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ISBN: 9783749423675

Inhaltsverzeichnis
Erdkunde und Propaganda
Walther Jantzen und die deutsche Geopolitik

Walther Jantzen (1904–1962), dessen Name vor allem mit der deutschen Jugendbewegung der Nachkriegszeit in Verbindung gebracht wird, trat im Dritten Reich nicht nur durch die hier zusammengestellten Beiträge in der Luftwaffen-Illustrierten „Der Adler“ in Erscheinung, aber diese Beiträge können einen bestimmten Aspekt seiner nationalsozialistischen Arbeit veranschaulichen, nämlich den der Kriegspropaganda. Der Autor war von Beruf Gymnasiallehrer für Deutsch, Erdkunde und Sport. Als Mitarbeiter des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht und Schriftleiter wie auch rühriger Autor der führenden pädadogischen Fachzeitschrift des Dritten Reichs, „Weltanschauung und Schule“, verwendete er wesentliche Kräfte auf die Durchsetzung der nationalsozialistischen Ideale in der Bildungspolitik, wie sie insbesondere in der NS-Schulreform von 1938 formuliert wurden. Er prüfte Schulbücher auf ihre Eignung für die neue Schule nationalsozialistischen Zuschnitts, leitete Lehrerlager, in denen unter anderem die neu geforderte soldatische Haltung und politische Anschauung vermittelt wurde, und veröffentlichte Beiträge über Schul- und Erziehungsfragen und andere Themen des Schulwesens.

Er tritt dabei als bildungspolitischer Stratege in Erscheinung, der nicht nur den Geist der neuen Zeit aus tiefstem Herzen bejaht, die neue Politik begründet und ihre Entscheidungen rechtfertigt, sondern dabei die Pose eines Menschen einnimmt, für den die Richtigkeit der Zielsetzung außer Zweifel steht. Im Bereich der Erdkunde, die ihm ein achtbändiges, in weltanschaulicher Hinsicht als mustergültig konform qualifizierbares Lehrwerk verdankt, schloß sich Walther Jantzen selbstverständlich der Geopolitik an, die sich, vereinfacht ausgedrückt, mit der politischen und strategischen Umsetzung geographischer Gegebenheiten unter mehr oder weniger subtiler Berücksichtigung rassischer Unterschiede der Menschen befaßt. Geopolitik seines Verständnisses fragt nicht danach, wie eine bestimmte Landschaft ihre Bewohner geprägt hat, sondern was die Bewohner aufgrund ihrer rassischen Merkmale und Fähigkeiten aus einer bestimmten Landschaft herausgeholt, wie sie sie bezwungen und kultiviert haben.

Ungefähr während des Ersten Weltkriegs war man in Deutschland auf die Geopolitik aufmerksam geworden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich die Geopolitik auf nahezu die gesamte deutsche Geographie ausgebreitet. In ihrem Zentrum standen zunächst vor allem strategische Aspekte des Weltkriegs, so die Seeblockade der Mittelmächte durch das Vereinigte Königreich, die Mittellage sowie die geographische Nachbarschaft Deutschlands, vor allem im Osten. Nach dem Frieden von Versailles wurde die Geopolitik betont politisch, sie lieferte schließlich eine Rechtfertigung für Wiederaufrüstung, Expansion und neues Selbstbewußtsein Deutschlands. Das Lebensraum-Konzept wurde zum Kernthema der Geopolitik.

Ihr führender Vertreter war Karl Haushofer, mit dem Walther Jantzen in Kontakt stand. Haushofer forderte von der Politik, sie müsse den bestehenden Lebensraum schützen und vergrößern, weil es künftig großer Räume bedürfe, um das Überleben von Staaten zu gewährleisten. Aus geopolitischen Konzepten leitete er konkrete Politikempfehlungen ab. Mit Rudolf Heß, der sein akademischer Schüler gewesen war, stand er in freundschaftlicher Verbindung. Sein tatsächlicher Einfluß auf die deutsche Politik wird jedoch unterschiedlich bewertet. Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion, den er für einen Fehler hielt, stellte er seine Arbeit ein.

Wenn man sich einen Eindruck von Walther Jantzens politischer Orientierung in der Zeit des Dritten Reiches verschaffen möchte, lohnt sich ein Blick in die zalreichen Aufsätze, die er aus freien Stücken – also nicht etwa aus Zwang – für die damals führende deutsche Pädagogikzeitschrift schrieb, deren Hauptschriftleiter er war. Ein besonders extremes Beispiel ist der Aufsatz „Die Judenfrage im Unterricht“ (9/10, September/Oktober 1940, „Aus neuem Schrifttum“, S. 222– 224), in welchem Walther Jantzen drei einschlägige Neuerscheinungen rezensiert, unter anderem „Judenviertel Europas“ von Hans Hinkel sowie „Das Weltjudentum“ von Dieter Schwarz (Reihentitel: „Rüstzeug für den Kampf (SS)“. Für die SS empfohlen gem. SS-Befehlsblatt Nr. 3/1939. Auf Anordnung des Chefs des Sicherheitshauptamtes ausgearbeitet.):

„Die heutige Schuljugend hat nicht mehr die Möglichkeit, aus eigenem Miterleben im eigenen Lande Eindrücke zur Judenfrage zu empfangen, da das innerdeutsche Judenproblem bereits gelöst ist und kein Kampfobjekt mehr darstellt. Um so wichtiger ist es, daß an geschichtlichen und politischen Beispielen sich auch bei den nachfolgenden Geschlechtern eine eindeutige und unbeirrbare Meinung zu dieser Frage bildet. Es kommt dabei darauf an, einwandfreies Quellenmaterial und ansprechende Darstellungen zur Verfügung zu bekommen, die es ermöglichen, sachlich an die Kernfragen heranzukommen. Hinkels[!], Judenviertel Europas ist eine ganz besonders begrüßenswerte Neuerscheinung, für die der Historiker und der Geograph gute Verwendung haben wird. 13 Verfasser behandeln die Rolle des Judentums in den östlichen und südöstlichen Staaten unter Verwendung umfangreichen statistischen Materials. Besonders beachtlich sind die einleitenden allgemeinen Kapitel. Hinkel gibt einen Ueberblick über die Behandlung der Judenfrage im neuen Deutschland bis auf die jüngste Zeit. v. Loesch beleuchtet die besonderen Gefahren der unsteten jüdischen Wanderungen in Europa für die bodenständigen Völker. Maurach untersucht die historische Entwicklung des westrussischen Judengürtels, der Tscherta, der auch in den Nachfolgestaaten des Zarenreiches das große Sammelbecken des Ostjudentums geblieben war. Dabei weist er nach, daß Rußland im vorigen Jahrhundert der einzige Staat in Europa gewesen ist, der der jüdischen Binnenwanderung regionale Grenzen zog, deren Niederlagen 1918 für ganz Europa zu den schwersten Folgen geführt hat.“

Hans Hinkel (1901–1960) war Journalist, Ministerialbeamter und SS-Führer, 1920 im Freikorps Oberland, seit 1921 in der NSDAP (Mitglieds-Nummer 287) und Teilnehmer am Hitlerputsch 1923. 1931 trat er der SS bei. Ab Juli 1933 war er als Staatskommissar und „Reichskulturwalter“ für die Überwachung des Kulturbundes Deutscher Juden zuständig. Ab 1935 war er im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda als Sonderbeauftragter für „Kulturpersonalien“ zuständig („Sonderreferat Hinkel – Judenfragen“). Hinkel war Träger des „Blutordens“ und SS-Brigadeführer, er sorgte in der Endphase des Krieges für die Einziehung mehr als der Hälfte aller Angehörigen der deutschen Spielfilmindustrie zum Kriegsdienst. Das genannte Buch fällt durch extreme antisemitische Hetze auf.

Daß Überzeugungen wie diese in Walther Jantzen auch über die Zäsur von 1945 hinaus gültig geblieben sind, macht ein Ausspruch deutlich, den er 1955 im Rahmen eines Vortrags über den Sinn des Lebens geäußert hat und der sich in einer selbst vervielfältigten Lobschrift Dieter Schlorkes nachlesen läßt: „Wem ein Glaube zerbrechen kann, der hat keinen gehabt.“

Dieser Glaube kann an vielen Beispielen veranschaulicht werden, hinsichtlich des mißglückten deutsch-polnischen Nachbarschaftsverhältnisses mag man zu seiner Erhellung den Aufsatz „Deutsche Schulpolitik im Ostraum 1815–1919“ (Weltanschauung und Schule, 11, November 1939, S. 429–432) hinzunehmen, der nach einer perspektivisch einseitigen geschichtlichen Darstellung mit folgender Quintessenz schließt, deren Häme sich gerade dadurch erschließt, daß kurz davor das schreckliche Mordbrennen über Polen hereingebrochen ist: „Die letzten Monate haben einen Schlußstrich unter einen hundertjährigen Irrtum gezogen. Es gibt Völker, denen nur mit Strenge und Entschlossenheit begegnet werden darf.“

In den für den vorliegenden Band zusammengestellten Beiträgen schreibt Walther Jantzen nicht als Pädagoge für Pädagogen, sondern als Geopolitiker für Luftwaffensoldaten. Fühlung mit dieser Lesergruppe hatte er schon durch seine Arbeit an allen acht Heften der Reihe „Geopolitik im Kartenbild“ genommen, die für den militärischen Schulungsbetrieb gedacht waren. Aus den dort behandelten Themen schöpfte er für die Beiträge, die er für den „Adler“ schrieb, nun weniger schulmäßig-instruktiv, dafür schmissiger, wie es sich für den vergleichsweise jungen Illustriertenstil besser eignete. So kommen u. a. Japan, Ceylon und Amerika sowohl in „Geopolitik im Kartenbild“ als auch in den Adler-Beiträgen vor, was ein unmittelbares Vergleichen gestattet.

Die Aufsätze geben einen Eindruck davon, wie ihr Verfasser geopolitische und politische Sachverhalte erklärt, deshalb können sie auch eine Vorstellung darüber vermitteln, wie man sich einen erdkundlichen Lehrvortrag von ihm in etwa denken darf. Besonders wesentlich ist dabei gerade nicht, daß er – in einer Propagandazeitschrift – Partei für sein eigenes Land und für die von ihm geteilte politische Weltanschauung ergreift. Bemerkenswert ist vielmehr, daß er dazu neigt, den jeweiligen Gegnern deren Tun als charakterlich oder rassisch determiniert anzukreiden, während er ein ähnliches Vorgehen oder vergleichbare Handlungen der Achsenmächte vermutlich gleichfalls auf rassischer Basis als richtig und angemessen darstellen würde. Er macht also einen grundlegenden moralischen Unterschied zwischen der eigenen und der fremden Seite und ordnet seine Beobachtungen in diese Zweiteilung ein: Was Japaner, Deutsche oder ihre Verbündeten sich leisten und wie sie vorgehen, betrachtet er mindestens als gerechtfertigt, wogegen er die Politik ihrer Gegner in jedem Fall in Mißkredit zu bringen sucht.

„Der Adler“ war im Gegensatz zu „Weltanschauung und Schule“ keine bildungspolitische Fachzeitschrift, die dem Schulbeamten die Umsetzung der nationalsozialistischen Bildungsideale nahelegte, sondern ein auflagenstarkes Propagandainstrument, das den Angehörigen der deutschen Luftstreitkräfte einerseits weltanschauliche Festigung, andererseits kurzweilige Unterhaltung bieten sollte.

Die Zeitschrift wurde in mehreren Sprachen veröffentlicht. Das Reichsluftfahrtministerium veröffentlichte dieses auf die Tätigkeit der Luftwaffe spezialisierte Magazin ab 1. März 1939. Ein Probeheft kam schon im Februar 1939 heraus. Die Zeitschrift stützte sich stark auf Material des Reichspropagandaministeriums und war dazu gedacht, die deutsche Jugend für den Dienst in der Wehrmacht zu begeistern und zugleich „der Front“ (wohin die Leser die Zeitschrift nach erfolgter Lektüre schicken sollten) eine Mischung aus Unterhaltung, Erbauung und Hintergrundinformation zu bieten. Deshalb finden sich in den Ausgaben dieser Zeitschrift technische Beiträge neben Personalnachrichten, Kriegsberichten und geopolitisch-strategischen Abhandlungen, in denen immer ein bestimmter, geopolitisch bedeutsamer Bereich der Erde genauer unter die Lupe genommen wurde. Rätsel und Bilderwitze runden das Unterhaltungsangebot ab.