Ali Smith
Die erste Person
Erzählungen
Aus dem Englischen
von Silvia Morawetz
Danke, Simon,
Danke, Andrew, und danke, Tracy
und allen bei Wylie.
Danke, Becky, und danke, Xandra.
Danke dir, Kasia.
Danke dir, Mary.
Danke dir, Sarah.
Im Café saßen zwei Männer am Tisch neben meinem. Der eine war jünger, der andere älter. Sie hätten Vater und Sohn sein können, aber es war nichts von der geübten Zurückhaltung zu spüren, nichts von dem wolkigen Zorn, der fast immer zwischen Vätern und Söhnen da ist. Vielleicht waren sie das Ergebnis einer elterlichen Scheidung, der Vater jetzt, wo der Sohn richtig erwachsen geworden war, sehr gern Vater, der Sohn nun, wo sein Vater ihm zumindest für die Länge einer Tasse Kaffee gegenübersaß, sehr gern ein Mann. Nein. Der Ältere war eher ein Freund der Familie, einer, der im Sommer an den Wochenenden bei dem kleinen Jungen, der ein Scheidungskind ist, Vaterstelle vertritt, ein Mann, der weiß, welche Verantwortung er trägt, und jetzt, sieh an!, ist der Junge erwachsen geworden und der Mann ein älterer Mann, und es gibt, unausgesprochen, dieses Einverständnis zwischen ihnen usw.
Ich hörte auf, mir die beiden zusammenzufabulieren. Es gehörte sich irgendwie nicht. Stattdessen horchte ich auf das, was sie sagten. Sie unterhielten sich über Literatur, und das interessiert mich zufällig, obwohl es viele Leute ja nicht interessiert. Der junge Mann sprach über den Unterschied zwischen dem Roman und der Kurzgeschichte. Der Roman, sagte er, sei eine schlappe alte Hure.
Eine schlappe alte Hure!, sagte der Ältere und riss erheitert die Augen auf.
Sie stehe zu Diensten, sei gemütlich und warm, man kenne sie, sagte der Jüngere, aber eigentlich sei sie ein bisschen verbraucht, eigentlich ein bisschen zu träge und ausgeleiert.
Träge und ausgeleiert!, sagte der Ältere lachend.
Im Vergleich dazu sei die Kurzgeschichte eine gewandte Göttin, eine schlanke Nymphe. Weil so wenige die Kurzgeschichte gemeistert hätten, sei sie immer noch ganz gut in Form.
Gut in Form! Der Ältere lächelte breit bei diesen Worten. Er war wohl alt genug, um sich an Zeiten in seinem Leben zu erinnern – so lange war es noch gar nicht her –, da wäre es zumindest ein bisschen ungehörig gewesen, solche Reden zu führen. Ich überlegte träge, mit wie vielen der Bücher bei mir zu Hause ich ins Bett gehen würde und wie gut die wohl im Bett wären. Dann seufzte ich, zog mein Handy heraus und rief meine Freundin an, mit der ich normalerweise freitagvormittags in dieses Café gehe.
Sie weiß eine ganze Menge über die Kurzgeschichte. Sie hat einen großen Teil ihres Lebens damit verbracht, welche zu lesen, darüber zu schreiben, sie im Unterricht durchzunehmen, sogar ab und zu selber welche zu schreiben. Sie hat mehr Kurzgeschichten gelesen, als die meisten Leute wissen (oder wissen wollen), dass es gibt. Das kann man wohl eine Liebe fürs Leben nennen, dabei war meine Freundin noch gar nicht so alt, an diesem Vormittag erst in den ausgehenden Dreißigern. Eine Liebe fürs bisherige Leben also. Aber sie wusste schon mehr über Kurzgeschichten und über die Menschen auf der ganzen Welt, die welche schreiben und geschrieben haben, als jeder andere, dem ich je begegnet bin.
Sie war an diesem bestimmten Freitag vor ein paar Jahren im Krankenhaus, denn eine Chemotherapie hatte jedes einzelne ihrer winzigen weißen Blutkörperchen zerstört, und danach hatte sie sich eine Entzündung in einem Weisheitszahn eingefangen.
Ich wartete, während mir die Automatenstimme der Krankenhaustelefonanlage alles über sich erzählte, mir dann roboterhaft die Nummer ansagte, die ich gerade gewählt hatte, dann den Namen meiner Freundin – er lautet Kasia – falsch aussprach, mir anschließend auf Heller und Pfennig genau mitteilte, wie viel man mir dafür berechnete, dass ich mir das alles anhören durfte, und mir dann sagte, was es pro Minute kosten würde, mit meiner Freundin zu sprechen. Danach verband sie mich.
Hi, sagte ich. Ich bin’s.
Bist du am Handy?, sagte sie. Nicht, Ali, das ist über das System zu teuer. Ich ruf dich zurück.
Nicht nötig, sagte ich. Ist bloß ein Quickie. Hör mal. Ist die Kurzgeschichte eine Göttin und eine Nymphe, und ist der Roman eine alte Hure?
Ist was was?
Eine alte Hure, à la Dickens vielleicht, sagte ich. Wie die Prostituierte in dem einen Buch, die David Niven erst mal beibringt, wie das mit dem Sex geht.
David Niven?, sagte Kasia.
Du weißt schon. Die Prostituierte in Vielleicht ist der Mond nur ein Luftballon, zu der er geht, als er um die vierzehn ist, die ist richtig lieb und bringt es ihm bei, er verliert seine Jungfräulichkeit und hat immer noch seine Socken an, oder vielleicht ist es auch die Prostituierte, die immer noch die Socken anhat, das weiß ich nicht mehr, jedenfalls ist sie richtig lieb zu ihm, und viel später geht er noch mal hin und besucht sie, da ist sie eine alte Hure und er ein weltberühmter Filmstar, und er bringt ihr einen Haufen Geschenke mit, weil er so ein netter Kerl ist und es nicht vergisst, wenn jemand gut zu ihm war. Und, ist die Kurzgeschichte eher wie Prinzessin Diana?
Die Kurzgeschichte wie Prinzessin Diana, sagte sie. Genau.
Die beiden Männer, die im Begriff waren, das Café zu verlassen, beäugten mich komisch. Ich hielt mein Handy hoch.
Ich frag gerade meine Freundin, was sie von Ihrer Nymphenthese hält, sagte ich.
Die beiden guckten leicht verdutzt. Dann verließen sie das Café, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Ich erzählte Kasia von dem eben mitgehörten Gespräch.
Diana ist mir bestimmt eingefallen, weil sie schon was von einer Nymphe hat, sagte ich. Eine Göttin, die wie eine Nymphe ist, kann ich mir nicht vorstellen. Mir fallen als Göttinnen bloß Kali oder Sheela-Na-Gig ein. Oder Aphrodite, die war ganz schön zäh. Dauernd dieses Hirsche-Erlegen. Hat sie nicht Hirsche gejagt?
Warum ist die Kurzgeschichte wie eine Nymphe, sagte Kasia. Das klingt wie ein dreckiger Witz. Ha!
Okay, sagte ich. Jetzt komm schon. Warum ist die Kurzgeschichte wie eine Nymphe?
Ich denk drüber nach, sagte sie. Dann hab ich hier wenigstens was zu tun.
Kasia und ich sind jetzt seit etwas über zwanzig Jahren befreundet, was sich überhaupt nicht lange anfühlt, obwohl es so lange klingt. »Lang« und »kurz« sind relativ. Lang, das war jeder einzelne Tag, den sie im Krankenhaus war; das war ihr zehnter langer Tag auf einer der Tumorstationen, wo man ihr einen Cocktail aus Antibiotika verabreichte und darauf wartete, dass ihre Temperatur runter- und ihre Leukozytenzahl raufging. Wenn es auf der Welt zu diesen zwei winzigen persönlichen Anpassungen kam, durfte sie nach Hause. Außerdem gab es um sie herum auf der Station jede Menge Trauriges. Nach zehn langen Tagen wog dieses Traurige, das sich erträglich klein anhören mag, wenn man selber nicht darüber nachzudenken braucht oder durch Umstände gezwungen ist, sich damit zu befassen, sonst aber fast epische Ausmaße annimmt, schwer.
Kasia rief mich später am Nachmittag zurück und hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Ich hörte das Krankenhausgeschepper und die Stimmen von anderen Leuten auf der Station in der mit Kasias Stimme aufgezeichneten Luft.
Okay. Was hältst du davon? Es kommt darauf an, was man unter »Nymphe« versteht. Also je nachdem. Eine Kurzgeschichte ist wie eine Nymphe, weil Satyrn ständig mit ihr schlafen wollen. Eine Kurzgeschichte ist wie eine Nymphe, weil beide gern im Gebirge leben und in Hainen, bei Quellen und Flüssen und Tälern und kühlen Grotten. Eine Kurzgeschichte ist wie eine Nymphe, weil sie Artemis gern auf ihren Reisen begleitet. Noch nicht sehr lustig, ich weiß, aber ich arbeite dran.
Ich hörte, wie das Telefon aufgelegt wurde. Nachricht eingegangen um 15:43, sagte die Automatenstimme meines Anrufbeantworters. Ich rief Kasia zurück und hörte mir noch mal genau dasselbe an, was die Telefonanlage des Krankenhauses mir am Vormittag erzählt hatte. Kasia ging ran, und noch ehe ich einen Ton sagen konnte, sagte sie:
Hör zu! Hör zu! Eine Kurzgeschichte ist wie eine Nymphomanin, weil beide gern mit vielen ins Bett gehen – oder in viele Anthologien reinwollen –, aber beide kein Geld nehmen für das Vergnügen.
Ich platzte laut heraus vor Lachen.
Im Gegensatz zu der obszönen ollen Hure von Roman, haha, sagte sie. Außerdem hab ich über Mittag mit meinem Vater gesprochen, und er hat mir erzählt, dass man mit Nymphen auch Forellen fischen kann. Die sind ein Köder beim Fliegenfischen. Er sagt, es gibt Leute, die tragen dauernd Vergrößerungsgläser mit sich rum für den Fall, dass sie mal richtige Nymphen zu sehen kriegen, damit sie die dann für die Angelfliegen noch genauer nachbauen können.
Ich sag’s dir, sagte ich. Die Welt ist voller erstaunlicher Dinge.
Ich weiß, sagte sie. Wie hoch stufst du den Anthologie-Witz ein?
Sechs von zehn Punkten, sagte ich.
Also geschenkt, sagte sie. Gut. Ich überleg mir was Besseres.
Vielleicht lässt sich aus den Nymphen als Fliegen noch was rausholen, sagte ich.
Haha. Aber für heute Nachmittag muss ich die Nymphen mal lassen und wieder auf den Herceptin-Pfad.
Gott!
Ich bin fix und alle, sagte sie. Wir versuchen’s mal mit Briefen.
Wann ist ein Krebsmedikament kein Krebsmedikament?, sagte ich.
Wenn man es sich nicht leisten kann, sagte sie. Haha.
Alles Gute.
Dir auch. Willst du einen Tee?
Ich mach uns einen, sagte ich. Auf bald.
Die Leitung wurde unterbrochen. Ich legte mein Telefon weg und ging den Wasserkessel anschalten. Schaute zu, wie er Kochstufe erreichte und der Dampf zur Tülle herauskam. Füllte zwei Tassen mit kochendem Wasser und hängte die Teebeutel hinein. Ich trank meinen Tee und sah zu, wie der Dampf von der anderen Tasse aufstieg.
Mit Herceptin-Pfad hat Kasia das gemeint:
Herceptin ist ein Medikament, das jetzt schon eine Weile bei der Behandlung von Brustkrebs eingesetzt wird. Zu dem Zeitpunkt, als Kasia und ich das Gespräch in dieser Geschichte führten, hatten die Ärzte gerade erst entdeckt, dass es einigen Frauen im Frühstadium der Erkrankung wirklich hilft – denen, die zu viel HER2-Protein produzieren. Wenn eine Patientin auf das Medikament anspricht, kann das das Risiko eines Rückfalls um fünfzig Prozent senken. Überall auf der Welt waren die Ärzte ganz aufgeregt wegen des neuen Medikaments, weil das auf einen Paradigmenwechsel in der Brustkrebstherapie hinauslief.
Von alledem hatte ich, bevor Kasia mir davon erzählte, noch nie gehört, und sie selber hatte auch noch nicht davon gehört, ehe eine kleine Wahrheit, keine zwei Zentimeter groß, die ein Arzt im April dieses Jahres in ihrer Brust fand, auf einen Paradigmenwechsel in ihrem Alltagsleben hinauslief. Inzwischen war es August. Im Mai hatte der Arzt ihr erzählt, wie gut Herceptin ist – das würde sie nach Beendigung ihrer Chemotherapie ganz sicher vom Nationalen Gesundheitsdienst bekommen. Ende Juli bekam Kasias Arzt Besuch von einem Mitarbeiter des PCT, das für die Worte Primäre, Gesundheitsleistung und Trust steht, die Abkürzung der mit der Finanzierung des Staatlichen Gesundheitsdienstes befassten Behörde. Dieser PCT-Mensch gab dem Arzt meiner Freundin die Anweisung, betroffenen Frauen aus dem Einzugsgebiet des Krankenhauses gegenüber kein weiteres Wort über die Wunder von Herceptin verlauten zu lassen, bevor nicht eine NICE genannte Evaluierungseinrichtung die Wirtschaftlichkeit und Exzellenz des Medikaments bestätigt hatte. Das würde, hieß es damals, ungefähr ein Dreiviertel- oder ein Jahr dauern (bis dahin wäre es allerdings für meine Freundin und viele andere Frauen zu spät). Falls Kasia das Herceptin jedoch über ihre private Zusatzversicherung erwerben wollte – es kostete etwa siebenundzwanzigtausend Pfund –, war das natürlich sofort möglich, das wusste sie. Solche Sachen passieren bei einem dringend benötigten Medikament genau jetzt irgendwo in Ihrer Nähe.
»Primäre.« »Gesundheitsleistung.« »Evaluierung.« »Exzellenz.«
Jetzt kommt eine Kurzgeschichte über eine Nymphe, die die meisten Leute bereits zu kennen glauben. (Zufällig ist es auch eine der frühesten literarischen Manifestationen dessen, was wir heute Anorexie nennen.)
Echo war eine Oreade, das ist so was wie eine Bergnymphe. Unter den Nymphen und Schäfern war sie nicht nur für ihre famose Geschwätzigkeit bekannt, sondern auch dafür, dass sie ihre Nymphenfreundinnen vor dem Zorn der Göttin Juno bewahren konnte. Lagen ihre Freundinnen zum Beispiel auf einem Berghang herum und sonnten sich, wenn Juno jeden Moment um die Ecke biegen und sie beim Müßiggang erwischen konnte, sprang Echo, die mit sicherem Instinkt immer wusste, wann Juno im Anmarsch war, auf, fing die Göttin ab und hielt sie mit Geschichten und Gerede, Gerede und Geschichten auf, bis sämtliche faulen Nymphen auf waren und werkelten, so als hätten sie kein bisschen gefaulenzt.
Als Juno schnallte, was Echo tat, war sie schon ein bisschen verärgert. Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf sie und sprach den erstbesten passenden Fluch, der ihr in den Sinn kam.
Von jetzt ab, sagte sie, wirst du bloß noch die Wörter laut wiederholen können, die du andere eben hast sagen hören. Alles klar?
Alles klar, sagte Echo.
Sie machte große Augen. Ihr klappte die Kinnlade runter.
Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein, sagte Juno.
Leere sein, sagte Echo.
Genau. Ich muss dann mal wieder zur Jagd. Auf bald, sagte Juno.
Alt, sagte Echo.
Klar, diese klitzekleine Rebellion hab ich mir ausgedacht. In Ovids Originalversion der Geschichte gibt es bei Echo kein rebellisches Aufbegehren. Der Fähigkeit zu eigenständigem Sprechen beraubt und damit nicht mehr in der Lage, ihren Freundinnen den Rücken freizuhalten, bleibt ihr – in der Geschichte – offenbar nichts anderes übrig, als sich in einen Jungen zu verlieben, der so in sich selbst verliebt ist, dass er sich den lieben langen Tag bloß über den Quell seines eigenen Verlangens beugt und schließlich fast vergeht vor Gram (sich dann aber, anstatt zu sterben, von einem Jungen in eine kleine weiße Blume verwandelt).
Echo schmachtete ebenfalls. Ihr Gewicht fiel förmlich von ihr ab. Sie wurde dünn, sehr modisch, bestand dann nur noch aus Haut und Knochen, und schließlich war von ihr bloß noch ein quengeliges dünnes Stimmchen übrig, das körperlos herumflog und immer wieder genau dieselben Sachen sagte, die alle anderen sagten.
Im Vergleich dazu kommt jetzt die Geschichte des Moments, in dem ich meine Freundin Kasia kennenlernte, über zwanzig Jahre ist das nun her.
Ich studierte nach meinem ersten Abschluss weiter in Cambridge, und ich hatte meine Stimme verloren. Nicht etwa weil ich erkältet gewesen wäre oder eine Halsentzündung gehabt hätte, sondern weil die zwei Jahre in einem so starren hierarchischen System, dass Mädchen und Frauen immer noch ein Novum waren, mir praktisch die Rede verschlagen hatten.
Ich saß also ziemlich weit hinten im Raum und hörte nicht mal mehr richtig zu, da vernahm ich eine Stimme. Sie kam von jemandem, der weiter vorn saß. Es war eine Mädchenstimme, und sie stellte dem Menschen, der das Seminar abhielt, und dem Seminarleiter eine direkte Frage über die amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers.
Ich glaube schon, dass McCullers für alle Ebenen des hier diskutierten Themas sehr relevant ist, sagte die Stimme.
Der Mensch und der Seminarleiter guckten beide leicht schockiert, weil jemand etwas laut gesagt hatte. Der Seminarleiter hüstelte.
Ich beugte mich vor. Ich hatte seit zwei Jahren nicht mehr erlebt, dass jemand so sprach, so offen und unbekümmert, so kenntnisreich, so frank und frei. Dazu kam, dass ich am selben Tag schon mit einer Studentin gesprochen hatte, die in der gesamten Anglistischen Fakultät der Cambridge University niemanden gefunden hatte, der ihre Dissertation über Carson McCullers betreuen konnte. Offenbar hatte niemand von dem Lehrpersonal sie gelesen.
Ich wage jedenfalls zu behaupten, dass McCullers keineswegs dasselbe Format hat, sagte der Mensch, der den Vortrag über Die Literatur nach Henry James hielt.
Nun, die Sache ist die: Das finde ich nicht, erwiderte die Stimme.
Ich platzte laut heraus vor Lachen. Es war ein Geräusch, nie vernommen in solchen Räumlichkeiten; Köpfe fuhren herum, um zu schauen, wer sich so ungewöhnlich gebärdete. Die Neue stellte weiter höflich ihre Fragen, die niemand beantwortete. Sie erwähnte, das weiß ich noch, dass McCullers von der Maxime »Nichts Menschliches ist mir fremd« angetan gewesen sei.
Nach Beendigung des Seminars rannte ich hinter der Neuen her. Auf der Straße hatte ich sie eingeholt. Es war Winter. Sie hatte einen roten Mantel an.
Sie sagte mir ihren Namen. Ich hörte mich ihr meinen sagen.
Franz Kafka sagt, die Kurzgeschichte ist ein Käfig, der einen Vogel sucht. (Kafka ist seit über achtzig Jahren tot, aber ich kann immer noch Kafka sagt sagen. Das ist bloß eine von mehreren Weisen, in der sich die Kunst unserer Sterblichkeit annimmt.)
Tzvetan Todorov sagt, das Wichtige an der Kurzgeschichte ist die Kürze, da sie uns keine Zeit lässt zu vergessen, dass es sich nur um Literatur handelt und nicht um das wirkliche Leben.
Nadine Gordimer sagt, in Kurzgeschichten geht es ganz und gar um den gegenwärtigen Moment, so wie Glühwürmchen da und dort im Dunkeln kurz aufleuchten.
Elizabeth Bowen sagt, der Vorteil der Kurzgeschichte vor dem Roman ist ihre besondere Form der Verdichtung; sie schafft in sich das Erzählen jedes Mal vollkommen neu.
Eudora Welty sagt, Kurzgeschichten problematisieren oft, was ihre ureigensten Anliegen sind, und genau das macht sie interessant.
Henry James sagt, die Kurzgeschichte, so verdichtet, wie sie ist, eröffnet auf jeweils spezifizierte Weise eine Perspektive auf Komplexität und Kontinuität zugleich.
Jorge Luis Borges sagt, Kurzgeschichten können die perfekte Form für Romanciers sein, die zu faul sind, etwas zu schreiben, das länger ist als fünfzehn Seiten.
Ernest Hemingway sagt, Kurzgeschichten entstehen durch ihre eigene Veränderung und Bewegung, und eine Geschichte, die einem statisch vorkommt und bei der man keine Bewegung ausmacht, verändert und bewegt sich wahrscheinlich trotzdem, bloß eben vom Leser unbemerkt.
William Carlos Williams sagt, die Kurzgeschichte wirkt wie die Flamme eines im Dunkeln entzündeten Streichholzes, sie ist die einzige Form, in der sich die Kürze, die Gebrochenheit und die gleichzeitige Ganzheit des Lebens der Menschen darstellen lassen.
Walter Benjamin sagt, Kurzgeschichten sind stärker als der wirkliche gelebte Moment, weil sie den wirklichen gelebten Moment auch noch zum Leben erwecken können, wenn der wirkliche gelebte Moment tot ist.
Cynthia Ozick sagt, der Unterschied zwischen einer Kurzgeschichte und einem Roman besteht darin, dass die Reise durch einen Roman, wenn er gut ist und funktioniert, den Leser tatsächlich verändert, wohingegen die Kurzgeschichte eher einem Talisman gleicht, den der Protagonist eines Märchens geschenkt bekommt – etwas Fertiges, Kraftvolles, das man, auch wenn seine Kraft womöglich nicht sofort erkannt wird, in den Händen halten oder einstecken und mitnehmen kann auf die dunkle Reise durch den Wald.
Grace Paley sagt, sie habe beschlossen, in ihrem Leben nur Kurzgeschichten zu schreiben, weil die Kunst lang ist, das Leben aber kurz, und dass Kurzgeschichten von Natur aus vom Leben handeln und dass in Dialogen und in der Auseinandersetzung immer das Leben selbst zu finden ist.
Alice Munro sagt, jede Kurzgeschichte sei im Grunde zwei Kurzgeschichten.
Es saßen zwei Männer in dem Café an dem Tisch direkt neben meinem. Der eine war jünger, der andere älter. Wir saßen nur für eine kurze Zeitspanne im selben Café, waren aber so lange verschiedener Ansicht, dass ich begriff, hier steckt eine Kurzgeschichte drin.
Diese Geschichte entstand im Gespräch mit meiner Freundin Kasia und zur Feier dessen, dass sie (wie andere) unermüdlich den Mund aufmacht – in diesem Fall einer der Gründe dafür, dass sehr viele Menschen dieses bestimmte Medikament bekamen, als sie es brauchten.
Wann also ist die Kurzgeschichte wie eine Nymphe?
Wenn ihr Echo widerhallt.