Originalcopyright © 2019 Südpol Verlag, Grevenbroich
Autorinnen: Andrea Poßberg, Corinna Böckmann
Illustrationen: Corinna Böckmann
E-Book Umsetzung: Leon H. Böckmann, Bergheim
ISBN: 978-3-96594-003-1
Alle Rechte vorbehalten.
Unbefugte Nutzung, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung,
können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Mehr vom Südpol Verlag auf:
www.suedpol-verlag.de
Inhalt
Im Tiefflug
Hollywood in Bieberheim
Bäume in Gefahr
Baumhauspläne
Der Baumdoktor
Dunkle Machenschaften
Zerstörtes Paradies
Goldenes Tropenholz
Alte Bekannte
Wilde Vermutungen
Nächtliche Überwachung
Die dunkle Seite der Macht
Lauschangriff
In der Falle
Leinen los
Ertappt
»Gleich kommt Kickerduell im Fernsehen!«, maulte Ben und schoss ein Steinchen über den Limonenweg.
Seine Schwester Flora drehte sich um und funkelte ihn an. »Na und? Dann geh doch wieder nach Hause. Ich will jedenfalls wissen, was Lennart entdeckt hat.«
Pauline grinste und sah auf ihr Handy. »Kommt sofort! Fliegende Sensation am Haselbach«, las sie Lennarts Nachricht vor. »Na, da bin ich ja mal gespannt.«
Ben seufzte ergeben. Natürlich war auch er neugierig darauf, welche Sensation sein Freund im Bieberheimer Naturschutzgebiet entdeckt haben wollte.
»Ich tippe auf Fledermäuse«, sagte Flora und schob sich die rotblonden Locken unter ihre Kappe.
Ben winkte ab. »Quatsch, er hat sich bestimmt mit seinem Bruder gezofft und sehnt sich jetzt nach unserer Gesellschaft.«
Pauline tippte sich an die Stirn. »Na das wäre ja nicht gerade die Riesensensation.«
Die drei steuerten auf das letzte Grundstück im Limonenweg zu, dem Haus der alten Frau Schlüter am Ende der Sackgasse. In ihrem Garten summte und brummte es, als hätten sich sämtliche Bienen und Hummeln Bieberheims zur Party verabredet. Eva Schlüter saß auf einer Bank inmitten der bunten Wildblumenwiese vor ihrem Haus und hielt ein Nickerchen. Die knorrigen Äste eines ausladenden Apfelbaums malten ihr Schatten ins Gesicht. Über dem kleinen Teich schwirrten die Mücken.
»Jetzt ein paar Knallerbsen«, flüsterte Ben und grinste.
»Untersteh dich!« Pauline knuffte ihn in die Seite.
Neben Frau Schlüters Garten verlief ein schmaler Trampelpfad, der direkt ins Bieberheimer Naturschutzgebiet führte. Hier plätscherte der Haselbach, ein kleiner Seitenarm des Elsbachs, zwischen buschigen Kopfweiden und einer naturbelassenen Wiesenlandschaft hindurch, die sich in sanften Hügeln bis zu einem alten Buchenwald zog.
Hintereinander marschierten die drei über den Weg ins Grüne. Pauline tippte währenddessen auf ihrem Handy herum. Dann wartete sie einen Moment und schüttelte belustigt den Kopf. »Ich hab Lennart gefragt, wo wir sie finden. Wisst ihr, was er geantwortet hat? Folgt dem UFO.«
»Bisschen verstrahlt, wie immer!« Ben lachte.
Die fünf gingen zusammen zur Schule und kannten sich eine gefühlte Ewigkeit. Vor einiger Zeit hatten sie die Grünen Piraten gegründet. Eine geheime Bande, die sich immer dann einmischte, wenn es um Umweltverschmutzung oder bedrohte Tiere ging. Nur Miranda Mühlberg, eine befreundete Chemikerin, wusste von den Grünen Piraten, sie war schließlich Ehrenmitglied. Miranda lebte mit ihrem Hund Campino, zwei Katzen und Hühnern auf einem Hausboot im stillgelegten, alten Hafen von Bieberheim. Sie hatte sich ein Gewächshaus und eine Solaranlage an Deck gebaut und war eine Meisterin im Wiederverwerten gefundener Dinge.
Ein helles, sirrendes Geräusch ließ die drei aufhorchen.
»Guckt mal, da vorne!« Flora zeigte auf einen kleinen dunklen Fleck über den Bäumen, der sich auf sie zubewegte.
»Eine Drohne«, rief Ben und starrte auf das vierarmige Gerät, das jetzt vor ihnen in der Luft verharrte, um dann auf der Stelle hoch und runter zu fliegen und langsam abzudrehen. Die drei beobachteten den Quadrocopter gespannt, der plötzlich ruckartig wendete und auf Ben zuschoss, der vor Schreck rückwärts stolperte und in ein Gebüsch fiel.
»Autsch! Voll in die Brennnesseln!«, jammerte Ben.
Pauline und Flora sahen sich um, konnten aber niemanden entdecken. Ein Prusten und Kichern ließ jedoch darauf schließen, dass sie nicht alleine waren. Die Drohne verschwand im Sinkflug hinter dichtem Gestrüpp.
»Ich weiß, wo ihr euch versteckt!« Ben rappelte sich auf und spurtete auf einen hohen Strauch mit kleinen weißen Büten zu. »Meine Rache wird furchtbar sein!«
In Bens Rücken krochen ein großer, schlanker Junge mit langen schwarzen Haaren und ein etwas kleinerer Junge mit braunem Wuschelkopf aus einem dichten Gebüsch. Der Große rannte auf Ben zu und sprang ihn von hinten an.
»Hey!«, schrie Ben erschrocken und wirbelte herum. Dann atmete er erleichtert aus. »Lennart, Alter, geht’s noch?!«
Lennart schlug seinem Kumpel grinsend auf die Schulter. »Warum habt ihr so lange gebraucht?«
»Gewisse Herren mussten erst vom Fernseher weggezerrt werden, an dem sie sich festgekrallt hatten«, sagte Flora mit einem Seitenblick auf ihren Bruder.
Ben hob entschuldigend die Hände. »Hey, da läuft gerade das Kickerduell!«
Pauline verdrehte die Augen. »Was ist denn jetzt deine Sensation?«
»Kommt mit.« Lennart winkte die anderen hinter den Strauch. »Tadaaa!« Er deutete auf das kleine Fluggerät, das auf seiner Jacke gelandet war, die er im Gras ausgebreitet hatte. »Der Wahnsinn, oder?«
Jannik schob seine kleine weiße Ratte Fiona, die er immer bei sich hatte, wieder zurück in die Tasche seines Kapuzenshirts. »Lennart nervt schon den ganzen Tag mit dem Ding.«
»Also unter einer Sensation hatte ich mir aber was anderes vorgestellt«, sagte Flora enttäuscht.
Ben betrachtete den Copter neugierig von allen Seiten. »Darf ich das Teil auch mal fliegen?«
»Seit wann hast du überhaupt eine Drohne?«, fragte Pauline und musterte das kleine, vierbeinige Fluggerät, das Lennart jetzt behutsam hochnahm.
»Cooles Teil, oder?« Er strahlte. »Hab ich lange drauf gespart.«
»Und ihr werdet nicht glauben, wen wir eben damit beobachtet haben.« Jannik machte eine dramatische Pause. »Marvin Klotzmeier.«
Flora sah ihn ungläubig an. »Was macht der denn hier draußen? Wenn überhaupt, guckt der sich Natur doch höchstens im Fernsehen an.«
Marvin war der Sohn des Bürgermeisters Erwin Klotzmeier und ging in die Parallelklasse. Mit ihm waren die fünf Freunde schon öfter aneinandergeraten.
Jannik zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ludgar und Malte waren auch dabei.« Er kicherte. »Sah ein bisschen so aus, als ob sie einen Tanz eingeübt hätten.«
»Marvin und tanzen?!« Pauline sah ihn skeptisch an.
»Ist doch auch egal.« Lennart trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. »Ich zeig euch jetzt mal, was meine Drohne alles kann.« Er griff nach der Steuerung und drückte einen Knopf.
Schon hob das insektenähnliche Ding ab und schwirrte durch die Luft. Die Kinder konnten den Flug aus der Vogelperspektive live verfolgen, denn die Bilder der kleinen Kamera unter der Drohne wurden direkt auf das Display übertragen.
Schwungvoll lenkte Lennart den Copter um die Weidenbäume herum und ließ ihn den Haselbach entlangsausen. Dann ging es über die Wiese in Richtung Anhöhe.
»He, was ist das?!«, rief Ben plötzlich und deutete auf das kleine Display. Ein schwarzer Kleinbus war in das Blickfeld der Drohnen-Kamera geraten. Ein Stück davon entfernt liefen zwei schwer bepackte Gestalten über die Wiese.
»Was machen die denn da?« Pauline beugte sich über den Bildschirm. »Kannst du da mal näher ranfliegen?«
Es waren zwei Männer, einer trug Jeans und einen Kapuzenpulli in Tarnfarbe, der andere war glatzköpfig und ganz in Schwarz gekleidet. Der Tarnfarbene zog jetzt ein längliches Gerät aus einer Tasche und baute es umständlich auf, während der andere mit großen Schritten weiterlief. Dann stoppte er plötzlich und rammte einen Stab in den Boden.
»Was hat der denn da in der Hand?«, flüsterte Flora aufgeregt.
Lennart steuerte seinen Quadrocopter noch ein weiteres Stück in Richtung der beiden Männer. »Näher ran kann ich nicht. Sonst hören die uns«, erklärte er.
Aber da hatte Lennart sich verschätzt, die Drohne war den Männern schon zu nahe gekommen, der Mann mit der Tasche hielt inne und lauschte.
»Mist«, zischte Lennart und ging auf langsamen Rückwärtsflug. Zu spät, der Kapuzenträger hatte den kleinen, sirrenden Punkt am Himmel entdeckt und winkte aufgeregt seinem Kollegen. Der zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann spurtete er los. Direkt auf die kleine Drohne zu.
»Hol das Teil zurück«, keuchte Ben. »Die Typen sehen echt ziemlich sauer aus.«
»Mach ich ja schon.« Lennart schaltete auf Turbo und die Drohne zischte über die Wiese zurück. Aber die beiden Männer ließen sich nicht so einfach abhängen und sprinteten dem kleinen Copter hinterher.
»Lennart, du führst sie direkt zu uns!«, rief Pauline. »Lenk das Ding woanders hin.«
»Ich hab kaum noch Akku.« Lennarts Stimme klang schrill.
»Versuch die Drohne auf dem Haus von Frau Schlüter zu landen«, schlug Jannik vor. »Das ist nicht mehr weit.«
Sein Bruder nickte kurz und blickte weiter konzentriert auf den Bildschirm, während seine Finger über die Steuerknöpfe huschten.
Die anderen vier lugten aufgeregt hinter dem Holunderbusch hervor und warteten auf die Ankunft der Drohne. Da! Jetzt war das leise Sirren der Rotoren zu hören. Lennart leistete ganze Arbeit. Der Copter sauste an ihnen vorbei auf das Schlütersche Grundstück zu. Keine Minute später hechteten die beiden Männer an ihnen vorbei. Die Grünen Piraten drückten sich tief ins Gras und hielten die Luft an.
Endlich hatte die Drohne Frau Schlüters Haus erreicht. Lennart bremste ab und steuerte auf den Schornstein zu. Ganz langsam sank der kleine, fliegende Punkt herab und landete auf der Kamin-Abdeckung. Sofort schaltete Lennart die Rotoren aus. Die Freunde verharrten reglos im Gebüsch und warteten. Es dauerte gar nicht lange, dann stapften die Männer wieder an ihnen vorbei, diesmal in die Richtung, in der sie den Bus und ihre Gerätschaften zurückgelassen hatten.
In Windeseile rafften die Freunde ihre Sachen zusammen und schlichen zwischen den Sträuchern zurück zum Trampelpfad, der neben Frau Schlüters Garten auf den Limonenweg führte. Mit pochenden Herzen und wackligen Knien erreichten sie die Straße.
Jannik lehnte sich völlig außer Atem an den Gartenzaun. »Das war knapp, Leute. Wenn die uns in die Finger bekommen hätten ...«
Flora nickte. »Die waren echt wütend!«
»Und das bestimmt nicht nur, weil wir sie mit der Drohne beobachtet haben«, schnaubte Ben. »Was hatten die da im Naturschutzgebiet überhaupt zu suchen? Da stimmt doch was nicht.«
»Hoffentlich ist der Akku jetzt nicht am Ende. Wenn ich sie da runterholen kann, wissen wir vielleicht mehr.« Lennart warf einen sehnsüchtigen Blick in Richtung Schornstein.
Pauline starrte ihn entgeistert an. »Sag nicht, die Drohne hat die ganze Zeit gefilmt?«
Lennart grinste. »Na klar, was denkt ihr denn?!«
Ben boxte ihm gegen den Arm. »Genial, Alter. Dann leg mal los. Die Typen sind doch längst weg.«
Trotzdem war den Grünen Piraten noch etwas mulmig zumute. Sie sahen sich immer wieder um, während Lennart den kleinen Copter startete und ihn dann behutsam in seiner ausgestreckten Hand landen ließ. Mit zitternden Fingern entfernte er den Rotorschutz und klappte die Maschine zusammen. »Mist, ich hab die Tasche für die Drohne am Haselbach liegen gelassen«, fluchte er leise. »Aber jetzt geh ich da lieber nicht hin, oder?«
»Hallo ihr fünf.«
Erschrocken fuhren die Kinder herum.
»Was ist denn mit euch los? Habt ihr ein Gespenst gesehen?« Frau Schlüter stand auf der anderen Seite des Gartenzauns zwischen ihren Blumen und betrachtete die Kinder amüsiert.
»Ach, Sie sind es nur«, entfuhr es Jannik und schnell fügte er ein »Hallo, Frau Schlüter« hinzu.