomene Blitz und Donner von diesem Himmelsgott. Zeus, der keltische Taranis nutzten als Waffe den steinernen Donnerkeil, der durch den Blitzstrahl vom Himmel zur Erde geworfen wurde.
Der Name Donar wurzelt in der Gewittererscheinung, er ist also von Haus aus eine atmosphärische Gottheit, der Gott des Donners. Dass man sich bei Gewittern an ihn wandte, bezeugen – außer Adam von Bremen (um 1075) – die Quellen allerdings nicht. Er ist der Sohn des Odin und der Jord (Erde) und genießt unter allen Asen das höchste Ansehen. Von ihm hat der Donnerstag (Thorstag) den Namen.
Die Vorstellung eines hammerschwingenden, wagenfahrenden Wetter- und Donnergottes ist ein uraltes Gottesbild; der hethitische Tarunna wird identisch geschildert als wagenfahrende, mit einem Hammer beziehungsweise mit einer Keule attribuierte Gottheit. 3 )
Gewittergott Thor (von Mårten Eskil Winge, 1872)
Quelle: Wikipedia
1) Wikipedia
2) Deutsches Museum
3 ) Wikipedia
Seit Metall in nennenswertem Umfang von den Urmenschen der entwickelten Völker für alle möglichen Zwecke genutzt werden konnte, wurde schon über die wundersame Schutzwirkung vor Schäden bei Blitzeinschlägen in Metallhütten berichtet. In der Bibel ist bei Moses erwähnt, dass er sich in einem aus Akazienholz angefertigten Kasten – die Bundeslade zur Aufbewahrung der Schaubrote und Steintafeln mit den Zehn Geboten – an einem geladenen Kondensator vorbeitragen ließ, und dabei die sichtbar überschlagenden Funken ihm nichts antun konnten. Das muss beim gläubigen Volk der Israeliten einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben und zwang sicher manche vor Ehrfurcht in die Knie.
Dann war es der Geschichtsschreiber Josephus Flavius (37 bis 100 n.Ch.), der davon berichtet, dass der reich verzierte Tempel Salomons in Jerusalem Konstruktionen mit Goldplatten aufwies, und zudem gab es Metallröhren, die das Regenwasser vom Dach in Zisternen ableiteten. Das alles zusammen bewirkte offenbar, dass der Tempel über Jahrhunderte keinerlei Spuren durch Blitzeinschläge aufwies, obwohl er auf dem Tempelberg sehr exponiert steht.
In der Neuzeit beschäftigten sich die Physiker Stephen Gray (1670 bis 1736) und Heinrich Winkler (1703 bis 1770) mit dem Thema. Winkler fertigte 1753 erste Pläne zum Bau von Blitzschutzanlagen an. Auch Prokop Divisch (1696 bis 1790) wäre in diesem Zusammenhang als Pionier zu nennen. Sehr bekannt und berühmt für seine Versuche wurde aber Benjamin Franklin 1709 bis 1790). Sowohl als Naturwissenschaftler, Professor, wie auch als einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika. Als Staatsmann, genoss er internationalen Ruf. Neben vielen anderen Erfindungen, wurde auch der Blitzableiter von Benjamin Franklin im Jahre 1752 entwickelt. Für diese bahnbrechende Entdeckung führte er gewagte Experimente durch, für die er heute noch berühmt ist. Ein Grund für seine Untersuchungen und Experimente mag die permanente Gefahr von Bränden im Allgemeinen gewesen sein, aber auch die immer wieder vorkommenden verheerenden Blitzscheinläge, die manchmal immense Schäden verursachten.
Bei einem Besuch der Stadt Boston im Jahr 1743 hatte Franklin einer Vorführung von Archibald Spencer beigewohnt, bei der dieser das Publikum mit einer Darbietung zur Elektrizität unterhielt und in den Bann zog. Franklin war von dem Phänomen der Elektrizität ebenfalls begeistert. Zu den Vorführungen Spencers schrieb er: „Sie überraschten mich und gefielen mir zugleich“. Solche Vorführungen erfreuten sich zur damaligen Zeit großer Beliebtheit. Der französische Gelehrte Abbé Nollet, Hofwissenschaftler von Ludwig XV., unterhielt den König und sein Gefolge mit einer Darbietung, bei der einer Menschenkette ein Schlag aus einer Leidener Flasche 4) – einem frühen Kondensator – versetzt wurde, wodurch die Versuchspersonen in Zuckungen verfielen. 5)
Zu Zeiten Franklins war den Menschen noch nicht bekannt, dass der Blitz ein elektrisches Phänomen und hochenergetisch geladen ist. In seinen ersten eigenen Experimenten zur Elektrizität untersuchte Franklin zuerst die Natur der elektrischen Ladung. Er wollte seine Zeitgenossen vom weit verbreiteten Aberglauben abbringen, dass Blitze eine Strafe des Himmels seien und beweisen, dass ein Blitz nichts anderes ist, als sichtbar gewordene Elektrizität. In Versuchen stellte er fest, dass elektrostatische Entladungen erstaunliche Ähnlichkeit mit Blitzen aufwiesen. Dann fand er heraus, dass elektrische Ladungen von Metallspitzen angezogen werden. Im April 1749 beschrieb er seine Beobachtungen über Gewitter in einem Brief an John Mitchell, Geograf und Mitglied der Royal Society in London: „Wenn elektrisch geladene Wolken über Land, Berge, alte dicke Bäume, hoch aufragende Türme, Masten von Schiffen, Schornsteine usw. durchziehen, dann gleichen sich diese Ladungen mit Erde-Wolke, oder Wolke-Erde-Blitzen aus. Dabei gehen sogenannte Fangentladungen von den Bauwerken oder den Wolken aus, welche die dazwischen liegenden, isolierenden Luftschichten durchbrechen.“
Das waren erstaunlich präzise Beobachtungen, deren Richtigkeit bis heute Bestätigung findet. Um seine These von der elektrostatischen Aufladung von Gewitterwolken zu belegen, entwickelte Franklin sein sogenanntes „Sentry-box experiment“ (Schilderhaus-Experiment). Dazu sollte auf einem Turm ein Schilderhaus platziert werden, das mit einer langen, in den Himmel ragenden Eisenstange versehen war. Über die Eisenstange sollte die Gewitterelektrizität auf einen im Schilderhaus stehenden Mann übertragen werden, der durch die Erzeugung von Funken den Nachweis der elektrostatischen Aufladung der Wolke erbrachte. Wenn seine Hypothese von der elektrostatischen Aufladung von Gewitterwolken sich belegen ließe, so schrieb Franklin an Peter Collinson im Jahr 1750, dann könne „das elektrische Feuer lautlos aus der Wolke abgeleitet werden“. Ein entsprechendes Experiment wurde am 10. Mai 1752, unter der Leitung des Naturforschers Thomas François Dalibard, in Marly-la-Ville in Frankreich ausgeführt, der seine Anregung aus der Abhandlung von Franklin entnahm, die dieser an Buffon gesandt hatte, der sie wiederum Dalibard zur Übersetzung übergab. 6)
Franklin-Porträt von Joseph-Siffred Duplessis
(Ölgemälde, um 1785) Quelle: Wikipedia
Im nächsten Schritt führte Benjamin Franklin Versuche durch und befestigte eine stromleitende Metallspitze an seinem Drachen. An das Ende der Schnur knüpfte er einen Schlüssel. Im Beisein seines Sohnes ließ er bei einem Gewitter am 15. Juni 1752 seinen Drachen bis auf die Höhe der Wolken aufsteigen und sein Versuch funktionierte tatsächlich. Der Drachen zog mächtige Funken auf sich, die aus dem Schlüssel sprangen. Der Blitz hatte also die Elektrizität an die Drachenspitze aus Metall abgegeben, die von dort durch die nasse Schnur bis zum Schlüssel geleitet wurde. Durch solche lebensgefährlichen Experimente, die man auf gar keinen Fall nachmachen sollte, hatte Benjamin Franklin bewiesen, dass Blitze aus elektrischer Energie entstehen. Ob das Experiment so auch stattfand, ist allerdings umstritten. Bei weiteren Versuchen durch Nachahmer soll es tatsächlich mehrere Todesfälle gegeben haben.
Die Geschichte der Blitzforschung ist von teilweise lebensgefährlichen Experimenten, umfangreichen Wetter- und Naturbeobachtungen und deren anwendungsbezogenen Deutungen geprägt. In Deutschland warb der Hamburger Arzt J.A.H. Reimarus für Blitzableiter. 1769 wurde der erste „Wetterableiter“ auf der Sankt-Jakobi-Kirche in Hamburg errichtet. Im selben Jahr ließ der Augustiner-Abt J. I. von Felbinger (1724 bis 1788) auf der Stadtpfarrkirche in Sagan in Niederschlesien „einen Eisendraht an der Turmspitze befestigen und zu einer großen Eisenplatte in einem tiefen Loch am Fuße des Turms führen.“
Als erster unter den deutschen Fürsten beschloss der bayrische Kurfürst Karl Theodor die „Wetterableiter“ in seinem Lande einzuführen. Er wollte zuerst die Münchner Residenz und dann das Sommerschloss zu Nymphenburg damit ausrüsten. Das ging nur unter Waffenschutz, weil sich die Bevölkerung vehement widersetzte. Ein Fortschritt der Gesinnung trat erst ein, als im Jahre 1785 das kurpfälzisch-bayrische Intelligenzblatt melden konnte: In Wayan (Oberbayern) brach den 5ten dieses Monats nach halbe 8 Uhr abends ein fürchterliches Gewitter aus. Gleich die ersten zween Blitzstreiche treffen in einem Zwischenraum von 3 Minuten den in dem Turme im vorigen Herbstmonat aufgerichteten Ableiter“. Das Kloster blieb unbeschädigt. Im Jahre 1776, bekam das Gasthaus „Schwarzer Adler in München, den ersten Gebäude-Blitzableiter“. Das geschah auf Veranlassung des geistlichen Rats und Gelehrten P. von Ostenwald und des Weinwirts K. Albert. Im Frühjahr 1798 erhielt das Anwesen des Dichters F. von Schiller in Jena einen Ableiter der von seinem fortschrittlichen Verleger Cotta gestiftet wurde. 7 )
Nachthimmel über den fernen Bergen,
Quelle: Firma Pröpster GmbH Neumarkt
4 ) Die Leidener Flasche, auch Kleistsche Flasche, Kondensationsflasche oder Flaschenkondensator ist eine frühe historische Bauform eines elektrischen Kondensators
5 ) Wikipedia
6) Wikipedia
7 ) Geschichte des Blitzschutzes von Dr.-Ing. Peter Hasse in Elektropraktiker, Berlin 62 (2008)
erzählt von Horst Reiner Menzel
Wenn jemand denkt, er wäre heimatverbunden, so ist diese Frage überhaupt nicht mehr korrekt zu beantworten. Es gibt zu viele Menschen auf der Welt, die nicht mehr an ihrem Geburtsort oder in ihrer Ursprungsheimat leben, sondern zufällig irgendwo auf der Welt strandeten. Was ich meine ist, den echten Brandenburger, der hier geboren wurde, in die Schule ging, im Sportverein tätig war, um dann am Ende seines hoffentlich langen Lebens sein müdes Haupt auf dem städtischen Friedhof seiner Heimatstadt zur Ruhe zu betten, den gibt es kaum noch. Dieser Typus: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich“, ist eine sehr seltene Spezies geworden. Doch gerade diese Menschen, die alle Straßen und Winkel ihre Stadt wie ihre eigene Hosentasche kennen, sie sind es, die das Gemeinwohl ihrer Heimat prägen. Leute die ihre Stadt kennen und erleben, Heimatgefühle entwickelten, sterben langsam aus. Das ist auch ein Hauptgrund unserer heutigen Zerrissenheit, wie auch im Umgang der Menschen mit- und untereinander. Eine neue Zivilisationskrankheit breitet sich rasant aus. Wer ein Leben lang den Nachbarn kannte, der wird sich nie erdreisten ihn zu bestehlen oder ihn zu beleidigen, vor eine S-Bahn zu stoßen oder seiner Tochter ein Leid antun. Wenn ja, wäre er in dieser seiner Stadt nicht mehr tragbar und müsste aus ihr verschwinden, weil alle erzieherisch mit dem Fingen auf ihn zeigen würden. Was hätte er hier noch zu erwarten?
Von Wilhelm Busch stammt der weise Spruch: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“. Heutzutage muss man sich gar keine Sorgen mehr machen, der neue Spruch lautet:
„Ist der Ruf erst mal zerbrochen,
darf man auf Bewährung hoffen.
Heut` versteckt man vor Gericht,
hinter Aktenordnern sein Gesicht.“
Rei©Men
Von einem bemerkenswerten Menschen, den das Leben arg gebeutelt hat, der kaum eine Chance hatte anders zu werden, als es ihm die Zukunft gestattete, soll hier berichtet werden. Von einem, der sich durch alle Widrigkeiten des Lebens hindurchkämpfte und dabei auch kräftig seine Ellenbogen gebrauchte. Er wusste es immer:
Es war die Lust an der Demütigung,
sie gab ihm immer wieder neuen Schwung.
Rei©Men
Die Faulheit ist mein Freund,
die es immer gut mit mir meint.
Rei©Men
Sein Credo: „Es ist nahezu unmöglich sich ohne Lügen und Tricksereien durchs Leben zu schlagen.“ Das hatte Gerhard Lösch, der Protagonist dieses Buches, schon in jungen Jahren am eigenen Leibe erfahren müssen. Doch bisher stand er der Wahrheit immer noch näher als der Lüge. Ungewöhnliche Ereignisse und das unbarmherzige Umfeld im Leben eines Menschen können das Pendel aber schnell nach gut oder böse ausschlagen lassen.
Seine Heimat
Die idyllische Stadt Spremberg finden wir etwa 20 Kilometer südlich von Cottbus entfernt. Sie grenzt an den sächsischen Landkreis Bautzen und im Norden an Cottbus. Sie liegt im äußersten Osten Deutschlands, 25 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Die Altstadt ist eingebettet in einer lieblichen Auenlandschaft zwischen zwei Spreearmen und einer idyllischen Insel in der Mitte. Die Spree fließt mitten durch die Stadt, die sich mit der Talsperre Bräsinchen, zu einem beliebten Naherholungsgebiet in unmittelbarer Nähe entwickelt hat. Außerdem entspringen zwei Gewässer im Bereich des Gemeindegebietes, die Kochsa und das Hühnerwasser.
Zwischen 1871 und 1918 galt der Ort noch als geografischer Mittelpunkt des Deutschen Reiches; darüber gibt ein Gedenkstein Auskunft, der sich nur wenige Meter vom Originalstandort befindet. Und genau in diesem preußischen Landstrich haben die Lösch‘s ihre Wurzeln.
Ursprünglich war Alfred Lösch auf der Wanderschaft aus seiner alten Heimat, der Oberlausitz, wo er in Neugersdorf geboren wurde, seine Kindheit und Jugend verlebte, in der Kleinstadt Spremberg gelandet, wo er nach seinem Vorhaben nur über Nacht bleiben wollte. Das hatte sich so ergeben, nun war er aber in eine üble Zechprellerei hineingeraten. Ein paar Wanderburschen hatten sich „französisch verabschiedet“ und ihre Zeche nicht bezahlt, waren einfach verschwunden, bevor der Wirt sie abkassieren konnte. Alfred hatte mit den anderen nichts zu tun, er kannte sie erst wenige Stunden, seit er mit ihnen am gleichen Tisch gesessen hatte. Er aber war noch da, doch sein restliches Geld reichte nicht aus, um den anderen ihre Schulden mit zu bezahlen.
Dem Gastwirt war das egal, er hielt sich an den, der noch am Tisch saß. Alfred Lösch bestand aber darauf, nur seine eigene Zeche zu begleichen, doch das Schlitzohr von Gastwirt holte die Polizei und behauptete, dass er die anderen Burschen eingeladen hätte. Die Ortsbüttel wollten ihn ins Gefängnis stecken, doch ein anderer Gast hatte die Szenerie beobachtet und verriet dem Beamten, das Gleiche wäre schon mehrmals passiert. Vermutlich hatten der Wirt und seine verschwundenen Gäste die gleiche Masche des Öfteren abgezogen. Die Typen, die sowieso nur in seiner Wirtschaft herumlungerten, machten das Spielchen mit und der Wirt steigerte auf diese linke Art und Weise seinen Umsatz.
„Also“, sagte der örtliche Polizeibeamte, „dann kommen jetzt alle mit aufs Revier und da schreiben wir ein schönes, langes Protokoll, damit wir alles schriftlich vorliegen haben. Und ich sage euch jetzt schon, dass ihr eure Aussagen alle unterschreiben werdet.“
Ja, der Mann kannte seine „Pappenheimer“, und war sich der Machtausübung in seinen Amtsräumen wohl bewusst. Da hatten schon ganz andere Sünder vor der Staatsmacht kapituliert. Alfred Lösch machte die Ankündigung des Polizeibeamten keine Angst, er war schon wiederholt mit den Behörden zusammengestoßen, doch da handelte es sich immer nur um kleinere Vergehen, die der hiesigen Polizei bestimmt nicht bekannt waren. Deshalb gab er sich gelassen und unterstützte den Beamten, indem er darauf bestand, dass diese „Gaunerei“, wie er sie nannte, aufgedeckt werden müsse. Nun merkte der Gastwirt wohl, dass er „mit Zitronen gehandelt hatte“ und beschwichtigte den Beamten. „Gut, ich sehe ein, dass der Bursche die anderen Kerle erst hier kennengelernt hat und ich verzichte auf meine Forderung, die werden mir schon noch mal übern Weg laufen und dann schnappe ich sie mir.“ „Wenn sie einverstanden sind“, sagte er zu Alfred, „dann bezahlen sie ihre eigene Zeche, dann will ich von einer Anzeige wegen Zechprellerei absehen.“
Selbst in seinem jungen Leben hatte Alfred schon mehrfach schlechte Erfahrungen gemacht und war, wie man so schön sagt: „Ein gebranntes Kind.“ „Herr Wirt, was bin ich ihnen schuldig?“ Der Wirt nannte eine Summe und nahm das dargereichte Geld an, damit war vor Zeugen die Schuld beglichen. „So, das wäre erledigt, aber ich bestehe auf einem Protokoll. Der Vorfall könnte mir später weiter anhängen und muss protokolliert werden.“
Der Polizist grinste ein klein wenig und dachte kurz nach. Er konnte natürlich die Sache auf sich beruhen lassen, doch er witterte mit diesem Wirt weiteres Ungemach und vor allem neue Arbeit, die auf ihn zukommen könnte, wenn er hier larifari handelte. „Also, dann alle mit aufs Revier.“ Der Zeuge vom Nebentisch, hatte bislang nur zugehört und war bass erstaunt, als der Polizist ihn aufforderte, mit zur Polizeiwache zu kommen. Der Wirt versuchte noch ein paar Ausflüchte, wie: „Man will doch keinen Ärger mit der Polizei bekommen, nein, niemals.“ „Auf geht’ s“, befahl der Polizist, „ich will nichts mehr hören.“ Hinterher, als dann die leidige Sache aktenkundig geworden war, unterschrieb jeder der Beteiligten und sie gingen ihres Weges. Was aber keiner ahnte, ja ahnen konnte, die Angelegenheit war damit noch lange nicht aus der Welt geschafft.
Nach dieser unangenehmen Sache hatte sich Alfred Lösch nach einem Nachtquartier umsehen wollen, aber der Gast, der für ihn ausgesagt hatte, fragte nach, wo er unterkommen wird. Nachdem er gehört hatte, dass er es noch nicht wisse, nannte er ihm dann die Adresse einer Witwe, die Betten vermietet. „Wollen sie morgen weiterziehen, oder suchen sie eine Arbeit?“, fragte er weiter. „Ja, ich weiß nicht so recht, nach diesem negativen Erlebnis, fällt es mir schwer, das heute noch zu entscheiden. Eigentlich hatte ich schon vor, weiterzuziehen. Wissen sie denn, ob hier irgendwo Leute gesucht werden?“ „Ich arbeite bei der Post und gestern ist uns ein Briefträger ausgefallen. Ja, ja, ich weiß, da muss man sich in der Stadt auskennen“, schob er nach. „Können sie lesen und schreiben? Dann würden sie probeweise erstmal als Briefsortierer bei uns anfangen.“ „Klar doch, ich bin 8 Jahre in die Schule gegangen, da hat meine Mutter drauf bestanden.“ Alfred dachte er höre nicht richtig: Briefsortierer, er hatte ja bisher schon alles Mögliche gemacht und sich als Gelegenheitsarbeiter, Stallknecht und Laufbursche durchgeschlagen.“ „Briefsortierer“, überlegte er laut, „was verdient man denn da so?“ „Sie haben einen 10-Stundentag und bekommen als lediger Anlernling 20 Pfennige in der Stunde, das sind etwa 40 Mark im Monat.“ Alfred fiel aus allen Wolkentürmen, bisher hatte er nicht einmal die Hälfte bekommen. „Wo muss ich mich denn melden?“, fragte er den neuen Bekannten. „Kommen Sie morgen früh um 7 Uhr auf das Hauptpostamt und fragen sie nach Otto Krüger.“ „Danke für alles“, rief er dem freundlichen Helfer noch hinterher, dann war Krüger schon weg.
„Was zu Otto Krüger wollen sie, was wollen sie denn von dem?“, war die zweifelnde Frage des ersten, der ihm mit einer blauen Postuniform über den Weg lief und den er ansprach. Dabei schaute er Alfred Lösch von oben bis unten genau an. Beim Blick auf die ausgelatschten Stiefel, stand sein Urteil über dem Charakter des Taxierten fest. Er hatte schon ein paar Kraftausdrücke auf der Zunge, kam aber nicht dazu sie auszuspucken. „Ah, da sind sie ja, pünktlich, wie die Post. Kommen sie gleich mal mit mir“, meldete sich nun sein freundlicher Helfer von gestern. Dem Postuniformierten fiel die Kinnlade herunter, der nächste Griff ging an sein ergrautes Hinterhaupt, das er beim Nachdenken immer an der gleichen Stelle und mit zusammengekniffenen Augen kratzte.
In der aufstrebenden Industriestadt Spremberg war es für junge kräftige Burschen, die arbeitswillig waren, kein Problem, eine angemessene Arbeit zu finden. Es war aber schon etwas Besonderes, wenn im Bekanntenkreis erwähnt wurde: „Der ist bei der Post angestellt.“ Da kamen in der Reputation nicht einmal Bankangestellte mit.
Nach ein paar Wochen hatte sich Alfred Lösch in der Sortierstelle ganz gut eingelebt. Die Arbeit war nicht schwer, man musste nur die Adressen auf den Briefen und Päckchen lesen und sie gekonnt in den richtigen Sack zur Weiterbeförderung werfen. Dabei durfte kein Fehler passieren, sonst landete der Brief in Aachen statt in Aalen. Die Arbeit gefiel ihm gut und inzwischen hatte er sich in Spremberg bestens eingelebt und war schon beinahe sesshaft geworden.
Die Witwe Emma Bär hatte aus erster Ehe ein allerliebstes Töchterlein. Das Kind war sechs Jahre alt und hieß Hildegard. Zu ihrem Leidwesen war Emma Bärs Mann vor einiger Zeit an Tuberkulose gestorben. Da dauerte es nicht lange, Emma und Alfred hatten sich ineinander verliebt und machten Pläne für eine gemeinsame Zukunft; sie wollten so schnell wie möglich heiraten. Die Witwe Emma passte gut zu ihm, in der Wohnung war genügend Platz für ein junges Paar und die Oma Bertha freute sich schon klammheimlich auf weitere Enkelkinder.
Der sparsame Alfred Lösch hatte sich ein paar Groschen auf die Seite legen können, weil er inzwischen auch bei Bertha und Emma mit am Tisch saß. Insgeheim hatte er eine heimliche Leidenschaft und das war seine eigentliche Profession, die er aber nicht ausleben konnte, weil sich in Kaiserzeiten nicht jeder Berufswunsch erfüllen ließ. Er wäre zu gerne Förster geworden. Die Försterstellen waren sehr begehrt und standen nur den hochherrschaftlichen Häusern auf den Gütern und den Waldbesitzern zur Verfügung. Die infrage kamen, hatten ihre Gönner, wenn ein Lehrling gesucht wurde, ging es kaum nach Eignung oder Talent, sondern nur um Beziehungen. Solche „Türöffner“ hatte er leider nicht gehabt, und in seiner Jugend durfte er immer nur an Treibjagden teilnehmen.
Doch selbst das fehlte ihm nun unsäglich, deshalb war er nach Feierabend und an den Wochenenden, oft in den Wäldern der Umgebung unterwegs. Aus Büchern hatte er sich einen guten Grundstock an reichem Wissen angeeignet, und alle sagten zu ihm: „Du hast den Beruf verfehlt.“ Inzwischen hatte er sich mit seinem Leben ausgesöhnt, denn er hatte es ja nun ganz gut getroffen. Im Wald kannte er jedes Eichhörnchen persönlich. In jedem Fuchs- oder Dachsbau wusste er, wenn Nachwuchs angekommen war. Die Vögel in Wald und Flur waren seine gefiederten Freunde. Dabei muss man wissen, dass die Wälder in der damaligen Zeit von Wild überquollen, weil Jagen nur den privilegierten Herren und ihren Jagdfreunden gestattet war. Doch die kümmerten sich kaum um das Kleinwild, was zur Folge hatte, dass sich Hasen und Kaninchen ungemein vermehrten. Da war man froh, wenn es Bauern oder Leute wie Alfred gab, die diese Plage ein wenig dezimierten. Auch kleine Singvögel standen nicht auf dem Zettel der Jagdherren und dienten nur der Ernährung von Greifvögeln, die wurden aber seitens der Jäger ausschließlich wegen der Trophäen geschossen, die man sich ins Jagd-Zimmer hängen konnte.
Die beiden, Alfred und Emma, waren noch in einem Alter, wo bei jungen Menschen die sexuelle Neugier am anderen Geschlecht sehr ausgeprägt ist, überhaupt, wenn die Früchte der Begierde sehr hoch hängen. So dauerte es auch nicht lange, dann war Emma schwanger geworden. Oma Bertha freute sich, dass sich alles so schön anließ und bereitete die Hochzeit vor, während Emma und Alfred zum Standesamt gingen und das Aufgebot bestellten. Beide legten ihre Geburtsurkunden vor, doch als der Standesbeamte sah, dass Alfred aus Neugersdorf stammte, verlangte er von ihm, dem Auswärtigen, ein Leumundszeugnis.
Weil Alfred noch nicht lange in der Stadt lebte, gab es nur eine Möglichkeit, er musste das Zeugnis in seiner Heimatstadt anfordern. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, fiel aber anders, als erwartet aus. „Aus Neugersdorf gebe es über Alfred nichts Negatives zu berichten, aber von der Polizei in Spremberg würde eine Anfrage vorliegen, die besage, dass Alfred dort in eine Zechprellerei verwickelt worden war.“ Das hatte er nun nicht erwartet, Emma und Bertha waren schockiert, und obwohl Alfred seine Unschuld beteuerte, glaubten ihm die biederen Bürgersleute kein Wort. Was eine kaiserliche Behörde festgestellt hatte, das musste auch stimmen, da bestand kein Zweifel.
Zudem hatte sich die Angelegenheit schnell in der ganzen Stadt herumgesprochen, und Emma weinte bitterliche Tränen, während Bertha drauf und dran war, ihren „noch nicht Schwiegersohn“ vor die Tür zu setzen. Was konnte Alfred jetzt noch tun? Er sprach bei der Polizeibehörde vor und bekam zur Auskunft, dass man in dieser Sache nichts machen könne. Der Wirt hätte zwar seine Anzeige zurückgenommen, aber das sei kein Beweis für seine Unschuld. Er müsse hier oder in seiner Heimatstadt Einwohner benennen, die für ihn bürgen würden.
Die bittere Enttäuschung wirkte sich bei Alfred Lösch auch auf seine Arbeit im Postamt aus. Der einzige Mensch, der noch an ihn glaubte, war nach dem ersten Schock Emma, und das hielt ihn aufrecht. Durch diese Situation ergaben sich aber nun Spannungen zwischen Mutter und Tochter, die sich immer mehr aufbauten. Inzwischen verlangte Bertha, dass sich Emma trotz ihrer Schwangerschaft von Alfred trennen sollte, weil die Sache mit der Zechprellerei inzwischen schon das Stadtgespräch geworden war.
Der Wirt des Gasthauses „Zum Löwen“ Paul Andres, hatte ein Übriges getan und seinerseits gegen Alfred gehetzt, weil er meinte, so seine eigene Reputation aufbessern zu können. Immerhin stand ja Aussage gegen Aussage, und die beteiligten jungen Burschen waren unauffindbar. Immer wieder wurde er von seinen Gästen nach der Sache gefragt, wie das damals gewesen sei, und so musste er, ob er wollte oder nicht, wieder und wieder die gleiche Geschichte erzählen, die er dann jedes Mal mit neuen Details zusätzlich ausschmückte.
Unter den böswilligen Zeitgenossen galt Alfred Lösch inzwischen als hergelaufener Lump, der sich bei Bertha und Emma eingeschlichen und sogar das arme Töchterchen missbraucht hatte. Nüchtern betrachtet, stand die Sache für den Beschuldigten gar nicht gut.
Natürlich kam auch seinem Chef Otto Krüger die Angelegenheit zu Ohren. Er ließ Alfred in sein Büro kommen, machte ihm Mut und riet ihm, die nicht stattgefundene „Zechprellerei“ gerichtsanhängig zu machen. Er sah für Alfred sonst keine andere Möglichkeit aus der Sache ungeschoren herauszukommen. Dabei war Otto Krüger doch eigentlich der einzige Zeuge gewesen. Nur, er musste oder wollte sich in seiner Position als Postchef aus der Angelegenheit heraushalten, schließlich hatte er auch Verantwortung für seine Familie. Er riet Alfred sich einen Anwalt zu nehmen und gegen den Löwen-Wirt Klage einzureichen. „Das ist für sie der einzige Weg, ihren guten Namen wiederherzustellen“, riet er ihm offen und ehrlich. Der andere Weg wäre gewesen, so schnell wie möglich aus Spremberg zu verschwinden. Das kam aber nicht infrage, da Alfred seine Emma ehrlich liebte, und er musste auch wegen ihres ungeborenen Kindes bleiben. Beim gemeinsamen Abendessen erklärte er den beiden Frauen, warum er den gerichtlichen Weg einschlagen muss.
Schon am nächsten Tage suchte er den Anwalt Johann Eckstein auf. Der kannte natürlich diese böse Geschichte vom Hörensagen, ließ sich aber von Alfred Lösch alles noch einmal genau und bis ins Detail erzählen. Ab und zu machte er sich Notizen und stellte Zwischenfragen. Zuletzt ließ er sich von Alfred Lösch eine Vollmacht unterschreiben.
Als erste Maßnahme besorgte er sich das polizeiliche Protokoll, dann ging er mit seinem Mandanten alle Einzelheiten noch einmal sorgfältig durch. Alfred sorgte sich hauptsächlich wegen der Bezahlung des Anwaltes, doch Eckstein zeigte sich zuversichtlich, dass er den Prozess gewinnen würde. „Wenn wir den Prozess gewinnen, bleiben die Kosten bei Paul Andres hängen“, beschwichtigte er.
Der Gerichtstermin begann mit der Eröffnungsrede des Anwaltes Johann Eckstein, von der klagenden Seite. Er beschuldigte den Gastwirt Paul Andres der üblen Nachrede, Alfred Lösch hätte angeblich seine Zeche nicht bezahlt. Er verwies auf das bei der Polizeibehörde vorliegende Protokoll, worin sich die streitenden Parteien geeinigt hatten, dass die Angelegenheit als erledigt betrachtet werde. Trotzdem hätte der Gastwirt in der ganzen Stadt die angebliche Zechprellerei von Alfred Lösch herumerzählt und damit dessen guten Ruf beschädigt. Erschwerend käme hinzu, dass der Beklagte, Paul Andres, mit diesen Falschinformationen für seine Gaststätte neugierige Gäste angelockt habe und aus der Situation, zu Unrecht noch ein Geschäft gemacht habe. So habe er fortwährend zum Nachteil des Klägers gehandelt und nicht nur sein Ansehen beschädigt, sondern beinahe seine Existenz zerstört. Der Anwalt erhob einen Schadenersatzanspruch in Höhe von mindestens 500 Reichsmark.
Der Gastwirt Paul Andres andererseits, war sich seiner Sache absolut sicher, dass man ihm nichts nachweisen könne, deshalb hatte er erst gar keinen Anwalt mitgebracht. Er, der Beklagte, begann den schon hinlänglich bekannten Sachverhalt zu seinen Gunsten darzustellen, konnte damit aber kaum noch jemanden beeindrucken. Dann wurde Otto Krüger, der Postchef, in den Zeugenstand gerufen und vom Richter daraufhin belehrt, dass er hier vor Gericht die Wahrheit zu sagen hätte und er sich vorbehalten würde, ihn zu vereidigen.
In seiner Aussage bekundete Otto Krüger, dass er die jungen Burschen zuvor schon ein paar Mal im Gasthaus Löwen gesehen hätte. Er erwähnte auch, dass er den Eindruck gehabt hätte, dieses Spielchen mit der Zechprellerei schon einmal erlebt zu haben. Der Richter wollte wissen: „Ob das nur sein Eindruck gewesen sei, oder ob er beschwören könne, dass da ein falsches Spiel im Gange gewesen sei?“ „Nein“, sagte Krüger, „beschwören kann ich das nicht.“
Genau in diesem Moment entstand eine kleine Unruhe im Gerichtssaal. Ein Mann war aufgestanden und rief laut: „Aber ich kann es beschwören.“ „Kommen sie doch bitte einmal vor in den Zeugenstand und erzählen sie uns, was sie wissen. Wie ist denn ihr Name und wo wohnen sie?“, ließ sich der Richter vernehmen. Der Gerichtsschreiber notierte die Angaben, damit waren die Formalitäten erledigt. „So Herr Becker, wir hören.“
In den nächsten zehn Minuten erzählte Becker den erstaunten Zuhörern und dem Gericht alle Einzelheiten seines eigenen Erlebnisses. Dann griff er in die Jackentasche und zauberte eine Gasthausquittung hervor, die bewies, dass er an dem besagten Abend 21 Humpen Bier getrunken und bezahlt hatte. „Ja, dann sind sie doch wohl unter dem Tisch eingeschlafen, oder, wie war das, Herr Zeuge?“ „Ne, Herr Richter, der kam janz nüchtern nachhause und hatte ene Wut im Bauch, die sich gewaschen hatte.“ „Ist das ihre Frau?“ „Ja, Herr Richter, dat isse, wie se leibt un lebt.“
„Also, Frau Becker, nu kommse och mal vor und azähle se ma, wassa ihne jesacht hat.“ „Herr Richta, ich kenn ja meine Aujust nu schon 40 Jahre, aber, dat der sich so dämlich hat verschaukeln lassen, dat hat ma mächtich geärjat. Zuerst hab ichn dat nich jeglobt, aba nun is ma klar, was der Andres so für Geschäftchen macht. Wir wern och noch off Rückzahlung vaklajem, wo nu feststeht, dassa jelogen hat.“
„Gut Frau Becker, das machen sie, ich freue mich schon darauf.“
„Also, Herr Andres, haben sie noch etwas dazu zu sagen, wenn nicht, könnten wir den Fall abschließen. Außerdem würde ich ihnen dringend anraten, dem Herrn Becker die unrechtmäßig abverlangte Summe von, wie hoch war das? Ja, hier ist ja der Beleg, also 19,50 Reichsmark zurückzuerstatten, dann ist das auch gleich erledigt, andernfalls, sie haben es ja gehört, werden wir uns hier bald wiedersehen.“
Der Richter ließ im Tonfall keinen Zweifel, dass was er sagte, auch ernst gemeint war.
Der Anwalt Johann Eckstein hatte sein Plädoyer gehalten und das Urteil über Paul Andres stand eigentlich schon fest, es musste nur noch geschrieben werden. Beim Richter handelte es sich um einen jovialen älteren Herrn, auch nicht frei von Vorurteilen über die Jugend und speziell verärgert, über die immer mehr um sich greifende Sorglosigkeit im Umgang mit der Moral. Da wollte er zuerst mit seinem Urteil ein abschreckendes Beispiel geben, doch dann las er zufällig einen Satz zum Thema: „Meinungen“ in einem juristischen Fachblatt. Darin mahnte ein junger Jurist seine Kollegen an, sich nicht allzu schnell den vorherrschenden Meinungen anzuschließen, sondern erst einmal nach kluger Überlegung, sich seine eigene Meinung zu bilden, statt alles nachzuplappern, was andere zu einem Thema geäußert hatten. Das hatte nicht unbedingt etwas mit der Juristerei zu tun, sondern bezog sich mehr auf sogenannte Meinungsmache, von Politikern und der Presse, die sich ja oft als die selbsternannten Moral-Apostel darstellten, sich aber dann, frei nach dem Motto: „Was kümmert mich mein dummes Geschwätz vor vorgestern“, nie um die Folgen ihres Tuns bekümmern.
Vor dem Reden,
erst mal überlegen,
ist immer Überlegen.
Rei©Men
Der große Schriftsteller Mark Twain soll einmal gesagt haben, mahnte er an: „Wir schätzen die Menschen, die offen ihre Meinung sagen – vorausgesetzt, sie meinen das Gleiche wie wir.“
Dann zitierte er auch noch Christian Friedrich Hebbel, der anmerkte: „Es gehört mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.“ Das war der Punkt, der ihn zum Nachdenken anregte. Wie war das denn nun, wer hatte von dem Vorgang profitiert und wer waren die Opfer? Das gab den Ausschlag für sein Urteil.
Der Tenor seines Urteils lautete: „Alfred Lösch kannte niemanden, als er die Stadt zum ersten Mal betrat, auch nicht die verschwundenen Burschen. Die Profiteure waren eindeutig der Wirt und die unbekannten Zechbrüder. Einleuchtend war, Alfred Lösch war als einzigem der Beteiligten bekannt, dass er überhaupt kein Geld für die Zeche der anderen in der Tasche hatte. Warum hätte er sie dann alle einladen sollen? Wohingegen der Wirt, Paul Andres, durchaus wusste wie er die Situation einzuschätzen hatte. Da waren einmal der fremde, unbekannte Wanderbursche, dann die Rumtreiber und Tunichtgute. Es wäre seine Obliegenheit gewesen, zu beurteilen, wer die Bestellungen aufgegeben hatte.
Die Aussage unseres allseits geschätzten Postdirektors, Herrn Otto Krüger, der zufällig anwesend war und die Szene beobachten konnte, war eindeutig. Alfred Lösch hatte nur einen Humpen bestellt, getrunken und bezahlt. Diese Vorgänge sind auf der Polizeiwache protokolliert worden. Man hatte im beiderseitigen Einvernehmen die Angelegenheit gütlich beigelegt.
Das Nachkarten des Wirtes hat eindeutig den guten Ruf des unbescholtenen Bürgers unserer Gemeinde beschädigt. Ich verurteile deshalb Paul Andres zu 100 Reichsmark Strafe und zur Unterlassung weitere rufschädigender Äußerungen über Alfred Lösch, außerdem wird Alfred Lösch ein Schmerzensgeld in Höhe von 300 Reichsmark zulasten von Paul Andres zugesprochen. Die Sitzung ist geschlossen.“