Über das Buch
Für Max Wolfe, Detective bei der Londoner Polizei, ist es die dunkelste Stunde seines Lebens: Nur mit Glück überlebt er einen Terroranschlag, bei dem 45 andere Menschen sterben. Die Drahtzieher des Anschlags, zwei Brüder, werden bei der Festnahme erschossen. Doch für viele Londoner ist die Sache damit noch nicht beendet. Angestachelt von Fanatikern wächst ihre Wut und richtet sich auf die Familie der Terroristen. Max hat alle Hände voll zu tun, sie zu beschützen. Das macht ihn selbst zur Zielscheibe. Genau wie seine kleine Tochter und die Frau, die er liebt. Was Max nicht weiß: Am Ende wird er eine von beiden für immer verlieren.
Über den Autor
Tony Parsons wurde am 6. November 1953 in Romford, Essex (UK), als einziges Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Nach seinem Schulabschluss begann er seine Freizeit für seine literarische Begabung zu nutzen und veröffentlichte eine Untergrundzeitung, die er »Skandalblatt« nannte.
Seine Karriere begann er als Musikkritiker. Heute ist er einer der erfolgreichsten Kolumnisten und Fernsehjournalisten Großbritanniens. Er schrieb u.a. für das Musikmagazin NME, den Daily Telegraph und 18 Jahre lang für den Daily Mirror.
Zudem gehört er zu den ganz großen Stars der englischen Literaturszene, denn alle seine Werke schafften es auf die nationalen und internationalen Bestsellerlisten.
1974 schrieb er seinen ersten Roman The Kids, der im Jahr 1976 bei New English Library Ltd. erschien. Der gewünschte Erfolg trat nicht mit der ersten Buchveröffentlichung ein, und so bewarb sich Tony Parsons 1976 bei NME, um in der Folge drei Jahre über neue Musikerscheinungen und Bands zu schreiben (darunter The Clash, Sex Pistols, Blondie, David Bowie, u.v.m.). In den 1980er Jahren schlug sich Parsons als freiberuflicher Autor durch, bis er 1990 Bare (Penguin Books Ltd), eine Autobiographie über den Sänger George Michael, veröffentlichte. In den 90er Jahren begann er für einige britische TV-Formate zu arbeiten und startete bei The Daily Telegraph als Kolumnist.
Er lebt mit seiner Frau, ihrer gemeinsamen Tochter und ihrem Hund in London. Sein erster Kriminalroman Dein finsteres Herz mit Detective Constable Max Wolfe wurde von der Presse frenetisch gefeiert.
Tony Parsons
Die Essenz des Bösen
Kriminalroman
Aus dem Englischen von
Dietmar Schmidt
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Für die Originalausgabe:
Copyright © Tony Parsons, 2018
Titel der englischen Originalausgabe: »Girl On Fire«
Originalverlag: Century, London
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Heike Rosbach, Nürnberg
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de unter Verwendung von Motiven
von © Neil Spence/getty-images und © www.buerosued.de
E-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf
ISBN 978-3-7325-6135-3
luebbe.de
lesejury.de
Für Tim Rostron aus Tunell Park und Toronto
Ich wachte auf, und die Welt war nicht mehr da.
Alles war still, alles war schwarz. Mich umgab eine Dunkelheit, so umfassend, als wäre der Welt sämtliches Licht ausgesaugt worden.
Überall war Staub. Er hing dick in der Luft, heiß und schmutzig, der Staub eines frisch ausgehobenen Grabes. Und ein merkwürdiger Regen fiel – ein Regen aus Stein, aus den Bruchstücken zerschmetterter Dinge, die ich nicht benennen konnte. Die Zerstörung war überall. In meinen Augen, in meinem Mund, in meiner Nase und in meinem Rachen.
Ich lag flach auf dem Rücken, und unvermittelt raubte die Verwüstung mir den Atem.
Als ich mich hochstemmte und den seltsamen Staub aushustete, spürte ich ihn auch an meinen Händen und in meinem Gesicht.
Leer blickte ich in die pechschwarze Stille. Jetzt erst bemerkte ich die Hitze, und mich durchlief schieres Entsetzen. Ganz in der Nähe musste ein großes Feuer wüten. Ich sah mich um und entdeckte es, wie es loderte und flackerte, das einzige Licht in der Dunkelheit. Die Hitze nahm zu. Die Flammen kamen näher.
Beweg dich oder stirb. Dir bleibt keine andere Wahl.
Auf Händen und Knien kroch ich vom Feuer weg und würgte an dem Schmutz in der Luft. Eine Welle der Übelkeit überfiel mich. Ich hatte am ganzen Leib Schmerzen, aber sie schienen von der Innenseite meines linken Knies auszustrahlen.
Mit einem leisen Fluch ließ ich mich auf die Seite sinken und ertastete die Glasscherbe, die sich mir ins Bein gebohrt hatte, ein kleines, aber dickes Bruchstück einer großen Fensterscheibe, die niemals hätte zerspringen dürfen. Vorsichtig betastete ich die Scherbe. Der Schmerz in meinem Knie flammte auf, und ich versuchte zu begreifen, was hier überhaupt los war.
Wo war die alte Welt hin?
Was war passiert?
Mir fiel ein, dass ich im Lake Meadows gewesen war, dem Einkaufszentrum in Westlondon, um einen neuen Rucksack für Scout zu kaufen. Meine Tochter wollte einen einfarbigen, schmucklosen Rucksack von Kipling, denn sie war schon sieben und erachtete sich als viel zu erwachsen für den Kinderrucksack, mit dem sie im Moment noch zur Schule ging. Er war nur ein Jahr alt, aber darauf zu sehen war die weibliche Hauptfigur aus dem großen Blockbusterfilm vom vergangenen Sommer, Die zornige Prinzessin, eine wunderschöne Zeichentrickprinzessin mit finsterem Gesicht, die aus ihren schmalen Fingernägeln Blitzstrahlen verschoss. Und mit solchem Kinderkram war Scout durch. Sie wollte, dass ich ihr einen Rucksack für ein großes Mädchen kaufte. Als es geschah, war ich damit beschäftigt gewesen.
Ich erinnerte mich noch, dass ich für den neuen Große-Mädchen-Rucksack bezahlt hatte und in die Fressmeile gegangen war, gedanklich ganz auf die Frage konzentriert, wo ich hier einen anständigen dreifachen Espresso bekommen konnte.
Menschen waren dort gewesen, Licht und Lächeln, der Duft nach Kaffee und Zimtgebäck, leise Einkaufszentrumsmusik, irgendein Song aus dem vergangenen Jahrhundert. All das kam mir nicht wie eine Erinnerung vor, sondern wie ein Traum, der ins Vergessen entwich, kaum dass ich aufgewacht war.
Jetzt waberte und wallte der Feuerschein, weil der Großbrand die Dunkelheit in Fetzen riss. Durch ein eingestürztes Dach oder eine geborstene Wand kroch graues Licht aus der Außenwelt in die Ruinen.
Erst in diesem Moment sah ich die Menschen in den Trümmern des Einkaufszentrums.
Einige von ihnen rührten sich nicht. Andere versuchten aufzustehen.
Die neue Welt war lautlos.
Nein, begriff ich in diesem Augenblick, die Welt war nicht lautlos. Nicht ganz. Mein Gehör hatte in dem Augenblick ausgesetzt, in dem die alte Welt verschwunden war.
In meiner Nähe saß ein junger Wachmann auf dem Boden. Seine Uniform war von dem grauen Staub bedeckt, der auf allem lag. Er drehte den Kopf zu mir und versuchte zu sprechen.
Falsch – er sprach, aber ich konnte ihn nicht hören.
Ich zog die Glasscherbe aus meinem Knie und brüllte vor Schmerzen auf. Dann kroch ich zu ihm.
Sein Mund bewegte sich wieder, aber seine Worte blieben unverständlich.
Ich starrte ihn an. Vom Staub tränten mir die Augen. Ich schüttelte den Kopf.
Er wiederholte, was er gesagt hatte, und diesmal drang seine Stimme durch das Klingeln in meinen Ohren.
»Eine Bombe«, sagte er.
»Nein. Zu groß für eine Bombe.«
»Mein Arm«, sagte er.
Er hielt seinen Oberarm, starrte ihn an, ohne zu begreifen.
Alles unterhalb des Ellbogens fehlte.
Ich drückte ihn vorsichtig zu Boden, damit er sich hinlegte, bettete seinen Kopf auf die Plastiktüte mit Scouts neuem Rucksack, streifte meine Lederjacke ab, zog mir das T-Shirt aus und zerriss es in drei Streifen.
Der Wachmann hielt den verstümmelten Arm hoch. Er nutzte die Schwerkraft, um den Blutfluss zu verringern. Ich nickte ihm aufmunternd zu.
»Gut so«, sagte ich.
Menschen gingen langsam an uns vorbei. Niemand rannte. Jeder war zu benommen, um zu rennen. Sie torkelten aus den wabernden Staubwolken. Einige hielten noch ihre Einkaufstaschen in der Hand, als könnte das, was hier geschehen war, überhaupt nicht sein. Die Menschen waren zu betäubt, um die Taschen abzustellen, und zu geschockt, um sie loszulassen. Ich legte dem Wachmann einen T-Shirt-Streifen auf die Wunde und drückte ihn vorsichtig fest.
Beinahe umgehend war der Stoff blutdurchtränkt.
Ich ließ den blutigen T-Shirt-Streifen auf der Wunde und platzierte darauf ein zweites Stoffstück. Es sog sich schon langsamer mit Blut voll.
So behutsam, wie es ging, nahm ich dem Wachmann die Krawatte ab, legte sie etwa zehn Zentimeter über der Wunde an und band ab, was von seinem rechten Arm übrig war. Dann legte ich das letzte T-Shirt-Stück auf die Wunde.
Diesmal sickerte kein Blut mehr durch.
Mein Gehör kehrte zurück, und ich hörte die Schreie und die Sirenen. Ich sah die Leiber, die in den Ruinen verstreut dalagen. Ich spürte die Hitze des großen Feuers. Entsetzen überfiel mich und raubte mir den Atem.
Ich dachte an meine Tochter und wollte nicht sterben.
Immer mehr Brocken regneten vom Himmel. Einige davon waren klein wie Kiesel, aber andere so groß, dass sie einem das Genick brechen konnten. Der Wachmann und ich zogen den Kopf ein und versuchten unsere Augen zu schützen.
Der Himmel fiel auf die Lebenden und die Toten herab – die großen Betonklumpen brachten noch mehr Staubwolken mit, als wäre der Himmel selbst daraus gemacht und nun für immer zertrümmert worden.
Etwas traf mich an der Schulter. Ich spürte nichts, aber die Schmerzen in meinem rechten Knie waren so heftig, dass ich die Zähne zusammenbiss, bis mir die Kiefer wehtaten.
Ich nahm die linke Hand des Wachmanns und führte sie zu den T-Shirt-Fetzen auf seiner Wunde. Er streckte den Armstumpf noch immer in die Höhe. Er machte seine Sache gut.
»Sie schaffen das«, sagte ich zu ihm. »Ich hole Hilfe.«
Ich stand auf und wollte langsam in die Richtung gehen, aus der die Sirenen kamen. Nur tat mein rechtes Knie nicht mehr, was es tun sollte.
Es gab unter mir nach, und unversehens lag ich wieder auf dem Boden.
Ich erhob mich vorsichtig wieder und ging weiter. Ich verlagerte mein Gewicht auf das linke Bein und versuchte, die rechte Seite so wenig wie möglich zu belasten.
Ich spürte die Hitze der Feuersbrunst und roch ihren Gestank.
Kerosin?
Aber ein ganzer Ozean von dem Zeug, der lichterloh brannte – das ergab keinen Sinn. Wo sollte so viel Kerosin herkommen?
Ein Mann in einem Businessanzug ging vorbei. Er trug eine Tüte aus dem Apple-Store, und jeder Zoll von ihm war von dem grauen Staub bedeckt, der die heiße, übelriechende Luft sättigte. Ich spuckte aus und atmete tief durch. Die sengende Luft brannte mir in der Lunge.
Das Feuer kam näher.
Beweg dich oder stirb.
Von dem, was vom Dach des Untergeschosses noch übrig war, hing eine lebensgroße Marionette. Mit dem Stuhl der Marionette waren lange, dicke Streifen aus Gurtband verbunden. Sie hielten ihn an der Decke, als warteten sie auf die Hand eines Riesen, die ihn in Bewegung setzen sollte. Die Marionette war mir so nahe, dass ich den Ausdruck in ihrem unversehrten Gesicht erkennen konnte.
Mir wurde klar, dass sie ein Mann gewesen war. Der Mann war ein Pilot gewesen. Und irgendein unglaublicher Zufall hatte verhindert, dass er in tausend Stücke zerfetzt wurde, nachdem er vom Himmel fiel.
Ich hatte gehört, dass so etwas geschehen könne, und es nie geglaubt.
Jetzt glaubte ich es.
Und endlich verstand ich.
Der eklige, durchdringende Geruch war Jet A-1.
Flugbenzin.
Beweg dich oder stirb!
»Verzeihen Sie«, sprach mich eine ältere Dame an. Ihre Höflichkeit in dieser neuen Welt zerriss mir das Herz. »Bitte bleiben Sie bei uns.«
Sie saß auf dem Boden und stützte den Kopf eines Mannes in ihrem Alter auf dem Schoß, der aussah, als wäre er dem Tod nahe. Ich kniete mich neben sie und keuchte auf von dem Schmerz, der mich von meinem Knie ausgehend durchschoss. In dem Moment, in dem ich ihre Hand nahm, erblickte ich, was diese neue Welt hatte entstehen lassen.
»Eine Bombe«, sagte die Dame.
»Zu groß für eine Bombe«, erwiderte ich. »Ein Hubschrauberabsturz.«
Durch den Rauch und den Staub und die halbdunklen Ruinen erkannte ich einen zerschmetterten und zerfetzten Rettungshelikopter. Sein Cockpit war ein Gewirr aus zerknittertem rotlackiertem Aluminium, Stahl und Glasscherben. Die vier Rotorblätter waren verbogen und verdreht, aber trotzdem aus irgendeinem Grund nicht abgebrochen.
Er sah aus wie ein riesiges Insekt, das ein übellauniger Gott erschlagen hatte.
Hinter dem Hubschrauberwrack zog sich ein Pfad der Verwüstung, der sich in alle Unendlichkeit zu erstrecken schien. Eine zerschmetterte, brennende, verbogene, verworrene Masse aus Stahl, Glas und Beton, Fleisch, Blut und Knochen, menschlichen Leibern und Baustoffen. Alles zermalmt.
Aber jetzt sah man neue Lichter, blitzende rote und blaue Lichter. Die ersten Rettungskräfte.
»Ich hole Hilfe«, versprach ich.
Ich ließ das ältere Paar zurück und ging weiter in Richtung der roten und blauen Blitze. Mein Knie gab wieder nach. Ich stürzte und knallte mit dem Gesicht in die Trümmer des Einkaufszentrums.
Ich rappelte mich auf und suchte mir sehr vorsichtig meinen Weg, damit ich nicht auf die Menschen trat, die überall lagen. Ich bewegte mich langsam, um mein verletztes Knie zu schonen, fast als müsste ich alles, von dem ich geglaubt hatte, ich wüsste es, von Neuem lernen.
Als die Tränen mir den Staub aus den Augen geschwemmt hatten, erblickte ich die neue Welt klar und deutlich.
Ich sah die Männer und Frauen, die mit den roten und blauen Lichtern der Rettungskräfte gekommen waren.
Ich sah die Spur der Verwüstung, die der abgestürzte Helikopter zurückgelassen hatte.
Die Wut schnürte mir die Kehle zu, als ich die Verletzten sah – dieser sanfte kleine Euphemismus, mit dem man Menschen bezeichnet, die von entsetzlichen Wunden entstellt sind, Wunden, die niemals heilen würden, nicht in diesem Leben.
Ich wischte mir die Augen mit den Handrücken ab, holte Luft und taumelte vor zu dem Rot und Blau unserer Lichter.
Eine Stunde vor Sonnenaufgang stand ich neben dem niedrigen Podium und schwitzte in meiner stichfesten Kevlarjacke, obwohl es noch kalt war. Sieben Tage lag es zurück, dass der Rettungshubschrauber im Einkaufszentrum Lake Meadows aufgeschlagen war, und in meinem rechten Knie pochten nach wie vor heftige Schmerzen.
Dutzende Unschuldiger waren ums Leben gekommen; aktuell wussten wir von vierundvierzig Todesopfern. Die Rettungsdienste durchwühlten weiterhin die Absturzstelle, und mit jedem Tag stieg die Zahl an. Noch konnte niemand genau sagen, wie viele Menschen dort gestorben waren, und ich vermutete, dass wir es nie mit absoluter Sicherheit erfahren würden.
Das Podium, neben dem ich stand, befand sich im Besprechungsraum der Leman Street Police Station in Whitechapel, und ich spürte, dass ich mich an einem geschichtsträchtigen Ort befand. Von diesem Revier aus hatten Mordermittler Jack the Ripper gejagt. Heute ist es die Basis vom SC&O19, des Specialist Firearms Command der Metropolitan Police – der einzigen Abteilung in der Londoner Polizei, die permanent Schusswaffen mit sich führt.
Der Besprechungsraum war voll.
Reihen von Specialist Firearms Officers in grauen Schutzwesten über kurzärmeligen blauen Uniformhemden hörten konzentriert dem jungen weiblichen Sergeant auf dem Podium zu. Auf dem Podium gab es ein Rednerpult, aber sie stand daneben, groß, sportlich und liebenswert, und ich fand sie zu jung, um Sergeant in irgendeinem Teil der Met zu sein, ganz zu schweigen beim SC&O19.
Specialist Firearms Officer Detective Sergeant Alice Stone klang viel entspannter, als sie es sein durfte.
Hinter ihr zeigte ein großer Bildschirm das Foto eines dreistöckigen Gebäudes.
Das kleine, ordentliche viktorianische Reihenhaus stand in der Borodino Street, London E1. Seine Erkerfenster waren mit Tüllgardinen verhängt. Nur eine Postleitzahl entfernt. Wir glaubten, dass in dem Haus die Männer wohnten, die den Rettungshubschrauber zum Absturz gebracht hatten.
Die junge Sergeantin berührte das iPad, das sie in der Hand hielt, und Grundrisse erschienen auf dem großen Schirm. Sie begann, über die MOE – die Methode des Eindringens – am heutigen Morgen zu sprechen, und ich merkte, wie mir der Schweiß den Rücken hinunterlief.
Vom Gewicht der Kevlarjacke kam das nicht.
Irgendjemand muss immer als Erster hinein, dachte ich. Nach stundenlanger Observierung, Auswertung der Erkenntnisse und Einweisung muss immer jemand als Erster eine verschlossene Tür aufbrechen und ins Unbekannte vorstoßen.
»Das Zugriffsteam der Operation Tolstoy knackt die Vordertür des Zielgebäudes mit Hatton-Geschossen«, sagte DS Stone. Ihre Stimme klang ruhig und klassenlos, aber ich bemerkte in ihrer Redeweise die Andeutung einer wohlhabenden Ecke der Home Counties. »Unmittelbar vor dem Zugriff werden zur Ablenkung Blendgranaten eingesetzt.« Sie schwieg kurz. »Wir haben allen Grund zu der Annahme, dass es sich bei den Männern im Haus um bewaffnete Fanatiker handelt, die begeistert den Märtyrertod auf sich nehmen. Sobald wir im Gebäude sind, befinden wir uns daher im CQC.«
CQC bedeutet Close Quarters Combat, Nahkampf, bei dem man sich gegenseitig sichert, während man durch Räume und Korridore vorstößt, bis alle Personen im Haus überwältigt und unter Kontrolle sind. Viele SFOs sind entweder militärisch ausgebildet oder mit Waffen aufgewachsen. In ihren Familien ist es üblich, auf schlammigen Feldern zu jagen.
Ich fragte mich, was bei der jungen DS Stone der Fall war.
Sie lächelte. Sie hatte ein schönes Lächeln, breit, weiß und aufrichtig. Das Problem mit den meisten fröhlichen Mienen ist, dass sie nicht echt sind. DS Stones Lächeln schon.
»Und hinterher gehen wir alle frühstücken«, sagte sie. »Ich gebe einen aus.«
Der Raum voller SFOs in grauen Panzerwesten grinste mit ihr.
Noch lächelnd wandte sie sich zur Seite.
»DC Wolfe? Sie können loslegen.«
Ich stieg die wenigen Stufen zum Podium hoch, schüttelte ihr die Hand und stellte mich ans Rednerpult, wo mein Laptop schon auf mich wartete.
»DC Wolfe vom West End Central wird den Hintergrund des heutigen Ziels erläutern«, sagte DS Stone zu ihren Kollegen.
Sie trat einen Schritt zurück und übergab mir das Wort.
»Wie Sie wissen«, sagte ich, »haben wir ursprünglich angenommen, dass der Rettungshubschrauber mit einer Art Boden-Luft-Rakete abgeschossen worden ist. Die Auswertung in der Nacht nach dem Vorfall hat jedoch ergeben, dass ihn ein UAV zum Absturz gebracht hat, ein Unmanned Aerial Vehicle – ein unbemanntes Fluggerät.« Ich schwieg kurz. »Eine Drohne.« Nur einen Moment lang schmeckte ich wieder den Staub im Mund. »Drohnen dürfen in Höhen von bis zu vierhundert Fuß geflogen werden«, sagte ich. »Die Drohne, die den Hubschrauber zu Fall brachte, flog knapp unter fünftausend Fuß, als sie mit dem Helikopter zusammenprallte. Eine Meile hoch. Über den Wolken und direkt über dem Einkaufszentrum Lake Meadows.« Ich schwieg kurz und rief mir ins Gedächtnis, weshalb wir heute hier waren. »Bisher vierundvierzig Tote, darunter eine Hubschrauberbesatzung, die ihr Leben der Rettung fremder Menschen verschrieben hatte. Und wissen Sie, was das Schlimmste ist? Für die Täter muss Lake Meadows ein Glückstreffer sein. Der Hubschrauber hätte auch in einen Acker stürzen können. Aber er schlug in ein Einkaufszentrum im Westen von London ein.« Ich holte tief Luft und stieß sie wieder aus. »UAVs brauchen nicht angemeldet zu werden, und ihre Eigentümer stehen in keiner Datenbank. Die Ermittlungen des Counter Terrorism Command haben jedoch ergeben, dass die Drohne einem dieser Männer gehört hat.«
Ich berührte meinen Laptop, und auf dem Schirm hinter mir erschienen zwei Gesichter, die Passfotos zweier junger Männer, die sich in Alter und Aussehen so sehr ähnelten, dass sie Zwillinge hätten sein können.
»Asad und Adnan Khan«, sagte ich. »Sechsundzwanzig und achtundzwanzig Jahre alt. Syrienrückkehrer. Militärisch ausgebildet und gefechtserfahren. Vor achtzehn Monaten sind sie nach Großbritannien zurückgekehrt. Im ersten Jahr standen sie unter Beobachtung, aber weil sie sich nichts zuschulden kommen ließen, wurden die Observierungen eingestellt und die Beamten anderweitig eingesetzt. Wir glauben jetzt zu wissen, weshalb sie sich bedeckt hielten.«
Ich drückte eine Taste, und ein Dutzend Rechnungen für Drohnen erschienen auf dem Schirm. Keine zwei stammten aus dem gleichen Onlineshop, aber auf allen stand entweder Asad oder Adnan Khans Name.
»Am Flughafen Heathrow hat es im vergangenen Jahr eine Reihe von Beinahezusammenstößen gegeben«, fuhr ich fort. »Drohnen verfehlten knapp Flugzeuge und Hubschrauber beim Start oder bei der Landung. Angenommen wurde immer, dass irgendwelche Schwachköpfe die Kontrolle über ihr neues Spielzeug verloren hätten. Bis jetzt.«
Das Licht des Bildschirms beleuchtete die Gesichter der SFOs. Während sie die Fotos der Khan-Brüder musterten, erkannte ich zu meinem Erstaunen einen der Beamten. Ich war mit ihm zusammen aufgewachsen.
Jackson Rose.
Ich hatte ihn immer fast als Bruder betrachtet, aber heute trennte uns, wie es vielen Kindheitsfreunden ergeht, eine unauslotbare Distanz. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass er in die Metropolitan Police eingetreten war. Als ich ihm vor einiger Zeit wiederbegegnet war, hatte er – wie so viele andere Exsoldaten – auf der Straße gelebt. Eine Weile war er bei mir untergekommen, aber es hatte nicht funktioniert. Er gönnte mir keinen Blick, sondern starrte unverwandt die Gesichter der Khan-Brüder hinter mir an.
Ich drückte wieder die Taste.
Ein Männergesicht erschien, ein Foto mit leerem Blick, das von einem Führerschein stammte.
»Ahmed Khan – bekannt als Arnold – ist der Vater von Asad und Adnan Khan. Mr Khan hat seit Jahren das Haus in der Borodino Street gemietet. Er hat dort seine Kinder großgezogen. Er ist neunundfünfzig und sieht älter aus. Unsere Observierungen und Ermittlungen deuten darauf hin, dass Mr Khan keine Person von Interesse für uns ist.« Ich drehte mich um und sah sein Bild an. »Über dreißig Jahre lang hat er als Busfahrer gearbeitet. Ebenfalls im Gebäude sind seine Frau, Azza Khan, sechzig, und Layla, die sechzehnjährige Tochter eines dritten Sohnes namens Aakil. Er war der Älteste und hat bei den Kämpfen um Aleppo sein Leben verloren.« Zwei weitere Gesichter: eine stämmige, ernste Frau mit einem Hidschab und ein lächelndes Mädchen im Teenageralter auf einem Schulporträt. »Wie Mr Khan sind Mrs Khan und Layla Khan keine Personen von Interesse. Sie haben, was die Sicherheitsdienste als unschuldige Kontakte mit unseren Zielpersonen bezeichnen. Laylas Mutter – Aakils Frau – ist vor zehn Jahren an Krebs gestorben. Soweit wir wissen, wurde Layla von ihren Großeltern aufgezogen.«
Im Raum kam Unruhe auf. Unser Job wird stets komplizierter, wenn unter einem Dach mit den Schuldigen auch Unschuldige wohnen.
DS Stone trat neben mich. »Fragen?«
Mehrere SFOs hoben die Hand. Stone nickte einem von ihnen zu.
»Wenn da drin mehr Unbeteiligte sind als Tatverdächtige, wieso gehen wir dann mit solch einem Aufgebot rein, Boss?«
»Entscheidung der DSO«, antwortete Stone. »Und meiner Ansicht konnte sie gar keine andere Entscheidung treffen.«
DSO bedeutet Designated Senior Officer und bezeichnet den Polizeibeamten oder die Polizeibeamtin, der oder die letztlich die Verantwortung für die operativen Entscheidungen trägt. An diesem Morgen war das Detective Chief Superintendent Elizabeth Swire, die von New Scotland Yard aus den Zugriff überwachte.
»Asad und Adnan Khan werden kaum Spielraum für Verhandlungen lassen«, verkündete Stone.
Sie blickte mich an.
»Und jetzt die schlechte Nachricht.« Sie lächelte nicht mehr.
Ich drückte die Taste, und auf dem Schirm erschienen zwei Handgranaten.
Sie sahen aus wie der Tod – schwarze Eier mit geriffelter Oberfläche, einem goldfarbenen Schalthebel und einem Zugring am Sicherungsstift, der an einen Schlüsselring erinnerte. Auf der Seite konnte man deutlich den Namen des Herstellers lesen: Cetinka.
»Dieses Fabrikat einer kroatischen Handgranate sollte vor zwanzig Jahren, als der Balkankonflikt zu Ende war, ausgemustert werden«, sagte ich. »Diese beiden Exemplare wurden jedoch vor zwei Tagen in der Asservatenkammer des West End Central fotografiert.«
Einen Moment lang ließ ich meine Worte wirken.
»Wie es mit ausgemustertem Kriegsmaterial so oft der Fall ist, wurde eine unbekannte Anzahl dieser Handgranaten niemals zerstört, sondern gestohlen, zwischengelagert und verkauft. Einige von ihnen haben den Weg über den Balkan auf unsere Straßen gefunden. Vor drei Tagen erfuhren Detectives des Homicide and Serious Crime Command im West End Central von einem Informanten, dass ein bekannter Waffenschieber zwei Exemplare an zwei Brüder aus Ostlondon verkauft hat. Aufgrund der Personenbeschreibungen und der Aufnahmen der Überwachungskameras müssen wir davon ausgehen, dass Asad und Adnan Khan diese Käufer gewesen sind.«
Im Raum war es mucksmäuschenstill geworden.
»Deshalb gehen wir mit der gebotenen Härte vor«, sagte DS Stone. »Wir graben sie aus. Wir ergreifen und überwältigen sie, ehe sie kapieren, wie ihnen geschieht. Und dann nehmen wir die wichtigste Mahlzeit des Tages zu uns. Das Einzige, worüber Sie sich dann noch Gedanken machen müssen, ist Ihr Cholesterinspiegel.«
Sie grinsten sie wieder an.
Bei Jackson Rose sah ich die Lücke zwischen den Vorderzähnen, die mir so vertraut war. Jetzt blickte er mich an und nickte.
»Wenn es keine weiteren Fragen gibt, dann machen wir uns ans Werk«, sagte DS Stone. »Ich führe das Zugriffsteam. Wir passieren nur einmal.« Damit meinte sie, dass das Einsatzfahrzeug nur einmal an der Zieladresse vorbeifahren würde, ehe der Zugriff erfolgte. »DC Wolfe begleitet uns zur Zielidentifizierung. Also passt gut auf einander auf da draußen.«
Sie applaudierten ihr alle. Sie fanden sie großartig.
Als ich vom Podium stieg, kam Jackson auf mich zu. »Was ist mit deinem Bein? Du gehst so komisch.«
»Hab mich gestoßen«, sagte ich. »Du trittst in die Met ein und vergisst es mir zu sagen?«
Mir war bewusst, dass wir klangen wie ein altes Ehepaar.
»Das wollte ich noch«, sagte er. »Wir unterhalten uns beim Frühstück.«
Er drückte mich kurz, Kevlar presste sich an Kevlar, dann folgte er seinen Kollegen in die Waffenkammer. Dort nahmen sie ihre Schusswaffen in Empfang und schrieben ihre Namen auf Quittungen, während ihre Ausrüstung ihnen aus dem massigen Maschendrahtkäfig angereicht wurde.
Sie erhielten Glock-17-Pistolen, Sturmgewehre Modell SIG Sauer MCX – die Schwarze Mamba, kurz und superleicht, ideal für den Nahkampf in beengter Umgebung – und M26-Taser.
Einer von ihnen unterzeichnete für eine Flinte – die Benelli M3 Super 90, die uns als Haustürschlüssel dienen würde. Der SFO, der die an sich nahm, versuchte mit einem flaumigen Bart die Aknespuren in seinem jugendlichen Gesicht zu verdecken. Er starrte mich an, ohne zu lächeln.
»Auf geht’s, Jesse«, sagte Jackson zu ihm.
DS Stone unterschrieb für ihre Waffen, und wir gingen hinunter in die Tiefgarage, wo eine Kolonne aus Armed Response Vehicles und zivilen Transportern mit laufenden Motoren wartete.
»Das ist unserer.« Sie zeigte auf den weißen Lieferwagen eines Blumengeschäfts. Jackson und der junge Mann mit dem Bartversuch und der Flinte gehörten zu denen, die in den Laderaum stiegen. Auf der Seitenwand stand ein ausgebleichter Schriftzug.
»Betörende« Blüten aus Barking
DS Stone lachte. Sie war wirklich unnatürlich gelassen.
In einer Hand hielt sie zwei PASGT-Helme. Einen der Schutzhelme aus Kevlar, die als Personnel Armor System for Ground Troops zuerst bei der US Army eingeführt worden waren, reichte sie mir. Ich nahm ihn und setzte ihn auf.
»Ich liebe ja die Anführungszeichen um ›betörende‹«, sagte sie. »Warum machen die so was?«
Sie bemerkte, dass ich nicht lachte.
»Was ist denn, Detective?«, fragte sie.
Ich schloss den Riemen des Kampfhelms und schüttelte den Kopf. »Wir benutzen einen Blumenhändlerwagen für das Zugriffsteam? Wenn ich es richtig verstanden habe, ist die Borodino Street eine sehr fromme und arme Gegend. Ich frage mich, wie viele teure Blumensträuße da jeden Tag so ausgeliefert werden.« Ich zeigte auf den Transporter. »Von Betörende Blüten aus Barking oder sonst wem.«
Die Tiefgarage lag unter dem Polizeirevier Leman Street, aber man sah, wie das erste Licht eines schönen Sommertages zum Eingang hereinfiel.
DS Stone lachte nicht mehr. Ich sah zu, wie sie den Helm aufsetzte. Sie ließ die Schultern kreisen, damit ihre Panzerweste bequemer saß, und hielt ihr Sturmgewehr im 45-Grad-Winkel vor der Brust, die Mündung zum Boden gerichtet. Die Tiefgarage füllte sich mit den Abgasen der vielen Fahrzeuge. Sie lächelte mir zu, und das Lächeln ließ mich denken, dass ich beim Frühstück gern neben ihr sitzen würde.
»Wir sind da rein und wieder raus, ehe sich jemand fragen kann, wo die Rosen sind«, sagte sie. »Okay, Max?«
Aber so kam es dann nicht.